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Der gestohlene Mond

Ernst Barlach: Der gestohlene Mond - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer gestohlene Mond
authorErnst Barlach
year1948
firstpub1948
publisherSuhrkamp Verlag
addressBerlin und Frankfurt/Main
titleDer gestohlene Mond
pages268
created20080701
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Wahl seinerseits war ich-freudig und der Pflege seiner So-Geratenheit arg beflissen, als könnte in der weiten Welt nichts Besseres ausfindig gemacht werden als seine, die Wahlsche Eigenart. Zwar war er ein argloser Heger dieser Überzeugung, die keiner Selbstzensurr keiner Inventarisierung des Wahlschen Bestandes in bewußter Überheblichkeit entsprang. Er übte keine Buchung über das Wohl oder Übel seiner Angelegenheit, seine Überheblichkeit war hingegen naturgemäß und gleichsam rührend, weil ohne Absicht einer Kränkung anderer und einer gelegentlichen Erschütterung gar nicht gewachsen; das Bedürfnis am Schein einer Wohlgeordnetheit, ja 43 festlicher Lebensgestaltung war übermächtig an ihm und ergreifend für Wau seine Bedürfnislosigkeit bei den Fragen nach Wert oder gar Würde seiner menschlich-wesentlichen Substanz. Eine würdige Haltung war ihm freilich höchste Pflicht, und wenn auch das Gerücht, daß er seine Hemden in London, sein Schuhzeug in Paris arbeiten ließe, übertrieb, so wurde er doch immer abgeneigter, für seine äußere Zurüstung mit sämtlichen Zutaten ortsansässige Meister, wie Wau es tat, mit seinem Vertrauen zu beehren. Seine Geschäfte waren vielfach und verzweigt und wo nicht ernst und tüchtig, so doch genial angelegt. Wau fand, daß er zuviel auf einmal in den Händen hatte und dem Jagdhund glich, der hinter vielen Hasen zugleich herjagte, weshalb es ihm bei keinem recht glückte. Ganz so ärgerlich war es nun bei Wahl nicht, aber es blieb immerhin merkwürdig, daß die Wahlsche Geschäftigkeit wohl flott und großzügig, aber nicht ergiebig war. Er geriet in mehr Verlegenheiten, als er wahr haben wollte, und daß seine Geschäftspartner ihm wohl allesamt unterlegen waren, aber doch am Ende der Partie oft triumphierten, war allzu ersichtlich, – seine Gutgläubigkeit auf die eigene Begünstigung durch Glück und frischen Wagesinn bereitete ihm manche schmerzliche Überraschung. So kam es, daß Wau Wahls lyrische Stimmungen zeitweiliger Anschmiegsamkeit und Neigung zu Ausflügen in sonst gemiedene pessimistische Regionen der Unterhaltung und in burleske Weltschmerzlichkeit als Trostbedürftigkeit erkannte und daraus mit Sicherheit auf schlechten Stand der Geschäfte schloß. Wahls Neigung, einen Fehlschlag durch einen Husarenritt gut und besser zu machen, trat immer drohender zu Tage. Er flatterte wohl wie ein Schmetterling von einer Blume der Verlustierung zur andern, warf sich aber dann unversehens in eine Vampirhaut und umflügelte sich mit Flatterhäuten blutsaugerischer Betriebsamkeit, legte ein Gewand schonungsloser Spekulierwut an, das ihm zur Abwechslung von der Falterfarbigkeit wohl romantisch zu Gesicht stand, sich ihm aber doch zu nichts anderem dienlich erwies, als 44 gleich einem Schreckkostüm auf dem Maskenball seines Lebens den Spaß von der diabolischen Seite her zu erhöhen. Indessen machte er im Laufe der Zeit die Bekanntschaft des Winkeladvokaten Geist, wegen seiner Körperlänge und wegen seiner Geübtheit in Winkelzügen und Erfahrung in jeder Abart von Kniffen und Pfiffen »Der Große Geist« genannt, dessen malifikante Ratschläge in einer anfänglich gewiß leidlich saubern Sache ihm nur zu gut gefielen. Ein Dritter fand sich dazu oder war vom Großen Geist aufgezäumt und herangeleitet, ein regsamer Kleingeist von trottelhafter Harmlosigkeit, dessen Mienen immerhin noch zu bedenklichen Vorgängen im Laufe des über Jahre hingleitenden Geschäfts mit der Blitzblankheit eines notorisch reinen Ehrenschildes leuchteten. Dieser Trottel benannte sich »von« Weinrebe, und seine Bekannten folgten ihm darin in Erbarmen und als Ersatz für Achtungsverlust wegen sonstiger Mängel. Wahl, der ein kleines Fürstentum zu gewinnen hoffte, kam mit blauem Auge davon. Der Große Geist ward auf dem Stuhl zu sitzen genötigt, auf dem man auf Staatskosten sitzt, und dem Dritten widerfuhr das Gleiche auf gelindere Art. Beide wurden bis aufs Hemd ausgezogen, während das Fürstentum mitsamt den ihm zugewandten Wahlschen Vermögensresten in der großen Tasche eines Ehrenmannes verschwand, dem Unehrenhaftigkeit nicht nachzuweisen, der aber den Ratschlägen des Dr. Quaul, der ja anders hieß, aber doch so genannt wurde, gefolgt war. Dr. Quaul wurde fortan der Ratgeber Wahls in allen Stücken, wo er selbst ratlos war, und der Große Geist wurde zum Gespött in Wahls Munde, geriet nach der Entlassung aus der von Wahl Sommer- bis Frühlingsfrische genannten Anstalt in immer härtere Bedrängnis und verfiel schließlich, in einem Bodenverschlag unter den Dachpfannen hausend, gänzlichem Mangel. Wenn er auf Gängen, die wohl nur noch vorgeschobene Geschäftswege waren, mit seiner Aktentasche um die Ecken der Straßen bog, so mußte es wundernehmen, daß ein Gespenst sich am hellen Tage herausnehmen könne zu 45 spuken. Wau kam es bei solchen Begegnungen vor, als sei diese zu unnatürlicher Länge wie auf der Folterbank ausgereckte Magerkeit von Mensch ein wandelndes Ausrufungszeichen der Schuld Wahls – denn daß dessen Wahn vom Aufstieg zu Glanz und Hochgeborenheit, deren Formen er schon vorweg zu nehmen sich schuldig glaubte, den Geist der hungernden Grünwinkelspinne von Advokaten vergiftet und zu schuldhaftem Handel verwirrt hatte, diese Einsicht zu verdrängen gelang ihm nicht mehr, nachdem er doch während der kritischen Monate in Wahls Verhalten gegen ihn den Dunst einer Art gnädigen Gönnerschaft deutlich zu spüren gemeint. Wahls zukünftiges Schloßherrentum war gänzlich im Sande einer Illusion fundiert, selbst im Fall des Gelingens der dreieinigen Spekulation mit dem Großen Geist und dem urteilslosen Trottel. Aber schon der Morgenrotschein der fürstengleichen Existenz war es, der ihm die innigste Befriedigung erzeugte und nährte, und dabei glühte Wahls vorzeitige und ganz unnötige Gönnermiene, gegen Wau von echtester Herzlichkeit, und wenn Wau doch einmal übellaunig und des ganzen Wahl überdrüssig geworden war, so belehrte ihn eine nachdenkliche Minute, oft ein Sekündchen, wieder eines Besseren. Wahl war doch eine Seele von Mensch, das lauterste Wesen unter der Sonne, so echt wie das stille Belieben der Natur, die dem Veilchen Duft und dem Schierling Gift zubereitet und zugleich beiden alle Ahnungslosigkeit frommer Entfaltung schenkt, ohne sie mit Pflichten der Verantwortung zu beladen, denn Wahl, das war zu Waus Erstaunen schließlich klar, war gänzlich frei von der Kenntnis des Begriffs der Verpflichtung. Unter Gewalt eines Gesetzes verstand er Handhabung der Zwangsmittel von Gericht und Polizei und Behörde, keinerlei Anerkennung zollte er dem freien Gehorsam und williger Hingebung an den Verzicht auf Erraffen zu Gunsten des Gebens, und doch war er Waus ergebener Nächster und Freund, insofern seine Natur überhaupt zur Erhebung wenigstens eines Scheins von Selbstlosigkeit fähig war. Der Schein aller guten Dinge 46 genügte ihm durchaus, und vom Sein in Würde und Wahrheit schied ihn völliges Unverständnis für das Übel vom Mangel dieses Urbegriffs Würde und Wahrheit. Eine seltsame Abart von Gutherzigkeit, dieser Wahl, monologisierte Wau, sie macht ihn nämlich zum Fronknecht an dem erlesenen Objekt – und nun bin ich wahrhaftig schon Wahls Objekt geworden. Niemand weiß, wie das so kam. Er begönnerte und dominierte Wau sozusagen untertänigst in wirklich seltsamer Abart von Gönnerschaft, denn Wau sah sich in tausend Dingen auf unfaßbare und unabwehrbare Weise der Verfügung in eigenen Angelegenheiten überhoben. Wahl, die Güte selbst, die personifizierte Nachgiebigkeit, hatte von kleinen Erledigungen an auch das Regulieren größerer Pläne an sich gebracht. Er sagte am nächsten Tage, nachdem Wau beiläufig von seiner Neigung gesprochen hatte, ein Stück Garten, einen Fleck Baumgrün und Rasen für unverkümmertes Gehenlassen und Hintreiben dienstfreier Tage und Stunden zu erwerben, daß er das Grundstück fest gekauft habe, bar bezahlt und daß nur eine halbe Minute auf dem Grundbuchamt zum Zweck der Unterschriftleistung die einzige für Wau noch entfallende Mühe darstelle, wonach sich der Fleck Baumgrün mit Rasen als ein Baugrundstück erwies, gelegen an der neu projektierten Elitestraße und bestgeeignet für einen villenmäßigen Bau mit breitem Zufahrtswege hochherrschaftlichen Zuschnitts. Er sprach überhaupt gern von »Ich« und »Wir« bei Erwähnung aller Wau eigentlich allein angehenden Geschäfte. Ich bestelle die Winterkohlen, oder wir müssen Wein und Likör im Haus haben, und das Tollste war, als Wau im Laufe der Jahre eine höhere Gehaltsstufe erklommen hatte, daß Wahl überall proklamierte: Wir beziehen jetzt das und das monatlich. Ruckte sich darüber dann in Wau einmal eine Art Groll zusammen, und ließ er es sich einen Hinweis auf das eine oder andere gegen Wahl kosten, so entwaffnete Wahls offenkundige tiefe Bestürzung über so viel Mißverkennen, seine schmerzliche Wahrnehmung des Verrats der Freundschaft, des Bruches von 47 Treu und Glauben Wau aufs schnellste. Nein, Wahl war die Gutherzigkeit selbst, wenn auch eine Abart.

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