Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Barlach >

Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel

Ein paar Körnchen, anzusehen wie das bißchen Sand, das sich noch unter den Nägeln hervorkrümelt, wenn man am Seestrande gelegen und eine Faust voll zwischen den Fingerritzen hat durchrinnen lassen, ganz wenig davon, aber von der Beschaffenheit des echten Giftes, könnte einen Elefanten fällen. Das Städtchen, in dem Wau lebte, war kein Elefant von städtischer Gemeinschaft, aber doch, da es stolz einen Stier im Wappen zeigte, von Natur widerstandsfähig und im Schatten seiner alten Kirchen gelagert als Ganzes ein stattlicher Bau. Die von irgendwoher in seinen Organismus 68 gedrungenen Worte, ein Krümelhäufchen, aber von der Beschaffenheit echten Giftes, fällten zwar weder die Kirchen, noch warfen sie die Häuser ihrer Straßen in Trümmer, aber sie beschafften dennoch, was so ein paar Worte von der bewußten Art beschaffen können. Was Frieda nicht zu Ohren kam, drang dennoch zu ihren Mutter, was Mutter Wunderlich nicht hörte, das schlug an Wahls Ohren und tat mehr als schlagen, denn aus einer Ohrfeige erwächst niemandem ein Leib und Seele zerschneidender Verdruß, und was der Senior, der ja nicht gekommen war, um schmerzlich zu fühlen, wo er nicht hören wollte, überhörte, das konnte ihm weder Tage noch Nächte verderben wie seinem Sohn. Übrigens waren jene Wörtchen dem Organismus des Städtchens vorsichtig genug eingeflößt, um einstweilen Spottraunen und Übelrede fast unmerklich schleichend zu erregen, zu füttern und erst dann zu mästen, als der Hauch der ersten Hinweise längst in alle Winde verweht und sein Urheber vergessen war.

Wau als Großbesitzer an Kredit und Achtung im Städtchen, dem man viel nachgesehen, wenn er viel gesündigt hätte, blieb diesmal nicht ungeschoren. Seine Lebensführung wurde als mönchisch zwar mancherorts angezweifelt und als Tugendschein erklärt, aber was konnte ihm darum schon vorgeworfen werden, selbst wenn der Schein sich als nichts Ernsthafteres erwiesen hätte. Dem strengen Anspruch wäre mit gerechtem Schein vollauf Genüge getan, aber freilich – Wau als Inhaber der Hörselherberge, wie das Gartenhäuschen nun schon bewitzelt wurde, machte die Köpfe bedenklich, und das Geraune gewann erst den eindringenden Brummton beim Takt der gewiegten und geschüttelten Köpfe. Wau bekam die Allgewalt der geheimen Offenbarwerdung zu spüren, der, unverantwortlich wie sie ist, keine Fragen gestellt werden können, die beantwortet werden müssen. Das Gespenst der rumorenden Selbstgerechtigkeit spukte auf allen seinen Wegen, und wenn er es betroffen und angerufen zu haben meinte, sah er, daß der Schall seiner Stimme einem 69 Hahnenschrei gleich den Spuk verscheucht hatte. In diesen Tagen ließ er sich wieder einmal von Zufalls Belieben in das Absteigequartier führen und fand dort den Assessor Bostelmann in Gesellschaft des Herrn Schult, eines seit einiger Zeit an der höheren Lehranstalt beamteten Zeichenlehrers, eines Mannes von weniger als bescheidener Größe. Wau kannte ihn von Ansehen und sah auf ihn mit Achtung, wie man auf eine rare Erscheinung von einer bescheiden angedeuteten, aber unmißverstehbaren Unnahbarkeit sieht. Eine hohe und freie Stirn, ein starker Kinnbau, scharfe Nase und kleine Augen, die unter lastenden Lidern nicht eben gemütvoll-zutraulich, sondern eher kühl-abschätzend von der Welt nicht mehr oder weniger wahrzunehmen wünschten, als sie wert war, welchen Augen ein wenig verkniffene Züge um den kleinen Mund recht gut verstanden zu bestätigen, daß es viel Abgeschmacktes in allen Richtungen der Windrose zu verkosten gab. Wau mußte sich aber gefallen lassen, seine Ausdeutung der Schultschen Gesichtsform als voreilig erkennen zu müssen, oder besser zu dürfen. Das seltene Wesen am Tisch vor ihm schien einer Zurückhaltung gegenüber, wie sie mit den Jahren Wau zur Gewohnheit geworden war, wie auf den Zeichenwink eines verstohlenen, aber unbedenklich scharfen Prüfers schnell zu argloser Offenheit bereit geworden. Herr Schult sog an der nicht lieblich schmurgelnden Pfeife, die wohl selten gereinigt wurde, wandte bald dem Assessor einen beträchtlichen Teil seines Rückens zu und verbreitete sich trockenen Tons, als sei von Beiläufigstem die Rede, auszüglich über gewisse erstaunliche Begebenheiten aus dem Leben einer Persönlichkeit des vorvorigen Jahrhunderts, ohne etwa vorfühlend festzustellen, ob Wau für solche Bereicherung an gewiß wertvollen Kenntnissen gerade zur Minute ein offenes Ohr hätte. Wau war bereit, sich ablenken zu lassen, und gab sich der Anteilnahme an den etwas lehrhaft vorgetragenen längern, ja zu lang ausgesponnenen Berichten hin. Unterdes legte sich der Assessor im Sofa unter dem Fries mit dem Tun und Treiben aus der 70 Postkutschenzeit zurück und schien wie ein Naturgeschehen hinnehmen zu wollen, was Schult über sie beide verhängte. Er raffte sich eins von wenigen Druckheften in dünnen, braunen Umschlägen, mit Kordel gebunden, die zur Hand lagen, heran, schlug die wenigen Blätter des einen hin und her, hörte zu oder überhörte, was gesprochen wurde, las aber und las nochmals und wiederum, denn jede der vier oder fünf Seiten war sparsam bedruckt, und aus dem Heft erwuchs kein anderer Gewinn als der von einer Handvoll von Versen. Endlich aber entließ er aus dem Hinterhalt seiner Ungeduld ein Ächzen, wartete auch nicht ab, ob diese offenbare Ungehörigkeit als solche empfunden würde oder nicht, sondern stand auf, legte das mehrfach gelesene Heft aufgeschlagen in Waus eine Hand, so daß ihm der Titel ins Auge fiel: H. S.: So!, indem er die andere zur Verabschiedung schüttelte, und sagte, mit dem Finger das Heft gleichsam festnagelnd: Lesen Sie lieber die paar hergebrockten Töne – sie sind mehr wert als sein ganzer – –, nun, er nannte den Namen, dessen Berühmtheit aus Schults Munde soeben frisch vergoldet war –, grüßte den Kleinen, der aufsah, als rassele eine Weckuhr ab, und ging. Was sagte er, fragte Wau, mehr wert als . . .? Und Schult, dessen Mienen keinerlei Regung verrieten und dessen Pfeife, halbverstopft wie sie war, immer bänglichere Erstickungsgeräusche von sich gab, sagte zufrieden und anscheinend in der Absicht, die Bostelmannsche Verstiegenheit zu entschuldigen: Ich habe drüben, wobei er mit der Pfeife gegen eine der vier Wände deutete, in der Druckerei bei Micheel das Heft selbst gesetzt und gedruckt – – wenn Sie ein Exemplar mitnehmen wollen . . . ? Hatte auch das Bostelmannsche Zwischenspiel bald vergessen und fühlte sich offenbar in behaglichem Gleichgewicht und von Mahnungen der verstreichenden Zeit wie Zweifeln an der Beständigkeit der Wauschen Geduld nicht gequält. Als es aber endlich mit der Pfeife nicht weiterging und das Reinigungsgeschäft begann, gefiel sich der Gang der 71 vorvorhundertjährigen Geschehnisse wie in Umleitung auf eine andere Bahn der Äußerung in kuriosen Hautkräuselungen auf der Stirn des durch die Umstände mit der Pfeife Unterbrochenen. Dabei schob er denn von Zeit zu Zeit mit den aufgeschlagenen Lidern das ganze Gebiet zwischen Nase und Brauen noch höher hinauf und sah offenbar in nicht allzu großer Ferne den Reigen längst vergangener Zeiten tanzen. Ja, Herr Kollege, sagte er, so verloren durch Jahrhunderte äugend –, verbesserte sich aber sogleich und nannte Wau bei Namen –: worauf es denn wohl im ganzen ankommt, das sieht man ja niemals genau, aber immerhin fällt irgendwoher einmal ein Licht in die Finsternis, und da macht sich was merkbar und augenscheinlich, dabei bleibt's dann aber auch und ist genug des Guten, wenn man's nicht vergißt. Knüppeldick kriegt man's nie auf Butterbrot, das muß sich denn, wer Lust am Dicken hat, als Ersatz selbst besorgen, und das fällt meistens ganz danach aus. Zum Beispiel gerät es einem Menschen, wie wir gesehen haben, oft zum lächerlichen Anschein, wenn er am Kreuzweg beim Wegweiser steht und gafft und wohl eine Sekunde zu lange gafft, so daß er schließlich keinen der Wege wählt, die alle Leute mit ihren Beinen betrampeln, sondern richtet sich nach dem Wind oder Vogelflug oder trifft sonst eine Wahl. Wenn diese dann danach war, sieht man's nach ein- oder zweimalhundert Jahren ein, daß er es nicht anders konnte, und beschreit es als Segen für die Menschheit, daß es offenbar nicht anders gesollt war – –. Und so, als Wau nun auch Wind auf der Zunge fühlte, vertrugen sie sich ein halbes Stündchen leidlich im Wechselgespräch, ohne daß der eine genau wußte, was der andere meinte, bis Wau Bostelmanns Namen anschlug und eine Frage nach der Gegenseitigkeit ihrer Beziehungen stellte. Es geschah nun, daß die Frage nach Bostelmann ein vielschichtiges Gespräch zu üppigem Gedeihen brachte. Bostelmann, sagte unter anderem Schult, wobei sich seine Stirn bis zur Unentwirrbarkeit mit Schlingfältchen überkräuselte, Bostelmann ist wie sein gestohlener Mond selbst, 72 denn Wau hatte auch ein Wort über dieses satanische Blendwerk einfließen lassen. Diebstahl des Mondes ist ja wohl allzuviel Kolportage, denken wir getrost, er meinte verschwinden oder sonstwie unnachweisbar werden und aus der Sicht geraten. Unterschlagen wäre auch angängig, nämlich der optischen Erscheinung fürs Menschenauge, also seine Diesseitigkeit, sein sichtliches Anwesendsein fortzutäuschen – unser Bostelmann treibt's, wie es in seiner Phantasie nur der Mond selbst getrieben haben kann, er unterschlägt sich selbst, er arbeitet am eigenen – –. Schult zögerte mit dem Wort – einerlei: am eigenen Sturz ins Dunkel, am Auslöschen, am Untergehen. Er geht schon lange herum, als suchte er einen Abgrund, der tief genug ist und also würdig, Bostelmanns Absturz zu empfangen. Er benötigt hemmungslos das eigene Verderben, er glaubt ans Nichtsein wie an die schnellstens zu bewerkstelligende Notwendigkeit, aber freilich, das ist so mein Eindruck, und ob er sich selbst freiwillig wie der Mond in seiner Vorstellung ins Vergehen stürzen möchte, ob ihm jemals der Gedanke unterlaufen ist, das wissen Sie nicht, Herr Wau, und ich auch nicht. Ich für mein Teil glaube, er hat die Sucht, und die Sucht sitzt ihm an wie eine Krankheit, quält ihn, und er kuriert wütend an sich herum und weiß nicht mal, daß er sein eigentliches Wünschen unterschlägt . . . Übrigens, Herr Wau, Sie haben auch nicht zu lachen, die Leute beißen sich an Ihnen die wütendsten Zähne aus. Ich wollte Ihnen schon mal schreiben, aber man will ja manchmal was und unterläßt es nicht mit Absicht, nur ich wußte immer nicht, was ich Ihnen als Unbekannter schreiben sollte, und so sprechen wir uns ja heute zufällig und reden doch von etwas anderem.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.