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Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 11
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Zwischenakt

Wiesener: Herrlich! herrlich!

Nachbar: Das heiß ich mir noch ein heroisch Ballet.

Wiesener: Und so schön in die Haupthandlung eingeflochten!

Leutner: Schöne Musik!

Fischer: Göttlich!

Schlosser: Das Ballet hat das Stück noch gerettet.

Bötticher: Ich bewundre nur immer das Spiel des Katers. – An solchen Kleinigkeiten erkennt man den großen und geübten Schauspieler; sooft er zum Beispiel das Kaninchen aus der Tasche nahm, hob er es jederzeit bei den Ohren – es stand ihm nicht vorgeschrieben; haben Sie wohl bemerkt, wie es der König sogleich an den Leib packte? Aber man hält diese Tiere bei den Ohren, weil sie es dort am besten vertragen können. Das nenn ich den Meister!

Müller: Das ist sehr schön auseinandergesetzt.

Fischer heimlich: Man sollte ihn selbst dafür bei den Ohren nehmen.

Bötticher: Und die Angst, als ihm der Adler auf dem Kopfe saß! Wie er sich aus Furcht so gar nicht bewegte, sich weder rührte noch regte – nein, eine solche vollendete Kunst kann keine Beschreibung ausdrücken.

Müller: Sie gehen sehr gründlich.

Bötticher: Ich schmeichle mir, nur ein klein wenig Kenner zu sein; das ist freilich mit Ihnen allen nicht der Fall, und darum muß man es Ihnen ein wenig entwickeln.

Fischer: Sie geben sich viele Mühe.

Bötticher: Wenn man die Kunst so liebt, wie ich, ist das eine angenehme Mühe. – Mir ist auch jetzt über die Stiefeln des Katers ein sehr scharfsinniger Gedanke eingefallen, und ich bewundre darin das Genie des Schauspielers. – Sehn Sie, er ist anfangs Kater, deshalb muß er seine natürliche Kleidung ablegen, um die passende Maske einer Katze zu nehmen; jetzt soll er nun wieder ganz als Jäger erscheinen (dies schließe ich daraus, daß ihn jeder so nennt, sich auch kein Mensch über ihn verwundert), ein ungeschickter Schauspieler würde sich auch gewiß in einen Jagdhabit geworfen haben: – aber – wie würde es um unsre Illusion aussehn? Wir hätten vielleicht darüber vergessen, daß er doch im Grunde ein Kater ist, und wie unbequem müßte dem Schauspieler eine neue Kleidung über dem schon vorhandenen Pelze sein? Durch die Stiefeln aber deutet er sehr geschickt die Jägeruniform nur an, und daß solche Andeutungen vollkommen kunstgemäß sind, beweisen uns ganz vorzüglich die Alten, die oft –

Fischer: Schon wieder die Alten!

Bötticher: Verzeihen Sie, es ist eine angenehme, sonst löbliche Gewohnheit, die ich mir zugelegt habe, verträgt sich auch mit aller möglichen modernen Eleganz. Ich bin übrigens gesonnen, meine Herren, ein eignes Buch über die dargestellte Rolle des Katers herauszugeben (wozu ich mir auch nachher von Ihnen allerseits einige scharfsinnige Bemerkungen ausbitten werde), und darum wünschte ich wohl, daß das Stück nicht so oft unterbrochen würde. Die Szene, in welcher er dem Könige das Kaninchen mit so großer Kunst überliefert, schien mir fast sein Triumph, wenn ich die letzte ausnehme, in welcher sich sein Genie noch glänzender zeigte; denn jene spielte er ganz und gar mit dem linken Zeigefinger und einer geringen Bewegung des rechten Fußes. Was würde da mancher Schauspieler sich heftig bewegt und laut geschrieen haben? Aber er, er steht ruhig auf sich selber da, sich kennend, seiner Größe vertrauend, wohl wissend, daß das Kaninchen im Tornister steckt, den er nur aufknöpfen darf, um sein Glück zu machen.

Schlosser: Uns dünkt der Mensch aber sehr langweilig.

Bötticher: Sie sind vielleicht nur verwöhnt, meine Herren. Waren Sie denn nicht tief erschüttert, in jener einzigen, unnachahmlichen Szene, als dem Würdigsten seines Geschlechtes auf Befehl des Tyrannen sein ehrwürdiger Bart ausgerauft ward? Nicht wahr, hier hätten Sie Geschrei, Fußstampfen, Zähneknirschen erwartet? Wie mancher Schreier unsrer Bühnen, der in Heldenrollen gerühmt wird, hätte hier die ganze Kraft seines Organs aufgeboten, um sich den Beifall des Haufens zu ertoben? Nicht so unser großer origineller Künstler. Da stand er, still, in sich gezogen, seinen Schmerz zurückzwängend; während die rechte Hand in der aufgeknöpften Weste unter dem Jabot ruhig steckt, ist die linke mit der ausgestreckten Fläche nach oben gewandt, sie drückte seinen Unwillen aus, und forderte gleichsam des Himmels Unterstützung; sein Gesicht war ruhig, fast lächelnd, in Verachtung gegen die Diener des Tyrannen, nur eine zwinkernde Bebung zuckte im aufwärtsrollenden Auge, in der man sein ganzes Gefühl erkannte, und nun ertönt aus gehobener Brust das herzdurchschneidende Au, Mau, Miau, so gedehnt, so gezogen, so wimmernd klagend, daß uns allen der Atem verging; doch das Gefühl des Unwillens läßt sich nicht ganz zurückhalten, und nun der plötzlich kühne Übergang in jenen Ausruf des Zornes, den der Narr ein Prusten nannte, und vor dem selbst die schamlosen Despotenknechte zurückfuhren. Wahrlich, dies war der Gipfel aller Kunst. Ja in diesem marrenden, quarrenden, prustigen Tone möcht ich von diesem einzigen Manne einmal den König Lear, oder den Wallenstein spielen sehn; ich bin überzeugt, diese Darstellungen wären etwas Unerhörtes, und würden gegen jene Schreier grell abstechen, die die tragischen Rollen immer nur mit sogenannter Kraft und mit Nachdruck zu spielen suchen.

Fischer: Das fehlt uns noch! Es ist aber unausstehlich, wenn es da oben einmal still ist, so martert uns der Kenner hier fast ebensosehr. – Der Vorhang geht auf!

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