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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Dritter Akt

Bauernstube.

Der Dichter, der Maschinist.

Maschinist: Meinen Sie denn wirklich, daß das etwas helfen wird ?

Dichter: O mein verehrtester Herr Maschinist, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab; meine letzte Hoffnung, meine Rettung beruht nur darauf.

Leutner: Was ist denn das wieder? – Wie kommen denn diese Menschen in Gottliebs Stube?

Schlosser: Ich zerbreche mir über nichts mehr den Kopf.

Maschinist: Aber, lieber Freund, Sie verlangen auch wahrhaftig zu viel, daß das alles so in der Eil, ganz aus dem Stegereife zustande kommen soll.

Dichter: Sie verfolgen mich auch; einverstanden mit meinen Feinden drunten, erfreuen Sie sich meines Unglücks.

Maschinist: Nicht im mindesten.

Dichter fällt vor ihm nieder: Nun so beweisen Sie es mir dadurch, daß Sie meinen Bitten nachgeben; wenn das Mißfallen des Publikums bei irgendeiner Stelle wieder so laut ausbricht, so lassen Sie auf einen Wink von mir alle Maschinen spielen! Der zweite Akt ist so schon ganz anders geschlossen, als er in meinem Manuskripte steht.

Maschinist: Was ist denn das? – Wer hat denn die Gardine aufgezogen?

Dichter: Alles Unglück strömt auf mich ein, ich bin verloren – Er flieht beschämt hinter die Kulissen.

Maschinist: Solche Verwirrung ist noch an keinem Abende gewesen. Geht ab. – Eine Pause.

Wiesener: Gehört denn das zum Stück?

Nachbar: Natürlich, das motiviert ja die nachherigen Verwandlungen.

Fischer: Den heutigen Abend sollte man doch wirklich im Theaterkalender beschreiben.

König hinter der Szene: Nein, ich geh nicht vor, durchaus nicht; ich kann es nicht vertragen, wenn ich ausgelacht werde.

Dichter: Aber Sie – teuerster Freund – es ist doch einmal nicht zu ändern.

Hanswurst: Nun, ich will mein Glück versuchen. Er tritt hervor, und verbeugt sich possierlich gegen das Publikum.

Müller: Wie kömmt denn der Hanswurst nun in die Bauerstube?

Schlosser: Er wird gewiß einen abgeschmackten Monolog halten wollen.

Hanswurst: Verzeihen Sie, wenn ich mich erkühne, ein paar Worte vorzutragen, die eigentlich nicht zum Stücke gehören.

Fischer: O Sie sollten nur ganz stille schweigen, Sie sind uns schon im Stücke zuwider, vielmehr nun gar so –

Schlosser: Ein Hanswurst untersteht sich mit uns zu reden?

Hanswurst: Warum denn nicht? denn, wenn ich ausgelacht werde, so tut mir das nichts, sondern es ist im Gegenteil mein heißester Wunsch, daß Sie geruhen möchten, über mich zu lachen. Nein, nein, ich bitte, genieren Sie sich nur gar nicht, wir sind hier unter uns.

Leutner: Das ist ziemlich possierlich.

Hanswurst: Was dem Könige freilich wenig ansteht, schickt sich desto besser für mich; er wollte daher auch gar nicht vorkommen, sondern überließ mir diese wichtige Ankündigung.

Müller: Wir wollen aber nichts hören.

Hanswurst: Meine lieben deutschen Landsleute –

Schlosser: Ich denke, das Stück spielt draußen in Asien?

Hanswurst: Kann sein, ich weiß nicht; jetzt aber, verstehn Sie mich, jetzt rede ich ja zu Ihnen als bloßer Schauspieler zu den Zuschauern, nicht als Hanswurst, sondern als Mensch zu einem Publikum, das nicht in der Illusion begriffen ist, sondern sich außerhalb derselben befindet; kühl, vernünftig, bei sich, vom Wahnsinn der Kunst unberührt. Kapieren Sie mich? Können Sie mir folgen? Distinguieren Sie?

Schlosser: Adieu! Nun geht's fort mit mir, ich schnappe über. Richtig, wie ich immer vorhergesagt habe.

Müller: Wir verstehn Sie gar nicht.

Schlosser: Sagen Sie doch nicht zu einem Hanswurste Sie.

Müller: Er sagt ja aber, daß er jetzt nur einen Menschen vorstellt.

Hanswurst: Geruhen Sie doch zu vernehmen (und das ist die Ursach, weshalb ich komme), daß die vorige Szene, die Sie eben sahen, gar nicht zum Stücke gehört.

Fischer: Nicht zum Stücke? Wie kömmt sie denn aber hinein?

Hanswurst: Der Vorhang war zu früh aufgezogen. Es war eine Privatunterredung, die gar nicht auf dem Theater vorgefallen wäre, wenn man zwischen den Kulissen nur etwas mehr Raum hätte. Sind Sie also illudiert gewesen, so ist es wahrlich um so schlimmer, und es hilft nichts, Sie müssen dann so gütig sein und die Mühe daran setzen, diese Täuschung aus sich wieder auszurotten; denn von jetzt an, verstehn Sie mich, von dem Augenblicke, daß ich werde abgegangen sein, nimmt der dritte Akt erst seinen Anfang. Unter uns: alles Vorhergehende gehört nicht zur Sache; es ist eine Zugabe, die wir uns jetzt wieder von Ihnen zurückerbitten. Aber Sie sollen entschädigt werden; es wird im Gegenteil bald manches kommen, das ziemlich zur Sache gehört, denn ich habe den Dichter selbst gesprochen und er hat's mir zugeschworen.

Fischer: Ja, Euer Dichter ist der rechte Kerl.

Hanswurst: Nicht wahr, er ist nichts wert?

Müller: Gar nichts, Hanswurst; es ist mir lieb, daß Sie die Einsicht haben.

Hanswurst: Nun, das freut mich von Herzen, daß noch jemand anders meinen Geschmack hat.

Das Parterre: O wir alle, wir alle, keiner denkt anders.

Hanswurst: Gehorsamer Diener, gar zu viele Ehre. – Ja, es ist, weiß Gott, ein elender Dichter – nur, um ein schlechtes Beispiel zu geben: welche armselige Rolle hat er mir zugeteilt? Wo bin ich denn witzig und spaßhaft? Ich komme in so wenigen Szenen vor, und ich glaube, wenn ich nicht noch itzt durch einen glücklichen Zufall herausgetreten wäre, ich erschiene gar nicht wieder.

Dichter hervorstürzend: Unverschämter Mensch –

Hanswurst: Sehn Sie! Sogar auf die kleine Rolle, die ich jetzt spiele, ist er neidisch.

Dichter auf der andern Seite des Theaters, mit einer Verbeugung: Verehrungswürdige! ich hätte es nie wagen dürfen, diesem Manne eine größere Rolle zu geben, da ich Ihren Geschmack kenne –

Hanswurst auf der andern Seite: Ihren Geschmack! – Nun sehn Sie den Neid. – Und soeben haben Sie erklärt, daß mein Geschmack und der Ihrige in einer Form gegossen seien.

Dichter: Ich wollte Sie durch gegenwärtiges Stück nur vorerst zu noch ausschweifenderen Geburten der Phantasie vorbereiten.

Alle Im Parterre: Wie? – Was?

Dichter: Denn stufenweise nur kann die Ausbildung geschehn, die den Geist das Phantastische und Humoristische lieben lehrt.

Hanswurst: Humoristische! Was er die Backen voll nimmt, und es ist doch lauter Wind. Aber Geduld, er hat gut Rollen-Schreiben, wir machen im Spielen doch ganz andre daraus.

Dichter: Ich empfehle mich indes, um den Gang des Stückes nicht länger zu unterbrechen, und bitte der vorigen Störung wegen noch einmal um Verzeihung. Geht ab.

Hanswurst: Adieu, meine Teuren, bis auf Wiedersehn. – Er geht ab, und kömmt schnell wieder. Apropos! noch eins! – Auch was jetzt unter uns vorgefallen ist, gehört, genau genommen, nicht zum Stück. Ab.

Das Parterre lacht.

Hanswurst kömmt schnell zurück: Lassen Sie uns heut das miserable Stück zu Ende spielen; tun Sie, als merken Sie gar nicht, wie schlecht es ist, und sowie ich nach Hause komme, setze ich mich hin und schreibe eins für Sie nieder, das Ihnen gewiß gefallen soll. Ab. Viele klatschen.

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