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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
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Der Fall mit dem Kind

»Weil Sie vom Kommissar Bartoschek reden«, begann Herr Kratochvil, »da erinnere ich mich an einen Fall, der auch nicht an die Öffentlichkeit kam; das ist der Fall mit dem Kind. Eines schönen Tages kommt zu dem Bartoschek aufs Kommissariat eine junge Frau gelaufen, die Gattin eines Herrn, der Rat bei den staatlichen Gütern war, eines gewissen Landa; sie heult, daß sie kaum atmen kann. Dem Bartoschek tat sie leid, er fühlte mit ihr, obwohl sie eine scheußlich verschwollene Nase hatte und vom Weinen unzählige Flecken im Gesicht, und er tröstete sie, so gut das eben ein alter Junggeselle und noch dazu ein Polizist kann. ›Jesus Maria‹, sagte er, ›hören Sie schon auf, junge Frau, den Kopf wird er Ihnen ja nicht abreißen, er wird die Sache eine Nacht überschlafen, es wird schon alles wieder gut werden! Und wenn er einen gar zu großen Krawall macht, dann wird da der Wachmann eben mit Ihnen mitgehen und ihm ein paar aufs Maul geben. Aber besser wäre es schon, kleine Frau, wenn Sie Ihrem Mann keinen Anlaß zur Eifersucht geben wollten, – na und die Sache ist jetzt gut, nicht?‹ – Auf diese Weise werden nämlich, müssen Sie wissen, auf der Polizei die meisten Familientragödien geschlichtet.

Aber die Frau schüttelte nur den Kopf und weinte, daß es nicht mitanzusehen war.

›Oder ist es diesmal anders? Zum Teufel hinein! Ist er Ihnen durchgegangen? Glauben Sie mir, er kommt wieder zurück, der Lump, der elendige! Er ist es ja gar nicht wert, der Halunke, daß Sie sich um seinetwillen so aufregen!‹

›He . . . Herr‹, wimmerte die junge Frau, ›man hat mir auf der Straße mein Kind gestohlen!‹

›Was Sie nicht sagen!‹ meinte mißtrauisch der Herr Kommissar, ›und was sollte man denn mit dem Kind anfangen? Es wird sich nur verlaufen haben!‹

›Aber nein!‹ schluchzte die unglückliche Mutter, ›die Rosel ist doch erst drei Monate alt!‹

›Aha‹, brummte Herr Bartoschek, der keine Ahnung hatte, wann Kinder im allgemeinen zu gehen beginnen, ›aber wie konnte es Ihnen denn um Himmels willen gestohlen werden?‹

Allmählich, nachdem er ihr alle Eide geschworen hatte, daß er das Kind bestimmt finden werde, bekam er den Sachverhalt aus ihr heraus: Herr Landa war eben auf einer Dienstreise durch die staatlichen Güter, und Frau Landa wollte für ihre Rosel einen hübschen Latz sticken; und als sie dabei war, in einem Laden Seide für diesen Zweck auszusuchen, stand der Kinderwagen mit Rosel auf der Straße. Als sie wieder herauskam, war die Rosel samt dem Kinderwagen verschwunden. – Das war alles, was Herr Bartoschek im Verlauf einer guten halben Stunde von der schluchzenden Mutter erfahren konnte.

›Also, Frau Landa‹, sagte er endlich, ›so schlimm wird die Sache nicht sein. Überlegen Sie einmal, wer sollte ein Kind stehlen? Da kommt es schon öfter vor, daß man, im Gegenteil, so ein Balg weglegt. Einen derartigen Fall hatte ich schon einmal. Ich glaube, so ein Wurm hat gar keinen Wert, so was läßt sich ja kaum verkaufen. Aber der Kinderwagen, sehen Sie, der hat einen Wert und die Kissen – es waren doch sicher Federkissen – die haben auch einen Wert. Diese Dinge zu stehlen, hat schon eher einen Sinn. Ich möchte annehmen, daß das, was geklaut wurde, der Wagen und die Kissen sind. Ich wette, es war ein Frauenzimmer; ein Mann mit einem Kinderwagen würde doch auffallen. Na, und das Frauenzimmer wird das Kind schon wieder irgendwo weglegen‹, tröstete sie Bartoschek. ›Ich bitte Sie, was fängt sie schon damit an? Ich glaube, wir werden Ihnen den Schreihals noch heute bringen.‹

›Aber die Rosel wird ja furchtbar Hunger leiden‹, jammerte Frau Landa, ›jetzt ist schon die Zeit, zu der sie trinken sollte!‹

›Wir geben ihr schon zu trinken‹, versprach der Kommissar, ›gehen Sie jetzt ruhig nach Hause!‹ – und er rief einen Beamten, damit er die arme Frau begleite.

Am Nachmittag erschien der Kommissar persönlich bei der jungen Frau. ›Frau Landa‹, meldete er ihr, ›den Kinderwagen hätten wir schon, jetzt fehlt uns nur noch das Kind. Den Wagen haben wir leer in einem Hausflur gefunden, und dort gibt es gar keine Kinder. Die Hausmeisterin dort sagt aus, daß eine Frau bei ihr erschienen sei, die bei ihr nur ihrem Kinde zu trinken geben wollte – na, und dann ist sie wieder fortgegangen. Es ist eine verfluchte Geschichte, die Frau hat also doch das Balg stehlen wollen und sonst nichts. Ich glaube, meine Liebe, wenn diese Person sich offenbar so liebevoll mit dem Kind beschäftigt, so wird sie ihm sonst nichts zuleide tun und es nicht aufessen; kurz, Sie können unbesorgt sein, und Schluß.‹

›Aber ich will meine Rosel zurückhaben‹, rief Frau Landa verzweifelt.

›Ja‹, sagte im Amtston der Kommissar, ›da müssen Sie uns, liebe Frau, eine Photographie oder eine Beschreibung von dem Kind geben.‹

›Aber, Herr Kommissar‹, meinte die junge Frau, ›haben Sie noch nicht gehört, daß man Kinder, ehe sie ein Jahr alt sind, nicht photographieren darf? Das tut nicht gut, sagt man, das Kind soll dann angeblich nicht mehr wachsen!‹

›Hm‹, sagte der Kommissar, ›so beschreiben Sie mir wenigstens das Baby genau!‹

Das tat die Mutter nun recht ausführlich. Rosel sollte also so hübsche Härchen haben, ein Näschen und so schöne Äuglein, und viertausendvierhundertfünfzig Gramm wiege sie, und ein reizendes Popochen und Fältchen an den Beinen . . .

›Was für Fältchen?‹ fragte der Kommissar.

›Fältchen zum Küssen‹, wimmerte die Mutter, ›und die süßesten Fingerchen, die Sie sich denken können, und wie sie Mutti anlachen konnte . . .‹

›Aber um Himmels willen, Frau‹, polterte Herr Bartoschek, ›daran können wir sie doch nicht erkennen! Hat sie irgendein besonderes Kennzeichen?‹

›Eine rosa Schleife am Häubchen‹, schluchzte die junge Frau, ›jedes kleine Mädchen hat so eine rosa Schleife. Um aller Heiligen willen, Herr, finden Sie meine Rosel!‹

›Und was für Zähne hat sie?‹ erkundigte sich Herr Bartoschek.

›Gar keine, sie ist doch erst drei Monate alt! Wenn Sie nur wüßten, wie süß sie lachen konnte!‹

Frau Landa fiel auf die Knie: ›Herr Kommissar‹, bat sie, ›versprechen Sie mir, daß Sie sie finden!‹

›Wir werden tun, was wir können‹, brummte Herr Bartoschek verlegen, ›stehen Sie doch bitte auf. Die wichtigste Frage ist: warum hat die Person das Kind gestohlen? Können Sie mir vielleicht sagen, wozu man so einen Säugling verwenden kann?‹

Frau Landa sah ihn mit großen Augen an. ›Das ist doch das Allerschönste auf der Welt‹, erklärte sie, ›Herr, haben Sie denn gar keine mütterlichen Gefühle?‹

Dem Herrn Bartoschek paßte es nicht, zu bekennen, daß er in der Tat keine hatte: ›Ich glaube, nur eine Mutter kann so ein Balg gestohlen haben, eine, die ihr eigenes verloren hat und dafür ein anderes haben will. Wissen Sie, es ist dasselbe, wie wenn einem im Wirtshaus der Hut genommen wird, da sucht man sich halt einen anderen aus und geht. Ich habe übrigens schon veranlaßt, daß nachgeforscht wird, wem in Prag ein drei Monate altes Wickelkind gestorben ist, unsere Leute gehen dann in die betreffenden Häuser und sehen nach. Verstanden? Aber ich mache Sie aufmerksam: nach Ihrer Beschreibung können wir das Kind unmöglich erkennen.‹

›Aber ich erkenne es!‹ schluchzte Frau Landa.

Der Herr Kommissar zuckte die Achseln.

›Ich bleibe trotzdem bei meiner Meinung‹, meinte er nachdenklich, ›ich würde Gift darauf nehmen, daß das Frauenzimmer den Fratzen nur gestohlen hat, um Geld herauszubekommen. Aus Liebe, gute Frau, wird selten gestohlen, fast immer geht es um Geld. Aber hören Sie doch um Jesus Christi willen mit dem Weinen auf! Wir tun ja alles, was in unserer Macht steht!‹

Auf dem Kommissariat sagte Herr Bartoschek zu seinen Leuten: ›Hat einer von euch ein drei Monate altes Balg? Schicken Sie es mir her!‹

So brachte ihm also die Frau eines Schutzmannes ihr Jüngstes. Der Herr Kommissar ließ es auspacken und sagte: ›Das ist doch naß. Na also, Härchen hat es am Kopf, und Fältchen hat es auch – das hier ist wohl die Nase? Und Zähne hat es auch keine. – Sagen Sie mal, Frauchen, wie unterscheidet sich so ein Säugling von einem anderen?‹

Die Frau Schutzmann drückte ihr Kleinstes an die Brust. ›Das ist doch unser Mariechen‹, sagte sie stolz, ›ja sehen Sie denn nicht, Herr Kommissar, daß sie der ganze Vater ist?‹

Der Herr Kommissar schaute den Polizisten Hochmann mit unsicherem Blick an, der mit hochgezwirbeltem Schnurrbart und gerunzeltem Gesicht seinen Sprößling angrinste, mit seinem dicken Finger vor dem Gesicht des Säuglings herumfuchtelte und ihn mit Lauten wie ›Tititi‹ und ›Wauwauwau‹ erfreute.

›Ich weiß nicht recht‹, knurrte der Kommissar, ›die Nase zum Beispiel kommt mir etwas anders vor. Aber vielleicht wird sie noch wachsen. Warten Sie, ich gehe nur mal hinunter in den Park nachsehen, wie diese Wickelkinder ausschauen. Ja, unsereiner kümmert sich nur um Taschendiebe und andere Vagabunden, aber dieser Laich in den Steckkissen, mit dem bekommen wir nichts zu tun.‹

Nach einer Stunde kam Bartoschek niedergeschlagen zurück.

›Schrecklich, ein Kind sieht aus wie das andere! Wie soll man da eine Personenbeschreibung machen. Gesucht wird ein drei Monate altes Baby, weiblichen Geschlechts, mit Härchen, mit einem Näschen, mit Äuglein, mit Fältchen am Ärschlein. Besonderes Kennzeichen: wiegt viertausendvierhundertfünfzig Gramm. Glauben Sie, daß das genügt?‹

›Herr Kommissar‹, sagte Hochmann ernst, ›das mit den viertausendvierhundertfünfzig Gramm würde ich weglassen, so ein Baby wiegt einmal mehr und einmal weniger, je nachdem, ob und was für einen Stuhl es gehabt hat.‹

›Du meine Güte‹, jammerte der Kommissar, ›wie soll ich das alles wissen? Diese kleinen Kinder fallen doch nicht in unser Referat. Mir fällt da etwas ein‹, sagte er plötzlich erleichtert, ›könnten wir die Geschichte nicht jemandem anderen anhängen, meinetwegen der Mütter- und Säuglingsfürsorge?‹

›Aber wir haben es doch als Diebstahlsfall bekommen‹, wandte der Schutzmann ein.

›Stimmt‹, knurrte der Kommissar. ›Mein Gott, wenn es eine Uhr wäre oder sonst eine vernünftige Sache, die gestohlen wurde, so wüßte ich mir schon Rat. Aber wie man gestohlene Kinder sucht, davon habe ich keine blasse Ahnung!‹

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und herein trat, von einem Schutzmann geführt, die weinende Frau Landa. ›Herr Kommissar‹, meldete er, ›diese Frau wollte einer anderen Frau auf der Straße einen Säugling aus den Armen reißen und hat dabei so randaliert, daß ich sie festnehmen mußte.‹

›Um Himmels willen, Frau Landa‹, fuhr sie der Kommissar an, ›was treiben Sie denn?‹

›Es war doch meine Rosel‹, heulte die junge Frau.

›Das war keine Rosel‹, sagte der Schutzmann. ›Die Frau war die Frau Roubal aus der Budetschgasse, und das Kind ist ihr drei Monate alter Junge.‹

›Da sehen Sie, Sie unglückselige Person‹, begann Herr Bartoschek zu wettern, ›was Sie anrichten. Wenn Sie sich noch einmal einmischen, so schmeißen wir Ihnen die Sache hin, verstanden? – Warten Sie‹, fiel ihm auf einmal ein, ›auf welchen Namen hört denn ihr Kleines?‹

›Außer Rosel‹, schluchzte die Mutter, ›nennen wir sie Putzi, Dididi, Püppchen, Mausi, Hemdenmatz, Engelchen, Mamas Liebling, Papas Herzchen, Schnutchen, Käferchen, Busselchen, Schnucki, Minni, Pipi, Schneckerl, Goldi . . .‹

›Und auf alles das hört es?‹ fragte der Kommissar erstaunt.

›Alles versteht sie‹, versicherte die Mutter unter Tränen, ›und sie lacht so süß, wenn wir ihr Wauwauwau sagen oder Bububu oder Tititi oder Patzipatzi . . .‹

›Davon haben wir wenig‹, meinte der Kommissar, ›ich muß Ihnen leider sagen, Frau Landa, daß wir bisher Pech gehabt haben. In den Familien, in denen es Kindertodesfälle gegeben hat, hat sich Ihre Rosel nicht gefunden. Unsere Leute haben jedes einzelne Haus abgesucht.‹

Frau Landa sah starr vor sich hin. ›Herr Kommissar‹, stieß sie hervor und eine plötzliche Hoffnung schien in ihr aufzublitzen, ›dem, der meine Rosel findet, gebe ich zehntausend Kronen! Schreiben Sie eine Belohnung aus: wer Sie auf die Spur meines Kindes bringt, bekommt zehntausend!‹

›Ich würde das an Ihrer Stelle nicht tun‹, sagte Herr Bartoschek.

›Sie haben kein Gefühl!‹ rief die junge Frau, ›ich würde für meine Rosel die ganze Welt geben!‹

›Gut, wie Sie wollen‹, brummte ärgerlich Herr Bartoschek, ›ich werde das mit der Belohnung melden; aber mischen Sie sich um Gottes willen nicht mehr in die Sache ein!‹

›Ein schwerer Fall ist das‹, stöhnte er, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. ›Aber warten Sie, ich weiß, was jetzt geschehen wird!‹

Und es geschah in der Tat: am nächsten Tag brachten drei Geheime je ein drei Monate altes brüllendes Mädchen und einer, es war der Pistora, steckte nur den Kopf zur Tür hinein und zeigte die Zähne: ›Herr Kommissar, wie wär's mit einem Jungen? Einen Jungen hätte ich, und billig!‹

›Das kommt von dieser verfluchten Belohnung‹, schimpfte Herr Bartoschek, ›auf Ja und Nein werden wir ein ganzes Findelhaus hier haben. Verdammter Fall!‹

›Verdammter Fall!‹ sagte er wütend, als er sich wieder in seiner Junggesellenbehausung fand. ›Wenn ich nur wüßte, wie wir das Balg jetzt finden!‹

In der Wohnung war gerade seine Aufwartefrau, eine alte Hexe mit einem Riesenmaul. Sie strahlte vor Begeisterung. ›Schauen Sie sie nur an, Herr Kommissar!‹ sagte sie ihm statt jeder Begrüßung, ›unsere Barina!‹

Sie müssen wissen, dieser Herr Bartoschek hatte von Herrn Justitz eine reinrassige Boxerhündin bekommen, eben diese Barina, und die hatte sich mit einem Wolfshund eingelassen. Mir ist es ein Rätsel, wie diese verschiedenen Hunderassen einander überhaupt als Hunde erkennen. Zum Beispiel kann ich nicht begreifen, woran ein Windhund erkennt, daß ein Dackel auch ein Hund ist. Wir Menschen, wir unterscheiden uns im großen und ganzen nur durch unsere Sprache und durch den Glauben und dabei möchten wir uns am liebsten gegenseitig auffressen. Diese Barina also hatte neun Welpen von einem Wolfshund und jetzt lag sie bei den Kleinen, wedelte mit dem Schwanz und lächelte selig.

›Schaun Sie nur‹, jubelte die Aufwartefrau, ›wie stolz sie auf die Jungen ist. Was sie sich auf sie einbildet, das Aas. Na, wie eben jede Mutter!‹

Herr Bartoschek überlegte eine Weile, dann fragte er: ›Wirklich, Frau, sind alle Mütter so?‹

›Na, und ob!‹ erklärte die Frau. ›Probieren Sie nur einmal, vor irgendeiner Mutter ihr Kind zu loben!‹

›Interessant‹, brummte Herr Bartoschek. ›Versuchen wir's einmal damit!‹

Am nächsten Tag gab es in Groß-Prag keine Mutter, die nicht entzückt gewesen wäre. Sobald eine von ihnen mit ihrem Kind auf dem Arm oder im Wagen aus dem Hause kam – schon war ein uniformierter Polizist oder ein Herr im steifen Hut bei ihr, grinste ihr reizendes Kindchen an und kraulte ihm liebevoll das Kinn.

›Ist das aber ein reizendes Kleines‹, sagten sie freundlich, ›wie alt ist es denn?‹ – Meine Herren, es war ein Tag der Freude und des Stolzes für die Prager Mütter!

Es war noch nicht ganz elf Uhr Vormittag, als ein Geheimer bei Kommissar Bartoschek eintrat und eine blasse, zitternde Frau hereinschob. ›Da hätten wir sie also, Herr Kommissar‹, meldete er im Amtstone. ›Ich traf sie mit dem Kinderwagen, und als ich ihr sagte: »Ach, haben Sie aber ein reizendes Kleines, wie alt ist es denn?« – da warf sie mir böse Blicke zu und versteckte das Kind hinter den Vorhängen. Da habe ich gesagt: »Machen Sie keine Umstände, Frau, und kommen Sie mit!«‹

›Laufen Sie um Frau Landa!‹ sagte der Kommissar. ›Und Sie, Sie Person, sagen Sie mir, warum um Himmels willen haben Sie denn das Kind gestohlen?‹

Die Person leugnete nicht lange. Sie war ein lediges Mädel und hatte von einem Herrn ein Töchterchen gehabt. In den letzten Tagen war im Bäuchlein des Kindes etwas nicht in Ordnung gewesen und es hatte zwei Nächte lang geschrieen. In der dritten Nacht gab ihm die Mutter im Bett die Brust und schlief beim Stillen ein; als sie früh aufwachte, sei das Kind blau unterlaufen und bereits tot gewesen. Ob so etwas möglich ist«, meinte Herr Kratochvil mit einem gewissen Zweifel, »weiß ich nicht.«

»Möglich ist es schon«, mischte sich Doktor Vitasek ins Gespräch, »erstens war die Mutter nicht ausgeschlafen, zweitens dürfte das Kind einen Katarrh gehabt und ein paar Tage die Brust abgelehnt haben. Deshalb war wohl die Brust zu schwer, und als die Mutter einschlief, mag sie dem Kind auf das Näschen gerutscht und die Kleine erstickt haben. So etwas kann schon vorkommen. Also weiter!«

»Vielleicht war es so«, fuhr Herr Kratochvil fort, »und als die Frau morgens sah, daß ihr Kind tot war, ging sie fort, um es zu melden. Unterwegs aber fiel ihr Frau Landas Kinderwagen ins Auge und da kam sie auf eine Idee: wenn sie sich ein anderes Kind beschaffte, so würde ihr der Herr weiter Alimente zahlen. Und außerdem«, Herr Kratochvil wurde rot vor Verlegenheit, »außerdem behauptete sie, die Milch habe sie so furchtbar gedrückt.«

Doktor Vitasek nickte: »Das ist sehr wahrscheinlich!«

Herr Kratochvil entschuldigte sich: »In diesen Sachen kenne ich mich nicht aus. Zu diesem Zwecke also stahl sie das Kind mit dem Wagen und ließ dann den Wagen in einem fremden Hausflur stehen, und die Rosel trug sie als Ersatz für ihr Kind heim. Aber sie muß schon ein verrücktes Frauenzimmer gewesen sein; denn ihr totes Kind legte sie indessen in den Eisschrank. Angeblich um es in der Nacht irgendwo zu vergraben oder wegzulegen; aber sie fand nicht den Mut dazu.

Inzwischen war Frau Landa auf der Polizei erschienen. ›So, junge Frau‹, sagte Herr Bartoschek zu ihr, ›da haben Sie Ihr Baby wieder.‹

Frau Landa zerfloß in Tränen. ›Das ist doch nicht meine Rosel‹, stieß sie hervor. ›Meine Rosel hatte ein anderes Häubchen!‹

›Himmelherrgott!‹ schrie der Kommissar, ›packen Sie sie aus!‹ Und als das Kind auf seinem Schreibtisch lag, hob er es an den Beinchen hoch und sagte: ›Schauen Sie nur, was für Fältchen es am Popochen hat!‹ – Aber da hatte Frau Landa das Kind schon genommen, und dann kniete sie neben ihm auf dem Fußboden und küßte seine Händchen und Füßchen. ›Meine Rosel‹, rief sie unter Tränen, ›mein Vögelchen, Dididi, du Muttis Liebling, du Zuckerschnutchen, du mein Goldchen . . .‹

›Ich bitte Sie, Frau‹, sagte Herr Bartoschek mürrisch, ›hören Sie auf oder, meiner Seel, ich gehe noch hin und heirate! Und die zehntausend Kronen spenden Sie für ledige Mütter, verstanden?‹

›Herr Kommissar‹, sprach Frau Landa feierlich, ›nehmen Sie das Kind in Ihre Arme und segnen Sie es!‹

›Muß das sein?‹ knurrte Herr Bartoschek, ›wie faßt man so etwas an? Aha! Aber schauen Sie, es fängt zu heulen an. Da haben Sie's, nehmen Sie's – aber rasch!‹

Und damit ist der Fall mit dem Kind zu Ende.«

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