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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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15

Der Entschluß ist uns erspart geblieben, dafür hat es einen sogenannten Skandal gegeben. Nur schade, daß wir nicht soviel Spaß daran haben können wie die anderen Patienten, die ihn in vollen Zügen genießen.

Balailoff war auf einige Tage fortgefahren und hatte die Braut mitnehmen wollen, aber sie drückte sich unter dem Vorwand, leidend zu sein. Am zweiten Morgen, nachdem er fort war, klopfte sein Diener, der uns immer das Frühstück heraufbringt, verzweifelt an sämtliche Türen. Wir waren spät aufgewesen, und niemand hatte Lust, sich schon zu ermuntern; so rief man ihm von allen Seiten zu: er möge alles in den Korridor stellen und uns schlafen lassen. Aber er bestand darauf, irgend jemand persönlich zu sprechen. Wir beschieden ihn also mit sämtlichen Frühstücken in den gemeinsamen Salon und versammelten uns in rasch improvisierter Toilette. Das Klavier stand noch offen und überall Weingläser vom vorigen Abend, es war die richtige ungemütliche Morgenstimmung mit einigem Katzenjammer.

Und nun erfuhren wir, daß die Braut über Nacht mit dem «Herrn Idioten», wie der brave Iwan sich höflich ausdrückte, davongegangen war, unter Mitnahme alles beiderseitigen Gepäcks – also anscheinend, um nicht mehr wiederzukehren. Iwan, der seinem Herrn sehr ergeben ist, war ganz außer sich. Wir setzten gleich ein Telegramm an Balailoff auf und schickten ihn damit weg.

Eine halbe Stunde später erschien der Professor, wollte wissen, was wir wüßten, und war ungemein aufgeregt. Glücklicherweise hatten wir in der Zwischenzeit aufräumen lassen und saßen ordentlich und zivilisiert jeder vor seinem Kaffee, nur Lukas hatte einen etwas sonderbaren Schlafrock an. Wir waren diesmal wirklich mehr als unschuldig, was er uns anfänglich nicht glauben wollte. Aber dann drehte Henry den Spieß um und erklärte, er habe Balailoff in diesem Punkt nie begriffen – und ebensowenig, daß man ein solches Subjekt so lange hier geduldet hätte. Dem Mann sei doch auf der Stirne geschrieben gewesen, daß er ein Schwindler war. In diese Ausführungen stimmten wir alle lebhaft ein.

Jedoch wir haben nun einmal das Pech, auf diesen verbohrten alten Professor nicht überzeugend zu wirken. Er sah sich um, als ob die Niedertracht nur so auf Stühlen und Tischen herumläge, fragte dann, ob wir mit den Zimmern zufrieden wären... es sei aber möglich, daß auch in diesem Flügel bauliche Veränderungen vorgenommen würden und wir noch einmal umziehen müßten. Auch Baumann bekam bei dieser Gelegenheit einige bissige Bemerkungen; der Chef hat irgendwie erfahren, daß er psycho-analysiert, und das hat ihn sehr unangenehm berührt. Es darf jetzt wirklich nichts Auffallendes mehr passieren.

Schließlich ging er dann wieder, und wir frühstückten nachdenklich weiter. Leider mußten wir einstimmig zugeben, daß der schwarze Idiot doch entschieden intelligenter gewesen war wie wir alle zusammen. Eine deprimierende Einsicht, aber wer weiß, vielleicht kann gerade die Begebenheit noch zum Heil der Petroleumsache ausschlagen. Henry wenigstens meint, es komme nur darauf an, Balailoff jetzt richtig anzufassen. Aber Henry ist ein Illusionist...

Nun ja... da war nicht viel richtig anzufassen. Balailoff kam auf unser Telegramm hin sofort zurück. Seine Wut war anfangs unbeschreiblich, und es blieb nichts anderes übrig, als ihn beständig unter Alkohol zu setzen, was Henry mit wahrem Löwenmut auf sich nahm. Gleichzeitig wurde nach allen Himmelsrichtungen recherchiert, und man brachte in Erfahrung, daß die Flüchtlinge sich nach England gewandt haben. Das hat ihn fast noch am meisten getroffen. Außerdem hat der Idiot es verstanden, ganz beträchtliche Summen auf Balailoffs Namen zu erheben und sie mitzunehmen. Sonst wäre es ja eigentlich nicht zu bedauern, daß die beiden spurlos verschwunden sind. Es ist viel gemütlicher ohne sie.

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