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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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6

So, nun habe ich endlich einmal eine Sensation zu verkündigen, die Sensation... der alte Herr ist sanft entschlafen, wie mir gestern ein Telegramm meines Miterben meldete. Ich war ihm dankbar, daß er sich so taktvoll ausdrückte, und gebe mir alle Mühe, dem Entschlafenen gegenüber ebenfalls taktvoll zu empfinden. In dem Moment, wo jemand tot ist, wird einem das ja auch immer relativ leicht. Also erwartet jetzt, bitte, kein ordinäres Freudengeheul von mir, mir ist vielmehr zumut, als ob ich vorläufig sehr viel Haltung bewahren müßte.

Erstens wissen wir über das Testament und vor allem über den Besitzstand des Verstorbenen noch nichts Genaueres, und da er Ausländer war, kann sich das alles noch etwas hinziehen. Zweitens habe ich den Glauben an das Geld, an alles Geld verloren und kann ihn nicht von heute auf morgen wiederfinden. Bis es nicht tatsächlich vor mir auf dem Tisch liegt... und wer weiß, ob es mich jetzt für hinlänglich geläutert hält, um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen. Wie oft habe ich erlebt, daß es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte. Selbst dadurch, daß es einem gehört, hat man es noch nicht... so halte ich es für geboten, es vorläufig möglichst zu ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen.

Bitte, verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne, sprecht nicht davon, freut Euch nicht, schlagt keinen Lärm und gratuliert mir nicht.

... Nein, diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem Geldkomplex erlösen, es kommt nur allmählich wieder ein Gefühl von Daseinsberechtigung über mich, das ich mittlerweile ganz verloren hatte. Laß Dir sagen, liebe Maria, es sind nur zwei Dinge, die einem dies Gefühl geben... Geld und Liebe. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist wohl das Leben einmal ganz richtig? Und fehlt eines von den beiden, so kann man sich immerhin mit dem anderen trösten. Fehlen aber beide, wie jetzt, wie hier... nun, alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufenthalt. Mit Geld könnte ich fortgehen, aber es ist keines da; mit Liebe könnte ich hierbleiben, aber es fehlt jedes geeignete Objekt. Der Atheist ist mir zu jung, Lukas zu seriös, und mit Henry bin ich allmählich zu gut befreundet. In den Arzt verliebt man sich nur, wenn man hysterisch ist, und unser würdiger Professor eignet sich wenig dazu.

... Ich fahre erst heute fort. Der Miterbe war hier, man hat sich ernst und korrekt die Hand geschüttelt, und doch ein wenig wie zwei Überlebende nach einem Schiffbruch, die nun nähere Bekanntschaft miteinander machen. Man widmete dem Verstorbenen einige geziemende Worte, und das war wirklich anständig, denn er hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympathie für uns an den Tag gelegt und unser beider Treiben, soweit es ihm bekannt wurde, meistens gemißbilligt. Aber wir waren jetzt einig, ihm das nicht mehr nachzutragen. Dann war vom Begräbnis die Rede. Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden, und das ist ungemein schwierig, weil wir, die beiden einzigen Nachkommen, im Moment nicht über die Mittel verfügen, ihn dorthin zu geleiten. Diese Frage bleibt also noch ungelöst. Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden. Ich sollte durchaus mitfahren, habe mich aber geweigert. Nie in meinem Leben habe ich solche Sachen mitgemacht, ich habe einen pathologischen Horror davor. Gott weiß, ob der Alte sich nicht auch darüber ärgern würde. Ich habe Angst davor, ihn noch nachträglich zu verstimmen und üble Folgen über mein Haupt heraufzubeschwören.

Allmählich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen. Er hat das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen, und nach dem, was er sagt, käme eine Summe in Betracht, die uns beiden das Herz höher schlagen läßt. Nun machte aber der alte Herr vor anderthalb Jahren, nachdem er unglücklicherweise von unserem Kontrakt erfahren (vermutlich durch den schnöden Advokaten, der ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten), eine verdächtige Reise in seine Heimat, um «seine Angelegenheiten zu ordnen». Der Miterbe, der eigentlich Bescheid wissen müßte, behauptet zwar, nach dem dortigen Gesetz könne man ihn als den einzigen direkten Nachkommen, falls er nur verheiratet sei, nicht verkürzen. So hat man sich darüber wieder beruhigt. Natürlich muß er sich gründlich um die Sache bekümmern, meint aber, in wenigen Monaten könne alles erledigt sein.

Monate – Maria –, in Monaten kann alles mögliche passieren, man kann krank werden, sterben, verunglücken oder den Verstand verlieren. In Monaten hat das Geld alle Muße, die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen. Monate sind eine schreckliche Zeit, wenn man sie mit Warten zubringt. Ich male mir alle schlimmen Möglichkeiten aus, das ist immer das beste, um ihnen vorzubeugen. Ängstigt man sich zum Beispiel, es sei jemand ertrunken oder abgestürzt, so kommt er sicher heil zurück, erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen, so wird er womöglich vom Blitz erschlagen.

Du siehst, ich habe mein System vollständig geändert und wehre mich ebenso verzweifelt gegen jeden Optimismus, wie ich ihm früher huldigte. Und doch, wenn ich morgens aufwache und mich noch nicht genügend beherrsche, denke ich mit scheuer Verliebtheit an dies ferne Geld, das, so Gott will, über kurz oder lang zu mir in Beziehung treten wird.

Natürlich habe ich nur den männlichen Tischgenossen davon erzählt, vor der Witwe hatte ich Angst, sie möchte mich an ihr Herz ziehen, Tränen vergießen und wieder von ihrem Baulöwen anfangen.

Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des Herrn Alramseder, und der gottlose Pfarrerssohn meinte, sein Vater würde in solchem Fall sicher sagen: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.

«Oder, was kann der Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse», vollendete Lukas.

«Ach, wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen, wenn ich Reichtümer damit gewinnen könnte.»

«Und ich bin fest überzeugt», sagte Henry, «daß man mit Geld seine Seele ohne weiteres wieder auslösen könnte.»

Gottfried lächelte fröhlich, seine neue Weltanschauung befestigt sich immer mehr. Henry hat nämlich vor, ihn in Afrika bei den Goldminen unterzubringen, so braucht er nicht mehr unter das väterliche Dach zurückzukehren und könnte seine Psychose ruhig aufgeben. Doktor Lukas aber wollte ganz genau wissen, wie mir jetzt zumute sei. Er ist etwas enttäuscht, denn er hat es sich wohl so vorgestellt, wie in den Zeitungsgeschichten von Flickschustern, die das große Los gewinnen und dann vor freudigem Schrecken die Treppe hinunterfallen oder vom Schlag gerührt werden. Und wie ich mir nun die Zukunft denke?

Ich denke nach... die Zukunft ist noch nicht da, und die Vergangenheit wirkt noch zu stark in mir nach. Mir ist, als sei ich mein halbes Leben Jongleur in einem Zirkus gewesen, wollten die Kugeln nicht mehr richtig fliegen, so warf man mit Flaschen, Tellern oder Messern. Wollte es mit den Händen nicht mehr gehen, so stellte man sich auf den Kopf und jonglierte mit den Füßen weiter. Dabei immer die verdammte Unsicherheit, ob man Herr der Situation bleiben wird oder nicht, bis dann eines schönen Tages die Dinge wirklich streikten, Kugeln, Flaschen, Teller, Messer herunterrasselten und die Zuschauer mich auspfiffen – unter den Zuschauern stellte ich mir meine Gläubiger vor, die bei der Vorführung durchaus auf ihre Kosten kommen wollten.

Nein, ich wollte lieber gar nicht über das Geld reden, ehe es da ist. Aber Lukas ließ nicht locker. Wie alle Privatdozenten hat er natürlich ein kleines Vermögen, von dem er bescheiden und sicher leben kann. Der Umgang mit uns hat nun zwar in letzter Zeit seine Begriffe etwas verwirrt, aber manchmal wird er wieder rückfällig und ist nun geradezu besorgt, ob ich mich zu der veränderten Sachlage richtig einstellen werde. So macht er alle möglichen Pläne, wie ich das Geld am besten anlegen solle.

«Anlegen...?»

«In Goldshares», rät Henry, «in wenigen Jahren gibt es vermutlich enorme Dividenden.»

«Ja, um Gottes willen, Sie Phantast... wenn Sie Ihren Fluß herausgehoben haben?»

«Und dem Alramseder einmal definitiv auf den Kopf spucken kann... denn damit steht und fällt die ganze Sache», sagte Henry ernst.

Der Privatdozent rang die Hände: «Nein, ich bitte Sie, machen Sie mir die gnädige Frau nur nicht wieder vollends...»

«Sprechen Sie ruhig aus», sagte ich melancholisch..., «es hat jetzt wirklich keine Gefahr mit mir. Wenn das Geld nur erst da ist, werde ich sicher wieder normal.»

«So normal, daß Sie vernünftig damit umgehen? Sagen wir zum Beispiel, das Kapital nicht angreifen, falls Sie mit den Zinsen auskommen können... und daß Sie sich nicht auf Spekulationen einlassen, die davon abhängen, ob Ihr Freund Henry dem Herrn Alramseder oder sonst jemandem auf den Kopf spuckt...?»

«Sie, Lukas, haben heute wieder einen schrecklichen Rückfall in Ihre nationalökonomischen Komplexe. Leute, die von ihren Zinsen leben, sind viel anormaler. Denken Sie nur, plötzlich sterben zu müssen, was jedem passieren kann, und das ganze Kapital liegt noch da, mit dem man sich unendliches Pläsier hätte verschaffen können. Mir würde dieser Gedanke alle Seelenruhe nehmen. Man sollte vielleicht taxieren, wie lange man ungefähr noch zu leben wünscht, und danach die Summe einteilen. Bedenken Sie doch auch meinen Geldkomplex, wie soll ich den jemals loswerden, wenn ich mir nicht eine ausgiebige Revanche für alle bisher erlittene pekuniäre Unbill leisten darf?»

«Bitte, hören Sie auf», bat Lukas, «ich möchte sonst noch Ihrer eigenen Auffassung vom weiblichen Gehirn beistimmen und Sie vom wirtschaftlichen Standpunkt aus völlig aufgeben...»

«Vor allem ist das Geld ja wirklich noch nicht da», bemerkte Henry mit unerschütterlicher Miene.

«Erlauben Sie mir wenigstens noch die Frage, wie der Herr... nun, Ihr Herr Miterbe darüber denkt... seinen Namen haben Sie uns übrigens immer noch vorenthalten.»

«Er trägt denselben Namen wie ich auch, da wir miteinander verheiratet sind...»

Hätte ich nur lieber geschwiegen, aber es fuhr mir so heraus, und nun mußte ich natürlich eine Flut von Aufklärungen geben. Worauf der arme Lukas so angegriffen war, daß er sich für den Rest des Abends zurückzog.

Du weißt, ich rede nicht gern von dieser Heirat, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, weil es mich gar so langweilt, immer wieder den Zusammenhang erläutern zu müssen. Wir leben nicht zusammen, wir kennen uns kaum, wir sind keine Ehe, sondern nur ein Kontrakt, und unser einziges gemeinsames Interesse ist eben diese Erbschaft. Manche begreifen das nicht, andere nehmen Ärgernis daran, und ich selber vergesse inzwischen manchmal vollständig, daß ich eigentlich verheiratet bin.

Der Professor erwartet einen neuen Patienten – es ist ein russischer Fürst, und wir sind sehr gespannt auf ihn. Russischer Fürst klingt so angenehm nach Geld und Spleen.

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