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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Schwindel

»Heutzutage«, sagte Herr Lacina, »nennt man das nicht mehr Gewissen, jetzt nennen sie es verdrängte Vorstellungen, aber glauben Sie mir, es ist gehupft wie gesprungen. Ich weiß nicht, ob jemand von Ihnen den Fall des Fabrikanten Gierke kennt, der war ein reicher und vornehmer Mann, groß und stark wie eine Säule. Man erzählte, er sei Witwer. Aber sonst wußte man eigentlich nichts über ihn, und das lag daran, daß er ein verschlossener Charakter war. Er hatte es schon weit über die Vierzig gebracht, da verliebte er sich in irgendeine hübsche, kleine Puppe, siebzehn Jahre war sie alt und atemraubend schön, wie man so sagt. Wirkliche Schönheit kann einem tatsächlich das Herz zusammenpressen; ich weiß nicht, ob es Leid ist oder Zärtlichkeit. Dieses Mädchen also heiratete den Gierke, denn schließlich war er ja der große und reiche Herr Gierke.

Die Hochzeitsreise machten sie nach Italien, und dort geschah Folgendes: sie standen in Venedig, oben auf dem berühmten Campanile, und als Herr Gierke von dort hinabsah – es soll ja ein wundervoller Ausblick sein – erblaßte er, drehte sich zu seiner Frau hin und fiel um wie vom Blitz getroffen. Seit diesem Vorfall nahm seine Verschlossenheit noch zu. Nur mit großer Selbstüberwindung brachte er es fertig, daß man von ihm nicht den Eindruck eines Kranken bekam. Aber seine Augen wirkten unruhig und verzweifelt. Sie können sich denken, daß die junge Frau sich Sorgen machte und ihn möglichst schnell nach Hause brachte. Sie hatten ein schönes Haus am Stadtpark, und dort begann Gierkes absonderliches Benehmen. Immerzu ging er von einem Fenster zum anderen, um sich zu überzeugen, daß es auch gut verschlossen sei, und kaum saß er, so sprang er gleich wieder auf und rannte zu irgendeinem Fenster, das offen geblieben war, um es zuzumachen. Sogar in der Nacht stand er auf und geisterte im ganzen Haus umher. – Fragte man ihn nach der Ursache, so murmelte er nur, es sei dieser verdammte Schwindel und er wolle nur das Fenster schließen, aus Angst, er könnte hinausfallen. Die junge Frau ließ alle Fenster vergittern, um ihn von seiner Angst zu befreien. Für ein paar Tage war ihm damit geholfen. Gierke beruhigte sich ein wenig, aber bald lief er wieder von einem Fenster zum anderen und rüttelte an den Gittern, um sich zu überzeugen, daß sie auch fest seien. Dann ließ er Fensterläden aus Stahl machen, und hinter diesen Fensterplatten lebte er wie eingemauert. Kurze Zeit tat auch dies seine Wirkung. Aber dann stellten sich die Schwindelanfälle wieder ein, wenn er Treppen steigen sollte. Man mußte ihn über die Treppen führen und ihn stützen wie einen Krüppel, dennoch zitterte er wie Espenlaub und Schweiß trat aus seinen Poren. Ja, mitunter mußte er mitten auf der Treppe haltmachen; dann setzte er sich hin und schluchzte krampfhaft – so arg waren seine Angstgefühle.

Sie können sich denken, daß man alle möglichen Ärzte rief, und es war so, wie wir es kennen: ein Bader sagte, die Schwindelanfälle kämen von Überarbeitung, ein Zweiter, es sei eine Erkrankung des Labyrinths, der Dritte, es komme von einer Verstopfung, der Vierte konstatierte Blutleere im Gehirn. Ich für mein Teil habe die Beobachtung gemacht, daß sich in jedem Menschen, der auf einem Gebiete Fachmann wird, durch irgendeinen inneren Prozeß ein starrer Standpunkt herausbildet. So ein Spezialist pflegt dann zu sagen: ›Herr Kollega, von meinem Standpunkt aus verhält sich die Sache so und so.‹ Ein Zweiter wieder wird einwenden: ›Jawohl, Herr Kollega, aber von meinem Standpunkt aus liegen die Dinge diametral entgegengesetzt.‹ Ich meine, man sollte Standpunkte so wie Hüte und Stöcke im Vorzimmer ablegen. Läßt man so einen Menschen mit seinem Standpunkt irgendwo eintreten, so richtet er dort mit Sicherheit Schaden an; zumindest aber gibt es Streit mit den anderen. Um aber bei Gierke zu bleiben – Herrn Gierke quälte und kurierte also jeden Monat ein anderer berühmter Fachmann, und ein jeder nach anderen großartigen Methoden. Der Gierke war zufällig ein Kerl wie ein Berg, er hielt es aus. Aber er konnte jetzt nicht einmal mehr seinen Lehnstuhl verlassen. Sobald er nur auf den Fußboden sah, überkam ihn das Schwindelgefühl, er stierte nur ins Dunkel, stumm und ohne sich zu bewegen. Mitunter ging ein Zucken durch seinen Körper: Das geschah, wenn er weinte.

Damals gab es einen neuen Doktor, einen Neurologen, von dem es hieß, er könne Wunder wirken. Dozent Spitz war sein Name. Dieser Doktor Spitz etablierte sich ausdrücklich zur Heilung verdrängter Vorstellungen. Seine These lautete: beinahe jeder Mensch habe in seinem Unterbewußtsein allerlei gräßliche Vorstellungen, Erinnerungen, Begierden, die er unterdrückte, weil er Angst vor ihnen habe. Und diese verdrängten Vorstellungen seien es, die Unrast, Unordnung und diese gewissen Nervenstörungen verursachten. Bekomme aber ein geschickter Arzt derartige verdrängte Vorstellungen auf irgendeine Weise zu fassen und vermöge er sie ans Tageslicht zu ziehen, so bringe dies dem Patienten Erleichterung, und alles könne wieder in Ordnung kommen. So ein psychoanalytischer Feldscher muß allerdings das unbedingte Vertrauen des betreffenden Patienten erwerben, um aus ihm alles Erdenkliche herausziehen zu können; was ihm in der Nacht träumt, an welche Ereignisse aus der Kindheit er sich erinnert und dergleichen Dinge mehr. Und zum Schluß sagt er: ›So, mein Lieber, vor Jahren haben Sie diese oder jene Erfahrung gemacht – gewöhnlich ist es eine, deren man sich schämen muß – und das drückt Sie in Ihrem Unterbewußtsein – wir nennen das ein psychisches Trauma. Und jetzt ist es weg, eins, zwei, drei, Hokuspokus, eins, zwei, drei, Sie sind geheilt!‹ Das ist die ganze Hexerei.

Glauben Sie mir, er war wirklich ein Zauberer, dieser Doktor Spitz. Sie haben keine Ahnung, wie viele reiche Leute mit verdrängten Vorstellungen herumlaufen. Bei armen Leuten kommt das in der Regel seltener vor. Kurz und gut: dieser Spitz hatte eine fabelhafte Praxis. Als nun bei Gierke alle erdenklichen ärztlichen Kapazitäten einander abgelöst hatten, rief man den Dozenten Spitz und Dozent Spitz erklärte, diese Schwindelanfälle kämen nur von den Nerven, und er, Hugo Spitz, stehe dafür ein, daß er den Patienten von ihnen befreien könne. Na; schön.

Nun, aus Gierke war nicht viel herauszubekommen. Spitz mochte ihn fragen, was er wollte, Gierke antwortete kaum. Schließlich tat er überhaupt nicht mehr den Mund auf und zu guter Letzt warf er Dozent Spitz hinaus.

Doktor Spitz war verzweifelt. Ein so hervorragender Patient, das ist doch eine Prestigeangelegenheit. Und dann war es ja wirklich ein ganz besonders schöner und schwerer Fall eines Nervenleidens. Dazu kam noch, daß Frau Irma Gierke sehr hübsch und tief unglücklich war. So verbiß sich denn Dozent Spitz in diesen Fall. ›Wenn ich die verdrängte Vorstellung bei Gierke nicht finde‹, brummte er, ›hänge ich die ganze Medizin an den Nagel und gehe zu Löbl Seide verkaufen.‹

Er ging der Sache mit einer neuen analytischen Methode zu Leibe. Er begann damit, daß er feststellte, wo in der Welt Tanten, Basen, Schwäger und sonstige ältere Verwandte aller Grade des Patienten lebten. Dann versuchte er das Vertrauen jedes einzelnen zu erwerben – Ärzte dieser Schule müssen vor allem geduldig zuhören können. Die Verwandten waren begeistert von diesem Doktor Spitz, von seiner Aufmerksamkeit und seiner Liebenswürdigkeit. Aber Doktor Spitz bekam, je länger die Unterhaltungen dauerten, einen immer ernsteren Gesichtsausdruck, und schließlich wandte er sich an ein vertrauenswürdiges Büro, das zwei verläßliche Leute irgendwohin auf Reisen schickte. Als die beiden zurückgekehrt waren, bezahlte sie Doktor Spitz für ihre Mühe und ging geradeswegs zu Gierke. Gierke saß im Halbdunkel in seinem Lehnstuhl, kaum der geringsten Bewegung fähig.

›Ich werde Sie nicht belästigen‹, sagte Doktor Spitz, ›Sie müssen mir kein Wort antworten. Ich werde Sie nach gar nichts fragen. Für mich handelt es sich nur darum, die Ursache Ihrer Schwindelanfälle bloßzulegen. Sie haben diese Ursache in Ihr Unterbewußtsein gedrängt. Und diese verdrängte Vorstellung ist so stark, daß Sie die schweren Störungen hervorruft . . .‹

›Ich habe Sie nicht gerufen, Doktor‹, unterbrach ihn Gierke und streckte die Hand nach der Klingel aus.

›Ich weiß es‹, sagte Doktor Spitz, ›aber gedulden Sie sich einen Augenblick! Als der Schwindelanfall zum ersten Male bei Ihnen auftrat, damals auf dem Campanile in Venedig, erinnern Sie sich, Herr, erinnern Sie sich doch – was haben Sie dabei gefühlt?‹

Gierke saß starr da, den Finger auf der Klingel.

›Damals haben Sie‹, fuhr Doktor Spitz fort, ›damals haben Sie ein furchtbares, wahnsinniges Verlangen verspürt, Ihre schöne junge Frau von dem Glockenturm hinabzustoßen. Aber Sie liebten sie maßlos, und so entstand in Ihnen ein Konflikt, der sich in eine starke psychische Erschütterung fortpflanzte. Sie stürzten in einem Schwindelanfall zusammen.‹

Es war still im Zimmer. Nur die nach der Klingel ausgestreckte Hand sank plötzlich herab.

›Von diesem Augenblick an setzte sich in Ihnen dieses Schwindelgefühl fest, das Grauen vor dem Abgrund. Von diesem Augenblick an verschlossen Sie die Fenster und konnten nicht mehr abwärts blicken, weil Sie die Vorstellung nicht los werden konnten, Sie würden vielleicht Frau Irma hinabstürzen.‹

Gierke stöhnte in seinem Lehnstuhl zum Erbarmen.

›Die Frage ist aber jetzt‹, fuhr Doktor Spitz fort, ›wo der Ursprungsort dieser Zwangsvorstellung liegt. Herr Gierke, vor achtzehn Jahren waren Sie verheiratet. Herr Gierke, Ihre erste Frau kam auf einer Tour in den Alpen ums Leben. Sie stürzte bei einer Besteigung der Hohen Wand ab, und Sie waren der Erbe.‹

Nichts war hörbar als der fliegende und röchelnde Atem Gierkes.

›Gierke‹, rief Doktor Spitz, ›Sie haben Ihre erste Frau ermordet. Sie haben sie in den Abgrund gestürzt und deshalb, verstehen Sie, deshalb werden Sie den Gedanken nicht los, Sie müßten auch Ihre zweite Frau töten: die Frau, die Sie lieben. Deshalb haben Sie Angst vor der Tiefe; deshalb leiden Sie an Schwindel . . .‹

Der Mann im Lehnstuhl brüllte auf: ›Doktor, Doktor, was soll ich tun? Was soll ich nur tun?‹

Erschüttert und furchtbar traurig saß Doktor Spitz vor ihm. ›Herr‹, sagte er, ›wäre ich gläubig, so würde ich Ihnen raten: Nehmen Sie Ihre Strafe auf sich, dann wird Gott Ihnen vergeben. Aber mit uns Ärzten ist es schon so, daß unser Glaube nicht sehr weit geht. Sie müssen mit sich selbst ausmachen, was Sie jetzt zu tun haben. Aber vom ärztlichen Standpunkt aus darf ich Sie wohl für geheilt halten. Stehen Sie auf, Herr Gierke.‹

Gierke erhob sich, bleich wie die Wand.

›Nun‹, fragte Doktor Spitz, ›dreht sich Ihnen der Kopf?‹

Gierke verneinte.

›Sehen Sie‹, Dozent Spitz atmete auf, ›jetzt verschwinden auch alle anderen Erscheinungen. Ihr Schwindel rührte nur von den verdrängten Vorstellungen her. Die sind jetzt gelöst, und alles wird gut werden. Versuchen Sie zum Fenster hinauszuschauen. Na, prächtig! Als ob alles Krankhafte von Ihnen abgefallen wäre, wie? Keine Spur von Schwindel, nicht wahr? Herr Gierke, Sie sind der schönste Fall, der mir jemals untergekommen ist!‹

Doktor Spitz klatschte geradezu in die Hände vor Begeisterung: ›Vollkommen geheilt! Darf ich Frau Irma rufen? Nein? Aha, Sie wollen sie selbst überraschen – Herrgott, wird die eine Freude haben, wenn sie Sie wieder gehen sieht! Da haben Sie ein Beispiel, Herr Gierke, was für Wunder die Wissenschaft vollbringen kann!‹

Hätte er nicht gesehen, daß Gierke Ruhe benötigte, er hätte vor Freude über seinen Erfolg noch zwei Stunden lang weitergeredet. So aber verschrieb er ihm Brom und empfahl sich.

›Ich begleite Sie, Herr Doktor‹, sagte Gierke höflich und führte den Arzt bis zum Treppenabsatz, ›wirklich merkwürdig, keine Spur von Schwindel, keine Spur . . .‹

›Hurra‹, rief der Dozent begeistert, ›Sie fühlen sich also gesund?‹

›Vollkommen gesund‹, sagte Gierke leise und sah dem Doktor nach. Und als der Dozent das Haustor zugeschlagen hatte, hörte man einen schweren Sturz. Nach einer Weile fand man am Fuß der Treppe Gierkes Körper. Er war tot, die Ursache waren einige Bruchverletzungen, die er sich zugezogen hatte, als er im Fallen auf das Treppengeländer aufgeschlagen war.

Als man es dem Doktor Spitz meldete, stieß er einen Pfiff aus und blickte ein wenig sonderbar vor sich hin. Dann griff er nach dem Buch, in dem seine Patienten verzeichnet standen, und schrieb zu Gierkes Namen nur das Datum und ein einziges Wort: Suicidium. Wissen Sie, Herr Fuchs, Suicidium heißt nämlich Selbstmord.«

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