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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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17

Habe ich wirklich einen ganzen Monat nicht geschrieben? Was soll ich denn auch schreiben – immer wieder dasselbe: Es ist noch nicht da, ich warte.

Tröste Dich damit, daß ich meine sämtlichen Korrespondenzen schon lange so gut wie abgebrochen habe. Niemand wußte mehr den Ton anzuschlagen, den ich vertragen konnte. Die einen wollten mich mit dieser Erbschaft, die niemals kommt, aufziehen und schienen zu meinen, daß das Ganze nur ein Witz sei. Andere gratulierten mir zu dem unverdienten Glück, das mir so mühelos in den Schoß gefallen wäre. Wenn ich nur das nicht mehr hören soll. Es begreift wohl niemand, was für eine ungeheuerliche Leistung dieses Warten bedeutet, und niemand hat auch nur eine Ahnung, was für Leiden ein Geldkomplex mit sich bringt.

Seit zwei Wochen beginnt es allmählich zu tagen. Es hat wenigstens den Anschein – ich will mich lieber noch vorsichtig ausdrücken.

Der Miterbe ist wohlbehalten hier eingetroffen – ich betone das «wohlbehalten», denn wie leicht hätte ihm bei der langen Reise etwas zustoßen können. Bei den verschiedenen Zwangsvorstellungen, die mich plagen, kam es mir äußerst wahrscheinlich vor.

Er hat mir nun weitläufig erklärt, was alles noch geschehen müsse, bis es an die hiesige Bank überwiesen wird. Die erste Frau hat sich mit einer mäßigen Summe abfinden lassen und die Beschlagnahme zurückgezogen. Im übrigen war er anfangs etwas verstimmt gegen mich. Es scheint aus hinterlassenen Briefen hervorzugehen, daß er auch ohne Heirat hätte Universalerbe werden können und ohne den verhängnisvollen Kontrakt jedenfalls nicht wäre gepflichtteilt worden. Er fühlte sich nachträglich wieder solidarisch mit dem toten Vater und hätte jetzt lieber mit ihm gegen mich intrigiert, wie er vorher mit mir gegen ihn intrigierte. Wenigstens glaubt Baumann seine Gefühle für mich in dieser Richtung auslegen zu dürfen.

Natürlich ist es aber jetzt zu spät, und in Anbetracht dessen entwickelt sich eine durchaus friedliche Beziehung zwischen uns. Ich finde ihn sogar in seiner ganzen Art ganz sympathisch, ein wenig Balailoff der Zweite, nur wirkte er noch russischer, obwohl er kein Russe ist und nur die Stammgüter seiner Familie in Finnland liegen. Balailoff war nur spleenig und trank, ohne daß es ihm oder anderen Freude schuf. Dieser trinkt auch, aber seine Räusche sind produktiver, und er weiß sie glückhafter auszugestalten.

Er wohnt im Hotel drunten am Marktplatz, hat, da die Ankunft des Pflichtteils jetzt auch dem Laien außer Frage steht, unbeschränkten Kredit, hält sich ein Mietauto, mit dem er den ganzen Tag herumsaust, und läßt abends eine italienische Musikbande kommen, die ihm bis nach Mitternacht vorspielen muß. Ferner kauft er sich alle möglichen Schießgewehre – er braucht die nicht, denn er ist kein Jäger, aber sie machen ihm Vergnügen, ebenso wie seine Tiere, drei Bernhardiner und ein Wolfshund. Tagelang ist er mit dem Auto unterwegs gewesen, bis er diese Meute zusammengebracht hat. Die Bernhardiner sitzen oder liegen dekorativ vor dem Hotel herum und verursachten anfangs Volksaufläufe, da man hier noch nie dergleichen Tiere gesehen hatte. Der Wolfshund dagegen zeichnet sich durch unbändiges Temperament aus und richtet allnächtlich ein Hotelzimmer zugrunde, er zerreißt die Betten, beißt die elektrischen Drähte ab und ähnliches. Aber mein rauher Gatte lacht sich vor Vergnügen halbtot, wenn man ihm die Rechnung dafür präsentiert, und fordert alle auf, das Benehmen dieses «Teufelskerls» zu bewundern. Um ihn nicht zu kränken, stimme ich aus vollem Herzen bei – solange er ihn nicht ins Sanatorium bringt. Der Hotelbesitzer ist ebenfalls Feuer und Flamme für das Tier wie für seinen Herrn, weil er auf diese Weise sämtliche Zimmer neu hergerichtet bekommt. Man weiß natürlich in der Stadt, daß wir verheiratet sind und daß große finanzielle Ereignisse uns umwittern. Da hier sonst wenig Sensationelles passiert, sind wir mythische Persönlichkeiten und ungeheuer populär. Allzuoft lasse ich mich zwar nicht blicken, aber es kommt doch manchmal vor, daß ich an der Seite meines Gemahls mich dem erstaunten Volk zeige.

Mit den anderen habe ich ihn nicht erst bekannt gemacht, er paßt nicht zu ihnen und ist ausgesprochen menschenscheu. Er ist überhaupt sehr merkwürdig und spricht wenig. Was andere sagen, pflegt er zu überhören und reagiert nur selten darauf. Will ich also etwas von ihm wissen – er zitiert mich manchmal zu einer wichtigen Besprechung –, so heißt es ruhig dasitzen und abwarten, bis er davon anfängt. Er läßt Wein bringen, die Musikanten warten immer schon an der nächsten Straßenecke, bis man sie herbeiwinkt. Dann stehen sie auf der Piazza vor dem Hotel und spielen, er wirft ihnen Geld zu und läßt ihnen zu trinken geben. Ich spende ihnen hier und da ein huldvolles Lächeln und warte darauf, daß er mit der Besprechung beginnen wird. Irgendwann kommt denn auch der Moment, wo er sich daran erinnert und mit der Hand unter seine Lederjacke fährt – er hat einen merkwürdigen Kleidungskomplex, denn ich habe ihn noch nie in einem anderen Kostüm gesehen als: Schaftstiefel, Kniehosen und lederne Jacke –, er sucht eine Zeitlang, fördert ein arg zerknittertes Schreiben oder Aktenstück zutage und teilt mir das Wissenswerte daraus mit. Das Wissenswerte ist immer nur eine neue Verzögerung oder Schwierigkeit.

Ich äußere meine Besorgnis, daß immer noch und immer noch... Er hört kaum darauf hin und sagt mit gewaltiger Stimme: «Ich verstehe den Krempel ja auch nicht... ich verstehe überhaupt nichts von Geldgeschichten... aber seien Sie nur ruhig, gnädige Frau, es wird schon alles gut werden.»

Dann vertieft er sich wieder in die Vorzüge seiner Hunde, fragt mich, ob die Leute gut spielen, zeigt mir einen neuen Revolver, den er für besser hält als den vorigen, trinkt ein Glas nach dem anderen, und man hat den Eindruck, als ob er sich recht glücklich fühle.

Selten, selten gelingt es mir, ihn etwas redseliger zu machen – ich bin jetzt auch selbst so «konstelliert», meine Gedanken kreisen wieder einmal wie in einem monotonen, betäubenden Wirbel immer um dasselbe: Wann kommt das Geld? So ist dieser Mann zweifellos die gegebene Gesellschaft für mich.

Aber wie gesagt, es kommt auch vor, daß er ein wenig mehr auftaut, Fragmente von sich selber erzählt oder fragmentarische Ansichten über Menschen und Dinge äußert.

Die über Menschen sind kurz und bündig. Von Männern läßt er nur den Typus Teufelskerl gelten, der ungeheuer trinken, spielen oder sonst etwas kann. Die anderen interessieren ihn nicht. Findet er einen solchen, so bewundert und protegiert er ihn, stopft ihm die Taschen voll Geld, sofern er selber welches hat usw. Er selbst ist in seiner Jugend von der Schule durchgebrannt, um Matrose zu werden, und späterhin jahrelang Goldgräber gewesen. Sobald das Pflichtteil da ist, will er in den Ural gehen und wieder graben. Aber vor allem müsse man dazu Geld in der Tasche haben, sonst käme nichts dabei heraus.

Ob ich ihn nicht doch mit Henry bekannt mache...

Und in dieser Umgebung unter Matrosen und Goldgräbern habe er Teufelskerle kennengelernt!... Ob er sich selbst als vollgültigen Teufelskerl ansieht, ist mir nicht ganz klar, jedenfalls ist es sein heimlicher Ehrgeiz, und er ist vielleicht nur zu bescheiden, sich den Titel beizulegen.

Die Frauen verachtet er ziemlich gründlich, zum Teil ist wohl seine erste Ehe daran schuld. Denn als ich einmal flüchtig jene Frau erwähnte, gab es eine lange Pause. Mindestens dreiviertel Stunden trank er schweigend weiter und sagte dann plötzlich voll ingrimmiger Überzeugung: «Die Weiber sind alle Halunken.»

Ich hatte längst vergessen, wovon die Rede war, und sah ihn wohl etwas erstaunt an, denn er setzte milder hinzu: «Nein, Sie meine ich nicht, gnädige Frau.»

Damit war die Konversation für diesen Tag beendigt. Ich glaube, es war eines der größten Komplimente, die mir jemals gemacht wurden, und weiß es auch vollkommen zu würdigen, wie überhaupt diese Flitterwochen nicht ohne Stimmung sind. Meine Bekannten im Sanatorium haben ihre Freude daran und kommen manchmal zur Stadt, um sich die Sache aus der Ferne anzusehen. Nur der Professor glaubt immer noch nicht, daß ich mit diesem Mann, der soviel von sich reden macht und anscheinend über beträchtliche Mittel verfügt, verheiratet bin. Sonst hätte er ihm als meinem Arzt doch längst einen Besuch gemacht und könnte ebensogut meine Rechnung zahlen wie Auto fahren und sich eine Meute halten. Diese und andere gehässige Bemerkungen sind mir von einer Patientin hinterbracht worden und geben mir wieder einmal zu denken. – Herr, wie lange noch? –

 

Ich mag auch keine Briefe mehr abschicken, wahrscheinlich ist das eine Art Neurose. Henry hat etwas Ähnliches – er kann sich nicht entschließen, Briefe aufzumachen, weil er die Zwangsvorstellung hat, es möchte etwas Unangenehmes darin stehen. Es ist momentan wirtschaftliche Krisis bei ihm, er wartet auf eine wichtige Nachricht, die alles mit einem Schlage ändern soll, und ehe die nicht da ist, rührt er kein Schriftstück mehr an. Auf seinem Schreibtisch ist ein Extrafach, wo die uneröffneten Korrespondenzen hinkommen. Es sind Briefe aus allen Weltgegenden darunter, auch eingeschriebene und Eilbriefe. Manchmal vergißt er es und schimpft, daß man von dieser oder jener Sache gar nichts mehr hört.

«Aber es ist seit drei Wochen ein eingeschriebener Brief da, mach ihn doch endlich auf.»

«... Nein, das kann ich nicht.»

Hier und da sitzen wir vor diesen Briefen, betrachten sie und malen uns aus, was wohl darin stehen mag. Soll man sie öffnen? Soll man sie liegenlassen? Und wie lange? Sollen wir den Moment bestimmen oder abwarten, bis er sich von selbst ergibt? Ich glaube, wir sind im Grunde überzeugt, daß sie durch das Lagern besser werden und daß Nachrichten, die bei voreiligem Öffnen noch ungünstig lauten würden, sich vielleicht mit der Zeit in eine gute verwandeln. Das wagt aber natürlich keiner dem anderen einzugestehen.

Drei sind da von Gottfried, und die lasten uns beiden auf dem Gemüt. Wir wollen sie aufmachen, sobald «es» da ist. Eher können wir ihm doch nicht helfen, und es würde uns nur unnötig das Herz zerreißen, zu wissen, daß es ihm schlecht geht.

Früher war es immer Lukas, der den Kopf schüttelte und Blicke gen Himmel warf, jetzt schüttelt auch Baumann. Er hält uns allmählich für schwere Fälle, vor denen die Wissenschaft, wie er sich ausdrückt, einstweilen haltmachen muß. Das heißt, er hat es aufgegeben, uns in dem gegenwärtigen Stadium weiter zu behandeln, und wir sind todfroh darüber. Von Komplexen, Analyse und vor allem Geld darf nach stillschweigendem Übereinkommen überhaupt nicht mehr gesprochen werden. Seitdem herrscht eine präokkupierte Grabesstille an unserer Tafelrunde, und es gibt nichts mehr, worüber wir uns unterhalten könnten.

 

Soll ich nun abschicken oder nicht? Warten bis – nein, ich bringe es nicht mehr über die Lippen und nicht mehr aus der Feder, dieses fürchterliche «bis» – und wenn ich darauf warte, dauert es vielleicht noch länger.

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