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Der Geldkomplex

Franziska zu Reventlow: Der Geldkomplex - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Selbstmordverein
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1991
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00471-3
titleDer Geldkomplex
pages7-92
created20011202
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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10

Teufel... der alte Herr hat uns aufs Pflichtteil gesetzt!

Auf den Gedanken war überhaupt noch keiner von uns gekommen, aber ich sehe, auch Erben gehört zu den Sachen, die man erst lernen muß.

Das Telegramm kam, als wir gerade einmütig auf der Terrasse saßen... Henry ist auch wieder da.

Ich behaupte ja glücklicherweise bei schlechten Nachrichten meine Haltung immer besser als bei guten, und es ist draußen so heiß, daß man sich nicht auf Emotionen einlassen kann. Immerhin fühlte ich mich doch unangenehm berührt und gab die Depesche gleich an Lukas weiter. Der sprang trotz aller Hitze auf und ging wie ein zorniger Löwe hin und her. Ja, er war beinahe gereizt gegen mich, weil seine Ratschläge mit dem festgelegten Kapital jetzt definitiv vereitelt sind und ich nicht umhinkonnte, wenigstens über diesen Umstand ein wenig zu triumphieren. Dann aber war er schamlos genug zu sagen, in diesem Falle müsse ich mir unbedingt eine Leibrente kaufen, um doch wenigstens irgendwie gesichert zu sein.

«Pfui, nein... das bloße Wort...» Baumann lächelte. «Sie wissen, lieber Doktor, ich leide überhaupt an Wortidiosynkrasien... Leibrente klingt mir nach Leibweh, Leibbinde, Kamillentee, alten Tanten... es hat etwas durchaus Degradierendes.»

«Diese Wortidiosynkrasie fügt sich dem Geldkomplex vollkommen ein. Vermutlich fühlten Sie sich als Kind degradiert und eingeengt, wenn man Sie mit einer Leibbinde und Kamillentee, womöglich noch unter Obhut einer alten Tante, ins Bett steckte... Aus dieser Erinnerung heraus machen Sie nun eine Ideenassoziation mit dem Wort Leibrente, um das eingeengte Dasein, was eine solche bieten würde, abzulehnen.»

«Sie fangen an mich zu überzeugen.»

«Und ich fühle immer weniger Veranlassung, für Ihre Lehre Propaganda zu machen», warf Lukas wütend hin.

«Ich spreche als Psychiater und nicht als Moralist.»

«Tue ich das etwa?» Und sie gerieten sich ein wenig in die Haare, weil keiner Moralist sein wollte.

Henry hatte seine stille Freude daran und meinte, als sie ausgetobt hatten, es sei doch unvorsichtig gewesen, den alten Herrn so lange im Bahnhof stehenzulassen. Ich mußte dem widersprechen, denn das Testament hat er jedenfalls schon vorher gemacht, und ein postumer Fluch, wenn er auch noch so kräftig war, konnte nichts mehr daran ändern. Und nachdem man diese Schändlichkeit erfahren hat, lag wirklich kein Grund zu übertriebener Rücksichtnahme mehr vor. All unser Takt ist verschwendet gewesen.

Sodann erwogen wir ohne jede innere Überzeugung, ob das Testament am Ende gefälscht, unterschoben oder irgend etwas Ähnliches sein könnte. Und alle rieten, es doch auf jeden Fall anzufechten. Dann könne ich wenigstens meinen Rechtsbeistand beschäftigen. Ich will es mir immerhin überlegen.

Balailoff hatte, da lebhaft durcheinander geredet wurde, nur die Hälfte, und auch die falsch verstanden. Er meinte entschieden, es handle sich um ein besonders frohes Ereignis, und schlug vor, es zu begießen. Folglich brach man auf, begab sich ins Bureau und begoß dort gleich alles miteinander, das Pflichtteil, Henrys Erfolge in Rußland und die Zukunft im allgemeinen. Das Petroleumunternehmen hat er inzwischen tatsächlich in die Wege geleitet und sagte mir im Vertrauen, es sei eine der besten Sachen, die er jemals an der Hand gehabt habe, wenn sie so ausschlüge, wie man mit gutem Recht annehmen könne. Ganze Berge von Zeichnungen und Schriftstücken hat er mitgebracht, die sie nun mit Enthusiasmus zusammen durchsehen und bereden. Dafür hat er den Sekretär als Aufseher dort gelassen, womit Balailoff nicht ganz einverstanden war, und Gottfried ist dageblieben, um wiederum den Sekretär zu beaufsichtigen.

Das Bureau hat allmählich etwas Heimatliches bekommen, das uns allen wohltut, einige gemütliche Stühle, der Goldfluß auf seinem schwarzen Postament, auf der einen Seite des ungeheuren Schreibtisches die Gläser und Flaschen, die man zum «Begießen» braucht, an der anderen Henry und Balailoff vor ihren Papieren... In unsere gedämpfte Unterhaltung fallen Bruchstücke der ihren hinein wie: Dividenden ausschütten... Gewinn- und Verlustkonto... Reservefonds...

Baumann examiniert mich ein wenig über die Wirkung dieser letzten Nachricht. Ich möchte ihm so gerne interessantes Material darüber liefern, kann aber nur sagen, daß es mich zu meiner eigenen Verwunderung ziemlich kalt läßt. Viel oder wenig, ich will nur endlich einmal Geld sehen, momentanes Geld, das wirklich da ist. Vielleicht bin ich mit dem Pflichtteil sogar besser dran, weil es für ein Existenzprogramm eben doch wieder nicht langt und das Rechnen und Kopfzerbrechen ganz zwecklos sein würde.

Andererseits bestätigt sich wieder einmal meine Ahnung, daß es, das Geld, nichts mehr mit mir zu tun haben will. Die Tatsachen reden deutlich genug... von einer Art Kapital ist es erst um ein Viertel zurückgegangen, dann auf Pflichtteil. Was kann nun noch kommen? Vielleicht verwandelt es sich aus Rubeln in Kopeken und aus Kopeken in Sand und Steine.

«Und vielleicht gelänge es Ihnen dann eher, aus Sand und Steinen eine wirtschaftliche Basis zu schaffen», sagte Lukas niederträchtig, «denn es möchte das umgekehrte Wunder bewirkt werden, daß Ihr Wille endlich einmal wach würde. Denken Sie nur einmal an die ungeheure Anzahl von Mädchen und Frauen, die mitten im Berufsleben stehen und sich ihr Brot selbst verdienen, anstatt darüber zu philosophieren, daß und warum sie kein Vermögen haben.»

«Der Beruf der Frau ist in erster Linie Gattin und Mutter», erklärte ich nicht ohne Pathos, «und dem bin ich nach besten Kräften nachgekommen. Ich bin nun schon zum zweitenmal verheiratet und habe ein Kind aus erster Ehe. Es ist vorläufig bei Bekannten untergebracht, bis meine Geldverhältnisse sich wieder etwas gelichtet haben. Aber alles das wollen Sie natürlich nicht als soziale Leistung anerkennen, sondern denken lieber darüber nach, wie Sie mir zu irgendeiner entsetzlichen Stellung im Berufsleben verhelfen könnten. Ich habe den größten Respekt vor jenen Mädchen und Frauen, die sich selbst durchbringen, wenngleich ich es für eine bedauerliche Verirrung der Vorsehung halte, daß sie dazu gezwungen sind. Sie sind überhaupt der ungerechteste Mensch, der mir jemals begegnet ist, sonst müßten Sie doch zugeben, daß ich das wirtschaftliche Problem auf meine Weise auch gelöst habe... Ich hatte nie ein festes Einkommen, nie einen bestimmten Beruf, sondern nur vorübergehende Tätigkeiten, bei denen nicht viel herauskam, und doch habe ich eine ganze Reihe von Jahren ‹existiert›, vielleicht sogar besser und angenehmer gelebt wie manche andere mitsamt ihrem Beruf»

«Das Endresultat war aber doch...»

«Das kann jedem passieren, das Endresultat steht immer in Gottes Hand. Erinnern Sie sich nur an den Baulöwen.»

«Der Baulöwe war meiner Ansicht nach ein Hochstapler...»

«Aber ein schlechter», sagte Henry vom Schreibtisch herüber mit einem tiefen Seufzer. «Wenn schon, denn schon. Aber er hat konsequent zu tief gestapelt. Ich habe mir alle Mühe gegeben, mit den Gläubigern zusammen seine verkrachte Zementfabrik neu zu gründen, aber nichts zu machen. Die Witwe ist jetzt selbst überzeugt, daß er ein unverbesserlicher Baulöwe war.»

«Dann ist sie wenigstens ihren Komplex los, ohne sich analysieren zu lassen», meinte ich nicht ohne heimlichen Neid.

«Er wird schon wiederkommen, gnädige Frau», antwortete Baumann zuversichtlich.

Henry vertiefte sich wieder in seine Papiere, und ich hoffte vergebens, Lukas sei von seinem Thema abgelenkt.

«So viel glaube ich jetzt doch von Doktor Baumann gelernt zu haben», fuhr er unerbittlich fort. «Sie leisten geradezu Hervorragendes in der Verdrängung alles dessen, was Ihnen nicht paßt. So wollen Sie jetzt wieder das Endresultat Ihrer – Pardon – etwas merkwürdigen wirtschaftlichen Betätigung mit allgemeinen Redensarten beiseite schieben. Das Endresultat war eben doch, daß Sie – abermals Pardon, gnädige Frau – vollständig am Ende Ihrer Weisheit und Ihrer ökonomischen Möglichkeiten angelangt waren... Wäre der alte Herr nicht gestorben...»

«Er ist aber doch gestorben, und ich führe hier ein ganz annehmbares Leben, ja, ich hatte schon lange nicht mehr in diesem Maß das Gefühl einer geordneten Existenz. Meine Gläubiger wissen nicht, wo ich bin, man kann mir nichts mehr nehmen, da ich keine eigene Einrichtung mehr besitze. Der Professor wagt nicht, mich hinauszuwerfen, weil sein Guthaben dann zweifellos nie mehr beglichen würde. Er bekümmert sich sogar darum, ob ich gut schlafe, was noch nie ein Gläubiger tat. Man bringt mir morgens den Kaffee ans Bett...»

«Das ist jedenfalls die Hauptsache», sagte er mit bitterem Hohn.

«Es fällt wenigstens sehr ins Gewicht.»

«Und wenn nun eines Tages die rauhe Wirklichkeit wieder an Sie herantritt, das Pflichtteil verbraucht ist...»

«Lassen Sie es doch um Gottes willen erst einmal da sein. Aber so machen Sie es mir mit Ihren wirtschaftlichen Komplexen noch vollends kopfscheu.»

Baumann lächelte beifällig, er hat neulich schon zugegeben, daß Lukas zum mindesten stark «konstelliert» ist.

«Ja, Sie bringen mir sicher Unglück mit Ihrem ewigen Disponieren. Wer weiß, ob Sie mir nicht die ursprüngliche Summe nur dadurch wegdisponiert haben. Ich möchte Sie beinah dafür verantwortlich machen.»

Er fühlte sich doch wohl etwas schuldbewußt und murmelte nur etwas Unwilliges vor sich hin.

Am Schreibtisch zwischen Henry und Balailoff wurden ungeheure Zahlen hin und her gerollt – es hat beinah etwas Weihevolles, dem zuzuhören.

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