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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 20
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Epilog

Der König tritt hinter dem Vorhang hervor: Morgen werden wir die Ehre haben, die heutige Vorstellung zu wiederholen.

Fischer: Welche Unverschämtheit! Alles pocht.

König gerät in Konfusion, geht Zurück und kommt dann wieder: Morgen: – Allzu scharf macht schartig.

Alle: Ja wohl! ja wohl! – Applaudieren, der König geht ab.

Man schreit: Die letzte Dekoration! Die letzte Dekoration!

Hinter dem Vorhange: Wahrhaftig! Da wird die Dekoration hervorgerufen! Der Vorhang geht auf, das Theater ist leer, man sieht nur die Dekoration.

Hanswurst tritt mit Verbeugungen hervor.

Hanswurst: Verzeihen Sie, daß ich so frei bin, mich im Namen der Dekoration zu bedanken; es ist nicht mehr als Schuldigkeit, wenn die Dekoration nur halbweg höflich ist. Sie wird sich bemühen, auch künftig den Beifall eines erleuchteten Publikums zu verdienen; daher wird sie es gewiß weder an Lampen noch an den nötigen Verzierungen fehlen lassen, denn der Beifall einer solchen Versammlung wird sie so – so – so anfeuern – o Sie sehn ja, sie ist vor Tränen so gerührt, daß sie nicht weitersprechen kann. –

Er geht schnell ab und trocknet sich die Augen, einige im Parterre weinen, die Dekoration wird weggenommen, man sieht die kahlen Wände des Theaters, die Leute fangen an fortzugehn; der Souffleur steigt aus meinem Kasten; der Dichter erscheint demütig auf der Bühne.

Dichter: Ich bin noch einmal so frei –

Fischer: Sind Sie auch noch da?

Müller: Sie sollten doch ja nach Hause gegangen sein.

Dichter: Nur noch ein paar Worte mit Ihrer gütigen Erlaubnis! Mein Stück ist durchgefallen –

Fischer: Wem sagen Sie denn das?

Müller: Wir haben's bemerkt.

Dichter: Die Schuld liegt vielleicht nicht ganz an mir –

Müller: An wem denn sonst, daß wir hier einen würdigen jungen Mann gebunden halten müssen, der sonst wie ein Rasender um sich schlägt? Wer hat denn sonst wohl schuld, als Sie, daß wir alle konfuse im Kopfe sind?

Schlosser: Erleuchteter Mann! nicht wahr, Ihr hohes Schauspiel ist eine mystische Theorie und Offenbarung über die Natur der Liebe?

Dichter: Daß ich nicht wüßte; ich wollte nur den Versuch machen, Sie alle in die entfernten Empfindungen Ihrer Kinderjahre zurückzuversetzen, daß Sie dadurch das dargestellte Märchen empfunden hätten, ohne es doch für etwas Wichtigeres zu halten, als es sein sollte.

Leutner: Das geht nicht so leicht, mein guter Mann.

Dichter: Sie hätten dann freilich Ihre ganze Ausbildung auf zwei Stunden beiseit legen müssen. –

Fischer: Wie ist denn das möglich?

Dichter: Ihre Kenntnisse vergessen –

Müller: Warum nicht gar!

Dichter: Ebenso, was sie in Journalen getan haben.

Müller: Seht nur die Foderungen!

Dichter: Kurz, Sie hätten wieder zu Kindern werden müssen.

Fischer: Aber wir danken Gott, daß wir es nicht mehr sind.

Leutner: Unsere Ausbildung hat uns Mühe und Angstschweiß genug gekostet.

Man trommelt von neuem.

Souffleur: Versuchen Sie ein paar Verse zu machen, Herr Dichter; vielleicht bekommen sie dann mehr Respekt vor Ihnen.

Dichter: Vielleicht fällt mir eine Xenie ein.

Souffleur: Was ist das?

Dichter: Eine neuerfundene Dichtungsart, die sich besser fühlen als beschreiben läßt.

Gegen das Parterre:

Publikum, soll mich dein Urteil nur einigermaßen belehren,
Zeig erst, daß du mich nur einigermaßen verstehst.

Es wird aus dem Parterre mit verdorbenen Birnen und Äpfeln und zusammengerolltem Papier nach ihm geworfen.

Dichter: Die Herren da unten sind mir in dieser Dichtungsart zu stark.

Müller: Kommen Sie, Herr Fischer und Herr Leutner, daß wir den Herrn Schlosser als ein Opfer der Kunst nach seinem Hause schleppen.

Schlosser, indem sie ihn fortschleppen: Zieht nur, wie ihr wollt, ihr gemeinen Seelen, das Licht der Liebe und der Wahrheit wird dennoch die Welt durchdringen. Alle gehn ab.

Dichter: Ich gehe auch nach Hause.

Bötticher: St! St! Herr Poet!

Dichter: Was ist Ihnen gefällig?

Bötticher: Ich bin nicht unter Ihren Gegnern gewesen, aber das hinreißende Spiel des einzigen Mannes, welcher den tugendhaften Hinze dargestellt, hat mich etwas gehindert, die Kunst der dramatischen Komposition ganz zu fassen, der ich aber auch ohne das gern ihr Recht widerfahren lasse; jetzt wollte ich nur fragen, ob dieser große Mensch noch auf dem Theater verweilt?

Dichter: Nein. Was wollten Sie aber mit ihm?

Bötticher: Nichts als ihn ein weniges anbeten und seine Größe erläutern. – Reichen Sie mir doch gefälligst den Knebel dort her, den ich als ein Denkmal von der Barbarei meines Zeitalters und unsrer Landsleute aufbewahren will.

Dichter: Hier.

Bötticher: Ich werde mich Ihrer Gefälligkeit immer mit Dankbarkeit erinnern. Geht ab.

Dichter: O du undankbares Jahrhundert! Geht ab. Die wenigen, die noch im Theater waren, gehn nach Hause.

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