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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel

Einige Abende, Nachtstunden, Lücken zwischen dem Tagtäglichen des Abwandelns häuslicher Regelmäßigkeiten waren vor dem Fest dem Ehepaar Wau als Geschenke zugefallen, die sie im Wissen von der Seltenheit solcher Gunstbeweise des Waltens zwischen ihnen dankbar empfingen. Auch der gestohlene Mond des Assessors Bostelmann wurde lässig behandelt, als sie vom sinkenden Abenddunkel eingehüllt tief die Kostbarkeit und Gnade der Stille in ihnen und um sie spürten, ohne das Zarte und so leicht zu Verscheuchende besonders zu berufen. Es kam fast nicht darauf an, wovon sie sprachen, da ja, was sie redeten, aus einem Schöneren in ihnen leicht hervorschwebte, Vorstellungen, die in einander drängend und an einander hängend aufstiegen wie Nebelschleier am Abend aus friedlich gebreiteten Wiesenflächen. Als Henny die Geschichte vom gestohlenen Mond vernahm, kitzelte es sie leicht im Ohre, und es schien, als wäre ihr ein Lachen, mehr ein Ansatz von Zwitschern, in die Kehle geraten. Aber alsbald geriet der Ton zum leichten Husten, und sie sagte immer mit dem Wiegen ihrer Stimme, das in dieser stillen Stunde Waus Aufgehobenwissen in herzlicher Zufriedenheit ausmachte: Du, dieser Bostelmann kann also Monde stehlen, ich muß ihn loben – denn da er nichts davon geschrieben hat, wer es war, so kann es niemand als er gewesen sein. – In die Tasche hat er ihn aber gewiß nicht gesteckt, Henny, sagte Wau. – 53 Was kann er auch mit ihm vorhaben wollen? – Ja, antwortete Henny gedehnt, als dächte sie schon wieder an etwas anderes – ließ die Vorstellung aber doch nicht fahren und putzte nur mit ihren Worten ein wenig daran herum, als käme ihr das Ding in ihren Händen wertvoll genug vor, um es zu säubern und es klug zu kriegen, wie es sich wohl in gepflegtem Zustand präsentieren würde. Wohl, gewiß, sagte sie, was kann er damit anfangen, auch läßt er ja den ganzen Unfug als Blendwerk seines Satans erscheinen – und doch war Bostelmann der Anstifter der Veranstaltung, und also hatte er wohl den Wunsch in sich rege werden lassen zu tun, was in seiner Geschichte nur ein Spuk und Vorgang war. Wozu auch, fragt man sich, und das ist ja eine beliebte Frage, und daß sie vernünftig ist, kann nur als Zeichen ihrer Überflüssigkeit gelten, auch ist der ganze Bostelmann unvernünftig und sehr achtenswert, weil er nicht ist wie alle mit ihrer Naseweisheit. Das Geringste scheint manchmal größer als das Ungeheuerlichste – und scheint nicht nur so –, und wieder das Ungeheure, ach, so klein! Ich sehe ja oft an meinen Kindern bei – sie nannte nach leichtem Stocken und mit kurzem Atem den Vornamen des Arztes, in dessen Heim sie zufrieden waltete, – was alles geschehen kann, wenn man nur so meint und wirklich meint, was sein sollte oder was ihnen so vorkommt. – Übrigens, schaltete sie unbefangen lächelnd ein, sind meine Kinder oft viel älter als ich. – Und Werner? warf Wau dazwischen. Sie wippte mit dem Fuße und blickte nur einmal aus dem Fenster, dann aber in Waus Auge. Du hättest es doch in diesen Tagen erfahren, sagte sie – wir sind uns nicht mehr fremd, und versteh es nur recht, verstehe alles. Wau nickte und ließ es nicht an der Gelassenheit seiner Haltung und seines Tones von vorhin fehlen, aber es stach ihn wie mit Nadeln über den ganzen Leib. Er sagte: Ich verstehe; es ist gut, Henny, wenn es gut für dich ist, aber hättest du es nicht schon längst sagen oder schreiben können? – Nein, antwortete sie, es war nicht nötig, es wurde erst kürzlich 54 nötig, und er riet mir selbst, zu dir zurückzukehren, da es vielleicht gut sein werde, es solle dann auch für ihn dabei bleiben. – Vielleicht, ich wünschte es, diese Worte waren die einzigen, die Wau der Eröffnung Hennys folgen ließ. Er war auf diese Wendung in ihren ehelichen Verhältnissen längst gefaßt, aber da sie länger ausblieb, als er für wahrscheinlich hielt, so überließ er, längst alles Hangen und Bangen hinter sich habend, der entscheidenden Stunde die Wahl der Ausrichtung ihres Botengangs. Es war ihm Ernst mit seinen Worten, daß gut sein solle, was für Henny gut wäre. Ob und wann ein Vollzug der Lösung von der bestehenden Formehe geschehen müsse, darüber glaubte er von Henny die entscheidende Anregung erwarten zu müssen. Dieses Wenige war dazu in voller Ruhe gesprochen. Es kam nun aber zu einem Schweigen zwischen ihnen, das wenigstens Wau wie das Beben der Luft nach einem Kanonenschuß erschien, Leere und Schwere zugleich, diese stillen Gewalten ließen, als bestände die ganze Welt nur durch sie, sein Weniges zwischen ihnen zu Nichts werden. Er fühlte einen, ja eine Reihe von Augenblicken lang seines Seins ein gutes Stück von ihm sich abscheiden und ein Geschehen in sich wie den Tod eines Teils der Dinge, die ihm zugewachsen waren und mit denen er jahraus, jahrein gehaust und die unterm Obdach seiner Persönlichkeit mit ihm eins und unteilbar geworden schienen. Es wollte ihm als Entfremdung mit sich selbst vorkommen, da nun die längst ihm entfremdete Frau sich für immer von ihm abwendete. Aber da er sich schnellstens versichert fühlte, daß er nach diesem Vorgang Henny mehr denn je liebte, so überwog und vernichtete diese ihn heiß durchdringende Wahrnehmung jede Anwandlung von vorläufigem Verlorengehen in Sturz und Niederbruch oder in einem Aufbegehren gegen die gefallene Entscheidung durch ausführliche und eindringende Nachfragen. Er wußte schnell, daß alles beschlossen war in diesem einen: Trotz der Abwendung kein Wandel in mir, sondern ungeteiltes Verbleiben meiner mit allem, was schon früher mich geweitet und 55 mit Sein und Wesen gefüllt, ja geweiht hat. Er vermochte nichts von diesem gewiß unklaren Gewoge des Gefühls zu sagen, aber die Bangnis einer Stunde wich von ihm und augenscheinlich wie durch sein Beispiel mitgezogen auch von Henny. In diesem Zustand einer durch Erschütterung nicht verminderten Getrostheit verbrachten sie eine Nacht ohne andere Vertrautheit als der einen und höchsten, nämlich der durch Vertrauen geläuterten nicht heiteren, aber aufrichtigen Herzlichkeit. Der Traum von den zerbrochenen Schallplatten hatte ihn mit seiner Deutung überrumpelt. Die vergangenen Phasen des Lebens waren keine nichtsbedeutenden Ehemaligkeiten, sie blieben ihm zugehörig wie alle seine anderen mit ihm fortwachsenden, ihm zugeteilten oder angeborenen Stücke des eigenen Wesens. Und wenn er sie allenfalls aus dem Gedächtnis fahren lassen mußte, so waren sie doch seine Einverleibungen und Einverlebungen und er mit ihnen in Gutem oder Bösem eins geworden.

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