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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Zweite Szene

Freies Feld.

Hinze mit Stock, Tornister und Sack.

Hinze: Herrliches Wetter! – Es ist ein schöner warmer Tag, ich will mich auch hernach ein wenig in die Sonne legen. – Er spreitet seinen Sack aus. Nun, Glück, stehe mir bei! – Wenn ich freilich bedenke, daß diese eigensinnige Göttin so selten die klug angelegten Plane begünstigt, daß sie immer darauf ausgeht, den Verstand der Sterblichen zuschanden zu machen, so möcht ich allen Mut verlieren. Doch, sei ruhig, mein Herz, ein Königreich ist schon der Mühe wert, etwas dafür zu arbeiten und zu schwitzen – Wenn nur keine Hunde hier in der Nähe sind. Ich kann diese Geschöpfe gar nicht vor Augen leiden; sie sind ein Geschlecht, das ich verachte, weil sie sich so gutwillig unter der niedrigsten Knechtschaft der Menschen bequemen; sie können nichts als schmeicheln und beißen, sie haben gar nichts von dem Ton, welcher im Umgange so notwendig ist. – Es will sich nichts fangen. – Er fängt an ein Jägerlied zu singen: Im Felde schleich ich still und wild u.s.w., eine Nachtigall im benachbarten Busch fängt an zu schmettern. Sie singt trefflich, die Sängerin der Haine – wie delikat muß sie erst schmecken! – Die Großen der Erde sind doch darin recht glücklich, daß sie Nachtigallen und Lerchen essen können, so viel sie nur wollen – wir armen gemeinen Leute müssen uns mit dem Gesange zufriedenstellen, mit der schönen Natur, mit der unbegreiflich süßen Harmonie. – Es ist fatal, daß ich nichts kann singen hören, ohne Lust zu kriegen, es zu fressen. – Natur! Natur! Warum störst du mich dadurch immer in meinen allerzartesten Empfindungen, daß du meinen Geschmack für Musik so pöbelhaft eingerichtet hast? – Fast krieg ich Lust, mir die Stiefeln auszuziehn und sacht den Baum dort hinaufzuklettern! sie muß dort sitzen. – Im Parterre wird getrommelt. Die Nachtigall hat eine gute Natur; ich habe immer nicht glauben wollen, daß sie am liebsten bei Sturm und Ungewitter singe, aber jetzt erleb ich die Wahrheit dieser Behauptung. – Ei! so singe und schmettre, daß dir der Atem vergeht! – Delikat muß sie schmecken. Ich vergesse meine Jagd über diese süßen Träume. – Es fängt sich wahrhaftig nichts. – Wer kömmt denn da?

Zwei Liebende treten auf.

Er: Hörst du wohl die Nachtigall, mein süßes Leben?

Sie: Ich bin nicht taub, mein Guter.

Er: Wie wallt mein Herz vor Entzücken über, wenn ich die ganze harmonische Natur so um mich her versammelt sehe, wenn jeder Ton nur das Geständnis meiner Liebe wiederholt, wenn sich der ganze Himmel niederbeugt, um Äther auf mich auszuschütten.

Sie: Du schwärmst, mein Lieber.

Er: Nenne die natürlichsten Gefühle meines Herzens nicht Schwärmerei. Kniet nieder. Sieh, ich schwöre dir hier vor dem Angesicht des heitern Himmels –

Hinze höflich hinzutretend: Verzeihen Sie gütigst – wollen Sie sich nicht gefälligst anderswohin bemühn? Sie stören hier mit Ihrer holdseligen Eintracht eine Jagd.

Er: Die Sonne sei mein Zeuge, die Erde – und was sonst noch: Du selbst, mir teurer als Erde, Sonne und alle Planeten. Was will Er, guter Freund?

Hinze: Die Jagd – ich bitte demütigst.

Sie: Barbar, wer bist du, daß du es wagst, die Schwüre der Liebe zu unterbrechen? Dich hat kein Weib geboren, du gehörst jenseits der Menschheit zu Hause.

Hinze: Wenn Sie nur bedenken wollten –

Sie: So wart Er doch nur einen Augenblick, Er sieht ja wohl, daß der Geliebte, in Trunkenheit verloren, auf seinen Knieen liegt.

Er: Glaubst du mir nun?

Sie: Ach! hab ich dir nicht schon geglaubt, noch ehe du ein Wort gesprochen hattest? – Sie beugt sich liebevoll zu ihm hinab. Teurer! – ich – liebe dich! – o unaussprechlich.

Er: Bin ich unsinnig? – O und wenn ich es nicht bin, warum werd ich Elender, Verächtlicher, es nicht urplötzlich vor übergroßer Freude? – Ich bin nicht mehr auf der Erde; sieh mich doch recht genau an, o Teuerste, und sage mir, ob ich nicht vielleicht im Mittelpunkte jener unsterblichen Sonne dort oben wandle.

Sie: In meinen Armen bist du, und die sollen dich auch nicht wieder lassen.

Er: O komm, dieses freie Feld ist meinen Empfindungen zu enge, wir müssen den höchsten Berg erklettern, um der ganzen Natur zu sagen, wie glücklich wir sind! – Sie gehen schnell und voll Entzückens ab. Lautes Klatschen und Bravorufen im Parterre.

Wiesener klatschend: Der Liebhaber griff sich tüchtig an. – O weh! da hab ich mir selber einen Schlag in die Hand gegeben, daß sie ganz aufgelaufen ist.

Nachbar: Sie wissen sich in der Freude nicht zu mäßigen.

Wiesener: Ja, so bin ich immer.

Fischer: Ah! – das war doch etwas fürs Herz! – Das tut einem wieder einmal wohl!

Leutner: Eine wirklich schöne Diktion in der Szene.

Müller: Ob sie aber zum Ganzen wird notwendig sein?

Schlosser: Ich kümmere mich nie ums Ganze; wenn ich weine, so wein ich, und damit gut; es war eine göttliche Stelle.

Hinze: O Liebe, wie groß ist deine Macht, daß deine Stimme die Ungewitter besänftigt, ein pochendes Publikum beschwichtigt, und das Herz kritischer Zuschauer so umwendet, daß sie ihren Zorn und alle ihre Bildung vergessen. Es läßt sich nichts fangen. – Ein Kaninchen kriecht in den Sack, er springt schnell hinzu und schnürt ihn zusammen. Sieh da, guter Freund! Ein Wildpret, das eine Art von Geschwisterkind mit mir ist; ja, das ist der Lauf der heutigen Welt, Verwandte gegen Verwandte, Bruder gegen Bruder; wenn man selbst durch die Welt will, muß man andre aus dem Wege stoßen. – Er nimmt das Kaninchen aus dem Sacke und steckt es in den Tornister. Halt! Halt! – Ich muß mich wahrhaftig in acht nehmen, daß ich das Wildpret nicht selber auffresse. Ich muß nur geschwinde den Tornister zubinden, damit ich meine Affekten bezähme. – Pfui! schäme dich Hinz! – Ist es nicht die Pflicht des Edlen, sich und seine Neigungen dem Glück seiner Mitgeschöpfe aufzuopfern? Dies ist der Endzweck, zu welchem wir geschaffen worden, und wer das nicht kann – o ihm wäre besser, daß seine Mutter ihn nie geboren hätte.

Er will abgehn, man klatscht heftig und ruft allgemein da capo, er muß die letzte schöne Stelle noch einmal hersagen, dann verneigt er sich ehrerbietig und geht mit dem Kaninchen ab.

Fischer: O welcher edle Mann!

Müller: Welche schöne menschliche Gesinnung!

Schlosser: Durch so etwas kann man sich doch noch bessern aber wenn ich Narrenpossen sehe, möcht ich gleich dreinschlagen.

Leutner: Mir ist auch ganz wehmütig geworden – die Nachtigall – die Liebenden – die letzte Tirade – das Stück hat denn doch wahrhaftig schöne Stellen!

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