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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Vom lyrischen Dieb

»Manchmal liegen die Dinge auch ganz anders«, meldete sich nach längerem Schweigen Herr Zach, der Redakteur. »Oft weiß man nicht recht, ob es das schlechte Gewissen ist oder vielleicht eher die Eitelkeit und ein gewisses Schaustellungsbedürfnis. Sicher würde dieser oder jener Berufsverbrecher einfach zerspringen, wenn er nicht hie und da mit seinen Taten von sich reden machen könnte. Ich glaube, viele Verbrechen würden nicht begangen werden, wenn die Gesellschaft sie einfach ignorierte. So einem ausgepichten Fachmann macht die starke öffentliche Anteilnahme geradezu warm. Ich will ja nicht sagen, daß die Menschen nur um solchen Ruhmes willen stehlen und rauben. Sie tun es des Geldes wegen, aus Leichtsinn, unter dem Einfluß schlechter Gesellschaft. Aber – wenn sie einmal an dieser aura popularis gerochen haben, dann erwacht in ihnen eine gewisse Großmannsucht; bei den Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Lebens ist es ja nicht anders.

Es ist schon eine Reihe von Jahren her, daß ich das ausgezeichnete Kreiswochenblatt ›Der Bote aus dem Osten‹ redigierte. Ich stamme zwar aus dem Westen, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie hitzig ich für die regionalen Interessen Ost-Böhmens gekämpft habe. Dieses Ost-Böhmen ist ein sanftes Hügelland, wie hingemalt mit seinen Zwetschkenalleen und seinen stillen Bächlein; aber ich habe Woche für Woche ›unser rauhes Bergvolk, das mit der herben Natur und der Benachteiligung durch die Regierung so hart zu ringen hat‹ aufgerüttelt. Meine Herren, das floß so leicht aus der Feder und kam recht vom Herzen. Zwei Jahre nur habe ich dort gewirkt. Aber diese zwei Jahre genügten mir, um den Menschen dort die Überzeugung beizubringen, daß sie rauhe Gebirgsbewohner seien, daß ihr Leben heroisch sei und hart, und daß ihr Land zwar arm sei, doch von melancholischer Schönheit und ein rechtes Bergland. – Ich glaube, mehr kann ein Journalist nicht tun, als die Umgebung von Tschaslau in eine Art Norwegen zu verwandeln. Ein Beispiel dafür, welch ungeheure Aufgaben die Zeitung zu lösen fähig ist.

Sie wissen doch, meine Herren, ein Provinzredakteur hat sich vor allem anderen um die Lokalchronik zu bekümmern. Einmal hielt mich der Polizeikommissar an und sagte:

›Heute nacht hat ein Gauner den Laden des Herrn Waschata ausgeraubt, die Gemischtwarenhandlung. Und was sagen Sie nur dazu, Herr Redakteur, dieser Haderlump hat dort ein Gedicht aufgeschrieben und hat das Zeug auf dem Pult liegen lassen; haben Sie schon einmal von so einer Frechheit gehört?‹

›Zeigen Sie mir das Gedicht!‹ bat ich rasch. ›Das ist eine Sache für den »Boten«. Sie werden Augen machen, wie die Presse Ihnen den Burschen in die Hände liefern wird. Und dann, Herr, stellen Sie sich vor, was für eine Sensation die Geschichte für unsere Stadt und für die ganze Gegend wird!‹

Nach längerem Hin- und Herreden gab er mir das Gedicht, und ich druckte es im ›Boten aus dem Osten‹ ab. Soweit ich mich heute noch erinnern kann, will ich es Ihnen aufsagen. Es lautete so ähnlich wie:

›Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,
Sieben, acht, neun, zehn,
Elf, zwölf die Uhr schon schlägt,
Die Stunde, da der Dieb sich regt.
Kaum stemmte ich die Türe auf,
Klangen Schritte von der Straße herauf.
Ich wär' kein Dieb, hätt' ich Angst verspürt.
Der Schritte Klang sich wieder verliert.
Horcht der Mensch ins Dunkel, wo nichts sich regt,
So hört er, wie laut das Herz ihm schlägt.
Mein Herz ist ein Waisenkind wie ich,
Lebte meine Mutter, sie weinte um mich.
Mancher Mensch kann hienieden nur unglücklich sein,
Es raschelt ein Mäuslein, wir sind allein.
Zwei Diebe sind da, ich und die Maus,
Ich streue ihr ein paar Brotkrumen aus.
Sie zeigt sich nicht; weiß nicht, wo sie blieb.
Der Dieb hat Furcht sogar vor dem Dieb.‹

Und in diesem Stil weiter bis zum Schluß, wo es heißt:

›Ach vieles ich hier noch schreiben könnt'.
Doch meine Kerze zu Ende brennt.‹

Dieses Gedicht also habe ich gedruckt und eine ausführliche psychologische und schöngeistige Analyse dazu geschrieben. Ich hob seine balladeske Art hervor und wies beredt auf die zartbesaitete Seele des Dichters hin. Die Sache war eine Sensation besonderer Art. Blätter gegnerischer Parteien und anderer Kreisstädte behaupteten, das Ganze sei nichts als Mache und Fälschung. Andere Feinde Ost-Böhmens erklärten wiederum, das Gedicht sei ein Plagiat, eine unbeholfene Übersetzung aus dem Englischen und weiß Gott was sonst noch. Aber als ich mitten in der schönsten Polemik zu Gunsten unseres Kreisdichterdiebes begriffen war, erschien der Polizeikommissar bei mir und sagte: ›Sie, Herr Redakteur, jetzt könnten Sie schon Schluß machen mit Ihrem verdammten Dieb! Stellen Sie sich nur vor, in dieser Woche hat er schon wieder zwei Wohnungen und einen Laden ausgeraubt, und jedes Mal lag am Tatort ein langes Gedicht!‹

›Bravo! Das drucken wir sofort ab!‹

›Das könnte Ihnen so passen, Herr‹, knurrte der Kommissar, ›aber das hieße ja dem Kerl Vorschub leisten! Der stiehlt ja nur mehr aus literarischem Ehrgeiz! Damit wird jetzt Schluß gemacht, verstanden? Schreiben Sie, daß die Gedichte Mist seien, daß ihnen die Form fehlt oder die Stimmung oder was Sie wollen! Ich glaube, dann hört der Halunke zu stehlen auf.‹

›Hm‹, sagte ich, ›das wird nicht gut gehen, nachdem wir schon einmal so sehr für ihn eingetreten sind. Aber wir drucken einfach kein Gedicht mehr ab und damit wird die Sache erledigt sein.‹

In den nächsten Tagen ereigneten sich weitere fünf Diebstähle mit den dazugehörigen Gedichten. Aber der ›Bote aus dem Osten‹ schwieg wie ein Grab. Meine einzige Angst war, daß unser Dieb etwa in seinem beleidigten Autorenstolz in die Turnauer oder in die Taborer Gegend hinüberwechseln und der dortigen Kreispresse Material liefern könnte. Wie die Spießer dort sich nur aufgeblasen hätten!

Unser Schweigen schien den Dieb ein wenig zu verwirren. Drei Wochen lang herrschte Ruhe. Dann aber ging es von neuem los mit den Diebstählen, nur mit dem Unterschied, daß die dazugehörigen Gedichte nun direkt in die Redaktion des ›Boten aus dem Osten‹ geschickt wurden. Aber der ›Bote‹ blieb hart. Einerseits wünschte er es sich nicht mit den Ortsbehörden zu verderben, und überdies wurden die Gedichte immer schwächer und schwächer. Der Autor begann sich zu wiederholen und quälte sich mit allerlei romantischem Zierat. Mit einem Wort, er begann sich aufzuführen wie ein wirklicher Schriftsteller.

Einmal nachts kam ich aus dem Wirtshaus nach Hause, pfiff vor mich hin wie ein Star und rieb ein Zündholz an, um meine Petroleumlampe in Brand zu setzen. In diesem Augenblick blies jemand hinter meinem Rücken in das Streichholz und es verlöschte.

›Kein Licht machen!‹ sagte eine tiefe Stimme. ›Ich bin es!‹

›Aha!‹ meinte ich, ›und worum handelt es sich?‹

›Ich komme fragen‹, sprach die tiefe Stimme, ›was mit meinen Gedichten los ist.‹

›Menschenskind‹, sagte ich – ich hatte immer noch keine Ahnung, worum es sich handelte – ›jetzt sind keine Redaktionsstunden. Kommen Sie morgen um elf!‹

›Ja, damit Sie mich verhaften lassen!‹ sprach bitter die Stimme. ›Das geht nicht! Warum drucken Sie meine Gedichte nicht mehr?‹

Jetzt endlich ging mir ein Licht auf. Das war unser Dieb. ›Darüber wäre viel zu sagen‹, entgegnete ich, ›setzen Sie sich, junger Mann! Wenn Sie es denn wissen wollen, ich drucke Ihre Gedichte nicht, weil sie nichts wert sind. So!‹

›Ich dachte‹, äußerte sich schmerzlich die Stimme, ›daß sie . . . daß sie nicht ärger sind als das erste.‹

›Das erste ging noch an‹, erklärte ich strenge. ›Da war noch echtes Gefühl drin, verstehen Sie, es hatte intuitive Frische, eine gewisse Unmittelbarkeit und Kraft des Erlebens, Stimmung hatte es, alles mögliche. Aber die anderen, Mensch, die waren Mist!‹

›Aber ich habe sie doch‹, stöhnte der Mann im Dunkeln, ›ich habe sie doch genau so – genau so geschrieben wie das erste.‹

›Das ist es ja eben‹, sagte ich mit unbeirrbarer Härte, ›Sie wiederholen sich. Es stand wieder dort, daß Sie draußen Schritte hörten . . .‹

›Aber ich habe sie doch wirklich gehört‹, verteidigte sich die Stimme, ›Herr Redakteur, beim Stehlen muß einer die Ohren spitzen, ob nicht draußen Schritte zu hören sind.‹

›Und eine Maus war auch wieder da‹, fuhr ich fort.

›Ja, die Maus‹, sprach kleinmütig die Stimme, ›was soll ich aber tun, wenn immer eine Maus da ist? Aber nur in drei Gedichten steht etwas von einer Maus.‹

›Mit einem Wort, aus Ihren Versen ist öde literarische Routine geworden. Ohne Originalität, ohne Inspiration, ohne Erneuerung der Gefühle. Lieber Freund, das geht nicht! Ein Dichter darf sich nicht wiederholen.‹

Die Stimme schwieg eine Weile.

›Herr Redakteur‹, ließ sie sich dann vernehmen, ›wenn es aber immer wieder das gleiche ist! Gehen Sie mal stehlen – ein Diebstahl ist wie der andere.‹ Er seufzte. ›Das ist eine schwere Sache.‹

›Ganz richtig‹, sagte ich, ›Sie sollten es einmal von einer anderen Seite her versuchen!‹

›Vielleicht Kirchenraub?‹ schlug die Stimme vor, ›oder soll ich auf Friedhöfen arbeiten?‹

Ich schüttelte energisch den Kopf. ›Nein, das führt zu nichts. Es ist ja nicht so sehr der Stoff, das Erleben ist es, worauf es ankommt. In Ihren Versen fehlt das Konflikthafte. Immer wieder kommt es nur zu einer äußerlichen Beschreibung eines gewöhnlichen Diebstahls. Nach einem verinnerlichten Motiv müßten Sie sich umsehen! Das Gewissen zum Beispiel wäre eines.‹

Die Stimme überlegte. ›Gewissensbisse meinen Sie oder dergleichen. Glauben Sie, daß die Gedichte dann besser würden?‹

›Und ob, Kamerad!‹ rief ich. ›Das gibt ihnen erst psychologische Tiefe und Bewegtheit.‹

›Ich werde es versuchen‹, meinte die Stimme nachdenklich. ›Aber ich weiß nicht, ob ich dann noch werde stehlen können. Man verliert da leicht seine Sicherheit, wissen Sie? Und wenn man die Sicherheit nicht hat, wird man leicht erwischt.‹

›Und wenn schon!‹ rief ich aus, ›Menschenskind, Junge, was wäre denn dabei? Können Sie sich nicht vorstellen, was für herrliche Gedichte Sie in carcere et catenis schreiben würden? Ich könnte Ihnen ein Gedicht zeigen, das im Gefängnis geschrieben wurde, da würden Sie Augen machen!‹

›Und hat es eine Zeitung gedruckt?‹ fragte die Stimme begierig.

›Junge, Junge‹, sagte ich, ›es ist eines der berühmtesten Gedichte der Weltliteratur. Machen Sie Licht, ich lese es Ihnen vor!‹

Mein Gast ließ ein Streichholz aufflammen, und die Petroleumlampe beleuchtete das Zimmer. Es zeigte sich, daß der Mann ein blasser, finniger Bursche war, wie Diebe und Dichter in der Regel. ›Warten Sie, gleich suche ich es heraus.‹ Ich kramte die Übersetzung von Oskar Wildes ›Ballade aus dem Zuchthaus von Reading‹ hervor. Damals war das Gedicht in Mode.

Nie in meinem Leben habe ich mit soviel Gefühl vorgetragen wie damals. Sie kennen doch die Verse: ›So tötet jeder, wie er kann . . .‹ Mein Besucher ließ kein Auge von mir. Als ich zu der Stelle kam, wie der Mann zum Galgen geführt wird, bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzte.

Als ich zu Ende gelesen hatte, war es mäuschenstill im Zimmer. Ich wollte die Erhabenheit des Augenblicks nicht stören. Nach einiger Zeit öffnete ich das Fenster und sagte: ›Der kürzeste Weg führt dann dort über den Zaun. Gute Nacht!‹ – Und ich verlöschte das Licht.

›Gute Nacht.‹ Seine Stimme klang wie die eines Menschen, der tief erschüttert ist. ›Ich danke.‹ – Dann verschwand er, lautlos wie eine Fledermaus. Ich glaube, er war doch ein recht geschickter Dieb.

Zwei Tage darauf faßte man ihn in einem Laden, in den er eingebrochen war. Man fand ihn an einem Pult sitzend, wie er an einem Bleistiftstumpf kaute. Auf dem Papier, das vor ihm lag, stand geschrieben:

›So stiehlt ein jeder, wie er kann . . .‹

sonst nichts. Sicherlich sollte es eine Variation der ›Ballade aus dem Zuchthaus von Reading‹ werden.

Man verurteilte ihn wegen der diversen Einbrüche zu eineinhalb Jahren. Einige Monate nach seiner Einlieferung stellte man mir ein Heft Gedichte zu. Furchtbare Gedichte: nichts als ›feuchte, unterirdische Verliese‹, ›Kasematten ‹, ›Gitter‹, ›klirrende Ketten an den Füßen‹, ›dumpfiges Brot‹, ›der Weg zum Galgen‹ und Gott weiß was noch alles. Ich war erschüttert; so grauenhaft schilderte der Mann die Zustände in dem betreffenden Zuchthaus.

Sie wissen doch, wenn man Journalist ist, steckt man in alles seine Nase hinein. Ich erreichte es also, daß mich der Direktor zur Besichtigung der Anstalt einlud. Und ich kann Ihnen sagen, es war ein ganz anständiges Institut, fast neu, nach modernen, humanen Grundsätzen gebaut; ich traf meinen Dieb vor einem Blechnapf mit Linsen.

›Was ist denn mit Ihnen los?‹ fragte ich, ›wo sind denn die »klirrenden Ketten«, von denen Sie geschrieben haben?‹

Mein Dieb wurde rot und sah verlegen zum Direktor hin. ›Herr Redakteur‹, stotterte er, ›über die Dinge, wie sie hier wirklich sind, lassen sich eben keine Gedichte schreiben. Und da ist es halt schwer . . .‹

›Und Sie sind zufrieden?‹

›Ach ja . . .‹, brummte er verlegen, ›nur gibt es leider nichts, worüber man schreiben könnte . . .‹

Ich bin dem Manne nie mehr begegnet. Weder unter ›Gerichtssaal‹ noch unter ›Poesie‹.«

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