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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Der Mann, der nicht schlafen konnte

»Als Herr Doleschal vorhin vom Dechiffrieren sprach«, meinte jetzt Herr Kafka, »da fiel mir ein Streich ein, den ich einmal einem Kollegen, einem gewissen Musil, gespielt habe. Dieser Musil ist ein ganz besonders gebildeter und subtiler Mensch, aber das Prototyp eines Intellektuellen: in allem und jedem sieht er ein Problem und sucht eine ›Einstellung‹ dazu. So hat er zum Beispiel sogar eine ›Einstellung‹ gegenüber seiner Frau, er lebt mit ihr in keiner Ehe, sondern in einem Eheproblem. Außerdem gibt es für ihn das soziale Problem, die sexuelle Frage, das Problem des Unterbewußten, das Erziehungsproblem, die Krise der heutigen Kultur und noch eine ganze Menge anderer Krisen und Probleme. Mir sind derartige Menschen, die in jeder Sache ein Problem wittern, genau so unerträglich wie die Menschen mit Grundsätzen. Ich habe eine Abneigung gegen Probleme. Für mich ist ein Ei ein Ei; und wenn jemand mir damit käme, das Ei problematisch zu finden, so würde ich es mit der Angst bekommen, daß das Ei verdorben ist. Ich sage Ihnen das nur, um Ihnen diesen Musil ein bißchen vor Augen zu führen.

Einmal vor Weihnachten beschloß er, ins Riesengebirge Ski fahren zu gehen, und da er noch Verschiedenes zu besorgen hatte, erklärte er, er komme noch einmal zurück, um sich von uns Kollegen zu verabschieden. Und wie er schon gegangen war, erschien der Doktor Mandel, wissen Sie, dieser bekannte Publizist, übrigens auch so ein sonderbarer Kauz, und wollte dringend Herrn Musil sprechen. Musil ist nicht da, sagte ich, aber er hat die Absicht, vor der Abreise noch für einen Sprung herzukommen. Herr Doktor Mandel schien betrübt. ›Ich kann nicht warten‹, sagte er, ›aber ich schreibe hier auf ein Stück Papier, was ich ihm zu sagen habe.‹ Und er setzte sich hin und schrieb.

Ich glaube nicht, meine Herren, daß Sie schon einmal eine Schrift gesehen haben, so unleserlich wie die des Herrn Doktor Mandel. Sie sieht aus wie die Aufzeichnungen eines Seismographen – ein langer, abgerissener, waagrechter Strich, der stellenweise zittrig aussieht oder spitz aufsteigt. Mir war die Schrift gut bekannt und ich sah ihm nur zu, wie seine Hand über das Papier fuhr. Plötzlich schnitt Doktor Mandel ein ärgerliches Gesicht, zerknüllte ungeduldig das Blatt Papier, warf es in den Korb und sprang auf. Es würde zu lang werden, brummte er, und weg war er.

Sie wissen doch, einen Tag vor Weihnachten hat kein Mensch große Lust zu einer ernsten Arbeit. Ich setzte mich also an den Tisch und fing an, auf ein Blatt Papier diese gewissen seismographischen Striche zu malen; lange, zittrige Linien; hie und da, wie es mir gerade einfiel, ließ ich sie aufwärts oder abwärts hüpfen. Eine Zeitlang unterhielt ich mich damit, dann legte ich das bekritzelte Papier auf Musils Tisch hinüber. Ich hatte es kaum hingelegt, als Musil hereinstürzte, schon in Gebirgstracht, Skier und Stöcke auf der Schulter. ›Jetzt fahre ich‹, rief er fröhlich schon in der Tür.

›Ein Herr war da, der Sie sprechen wollte‹, sagte ich gemessen. ›Er hat Ihnen einen Brief hinterlassen, es soll sich um eine wichtige Sache handeln.‹

›Zeigen Sie her!‹ sagte Musil rasch. ›Oh‹, er stutzte, ›das ist ja von Doktor Mandel; was wollte er denn von mir?‹

›Keine Ahnung‹, brummte ich unwirsch, ›er hatte es sehr eilig. Aber wissen Sie, mit dieser Schrift könnte ich nicht fertig werden.‹

›Ich bin sein Gekritzel gewöhnt‹, erklärte Musil leichthin, stellte Skier und Stöcke hin und setzte sich an den Tisch. Nach einer Weile wurde er sonderbar ernst. Eine halbe Stunde lang war es totenstill im Raum. ›Die ersten zwei Wörter hätte ich jetzt‹, sagte Musil erleichtert und stand auf, ›sie heißen: »Lieber Herr!« Aber jetzt muß ich mich beeilen. Ich nehme den Brief mit und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn es mir nicht gelänge, ihn noch im Zug zu entziffern!‹

Nach Neujahr kam er zurück. ›Wie ist es Ihnen ergangen?‹ fragte ich ihn. ›Mensch – Musil, schön ist es so im Winter in den Bergen, was?‹

Musil machte eine müde Bewegung mit der Hand. ›Weiß ich's denn?‹ sagte er. ›Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen – ich habe das Hotelzimmer nicht verlassen; nicht einmal die Nase habe ich hinausgesteckt. Aber wenn man den Leuten glauben will, so war es dort wunderschön.‹

›Ja, was war denn los?‹ fragte ich teilnahmsvoll, ›waren Sie krank?‹

›Krank nicht‹, sagte Musil mit gemachter Bescheidenheit, ›aber ich habe die ganze Zeit damit verbracht, den Brief des Doktor Mandel zu entziffern. Aber damit Sie es nur wissen, ich habe die Aufgabe gelöst‹, erklärte er triumphierend. ›Die ganzen Nächte bin ich an der Arbeit gesessen – aber was ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, das führe ich durch.‹

Ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, daß der Brief nichts als mein sinnloses Gekritzel war. ›War der Brief wenigstens wichtig?‹ fragte ich gespannt. ›Hat er die Mühe gelohnt?‹

›Darauf kommt es nicht an‹, antwortete Musil stolz. ›Was mich an der Sache interessiert hat, war das graphologische Problem. Doktor Mandel hat mich in seinem Brief darum ersucht, innerhalb von vierzehn Tagen einen Beitrag für seine Zeitschrift zu schreiben – worüber, das ist allerdings die einzige Stelle, die ich nicht enträtseln konnte; außerdem wünschte er mir fröhliche Feiertage und einen angenehmen Aufenthalt im Gebirge. Im großen und ganzen also keine besondere Angelegenheit. Doch die Lösung, Herr, die Lösung methodisch zu finden, das war eine harte Nuß; aber das ist gut so, denn an nichts kann der Mensch seinen Geist besser schärfen. Das lohnt schon die Arbeit von ein paar Tagen und Nächten.‹«

 

»Nicht schön von Ihnen«, sagte tadelnd Herr Paulus. »Hol' der Teufel die paar Tage, aber schade um die schlaflosen Nächte.

Der Schlaf, meine Herren, der ist mehr als ein Ausruhen für den Körper, der Schlaf ist so etwas wie eine Reinigung, wie eine Absolution für den vergangenen Tag. Schlafen zu dürfen ist eine Gnade! In den ersten paar Minuten nach einem guten Schlaf ist jede Seele rein und unschuldig wie ein Kind.

Ich muß es wissen; ich selbst habe nämlich eine Zeitlang an Schlaflosigkeit gelitten. Ich weiß nicht, ob infolge eines ungeregelten Lebens oder ob sonst was mit mir nicht in Ordnung war – kurz, sobald ich mich ins Bett gelegt und in den Augen das gewisse Prickeln vor dem Einschlafen verspürt hatte, begann es in mir gleichsam zu zucken, und dann lag ich Stunden um Stunden da und stierte in die Finsternis, bis der Tag zu grauen begann. Ein ganzes Jahr ging das so, ein Jahr ohne Schlaf.

Wenn der Mensch nicht einschlafen kann, versucht er zuerst an nichts zu denken. Er zählt deshalb oder er betet. Dann fällt ihm plötzlich ein: Herrgott noch einmal, gestern habe ich da etwas zu erledigen vergessen! Dann fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht in einem Laden beim Zahlen betrogen hat. Dann glaubt er sich jetzt erst zu erinnern, daß ihm neulich seine Frau oder ein Freund eine so sonderbare Antwort gegeben hat. Ein Möbelstück kracht, und der Mensch meint, es sei ein Dieb und ihm wird kalt, erst vor Angst, dann vor Scham wegen seiner Angst. Und wenn ihn die Angst erst einmal beim Kragen hat, beginnt er seinen Körper zu beobachten, und, in Schweiß gebadet, seine bescheidenen Kenntnisse über Karzinome und Nierenentzündungen zu rekapitulieren. Er weiß nicht, warum jetzt auf einmal die Erkenntnis auftaucht, daß er vor zwanzig Jahren eine peinliche Eselei begangen hat, einen so dummen Fehler, daß die Scham ihm jetzt den Schweiß aus den Poren treibt. Schritt für Schritt konfrontiert er sich immer von neuem mit irgendeinem Ich, das sonderbar, unabweisbar und unerlöst ist; mit seiner Schwäche, mit seinen eigenen Gebrechen, Dummheiten, Blamagen und längst vergangenem Leid. Alles Peinliche und Schmerzhafte, alles Erniedrigende, das er je erlebt hat, schwimmt an die Oberfläche. Nichts bleibt einem Menschen erspart, der keinen Schlaf findet. Deine ganze Welt verschiebt sich und rutscht in eine quälende Perspektive. Längst Vergessenes grinst dich an, als wollte es sagen: ›Du Ochse, schön hast du dich damals benommen! Und erinnerst du dich, wie deine erste Liebe, vierzehn Jahre alt warst du damals, nicht zum Rendezvous gekommen ist? Du sollst es wissen, zur selben Zeit küßte sie einen anderen, deinen Freund Fritz, und sie lachten über dich! Du Idiot, Idiot, Idiot!‹ – Und der Mensch wälzt sich in seinem heißen Bett und zwingt sich zu dem Gedanken: Herr des Himmels, das geht mich doch nichts mehr an! Gewesen ist gewesen! – Dabei stimmt das gar nicht, glauben Sie mir! Was gewesen war, ist. Auch das, wovon du nichts mehr weißt, wirkt weiter. Ich glaube, auch nach dem Tode noch dauert das Gedächtnis.

Liebe Freunde, Sie kennen mich doch ein wenig. Sie wissen – ich bin kein Griesgram, kein Hypochonder, kein Querulant, kein Rührmichnichtan, kein Raunzer, kein ekelhafter Kerl und kein Schwarzseher. Ich liebe das Leben und die Menschen und mich selber; ich gehe die Dinge an wie ein Narr, prügle mich gerne in der Welt herum; ich glaube, ich habe eine harte Haut. Auch damals, als ich den Schlaf verloren hatte, habe ich bei Tag gearbeitet wie ein rechter Kerl, bin ganz munter herumgestiegen und habe mich an jede Aufgabe herangemacht, die mir gestellt wurde. Sie wissen, daß ich im Rufe stehe, gottlob ein aktiver Mensch zu sein. Aber kaum war ich abends ins Bett gekrochen und kaum hatten die Qualen der schlaflosen Nacht begonnen, so spaltete sich mein Leben. Fort war das Dasein des tätigen, erfolgreichen, selbstsicheren und gesunden Mannes, dem dank seiner Energie, seiner gesunden Vernunft und seines unverschämten Glücks einfach alles gelang. Ein armer gehetzter Mensch lag da im Bett, der sich mit Grauen seiner Mißerfolge, seiner Schande, des ganzen Schmutzes und der ganzen Niedrigkeit seines Lebens bewußt wurde. Zwei Leben habe ich damals gelebt, die fast gar keine Berührungspunkte hatten und die einander denkbar unähnlich waren: das eine bei Tag, ein Leben der Erfolge, der Tätigkeit, des Verkehrs mit Menschen, des Vertrauens, der amüsanten Unterbrechungen; ein Leben, das mich in seiner Art glücklich machte und mir die Selbstzufriedenheit gab, die ich brauchte. In der Nacht aber schloß sich das andere Leben auf, ein Leben, gewebt aus Schmerzen und Bedenken; das Leben eines Menschen, dem nichts glückte, der von allen verraten wurde und der sich selbst seinen Mitmenschen gegenüber engherzig und dumm benahm; das Leben eines um alles Betrogenen, eines tragischen Tölpels, den ein jeder haßt und belügt, eines Schwächlings, der sein Spiel verloren hat und von Schande zu Schande torkelt. Ein jedes dieser beiden Leben war in sich geschlossen und abgerundet. Befand ich mich auf der einen Seite, so schien es mir, als gehörte das andere Leben einer anderen Person, als betreffe es mich gar nicht, oder als wäre es nur scheinbar vorhanden, eine Selbsttäuschung oder eine Halluzination. Bei Tag liebte, bei Nacht verdächtigte und haßte ich. Bei Tag erlebte ich unsere Welt, die Welt der Menschen; bei Nacht erlebte ich mich selbst. Und wer nur sich selbst erlebt, der verliert die Welt. Und so scheint es mir denn, als wäre der Schlummer ein tiefes, dunkles Wasser. Alles, wovon wir nichts wissen und nichts wissen sollen, fließt da hinab. Die sonderbare Traurigkeit, die sich in uns niederschlägt, wird weggespült und rinnt ins Unterbewußtsein, das uferlos ist. Unsere Schlechtigkeit, unsere Feigheit, alle unsere alltäglichen und peinlichen Sünden, unsere beschämenden Dummheiten und Mißerfolge, die Sekunden der Lüge und Lieblosigkeit im Blick derer, die wir lieben – das, worin wir gefehlt und das, worin andere an uns gesündigt haben, das alles fließt in guten Nächten still hinweg aus dem Bereich des Bewußtseins. Der Schlaf ist unendlich barmherzig; er vergibt uns wie auch unseren Schuldigern.

Und noch etwas will ich Ihnen sagen, das, was wir so unser Leben nennen, das ist nicht alles, was wir erlebt haben; es ist nur eine Auswahl. Was wir erleben, ist viel zu viel; es ist mehr, als unser Verstand fassen kann. Deshalb wählen wir nur aus, was uns behagt, und knüpfen aus den Fäden sozusagen eine vereinfachte Handlung. Das Produkt nennen wir dann unser Leben. Aber was für Abfälle wir da liegen lassen, welch sonderbare und schreckliche Dinge wir einfach übergehen – du lieber Gott, wenn der Mensch sich dessen bewußt würde! Aber wir haben gerade nur die Kraft, ein vereinfachtes Leben zu leben. Mehr zu erleben, ginge über unsere Kraft. Wir hätten keine Möglichkeit, das Leben zu ertragen, wenn wir nicht unterwegs das größere Stück unseres Lebens verlieren würden.«

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