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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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18

Es ist da, Maria – das heißt noch nicht ganz, aber so gut wie.

Letzten Mittwoch fing es an.

Der Miterbe war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden oder ließ sich verleugnen. Man brachte nur in Erfahrung, daß er den ganzen Tag mit Auto und Hunden unterwegs war, in den verschiedensten Ortschaften der Umgegend Teufelskerle um sich versammelte und bewirtete und abends bei seiner Rückkehr nicht mehr vernehmungsfähig sei.

Wir schlossen darauf mit gutem Grund, daß das Pflichtteil näher gerückt oder etwas Verhängnisvolles damit passiert sein müsse. Denn er pflegt sowohl freudige wie trübe Erregungen auf diese Weise auszuleben, und man muß solche Zustände vorübergehen lassen, ehe man sich wieder ins Einvernehmen mit ihm setzt.

Schließlich erschien er dann eines Morgens in eigener Person hier oben, was noch nie vorgekommen war. Den Wolfshund hatte er an der Leine, aber der riß sich los, rannte verschiedene Patienten fast über den Haufen und verursachte eine Panik. Der Professor kam aus seinem Sprechzimmer, um zu sehen, was da vorginge. Mein Gatte war außer sich vor Entzücken über das Temperament seines Hundes, drohte ihm zum Scherz mit dem Revolver und fragte ein Mal über das andere, ob er nicht ein Teufelskerl sei.

Der Professor aber meinte wohl, daß dieser Ehrentitel sich auf ihn beziehe, und hielt den Miterben für einen tobsüchtigen neuen Patienten, den ich ihm zuführen wollte. Mit dem Professor gibt es eben immer Mißverständnisse, und ich hatte viele Mühe, ihm bei dem Höllenspektakel den Zusammenhang zwischen mir, dem Mann und dem Hund begreiflich zu machen. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll immer mehr an, ich glaube, er war nahe daran, selber einen Tobsuchtsanfall zu bekommen, was für ein Sanatorium gewiß keine gute Reklame wäre.

Als dieser Zwischenfall erledigt war, kam das Geschäftliche an die Reihe. Der rauhe Gatte durchsuchte sämtliche Innentaschen seiner Lederjacke und förderte schließlich ein imposantes Dokument zutage, den Depositenschein der finnischen Bank, die uns das Pflichtteil abzuliefern hat. Es besteht einstweilen noch nicht in barem Geld, sondern in Eisenbahnobligationen.

Wir beratschlagten eine Weile, gingen dann in die Stadt hinunter zur Bank und gaben Auftrag, die Papiere sofort telegraphisch zu verkaufen. Dann machten wir eine größere Spazierfahrt mit sämtlichen Hunden.

Die anderen hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen und konnte ihnen erst beim Abendessen Bericht erstatten. Lukas legte Messer und Gabel hin, als ich auf unsere Aktion bei der Bank zu sprechen kam, und vergaß alle Höflichkeit. «Ja, haben Sie denn ganz den Verstand verloren? Telegraphisch und en bloc verkaufen?»

«Wir können wirklich nicht mehr warten», wendete ich kleinlaut ein.

«Das muß wieder rückgängig gemacht werden. Was sind es denn für Papiere?» Ich nannte sie ihm, stolz darauf, daß ich es wußte und mir keine Blöße zu geben brauchte.

Er jammerte, daß es einen Stein erbarmen könnte, und wir sind alle ganz hingerissen vor Mitgefühl. – Man hätte die Obligationen herschicken sollen, sie deponieren, nach und nach verkaufen – und was weiß ich, ich verstehe nichts von solchen Sachen. Wer von uns denn auf diese glorreiche Idee gekommen sei?

«Alle beide – wir haben uns überlegt, wie es am schnellsten ginge.»

«Anstatt erst irgendeinen vernünftigen Menschen um Rat zu fragen...»

«Nein, jetzt tun Sie mir Unrecht. Ich habe mich durchaus sachverständig benommen und den Bankdirektor gefragt, ob es nicht besser sei, vorläufig nur einige von den Papieren zu verkaufen. Aber er riet mir zu, es gleich en bloc zu machen.»

Achselzucken, Schweigen.

«Ist das nicht der große Blonde, den wir öfters im Café sahen und der immer so unglücklich aussieht?» fragte Henry.

«Ja, er ist entschieden Melancholiker. Als ich erwähnte, es eile, weil ich auf Reisen gehen wollte, sagte er ganz ergriffen: ‹Gott, wer doch auch reisen könnte – weit fort reisen.› – ‹Kommen Sie mit›, sagte ich, um ihn etwas aufzuheitern, aber er hat nur traurig den Kopf geschüttelt.»

«Nehmen Sie ihn nur mit», sagte Lukas mit schwacher Stimme, «ein melancholischer Bankdirektor ist gerade die rechte Gesellschaft für Sie.»

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