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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Das Gartenhäuschen, dessen Errichtung Wau in der Ahnung widerstrebt hatte, daß es nicht seiner, sondern fremder Planung entsprang und zu Dienst sein würde, war ein kostspieliger Bau, aber sonst als zierliches und sogar heizbares Sommerhäuschen allgemeiner Beachtung wert geworden. Wie das so und nicht anders, nämlich nach Waus Sinn, allenfalls simples Überdach, Unterschlupf und schattiges Ruhegehege geworden, war Wahls Regsamkeit zu verdanken. Ich habe eine großartige Gelegenheit, weißt du, der Zimmermeister Rist hat das Holz parat liegen, wir können uns nichts Besseres vorstellen – und so war es weiter gegangen, und Wahl hatte anstatt eines Pförtchens ein statiöses standesgemäßes Tor, eine Art Triumphbogen hingezaubert, übrigens zu ganz besonders kulanten Zahlungsbedingungen. Zum Schloß des Tores beschaffte Wahl vorsorglich mehrere Schlüssel, deren einen oder zwei er an sich nahm. Der Regung eines bescheidenen Wunsches war die Erfüllung in fast imposanter Gestalt auf dem Fuße 49 gefolgt, und da ein Lusthäuschen zu Lust und Lustbetrieb und keineswegs zu Aschenbrödel-Verhehltheit gemacht ist, so witterte die Lüsternheit jeder Art einen Köder und fand sich ein, wo eine Falle der Lust zum Eintritt ladend gespannt war. Lärm war zwar für Wau, der behauptete, daß die Stille, nehmt alles nur in allem, das Bekömmlichste für ein musikalisches Ohr sei, eine unliebe Zugabe seiner dienstfreien Stunden, aber das Häuschen selbst schien der Stille anscheinend ganz unbedürftig, oder die Stille nach Waus Geschmack bequemte sich ungern der Art des Häuschens an, da sich ihr Gegenpart, der Sack voll Geräusche, bis zum Platzen der Wände in ihm entleerte. Mit Wau war es nun so, daß er Wahl nur zu gut verstand, ja er fragte sich oft: woher weiß ich, wie es Wahl so geht mit seiner Lust an der bengalischen Beleuchtung aller, selbst seiner mißlungenen Projekte, und daß er dieses Eine und Unnütze nicht lassen kann und das Andere und Nötige beiseite liegen, verkommen und sich verkrümeln läßt, woher weiß ich das alles, wenn es nicht an dem ist, daß ich mich in Wahls Wesen auskenne wie in meinem eigenen? Habe ich wohl auch ein Stück Wahl in mir, ja wäre ich nicht geradezu der ganze Wahl, wenn ich nicht zufällig Wau wäre und als Wau am Ende nur mit dem Vorbehalt, es einmal nicht mehr sein zu müssen? Wie mag es aber Wahl mit mir gehen, der mir das alles – und Wau zählte vielerlei auf, und es fiel ihm immer noch etwas Neues ein –, da er mir das alles antut? Weiß er wohl, wie mir manchmal wird, wenn er lächelnd mit einem gnadenerweisenden Schiefhalten des Kopfes meine Hand ein bißchen arg vertraulich mit einem oder gar zwei Drucken zuviel festhält? Er weiß es nicht, denn er besiegelt unser Einverständnis, wie er es versteht, mit frischem Wachs und merkt nicht, wie gering ich diese frische und überflüssige Bekräftigung anschlage, wobei ich unmerklich fast, aber gewißlich stutze und mich frage, ob er es nötig hat, und wenn, wieso nötig, da er frei und ledig einmal seine Bahn ohne mich beging und jeden Tag wieder ohne mich begehen könnte? Zwar 50 legt er mir ein gutes Stück Verschuldung auf den Rücken, aber sicher ohne anderen Vorteil daraus zu gewinnen, als daß er diesem und jenem Geschäftsmann zu Verdienst verhilft, also den einen Vorteil, daß er sich ihnen mit dem Blümchen Vierklee im Knopfloch präsentiert und einen immer geehrten Ein- und Ausgang bei ihnen hat.

Es geschah nun gegen eine geheime Verwarnung seines Gefühls, daß Wau auf Wahls Zureden den Versuch einer Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft machte. Wahl bewog ihn, eine Vermutung bei sich zuzulassen, daß die Ausweitung des häuslichen Drum und Dran durch die frische Gartenherrlichkeit den wohltätigsten Einfluß auf ein kränkelndes Gemüt haben werde, aber die Erwartung war fehlerhaft begründet. Henny Wau, obwohl sie einen auch sonst wohlklingenden Vornamen trug, hatte es schon als Kind entschieden, Henny zu heißen, und so war es dabei geblieben, nachdem die Vorstellung, als handle es sich mit dieser Selbstbenamsung um einen Protest gegen ihre Bestimmung als Familienbestandteil, sich verloren hatte. Ihre Eltern waren, was man tadellose Leute nennt, das Leben musterhaft geregelt, Störungen des harmonischen Ablaufs kaum gespürt schon vertuscht, und die Rücksicht eines jeden gegen jedermann als Grundsatz dieses in allen Wichtigkeiten peinlich ausgeglichenen Hauswesens niemals ernstlich hintangesetzt. Henny tat das Ihre, da sie es nicht anders wußte, als daß Großwerden und späteres Tun und Lassen nach dem Maßstab des Familienprinzips ihre Aufgabe für Zeit und Ewigkeit sei. Nach ihrer Heirat überkam sie bald störende Unruhe, die bei ihrer offenbaren Gutwilligkeit zur Einfügung ins Notwendige und als selbstverständlich vorausgesetzt jedermann wundernahm. Gründe dafür gab es anscheinend keine. Wau verlief sich einige Zeit in Vorstellungen jeder Art, faßte sich dann und nahm die böse Wendung als Geschehen schlechthin. Henny litt fast mehr als er selbst, da kein formulierbares Wort sich anbot, mit dem ein immer mehr sich steigerndes 51 Unbehagen, schlecht verhehlbares Mißfallen an allen anscheinend so natürlichen Gestaltungen ihres Daseins zu erklären war. So bat sie endlich aus freien Stücken um vorläufige Entfernung und überließ Wau die Freiheit der Entscheidung über alles Weitere. Da er die Ehe zu lösen ablehnte, obgleich »man« es für geboten hielt, ließ sie es ihrerseits auch dabei bewenden. Ihre diesmalige Rückkehr, die Wau mit Befangenheit anregte, hätte vielleicht unvermerkt in den Zustand endgültiger Wiederherstellung der alten Ordnung übergeleitet werden können, wenn nicht Wahl, der das Auftrumpfen mit Offenkundigkeit und das Vorwegnehmen der Beglücktheit allerseits bei Nächst- wie Fernstbeteiligten nicht lassen konnte, die in anscheinender Heiterkeit gewagte Heimkehr zu einem Festrausch umgefälscht hätte, gewissermaßen ein Feuerwerk mit Böllerschüssen für Augen und Ohren, die mit Knalligkeit zu betäuben oder wohltuend anzuregen nur dem Vorhaben einer irrsinnigen Gutartigkeit von Wahls Art unterlaufen konnte. Eine läßliche Täuschung mit Waus Unterschrift, die einen Trubel von Eingeladenen herbeiwirbelte, wobei die Einweihung des Gartens und Häuschens den Vorwand gab. Ein Lohnbedienter, herumspringend wie ein Affe mit weißen Handschuhen, Gläserklirren und Wogenschwall, alle diese Wahlschen Verfehlungen richteten das schnellstens folgende Unheil an. In dieser Nacht kroch Henny zu Wau ins Bett anscheinend ohne Störung ihres Gleichmuts und vermeldete für den nächsten Tag ihre Abreise.

Ihr seid krank, sagte sie, und eure Welt geht unter. Aber ehe sie nicht untergegangen ist, geht die bessere nicht auf. Darum geht dahin, wo ihr müßt, so schnell ihr könnt, aber untergehen ist bös und bitter, und ehe alles still und zur Ruhe ist, kommt in Jammer und Leid eine Ewigkeit wie keine andere. Denn ihr seid, wie ihr sollt, und wer euch geschöpft und geschaffen, muß mit euch, seinen Geschöpfen, dahin. Gott stirbt nicht leicht. Und sie weinte in unermeßlicher Verlorenheit und mitleidendem Wissen vom kommenden 52 Untergang. Am Morgen war Henny gefaßt, und sie frühstückten miteinander wie in den wenigen der leidlich glücklichen frühesten Ehetage, plauderten und standen auf wie zu gewohntem tagtäglichem Ausgang, als die Stunde des Abschieds und des Weges zum Bahnhof geschlagen. Ehe sie zur Tür hinausschritten, nahm Henny Wau um den Hals, legte ihren Mund an sein Ohr und flüsterte: Wahl, der ist der Satan, der geht unter wie ihr alle.

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