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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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19

Vor meiner Abreise kam ich nicht mehr dazu, Dir Nachricht zu geben, und kann auch heute nur kurz schreiben.

Begreife – ich weiß noch nicht recht, wie mir ist. Das Sanatorium ist vergessen und versunken wie ein alberner Spuk... War ich denn jemals in einem Sanatorium? Habe ich jemals durch Ewigkeiten hindurch auf Geld gewartet? Hatte ich wirklich einmal einen Geldkomplex, den man mir weganalysieren wollte? Und ist er jetzt tatsächlich ganz fort?

Das, Maria, ist eine große Frage, die ich heute noch nicht zu beantworten wage. Mir scheint beinahe, er hat sich nur verändert. Denn seit «es» da ist, dreht sich alles, was ich empfinde, doch wieder ausschließlich um Geld, wenn auch diesmal in positivem Sinn, aber es dreht sich. Dreht sich um greifbar vorhandene Banknoten, Goldstücke, Schecks, Kreditbriefe, Möglichkeiten, Einkäufe und so weiter.

«Es» ist immer noch zu persönlich, es erfüllt mich noch zu sehr, ich muß immerfort daran denken. Zum erstenmal in meinem Leben habe ich eine Nacht nicht schlafen können, weil es wirklich da war.

Baumann sagt... aber ich habe noch verschiedenes nachzuholen.

Am Tage, nachdem der Depositenschein präsentiert wurde und wir der Bank unsere Order erteilten, haben wir denn auch Henrys Korrespondenz eröffnet. Es ergab sich daraus unter anderem, daß Herr Alramseder definitiv unschädlich gemacht worden ist, indem seine eigenen Kaffern ihn gelyncht haben, ferner, daß Gottfried einsam und verzweifelt das Petroleumgebiet beaufsichtigt, ohne jede Nachricht von Balailoff, und auf unser Einschreiten hofft und schließlich, daß Henry eine Geschäftsreise nach Spanien zu machen hat, die sich mit einer gemeinsamen Vergnügungsfahrt sehr gut verbinden ließe.

Gottfried haben wir dann gleich telegraphisch ausgelöst und mitgenommen, da er sehr erholungsbedürftig war, und Baumann hat sich angeschlossen, weil, wie er behauptet, die Weiterentwicklung unserer Komplexe ihn lebhaft interessiert.

Der Miterbe ist dort geblieben, sein Hotelwirt und er können sich nicht mehr voneinander trennen.

Übrigens war das Geld noch nicht wirklich angekommen, als wir abfuhren, aber die Bank gab Vorschuß. Wir hatten die Schiffsbilletts schon bestellt und wollten nicht länger warten. Dummerweise verfehlten wir das Schiff trotzdem, da es jeder Tradition zuwider fahrplanmäßig abgefahren war, und auf der Bahnlinie Genua–Marseille wurde gestreikt, man konnte auch damit nicht weiterkommen... Das Pflichtteil rebelliert also immer noch. Wie oft hat man eine Reise unterlassen, weil man sie sich nicht leisten konnte. Jetzt konnten wir uns einen Extrazug nehmen, aber die Bahnlinie streikte. Kein Mensch wird mir einreden, daß es wirklich die Eisenbahner sind, die ihre Arbeit niederlegen.

Die anderen schlugen vor, sich angenehm in Genua zu etablieren und abzuwarten, aber ich bin außerstande, noch auf irgend etwas zu warten, und halte es für besser, die Dinge zu überlisten, wenn sie einen schikanieren wollen. So haben wir uns, da vorläufig kein anderes Schiff in der gewünschten Richtung fuhr, auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen, daß wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird. Unterwegs kann man dann vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen. Es sollen noch zwanzig Kühe eingeschifft werden, und das hat seine Schwierigkeiten, räumliche und bureaukratische – wir sind darüber noch nicht ganz im Bilde. Einstweilen steht nur soviel fest, daß die Abfahrt spät abends oder in aller Herrgottsfrühe vor sich gehen soll, und der «Steward» riet uns dringend, deshalb schon auf dem Schiff zu wohnen. Auf Passagiere, die nicht zur Stelle seien, könne man unmöglich warten, nachdem man schon so lange auf die Kühe gewartet habe.

Die Kabinen, wie das ganze übrige Fahrzeug, sind nichts weniger als komfortabel, und man muß die ersehnten Luxusgefühle vorläufig noch verdrängen, wenigstens für die Nacht. Bei Tag gehen wir natürlich an Land, erholen uns, schlemmen und kaufen.

Unausstehlich ist Baumann, er will immer dabeisein, analysiert jede Ausgabe und die Art, wie sie gemacht wird. Ich möchte ihn ans Ende der Welt schicken, aber es geht nicht, schließlich verdanke ich doch nur ihm, daß ich so lange im Sanatorium bleiben konnte.

Ich habe viel zu tun. Unter anderem muß Gottfried angezogen werden, er sah so aus, daß wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten.

Eben sind die Kühe angekommen, sie werden jetzt verladen, und abends fahren wir ab. Von unterwegs Weiteres.

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