Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Der gestiefelte Kater

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
booktitleDie Märchen aus dem Phantasus. Dramen
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05212-3
titleDer gestiefelte Kater
pages205-266
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
Schließen

Navigation:

Vierte Szene

Königlicher Speisesaal.

Große ausgerüstete Tafel. Unter Pauken und Trompeten treten ein: der König, die Prinzessin, Leander, Hinze, mehrere vornehme Gäste und Hanswurst, Bediente, welche aufwarten.

König: Setzen wir uns, die Suppe wird sonst kalt. – Ist für den Jäger gesorgt?

Ein Bedienter: Ja, Ihro Majestät; er wird mit dem Hofnarren hier am kleinen Tischchen essen.

Hanswurst zu Hinze: Setzen wir uns, die Suppe wird sonst kalt.

Hinze setzt sich: Mit wem habe ich die Ehre zu speisen?

Hanswurst – Der Mensch ist, was er ist, Herr Jäger, wir können nicht alle dasselbe treiben. Ich bin ein armer verbannter Flüchtling, ein Mann, der vor langer Zeit einmal spaßhaft war, den man nachher für dumm, abgeschmackt und unanständig hielt, und der nun in einem fremden Lande wieder in Dienst getreten ist, wo man ihn von neuem auf einige Zeit für unterhaltend ansieht.

Hinze: So? – Was seid Ihr für ein Landsmann?

Hanswurst: Leider nur ein Deutscher. Meine Landsleute wurden um eine gewisse Zeit so klug, daß sie allen Spaß bei Strafe verboten; wo man mich nur gewahr ward, gab man mir unausstehliche Ekelnamen, als: gemein, pöbelhaft, niederträchtig, ja mein guter ehrlicher Name Hanswurst ward zu einem Schimpfworte herabgewürdigt. O edle Seele, die Tränen stehn dir in den Augen, und du knurrst vor Schmerz, oder macht es der Geruch des Bratens, der dir in die Nase zieht? Ja, lieber Empfindsamer, wer sich damals nur unterstand, über mich zu lachen, der wurde ebenso verfolgt, wie ich, und so mußt ich denn wohl in die Verbannung wandern.

Hinze: Armer Mann!

Hanswurst: Es gibt wunderliche Hantierungen in der Welt, Herr Jäger; Köche leben vom Appetit, Schneider von der Eitelkeit, ich vom Lachen der Menschen; wenn sie nicht mehr lachen, so ist meine Nahrung verloren.

Hinze: Das Gemüse eß ich nicht.

Hanswurst: Warum? Seid nicht blöde, greift zu.

Hinze: Ich sage Euch, ich kann den weißen Kohl nicht vertragen.

Hanswurst: Mir wird er desto besser schmecken. – Gebt mir Eure Hand, ich muß Euch näher kennenlernen, Jäger.

Hinze: Hier.

Gemurmel im Parterre: ein Hanswurst! ein Hanswurst!

Hanswurst: Empfangt hier die Hand eines deutschen Biedermannes; ich schäme mich nicht, wie so viele meiner Landsleute, ein Deutscher zu sein. Er drückt dem Kater die Hand sehr heftig.

Hinze: Au! au! – Er sträubt sich, knurrt und klaut den Hanswurst.

Hanswurst: O weh! Jäger! plagt Euch der Teufel? – Er steht auf und geht weinend zum König. Ihro Majestät, der Jäger ist ein treuloser Mann, seht nur, wie er mir ein Andenken von seinen fünf Fingern hinterlassen hat.

König essend: Wunderlich – nun, setz dich nur wieder hin, trage künftig Handschuh, wenn du mit ihm gut Freund sein willst. Es gibt vielerlei Arten von Freunden, man muß jedes Gericht zu essen, und jeden Freund zu behandeln verstehn. Halt! Ich habe gleich gedacht, daß hinter dem Jäger was Besonderes steckt: sieh! sieh! er ist ein Freimaurer, und hat dir nur das Zeichen in die Hand schreiben wollen, um zu sehn, ob du auch von der Brüderschaft bist.

Hanswurst: Man muß sich vor Euch hüten.

Hinze: Warum kneift Ihr mich so? Hole der Henker Euer biederes Wesen.

Hanswurst: Ihr kratzt ja wie eine Katze.

Hinze lacht boshaft.

König: Aber was ist denn das heute? Warum wird denn kein vernünftiges Tischgespräch geführt? Mir schmeckt kein Bissen, wenn nicht auch der Geist einige Nahrung hat. Hofgelehrter, seid Ihr denn heut auf den Kopf gefallen?

Leander essend: Ihro Majestät geruhn –

König: Wie weit ist die Sonne von der Erde?

Leander: Zweimal hunderttausend, fünfundsiebenzig und eine Viertel Meile, funfzehn auf einen Grad gerechnet.

König: Und der Umkreis, den die Planeten so insgesamt durchlaufen?

Leander: Wenn man rechnet, was jeder einzelne laufen muß, so kommen in der Total-Summa etwas mehr als tausend Millionen Meilen heraus.

König: Tausend Millionen! – Man sagt schon, um sich zu verwundern: ei der Tausend! und nun gar tausend Millionen! Ich mag auf der Welt nichts lieber hören, als so große Nummern – Millionen, Trillionen – da hat man doch dran zu denken. – Es ist doch meiner Seel ein bißchen viel, so tausend Millionen.

Leander: Der menschliche Geist wächst mit den Zahlen.

König: Sagt mal, wie groß ist wohl so die ganze Welt im Umfange, Fixsterne, Milchstraßen, Nebelkappen und allen Plunder mitgerechnet.

Leander: Das läßt sich gar nicht aussprechen.

König: Du sollst es aber aussprechen, oder – Mit dem Zepter drohend.

Leander: Wenn wir eine Million wieder als Eins ansehn, dann ohngefähr zehn mal hunderttausend Trillionen solcher Einheiten, die jede an sich schon eine Million Meilen ausmachen.

König: Denkt nur, Kinder denkt! – Sollte man meinen, daß das Ding von Welt so groß sein könnte? Aber wie das den Geist beschäftigt!

Hanswurst: Ihro Majestät, das ist eine kuriose Erhabenheit, davon krieg ich noch weniger in den Kopf als in den Magen; mir kommt die Schüssel mit Reis hier viel erhabener vor.

König: Wieso, Narr?

Hanswurst: Bei solchen ungeheuren Zahlen kann man gar nichts denken, denn die höchste Zahl wird ja am Ende wieder die kleinste. Man darf sich ja nur alle Zahlen denken, die es geben kann. Wir können nicht leicht, ohne uns zu verirren, bis fünfe zählen.

König: Aber da ist was Wahres drin. Der Narr hat seine Einfälle. – Gelehrter, wieviel Zahlen gibt es denn?

Leander: Unendlich viel.

König: Sagt mal geschwind die höchste Zahl.

Leander: Es gibt gar keine höchste, weil man zur höchsten noch immer wieder eine neue hinzufügen kann; der menschliche Geist kennt hier gar keine Einschränkung.

König: Es ist doch aber wahrhaftig ein wunderliches Ding um diesen menschlichen Geist.

Hinze: Es muß dir hier sauer werden, ein Narr zu sein.

Hanswurst: Man kann gar nichts Neues aufbringen, es arbeiten zu viele in dem Fache.

König: Und du sagst also auch, daß die Erde immer rundum, immer rundum geht, bald so, bald so, wie ein besoffener Mensch?

Leander: Nicht eigentlich auf diese Weise, sondern mehr einem Walzenden ähnlich.

König: Und sie ist, wie Ihr meint, eine Kugel?

Leander: Allerdings, so daß unter uns Menschen wohnen, die ihre Füße gegen die unsrigen richten, oder unsre Antipoden sind, so wie wir wiederum die Antipoden von ihnen sind.

König: Wir? Ich auch?

Leander: Allerdings.

König: Ich verbitte mir aber dergleichen; meint Er, daß ich mich so wegwerfen werde? Er und seinesgleichen mögen Antipoden sein, soviel sie wollen; aber ich halte mich zu gut, jemandes Antipode zu sein, und wenn es selbst der große Mogul wäre. Er denkt wohl, weil ich mich manchmal herablasse, mit Ihm zu disputieren, so werde ich mir auch alles bieten lassen. Ja, ja, ich sehe, wer sich zum Schaf macht, den fressen die Wölfe; man darf solche Gelehrte nur ein weniges um sich greifen lassen, so mengen sie nach ihren Systemen Kraut und Rüben durcheinander, und entblößen sich nicht, den regierenden Herren selbst unter die Antipoden zu werfen. Daß dergleichen niemals wieder geschieht!

Leander: Wie Ihro Majestät befehlen.

König: Doch um nicht einseitig bei einem Gegenstande zu verweilen, so bringt mir nun einmal mein Mikroskop herein! Leander ab. Ich muß Ihnen sagen, meine Herren, daß ich es als eine Andacht treibe, in das kleine Ding hineinzukucken, und daß es mich in der Tat erbaut, und mein Herz erhebt, wenn ich sehe, wie ein Wurm so ungeheuer vergrößert wird, wie eine Made und Fliege so seltsamlich konstruiert sind, und wie sie in ihrer Pracht mit einem Könige wetteifern können. – Leander kommt zurück. Gebt her! Ist nicht eine Mücke bei der Hand, ein Gewürm, sei es, was es sei, um es zu beobachten?

Hanswurst: Sonst findet sich dergleichen oft, ohne daß man's wünscht, und nun es zur Geistesbildung dienen soll, läßt sich nichts betreffen: aber ich schlage Ihrer Majestät unmaßgeblich vor, eins von den seltsamen Barthaaren des fremden Jägers zu observieren, was sich gewiß der Mühe verlohnt.

König: Seht, der Narr hat heut einen luminösen Tag. Ein trefflicher Gedanke! Damit der Jäger sich aber nicht über Gewalt zu beschweren hat, soll ihm das ansehnlichste Haar durch niemand anders als durch zwei Kammerherren ausgerauft werden. Macht euch dran, Leute.

Hinze, zu den Kammerherren: Das scheint mir ein Eingriff in das Völkerrecht. – Sie ziehn ihm das Haar aus. Au! Mau! Miau! Prrrst!

König: Hört, er maut fast wie eine Katze.

Hanswurst: O ja, auch hat er eben so geprustet; er scheint überhaupt eine merkwürdige Organisation zu besitzen.

König, durch das Glas sehend: Ei! ei! wie höchst wunderbar! Da ist doch auch kein Riß, keine unebene Stelle, keine Rauhigkeit wahrzunehmen. Ja, das sollen mir einmal die englischen Fabriken nachahmen! Ei! ei! wo der Jäger nur die kostbaren Barthaare hergenommen hat!

Hanswurst: Sie sind ein Werk der Natur, mein König. Dieser fremde Mann hat noch eine andre große Naturmerkwürdigkeit an sich, die gewiß ebenso unterhaltend als nachdenklich ist. Ich nahm vorhin wahr, als die Braten hereingebracht wurden, und der angenehme Duft den ganzen Saal erfüllte, daß sich in seinem Körper ein gewisses Orgelwerk in Bewegung zu setzen anfing, das mit lustigen Passagen auf und nieder schnurrte, wobei er die Augen aus Wohlgefallen eindrückte und ihm die Nase lebhaft zitterte. Ich fühlte ihn zu der Zeit an, und der Tremulant war in seinem ganzen Körper unter Nacken und Rücken fühlbar.

König: Ist es möglich? Kommt mal her, tretet zu mir, Jäger.

Hinze: An diesen Mittag werd ich gedenken.

Hanswurst: Kommt, edler Freund. Indem er ihn führt. Nicht wahr? Ihr werdet wieder kratzen?

König: Hier tretet her. – Nun? – Legt sein Ohr an ihn. Ich höre nichts, es ist ja mäuschenstill in seinem Leibe.

Hanswurst: Er hat es verloren, seit ihm das Haar ausgerissen wurde; es scheint nur zu orgeln, wenn ihm wohl ist. Jäger, denkt einmal recht was Wohlgefälliges, stellt Euch doch was Anmutiges vor, sonst glaubt man, es ist nur Tücke, daß es jetzt nicht in Euch spielt.

König: Haltet ihm den Braten vor die Nase. – So. – Seht, Jäger, davon sollt Ihr sogleich bekommen. Nun? – Ich will ihm indes etwas den Kopf und die Ohren streicheln, hoffentlich wirkt diese Gnade auf sein Zufriedenheits-Organ. – Richtig! Hört, hört, Leute, wie es schnurrt, auf und ab, ab und auf, in recht hübschen Läufen! Und in seinem ganzen Körper fühl ich die Erschütterung. – Hm! hm! äußerst sonderbar! – Wie ein solcher Mensch inwendig muß beschaffen sein! Ob es eine Walze sein mag, die sich umdreht, oder ob es nach Art der Klaviere eingerichtet ist? Wie nur die Dämpfung angebracht wird, daß Augenblicks das ganze Werk stillsteht? – Sagt mal, Jäger: (Euch acht ich und bin wohlwollend gegen Euch gesinnt) aber habt Ihr nicht vielleicht in der Familie einen Vetter oder weitläuftigen Anverwandten, an dem nichts ist, an dem die Welt nichts verlöre, und den man so ein weniges aufschneiden könnte, um ein Einsehn in die Maschinerie zu bekommen?

Hinze: Nein, Ihro Majestät, ich bin der einzige meines Geschlechts.

König: Schade! – Hofgelehrter, denkt einmal nach, wie der Mensch innerlich gebaut sein mag, und lest es uns alsdann in der Akademie vor.

Hanswurst: Kommt, Jäger, setzen wir uns wieder und speisen.

Hinze: Ich sehe, mit dir muß ich Freundschaft halten.

Leander: Es wird mir eine Ehre sein, mein König; ich habe auch schon eine Hypothese im Kopf, die mir von der höchsten Wahrscheinlichkeit ist; ich vermute nämlich, daß der Jäger ein unwillkürlicher Bauchredner ist, der wahrscheinlich bei strenger Erziehung sich früh angewöhnt hat, sein Wohlgefallen und seine Freude, die er nicht äußern durfte, in seinem Innern zu verschließen; dorten aber, weil sein starkes Naturell zu mächtig war, hat es in den Eingeweiden für sich selbst den Ausdruck der Freude getrieben, und sich so diese innerliche Sprache gebildet, die wir jetzt als eine seltsame Erscheinung an ihm bewundern.

König: Läßt sich hören.

Leander: Nun klingt es deshalb in ihm mehr wie ein verhaltner Grimm, als wie ein Ausdruck der Lust. Ihrer Natur nach steigt die Freude nach oben, öffnet den Mund weit und spricht in den offensten Vokalen, am liebsten in A, I oder Ei, wie wir in der ganzen Schöpfung, an Kindern, Schafen, Eseln, Stieren und Betrunkenen wahrnehmen können; er aber, bei seinen tyrannischen Eltern und Vormündern, wo er nichts durfte laut werden lassen, mußte innerlich nur ein O und U brummen, und so angesehn muß diese Erscheinung alles Wunderbare verlieren, und ich glaube aus diesen Gründen nicht, daß er eigene Walzen oder ein Orgelwerk in seinem Leibe besitze.

Hanswurst: Wenn es nun einmal dem Herrn Leander verboten würde, laut zu philosophieren, und seine tiefsinnigen Gedanken müßten sich auch, statt oben, in der Tiefe aussprechen, welche Sorte von Knarrwerk sich wohl in seinem Bauche etablieren würde?

Leander: Der Narr, mein König, kann vernünftige Gedanken nie begreifen; mich wundert überhaupt, daß sich Ihro Majestät noch von seinen geschmacklosen Einfällen belustigen lassen. Man sollte ihn geradezu fortjagen, denn er bringt Ihren Geschmack nur in einen üblen Ruf.

König, wirft ihm das Zepter an den Kopf: Herr Naseweis von Gelehrter! was untersteht Er sich denn? In Ihn ist ja heut ein satanischer Rebellionsgeist gefahren! Der Narr gefällt mir, mir, seinem Könige, und wenn ich Geschmack an ihm finde, wie kann Er sich unterstehn zu sagen, daß der Mann abgeschmackt sei? Er ist Hofgelehrter und der andre Hofnarr; ihr steht beide in einem Gehalte; der einzige Unterschied ist, daß er an dem kleinen Tischchen mit dem fremden Jäger speist. Der Narr macht dummes Zeug bei Tische und Er führt einen vernünftigen Diskurs bei Tische, beides soll mir nur die Zeit vertreiben und machen, daß mir das Essen gut schmeckt; wo ist denn also der große Unterschied? – Und dann tut's einem Herrn, wie mir, auch wohl, einen Narren zu sehn, der dummer ist, der die Gabe und die Bildung nicht hat, man fühlt sich mehr und ist dankbar gegen den Himmel. Schon deswegen ist mir ein Dummkopf ein angenehmer Umgang. – Wenn Er aber meint, daß der Narr in Religion und Philosophie zurück ist, daß er zu sehr in der Irre wandelt, kann Er sich denn nicht (da der Dumme doch gewiß Sein Nächster ist) menschenfreundlich zu ihm setzen und liebreich sagen: sieh, Schatz, das ist so, und jenes so, du bist hierin zurück, ich will dich mit Liebe auf den Weg des Lichtes bringen, und dann etwas gründliche Logik, Metaphysik und Hydrostatik ihm vorsprechen, daß der Dumme in sich schlägt und sich bekehrt? So müßte einer handeln, der ein Weltweiser heißen will.

Der Koch trägt das Kaninchen auf und entfernt sich.

König: Das Kaninchen! – Ich weiß nicht – die andern Herren essen es wohl nicht gerne? – Alle verneigen sich. Nun, so will ich es denn mit Ihrer Erlaubnis für mich allein behalten. – Er ißt.

Prinzessin: Mich dünkt, der König zieht Gesichter, als wenn er seine Zufälle wieder bekäme.

König aufstehend, in Wut:
Das Kaninchen ist verbrannt! –
O Heer des Himmels! Erde? – Was noch sonst?
Nenn ich die Hölle mit? –

Prinzessin:
Mein Vater –

König: – Wer ist das?
Durch welchen Mißverstand hat dieser Fremdling
Zu Menschen sich verirrt? – Sein Aug ist trocken!

Alle erheben sich voll Besorgnis, Hanswurst läuft geschäftig hin und wider, Hinze bleibt sitzen und ißt heimlich.

Gib diesen Toten mir heraus. Ich muß
Ihn wieder haben!

Prinzessin: Hole doch einer schnell den Besänftiger.

König: Der Koch Philipp sei das Jubelgeschrei der Hölle, wenn ein Undankbarer verbrannt wird!

Prinzessin: Wo nur der Musikus bleibt.

König:
Die Toten stehen nicht mehr auf. Wer darf
Mir sagen, daß ich glücklich bin? O wär er mir gestorben!
Ich hab ihn liebgehabt, sehr lieb.

Der Besänftiger tritt mit einem Glockenspiele auf, das er sogleich spielt.

König: Wie ist mir? Weinend: Ach, ich habe schon wieder meinen Zufall gehabt. – Schafft mir den Anblick des Kaninchens aus den Augen. – Er legt sich voll Gram mit dem Kopf auf den Tisch und schluchzt.

Ein Hofmann: Seine Majestät leiden viel.

Es entsteht ein gewaltiges Pochen und Pfeifen im Parterre; man hustet, man zischt, die Galerie lacht; der König richtet sich auf, nimmt den Mantel in Ordnung und setzt sich mit dem Zepter in größter Majestät hin. Alles ist umsonst, der Lärm wird immer größer, alle Schauspieler vergessen ihre Rollen, auf dem Theater eine fürchterliche Pause. – Hinze ist eine Säule hinangeklettert.

Der Dichter kommt bestürzt aufs Theater.

Dichter: Meine Herren – verehrungswürdigstes Publikum – nur einige Worte.

Im Parterre: Still! still! der Narr will sprechen.

Dichter: Ums Himmels willen, machen Sie mir die Schande nicht, der Akt ist ja gleich zu Ende. – Sehn Sie doch nur, der König ist ja auch wieder zur Ruhe, nehmen Sie an dieser großen Seele ein Beispiel, die gewiß mehr Ursache hatte, außer sich zu sein, als Sie.

Fischer: Mehr als wir?

Wiesener, zum Nachbar: Aber warum trommeln Sie denn? Uns beiden gefällt ja das Stück.

Nachbar: Ist auch wahr – in Gedanken, weil es alle tun. Klatscht aus Leibeskräften.

Dichter: Einige Stimmen sind mir doch noch günstig; lassen Sie sich aus Mitleid mein armes Stück gefallen, ein Schelm gibt's besser, als er's hat; es ist auch bald zu Ende. – Ich bin so verwirrt und erschrocken, daß ich Ihnen nichts anders zu sagen weiß.

Alle: Wir wollen nichts hören, nichts wissen.

Dichter, reißt wütend den Besänftiger hervor: Der König ist besänftigt, besänftige nun auch diese tobende Flut, wenn du es kannst! Stürzt außer sich ab.

Der Besänftiger spielt auf den Glocken, das Pochen schlägt dazu den Takt. Er winkt: Affen und Bären erscheinen, und tanzen freundlich um ihn her, Adler und andre Vögel; ein Adler sitzt Hinzen auf dem Kopf, der in der größten Angst ist, zwei Elefanten und zwei Löwen tanzen auch.

Ballet und Gesang

Die Vierfüßigen:
Das klinget so herrlich –

Die Vögel:
Das klinget so schön –

Vereinigtes Chor:
Nie hab ich so etwas gehört noch gesehn.

Hierauf wird von allen Anwesenden eine künstliche Quadrille getanzt, der König und sein Hofstaat wird in die Mitte genommen, Hinze und den Hanswurst nicht ausgeschlossen; allgemeines Applaudieren. Gelächter. Man steht im Parterre auf, um recht genau zu sehn; einige Hüte fallen von der Galerie herunter.

Der Besänftiger singt während dem Ballet und der allgemeinen Freude der Zuschauer:

Könnte jeder brave Mann
    Solche Glöckchen finden,
Seine Feinde würden dann
    Ohne Mühe schwinden,
Und er lebte ohne sie
    In der schönsten Harmonie.

Der Vorhang fällt, alles jauchzt und klatscht, man hört noch das Ballet eine Zeitlang.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.