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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
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Der Geschworene

»Ich habe einmal Richter sein müssen«, sagte Herr Firbas und räusperte sich, »damals, als ich als Geschworener ausgelost war. Damals kam gerade der Fall Luise Kadanik, die ihren Mann ermordet hatte, an die Reihe. Wir waren acht Männer und vier Frauen, und wir Männer sagten uns, mehr oder weniger im stillen: das kann gut werden, diese vier Vetteln werden gewiß versuchen, das Frauenzimmer freizusprechen! Wir waren also schon im vorhinein keine Freunde der Luise Kadanik.

Im ganzen besehen war es eigentlich der normale Fall einer unglücklichen Ehe. Kadanik war Zivilgeometer gewesen und hatte eine um zwanzig Jahre jüngere Frau geheiratet. Als Luise vor dem Altar stand, war sie ein junges Mädchen, und es fand sich ein Zeuge, der auszusagen wußte, die Frau habe schon an dem der Hochzeit folgenden Tage geweint, sei kreidebleich gewesen und habe sich vor Ekel geschüttelt, als der neugebackene Ehemann sie berühren wollte. Ich habe oft daran gedacht, welche fürchterliche Erfahrungen so ein unschuldiges junges Ding nach der Hochzeit häufig genug machen muß. Stellen Sie sich nur vor, beispielsweise, daß so ein Mann gewöhnt ist, nur mit gewissen Frauenzimmern umzugehen und sich dann auch danach benimmt. Was da so in einer jungen Person vorgeht, davon kann sich vermutlich ein Mann gar keine Vorstellung machen. – Der Staatsanwalt aber konnte dem eine andere Zeugenaussage gegenüberstellen, derzufolge die Luise angeblich schon vor ihrer Ehe ein Techtelmechtel mit einem Studenten gehabt habe, mit dem sie auch nach ihrer Verheiratung noch Briefe gewechselt haben soll. Wie dem auch immer gewesen sein mochte: bald nach der Hochzeit zeigte es sich, daß es in dieser Ehe nicht klappte. In Frau Luise entstand ein physischer Widerwille gegen ihren Mann, nach einem Jahr gab es eine Fehlgeburt, und seit damals hatte sie ein Frauenleiden. Der Herr Geometer hielt sich anderwärts schadlos; zu Hause schlug er bei jeder Gelegenheit Krach und tobte wegen jedes verausgabten Hellers. An jenem Unglückstage hatten sie wieder einen Auftritt wegen eines Hemdes aus Crêpe de Chine oder dergleichen, und der Herr Geometer schickte sich eben an, seine Hausschuhe mit seinen Schuhen zu vertauschen, weil er keine Lust hatte, sich zu Hause die Laune verderben zu lassen. In diesem Augenblick ging Luise von hinten an ihn heran und schoß aus einem Browning in seinen Hinterkopf. Dann rannte sie auf den Gang hinaus und trommelte an die Tür eines Nachbarn, man solle hineingehen, drin liege ihr Mann, sie habe ihn umgebracht, und jetzt gehe sie die Selbstanzeige machen. Aber schon auf der Treppe brach sie in Krämpfen zusammen. Das war alles.

Nun saßen wir da, wir zwölf, und hatten über ihre Schuld zu entscheiden. Die Luise sei, hieß es, einmal ein hübsches Mädchen gewesen. Aber das wird Ihnen ja bekannt sein, daß ein Frauenzimmer in der Untersuchungshaft nicht schöner wird. So aufgeschwemmt sah sie aus, und aus ihrem blassen Gesicht leuchteten böse und haßerfüllte Augen. Oben thronte der Vorsitzende, die Mensch gewordene Gerechtigkeit, unerhört würdevoll, fast priesterlich in seinem schwarzen Talar. Der Staatsanwalt war der schönste Staatsanwalt, den ich je zu sehen bekam: stark wie ein Stier, angespannt und kampflustig wie ein gut genährter Tiger. Man konnte es ihm anmerken, mit welcher Freude an der eigenen Kraft und Überlegenheit er sich auf sein Opfer stürzte, dessen glühende Augen so haßerfüllt auf ihn gerichtet waren. Der Verteidiger der Angeklagten sprang ein um das andere Mal gereizt auf und hatte Geplänkel mit ihm. Uns Geschworenen war das peinlich; denn es sah oft genug so aus, als handelte es sich hier nicht darum, über die Mörderin Gericht zu halten, sondern um einen Streit zwischen dem Verteidiger und dem Staatsanwalt. Dann also waren wir da, die Richter aus dem Volke, berufen, nach unserem menschlichen Gewissen zu richten. Aber so sehr wir auch den Willen dazu hatten, die Mehrzahl unter uns langweilte sich entsetzlich bei dieser Advokatenmache und bei den prozessualen Formalitäten. Hinten drängten sich die Zuhörer und delektierten sich an dem Falle Luise Kadanik. Manchmal, wenn sie in die Enge getrieben nichts mehr zu sagen wußte, konnte man die Leute hören, wie sie vor Wonne geradezu grunzten.« Herr Firbas strich sich über die Stirn, wie um Schweiß abzuwischen. »Mir war oft genug zu Mute, als wäre ich nicht auf die Geschworenenbank, sondern auf eine Marterbank gesetzt worden; als müßte ich, ich selbst, aufspringen und rufen: ›Ich gestehe alles, macht mit mir, was ihr wollt!‹

Die Zeugen kamen. Wichtigtuerisch sagten sie aus, ein jeder blähte sich irgendwie auf, er wisse noch dies und jenes – die ganze Kleinstadt sprach aus diesen Aussagen, dieser ganze Haufe von Gehässigkeit, Klatsch, Protektion, Gezischel, Neid, Schmähsucht, Politik und Langeweile. Wollte man den Zeugen glauben, so war der Verstorbene ein ehrenwerter und aufrechter Mann und ein ordentlicher Bürger gewesen, von untadeligem Ruf; dann aber wieder ein Schürzenjäger und Geizhals, ein brutaler Mensch, zügellos und grob, kurz – man konnte wählen. Schlimmer kam Frau Luise weg; sie sei ein leichtsinniges Frauenzimmer, verschwenderisch, trage Seidenwäsche, kümmere sich nicht um den Haushalt, mache Schulden . . .

Mit einem eisigen Lächeln beugte sich der Staatsanwalt vor. ›Angeklagte‹, sagte er, ›hatten Sie schon vor der Ehe intimen Verkehr mit einem Manne?‹

Die Angeklagte schwieg; aber ein fahles Erröten huschte über ihre Wangen.

Der Verteidiger sprang auf und ersuchte aufgeregt um die Vernehmung irgendeiner Frauensperson, die von Kadanik mißbraucht worden war, als sie bei ihm diente. Er habe ein Kind mit ihr gehabt . . .

Das Gesicht des Vorsitzenden verfinsterte sich. Man konnte geradezu sehen, was seine Gedanken waren: um Himmels willen, die Verhandlung zieht sich ja immer mehr in die Länge! – Indessen schleppten sich die peinlichen häuslichen Angelegenheiten ohne Ende weiter: wer von den beiden den Anstoß zu den ehelichen Zwistigkeiten gegeben, wieviel Frau Luise für den Haushalt bekommen, ob ihr Gatte Grund zur Eifersucht gehabt habe. Manchmal sah es ganze Stunden lang so aus, als sei hier gar nicht vom toten Kadanik und seiner Ehe die Rede, sondern von mir oder irgendeinem anderen der Geschworenen oder von wem immer. Mein Gott, was die da über den Toten aussagten, das könnten sie auch über mich aussagen. So gehen die Dinge vielleicht überall vor sich. Weshalb redete man nur davon? Mir war, als zöge man uns alle Stück für Stück nackt aus, uns Männer und die Frauen; als nähme man unseren eigenen kleinen Hader in die Wäsche, als lüftete man unsere schmutzigen kleinen Intimitäten öffentlich aus, als zöge man die Geheimnisse unserer Betten und unsere Gewohnheiten aus dem Schlafzimmer ans Tageslicht. Es war unser eigenes Leben, das dort geschildert wurde, nur war die Schilderung bösartig und grausam wie eine Schilderung der Hölle. Sicher war der Kadanik im Grunde kein schlechter Kerl. Etwas heftig war er wohl, er hat die Frau oft angefahren und erniedrigt; hart und geizig war er, weil er schwer und wenig verdiente. Er war ein Weiberheld, verführte seine Dienstmädchen, hatte ein Verhältnis mit irgendeiner Witwe, aber es mag sein, daß er es nur aus Trotz tat und aus beleidigtem Männerstolz, weil Luise, seine Frau, ihn haßte wie widerliches Ungeziefer. Das Sonderbarste war folgendes: wenn einer der Zeugen des Verteidigers gegen den Ermordeten aussagte, wie zänkisch und kleinlich er gewesen sei, wie brutal, wie grob in seiner Sinnlichkeit und welche Paschamanieren er gehabt, da regte sich in uns männlichen Geschworenen zweierlei: Mißfallen und Solidarität. Halt! fühlten wir, wenn man uns selbst deshalb zur Verantwortung zöge . . . Und wenn wieder ein Zeuge der anderen Seite Frau Luise belastete, ihrer Putzsucht oder ihres Leichtsinns wegen und weiß Gott weshalb noch, so verspürten wir Männer auf der Geschworenenbank eher etwas wie Wohlwollen, etwas, das sie in Schutz nahm; aber die vier Frauenzimmer hinter uns bekamen bei solchen Gelegenheiten schmale Lippen und unversöhnliche Augen.

Stunden- und tagelang zog diese Ehehölle an uns vorbei, gesehen mit den Augen von Dienstboten und Ärzten, Nachbarn und Klatschbasen. Streitigkeiten, Schulden, Krankheiten, häusliche Auftritte, alle Hysterie, all das Böse und Quälende, das einem Paar Menschen zugeteilt ist – als würde man menschliche Eingeweide in ihrer ganzen Häßlichkeit vor uns zur Schau aufhängen. Ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen versichere, daß ich eine brave, anständige Frau habe. Aber damals habe ich manchmal nicht die Luise Kadanik vor mir gesehen, sondern meine eigene Frau, meine Lida; angeklagt, ihren Mann, Herrn Firbas, durch einen Schuß in den Hinterkopf ermordet zu haben. Ich verspürte den furchtbaren Schmerz dieses Schusses im Hinterkopf. Ich sah, wie Lida, bleich und verquollen, die Lippen zusammengepreßt, mit Augen, die vor Grauen, Widerwillen und Erniedrigung wahnsinnig in die Welt starrten, vor mir stand und gegen mich Klage führte. Ja, es war Lida, die man hier entkleidete und wie Schlachtvieh ausweidete. Meine Frau war es, mein Schlafzimmer, mein Leid, es waren meine Geheimnisse, meine Grobheiten. Mir war zum Weinen zumute, und ich wollte sagen: siehst du, Lida, so weit hast du uns gebracht! – Ich schloß die Augen, um diese entsetzliche Vision loszuwerden. Lag aber das Dunkel vor mir, so waren die Zeugenaussagen, die ich hörte, noch quälender für mich, und als ich die Augen aufriß und nach Luise blickte, krampfte es mir das Herz zusammen: Himmel, Lida, wie hast du dich verändert!

Als ich von der Verhandlung nach Hause kam, erwartete mich Lida voll Spannung und fragte: ›Nun, wird sie verurteilt?‹ – Es war ja eine Art Sensationsprozeß, und besonders die Frauen nahmen Anteil an dem Fall. – ›Ich‹, erklärte meine Frau voll brennendem Interesse, ›ich würde sie verurteilen!‹ ›Das geht dich nichts an!‹ schrie ich sie an. Es war qualvoll für mich, mit ihr davon zu reden. Am letzten Abend vor dem Urteilsspruch packte mich eine unerklärliche Unruhe. Ich lief im Zimmer auf und ab und überlegte: vielleicht wird es ein Freispruch, wozu wären sonst vier Weiber unter den Geschworenen? Wenn nur einer von uns die Schuldfrage verneint, wird sie freigesprochen! Wird es meine Stimme sein? – Ich fand die Antwort nicht. Unvermittelt befiel mich der Gedanke: Du hast doch in deinem Nachttisch einen geladenen Revolver – das ist eine Gewohnheit noch aus der Kriegszeit. Wie leicht könnte es geschehen, daß er einmal meiner Frau Lida zur unrechten Zeit in die Hand fiele! Ich griff nach dem Revolver: sollte ich ihn nicht verstecken oder mich überhaupt von ihm trennen? – Noch nicht, grinste ich, erst wird abgewartet, wie die Sache mit der Luise ausgeht! – Ja, wie es ausgeht . . . Und wieder begann ich mich zu quälen . . . Was um Himmels willen werde ich tun, wie soll ich stimmen?

Am letzten Verhandlungstag plaidierte der Staatsanwalt – seine Rede war gut und hart. Ich weiß nicht, wo er das Recht dazu hernahm, aber er ergriff das Wort im Namen der menschlichen Familienbande. Ich hörte es wie aus der Ferne, als er besonderen Nachdruck auf Worte wie: Familie, häusliches Leben, Ehe, Mann und Frau, Aufgaben und Pflichten der Frau legte. Man behauptete, es sei eine der hervorragendsten Reden vor Gericht gewesen. Dann erhielt der Verteidiger das Wort und stellte etwas Furchtbares an: er baute sein Plaidoyer auf eine sexual-pathologische Analyse auf, wies nach, welche Widerstände eine geschlechtlich-kühle oder, wie man das nennt, frigide Frau einem brutalen Mann, einem Manntier gegenüber empfinden müsse; wie ihr physischer Ekel zum Haß heranwächst; welch ein tragisches Opfer eine solche Frau sei, ausgeliefert den Begierden eines rücksichtslosen Sexualtyrannen . . . An dieser Stelle seiner Rede spürte man geradezu, wie alle Geschworenen von Frau Luise abrückten, wie in ihnen unbewußt ein gewisser Widerstand gegen das Anormale ausbrach, gegen etwas, das die menschliche Ordnung irgendwie umzustürzen oder zu verändern droht. Die vier Frauen unter uns waren blaß, Feindschaft gegen jene Frau erfüllte sie, die so etwas wie eine Verpflichtung verletzt hatte. Und der Dummkopf von einem Rechtsanwalt trampelte weiter und immer eifriger auf seiner sexualpathologischen These herum!

Der Vorsitzende, der den verärgerten Ausdruck im Gesicht der Geschworenen nachsichtig beobachtet hatte, versuchte in seinem Resumé die Situation zu retten . . . Er sprach weder von Familie noch von sexueller Hörigkeit, sondern er sprach von der Ermordung eines Menschen. Uns Geschworenen fiel ein Stein vom Herzen. So betrachtet, schien uns die Sache, aufrichtig gesagt, weit genießbarer, einfacher und beinahe erträglich.

Bis zuletzt hatte ich keine Ahnung, wie ich die Schuldfrage beantworten würde. Aber als man uns die klare Frage stellte: ›Ist Luise Kadanik schuldig, auf ihren Gatten, Johann Kadanik, mit der Absicht ihn zu töten, geschossen zu haben?‹ – da sagte ich, der ich als erster an die Reihe kam, ohne zu überlegen: ›Ja!‹ Denn sie hatte ja zweifellos die Absicht gehabt, ihn zu ermorden, und sie hat es ja auch getan. Und so antworteten alle zwölf Geschworenen mit ›Ja‹.

Dann herrschte gedrückte Stille. Ich sah die vier Frauen unter den Geschworenen an. Hart, beinahe feierlich sahen sie drein, als hätten sie eben in einem Kampf für die menschliche Familie gesiegt.

Als ich nach Hause kam, lief mir Lida, meine Frau, entgegen und fragte, bleich vor Aufregung: ›Also wie ist es ausgefallen?‹

›Mit der Luise?‹ sagte ich mechanisch. ›Mit zwölf Stimmen schuldig. Verurteilt zum Tode durch den Strang.‹

›Schrecklich!‹ stöhnte Lida mit naiver Grausamkeit, ›aber verdient hat sie es.‹ In diesem Augenblick riß etwas in mir entzwei, ich weiß nicht, ob es die Spannung war, aber ich brüllte Lida an: ›Ja, sie hat es verdient, weil sie eine Dummheit gemacht hat! Merk dir's, Lida, hätte sie in die Schläfe geschossen und nicht in den Hinterkopf, dann hätte sie sagen können, es sei Selbstmord gewesen, verstehst du? – Dann hätte sie freigesprochen werden können. Merk's dir, Lida, in die Schläfe!‹

Ich schlug die Tür hinter mir zu. Ich mußte allein sein. Und, damit Sie es wissen, mein Revolver liegt heute noch in der unversperrten Schublade. Ich habe ihn nicht weggeräumt.«

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