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Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
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Der Tod des Barons Gandara

»Also diesen Mörder«, sagte darauf Herr Menschik, »den haben sie bestimmt gefangen, die Liverpooler Polypen. Das war ein Berufsverbrecher und die erwischt man fast immer. Man sieht sich in so einem Falle einfach alle notorischen Lumpen an, die gerade frei herumlaufen, hopp – und jetzt Bursche, erzähl mir, was du für ein Alibi hast. Und wenn er kein Alibi hat, dann ist er es eben gewesen. Wirklich ungern arbeitet die Polizei aber mit unbekannten Faktoren und Größen. Dann bleibt ihr nichts übrig als zu versuchen, sie eben auf bekannte Größen zu bringen. Kriegen sie mal jemand in die Klauen, dann wird er gemessen, sie nehmen seine Fingerabdrücke, und dann gehört er schon ihnen. Von diesem Augenblick an wenden sie sich vertrauensvoll an ihn, wenn irgend etwas los ist. Wie zu einem alten Bekannten gehen sie dann zu ihm, so wie man zu seinem Friseur oder in seinen Tabakladen geht. Schwieriger ist es schon, wenn ein Nichtfachmann oder ein Neuling ein Verbrechen begeht, sagen wir Sie oder ich. Da ist es für die Polizei schon eine Heidenarbeit, der Sache auf den Grund zu kommen.

Ich habe einen Bekannten bei der Polizeidirektion. Er heißt Rat Pitta und ist ein Onkel meiner Frau. Pitta steht auf dem Standpunkt: ist es ein Einbruch, so stammt er von einem Fachmann, ist es ein Mord, so wird es einer aus der Familie gemacht haben. Er hat seine festen Ansichten, der Herr Pitta. So behauptet er auch, daß ein Mensch nur ganz selten einen fremden Menschen ermordet, weil das nämlich gar keine so einfache Sache sei. Unter Bekannten ergebe sich da eher Gelegenheit, und im Haushalt liege dergleichen geradezu auf der Hand. Wenn er einen Mordfall bekommt, so versucht er zunächst zu erfahren, wer damit die geringsten Schwierigkeiten gehabt haben würde, und mit dem Betreffenden beschäftigt er sich. ›Weißt du, Menschik‹, sagt er, ›ich habe eben keine Spur Phantasie oder Spürsinn; das wird dir jeder hier bei uns bestätigen: ich bin der ärgste Trottel in der ganzen Polizeidirektion. Ich bin genau so primitiv wie der Mörder; was mir einfällt, ist ganz genau so alltäglich, durchschnittlich und dumm wie seine Beweggründe, wie sein Plan und wie seine Tat, und ich sage dir, daß es gerade deshalb bei mir so oft gut ausfällt.‹

Ich weiß nicht, ob einer der Herren sich noch an die Ermordung des exotischen Barons Gandara erinnert. Das war einer von diesen geheimnisvollen Abenteurern, Haare hatte er wie ein Rabe und schön war er wie Luzifer. Er wohnte in einer Villa am Gröberpark, und was sich dort alles zugetragen hat, das läßt sich gar nicht erzählen. Einmal gegen Morgen hörte man in der Nähe der Villa zwei Revolverschüsse. Es wurde Alarm geschlagen, und man fand den Baron erschossen im Garten seiner Villa. Seine Brieftasche war weg, sonst war nichts festzustellen. Also – ein rätselhafter Fall erster Klasse. Diesen Mord bekam mein Onkel Pitta, weil er gerade nichts anderes zu tun hatte. Ganz obenhin sagte ihm sein Chef, als er ihm den Fall übergab: ›Herr Kollega, das ist zwar kein Fall nach Ihrem Zuschnitt; aber es wäre nett, wenn Sie zeigen könnten, daß Sie für die Pensionierung noch nicht reif sind.‹ Onkel Pitta brummte, er werde sein möglichstes tun, und begab sich an den Tatort. Selbstverständlich fand er gar nichts, zankte mit den Detektiven, ging wieder nach Hause, setzte sich an seinen Tisch und zündete seine Tonpfeife an. Wer ihn so von dem stinkigen Rauch eingehüllt gesehen hätte, würde wohl vermutet haben, Herr Pitta brüte über seinem Fall. Weit gefehlt! Onkel Pitta brütete nicht, er war ein grundsätzlicher Feind des Nachdenkens. Der Mörder denkt auch nicht nach, pflegte er zu sagen, entweder es fällt ihm etwas ein oder es fällt ihm nichts ein.

Die Kollegen bei der Direktion hatten Mitleid mit Onkel Pitta. Das sei kein Fall für ihn, meinten sie. Schade um den schönen Fall, und schade um Pitta. Pitta ist gut für alte Weiber, die von ihrem Neffen oder dem Liebhaber ihrer Dienstmädchen umgebracht worden sind. Einer der Herren, Kommissar Mejzlik, suchte wie zufällig Onkel Pitta auf, setzte sich vor ihn auf den Schreibtisch und sagte: ›Also, Herr Rat, was gibt's Neues im Fall Gandara?‹

›Vielleicht hat er einen Neffen‹, meinte Onkel Pitta.

›Herr Rat‹, sagte Doktor Mejzlik, um ihm zu helfen, ›das wird diesmal wohl ein bißchen anders liegen. Dieser Baron Gandara war ein großer internationaler Spion, verstehen Sie? Gott weiß, was für sonderbare Sachen da mitspielen. Mir geht es nicht aus dem Kopf, daß seine Brieftasche fehlt. Ich an Ihrer Stelle würde doch trachten, mich zu informieren –‹

Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ›Herr Kollega‹, sagte er, ›jeder von uns hat seine eigene Methode. Ich bin der Meinung, daß man zunächst untersuchen muß, ob es nicht irgendwelche Verwandte gibt, die ihn beerben könnten.‹

›Zweitens‹, fuhr Doktor Mejzlik fort, ›ist uns bekannt, daß Baron Gandara hoch Hasard zu spielen pflegte. Sie kommen wenig in Gesellschaft, Herr Rat, Sie spielen höchstens bei Menschiks Domino und haben keine solchen Bekannten. Wenn es Ihnen recht ist, sehe ich mich einmal danach um, wer in den letzten Tagen mit ihm gespielt hat. Es könnte sich, wissen Sie, ja auch um eine sogenannte Ehrenschuld handeln –‹

Onkel Pitta blickte finster vor sich hin. ›Das ist nichts für mich‹, sagte er düster. ›Ich habe niemals in diesen höheren Kreisen gearbeitet, und ich will nicht in meinen alten Tagen damit anfangen. Mit Ehrenschulden und solchem Zeug soll man mich in Ruhe lassen, solche Fälle habe ich in meinem ganzen Leben nie gehabt. Wenn es kein Familienmord ist, dann wird es eben ein Raubmord sein, und den könnte dann nur jemand aus dem Haus begangen haben. Das ist die Regel. Vielleicht hat die Köchin einen Neffen.‹

›Oder vielleicht der Chauffeur‹, meinte Doktor Mejzlik, um den Onkel zu ärgern.

Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ›Chauffeur –‹ sagte er. ›Chauffeur – so was hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben. Ich erinnere mich an keinen Fall, bei dem ein Chauffeur einen Raubmord begangen hätte. Chauffeure saufen, sie stehlen Benzin, aber daß sie morden, das ist mir noch nie untergekommen. Mejzlik, junger Mann, ich halte mich an meine Erfahrungen. Wenn Sie erst einmal so alt sein werden wie ich –‹

Doktor Mejzlik saß wie auf Nadeln. ›Herr Rat‹, sagte er rasch, ›es gibt da noch eine dritte Möglichkeit. Baron Gandara hatte ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, bei Gott, mit der schönsten Frau von Prag! Vielleicht ist es ein Eifersuchtsmord.‹

›Ja, so was kommt vor‹, mußte Onkel Pitta beistimmen. ›Solche Morde habe ich schon fünfmal gehabt. Und was ist der Mann der Dame?‹

›Großkaufmann‹, antwortete Mejzlik, ›ganz große Firma.‹

Onkel Pitta überlegte. ›Das führt wieder zu nichts‹, sagte er. ›Mir ist es noch nie vorgekommen, daß ein Großkaufmann jemanden erschossen hätte. Die machen Betrügereien. Aber Morde aus Eifersucht praktiziert man in anderen Kreisen. Was fällt Ihnen nur ein, Herr Kollega!‹

›Herr Rat‹, beharrte Doktor Mejzlik, ›wissen Sie, wovon dieser Baron Gandara lebte? Von Erpressungen. Er wußte greuliche Dinge von – na, von einer ganzen Reihe sehr reicher Leute. Man sollte doch in Erwägung ziehen, wer alles an – hm, an seinem Verschwinden Interesse haben konnte.‹

›Sehen Sie‹, sagte Onkel Pitta, ›so einen Fall hatte ich wirklich schon einmal. Aber wir konnten nichts beweisen und es wurde eine erbärmliche Blamage. Und Sie wollen mir zumuten, daß ich mir an einer solchen Geschichte ein zweites Mal die Finger verbrenne? Nein, mir genügt ein gewöhnlicher Raubmord; ich mag diese sensationellen und rätselhaften Affären nicht. In Ihrem Alter, ja, da habe ich auch davon geträumt, daß ich einmal einen großartigen Fall löse; das ist so der gewöhnliche Ehrgeiz. Mein Lieber, mit den Jahren läßt man davon; da kommt man nämlich darauf, daß es nur ganz gewöhnliche Fälle gibt.‹

›Der Baron Gandara ist kein gewöhnlicher Fall‹, wandte Kommissar Mejzlik ein, ›ich habe ihn gekannt, Herr: ein Hochstapler, schwarz wie ein Zigeuner – der schönste Lump, den ich je gesehen habe. Ein rätselhafter Bursche. Dämon. Falschspieler. Falscher Baron. So ein Mensch, Herr, stirbt nicht auf gewöhnliche Art, auch nicht durch einen gewöhnlichen Mord. Da handelt es sich um mehr. Um sehr rätselhafte Dinge.‹

›Dann soll man mir so was nicht geben!‹ brummte Onkel Pitta verdrießlich. ›Ich habe keinen Kopf für so geheimnisvolle Geschichten. Ich pfeife auf alle Rätsel. Was ich gern habe, sind gewöhnliche, klare Morde, so wie zum Beispiel der Mord an der Tabakhändlerin einer war. Ich will keine neuen Methoden mehr lernen. Diesen Fall hat man mir jetzt schon gegeben, so mache ich ihn eben auf meine Art, und Sie werden sehen, es wird ein gewöhnlicher Raubmord daraus. Hätte man ihn Ihnen gegeben, so wäre eine kriminalistische Sensation daraus geworden, ein Liebesroman oder ein politisches Verbrechen. Sie finden Geschmack an Romantik, lieber Mejzlik; Sie hätten aus diesem Stoff etwas Fabelhaftes gemacht. Schade, daß Sie ihn nicht bekommen haben.‹

›Hören Sie‹, stieß Doktor Mejzlik hervor, ›hätten Sie etwas dagegen, wenn ich . . . ganz privat . . . ebenfalls der Sache nachginge? Ich habe so viele Bekannte, die allerhand über den Gandara wissen – selbstverständlich würde ich Ihnen meine Informationen zur Verfügung stellen‹, fügte er schnell hinzu, ›der Fall würde Ihr Fall bleiben. Einverstanden?‹

Onkel Pitta schnaubte gereizt. ›Danke bestens‹, sagte er, ›aber das geht nicht. Sie haben einen ganz anderen Stil als ich, Herr Kollega. Bei Ihnen käme etwas ganz anderes heraus als bei mir. Und vermengen läßt sich das nicht. Was sollte ich mit Ihren Spionen, Spielern, Dämchen und dergleichen Honoratioren anfangen? Nein, Kamerad, da tu ich nicht mit. Lassen Sie mich allein arbeiten, und die Geschichte wird sich zu einem meiner ganz gewöhnlichen und dreckigen Fälle herauswachsen . . . Jeder macht's, wie er's kann.‹

In diesem Augenblick klopfte es und ein Detektiv trat ein. ›Herr Rat‹, meldete er, ›wir haben festgestellt, daß der Hausmeister in Gandaras Villa einen Neffen hat, einen zwanzigjährigen Burschen, arbeitslos, wohnhaft Wrschowitz, Nr. 1451. Er ist oft bei seinem Onkel, dem Hausmeister, gewesen. – Das Dienstmädchen dort hat einen Soldaten, aber der ist jetzt auf Manöver.‹

›In Ordnung‹, sagte Onkel Pitta. ›Forschen Sie den Hausmeistersneffen aus, machen Sie Hausdurchsuchung und bringen Sie ihn her!‹

Zwei Stunden später hatte Onkel Pitta Gandaras Brieftasche in der Hand, die im Bett des Burschen gefunden worden war. In der Nacht erwischte man den Burschen beim Bummeln, und am Morgen gestand er, daß er Gandara erschossen habe, um ihm die Brieftasche zu rauben. Sie enthielt 50.000 Kronen.

›Siehst du, Menschik‹, sagte mir damals Onkel Pitta, ›es ist genau so ein Fall wie der mit dem alten Weib in der Steingasse. Die hat auch der Neffe des Hausmeisters umgebracht. Aber, sapperlot, wenn ich mir nur vorstelle, daß Doktor Mejzlik den Fall unter die Finger gekriegt hätte – was hätte der aus dem Stoff gemacht! Ich habe eben nicht die nötige Phantasie, das ist das Ganze!‹«

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