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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
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Tschintamanin und Vogel

»In Perserteppichen«, sagte Herr Doktor Vitasek, »kenne ich mich einigermaßen aus, das wissen Sie doch. Aber Sie haben schon recht, Herr Fuchs, wie es einmal war, ist es heute nicht mehr. Heute machen sich diese Gauner im Orient nicht mehr die Mühe, die Wolle mit Indigo, Safran, Cochenille, Kamelharn, Eichelextrakt und dergleichen edlen organischen Stoffen zu färben. Auch die Wolle, die sie verwenden, ist nicht mehr so gut wie früher, und wie die Muster heruntergekommen sind, davon kann man gar nicht reden, ohne zu heulen. Ja, es ist eine vergangene Kunst, die Teppichknüpferei. Und deshalb haben nur alte Stücke, Stücke, die vor dem Jahr 1870 geknüpft worden sind, heute noch großen Wert. Aber solche Stücke erwischt man nur, wenn irgendeine alte Familie Sachen verkauft, die noch vom Großvater stammen – aus ›Familienrücksichten‹, wie man in besseren Familien Verschuldung zu nennen pflegt. Vor einiger Zeit habe ich auf der Burg Rosenberg einen echten Siebenbürgener gesehen – Siebenbürgener sind diese gewissen kleinen Gebetsteppiche, wie die Türken sie im siebzehnten Jahrhundert gemacht haben, als sie sich in Siebenbürgen festgesetzt hatten. Jetzt trampeln dort die Touristen mit ihren Nagelschuhen drauf herum und kein Mensch weiß, wie wertvoll das Zeug ist; ja, es ist wirklich zum Weinen! Und so haben wir hier in Prag auch einen der allerseltensten Teppiche, und niemand weiß davon.

Die Sache ist die: natürlich kenne ich sämtliche Teppichhändler, die es bei uns gibt, und gehe dann und wann von einem zum andern, um zu sehen, was bei ihnen los ist. Es kommt schon vor, daß irgendein Agent in Anatolien oder in Persien doch noch ein altes Stück erwischt, das aus einer Meschitte oder sonst irgendwo gestohlen wurde; das packen sie zu der gewöhnlichen Meterware, und die ganze Sendung wird dann, egal, was drin ist, nach Gewicht verkauft. Da könnte, denke ich mir, auch einmal ein Ladik oder ein Bergamo beigepackt worden sein, und deshalb springe ich mal zu dem, mal zu jenem Teppichhändler, setzte mich auf einen Stoß Ware, rauche meine Zigarette und sehe den Kerls zu, wie sie ihren Gimpeln ihre Bucharas, Saruks, Smyrnas verkaufen. Und dann passiert es manchmal, daß ich frage: was ist denn das dort unten, der Gelbe? Na, und dann stellt sich heraus, daß es ein Hamadan ist. So besuchte ich auch von Zeit zu Zeit eine gewisse Frau Severin – die hat in einem Hof drüben in der Altstadt ihren Laden – und man kann bei ihr hier und da ganz hübsche Kelims und Karamanien finden. Das ist eine dickliche, muntere Person, die nie zu reden aufhört; und ein Pudelweibchen hat sie, das ist so fett, daß einem schlecht wird, wenn man es ansieht. Ich kann so was nicht ausstehen. Diese verfetteten Hunde sind alle mürrisch und asthmatisch und ihr Bellen klingt immer gereizt. Hat übrigens schon einmal einer der Herren einen jungen Pudel gesehen? Ich nicht. Ich denke, es ist mit den Pudeln so ähnlich wie mit den Inspektoren, Revidenten und Steuerbeamten: alle sind alt. Das gehört wahrscheinlich zu den Rassemerkmalen. Mir lag aber daran, mit Frau Severin auf gutem Fuße zu bleiben, und so setzte ich mich immer in die Ecke, in der die Hündin Amina auf einem bestimmten großen, viereckig zusammengelegten Teppich schnarchte und schnaufte, und kraulte ihr den Rücken; Amina liebte das.

›Frau Severin‹, sagte ich einmal, ›mir scheint, Ihre Geschäfte gehen schlecht; der Teppich, auf dem ich sitze, liegt schon drei Jahre da.‹

›Länger‹, meinte Frau Severin, ›gute zehn Jahre. Aber er gehört nicht mir.‹

›Ah‹, sagte ich, ›der gehört wohl der Amina.‹

›Aber woher!‹ lachte Frau Severin, ›er gehört einer Dame. Zu Hause, sagt sie, hat sie keinen Platz für ihn, und so liegt er eben hier. Mir ist er ordentlich im Weg, aber die Amina hat wenigstens ihren Platz, gelt, Amina?‹

Ich schlug einen Zipfel des Teppichs zurück, ohne mich durch Aminas wütendes Geknurre daran hindern zu lassen. ›Der ist alt‹, sagte ich, ›darf ich ihn einmal ansehen?‹

›Warum nicht?‹ meinte Frau Severin und nahm Amina auf den Arm. ›Komm, Amina, der Herr schaut sich nur den Teppich an, und dann wird die Amina schön wieder hingelegt. Pst, Amina, nicht knurren! Geh, du bist dumm!‹

Inzwischen hatte ich den Teppich auseinandergebreitet, und mir schlug das Herz wie verrückt. Ein weißer Anatolier war das, aus dem siebzehnten Jahrhundert, stellenweise schon ganz abgetreten. Aber, denken Sie nur, es war ein Vogelteppich mit dem Tschintamaninmuster und mit Vögeln; das ist, müssen Sie wissen, ein heiliges Muster und darum verboten. So ein Teppich ist eine unerhörte Seltenheit. Und das Stück dort war mindestens fünf zu sechs Meter groß, weiß mit Türkisblau und Kirschrot . . . Also, ich stellte mich zum Fenster, damit mir Frau Severin nicht ins Gesicht sehen könne, und sagte: ›Das ist ein alter Fetzen, Frau Severin, der wird durch das Herumliegen hier noch ganz kaputt. Ich sage Ihnen etwas: Sprechen Sie mit der Frau; wenn sie keinen Platz für ihn hat, so kaufe ich ihn.‹

›Das wird schwer sein‹, antwortete Frau Severin, ›ich habe den Teppich nicht zum Verkaufen bekommen, und die Dame ist meistens in Meran oder in Nizza. Ich weiß nicht einmal, wann sie in Prag ist. Aber ich will versuchen, sie zu erreichen.‹

›Haben Sie die Güte‹, sagte ich möglichst gleichgültig und ging. Sie müssen wissen, für einen Sammler ist es Ehrensache, so ein rares Stück für einen Pappenstiel zu kaufen. Ich kenne einen sehr bedeutenden und reichen Mann, einen Büchersammler. Es spielt keine Rolle für ihn, für eine dieser alten Scharteken auch ein paar Tausender auszugeben. Aber wenn es ihm gelingt, einem Trödler die Erstausgabe der Gedichte von Johann Krasoslav Chmelensky für zwei Kronen abzuhandeln, dann springt er vor Freude bis zur Decke. Es ist ein Sport; wie die Gemsenjagd. Ich habe mir also in den Kopf gesetzt, diesen Teppich billig zu erwerben und ihn dann dem Museum zu schenken; solche Stücke gehören nur dorthin. Nur wünschte ich mir, daß dann ein Zettel über ihm hängen sollte, mit der Aufschrift: ›Geschenk des Doktor Vitasek‹. Irgendeine Art Ehrgeiz hat eben jeder Mensch, und ich gebe zu, daß der Gedanke mir mächtig einheizte. Ich hatte einen schweren Kampf mit mir selbst auszufechten, um nicht gleich am nächsten Tag hinzurennen und mir den Teppich mit den Vögeln und den Tschintamanin wieder anzusehen. Die Sache ging mir nicht aus dem Kopf. Noch einen Tag, sagte ich mir immer wieder, mußt du es aushalten. Und ich hielt es aus, mir selber zum Trotz. Aus Selbstquälerei, das ist schon manchmal so. Aber nach etwa vierzehn Tagen fiel mir ein, daß ja auch jemand anderer den Vogelteppich finden könnte, und ich rannte zu Frau Severin.

›Ist etwas geschehen?‹ schrie ich schon in der Tür.

›Was soll geschehen sein?‹ fragte sie mich erstaunt, und ich kam wieder zu mir.

›Nichts‹, sagte ich, ›ich ging nur eben mal vorbei, und da fiel mir der alte weiße Teppich ein; verkauft ihn die Frau?‹

Frau Severin schüttelte den Kopf. ›Ach, woher! Die ist jetzt in Biarritz, und kein Mensch weiß, wann sie zurückkommt.‹

Ich kam oft, um zu sehen, ob der Teppich noch da sei. Natürlich lag immer die Amina auf ihm, sie war noch dicker und ihr Fell noch schäbiger als sonst, und sie wartete darauf, daß ich ihr den Rücken kraulte.

Ich mußte dann nach London fahren, und da ich schon einmal dort war, suchte ich Keith auf – wissen Sie, Sir Douglas Keith ist heute die größte Kapazität für orientalische Teppiche.

›Sir Douglas‹, sagte ich ihm, ›sagen Sie mir, bitte, was könnte ein weißer Anatol mit Tschintamanin und Vögeln, fünf zu sechs Meter groß, ungefähr wert sein?‹

Sir Douglas sah mich über seine Brillengläser hinweg an und rief, offensichtlich wütend: ›Gar nichts!‹

›Wieso gar nichts?‹ antwortete ich bestürzt, ›warum sollte so ein Teppich keinen Wert haben?‹

›Weil es ihn nicht gibt!‹ schrie mich Sir Douglas an. ›Sie sollten es wissen, Herr: der größte Teppich mit Tschintamanin und Vögeln, der überhaupt bekannt ist, mißt kaum drei mal fünf Yard!‹

Mir stieg vor Freude das Blut in den Kopf. ›Aber nehmen wir einmal an‹, sagte ich, ›daß ein Stück von dieser Größe tatsächlich existierte; welchen Wert würde es haben?‹

›Ich habe Ihnen schon gesagt: keinen!‹ schrie Sir Douglas. ›So ein Stück, Herr, wäre ein Unikat, und wie wollen Sie den Wert eines Unikats bestimmen? Wenn eine Sache ein Unikat ist, kann sie genau so gut zehntausend wie tausend Pfund wert sein, was weiß ich! Übrigens existiert so ein Teppich nicht, mein Herr, damit Sie es wissen! Guten Tag!‹

Sie können sich vorstellen, wie mir bei der Heimkehr zumute war. Herr des Himmels, ich mußte das Stück mit dem Tschintamanin bekommen! Und jetzt bitte ich Sie, sich das nur vorzustellen: unter keinen Umständen durfte ich auf den Verkauf drängen, das tut ein Sammler nicht; dann war da die Frau Severin, die gar kein Interesse daran hatte, den alten Fetzen, auf dem ihre Amina sich so wohl fühlte, zu verkaufen, und dann war da das verdammte Frauenzimmer, dem der Teppich gehörte, das heißt, sie fuhr von Meran nach Ostende, von Baden nach Vichy – die Person muß wohl eine Art medizinisches Lexikon zu Hause gehabt haben, so viel Krankheiten hatte sie zu kurieren; immerfort steckte sie in irgendeinem Bad. So ging ich also ungefähr alle vierzehn Tage zu Frau Severin und sah nach, ob der Teppich mit all seinen Vögeln noch in der Ecke liege, streichelte die widerliche Amina, bis sie vor Wollust quiekte, und damit meine Besuche nicht zu auffällig würden, kaufte ich jedesmal irgendeinen Teppich. Ich habe zu Hause, meine Herren, ganze Haufen dieser gewöhnlichen Schiras, Schirwan, Mossul, Kabristan – alles Meterware, aber immerhin war auch ein klassischer Derbent darunter, wie man ihn nicht alle Tage sieht, und ein alter blauer Khorasan. Aber was ich in diesen zwei Jahren gelitten habe, das kann nur ein Sammler begreifen. Was sind dagegen Liebesqualen! Und das Furchtbare ist, daß meines Wissens noch kein einziger Sammler sich das Leben genommen hat; im Gegenteil, sie erreichen gewöhnlich ein hohes Alter. Es muß schon eine gesunde Leidenschaft sein, das Sammeln.

Eines schönen Tages sagte mir Frau Severin: ›Also die Frau Zanelli, der der Teppich gehört, ist jetzt da. Ich habe ihr gesagt, daß ich einen Käufer für den weißen Ladenhüter hätte; er verdirbt sowieso durch das Liegen, habe ich ihr gesagt. Aber sie hat darauf gemeint, er sei ein Familienstück, sie habe es nicht nötig, ihn zu verkaufen und ich solle ihn nur ruhig hier lassen!‹

Ich lief selbstverständlich sofort zu dieser Frau Zanelli. Weiß Gott was für eine Weltdame hatte ich mir vorgestellt. Aber in Wirklichkeit war sie eine häßliche alte Schachtel, mit einer violetten Nase und einer Perücke. Außerdem hatte sie einen merkwürdigen Tick, ihr Mund rutschte in regelmäßigen Abständen von der linken Wange bis zum Ohr hinauf.

›Gnädige Frau‹, sagte ich und konnte den Blick nicht davon wenden, wie ihr Maul über ihr Gesicht tanzte, ›ich interessiere mich für Ihren weißen Teppich. Das Stück ist zwar schadhaft, aber für mein Vorzimmer wäre es gerade das richtige, wissen Sie.‹ Während ich auf Antwort wartete, passierte es mir, daß auch mein Mund zu zucken anfing und auf die linke Seite hüpfte. Ob der Tick nun wirklich ansteckend war oder ob es nur meine Aufregung war, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich vergebens dagegen ankämpfte.

›Was erlauben Sie sich!‹ schrie mich das greuliche Frauenzimmer mit quietschender Stimme an. ›Machen Sie, daß Sie fortkommen, aber rasch, rasch!‹ kreischte sie. ›Das Stück ist noch von meinem Großvater. Wenn Sie nicht sofort verschwinden, rufe ich die Polizei! Ich bin eine von Zanelli, Herr! Ich verkaufe keine Teppiche! Mary! Der Mensch soll gehen!‹

Wie ein Schuljunge floh ich die Treppe hinunter. Am liebsten hätte ich vor Wut und Trauer geheult. Was hätte ich tun sollen? Das ganze Jahr über besuchte ich Frau Severin. Aminas Knurren war inzwischen zu einem Grunzen geworden, unbeschreiblich fett war sie und fast ganz kahl. Nach einem Jahr kam Frau von Zanelli wieder. Ich war schon ermüdet und tat damals etwas, dessen ich mich als Sammler eigentlich zu Tode schämen müßte: ich schickte meinen Freund zu ihr, den Advokaten Bimbal. Der ist ein eleganter Mann mit einem Bart, der ihm bei allen Frauen unbedingtes Vertrauen verschafft. Ich beauftragte ihn, der ehrenwerten Dame für den Vogelteppich einen vernünftigen Preis anzubieten. Ich wartete unten auf der Straße, erregt wie ein Brautwerber, der der Antwort harrt. Nach drei Stunden kam Bimbal wieder, wankend, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. ›Du Halunke‹, fuhr er mich an, ›dich erwürge ich noch! Wie komme ich dazu, mir wegen deiner Dummheiten drei Stunden lang die Familiengeschichte der Zanellis anzuhören? Und daß du es weißt‹, schrie er giftig, ›den Teppich kriegst du nicht. Rund siebzehn Zanellis würden sich in ihren Gräbern am Olschaner Friedhof umdrehen, wenn das Familienandenken ins Museum käme. Herrgott noch einmal, wie habe ich mich da von dir hereinlegen lassen!‹ – Und er ließ mich stehen.

Sie wissen ja, wie das ist: man setzt sich was in den Kopf, und davon läßt man nicht mehr ab. Und wenn man noch dazu ein Sammler ist, dann geht man auch morden, wenn es sein muß. Das Sammeln ist ja im Grunde genommen eigentlich eine heroische Beschäftigung. Und so entschloß ich mich, meine Herren, den Teppich mit den Tschintamanin und den Vögeln einfach zu stehlen. Ich begann damit, daß ich mir die Umgebung ansah. Der Laden der Frau Severin liegt im Hof. Es ist ein Durchhaus, das um neun Uhr abends gesperrt wird, und mit einem Sperrhaken wollte ich das Tor nicht öffnen, weil ich das nicht kann. Durch das Haus kommt man in einen Keller; dort könnte man sich verstecken, dachte ich, ehe das Haus geschlossen wird. Im Hofe steht noch ein Schuppen. Wenn es gelänge, auf das Dach dieses Schuppens zu kommen, so könnte man dann in den Nachbarhof hinuntersteigen, der gehörte zu einem Wirtshaus, und aus dem Wirtshaus herauszukommen würde dann keine Schwierigkeiten mehr machen. Die Sache schien also einfach genug. Es handelte sich nur noch darum, das Ladenfenster von außen aufzumachen. Zu diesem Zweck kaufte ich einen Glaserdiamanten und übte an meinen eigenen Fenstern das Ausschneiden von Scheiben.

Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß das Stehlen wirklich so einfach ist. Jedenfalls ist es schwieriger als eine Prostata-Operation oder als einem Menschen die Niere herauszunehmen. Die erste Schwierigkeit ist, sich nicht sehen zu lassen. Dann kommt das Warten, dann noch verschiedene andere Unbequemlichkeiten. Dann die Unsicherheit, man hat ja keine Ahnung, wie leicht man da oder dort anrennt. Es ist, glauben Sie mir, ein schweres Handwerk, und eines, das sich schlecht bezahlt macht. Wenn ich heute in meiner Wohnung einen Einbrecher fände, ich würde ihn bei der Hand nehmen und ihm sanft ins Gewissen reden: ›Menschenskind, macht es Ihnen wirklich Spaß, sich damit solche Mühe zu machen? Schauen Sie, lassen Sie sich doch eine bequemere Weise einfallen, Ihre Mitmenschen zu bestehlen!‹

Ich weiß nun allerdings nicht, wie es anderen Leuten ergeht, wenn sie stehlen; meine eigenen Erfahrungen sind nicht gerade günstig. An dem kritischen Abend – so sagt man doch – schlich ich mich in das Haus ein und versteckte mich auf der Kellertreppe. So wenigstens würde es in einem Polizeibericht heißen. In Wirklichkeit sah die Sache anders aus. Ich trieb mich eine halbe Stunde lang im Regen vor dem Haustor herum und machte mich dadurch natürlich jedem Vorübergehenden verdächtig. Endlich, mit dem Mut der Verzweiflung, wie man ihn hat, wenn man sich einen Zahn ziehen läßt, ermannte ich mich und betrat den Gang. Selbstverständlich stieß ich sofort mit einem Dienstmädchen zusammen, das nebenan aus dem Gasthaus Bier holen wollte. Nur um sie zu beruhigen, flüsterte ich ihr ›Herzchen‹ oder ›Kätzchen‹ oder sonst ein freundliches Wort zu und versetzte sie damit in solchen Schrecken, daß sie davonrannte. Ich verbarg mich auf der Kellertreppe. Die Ferkel von Hausbewohnern hatten dort ihre Aschenkübel und allerlei Gerümpel hingestellt, das bei meiner sogenannten Einschleicherei mit gewaltigem Krach umfiel. Jetzt kam das Dienstmädchen mit dem Bier zurück und erzählte dem Hausmeister mit allen Zeichen der Aufregung, im Hause sei ein Mann versteckt, den sie nicht kenne. Der prächtige Kerl von Hausmeister ließ sich jedoch nicht stören, er erklärte, der Fremde sei wahrscheinlich irgendein Saufbold gewesen, der den Weg ins Wirtshaus nebenan verfehlt habe. Eine Viertelstunde später versperrte er gähnend und spuckend die Haustür und still war's. Nur das starke und einsame Schlucken eines Dienstmädchens tönte von einem der oberen Stockwerke herab. Merkwürdig, wie gewaltig das Schlucken mancher Dienstmädchen sein kann, wahrscheinlich ist es Herzweh, was sie dazu bringt. Mir wurde langsam kalt, und es stank säuerlich und schimmlig. Ich befühlte die Wände um mich. Alles, was ich anfaßte, war feucht und schlüpfrig. Herrgott, eine riesige Sammlung von Fingerabdrücken des Doktor Vitasek, unseres berühmten Urologen, muß dort zurückgeblieben sein! Die Zeit wollte nicht vergehen. Als ich mir einbildete, es sei Mitternacht, war es gerade zehn Uhr. Um Mitternacht gedachte ich mit meinem Einbruch zu beginnen. Aber schon um elf hielt ich es nicht mehr aus und machte mich ans Stehlen. Sie können sich nicht vorstellen, was ein Mensch, der die Absicht hat, geräuschlos durch das Dunkel zu schleichen, an Lärm verursachen kann. Aber das ganze Haus war mit festem Schlaf gesegnet. Endlich langte ich beim Fenster an und begann das Glas zu schneiden; es kreischte greulich. Von drin kam gedämpftes Bellen. Jesus Maria, die Amina!

›Amina‹, flüsterte ich, ›halt's Maul, du Luder! Ich bin's, wart nur, ich kraule dir den Rücken!‹ Sie müssen sich vorstellen, wie schwer es ist, im Finstern den Diamanten dort wieder einzusetzen, wo man abgesetzt hat. Ich fuhr also mit dem Ding auf der Glastafel hin und her, so lange, bis ich die Geduld verlor, etwas fester zudrückte und die Scheibe klirrend in Trümmer ging. So, dachte ich, jetzt wird das ganze Haus zusammenlaufen, und ich sah mich nach einem Versteck um. Aber nichts dergleichen geschah. Mit einer schon perversen Ruhe drückte ich die andere Scheibe einfach ein und machte das Fenster auf. Amina bellte ein Weilchen, mundfaul und konventionell, als wollte sie nur den Eindruck erwecken, daß sie ein pflichttreuer Hund sei. Ich kroch also durchs Fenster und eilte zuerst zu dem scheußlichen Vieh. ›Amina‹, flüsterte ich wie im Fieber, ›wo hast du deinen Rücken? Sieh nur, mein Goldtierchen, das Herrchen ist ja dein Freund – das gefällt dir, was, du Luder?‹ Amina krümmte sich vor Wonne, das heißt, soweit ein Sack sich krümmen kann, und ich redete mit Honigzungen auf sie ein: ›So, und jetzt laß mich in Ruhe, du Köter!‹ Und dabei versuchte ich, den herrlichen Vogelteppich unter ihr wegzuziehen. Die Amina aber, die das Stück wohl für ihren ureigensten Besitz hielt, fing zu schreien an. Das war kein Bellen mehr, es war ein Gebrüll. ›Um Gottes willen, Amina‹, redete ich ihr hastig zu, ›sei still, du Canaille! Wart, ich mach dir ein schöneres Bett!‹ Und mit einem Ruck riß ich den scheußlichen, glänzenden Kirman von der Wand, auf den Frau Severin die größten Stücke hielt. ›Schau, Amina‹, flüsterte ich, ›darauf wirst du wunderbar schlafen!‹ Interessiert sah mir Amina zu. Aber sobald ich die Hand nach ihrem Teppich ausstreckte, begann sie wieder zu heulen. Ich stellte mir vor, daß man sie bis ans Ende der Stadt hören müsse. Durch erneutes, besonders liebevolles Kraulen brachte ich das Untier noch einmal in ekstatische Wonne und nahm es auf den Arm. Aber sowie ich nach dem weißen Unikat mit den Tschintamanin und den Vögeln langte, röchelte Amina asthmatisch und fing wieder zu schimpfen an. ›Du Biest‹, sagte ich vernichtet, ›so bleibt mir denn leider nichts übrig, als dich umzubringen!‹

Ich versichere Ihnen, daß ich es heute noch nicht begreifen kann; ich sah mit dem wildesten Haß von der Welt nach diesem scheußlichen, fetten, niederträchtigen Köter – aber ich konnte und konnte das Luder nicht umbringen. An Instrumenten fehlte es nicht, ich hatte ein gutes Messer bei mir, einen Hosenriemen um den Bauch; ich hätte den Hund abstechen, ich hätte ihn erdrosseln können, aber ich hatte einfach nicht das Herz dazu. Ich saß neben ihm, auf dem Götterteppich, und kraulte ihn hinter den Ohren. Es half nicht, daß ich mir zuflüsterte: Ein Feigling bist du! Ein, zwei Bewegungen und du bist am Ziel! So viele Menschen hast du operiert, so viele in Angst und Schmerzen sterben gesehen; und diesen Hund kannst du nicht töten? – Ich knirschte mit den Zähnen, um mir Mut zu machen; vergebens. Da fing ich zu weinen an. Ich glaube, vor Scham. Amina aber winselte und leckte mir das Gesicht.

›Du gemeines, elendiges Sauaas‹, brummte ich, klopfte sie noch einmal auf den haarlosen Rücken und kroch durch das Fenster auf den Hof. Damit besiegelte ich meine Niederlage und meinen Rückzug. Ich wollte mich auf den Schuppen schwingen, über das Dach den zweiten Hof erreichen und durch das Wirtshaus das Freie gewinnen. Aber – ich mag nicht mehr die Kraft dazu gehabt haben, das Dach mag höher gewesen sein, als ich vermutet hatte, kurz, ich kam nicht hinauf. Es blieb mir nichts übrig, als mich wieder auf der Kellertreppe zu verstecken; dort stand ich, halbtot vor Müdigkeit, bis zum Morgen. Natürlich hätte ich Idiot auf den Teppichen schlafen können; aber auf diese Idee war ich nicht gekommen. Als ich dann gegen Früh den Hausmeister das Tor aufsperren hörte, wartete ich noch eine Weile, dann verließ ich schnurstracks das Haus; im Tor stand der Hausmeister, und als er einen fremden Menschen aus dem Gang kommen sah, war er so überrascht, daß er vergaß, Lärm zu schlagen.

Nach einigen Tagen besuchte ich Frau Severin. Sie hatte die Fenster vergittern lassen, und auf den heiligen Tschintamanin-Dekors wälzte sich natürlich die elende Kröte von einem Hund. Als sie mich sah, wedelte sie vertraut mit der dicken Leberwurst, die sie an Stelle eines Schweifes trug. ›Herr‹, sagte strahlend Frau Severin, ›das ist unsere goldige Amina, unser Schatz, unser gutes, treues Hündchen! Unlängst, wissen Sie, wollte ein Dieb durchs Fenster einbrechen; unsere Amina hat ihn vertrieben! Für nichts auf der Welt würde ich das Tier hergeben!‹ erklärte sie stolz. ›Aber Sie hat sie gerne, Herr. Die ist gescheit. Die kann gut unterscheiden, wer ein ehrlicher Mensch ist und wer nicht, gelt, Amina?!‹

Das ist schon die ganze Geschichte. Das Vogelteppich-Unikat liegt heute noch dort; es ist, glaube ich, eine der seltensten Tapisserien der ganzen Welt. Und grunzend vor Wonne stinkt und rekelt sich auf ihm noch heute die greuliche, räudige Amina. Wenn sie eines Tages in ihrem Fett erstickt ist, versuche ich es vielleicht noch einmal. Aber vorher muß ich noch genau lernen, wie man Gitter durchfeilt.«

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