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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel

Die leichte Versengtheit wie nach einem Sturz oder Sprung durch ein Feuer, Erhitzung und Beklemmung nach dieser gewalttätig pressenden Vision verloren sich bei Wau schnell und wichen unversehens dem Zustand einer erstaunlichen Heiterkeit und Leichtigkeit, ja Leichtsinnigkeit seines Gemüts. Nach wenig Tagen schon lag jenes Geschehen wie eine kaum gespürte Anwandlung von Schwindel oder einer Neckerei aus dem nicht kontrollierten Unbewußten hinter ihm, kaum einmal wieder heraufgebracht und vorübergehuscht, um sich sogleich wieder hinter der Wand eines wohltuenden Gleichmuts zu verbergen.

Wahl machte es ihm obendrein leicht zu vergessen. Wenn sich Wau nicht gescheut hätte, von dieser, so dachte er: Privatsache zu sprechen und sie also bei allen Gelegenheiten zu Gespräch und Verkehr aus sich selbst verscheuchte, so hatte doch Wahl von eigenen Angelegenheiten allzuviel vorzutragen, so daß Wau ihm einen Anteil an Wahrnehmungen aus einer Sphäre, die vielleicht keinerlei Zusammenhang mit einer Wirklichkeit hatte, von der Notiz zu nehmen lohnte, nicht zumuten durfte – und falls er doch versucht gewesen wäre, 62 Wahls Interessen zu bemühen, so kannte er zu gut Wahls Gläubigkeit als eine solche an handfeste und genußverheißende Dinge, daß er beim ersten Ansetzen von Wahls gewiß unwillig staunenden Augen gestockt und das Gespräch zum Fluß auf entlegenere Dinge abgelenkt hätte. Wahl hatte ja schon seit Jahr und Tag den Bau seines Glücks zu errichten begonnen. Sogar ein großmächtiger Wetterhahn in pur Gold als weithin prahlendes Symbol vollendeter Großspurigkeit war sozusagen erzbereit, auf der ragenden Dachkuppel einer möglichst schloßartigen Gestaltung der Wahlschen Herrlichkeit angebracht zu werden, eines Schlosses, von dem einstweilen weder Mauern standen noch Fundamente lagen, für das zwar kein Platz in der weiten Welt gut genug, von dem aber wiederum auch noch kein Quadratmeter in der Welt weit und breit Wahl eigentümlich zugehörte. Den goldenen Wetterhahn mit seinen Strahlenblitzen aber ersetzte einstweilen Wahls gewichtiges und blendendes Auftreten, wo er ging und stand, sein fürstengleicher Habitus, der ihm alle Herzen geneigt machte, die mitreißende Hochachtung seiner selbst vor seiner eigenen Bedeutung, kurz der Anschein des vom Glück jeder Art heftig umworbenen Zeitgenossen. Und dem Kultus dieses Scheins widmete Wahl alle seine Kräfte. Kein Verdruß über geschäftliche Fehlschläge, kein drückender Umstand in seinem Leben durfte sich rühmen, Wahls Versuchung zur Kapitulation vor ihnen angebahnt zu haben. Die Krallen von ärgerlichen Nächten, die Bleiche der Sorgentage zwar hinterließen Spuren ihrer Schädlichkeit für seine Festlichkeit und olympische Heiterkeit anzeigende Maske, sie kratzten nicht schlecht, und die scharfe Rille von den Augen über die Wangen sowie eine Art Widerschein vom Feuer einer Hexenküche, wo manche Leckerei, aber auch mancher üble Sud gebraut wurde, taten das Ihre. Wahl aber war solchen Übergriffen von eigentlich verfehlten Nächten mehr als zureichend gewachsen. Wozu gab es den Inhalt von Fläschchen in eleganter Form, wenn nicht, um alt und jung zu wandeln, aus Welken Blühen 63 hervorzuzaubern, und warum gab es die Tinktur der Bräune strotzender Gesundheit! Wahl war unverdrossen frisch und forsch auf dem Plan und schwor auf seine Fläschchen als die Bringer des Segens, Segen aber hatte er seit je in dem Scheinen der bestbeschaffenen Herrlichkeit eines zu Glück und Glanz vorgemerkten Günstlings gesehen.

Wau dachte wohl manchmal, woher nimmt Wahl die Courage, sich als Günstling und nur als Günstling des Lebens zu fühlen und sich dadurch die Unbeirrtheit zu erhalten, mit der er sich dem Leben anbiederte? Er erpreßt es förmlich – er drängt es mit seiner fordernden Erwartung in die Enge – und sollte das Leben sich willig seinen Anweisungen fügen, wie es sich zu verhalten habe? Aber war es denn nun das Leben, das seinen Wahl führte, oder vielleicht nicht gar Wahl, der seinem Leben nach Bedarf das Reglement seines Beliebens vorschrieb? Und wenn nun das Jüngste Gericht dazwischen posaunte – wer von beiden würde mit größerem Recht dem andern sein Versagen vorwerfen?

Ein fein gebauter älterer Herr von sachtem Anstand aus der Schule der rücksichtnehmenden Verjährtheit und in gut erhaltener Kleidung nach dem Schnitt einer prähistorischen Herrenmode, wie Wahl gespottet haben würde, wenn derselbe ältere Herr nicht sein eigener Vater gewesen wäre, störte plötzlich das Getriebe seines scheinglücklichen Schwebens in den lokalen Höhenschichten. Sich unversehens in Begleitung dieser unscheinbaren Respektabilität auf der Straße zeigen zu müssen, diese Verlegenheit stopfte ihm das Wort von der »Erscheinung aus achtbarer Vorzeit« in den Schlund zurück. Der alte Wahl kam, sah und siegte. Der Witwer aus der Provinz, wie Wahl sagte, der von seiner eigenen Provinzlichkeit absah, war vom Glanz der Existenz seines Sohnes angelockt, gleichsam als ob der Wahlsche Zug nach Glück der bewußten Art aus dem Schlaf der bisherigen Bescheidenheit erweckt wäre. Der Lockruf, der die väterlichen Lebensgeister hatte aufhorchen lassen, war vom Sohn ausgegangen, wenn auch 64 schwerlich mit der Absicht der eingetretenen Wirkung. Hatte der junge Wahl aus Lust am Schein übertrieben, so hatte der alte in väterlicher Hellhörigkeit eine Einladung zur Teilnahme an aller Herrlichkeit vernommen, und einmal am Schauplatze ungewohnter Genüsse, halfterte er selbsttätig und fast übereilig den Zaum seiner bisherigen Lebensstrenge ab, ließ Johannistriebe nach Belieben sprießen und legte es auf ein Einvernehmen bester Art in allem Guten und Erfreulichen mit seinem Sohn an. Freilich, das eine erwies sich schnell: Alle Gelegenheiten waren ihm willkommen, auch solche, die sein Sohn keineswegs mehr als gute ansah. Wahl senior in seinen besseren Jahren erkannte das Gute überall; wo blühende Frische sein Wohlgefallen anrief und ihn in die Lehre der wahren Genußfreudigkeit nahm. Wahl junior verachtete Hände ohne Ausweis der Gutbürtigkeit ihrer Besitzer, an ihrer Weiche durch Maniküre und an erblühter Frische neben oder gar unter der Kaste mit sorglicher erstrangiger Leibespflege sah er vorbei und ließ es allenfalls auf ihr Verblühen ohne Würdigung durch einen Seitenblick ankommen. Hochgeborenheit als solche machte Vater Wahl keine Molesten, er spürte Leben in und um sich, das er noch nie gebührend ausschöpfend erfahren, und seine Empfänglichkeit für die späten Gnaden wuchs sich zu tiefstinnerlicher Freudigkeit und gleichsam jauchzender Dankbarkeit aus. Ihm wurde immer wohler in seiner Haut, die ja eine echte Wahlsche war, und die Erziehungsversuche seines Sohnes zu zwar wohltuendem, doch würdigem Gebrauch seiner Freiheit ließ er als Einmischungen in väterliche Rechte ganz außer acht. Eine gewisse Frieda Wunderlich, Karla nicht ebenbürtig, erkor er vorzugsweise zur täglichen und sonstigen Geselligkeit. Frieda war ein Zugehmädchen, das dem alten Fräulein ihrer Dienststelle musterhaft zu Willen war, aber vor und nach der Verrichtung ihrer Obliegenheiten ihren Grundsätzen, wie sie eben beschaffen waren, in Unbeugsamkeit Treue hielt. Gegen ihre ältere Schwester gehalten gewann sie den Rang als ein Ausbund von Ehrbarkeit, die, da ein 65 Schein von ihrer Schwester ihn nicht ausstrahlen und ihr abglänzend mitteilen konnte, nur aus ihrem eigenen Wesen hervorgehen konnte. Ihre frische Ungebundenheit war von der aufgefrischten Vater Wahls, die man eigentlich seine erstmalige, von einigem Verständnis für ihre Letztmaligkeit vertieft nennen konnte, mit Bittersüße der Ahnungsfreude und Bangigkeit durchsäftet. Die Herzen dieses Pärchens jubilierten wie zwei Lerchen um die Wette. Vater Wahl war eben ein verliebter Lehrmeister in Dingen, die er selbst fast vergessen, und also Lehrmeister und Lehrling zugleich. Frieda verfiel einer wundergläubigen Ratlosigkeit, nachdem ein Schachzug der Wetterlaune sie mit der bei aller Bedächtigkeit und Zartgemutheit zutraulichen Freigebigkeit ihres ältlichen Kavaliers bekanntgemacht, in dessen Tasche sich auch einer der mehreren Schlüssel zur Wauschen Gartenpforte befand, als ein Sturzregen beide an derselben Stelle sie in Verlegenheit gebracht hatte. Der alte Wahl verpraßte das Gut ihrer Arglosigkeit keineswegs, ließ ihr aber die komfortable Abgelegenheit beim leichten Nippen an sanft zudringenden Erfreulichkeiten schnell als mehr denn eine rechtzeitig aufgetane Gartenpforte zum Schutze gegen einen Regenguß im Gemüte aufgehen. Ihre Wißbegierde war kindlich zutäppisch und ihre Ahnungswilligkeit hemmungslos wagemutig, sie kannte bald die Welt nicht wieder, wie sie vor kurzem war, und ähnlich ging es dem des Halfters entledigten und sich in eine Altersjugend hineinschwingenden Senior. Wau selbst war seit längerem in seinem eigenen Gartenhäuschen ein scheuer Gast geworden. Wahl lud ihn zuvorkommend ein und ermunterte ihn freundlichst, des Gartens doch nicht ganz zu vergessen, und Wau ließ in der augenblicklichen Leichtigkeit und Erfrischtheit auch seiner Lebensgeister nach dem letzten absoluten Vorfall, wie er die Vision des Weltschattens nun schon spaßend mit einem früheren Wort von ganz anderem nannte, Wau ließ sich nicht gerade mühsam zu gefälligem Mittun überreden. Seinem Gartenhaus war schicksalhafte Lebensbuntheit zugewiesen. Zwar, erst nur zum 66 Teil bezahlt, hatte es durch willige Wände bereits unbezahlbares Freudengedränge im Wahlschen Hochformat ein- und austrudeln lassen, und Wau blieb nichts übrig, als im Wahlschen Schwall mitzustrudeln. Der alte Wahl mit dem jungen und Frieda mit dem allzu jungen Herzen nahmen es Wau nicht übel, wenn er sie ohne Absicht ein oder anderes Mal überraschte. Vater Wahl war zu gut innegeworden, daß Wau, wenn schon Besitzer seines Gartensitzes, doch nicht eigentlich Hausherr und Gastgeber, sondern als herzlich gern gelittener und vorzüglicher Anteilhaber an den Bequemlichkeiten der grün versponnenen Stätte sich besonderer Gunst seines Sohnes erfreue. Vielleicht hatte er leichte Zweifel, ob nicht auch er in der Würde älterer Jahre Wau begönnern und ihm den Entschluß zum Kommen und Weilen durch recht wohltuendes Umhegen mit allen Mitteln zur Sorgenfreiheit erleichtern solle. Er bot an, schlug vor, schützte vor Zugluft und Regen – und die gelehrige Frieda ließ es nicht an allen diesen und anderen Aufmerksamkeiten fehlen, war auch von ihrem Kavalier so weit abgerichtet, daß sie bald lernte, ohne Verlegenheit grade im Stuhl zu sitzen und schweigend auf eine Gelegenheit zu passen, wie Herr Wau noch besser umsorgt werde und zu keinerlei eigenhändiger Verrichtung Gelegenheit bekomme. Fräulein Viereck, die einige Male bei ländlichen Abendmahlzeiten am Tische gewaltet hatte, war von Hause aus jeder Lockerung in Verkehrs- und Geselligkeitsvorgängen abhold. In Anstandsfragen hörte bei ihr der Spaß auf, und so breitete sie bald, allerseits begrüßt, ihre strikte Abwesenheit über den Ort so guter Gelegenheit zu mißbilligten Vorgängen aus. Aber eines wohligen Abends nach einem Gewitter stand der halbverhungerte Große Geist, den Wahl einen vom Pferd gefallenen apokalyptischen Reiter nannte, inmitten der gläserklirrenden Aufgeräumtheit und räumte durch seine bloße Erscheinung mit der ganzen frohen Ungehörigkeit auf. Er hatte Fragen nach Wahl zwischen den Zähnen, und es klang, als zerbisse er mit den Kiefern des Hungers Wahls Knochen. Wahl, 67 sonst kein Mitbetreiber der väterlichen Anstalten zur Erheiterung der Lebensneige, war anwesend, aber mit dem Anstand einer tückischen Gutwilligkeit inmitten solcher blamablen Ansprüche seines Erzeugers auf Glück im Winkel eines ihm, dem Sohn, als eine Art Majordomus anvertrauten Hauses – freilich war er »ohne Begleitung« – und hieß den Großen Geist mit seinen aufdringlichen Makler- und Vermittleranträgen hübsch unsanft Abschied nehmen, ehe er noch seine Begrüßung angebracht hatte oder gar zum Sitzen und Teilnehmen am behaglichen Beisammensein aufgefordert werden konnte. Der Große Geist war der Situation gut gewachsen. Er zerbiß, apokalyptisch grinsend, in der Vorstellung Wahls besten Knochen und langte mit haarigen Mörderhänden aus der Brusttasche sein Kärtchen hervor, das er in Gelassenheit, als sei alles in bester Ordnung, auf den sauber gedeckten Tisch des Hauses niederlegte, warf einen Seitenblick, als überlege er, wo er nunmehr einen Mundvoll für seinen Hunger erwischen könnte, auf den älteren Herrn in der gut erhaltenen Kleidung nach prähistorischer Mode und auf die zu Holz ersteifte Frieda, zuckte, während er zugleich eine Art Abschiedsverbeugung ausführte, die Achseln und ging. Wahl aber verschlug es die Sprache.

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