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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Der Schreck stand an seinem Bett, als Wau bei Vollmond erwachte, wach durch die Bösartigkeit eines Traumes, so wach, daß er mit dem ersten Blick den Schreck erkannte, wie er dunkel vorm Fenster zwischen ihm und dem Vollmond stand. Sein Schatten verfinsterte sein Bett, aber lag nicht auf seinen Augen, denn vom Mond stand eine scharfe Sichel neben seinem Kopf wie ein verrutschter Heiligenschein. Und das Ohr, das Ohr des Schreckens, stand wie eine Salzbrezel gegen die Helle, eine Brezel, die in Tinte getaucht gewesen. Aber der Schreck sah seine wachen Augen, und Wau sah bei aller Finsterkeit seines Kopfes das Weiße in seinen Augen, und seine Augen blickten wie seine eigenen – beider Augen waren ein Blicken, und beide blickten mit Schrecken, denn der Schrecken war wohl in ihn gefahren, und eisenkalt hatte er ihn durchstoßen, aber seine Augen spiegelten ihn zurück, und er spürte, daß von ihm ausging, was auch jenen eisenkalt durchstieß. Mit solcher Waffeneisenkälte kämpften beide schreckend und erschrocken miteinander und taten es wie um Tod und Leben. Wau in der Gelähmtheit des nicht schweißgebenden Entsetzens, der Schreck in der Not eines Zwangs zu vollbringen, was eines Mörders würdig, ohne es zu vermögen, und darum gleich Wau gelähmt, so einander gleich an Waffen des spießenden Entsetzens waren sie beieinander, mit- und gegeneinander in der schneeigen Vollmondnacht. In kein Ohr eines benachbarten Schläfers wurde durch den Kampf mit ihren gleichen Waffen ein Laut geschlagen, sie stillten in der Stille ihre Erschrecktheit, sie ließen sie bluten zur Leere, und ihre wachen Augen erfuhren die Schwächung des Übermaßes kämpfender Wut. Sie ließen ab vom harten Wahntum und ermüdeten in Starre und Schärfe. So 48 stand noch der Schrecken, als die Eisenkälte nicht mehr stach, stand und war schreckensbar und ein bloßer Schemen. Eine Wolke, vom Mond belichtet, trieb aus der Weite einer der vier Himmelsrichtungen heran, dunkelte und verdunkelte, als sie überm Mond lag, sog an der Finsternis des Schreckens, daß sie ergraute und zu Unschärfe verschleierte, hob sie auf und zog sie fort, – und Wau hatte den Kampf bestanden, ohne ein Glied zu rühren, fühlte den Schleier, der vom Schrecken ausging, übers Auge ziehen, senkte die Lider und lag, als die Wolke mit aller Finsternis des feindlichen Schreckens verzog, im Vollmond ohne Regung und voll' gelinder Müdigkeit halbschlafend und leicht mit übergebreitetem Schlaf umhüllt bald ohne Bedenken aller Dinge wohl entschlafen in der schneeigen Helle der Vollmondnacht. Die Gesichtszüge des Schreckens aber waren die Züge Wahls.

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