Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karel Capek >

Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten

Karel Capek: Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Capek
titleDer gestohlene Kaktus und andere Geschichten
publisherVerlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien
year1937
translatorFr. Borový
illustratorVlastimil Rada
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130114
modified20140612
projectidaf21da5c
Schließen

Navigation:

Die Geschichte des Dirigenten Kalina

»So ein Bluterguß oder eine Quetschung«, sagte Herr Dobesch, »schmerzt manchmal schlimmer als ein Knochenbruch. Ich kenne das; ich bin ein alter Fußballer und hatte schon eine Rippe, das Schlüsselbein und einen Daumen gebrochen. Heute spielt man längst nicht mehr mit solchem Elan wie damals. Im vergangenen Jahr habe ich nach längerer Zeit wieder einmal gespielt. Wir, die alten Herren, wollten den heutigen Jungen mal zeigen, wie meisterhaft wir die Taktik beherrschten. Wie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren spielte ich als Verteidiger, und als ich den Ball eben mit dem Bauch stoppte, gab mir der eigene Tormann einen Tritt in den . . . hm, Steißbein nennt man das, oder cauda equina, wenn man Lateinisch kann. Eine Zeitlang schimpfte ich, aber ich spielte weiter und dachte nicht mehr daran. Erst in der Nacht fing das Zeug an weh zu tun, und am Morgen konnte ich mich überhaupt nicht mehr rühren. Das war ein Schmerz von der Art, daß ich nicht einmal eine Hand bewegen konnte, ich sage Ihnen, nicht einmal niesen konnte ich – merkwürdig, wie im menschlichen Körper voneinander entfernte Partien doch irgendwie zusammenhängen. So lag ich also auf dem Rücken wie ein toter Käfer, nicht einmal zur Seite konnte ich mich wenden, nicht einmal mit den großen Zehen wackeln, nichts. Nur stöhnen und ächzen konnte ich vor Schmerzen. Dieser Zustand hielt den ganzen Tag und die nächste Nacht an.

Nicht eine Sekunde konnte ich schlafen. Sonderbar, wie einem die Zeit lang wird, wenn man sich nicht rühren kann. Verschüttet zu sein, muß eine der schrecklichsten Qualen sein. Ich habe gerechnet, Zahlen zur Potenz erhoben, gebetet, sogar längst vergessener Gedichte habe ich mich erinnert, nur damit Zeit vergehe, aber immer noch war es Nacht.

Plötzlich, es mochte so gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, hörte ich, wie jemand unten auf der Straße aus Leibeskräften lief, hinter diesem Jemand jagte eine ganze Meute her und ich hörte etwa sechs Stimmen durcheinander schreien: wart nur, du kriegst deinen Teil, ich bring dich um, Lump elender und dergleichen mehr. Es mußte gerade unter meinem Fenster gewesen sein, wo sie den Mann faßten, und nun ging es los: ein Scharren von sechs Paar Schuhen, Ohrfeigen, Schläge, die hölzern klangen, als schlüge man jemanden mit einem Knüppel über den Kopf, ein Keuchen, ein Wimmern, aber kein Schrei. Eine unerhörte Sache das, sechs Kerle gegen einen, und losgeprügelt wie auf einen Sack! Das kann man einfach nicht mit anhören. Ich wollte aufstehen und den Leuten sagen, daß man so was nicht tue, aber ich brüllte auf vor Schmerzen. Himmelherrgott, ich konnte mich nicht rühren! So ohnmächtig zu sein, ist etwas Furchtbares. Ich knirschte mit den Zähnen und blökte in meiner Wut wie ein Tier. Auf einmal aber gab es in mir einen Ruck, ich sprang aus dem Bett, packte meinen Stock und lief die Treppe hinunter. Auf der Straße war ich ganz blind. Ich rannte gegen einen der Kerle an und begann mit dem Stock auf ihn loszudreschen. Die anderen stoben nach allen Seiten auseinander. So habe ich noch keinen Menschen in meinem Leben verprügelt wie diesen Burschen! Erst nachher kam mir zu Bewußtsein, daß mir selbst dabei vor Schmerzen die Tränen aus den Augen liefen. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich mich über die Treppe hinauf wieder in mein Bett geschleppt hatte. Aber am Morgen konnte ich wieder gehen, es war wie ein Wunder.

Nur eines wüßte ich gerne«, fügte Herr Dobesch seiner Geschichte nachdenklich hinzu, »ich wüßte gerne, wer es eigentlich war, den ich so verdroschen habe; ob es einer aus der Übermacht war oder der, auf den die anderen schon losgeschlagen hatten. Egal: Einer gegen Einen – das ist wenigstens fair.«

 

»So ohnmächtig zu sein ist etwas Furchtbares«, sagte der Dirigent und Komponist Kalina und nickte dabei nachdenklich mit dem Kopf. »Ich habe da einmal folgendes erlebt, meine Herren. Es war in Liverpool; man hatte mich eingeladen, dort ein Orchesterkonzert zu dirigieren. Ich kann kein Wort Englisch; aber wir Musiker verständigen uns ohne viel Worte, am besten geht das mit dem Taktstock in der Hand. Da klopft man ab, schreit etwas, verdreht die Augen, gestikuliert mit den Händen und fängt wieder von vorne an. Auf diese Weise lassen sich auch die subtilsten Gefühle ausdrücken. Wenn ich zum Beispiel mit den Händen diese Bewegung mache, so wird doch ein jeder begreifen, daß das mystischen Aufschwung und Erlösung von der Bürde und den Schmerzen dieser Welt bedeutet. Als ich nun nach Liverpool kam, erwartete man mich und brachte mich ins Hotel, wo ich mich ausruhen sollte. Aber als ich gebadet hatte, ging ich mir die Stadt ansehen – und da verirrte ich mich.

Wenn ich in einer Stadt bin, die ich noch nicht kenne, so beginne ich, wenn ich mir sie ansehe, immer mit dem Fluß; an dem Fluß erkennt man, möchte ich sagen, die Orchestrierung einer Stadt. Auf der einen Seite hat man den ganzen Straßenlärm, die Trommeln und Kesselpauken, Trompeten, Hörner und das Blech; auf der anderen Seite: den Fluß, die Streicher, das Pianissimo der Geigen und die Harfen. Am Fluß, da hört man die ganze Stadt auf einmal. Auch in Liverpool gibt es einen Fluß, ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nur, daß er gelb ist und schrecklich. Er braust und dröhnt, schreit, rasselt, lärmt und trompetet vor lauter Schiffen, Schleppern, Paketbooten, Lagerhäusern, Werften und Kränen. Sie müssen wissen, ich habe eine närrische Vorliebe für Schiffe, einerlei ob es dickbäuchige schwarze Schlepper sind, rotgefirnißte Frachtschiffe oder weiße Überseedampfer. Irgendwo hier muß doch, sagte ich mir, gleich um die Ecke das offene Meer sein, dorthin muß ich kommen, und so lief ich eben am Flußufer weiter. Zwei Stunden lief ich, immer geradeaus, vorbei an Magazinen, Schuppen, Docks. Schiffe waren nur selten zu sehen, manche hoch wie ein Dom oder solche mit drei dicken schrägen Schloten. Es stank nach Fischen, Pferdeschweiß, Jute, Rum, Schutt, Weizen, Kohle, Eisen – ja, wo große Mengen Eisen liegen, spürt man deutlich seinen Geruch. Auf mich wirkte dies alles wie eine Vision. Dann aber wurde es Nacht und ich gelangte zu einem Sandberg; auf der anderen Seite blinkte ein Leuchtturm und hier und dort schwamm in der Ferne ein kleines Licht – dort war vielleicht der Ozean. Ich setzte mich auf einen Stoß Bohlen und fühlte mich wunderbar allein und verloren. Ich lauschte dem Plätschern der Wellen, dem Rauschen des Wassers, und ich hätte heulen mögen vor Herzweh. Zwei Leute näherten sich, ein Mann und eine Frau. Sie sahen mich nicht. Sie setzten sich, mir abgewandt, und redeten leise miteinander. Hätte ich Englisch verstanden, so würde ich mich geräuspert haben, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß jemand sie hören könne. Da ich aber außer ›Hotel‹ und ›Shilling‹ kein englisches Wort kannte, glaubte ich still bleiben zu dürfen.

Anfangs redeten sie größtenteils staccato. Dann begann der Mann langsam und leise etwas zu erklären, zögernd, als ob es nicht recht aus ihm herauswollte; dann aber schüttete er es rasch aus. Das Frauenzimmer schrie auf vor Entsetzen und sagte irgend etwas in furchtbarer Erregung. Er aber preßte ihre Hand, bis die Frau wimmerte, und begann verbissen auf sie einzureden. Kein Zweifel, das war kein Liebesgeflüster. Ein Musiker versteht das. Liebeswerbungen haben eine andere Kadenz und klingen anders: nicht so beklommen. Gespräche um Liebe sind tiefes Cello; aber dies hier war hoher Baß, gespielt in einem gewissen Presto rubato, in derselben Tonlage, als ob der Mann ein und dasselbe mehrmals wiederholte. Mir begann dies alles unheimlich zu werden. Es war etwas Böses, was der Mensch da sagte. Die Frau begann leise zu weinen und schrie einige Male auf; im Widerspruch, als wollte sie ihn zurückhalten. Ihre Stimme war die einer hölzernen Klarinette und klang nicht allzu jung. Doch die Männerstimme redete immer zischender, immer befehlshaberischer, immer drohender. Die weibliche fing an, voll Verzweiflung zu bitten, sie zitterte und überschlug sich vor Gram, es war ein Beben, wie es einen Menschen befällt, dem man einen Eisumschlag macht; ihre Zähne klapperten hörbar. Nun wurde die Rede des Mannes ein tiefes Brummen im reinsten Baß; fast verliebt klang es herüber. Das Weinen der Frau ging in ein schwaches, leidendes Schluchzen über. Für mich bedeutete es, daß ihr Widerstand nun gebrochen war. Nun aber kam wieder ein Crescendo des verliebten Basses und stoßweise, wohldurchdacht, fügte er Satz an Satz, ohne Gegenwehr zu finden. Machtlos nur wimmerte und schluchzte die weibliche Stimme dazwischen. Das war kein Sich-Wehren mehr, nur wahnsinnige Angst, keine Angst vor dem Mann, nur ein verstörtes, geisterhaftes Grauen vor etwas Kommendem. Noch einmal senkte sich die Männerstimme zu einem beschwichtigenden Summen und einem leisen Drohen. Das Schluchzen der Frau modulierte hinüber in Seufzer der Betäubung und der Schwäche, der Mann flüsterte noch in kaltem Tone einige Fragen, und die Antwort dürfte wohl ein Kopfnicken gewesen sein; denn er drängte nicht mehr.

Dann standen die beiden auf und gingen, ein jeder in eine andere Richtung, davon.

Ich glaube nicht an Hellsichtigkeit, meine Herren, aber ich glaube an die Musik. Dort, in der Nacht, als ich den beiden zuhörte, wußte ich mit Sicherheit, daß der Baß dabei war, die Klarinette zu etwas Furchtbarem zu überreden. Ich wußte, daß die Klarinette mit unterjochtem Willen nach Hause ging und daß sie ausführen werde, was ihr der Baß befohlen hatte.

Ich hatte es gehört, und hören, meine Herren, ist in dieser Form für mich mehr, als wenn ich Worte verstehe. Ich wußte, daß ein Verbrechen vorbereitet wurde; und ich wußte, welcher Art dieses Verbrechen war. Ich hatte es an dem Grauen erkannt, das aus den beiden Stimmen wehte. Es lag in der Klangfarbe dieser Stimmen, in den Kadenzen, im Tempo, in den Intervallen, den Cäsuren – glauben Sie mir, die Musik ist präzise, genauer vielleicht als die Sprache. Die Klarinette war viel zu primitiv, als daß sie selbst etwas hätte durchführen können. Sie wird nur Hilfsperson sein, vielleicht einen Schlüssel ausliefern oder eine Tür aufschließen. Ausführen wird es der grobe, tiefe Baß, und die Klarinette wird dabei vor Entsetzen stöhnen.

Ich rannte gegen die Stadt hin. Es war mir bewußt, daß etwas geschehen müsse; etwas mußte ich unternehmen, um es zu verhindern. Ein schreckliches Gefühl ist das, das Gefühl, man könnte zu spät kommen!

Endlich erblickte ich an einer Straßenecke einen Schutzmann und rannte auf ihn zu. Verschwitzt und außer Atem wie ich war schrie ich: ›Herr, hier in der Stadt wird ein Mord vorbereitet!‹ Der Schutzmann zuckte mit den Achseln und sagte etwas, das ich nicht verstand. Großer Gott, jetzt fiel es mir erst ein, er versteht ja kein Wort von dem, was ich sage!

›Mord!‹ brüllte ich, als ob er taub gewesen wäre. ›Verstehen Sie? Man will irgendeine einsame alte Dame umbringen! Das Dienstmädchen oder die Wirtschafterin wird dabei helfen – Herrgott, tun Sie was, Mensch!‹

Der Schutzmann schüttelte nur den Kopf und sagte ein Wort – es klang wie ›Jurvej‹.

›Herr‹, erklärte ich ihm erbittert und schüttelte mich vor Wut und Grauen, ›dieses arme Frauenzimmer öffnet ihrem Liebhaber die Tür, Sie können Gift darauf nehmen! Verhindern Sie das! Suchen Sie sie!‹

Dabei fiel mir plötzlich ein, daß ich nicht einmal wußte, wie die Frau aussah. Aber wenn ich es auch gewußt hätte, ich hätte es nicht sagen können. ›Herr Jesus‹, schrie ich auf, ›das ist doch unmenschlich! Man kann das doch nicht einfach geschehen lassen!‹

Der englische Schutzmann sah mich aufmerksam an und versuchte, mich irgendwie zu beschwichtigen. Ich griff an meinen Kopf. ›Du Idiot!‹ schrie ich, außer mir vor Verzweiflung. ›So gehe ich eben selber und suche . . .‹

Natürlich war das reinste Narretei. Aber sehen Sie, wenn es um ein Leben geht, so glaubt man, etwas tun zu müssen, und wenn es noch so zwecklos ist. Die ganze Nacht hindurch rannte ich durch Liverpool; vielleicht würde ich irgendwo sehen, wie jemand versuchte, sich in ein Haus einzuschleichen? Eine merkwürdige Stadt ist dieses Liverpool, so schrecklich tot ist es bei Nacht . . . Gegen Morgen setzte ich mich auf den Rand eines Gehsteigs und weinte vor Müdigkeit. Ein Schutzmann griff mich auf, sagte: ›Jurvej‹, und brachte mich in mein Hotel.

Wie ich an jenem Vormittag meine Probe geleitet habe, weiß ich nicht. Aber als wir fertig waren, warf ich den Taktstock zu Boden und lief auf die Straße. Die Zeitungsverkäufer riefen eben die Abendblätter aus. Ich kaufte eines – dort stand großmächtig die Überschrift ›MURDER‹, und darunter war die Photographie einer weißhaarigen Frau. ›Murder‹ heißt, glaube ich, Mord.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.