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Der Geist der deutschen Klassiker

Ernst von Feuchtersleben: Der Geist der deutschen Klassiker - Kapitel 1
Quellenangabe
typeaphorism
authorErnst Freiherr von Feuchtersleben
titleDer Geist der deutschen Klassiker
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorWilhelm Ruland
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080502
projectid4a03d00d
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Vorwort

Wir haben an Klassiker-Ausgaben keinen Mangel. Wohl aber verwehrt die Hast des Alltags vielzuvielen jene Stunden der Sammlung, wo Geist und Gemüt sich an den Werken der Großen unserer Literatur in beschaulicher Ruhe erheben und stärken möchten. Das ist, wenngleich in geringerm Maße, früher wohl kaum anders gewesen. Und so holte vor sechzig Jahren der feinsinnige Freiherr Ernst von Feuchtersleben, dem wir ein unvergängliches Büchlein über die Diätetik der Seele verdanken, aus den reichen Bergwerken unserer Nationalliteratur die Goldkörner und vereinigte sie zur Bereicherung der Innenkultur seiner Zeitgenossen als Geist deutscher Klassiker in einer Sammlung.

Das gehaltvolle Werk, auf das wir stolz sein sollten, ist im Buchhandel längst vergriffen, doch darum noch immer lesenswert. In der Unrast unseres Erwerbslebens, da eine um sich greifende seelische Verflachung unverkennbar das deutsche Wesen bedroht, sollten wir uns häufiger der bedeutenden Männer der Vergangenheit erinnern, deren unerschütterlicher Glaube an die Höherbildung unserer Nation ebenso von einer tiefen Liebe zu allem Menschlichen wie von Ehrfurcht vor dem Sittlichen und Göttlichen beseelt war. Mochte die Größe ihrer Persönlichkeit der Vergänglichkeit unterliegen, sie haben unsere Denk- und Gefühlswelt mit Wahrheiten bereichert, die für alle Zeiten gültig sind.

Allerdings ist das heutige Geschlecht geneigt, jene mit höchstens zwei Ausnahmen als entthronte Geistesfürsten zu betrachten, deren Schriften wieder vorzunehmen weder Genuß noch Gewinn verspricht. Sehr mit Unrecht. Immerhin war ohne gewisse Kürzungen eine Neuausgabe des umfangreichen Werkes nicht ratsam. Zunächst mußte, ohne Wert und Wesen der Sammlung zu beeinträchtigen, auf einzelne Geister von minderm parnassischen Adel verzichtet werden. Bei den verbleibenden waltete sodann dort, wo die Gedanken weniger in die Tiefe als in die Breite gingen, der Redaktionsstift emsig seines Amtes. Gewissenhaft ließ ich es mir angelegen sein, daß dieses Schatzkästlein in seiner verjüngten Gestalt nur echtes Gold biete, das als edles Metall nie seinen Wert verliert. Es bleibt auch nach den erheblichen Streichungen immer noch ein Werk von stärkster Gedankenfülle. So darf diese Neuausgabe wohl den Büchern beigezahlt werden, zu denen man immer wieder greift. Namentlich jene Hungrigen im Geist, denen nur knapp bemessene Feierstunden zugewiesen sind, werden seinen bleibenden Wert empfinden. Ihnen und allen, die eine Tiefe des Lebens anerkennen, vermag sie die Seele mit schöpferischen Kräften zu speisen. Möge daher der lebendige, weitblickende Geist unserer Klassiker, auch dort, wo er uns altväterlich anmutet, mit seinem kräftigen Optimismus die Jugend wie das Alter zu gleicher Lebensauffassung erziehen und umwandeln, damit sie in den geistigen Nöten der Gegenwart sich auf die Kräfte unseres Volkes besinnen und den Glauben an dieses bewahren.

Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, ist der unabwendbare Weltkrieg über uns hereingebrochen. Was ist das beispiellose Völkerringen anders als der Daseinskampf des deutschen Geistes gegen die Geister des Neides und des Hasses, die Deutschlands Zerstückelung und wirtschaftliche Verarmung als ausgesprochenes Endziel zusammengeführt hat! Fragt man uns aber, was deutscher Geist sei, so antworten wir: Alles, was deutsche Kraft geschaffen und deutscher Wille geleistet hat, die eiserne Heldenkraft unserer Heere gegen die ungeheure Übermacht und die heldenhafte Ausdauer unseres Volkes unter schweren Entbehrungen – das ist uns zum Ausdruck des deutschen Geistes geworden, der sich zum Staunen der Welt in ungebeugter Kraft bewährt.

Aber deutscher Geist, das sind auch jene, die diese gewaltige Gegenwart mit der Vergangenheit in Verbindung bringen. Der feste Glaube, daß wir dem Ansturm übermächtiger Gegner nicht erliegen können und dürfen, das sind die geistigen Waffen unserer unvergleichlichen Krieger geworden. Unsere Dichter und Denker wurden eine stattliche Armee der Geister, die vor ihnen einhergeschritten sind. Unsere Klassiker des Denkens, die uns zur Höhe unserer Kultur emporgeführt haben, waren nie so lebendig wie heute. Und die Stimmen aus deutscher Vergangenheit – uns zur Ehre, den andern zur Lehre – haben nie ein höheres Anrecht besessen, gehört zu werden als in diesen schicksalsschweren Tagen.

Wilhelm Ruland

Glückselige Zeiten, als der Tugendhafteste der Gelehrteste war, als alle Weisheit in kurzen Lebensregeln bestand.
Lessing

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