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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 19
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Siebente Szene

Palast des Popanzes.

Der Popanz steht als Rhinozeros da, ein armer Bauer vor ihm.

Bauer: Geruhn Ihr Gnaden Popanz –

Popanz: Gerechtigkeit muß sein, mein Freund.

Bauer: Ich kann jetzt noch nicht zahlen –

Popanz: Aber Er hat doch den Prozeß verloren, das Gesetz fordert Geld und Seine Strafe; Sein Gut muß also verkauft werden, es ist nicht anders und das von Rechts wegen!

Bauer geht ab.

Popanz, der sich wieder in einen ordentlichen Popanz verwandelt: Die Leute würden allen Respekt verlieren, wenn man sie nicht so zur Furcht zwänge.

Ein Amtmann tritt mit vielen Bücklingen herein.

Amtmann: Geruhen Sie – gnädiger Herr – ich –

Popanz: Was ist Ihm, mein Freund?

Amtmann: Mit Ihrer gütigsten Erlaubnis, ich zittre und bebe vor Dero furchtbaren Anblick.

Popanz: Oh, das ist noch lange nicht meine entsetzlichste Gestalt.

Amtmann: Ich kam eigentlich – in Sachen – um Sie zu bitten, sich meiner gegen meinen Nachbar anzunehmen – ich hatte auch diesen Beutel mitgebracht – aber der Anblick des Herrn Gesetzes ist mir zu schrecklich.

Popanz verwandelt sich plötzlich in eine Maus, und sitzt in einer Ecke.

Amtmann: Wo ist denn der Popanz geblieben?

Popanz mit einer feinen Stimme: Legen Sie nur das Geld auf den Tisch dort hin; ich sitze hier, um Sie nicht zu erschrecken.

Amtmann: Hier. – Legt das Geld hin. O das ist eine herrliche Sache mit der Gerechtigkeit. – Wie kann man sich vor einer solchen Maus fürchten? Geht ab.

Popanz nimmt seine natürliche Gestalt an: Ein ziemlicher Beutel – man muß auch mit den menschlichen Schwachheiten Mitleid haben.

Hinze tritt herein.

Hinze: Mit Ihrer Erlaubnis – Für sich: Hinze, du mußt dir ein Herz fassen – Ihro Exzellenz –

Popanz: Was wollt Ihr?

Hinze: Ich bin ein durchreisender Gelehrter, und wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ihro Exzellenz kennenzulernen.

Popanz: Gut, so lern Er mich kennen.

Hinze: Sie sind ein mächtiger Fürst, Ihre Gerechtigkeitsliebe ist in der ganzen Welt bekannt.

Popanz: Ja, das glaub ich wohl. – Setz Er sich doch.

Hinze: Man erzählt viel Wunderbares von Ihro Hoheit –

Popanz: Die Leute wollen immer was zu reden haben, und da müssen denn die regierenden Häupter zuerst dran.

Hinze: Aber eins kann ich doch nicht glauben, daß Dieselben sich nämlich in Elefanten und Tiger verwandeln können.

Popanz: Ich will Ihm gleich ein Exempel davon geben. Er verwandelt sich in einen Löwen.

Hinze zieht zitternd eine Brieftasche heraus: Erlauben Sie mir, daß ich mir diese Merkwürdigkeit notiere. – Aber nun geruhen Sie auch, Ihre natürliche anmutige Gestalt wieder anzunehmen, weil ich sonst vor Angst vergehe.

Popanz in seiner Gestalt: Gelt, Freund, das sind Kunststücke?

Hinze: Erstaunliche. Aber, noch eins: man sagt auch, Sie könnten sich in ganz kleine Tiere verwandeln; das ist mir mit Ihrer Erlaubnis noch weit unbegreiflicher; denn, sagen Sie mir nur, wo bleibt dann Dero ansehnlicher Körper?

Popanz: Auch das will ich machen. Er verwandelt sich in eine Maus; Hinze springt hinter ihm her auf allen vieren; Popanz erschreckt, entflieht in ein andres Zimmer, Hinze ihm nach.

Hinze zurückkommend: Freiheit und Gleichheit! – Das Gesetz ist aufgefressen! Nun wird ja wohl der Tiers état Gottlieb zur Regierung kommen.

Allgemeines Pochen und Zischen im Parterre.

Schlosser: Halt! Ein Revolutionsstück! Ich wittre Allegorie und Mystik in jedem Wort! Halt! halt! Zurück möcht ich nun alles denken und empfinden, um all die großen Winke, die tiefen Andeutungen zu fassen, die religiöse Tiefe zu ergründen! Halt! Nur nicht gepocht! Es sollte lieber von vorn gespielt werden! Nur nicht weltlich getrommelt!

Das Pochen dauert fort; Wiesener und manche andre klatschen, Hinze ist sehr verlegen.

Bötticher: Ich – muß –

Fischer: Halten Sie sich nur ruhig.

Bötticher: Muß – muß –

Müller: Was er drückt! Wie er sich aufbläst!

Fischer: Ich fürchte, er platzt in der Anstrengung.

Bötticher: Muß – muß –

Fischer: Ums Himmels willen, Sie gehn zugrunde.

Bötticher: Lo – lo – sehr laut: loben!! –

Der Knebel fliegt ihm aus dem Munde, über das Orchester weg auf das Theater, und dem Hinze an den Kopf.

Hinze: O weh! o weh! sie werfen mit Steinen nach mir! Ich bin tödlich am Kopfe blessiert! Er entflieht.

Bötticher: Muß loben, preisen, vergöttern und auseinandersetzen das himmlische, das einzige Talent dieses unvergleichlichen Mannes, dem ähnlich nichts in unserm Vaterlande noch den übrigen Reichen anzutreffen ist. Und, o Jammer! er muß nun glauben, daß meine Anstrengung, ihn zu erheben, ihn hat beschädigen wollen, weil dieser verruchte Knebel ihm an sein ehrwürdiges, lorbeerumkränztes Haupt geflogen ist.

Fischer: Es war wie ein Kanonenschuß.

Müller: Lassen Sie ihn nur schwatzen und loben, und halten Sie den Herrn Schlosser, welcher auch wütig geworden ist.

Schlosser: O Tiefe, Tiefe der mystischen Anschauungen! O gewiß, gewiß wird der sogenannte Kater nun in der letzten Szene auf dem Berge im Aufgang der Sonne knien, daß ihm das Morgenrot durch seinen transparenten Körper scheint! O weh! o weh! und darum kommen wir nun. Horcht! das Pochen währt immer fort. Nein, Kerle, laßt mich los – weg da!

Leutner: Hier, Herr Fischer, habe ich zum Glück einen starken Bindfaden im Orchester gefunden; da, binden Sie ihm die Hände.

Müller: Die Füße auch, er stößt wie ein Rasender um sich.

Bötticher: Wie wohl, wie leicht ist mir, nun du Knebel fort, fort flogest, weit in die Welt hinein, und die Lobpreisungen, einem Strome ähnlich, der seinen Damm zerreißt, wieder ergiebig, wortüberflüssig, mit Anspielungen und Zitaten spielend, Stellen aus alten Autoren wälzend, dahinfluten können. O welchen Anstand hat dieser Mann! Wie drückte er die Ermüdung so sinnreich aus, daß er ein weniges mit den Knieen knickte und knackte, wenn er zum Stillstehn kam; nichts da vom Schweißabtrocknen, wie ein ordinärer Künstler getan haben würde; nein, dazu hatte er keine Zeit, der Erste, Einzige, Übermenschliche, Riesenhafte, Titanenmäßige!

Fischer: Er fällt ordentlich in den Hymnus, nun das Sperrwerk fort ist.

Müller: Lassen Sie ihn, mit dem Herrn Schlosser steht es viel schlimmer.

Schlosser: Ach! nun würde die geheime Gesellschaft kommen, die für das Wohl der Menschheit tätig ist; die Freiheit wird nun proklamiert, und ich bin hier gebunden.

Das Getümmel vermehrt sich, so wie das Geschrei im Parterre und auf der Galerie.

Leutner: Das ist ja ein höllischer Spektakul, als wenn das ganze Haus einbrechen wollte.

Dichter hinter der Szene: Ei was! laßt mich zufrieden – wohin soll ich mich retten? – Er stürzt außer sich auf das Theater. Was fang ich an, ich Elendester? – das Stück ist sogleich zu Ende – alles wäre vielleicht gut gegangen – ich hatte nun gerade von dieser moralischen Szene so vielen Beifall erwartet. –Wenn es nur nicht so weit von hier – nach dem Palast des Königs wäre – so holt ich den Besänftiger – er hat mir schon am Schluß des zweiten Aktes – alle Fabeln vom Orpheus glaublich gemacht. – Doch, bin ich nicht Tor? – Ich bin ja völlig konfuse; – auf dem Theater steh ich – und der Besänftiger muß irgendwo – zwischen den Kulissen stecken. – Ich will ihn suchen – ich muß ihn finden – er soll mich retten! – Er geht ab, kommt schnell zurück. Dort ist er nicht. – Herr Besänftiger! – Ein hohles Echo spottet meiner. – Kommen Euer Wohlgeboren! – Nur ein weniges vermittelnde Kritik – und das ganze Reich – das jetzt empört ist – kömmt zur Ruhe wieder. – Wir meinen es ja alle gut – wir haben ja nur den Mittelpunkt verfehlt – Publikum wie ich! – Herr Vermittler! Herr Besänftiger! – Etwas bessere Kritik, die Anarchie zu enden! – – O weh, er hat mich verlassen. – Ha!! – dort seh ich ihn – er muß hervor!

Die Pausen werden vom Parterre aus mit Pochen ausgefüllt, und der Dichter spricht diesen Monolog rezitativisch, so daß dadurch eine Art von Melodram entsteht.

Besänftiger, hinter der Szene: Nein, ich gehe nicht vor.

Dichter: Kommen Sie, sein Sie nur dreist, Sie werden gewiß Glück machen.

Besänftiger: Der Lärm ist zu ungeheuer.

Dichter, stößt ihn mit Gewalt hervor: Die Welt wartet auf Sie! Hinaus! Vermitteln Sie! Besänftigen Sie!

Besänftiger, tritt vor mit dem Glockenspiel: Ich will mein Heil versuchen. – Er spielt auf den Glocken und singt:

In diesen heilgen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
Und ist ein Mensch gefallen,
Führt Liebe ihn zur Pflicht;
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh ins beßre Land.

Wozu dies wilde Brüllen,
Die Exzentrizität?
Das alles muß sich stillen,
Wenn die Kritik entsteht;
Dann wissen wir woran wir sind,
Das Ideal fühlt jedes Kind.

Das Parterre fängt an zu klatschen, indem verwandelt sich das Theater; das Feuer und das Wasser aus der Zauberflöte fängt an zu spielen, oben sieht man den offnen Sonnentempel, der Himmel ist offen, und Jupiter sitzt darin, unten die Hölle mit Tarkaleon; Kobolde und Hexen auf dem Theater, viel Licht. Das Publikum klatscht unmäßig, alles ist in Aufruhr.

Wiesener: Nun muß der Kater noch durch Feuer und Wasser gehn, und das Stück ist fertig.

Der König, dir Prinzessin, Gottlieb, Hinze, mit verbundenem Kopfe, Bediente treten herein.

Hinze: Dies ist der Palast des Grafen von Carabas. – Wie, Henker, hat sich's denn hier verändert?

König: Ein schön Palais.

Hinze: Weil's denn doch einmal so weit ist, Gottlieb bei der Hand nehmend, so müssen Sie erst hier durch das Feuer, und dann durch das Wasser gehn.

Gottlieb geht nach einer Flöte und Pauke durch Feuer und Wasser.

Hinze: Sie haben die Prüfung überstanden; nun, mein Prinz, sind Sie ganz der Regierung würdig.

Gottlieb: Das Regieren, Hinze, ist eine kuriose Sache. Mir ist heiß und kalt dabei geworden.

König: Empfangen Sie nun die Hand meiner Tochter.

Prinzessin: Wie glücklich bin ich!

Gottlieb: Ich ebenfalls. – Mein König, ich wünschte nun auch meinen Diener zu belohnen.

König: Allerdings; ich erhebe ihn hiermit in den Adelstand. Er hängt dem Kater einen Orden um. Wie heißt er eigentlich?

Gottlieb: Hinze; seiner Geburt nach ist er nur aus einer geringen Familie, aber seine Verdienste erheben ihn.

Leander tritt schnell herein.

Leander: Platz! Platz! Er drängt sich durch. Ich bin mit Extrapost nachgereiset, um meiner anbetungswürdigen Prinzessin und ihrem Herrn Gemahl Glück zu wünschen. Er tritt vor, verbeugt sich gegen das Publikum.

Vollendet ist die Tat, trotz tätgen Tatzen
Der Bosheit, glänzt sie in der Welt Geschichten
Jahrhunderten, die nach Verdiensten richten:
Wenn dann vergessen sind hochprahlnde Fratzen,

Die oft im stolzen Dünkel gleichsam platzen;
Dann tönt im Lied, in lieblichen Gedichten
Von schönen Lippen noch das Lob der schlichten,
Schmeich'lhaften, stillen, duldungsreichen Katzen.

Der große Hinz hat sein Geschlecht geadelt,
Er achtet nicht an Bein und Kopf der Wunden,
Nicht Popanz, Ungetüm, die ihn angrinzen.

Wenn Unbill nun das Katzgeschlecht blöd tadelt,
Irrwähnend Vorzug geben möchte Hunden
Man widerlegt nicht – nein! – nennt ihr nur – Hinzen!

Lautes allgemeines Pochen, der Vorhang fällt.

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