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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Vierte Szene

Vor dem Wirtshause.

Der Wirt, der mit einer Sense Korn mäht: Das ist eine schwere Arbeit! – Je nun, die Leute können auch nicht alle Tage desertieren; an den guten Kindern liegt's gewiß nicht, sie haben den besten Willen, es geht aber halt nicht immer an. Das Leben besteht doch aus lauter Arbeit: bald Bier zapfen, bald Gläser reinmachen, bald einschenken, nun gar mähen. Leben heißt arbeiten. Es kam mal ein Gelehrter hier durch, der sagte, um recht zu leben, müsse sich der Mensch den Schlaf abgewöhnen, weil er im Schlaf seine Bestimmung verfehle und nicht arbeite; der Kerl muß gewiß noch niemals müde gewesen sein, und noch keinen guten Schlaf getan haben, denn ich kenne doch nichts Herrlichers und Ausbündigers als den Schlaf. Ich wollte, es wäre erst so weit, daß ich mich niederlegen könnte.

Hinze tritt auf.

Hinze: Wer etwas Wunderbares hören will, der höre mir jetzt zu. Wie ich gelaufen bin! Erstlich von dem königlichen Palast zu Gottlieb; zweitens mit Gottlieb nach dem Palast des Popanzes, wo ich ihn draußen im Walde gelassen habe; drittens von da wieder zum Könige; viertens lauf ich nun vor dem Wagen des Königes wie ein Laufer her und zeige ihm den Weg. O Beine, o Füße, o Stiefeln, wie viel müßt ihr heut verrichten! – He! guter Freund!

Wirt: Wer ist da? – Landsmann, Ihr müßt wohl fremde sein, denn die hiesigen Leute wissen's schon, daß ich um die Zeit kein Bier verkaufe, ich brauch's für mich selber; wer solche Arbeit tut, wie ich, der muß sich auch stärken; es tut mir leid, aber ich kann Euch nicht helfen.

Hinze: Ich will kein Bier, ich trinke gar kein Bier, ich will Euch nur ein paar Worte sagen.

Wirt: Ihr müßt wohl ein rechter Tagedieb sein, daß Ihr die fleißigen Leute in ihrem Beruf zu stören sucht.

Hinze: Ich will Euch nicht stören. Hört nur: der benachbarte König wird hier vorbeifahren, er steigt vielleicht aus und erkundigt sich, wem diese Dörfer hier gehören; wenn Euch Euer Leben lieb ist, wenn Ihr nicht gehängt, oder verbrannt sein wollt, so antwortet ja: dem Grafen von Carabas.

Wirt: Aber Herr, wir sind ja dem Gesetz untertan.

Hinze: Das weiß ich wohl, aber, wie gesagt, wenn Ihr nicht umkommen wollt, so gehört diese Gegend hier dem Grafen von Carabas. Geht ab.

Wirt: Schön Dank! – das wäre nun die schönste Gelegenheit, von aller Arbeit loszukommen, ich dürfte nur dem Könige sagen, das Land gehöre dem Popanz. Aber nein. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Ora et labora ist mein Wahlspruch.

Eine schöne Kutsche mit acht Pferden, viele Bedienten hinten; der Wagen hält, der König und die Prinzessin steigen aus.

Prinzessin: Ich fühle eine gewisse Neugier, den Grafen zu sehn.

König: Ich auch, meine Tochter. – Guten Tag, mein Freund! wem gehören diese Dörfer hier?

Wirt für sich: Er frägt, als wenn er mich gleich wollte hängen lassen. – Dem Grafen von Carabas, Ihro Majestät.

König: Ein schönes Land. – Ich habe immer gedacht, daß das Land ganz anders aussehn müßte, wenn ich über die Grenze käme, so wie es auf der Landkarte ist. – Helft mir doch einmal. Er klettert schnell einen Baum hinauf.

Prinzessin: Was machen Sie, mein königlicher Vater?

König: Ich liebe in der schönen Natur die freien Aussichten.

Prinzessin: Sieht man weit?

König: O ja, und wenn mir die fatalen Berge hier nicht vor der Nase ständen, so würde ich noch weiter sehn. – O weh! der Baum ist voller Raupen. Er steigt wieder hinunter.

Prinzessin: Das macht, es ist eine Natur, die noch nicht idealisiert ist; die Phantasie muß sie erst veredeln.

König: Ich wollte, du könntest mir mit der Phantasie die Raupen abnehmen. – Aber steig ein, wir wollen weiterfahren.

Prinzessin: Lebe wohl, guter unschuldiger Landmann.

Sie steigen ein, der Wagen fährt weiter.

Wirt: Wie die Welt sich umgekehrt hat! – Wenn man so in alten Büchern liest, oder alte Leute erzählen hört, so kriegte man immer Goldstücke, oder herrliche Kostbarkeiten, wenn man mit einem Könige oder Prinzen sprach. Aber jetzt! Wie soll man noch sein Glück unverhoffterweise machen, wenn es sogar mit den Königen nichts mehr ist? Wenn ich ein König wäre, ich unterstände mir nicht, den Mund aufzutun, wenn ich den Leuten nicht erst Geld in die Hand gesteckt hätte. – Unschuldiger Landmann! Wollte Gott, ich wäre nichts schuldig. – Aber das machen die neuen empfindsamen Schilderungen vom Landleben. So ein König ist kapabel und beneidet unsereinen noch. – Ich muß nur Gott danken, daß er mich nicht gehängt hat. Der fremde Jäger war am Ende unser Popanz selber. – Wenigstens kömmt es nun doch in die Zeitung, daß der König gnädig mit mir gesprochen hat. Geht ab.

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