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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Die letzten Dinge des Menschen

»Zum Tod verurteilt zu sein – ja, das ist eine furchtbare Erfahrung«, sagte jetzt Herr Kukla. »Ich kenne das. Ich habe einmal die letzten Augenblicke vor meiner eigenen Hinrichtung erlebt. Nur im Traum natürlich, aber der Traum gehört doch auch zum Leben des Menschen, wenn er auch nur am Rande dieses Lebens liegt. An diesem Rand, meine Herren, bleibt von unserer Großartigkeit wenig übrig; nichts von dem, worauf wir uns weiß Gott was eingebildet haben; das Geschlecht bleibt, die Angst, ein bißchen Selbstgefälligkeit und höchstens noch ein paar Dinge, derentwegen wir uns sonst zu schämen pflegen. Vielleicht sind dies die letzten Dinge des Menschen.

Eines Nachmittags kam ich nach Hause, abgehetzt wie ein Tier, so viel Arbeit lag hinter mir. Ich streckte mich auf dem Fußboden aus und schlief wie ein Stück Holz. Ohne jeden Anlaß träumte ich sofort, daß die Tür sich öffne, ein wildfremder Herr vor mir stehe und hinter ihm zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Ich weiß nicht, warum die Soldaten in Kosakenuniformen steckten. ›Stehen Sie auf!‹ sagte der Unbekannte grob. ›Machen Sie sich fertig, das Todesurteil wird morgen früh an Ihnen vollstreckt. Verstanden?‹

›Verstanden – ja‹, sagte ich, ›aber ich weiß eigentlich nicht, weshalb –‹

›Das geht Sie auch nichts an‹, fuhr mich der Herr an. ›Wir haben den Vollstreckungsbefehl hier.‹ Und er schlug die Tür hinter sich zu.

Ich blieb allein und überlegte. Wie ist das eigentlich, wenn der Mensch im Schlaf überlegt? Denkt er da wirklich oder träumt er nur, daß er denkt? Waren es Gedanken oder träumte ich Gedanken, so wie man Gesichter träumt? Ich weiß nur, daß ich angestrengt zu überlegen schien und mich gleichzeitig über dieses Überlegen wunderte. Das erste, was mich in Anspruch nahm, war eine gewisse Schadenfreude darüber, daß hier ein Irrtum vorliege, daß ich morgen aus Versehen hingerichtet werden würde und daß die Blamage auf Seiten der anderen liegen werde. Gleichzeitig aber begann es mich zu beunruhigen: daß ich nun also wirklich hingerichtet werden solle und Frau und Kind zurücklassen müsse. Was sollte nur aus ihnen werden, ja, was denn nur? – Das war ein echter Schmerz, ganz als ob das Herz wirklich blutete – aber zur genau gleichen Zeit fühlte ich mit wohliger Befriedigung, wie schön es von mir sei, daß ich mich so um Weib und Kind sorgte. Das also, sagte ich mir, ist der letzte Gedanke eines Mannes, der in den Tod geht! Ich empfand ein gewisses Hochgefühl, daß es ein so großer, väterlicher Kummer war, dem ich mich hingab. Erhebend kam mir das vor. Das muß ich meiner Frau sagen, dachte ich selbstgefällig.

Aber dann kam Angst über mich. Mir fiel ein, daß Hinrichtungen im allgemeinen sehr zeitig, beim Morgengrauen vollstreckt werden, daß ich also, um justifiziert zu werden, sehr früh würde aufstehen müssen. Ich bin ein Mensch, der sehr schwer aufsteht, und die Vorstellung, daß mich die Soldaten schon vor Tag wecken würden, war stärker als alles andere. Mir sank das Herz und ich wollte weinen über mein grausames Schicksal. So peinigend war diese Vorstellung, daß ich erwachte. Ich atmete erleichtert auf. Aber meiner Frau habe ich diesen Traum nie erzählt.«

 

»Die letzten Dinge des Menschen«, meinte Herr Skrivanek nachdenklich und wurde rot vor Verlegenheit, »– ich könnte Ihnen da etwas erzählen, aber ich – vielleicht würde es Ihnen dumm vorkommen?«

»Nein«, versicherte Herr Fuchs, »schießen Sie nur los!«

»Also –«, sagte unsicher Herr Skrivanek, »ich . . . ich wollte mich nämlich einmal erschießen . . . und wenn der Herr Kukla schon von dem ›Rand des Lebens‹ gesprochen hat . . . so meine ich: das ist auch so ein Rand des Lebens, das, wo ein Mensch ist, wenn er sich umbringen will.«

»Was Sie nicht sagen«, warf Herr Karas ein, »warum wollten Sie sich denn umbringen?«

»Weil ich ein verweichlichter Mensch bin«, antwortete Herr Skrivanek und wurde noch röter, »ich bin nämlich . . . ich kann nämlich keinen Schmerz ertragen, und damals . . . damals hatte ich eine Entzündung des Drillingsnervs . . . die Ärzte sagen, das seien die schlimmsten Schmerzen, die der Mensch . . . ja . . .«

»Das stimmt«, brummte Doktor Vitasek, »da können Sie einem ehrlich leid tun. Wiederholt es sich?«

»O ja«, Skrivanek wurde feuerrot, »aber jetzt ist das mit dem Selbstmord nicht mehr so . . . deshalb will ich Ihnen eben erzählen . . .«

»So erzählen Sie doch!« animierte ihn Herr Doleschal.

»Es läßt sich so schwer ausdrücken«, wehrte Herr Skrivanek scheu ab, »schon das mit den Schmerzen . . .«

»Ja, bei dieser Sache brüllen Menschen wie Tiere«, sagte Doktor Vitasek.

»Und als es bei mir am schlimmsten war . . . in der dritten Nacht war das . . . da legte ich den Browning auf meinen Nachttisch. Eine Stunde warte ich noch, dachte ich, länger halte ich es nicht aus. Warum soll denn gerade ich soviel ertragen? Ich hatte immerfort das Gefühl, daß mir ein furchtbares Unrecht widerfahre. Warum ich? Warum nur gerade ich?«

»Sie hätten was einnehmen sollen«, knurrte Doktor Vitasek, »Trigemin oder Veramon, Adalin, Algokratin, Migradon –«

»Das habe ich ja getan«, protestierte Skrivanek, »Herr, ich habe von dem Zeug so viel geschluckt, daß . . . daß es überhaupt nicht mehr wirkte. Das heißt . . . eingeschläfert haben mich die Pulver, aber die Schmerzen blieben wach, verstehen Sie? Die Schmerzen hielten an, aber es waren nicht mehr meine Schmerzen . . . ich war so betäubt, daß ich mich selbst verlor. Von mir selbst wußte ich nichts, aber ich wußte von den Schmerzen . . . und allmählich wurde mir so, als gehörten die Schmerzen zu jemand anderem. Ich hörte diesen anderen . . . ich hörte ihn leise vor sich hinwimmern – und ich hatte furchtbares Mitleid mit ihm . . . die Tränen flossen mir aus den Augen, vor Mitgefühl mit diesem andern. Ich spürte es, wie die Schmerzen immer schlimmer wurden – um Himmels willen, sagte ich mir, wie kann der Mensch das nur aushalten! Vielleicht . . . vielleicht sollte ich ihn erschießen, diesen Menschen, damit er sich nicht so quält! In diesem Augenblick aber ging ein Schauern durch mich . . . nein, ich darf es doch nicht. Ich weiß nicht . . . auf einmal fühlte ich gewaltige Achtung vor dem Leben dieses Menschen – es war, weil er so unendlich litt!«

Herr Skrivanek strich sich verlegen über die Stirn. »Ich kann Ihnen das kaum schildern. Vielleicht waren meine Sinne von den vielen Medikamenten verwirrt . . . aber es war alles so unerhört klar damals, so sonnenklar. Ich hatte eine Erscheinung: der da so litt, der so stöhnte, der war die Menschheit selbst . . . einfach der Mensch selbst . . . und ich, ich war nur ein Zeuge seiner Qualen, nur ein Nachtwächter am Schmerzenslager der Menschheit. Wäre ich nicht dabei – so dachte ich – so wären diese Schmerzen vergeblich, sie wären etwas Großes, wovon aber niemand wüßte! Vorher nämlich, solange die Schmerzen nur meine Schmerzen gewesen waren, da war ich nichts als ein Wurm, ein Nichts gewesen. Aber jetzt, als der Schmerz so über mich hinauswuchs, da spürte ich . . . mit Grauen vielleicht . . . wie groß das Leben ist. Ich spürte . . .« Schweißperlen standen auf Herrn Skrivaneks Stirn. »Sie dürfen mich nicht auslachen: ich spürte . . . ich begriff, daß der Schmerz ein Opfer ist. Und deshalb, verstehen Sie, deshalb legt jede Religion den Schmerz auf den Altar der Gottheit. Deshalb gab es blutige Opfer – deshalb Märtyrer . . . deshalb den Gott am Kreuze. Ich habe begriffen, daß . . . daß . . . daß aus dem Schmerz des Menschen ein geheimer Segen erwächst . . . Wir müssen leiden, auf daß das Leben geheiligt sei. Keine Freude ist stark und groß genug, um dies zu vermögen . . . und was ich fühlte, war: wenn du dies erträgst – dann wird ein Heiligtum in dir sein!«

»Und haben Sie es nun in sich, dieses Heiligtum?« fragte Pater Voves interessiert.

Herr Skrivanek wurde noch einmal feuerrot. »Aber nein«, sagte er rasch, »davon weiß der Mensch doch nichts. Nur ist eben seit dieser Zeit . . . eine Art von Achtung in mir . . . Achtung vor allem möglichen . . . alles erscheint mir jetzt wichtiger als früher einmal, jede Kleinigkeit, jeder Mensch, verstehen Sie? Alles hat ungeheueren Wert. Wenn ich einen Sonnenuntergang sehe, so sage ich mir: das lohnt meine Schmerzen; oder wenn ich die Menschen sehe, wenn sie arbeiten, wenn sie ihren täglichen Tag leben . . . alles hat durch die Schmerzen seinen Wert bekommen. Und ich weiß jetzt, daß es ein schrecklicher, ein unsagbar großer Preis ist. Es gibt weder Böses, glaube ich jetzt, noch Strafen. Es gibt nur den Schmerz, und der ist dazu da, dem Leben diesen Wert zu geben, diesen ungeheueren Wert . . .«

Herr Skrivanek hielt inne. Er wußte nicht weiter. »Sie sind sehr gütig zu mir«, stieß er noch hervor und schneuzte sich gerührt, um sein flammendes Gesicht zu verbergen.

 

Zeichnungen von Vlastimil Rada aus Urheberrechtsgründen nicht mit aufgenommen. Re.

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