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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Ein gewöhnlicher Mord

»Ich habe oft darüber nachgedacht«, sagte Herr Hanak, »warum wir eigentlich das Unrecht für etwas Schlimmeres halten als allerlei Elend, von dem die Menschheit sonst heimgesucht ist. Wird zum Beispiel ein Mensch unschuldig verurteilt, so quält und beunruhigt uns das mehr als die Vorstellung, daß Tausende von Menschen in Not und Jammer leben. Ich habe Elend von einer Art gesehen, daß mit ihm verglichen jedes Gefängnis ein Paradies ist, und dennoch kann man sagen, daß uns das größte Elend nicht so empört wie Unrecht. Fast möchte ich behaupten, daß wir mit einer Art Instinkt für die Gerechtigkeit ausgestattet sind und daß das Gefühl für Schuld und Unschuld, für Recht und Gerechtigkeit ebenso ursprünglich, ebenso furchtbar und ebenso tief ist, wie die Liebe oder der Hunger.

Bedenken Sie einmal: ich war, genau so wie Sie alle, vier Jahre im Krieg. Wir brauchen einander nicht erst zu erzählen, was wir da alles gesehen haben. Aber Sie werden zugeben, daß sich unsereiner damals an so manches gewöhnt hat: zum Beispiel an Tote. Hunderte und aber Hunderte toter junger Menschen, manchmal in recht furchtbarer Art tot, habe ich gesehen, das können Sie mir glauben. Und ich muß gestehen, es war mir schon so gleichgültig, als hätte es sich um alte Hadern gehandelt; nur der Gestank konnte mir etwas anhaben. Mensch, habe ich mir damals gesagt, wenn du aus diesem viehischen Wirrwarr heil nach Hause kommst, dann kann dich nichts mehr im Leben aus der Fassung bringen.

Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Kriegsende war ich daheim in Slatina. Eines Morgens klopft es an mein Fenster und jemand ruft: ›Herr Hanak, die Frau Turek ist ermordet worden, kommen Sie schnell!‹

Die Frau Turek war die Besitzerin eines kleinen Ladens mit Papier und Zwirn. Kein Mensch scherte sich um sie. Nur hie und da betrat jemand den Laden und kaufte eine Spule Zwirn oder eine Weihnachtspostkarte. Vom Laden führte eine Glastür in eine kleine Küche; dort schlief die Alte. An dieser Tür hingen Vorhänge, und wenn die Glocke im Laden schellte, schaute Frau Turek durch die Vorhänge, wischte sich die Hände an der Schürze ab und schlurfte in den Laden. ›Sie wünschen?‹ fragte sie mißtrauisch. Man hatte das Gefühl, ein Eindringling zu sein und trachtete, möglichst schnell wieder den Laden zu verlassen. Es war so, wie wenn man einen Stein von der Erde aufhebt und nun in der feuchten Grube, in der er gelegen war, einen vereinsamten und aufgeschreckten Käfer hin- und herschießen sieht. Schnell läßt man den Stein wieder fallen, damit der widerwärtige Käfer sich beruhige.

Ich lief sofort hin, aus ganz gewöhnlicher Neugier glaube ich. Vor dem Laden drängten sich die Menschen wie Bienen vor dem Flugloch. Der Ortspolizist, der mich als gebildeten Menschen schätzte, erlaubte mir einzutreten. Schrill klang die Glocke durch die Stille des Ladens, ganz wie sonst. Aber ihr heller und eifriger Ton machte mich in diesem Augenblick erschauern, mir kam es vor, als gehöre er nicht her. Auf der Küchenschwelle lag Frau Turek mit dem Gesicht zur Erde, unter dem Kopf eine fast schwarze Blutlache. Die weißen Haare im Nacken waren blutig und schwärzlich verklebt. Und plötzlich fühlte ich etwas, das ich im Krieg nie gekannt habe: das Entsetzen vor einem toten Menschen.

Merkwürdig, den Krieg habe ich fast ganz vergessen. Auch die anderen Menschen vergessen ihn allmählich, vielleicht muß es deswegen wieder einmal einen neuen Krieg geben. Aber diese ermordete Alte, die eigentlich für niemand auf der Welt da war, diese armselige Krämerin, die nicht einmal imstande war, eine Ansichtskarte wie sich's gehört zu verkaufen – die werde ich nie vergessen. Ein Ermordeter ist etwas anderes als ein Toter; etwas Furchtbares und Geheimnisvolles haftet ihm an. Unbegreiflich, warum gerade diese Frau Turek ermordet wurde, so eine unauffällige und farblose Person, um die sich doch weit und breit niemand gekümmert hatte. Wie kommt es, daß sie so pathetisch hier liegt, daß der Gendarm sich über sie beugt und daß draußen so viele Menschen sich drängen, nur um wenigstens ein Stückchen von Frau Turek zu sehen? Es ist schon so: nie hat das arme alte Weib sich solcher Aufmerksamkeit erfreut wie jetzt, da sie mit dem Gesicht in der schwarzen Blutlache lag. Plötzlich schien sie eine merkwürdige und schauderhafte Bedeutung bekommen zu haben. Nie hatte ich beachtet, was sie anhatte oder wie sie eigentlich aussah. Jetzt aber war es, als sähe ich sie durch ein ungeheuer stark und grotesk vergrößerndes Glas. An dem einen Fuß hatte sie einen Filzpantoffel, der andere war bloß. Man sah den an der Ferse gestopften Strumpf – noch jetzt sehe ich jeden Stich; und auch dies war furchtbar, ich hatte die Empfindung, daß auch dieser arme Strumpf gemordet worden war. Die eine Hand krampfte sich in den Boden, vertrocknet und hilflos wie eine Vogelkralle. Am schauerlichsten aber erschien mir der dünne Haarknoten im Nacken der Ermordeten. Er war sorgfältig geflochten und glänzte inmitten des Blutgerinnsels wie altes Zinn. Ich glaube, daß ich nie etwas Kläglicheres gesehen habe als diesen besudelten kleinen Zopf. Hinter dem Ohr war ein Blutstreifen eingetrocknet. Über ihm glitzerte ein silberner Ohrring mit einem blauen Stein. Ich konnte es nicht länger ertragen; meine Beine zitterten. ›Gott im Himmel!‹ entfuhr es mir.

Der Gendarm, der etwas auf dem Küchenboden suchte, richtete sich auf und starrte mich an. Er war bleich wie vor einer Ohnmacht.

›Mensch, waren Sie denn nicht im Krieg?‹ stammelte ich. ›Ja, aber dies hier ist etwas anderes‹, sagte der Gendarm mit heiserer Stimme. ›Sehen Sie doch‹, er zeigte auf die Vorhänge an der Tür, die zerknüllt und fleckig aussahen; vermutlich hatte sich der Mörder an ihnen die Hände abgetrocknet. ›Mein Gott!‹ stieß ich hervor. Ich weiß nicht, was eigentlich das Entsetzlichste daran war: die Vorstellung von den klebrigen, blutigen Händen oder die, daß auch diese Vorhänge, diese sauberen Vorhänge dem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Plötzlich piepste der Kanarienvogel in der Küche und trillerte drauf los. Da hielt ich es nicht länger aus und rannte von Grauen gejagt aus dem Laden. Ich glaube, ich war noch bleicher als der Gendarm.

Im Hof setzte ich mich auf eine Wagendeichsel und versuchte meine Gedanken zu ordnen. ›Dummkopf‹, sagte ich mir, ›Feigling! Das ist doch nichts als ein gewöhnlicher Mord. Hast du denn noch nie Blut gesehen, warst du denn nicht selbst mit deinem eigenen Blut besudelt wie ein Schwein? Hast du nicht deine Soldaten angebrüllt, sie mögen die Grube für die hundertdreißig Toten schneller graben? Hundertdreißig Tote, einer neben dem andern, das ist schon eine stattliche Reihe, auch wenn man sie so schlichtet wie Schindeln! Bist du nicht diese Reihe abgegangen, hast du nicht deine Zigarette geraucht und die Mannschaft angebrüllt: Also vorwärts, vorwärts, damit das endlich einmal verschwindet! So viele Tote hast du gesehen, so viele Tote . . .‹

›Ja, das ist es‹, sagte ich mir, ›so viele Tote habe ich gesehen – und keinen einzigen Toten. Neben keinen einzigen habe ich mich hingekniet, um ihm ins Gesicht zu schauen, um sein Gesicht, seine Haare anzurühren. Ein Toter ist furchtbar still; man muß allein sein mit ihm . . . man muß den Atem anhalten . . . dann versteht man ihn. Jeder einzelne dieser hundertdreißig hätte versucht, dir zu sagen: Herr Leutnant, man hat mich umgebracht. Sehen Sie meine Hände an, es sind doch Menschenhände! Aber wir haben uns von den Toten abgewandt, wir alle; wir mußten Krieg führen, wir konnten nicht den Gefallenen lauschen. Mein Gott, um jeden einzelnen dieser Toten hätten die Menschen sich drängen müssen wie die Bienen um das Flugloch – Männer, Frauen, Kinder – damit sie schaudernd wenigstens ein kleines Stück von ihm zu sehen bekämen; den Fuß im schweren Stiefel oder die verklebten Haare. Dann hätte es vielleicht nicht geschehen müssen; dann hätte es gar nicht geschehen können.‹

Ich habe meine Mutter begraben; sie sah so feierlich aus, so versöhnt, so ordentlich in ihrem schönen Sarg. Es war ein merkwürdiger Anblick, aber kein furchtbarer. Aber das – das ist etwas anderes als der Tod. Der Ermordete ist nicht tot. Der Ermordete klagt an, es ist, als schriee der höchste, der nicht zu ertragende Schmerz aus ihm. Wir beide wissen es, ich und der Gendarm: wir wissen von dem Spuk dort im Laden. – Und so begann es in mir zu dämmern. Vielleicht haben wir keine Seele, ich weiß es nicht; aber es sind Dinge in uns, die unsterblich sind, Dinge, wie der Drang nach Gerechtigkeit. Ich bin um nichts besser als irgendein anderer; aber es ist etwas in mir, das nicht nur mir gehört – die Ahnung einer strengen und großen Ordnung. Ich drücke das nicht gut aus, ich weiß es: aber damals, in jenem Augenblick, habe ich gewußt, was ein Verbrechen, was eine Beleidigung Gottes ist. Laßt euch sagen: ein ermordeter Mensch ist wie ein entweihter und verwüsteter Tempel.«

»Und den, der sie ermordet hat, die Alte, haben sie den erwischt?« ließ sich Herr Dobesch vernehmen.

»Freilich«, antwortete Herr Hanak, »ich habe ihn gesehen, als ihn zwei Tage später die Gendarmen aus dem Laden führten, nach einem Verhör am Tatort. Es waren vielleicht nur fünf Sekunden, aber auch ihn sah ich wie durch ein ungeheures Vergrößerungsglas. Ein junger Bursch war er. An den Händen hatte er Ketten; er schien es so merkwürdig eilig zu haben, daß ihm die Gendarmen kaum folgen konnten. Auf seiner Nase glänzte Schweiß, und die hervorgequollenen Augen zuckten verstört. Man sah ihm an, wie tief verängstigt er war – wie ein Kaninchen auf dem Seziertisch. Mein Leben lang werde ich dieses Gesicht nicht vergessen. Mir war elend zumute nach dieser Begegnung. Jetzt kommt er also vors Gericht, stelle ich mir vor; ein paar Monate lang wird man ihn noch herumziehen, dann wird man ihn zum Tode verurteilen. Ja, meine Herren, beinahe tat er mir leid; beinahe hätte ich aufgeatmet, wenn er entwischt wäre. Nicht daß sein Gesicht mir symphatisch gewesen wäre, eher im Gegenteil. Aber ich habe ihn von ganz nahe gesehen, ich sah das angstvolle Zucken seiner Augen. Ich bin sonst nicht gerade empfindsam, zum Teufel, nein; aber so aus der Nähe – da war er kein Mörder – da war er einfach ein Mensch. Ich bin nicht sicher, aufrichtig gesagt; ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich sein Richter wäre. Aber das Ganze machte mich so traurig, daß ich selbst Erlösung nötig hätte.«

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