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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Dritte Szene

Saal im Palast.

Der König auf seinem Thron mit der Prinzessin, Leander auf einem Katheder, ihm gegenüber Hanswurst auf einem andern Katheder; in der Mitte des Saals steckt auf einer hohen Stange ein Hut, der mit Gold besetzt und mit bunten Federn geschmückt ist; der ganze Hof ist versammelt.

König: Noch nie hat sich ein Mensch um das Vaterland so verdient gemacht, als dieser liebenswürdige Graf von Carabas. Einen dicken Folianten hat unser Historiograph schon vollgeschrieben, so oft hat er mir durch seinen Jäger niedliche und wohlschmeckende Präsente übermacht, manchmal sogar an einem Tage zweimal. Meine Erkenntlichkeit gegen ihn ist ohne Grenzen, und ich wünsche nichts so sehnlich, als irgendeinmal eine Gelegenheit zu finden, etwas von meiner großen Schuld gegen ihn abzutragen.

Prinzessin: Liebster Herr Vater, wollten Dieselben nicht gnädigst erlauben, daß jetzt die gelehrte Disputation ihren Anfang nehmen könnte? Mein Herz schmachtet nach dieser Geistesbeschäftigung.

König: Ja, es mag jetzt seinen Anfang nehmen. – Hofgelehrter – Hofnarr – ihr wißt beide, daß demjenigen von euch, der in dieser Disputation den Sieg davonträgt, jener kostbare Hut beschieden ist; ich habe ihn auch deswegen hier aufrichten lassen, damit ihr ihn immer vor Augen habt und es euch nie an Witz gebricht.

Leander und Hanswurst verneigen sich.

Leander: Das Thema meiner Behauptung ist, daß ein neuerlich erschienenes Stück: der gestiefelte Kater, ein gutes Stück sei.

Hanswurst: Das ist gerade das, was ich leugne.

Leander: Beweise, daß es schlecht sei.

Hanswurst: Beweise, daß es gut sei.

Leutner: Was ist denn das wieder? – die Rede ist ja wohl von demselben Stücke, das hier gespielt wird, wenn ich nicht irre.

Müller: Freilich von demselben.

Leander: Das Stück ist, wenn nicht ganz vortrefflich, doch in einigen Rücksichten zu loben.

Hanswurst: In gar keiner Rücksicht.

Leander: Ich behaupte, es ist Witz darin.

Hanswurst: Ich behaupte, es ist keiner drin.

Leander: Du bist ein Narr; wie willst du über Witz urteilen?

Hanswurst: Und du bist ein Gelehrter, was willst du von Witz verstehn?

Leander: Manche Charaktere sind gut durchgeführt.

Hanswurst: Kein einziger.

Leander: So ist, wenn ich auch alles übrige fallenlasse, das Publikum gut darin gezeichnet.

Hanswurst: Ein Publikum hat nie einen Charakter.

Leander: Über diese Frechheit möcht ich fast erstaunen.

Hanswurst gegen das Parterre: Ist es nicht ein närrischer Mensch? Ich und das verehrungswürdige Publikum stehn nun beide gleichsam auf du und du, und sympathisieren in Ansehung des Geschmacks, und doch will er gegen meine Meinung behaupten, das Publikum im gestiefelten Kater sei gut gezeichnet.

Fischer: Das Publikum? Es kommt ja kein Publikum in dem Stücke vor.

Hanswurst: Noch besser! Also kömmt gar kein Publikum darin vor?

Müller: Je bewahre! Wir müßten ja doch auch darum wissen.

Hanswurst: Natürlich. Nun, siehst du, Gelehrter? Was die Herren da unten sagen, muß doch wohl wahr sein.

Leander: Ich werde konfus – aber ich lasse dir noch nicht den Sieg.

Hinze tritt auf.

Hanswurst: Herr Jäger, ein Wort! –

Hinze nähert sich, Hanswurst spricht heimlich mit ihm.

Hinze: Wenn es weiter nichts ist. – Er zieht die Stiefeln aus, und klettert die Stange hinauf, nimmt den Hut, springt herunter und zieht die Stiefeln wieder an.

Hanswurst, den Hut schwenkend: Sieg! Sieg!

König: Der Tausend! Wie ist der Jäger geschickt!

Leander: Es betrübt mich nur, daß ich von einem Narren überwunden bin, daß Gelehrsamkeit vor Torheit die Segel streichen muß.

König: Sei ruhig; du wolltest den Hut haben, er wollte den Hut haben, da seh ich nun wieder keinen Unterschied. Aber was bringst du, Jäger?

Hinze: Der Graf von Carabas läßt sich Eurer Majestät demütigst empfehlen, und nimmt sich die Freiheit, Ihnen diese beiden Rebhühner zu überschicken.

König: Zu viel! zu viel! Ich erliege unter der Last der Dankbarkeit. Schon lange hätte ich meine Pflicht beobachten sollen, ihn zu besuchen, heute will ich es nun nicht länger aufschieben. – Laßt geschwind meine Staatskarosse in Ordnung bringen, acht Pferde vor, ich will mit meiner Tochter ausfahren! – Du, Jäger, sollst uns den Weg nach dem Schlosse des Grafen zeigen. Geht mit seinem Gefolge ab.

Hinze, Hanswurst.

Hinze: Worüber war denn eure Disputation?

Hanswurst: Ich behauptete, ein gewisses Stück, das ich übrigens gar nicht kenne: der gestiefelte Kater, sei ein erbärmliches Stück.

Hinze: So?

Hanswurst: Adieu, Herr Jäger, viel Dank. Setzt den Hut auf und geht.

Hinze allein: Ich bin ganz melancholisch. – Ich habe selbst dem Narren zu einem Siege verholfen, ein Stück herabzusetzen, in welchem ich die Hauptrolle spiele! – Schicksal! Schicksal! In welche Verwirrungen führst du so oft den Sterblichen! Doch mag es hingehn, wenn ich es nur dahin bringe, meinen geliebten Gottlieb auf den Thron zu setzen, so will ich herzlich gern alles Ungemach vergessen; will vergessen, daß ich mir und meiner Existenz zu nahe trete, indem ich die bessere Kritik entwaffnete und der Narrheit Waffen gegen mich selbst in die Hände gegeben; will vergessen, daß man mir den Bart ausgerauft und fast den Leib aufgeschnitten hätte; ja ich will nur im Freunde leben und der Nachwelt das höchste Muster uneigennütziger Freundschaft zur Bewunderung zurücklassen. – Der König will den Grafen besuchen? das ist noch ein schlimmer Umstand, den ich ins reine bringen muß. – In seinem Schlosse, das bis jetzt noch nirgend in der Welt liegt? – Nun ist der große wichtige Tag erschienen, an dem ich euch, ihr Stiefeln, ganz vorzüglich brauche! Verlaßt mich heut nicht, zerreißt nur heut nicht, zeigt nun, von welchem Leder ihr seid, von welchen Sohlen! Auf denn! Füß und Stiefeln an das große Werk, denn noch heut muß sich alles entscheiden! Geht ab.

Schlosser: Was würgen Sie denn so?

Bötticher: G – Gr – Großß!!

Fischer: Sagt mir nur, wie das ist – das Stück selbst – das kömmt wieder als Stück im Stücke vor?

Schlosser: Ich habe jetzt keinen mehr, an dem ich meinen Zorn, in welchen mich das Stück versetzt hat, auslassen könnte; da steht er, ein stummes Denkmal meiner eignen Verzweiflung.

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