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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
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Die Briefmarkensammlung

»Das ist so wahr wie die Welt«, sagte der alte Herr Karas, »wenn der Mensch in seiner Vergangenheit stöbern wollte, dann würde er Stoff für ein paar andere Leben finden . . . Einmal – aus Irrtum oder aus Neigung – hat er sich nur eines dieser Leben ausgesucht und lebt es nun bis zu Ende. Aber das Schlimme ist, daß die anderen, die ungelebten Leben, nicht ganz tot sind. Und manchmal kommt es vor, daß du in ihnen Schmerzen verspürst wie in einem amputierten Bein.

Als ungefähr zehnjähriger Junge begann ich, mir eine Markensammlung anzulegen. Der Vater sah es nicht gern. Er meinte, es könne mich am Lernen hindern. Aber ich hatte einen Schulkameraden, den Tschepelka Loisl, und mit dem verstand ich mich in unserer philatelistischen Leidenschaft. Der Loisl war der Sohn eines Drehorgelspielers, ein struppiger, sommersprossiger Junge, ruppig wie ein Spatz, und ich liebte ihn, wie nur Kinder einen Kameraden lieben können. Ich bin heute ein alter Mann, ich hatte eine Frau und habe Kinder, aber ich sage Ihnen, kein Gefühl geht über die Freundschaft. Aber der Mensch ist zur Freundschaft nur fähig, so lange er jung ist; dann verkrustet er und wird selbstsüchtig. Eine echte Freundschaft, die entspringt einzig und allein der Begeisterung und Bewunderung, der Fülle und dem Übermaß der Gefühle. Du hast so viel, daß du geben mußt, das ist es.

Mein Vater war Notar, der Erste der Ortshonoratioren, ein unerhört würdevoller und strenger Herr, und ich hatte den Loisl ins Herz geschlossen, dessen Vater nichts als ein besoffener Drehorgelspieler war und die Mutter eine abgerackerte Wäscherin; ich verehrte und vergötterte diesen Loisl, weil er geschickter war als ich, selbständig und tapfer wie eine Ratte, weil er Sommersprossen auf der Nase hatte und weil er mit der linken Hand Steine schmeißen konnte. Ich weiß nicht mehr, was ich alles an ihm geliebt habe – nur daß es sicherlich die stärkste Liebe meines Lebens war.

Der Loisl also war mein Vertrauter, als ich begann, die Markensammlung anzulegen. Jemand hat hier gesagt, nur Männer hätten Sinn fürs Sammeln. Das ist richtig. Ich denke, es wird ein Überbleibsel aus jener Zeit sein, in der jeder Mann eine Sammlung von Köpfen erlegter Feinde anlegte, von erbeuteten Waffen, Bärenfellen, Hirschgeweihen und dergleichen. Aber so eine Briefmarkensammlung, die ist mehr als bloß ein Besitz, die ist ein ewiges Abenteuer. Mit einem gewissen Beben berührt der Mensch ein Stück ferner Länder, sagen wir Bhutans, Boliviens oder des Kap der Guten Hoffnung; man bekommt mit diesen exotischen Gegenden so etwas wie eine persönliche Fühlung. Etwas vom Reisetrieb, von der Lust auf See zu fahren, überhaupt von männlicher Abenteurerbegierde steckt im Briefmarkensammeln. Es ist wie bei den Kreuzzügen.

Mein Vater also wollte nichts davon wissen. Väter lieben es im allgemeinen nicht, wenn ihre Söhne etwas anderes tun als sie selbst. Ich, meine Herren, habe mich meinen Söhnen gegenüber nicht anders verhalten. Mit den Vatergefühlen ist es überhaupt so eine Sache. In einem Vater lebt eine große Liebe, aber auch eine gewisse Voreingenommenheit, ein Mißtrauen, vielleicht Feindschaft oder wie man es sonst nennen soll. Je mehr er seine Kinder liebt, desto mehr Platz ist auch für das andere Gefühl da. Ich mußte mich also mit meiner Markensammlung auf dem Dachboden verstecken, damit der Vater nichts davon erfahre. Dort stand eine alte Truhe, eine sogenannte Mehlkiste, und in diese Kiste verkrochen wir uns wie zwei Mäuse und zeigten einander unsere Schätze: ›Schau, das hier ist Holland, das hier Ägypten, das hier Sverige oder Schweden.‹ Und gerade darin, daß ich mich mit meinem Reichtum verstecken mußte, lag das fast sündhaft Schöne. Die Art, wie ich mir meine Marken verschaffte – das war wieder ein anderes Abenteuer. Ich lief zu mir bekannten oder unbekannten Familien und bettelte um die Erlaubnis, mir von ihren alten Briefen die Marken ablösen zu dürfen. Bei manchen gab es auf dem Dachboden oder in einem alten Sekretär Schubladen voll alter Papiere. Das waren meine seligsten Stunden, wenn ich, auf der Erde sitzend, die verstaubten Papierstöße durchstöberte und nach einer Marke suchte, die ich noch nicht in meiner Sammlung hatte. Ich Esel sammelte natürlich keine Dubletten. Und wenn es einmal vorkam, daß ich eine alte Lombardei, irgendeinen deutschen Kleinstaat oder eine Freie Stadt fand, so fühlte ich eine Freude, die beinahe weh tat – jedes übermäßige Glück schmerzt so süß. Indessen wartete draußen der Loisl auf mich, und wenn ich endlich wieder erschien, so flüsterte ich noch in der Tür: ›Loisl, Loisl, eine Hannover war dort!‹ – ›Hast du sie?‹ – ›Freilich.‹ – Und wir rannten nach Hause mit unserer Beute und krochen in die Truhe.

In unserer Gegend gab es Textilfabriken, die allerhand Ramschware erzeugten, Jute, Kaliko, Kattun und Baumwollzeug. Dieser Mist wird bei uns ausschließlich für die Farbigen der ganzen Erdkugel erzeugt. Man erlaubte mir, in den Papierkörben dort nach Marken zu suchen. Das war mein reichstes Jagdrevier. Siam konnte man dort finden, Südafrika, China, Liberia, Afghanistan, Borneo, Brasilien, Neu-Seeland, Indien, Kongo-Staat – ich weiß nicht, ob Ihnen so wie mir schon die bloßen Namen ins Ohr klingen wie ein Geheimnis und wie eine Sehnsucht. Herrgott, diese Freude, dieses Unmaß von Freude, wenn gar etwa einmal eine Marke aus den Straits-Settlements dabei war – oder Korea! Nepal! Neu-Guinea! Sierra Leone! Madagaskar! Diesen Rausch, meine Herren, kann nur ein Jäger begreifen oder ein Schatzsucher oder ein Archäologe, der seine Ausgrabungen macht. Suchen und Finden, das ist die größte Spannung und die stärkste Befriedigung, die das Leben dem Menschen zu gewähren hat. Etwas sollte ein jeder suchen; wenn es nicht gerade Marken sind, so könnte es zum Beispiel die Wahrheit sein, oder das goldene Farnkraut oder Steinpfeilspitzen und Aschenurnen.

Das also waren die schönsten Jahre meines Lebens. Die Jahre mit dem Loisl und mit den Marken. Dann bekam ich Scharlach, man ließ den Loisl nicht zu mir, aber er stand draußen im Korridor und pfiff, damit ich ihn wenigstens hörte. Einmal paßte man nicht auf mich auf oder weiß der Himmel, was sonst los war, kurz, ich riß aus und, schwupps, war ich auf dem Boden, bei meinen Marken. Ich war so schwach, daß ich den Deckel der Truhe kaum heben konnte. Aber die Truhe war leer. Die Schachtel mit den Marken war verschwunden.

Wie weh das tat und wie ich erschrak, kann ich Ihnen heute kaum schildern. Ich glaube, ich stand wie versteinert da und konnte nicht einmal weinen; so preßte es mir die Kehle zusammen. Es war schon fürchterlich genug, daß meine Marken, mein größter Schatz, weg waren. Aber noch fürchterlicher war es, daß es bestimmt der Loisl war, mein einziger Freund, der sie gestohlen hatte, während ich krank lag. Entsetzen, Enttäuschung, Verzweiflung kamen über mich – man weiß nicht, wieviel ein Kind so durchmachen kann! Ich weiß nicht mehr, wie ich es zustande brachte, wieder hinunter zu gelangen. Aber nachher lag ich in hohem Fieber, und in den lichten Augenblicken dachte ich verzweifelt nach. Weder meinem Vater noch meiner Tante sagte ich auch nur ein Wort – meine Mutter lebte nicht mehr – ich wußte, daß sie mich nicht verstehen könnten, und seit damals gab es eine gewisse Entfremdung zwischen ihnen und mir. Meine kindliche Beziehung zu ihnen war eigentlich seit damals gelöst.

Der Verrat des Loisl, meine Herren – beinahe hätte er mich getötet. Es war die erste und die größte Enttäuschung, die mir durch einen Menschen zuteil wurde. Bettler nannte ich ihn bitter; ein Bettler ist der Loisl, und deshalb stiehlt er. Das habe ich davon, daß ich mit einem Bettler Kameradschaft schloß. Ich wurde hart. Damals fing ich an, Unterschiede zwischen Menschen zu machen. Ich hatte den Zustand der sozialen Unschuld verloren. Aber ich wußte damals noch nicht, daß es so war und was alles in mir zusammenstürzte und wie tief es mich erschüttert hatte.

Als mich das Fieber verlassen hatte, ging auch der Schmerz über die verlorenen Marken von mir. Nur eins gab mir noch einen Stich ins Herz: daß ich den Loisl mit neuen Kameraden sah. Aber als er auf mich zugelaufen kam, ein wenig verlegen nach so langer Zeit, da sagte ich ihm trocken und erwachsen: ›Geh' nur! Mit dir rede ich nicht!‹ Loisl wurde rot, und nach einer Weile sagte er: ›Auch gut!‹ – Seit damals haßte er mich verbissen, wie eben ein Proletarier.

Das also war das Ereignis, das mein ganzes Leben entscheidend beeinflußt hat, meine Lebensauswahl, wie Herr Paulus es nennen würde. Meine Welt war, möchte ich sagen, entheiligt. Ich hatte das Vertrauen zu den Menschen verloren, hatte hassen gelernt und verachten. Nie mehr hatte ich einen Kameraden, und als ich heranwuchs, begann ich sogar, mir etwas darauf einzubilden, daß ich niemanden brauchte, daß ich niemandem etwas schenkte, daß ich allein war. Später merkte ich, daß kein Mensch mich leiden konnte. Ich habe es mir damit erklärt, daß ich selbst die Liebe verachtete und auf alle Sentimentalitäten pfeife. So wurde aus mir ein stolzer, ehrsüchtiger, nur auf sich selbst bedachter, aber peinlich korrekter Mensch. Ich war böse und hart gegen meine Untergebenen, ich habe ohne Liebe geheiratet, meine Kinder in Furcht und Gehorsam erzogen, und durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit nicht geringe Verdienste erworben. Das war mein Leben, mein ganzes Leben; ich kümmerte mich um nichts anderes als um das, was ich unter meiner Pflicht verstand. Wenn ich einst zu Gott eingehen werde, werden Sie in den Zeitungen lesen können, wie arbeitsam und von welch musterhaftem Charakter ich gewesen bin. Wenn die Menschen nur wüßten, wie viel Einsamkeit, Mißtrauen und Hartherzigkeit in meinem Leben steckt!

Vor drei Jahren starb meine Frau. Ich wollte es weder mir selbst noch sonst jemand eingestehen, aber mir war furchtbar traurig zumute, und in dieser Stimmung kramte ich in allerlei Familienandenken herum, die noch aus Vaters und Mutters Besitz auf mich gekommen waren: Photographien, Briefe, meine alten Schulhefte – es würgte mich geradezu im Hals, als ich sah, mit welcher Sorgfalt mein gestrenger Vater sie aufbewahrt und geordnet hatte. Am Ende hatte er mich doch lieber gehabt, als ich damals verstehen konnte. Auf dem Boden war ein ganzer Schrank voll mit derlei altem Kram; und zuunterst in einer Lade eine Schachtel, mit meines Vaters Petschaft versiegelt. Als ich sie aufmachte, fand ich in ihr die Briefmarkensammlung, die ich fünfzig Jahre früher angelegt hatte. Ich schäme mich nicht, es Ihnen zu gestehen: Tränen stürzten mir aus den Augen und ich trug die Schachtel wie einen Schatz auf mein Zimmer.

Das also war es damals gewesen, begriff ich mit einem Schlag. Als ich krank lag, hatte irgend jemand die Sammlung gefunden, und der Vater hatte sie konfisziert, damit ich ihretwegen das Lernen nicht vernachlässigte. Er hätte es nicht tun sollen. Aber jetzt weiß ich, daß auch darin nichts lag als seine Strenge und seine Liebe; es ist schon so, daß auch er damals begann, mir leid zu tun . . .

Nun aber kam es mir zum Bewußtsein: der Loisl hat mir also die Marken gar nicht gestohlen! Um Himmels willen, wie sehr hatte ich ihm unrecht getan! Ich sah den sommersprossigen und zerrissenen Gassenjungen vor mir. Gott weiß, ob er noch lebt und was aus ihm geworden ist! Schmerz und Scham stiegen in mir auf. Nur geführt von meinem falschen Verdacht, hatte ich meinen einzigen Kameraden verloren! Meine Kindheit! Nur deshalb ist es geschehen, daß ich die Armen verachten lernte; daher meine Hoffart; dies die Ursache, warum ich mich keinem Menschen anschließen konnte. Daher mein Widerwillen gegen Briefmarken. Darum also habe ich nie an meine Braut und später nie an meine Frau geschrieben und behauptet, ich sei über Gefühlsduseleien erhaben; meine Frau hat darunter zu leiden gehabt. Darum war ich so hart, darum so einsam. Darum, nur darum habe ich so viel erreicht und so musterhaft meine Pflicht erfüllt – plötzlich, meine Herren, sah ich mein ganzes Leben mit anderen Augen an. Und es erschien mir öde und ohne Sinn. Ich hätte doch ein ganz anderes Leben führen können, fiel mir ein. Wenn das nicht geschehen wäre – was war nicht für Begeisterung und Abenteurerlust in mir, Liebe, Ritterlichkeit, Phantasie und Vertrauen, die merkwürdigsten, die unbändigsten Dinge – Herrgott, was hätte ich alles sein können – Weltreisender, Schauspieler, Soldat! Hätte doch die Menschen lieben können, mit ihnen trinken, sie verstehen – und weiß der Himmel was sonst noch! Mir war, als taute eine Eisschicht in mir auf. Eine Marke nach der anderen nahm ich vor. Alle waren sie da: Lombardei, Kuba, Siam, Hannover, Nicaragua, Philippinen, all die Länder, in die zu fahren ich damals gewünscht habe und die ich jetzt nie mehr werde sehen können. An jeder dieser Marken haftete ein Stück von etwas, das hätte geschehen können und nicht geschehen ist. Eine ganze Nacht saß ich über den Marken und hielt Gericht über mein Leben. Und ich erkannte, daß es ein fremdes, ein künstliches und unpersönliches Leben gewesen ist, und daß das, was eigentlich mein Leben hätte werden sollen, nie Wirklichkeit geworden ist.« – Herr Karas machte eine Handbewegung. – »Wenn ich überlege, was ich alles hätte sein können . . . und wie sehr ich dem Loisl Unrecht getan habe . . .«

Pater Voves, der unter den Zuhörern war, sah besonders ernst und mitfühlend drein. Möglich, daß etwas aus seinem eigenen Leben ihm vorschwebte. »Herr Karas«, sagte er ergriffen, »denken Sie nicht mehr daran! Was könnte es helfen? Jetzt läßt sich nichts mehr gutmachen, jetzt können Sie nicht noch einmal beginnen . . .«

»Mit dem Leben nicht«, seufzte Herr Karas und wurde ein bißchen rot, »aber wissen Sie, wenigstens . . . wenigstens mit dem Markensammeln habe ich jetzt wieder begonnen . . .«

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