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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
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Die Gräfin

»Ja, diese närrischen Frauenzimmer«, erzählte Herr Polgar, »die treiben mitunter unglaubliche Dinge. Im Jahr neunzehn oder zwanzig, in einem dieser Jahre, als in unserem ganzen gesegneten Mitteleuropa überall der Zunder glomm – damals ereignete sich das. Man wartete nur darauf, wo die Geschichte zuerst losgehen werde. Bei uns wimmelte es damals nur so von Spionen. Meine Referate waren zu dieser Zeit Schmuggel und Falschgeld; mit den Militärbehörden stand ich auch in Verbindung, hie und da rief man mich an und verlangte von mir Informationen. Damals also passierte die Geschichte mit der Gräfin . . . nennen wir sie Mihaly.

Ich weiß nicht mehr, wie es zuging, aber zu jener Zeit wurden die vom Militär durch einen anonymen Brief dazu veranlaßt, auf die Korrespondenz, die an die Adresse W. Manasse, poste restante, Zürich, abgehen würde, zu achten. Man fing einen solchen Brief auf. Und der war wirklich nach dem Code Nr. 11 chiffriert und enthielt die Mitteilung, daß das Infanterieregiment Nr. 28 in Prag liege, daß in Milowitz bei Prag eine Schießstätte sei und daß unsere Armee nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Bajonetten ausgerüstet sei; nichts weiter als derartige Trotteleien. Aber Sie wissen doch, wie unsere Militärs sind. Wenn Sie einer fremden Macht verrieten, daß die Fußlappen, die unsere Infanterie trägt, von der Firma Oberländer geliefert wurden, so kommen Sie unweigerlich vor das Divisionsgericht und erwischen günstigstenfalls ein Jahr wegen Verbrechens der Spionage. Das gehört nämlich zu dem, was man so das militärische Prestige nennt.

Also die Leute vom Militär zeigten mir beides: den chiffrierten Brief und die anonyme Anzeige. Ich bin kein Graphologe, meine Herren; aber ich mußte nur einen Blick auf die beiden Schriftstücke werfen, um mir zu sagen: die sehen doch aus, als stammten sie von derselben Hand. Die anonyme Anzeige war zwar – wie fast alle anonymen Anzeigen – mit Bleistift geschrieben; trotzdem bestand für mich kein Zweifel darüber, daß die Schrift die gleiche war wie die des chiffrierten Briefes. Ich schlug den Militärs vor, die Sache laufen zu lassen; es lohne sich nicht. Der Spion könne nur ein harmloser Dilettant sein. Militärische Kenntnisse solcher Art könne jedermann aus den Tageszeitungen schöpfen. Gut und schön.

Nach ungefähr einem Monat besuchte mich ein Hauptmann des Spionageabwehrbüros, ein gutgewachsener, hübscher Bursche. ›Herr Polgar‹, sagte er mir, ›ich habe da eine ganz merkwürdige Geschichte. Unlängst tanzte ich mit einer Komtesse, einer schönen, brünetten Person. Sie kann kein Wort Tschechisch, aber sie tanzt, daß es nur so ein Vergnügen ist. Und heute bekam ich von ihr einen sentimentalen Brief. Ist das nicht auffällig?‹

›Seien Sie doch froh, junger Mann‹, meinte ich. ›Sie haben eben Glück bei Frauen.‹

›Aber Herr Polgar‹, sagte der Hauptmann und ließ erst jetzt seine Bestürzung erkennen, ›der Brief ist mit der gleichen Schrift, der gleichen Tinte und auf gleichem Papier geschrieben wie die Spionagenachrichten für Zürich. Ich weiß jetzt wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Sie können sich vorstellen, wie einem Mann zumute ist, wenn er ein Frauenzimmer anzeigen soll, das . . . hm . . . das zu ihm . . . und dann . . . es handelt sich ja doch um eine Dame, Herr!‹

›Ja, lieber Hauptmann‹, meinte ich, ›Ihre ritterlichen Gefühle, die müssen Sie diesmal vertagen. Die Frau müssen Sie natürlich verhaften lassen; in Ansehung des Ernstes der Angelegenheit verurteilen wir sie zum Tode und Sie werden dann die Ehre haben, zwölf Soldaten »Feuer!« zu kommandieren! Das Leben ist schon manchmal so romantisch. Aber – leider Gottes – ist da noch ein Hindernis: es existiert nämlich in Zürich gar kein W. Manasse, und bisher liegen vierzehn Chiffrebriefe auf seinen Namen unbehoben auf der Zürcher Post. Lassen Sie also die Sache auf sich beruhen, Herr, und tanzen Sie weiter mit Ihrer braunen Komtesse, so lange Sie jung sind!‹

Drei Tage lang quälte sich der Hauptmann mit Gewissensbissen, er magerte sichtlich ab, und schließlich zeigte er die Geschichte doch seinem Chef an. Sie können sich denken, daß sofort sechs Soldaten in einem Auto zur Komtesse Mihaly fuhren, sie verhafteten und ihre Papiere durchstöberten. Sie fanden den Code und allerhand Briefe von ausländischen politischen Agenten, sämtliche sozusagen hochverräterischen Inhaltes. Befragt, verweigerte die Komtesse jegliche Aussage, während ihre Schwester, ein sechzehnjähriger Backfisch, sich auf den Tisch setzte, die Knie bis unters Kinn zog, damit nur ja alles zu sehen sei, Zigaretten rauchte, mit den Offizieren flirtete und wie toll lachte.

Als ich von der Geschichte hörte, lief ich in das Spionageabwehrbüro und sagte den Leuten: ›Laßt doch um Gottes willen diese Hysterikerin los! Mit der gibt es nur eine Blamage!‹

Die erklärten aber: ›Herr Polgar, die Komtesse Mihaly hat gestanden, im Dienst der Auslandsspionage zu stehen. Die Sache ist ernst.‹ – ›Aber das Frauenzimmer lügt doch!‹ schrie ich. – ›Herr Polgar –‹ sagte mir der Oberst streng, ›Sie sprechen von einer Dame. Komtesse Mihaly spricht die Wahrheit.‹ – Unglaublich, wie das Frauenzimmer den Offizieren den Kopf verdreht hatte! ›Zum Teufel‹, schimpfte ich, ›aus lauter Galanterie wollt Ihr sie also wirklich verurteilen lassen! Der Henker hole diese Ritterlichkeit! Merken Sie denn nicht, daß das Frauenzimmer Sie mit Absicht auf die Spur ihrer hochverräterischen Tätigkeit geführt hat? Glauben Sie doch diesem Luder nicht!‹ Doch die Militärs zuckten bloß mit dramatischem Bedauern die Achseln.

Selbstverständlich ging die Geschichte durch alle Zeitungen, sogar durch die ausländischen. Der Adel der ganzen Welt war auf, Protestunterschriften wurden gesammelt, diplomatische Demarchen flogen hin und her, bis hinüber nach England empörte sich die öffentliche Meinung; aber Sie wissen ja – die Gerechtigkeit muß ihren Lauf nehmen. Und die hochgeborene Gräfin wurde in Anbetracht des herrschenden Kriegszustandes vors Divisionsgericht gestellt. Noch einmal – damals hatte ich schon meine Informationen – ging ich zur Militärbehörde und sagte den Leuten: ›Geben Sie die Person mir und lassen Sie mich für ihre Bestrafung sorgen!‹ – Nicht einmal hören wollten sie davon. Die Verhandlung war großartig. Ich war dort und wurde so gerührt wie bei der Kameliendame. Die Gräfin, lang wie ein Pfeil und braun wie ein Beduine, war geständig. – ›Ich bin stolz darauf‹, sagte sie, ›daß ich den Feinden dieses Landes dienen konnte!‹ Das Gericht wußte nicht, was es vor lauter Courtoisie und Strenge anfangen sollte – aber – da waren die hochverräterischen Briefe und ähnlicher Unsinn, und selbst bei Berücksichtigung aller entlastenden und belastenden außerordentlichen Milderungs- und Erschwerungsgründe konnte das Gericht nicht anders, als die Komtesse Mihaly zu einem Jahr Gefängnis verurteilen. Ich versichere Ihnen, eine schönere Verhandlung habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Zum Schluß erhob sich die Komtesse und erklärte mit klarer Stimme:

›Herr Vorsitzender, ich betrachte es als meine Pflicht, festzustellen, daß sich während der Untersuchung und während der Haft alle Offiziere mir gegenüber wie vollkommene Gentlemen benommen haben.‹ – Da aber fing ich vor Ergriffenheit fast laut zu weinen an!

Nun ist aber die Sache so: ein Mensch, der die Wahrheit weiß, den juckt die Zunge. Es mußte aus mir heraus. Ich glaube nicht, daß die Menschen einfach aus Bosheit oder aus Dummheit die Wahrheit sagen, es ist oft mehr ein Bedürfnis, eine Art von unwiderstehlichem Zwang. Hören Sie, bitte: diese Mihaly hatte da in Wien den berüchtigten Major Westermann kennengelernt und hatte sich in ihn verliebt. Sie wissen doch, wer dieser Westermann ist: ein Kerl, bei dem das Heldentum ein Handwerk ist. Die Orden klirren nur so an ihm, Maria Theresia, Leopold, Eisernes Kreuz, türkische Sterne mit Brillanten und weiß Gott, was er noch alles im Krieg gesammelt hat. Dieser Westermann ist Führer einer Unzahl von illegalen Organisationen, Anstifter von Verschwörungen und Putschen überall, wo es sich um monarchistische Sachen dreht. In diesen Westermann also hatte sich die Gräfin verliebt und wollte sich offenbar die Sporen verdienen, die sie seiner würdig machen sollten. Weil sie in ihn verliebt war, markierte sie Spionage und verriet sich sorgfältig selbst, um sich mit Märtyrerruhm zu schmücken. Zu so was ist nur ein Frauenzimmer imstande.

Ich besuchte sie also in ihrem Gefängnis. ›Madame‹, sagte ich ihr, ›überlegen Sie einmal: es ist doch eine langweilige Sache, ein ganzes Jahr hier zu sitzen. Es wäre vielleicht empfehlenswert, uns zu gestehen, was es mit Ihrer angeblichen Spionage in Wahrheit auf sich hat. Man könnte dann ein Gesuch um Wiederaufnahme machen.‹

›Ich habe bereits gestanden, mein Herr‹, entgegnete eisig die Komtesse, ›ich habe weiter nichts zu sagen.‹

›Herrgott nocheinmal!‹ die Sache wurde mir zu dumm, ›lassen Sie schon einmal diesen Unsinn! Major Westermann ist seit fünfzehn Jahren verheiratet und hat drei Kinder!‹

Die Gräfin wurde aschgrau. Noch nie habe ich eine Frau in einem Augenblick so häßlich werden gesehen. – ›Was . . . was geht das mich an?‹ brachte sie hervor, aber ihre Zähne klapperten.

›Und vielleicht wird es Sie auch interessieren‹, schrie ich, ›daß Ihr Herr Major Westermann in Wirklichkeit ein Bäcker aus Proßnitz ist und Wenzel Malek heißt? Hier, sehen Sie! Eine alte Photographie! Na, erkennen Sie ihn? Um Gottes willen, Komtesse, wegen dieses Lumpen sind Sie ins Gefängnis gegangen?!‹

Wie versteinert saß die Mihaly da. Und jetzt sah ich mit einem Male, daß sie eigentlich nichts war als eine alte Jungfer, deren Traum vom Glück in sich zusammengebrochen war. Sie tat mir leid. Irgendwie schämte ich mich. ›Madame‹, sagte ich schnell, ›die Sache ist also in Ordnung, ich schicke Ihnen Ihren Rechtsanwalt und Sie sagen ihm . . .‹

Da richtete sich die Mihaly auf, bleich, aber gespannt wie ein Bogen. ›Nein‹, stöhnte sie, ›es ist nicht nötig. Ich habe niemandem etwas zu sagen.‹ Und sie ging. Aber hinter der Tür brach sie zusammen; man mußte ihr die Finger aufbrechen, so krampfhaft waren ihre Fäuste geballt.

Ich biß auf meine Lippen. Schön, sagte ich mir, die Wahrheit ist jetzt gerettet. Aber, du lieber Gott, ist es denn die ganze Wahrheit? All diese Enthüllungen und Enttäuschungen, die herben Erkenntnisse, Desillusionierungen, bitteren Erfahrungen – die sind nur ein Brocken der Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist etwas Größeres. Die Wahrheit ist, daß Liebe, Stolz, Leidenschaft, Ehrgeiz große und närrische Dinge sind, daß jedes Opfer Heldentum beweist und daß der Mensch in seiner Liebe etwas Schönes und Wunderbares ist. Das ist die andere, die größere Hälfte der Wahrheit. Aber man müßte ein Dichter sein, um das verstehen und sagen zu können.«

 

»So ist es«, sagte der Schutzmann Horalek, »bei der Wahrheit kommt es immer darauf an, wie man sie sagt. Da haben wir im vergangenen Jahr einmal einen Defraudanten festgenommen und als wir ihn gerade in der Daktyloskopie hatten, da sprang der Junge, hoppla, vom ersten Stock zum Fenster hinaus und fing an davonzurennen. Der Mann, der bei uns die Fingerabdrücke abnimmt, ist zwar ein älterer Herr; aber in diesem Augenblick dachte er nicht an seine Jahre, hoppla, er sprang dem Kerl schnurstracks nach und brach sich ein Bein. Immer, wenn einem von unseren Leuten etwas zustößt, packt uns die Wut. Und als wir den Burschen dann wieder hatten, nahmen wir uns ihn ein bißchen vor. Bei der Schwurgerichtsverhandlung waren wir Zeugen, und als wir drankamen, sagte uns der Verteidiger: ›Meine Herren, ich will Ihnen wahrhaftig keine Unannehmlichkeiten machen, und wenn es Ihnen peinlich ist, brauchen Sie meine Fragen nicht zu beantworten‹ – der Kerl von einem Anwalt war glatt wie ein Giftfläschchen – ›aber damals, als mein Klient den Fluchtversuch gemacht hatte, da wurde er auf der Polizei geschlagen, nicht wahr?‹

›Aber woher denn!‹ entgegneten wir, ›wir haben nur nachgesehen, ob er sich am Ende bei dem Sprung weh getan hat, und als wir sahen, daß ihm nichts geschehen war – da haben wir ihm eben zugeredet.‹

›Sie müssen ihm aber tüchtig zugeredet haben‹, meinte der Advokat mit einem höflichen Lächeln. ›Laut dem Zeugnis des Polizeiarztes hatte mein Klient infolge dieses Zuredens drei gebrochene Rippen und zusammen an die siebenhundert Quadratzentimeter blutunterlaufener Stellen, besonders auf dem Rücken.‹

Ich zuckte mit den Achseln. ›Der hat sich das Zureden halt sehr zu Herzen genommen‹, sagte ich, und die Sache war in Ordnung. Wissen Sie, wahr ist so manches; man muß nur das richtige Wort dafür finden.«

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