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Der Gelehrte

Ludwig Tieck: Der Gelehrte - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorLudwig Tieck
titleDer Gelehrte
publisherLeipzig und Wien. Bibliographisches Institut
volumeTiecks Werke
seriesDritter Band
editorGotthold Ludwig Klee
year
firstpub1827
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090710
projectid3a4e5898
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Einleitung des Herausgebers.

Auf den großartig entworfenen »Aufruhr in den Cevennen« ließ Tieck noch in demselben Jahre (1826) die ganz anders geartete, sehr ergötzliche, zuletzt aber stark ins Triviale fallende Erzählung »Glück gibt Verstand« und 1827 die Novellen »Der fünfzehnte November« und »Der Gelehrte« folgen, die beide zu seinen besten Leistungen gehören und sich durch eine bei ihm nicht oft so ungetrübte Innigkeit und heitere Wärme des Gefühls auszeichnen. Mag in dem vor Anfang März 1827 beendeten »Fünfzehnten November« trotz aller ergreifenden Schönheit unser nüchternes Zeitalter doch vielleicht an dem mystischen Grundgedanken Anstoß nehmen, so muß »Der Gelehrte« zu allen Zeiten ansprechen, so frei von jeder Bizarrerie und Tendenz, so gesund, menschlich wahr und künstlerisch fein erscheint diese kleine Dichtung, die zuerst in »Orphea, Taschenbuch für 1828« 5. Jahrgang, Leipzig, bei Fleischer. – Wieder gedruckt in »Pantheon, eine Sammlung vorzüglicher Novellen und Erzählungen ic.« (5. Bd., Stuttgart 1829, bei Hoffmann), »Novellen« (3. Bd., Breslau 1835; wiederholt 1838) und »Novellen« (Berlin, 6 Bd.; »Schriften« 22. Bd., 1853). gedruckt, mithin spätestens im Sommer 1827 geschrieben worden ist. Eine recht hübsche, wenn auch etwas plauderhaft breite Besprechung, in der die Vorzüge der Novelle warm gewürdigt sind, lieferte Franz Horn in der »Dresdner Morgenzeitung«, 1827, Nr. 185 f. Karoline Pichler schrieb den 21. Juni 1830 an Tieck: »Wenige Gedichte haben mich in so beschränkter Form, bei so einfachem Gange, mit so natürlichen Verhältnissen und Charakteren, wobei jeder glaubt, sie kennen und unter seinen Bekannten nachweisen zu müssen, so lebhaft und tief zugleich angesprochen. Mir ist, ich wäre zu Hause unter diesen Menschen, und gar so erfreulich und erhebend blickt durch die ängstliche, pedantische Hülle des Professors der höhere edle Geist durch, der in einer andern Entfaltung etwas recht Glänzendes und Großes hätte werden können.« Und Jakob Minor »Tieck als Novellendichter« in den »Akademischen Blättern« 1884, S. 194 nennt die Novelle »eine höchst anmutige und reizende Schilderung des Professorentums, welches erst durch die Heirat zum Genusse seiner Menschheit kommt«.

Der liebenswürdige, hier durchaus harmlose Humor des Dichters spielt in mannigfachen Lichtern, wie denn z. B. das von gewöhnlicher Spaßhaftigkeit ganz freie Gespräch, in dem Werner der Haushälterin den Heiratsantrag macht, im feinsten Lustspiel mit Ehre bestehen könnte. Noch höher aber steht die Kunst der Seelenmalerei, die sich auf so engem Räume so reich entfaltet und deren sich weder Theodor Storm noch Gottfried Keller zu schämen brauchten. Hat der Dichter dem Professur manches von seinem persönlichen Wesen, seinen Liebhabereien und Eigenheiten, wie die Leidenschaft für Bücher, den Abscheu vor Straßenlärm, den Trieb zum Wohlthun, die Nichtachtung des Geldes geliehen, so hatte er für die liebliche Gestalt der Helena zwei Modelle in seiner nächsten Umgebung, dem zweifellos haben ihm bei dieser reizenden Schöpfung seine herrlichen Töchter, besonders aber die vortreffliche Dorothea mit ihren gelehrten Neigungen und ihrem einfach häuslichen, fromm bescheidenen, weiblich seelenvollen Wesen vorgeschwebt.

Ging auch das große Publikum an der unscheinbaren Unmut dieses kleinen Meisterwerkes achtlos vorüber und verstand selbst nur ein geringer Bruchteil der zünftigen Kritik dasselbe zu würdigen, so ist doch die Einwirkung der Novelle auf jüngere Dichter groß gewesen und namentlich die Charakterzeichnung der Hauptperson geradezu typisch geworden. Es wird wohl keinem Leser zweifelhaft bleiben, daß wir hier das Urbild zu Freytags Felix Werner in der »Verlorenen Handschrift« haben, wie denn auch sein Bedienter Gabriel auf Tiecks Werner – der Name des Dieners ist bei Freytag auf den Herrn übertragen worden – zurückgeht. Selbst Einzelheiten in dem Roman erinnern an unsre Novelle, wie z. B. das Schicksalsrolle der niemals an den Tag kommenden, spukhaften Tacitushandschrift deutlich auf den magischen verlorenen Quintilianszettel hinweist, und auch zu dem Atemschöpfen des Professors unter dem Nußbaum, der allerliebsten Entscheidungsszene in der Küche und manchem andern ließe sich poetisch Nachempfundenes bei Freytag nachweisen, was natürlich keinen Vorwurf gegen diesen selbständigen und vornehmen Dichter in sich schließt.

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