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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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9

Wieder ein Telegramm des Miterben. Der Anwalt habe sich geirrt, es könne sich doch wohl höchstens um dreihunderttausend handeln.

Seine Berichte sind neuerdings ein wenig konfus und bestehen zumeist in telegraphischen Vermutungen. Gott weiß, ob sie das Testament nun wirklich gefunden haben und ob es überhaupt wahr ist, daß man es nicht gleich fand. Uns kommt das etwas merkwürdig vor, aber die Sache spielt sich in so weiter Ferne ab, daß man unmöglich näheren Einblick gewinnen kann. Eröffnet kann es jedenfalls noch nicht sein, sonst müßte er doch Genaueres wissen.

Lukas findet das sehr beunruhigend, er traut dem Miterben, wie allen anderen, die damit zu tun haben, nicht recht und bot mir sogar eine Leihsumme an, um selbst hinzufahren.

Nein, ich danke, ich werde mich hüten, das Geld durch meine persönliche Einmischung noch rebellischer zu machen. Wie man sieht, haben schon hunderttausend rebelliert, eben die hunderttausend, die nach Lukas' Aufstellung zu meiner freien Verfügung bleiben sollten. Er fand das schon vollkommen wahnsinnig.

«Jetzt müssen Sie aber unbedingt das Ganze auf Zinsen legen», erklärte er beinah zornig, «und die Reise nach Siam streichen.»

«Warte erst einmal ab, wie die Petroleumgeschichte sich gestaltet», warf Henry ein. «Ist die Gegend wirklich so ergiebig, wie wir annehmen, so werden die Aktien in kurzem horrend in die Höhe gehen, und alles wird sich darum reißen. Jedenfalls muß man sich rechtzeitig eine gute Anzahl sichern, sobald die Gesellschaft konstituiert ist.»

Lukas warf einen Blick gen Himmel. Das ist ihm schon ganz zur Gewohnheit geworden, sobald er Henry reden hört.

«Wollen Sie sich nicht bald einmal von Doktor Baumann analysieren lassen, lieber Henry?» fragte er.

«Oh, wir haben schon damit angefangen.»

«Findest du, es nützt etwas?» fragte ich beklommen. Gerade als er sich darüber auslassen wollte, kam Baumann selbst, und Lukas wandte sich sofort an ihn.

«Ich bin, wie Sie wissen, nur Laie», sagte er, «die Psychiatrie ist ein Gebiet, das mir völlig fern liegt. Gelingt es Ihnen aber, diese beiden Herrschaften zur Vernunft zu bringen, so gehöre ich von Stund an zu Ihren fanatischen Anhängern und mache enorme Propaganda für Sie.» (Lukas ist dort, wo er doziert, eine einflußreiche Persönlichkeit und hat glänzende Beziehungen. Baumann brennt darauf, Karriere zu machen und selbst eine Anstalt zu übernehmen, wo nach seiner Methode wunderbare Heilungen gemacht werden.)

Er, Baumann, lächelte so geschickt, daß keiner der Beteiligten sich verletzt fühlen konnte, Henry aber meinte: «Besser, Sie lassen sich erst einmal von mir gründen, ich habe da von einer verkrachten Aluminiumgesellschaft einige Terrains an der Hand, die sich ungemein billig stellen würden, und die Aktionäre haben wir bald beisammen, Balailoff geht zum Beispiel todsicher mit, sobald die Petroleumsache gedeichselt ist...» Sein Blick nahm allmählich jene sonderbare Starrheit an, die ihm manchmal eigen ist... er rechnete... machte Überschläge, erlag seinem Komplex. Und Baumann meinte, es sei der geeignete Moment für eine analytische Séance, worauf wir anderen uns diskret entfernten...

 

Das ist schon wieder ein paar Tage her, Henry ist gestern nach Rußland gefahren, um das Petroleumgebiet in Augenschein zu nehmen. Balailoffs Sekretär begleitet ihn als Dolmetscher. Balailoff hat nämlich ein Gefolge bei sich, das aus eben diesem Sekretär, zwei Dienern und einem alten russischen Popen, seinem früheren Erzieher, besteht. Dieser letztere wird hier ebenfalls saniert, ob auch wegen Alkoholismus, haben wir noch nicht feststellen können. Er ist ein friedlicher, würdevoller Herr, der fast nie aus seinem Zimmer herauskommt und außer Russisch keine lebende Sprache spricht. Lukas und die Ärzte reden lateinisch mit ihm, und ich suche manchmal in meiner Erinnerung aus den Grammatikstunden meiner Brüder oder aus der Religionsstunde, um ihm etwas Liebenswürdiges zu sagen. Aber es stimmt meistens nicht recht. Gottfried wurde letzten Mittwoch aus der Kur entlassen, um nach Hause zu fahren. Statt dessen hat er sich in der Stadt versteckt gehalten und jetzt heimlich mit Henry die Petroleumfahrt angetreten... er war überglücklich. Seine Eltern haben schon dreimal telegraphiert, und kein Mensch begreift, wo er geblieben ist. Dummerweise bekam ich nun gerade eine Depesche aus Finnland. «Endlich aufgefunden. Eröffnung noch durch Formalitäten verzögert...» Der Professor bat mich dringend, zu gestehen, daß das Telegramm mit dem vermißten Jungen zusammenhänge. Ich beteuerte mit gutem Gewissen: Nein. Er glaubte mir nicht, und nur, um ihn zu beruhigen, gab ich es ihm schließlich zu lesen. Dadurch wurde die Sache nun noch schlimmer, er war jetzt vollkommen überzeugt, daß es sich um Gottfried handle, daß man eben ihn in Finnland aufgefunden – er Selbstmord begangen habe oder verunglückt sei und – «Eröffnung durch Formalitäten verzögert» – seziert werden solle. In seiner erhitzten Medizinerphantasie schien ihm das vollkommen klar... Aber die Unterschrift... der Miterbe trägt als mein Gatte bekanntlich denselben Namen wie ich... und das Rätsel, wieso ich diese Nachricht an mich selbst aus Finnland telegraphiere, konnte er denn doch nicht kleinkriegen, und ich fiel darüber in ein solches Gelächter, daß er immer zorniger wurde... Schon vor Wochen hätte ich ihm von einem Erbschaftsprozeß erzählt, und nun sollte das Testament noch nicht einmal eröffnet sein?... Und mit diesem Herrn verheiratet... bisher hätte ich mich doch immer als geschiedene Frau ausgegeben und könne nun wirklich nicht verlangen, daß man mir noch ein einziges Wort glaube. Es war eine recht nette Szene, und mir blieb schließlich nichts übrig, als zu gestehen, daß ich wüßte, wo der Junge sich aufhielten und daß er es seinen Eltern demnächst selbst mitteilen wolle.

Der Professor war zuletzt sprachlos und schickte mir später einen Brief aufs Zimmer. In dem Brief schlug er mir vor, ich möchte mich doch lieber in ein anderes Sanatorium begeben, falls ich es überhaupt noch für nötig halte.

Nun, Baumann hat die Sache dann mit vieler Mühe wieder ins Geleise gebracht, und ich war ihm sehr dankbar. Wo hätte ich auch hingehen sollen? Ich bleibe also da und gebe mich, nachdem der Sturm ausgetobt hat, einer wohlverdienten Ruhe hin.

Es herrscht hier jetzt eine gewaltige Sommerhitze. Da keiner von uns etwas zu tun hat, sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse. Morgens ist man noch halbwegs munter, liest Zeitungen oder unterhält sich. Nachher liegt alles wie tot in den Klappstühlen umher und hält sich gegenseitig für mehr oder minder vertrottelt. So behauptet Lukas, es mache ihn schon nervös, wenn unten auf dem See Dampfschiffe vorbeifahren oder Möwen flattern. Er empfindet das als eine unerhörte Kraftvergeudung. An ganz besonders schwülen Tagen verständigt man sich nur durch Pantomimen oder in der Hitzsprache – das heißt, man läßt alle irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weg oder markiert sie nur.

Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken. Unsere Hauptunterhaltung besteht darin, die anderen Patienten zu beobachten und sich über sie zu mokieren, wofern sie auch nur den geringsten Anlaß dazu bieten. So empfanden wir es als wahres Glück, als letzthin ein neuer Patient auftauchte, der allerhand Eigentümlichkeiten hat. Er zieht sich selbst bei der unerhörtesten Gluthitze immer schwarz an, hat außerdem schwarze Haare, schwarzen Bart und kohlschwarze Augen... die ersten Male, wenn er plötzlich die weiße Steintreppe heraufkam, wirkte er wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Aber in dem Moment, wo er an seinem Platz saß und seine Mahlzeit serviert bekam, fiel uns sein wirklich verblüffend intelligenzloser Ausdruck auf. Wir meinten einstimmig, noch nie gesehen zu haben, daß jemand Gegenstände oder Personen so überaus dumm anschauen könne wie dieser Herr mit dem dämonischen Exterieur den servierenden Diener oder auch seinen Teller und die Apollinarisflasche. Außerdem hat er die Gewohnheit, ehe er anfängt zu sprechen, immer erst ein paarmal langsam und bedächtig mit den Kinnladen zu klappen. Kurz, er macht uns inniges Vergnügen. Wir haben ihn den schwarzen Idioten genannt und genießen es mit wahrer Andacht, wenn er mit seinem leeren, stupiden Blick zu uns herüberschaut... er scheint sich sehr für uns zu interessieren und möchte sicher gerne nähere Bekanntschaft mit uns machen.

Ja, so gehen die Tage hin, und wir ersehnen Henrys Rückkehr, denn Balailoff macht uns viel zu schaffen. Wie ich Dir schon erzählte, will er heiraten und bildet sich ein, das sei hier an der italienischen Grenze leichter zu bewerkstelligen als anderswo. Ich fürchte, er irrt sich darin, denn sie sind beide Ausländer, und zwar in so hohem Maß, daß es fast unmöglich scheint, mit den Papieren jemals ins reine zu kommen. Vor allem hat er keinen Paß, und es besteht nur eine schwache Möglichkeit, durch persönliche Verbindungen und in absehbarer Zeit wieder einen zu erwirken. Die Braut ist angeblich in einem Hotel auf Spitzbergen geboren und weiß nicht, wo ihre Eltern beheimatet waren. Man bemüht sich also immer noch vergeblich, ihre Staatsangehörigkeit festzustellen. Da er nun kein Wort Italienisch versteht und im Verkehr mit Behörden ungemein reizbar ist, appelliert er beständig an uns. Tag für Tag müssen wir die Angelegenheit von A bis Z mit ihm durchnehmen, auf neue Mittel und Wege sinnen, Briefe oder Gesuche aufsetzen und was sonst noch dazugehört. Ich versuchte vergebens, ihn auf meinen Rechtsbeistand abzuschieben, der das alles sicher besser machen könnte. Mit eben diesem Rechtsbeistand ist es allmählich auch eine dumme Situation. Um für ein paar Stunden aus der Anstalt zu entrinnen, muß ich ihn zwei- oder dreimal in der Woche aufsuchen und überflüssige Fragen an ihn richten... er hält mich sicher schon für die größte Gans auf Gottes Erdboden. Balailoff aber hat einen ausgesprochenen Anwaltskomplex, behauptet, alle Advokaten seien Gauner und Schurken und arbeiteten nur in ihre eigene Tasche. Er scheint reizende Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben... vielleicht liegt es auch an den russischen Zuständen.

Man hat es nicht leicht auf der Welt, liebe Maria, und mit diesem Stoßseufzer will ich für heute abbrechen.

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