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Der Geheimnisvolle

Ludwig Tieck: Der Geheimnisvolle - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorLudwig Tieck
booktitleTiecks Werke   Zweiter Band
titleDer Geheimnisvolle
publisherLeipzig und Wien. Bibliographisches Institut
seriesTiecks Werke
volumeZweiter Band
editorLudwig Klee
firstpub1822
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090406
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Einleitung des Herausgebers

In demselben Jahre wie »Die Gemälde« (1821) entstand auch Tiecks zweite Novelle: »Der Geheimnisvolle«, die zuerst in dem von Ferdinand Philippi herausgegebenen Dresdener »Merkur« für 1822 Dresden, bei Hilscher. erschien. Sie beginnt in Nr. 1 und schließt in Nr. 25, in der Zeit vom 3. Januar bis 28. Februar. Nach Köpkes chronologischem Verzeichnis wäre sie erst 1823 nach der »Verlobung«, den »Reisenden« und den »Musikalischen Leiden und Freuden« geschrieben und demnach den Novellen an fünfter Stelle einzureihen, eine Angabe, die auf einem Irrtum beruht: wie sich aus der Erscheinungszeit der betreffenden Nummern des »Merkurs« ergibt, muß »Der Geheimnisvolle« schon im Spätjahr 1821 verfaßt worden sein; »Die Reisenden« fallen in die Zeit von April bis nach Pfingsten 1822. Vgl. Malsburg in den »Briefen an Tieck«, Bd. 2, S. 308   310. »Die Verlobung« ist auch 1822, aber nach (nicht vor, wie Köpke angibt) den »Reisenden« geschrieben. Vgl. »Briefe an Tieck«, Bd. 2, S. 318. Im Einzeldruck erschien »Der Geheimnisvolle« 1823; Dresden, bei Hilscher. in den »Schriften« steht er im 14. Bande (1829), in den »Gesammelten Novellen« im ersten (1852). Sehr bald wurde er ins Dänische übersetzt. Vgl. »Briefe an Tieck, Bd. 3, S. 9.

Wie Steffens »Was ich erlebte«, Bd. 5, S. 202 ff. erzählt, erschien im Jahre 1804 eine Schrift unter dem Titel: »Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Konsulat«. »Sie enthielt eine überaus kühne und in ihrer Art schlagende Auseinandersetzung der macchiavellistischen Künste, die Napoleon angewandt hatte, um die höchste Gewalt zu erringen, und setzte eine äußerst genaue Kenntnis der innern Verhältnisse voraus. Die Schrift erschien anonym, mit dem Druckort ›Germanien‹ und erregte eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit; der Verleger war Hoffmann in Hamburg. In England fand diese Schrift so viel Beifall, daß ein deutscher Buchhändler sich mit der englischen Übersetzung in London niederließ. Es erschienen dort schnell hintereinander sieben Auflagen. Diese Schrift ward Johann Friedrich Reichardt (dessen zweite Gattin bekanntlich eine ältere Schwester von Tiecks Frau war) zugeschrieben, und der im höchsten Grade erbitterte Napoleon forderte seine Bestrafung. Nachdem diese Forderung sich wiederholt hatte, entging Reichardt nur dadurch einer für ihn gefährlichen Untersuchung, daß der Staatskanzler Graf Hardenberg erklärte, er wisse, daß Reichardt nicht der Verfasser sei.« Der eigentliche Urheber der Schrift war der Graf Gustav von Schlabrendorf (1750-1824), der Reichardt 1802 in Paris die Materialien anvertraut hatte. »Aber obgleich Reichardt nach seiner Gewohnheit und nach der Leichtfertigkeit, mit der er überhaupt zu schriftstellern pflegte, ganze Stellen unverändert hatte abdrucken lassen, so war er doch nicht allein der Herausgeber, sondern auch Bearbeiter des ihm mitgeteilten Materials. Die letzte Hälfte der Schrift ist vollkommen auf seine Weise geschrieben.« Napoleon maß der Versicherung des Staatskanzlers keinen Glauben bei, und Reichardt, um der drohenden Gefahr zu entgehen, entwich   ein bedenklicher Schritt!   mit seiner Familie aus Halle, gleich nach der Schlacht bei Jena (14. Oktober 1806).

Dies ist der historische Keim, aus dem Tiecks Novelle »Der Geheimnisvolle« erwachsen ist, eine Erzählung, die, wie zur Beleuchtung der damaligen Kritik erwähnt sei, ein Rezensent der »Allgemeinen Litteraturzeitung« »langweilig, flach und nichtssagend« fand, »wie hundert andre Fabrikgeschichten für Tageblätter«. Die Novelle, deren letztem, Drittel man an dem dramatisch belebten Vortrag noch anmerkt, daß Tieck den Stoff anfangs als Lustspiel zu gestalten vorhatte, Tieck »Schriften«, Bd. II, S, LXXXIV. darf in Wahrheit für ein kleines Meisterstück erklärt werden. In ihr handelt es sich nicht darum, eine vorübergehende Thorheit, die, vergänglich, bloß dem oder jenem Zeitalter angehört, zu geißeln, sondern einen sittlichen Schaden bloßzulegen, an dem die ganze moderne Kulturwelt krankt. Ein ernstes, tiefgegriffenes Problem, die Verderblichkeit der Lüge nachzuweisen, wird in geistvoller, fesselnder Weise durchgeführt. Der Held der Erzählung ist durch Eitelkeit und Hang zur Geheimniskrämerei so tief in die Schlingen der Unwahrheit verstrickt, daß er trotz der Erkenntnis seiner eignen Verächtlichkeit die Kraft nicht mehr hat, noch zur rechten Zeit der Wahrheit die Ehre zu geben, und dadurch die schwerste Gefahr für sein Leben heraufbeschwört. Mit bitterer Ironie läßt der Dichter den verlogenen Kronenberg, dem er keine Demütigung erspart, bei andern die Fehler der Lügenhaftigkeit aufs treffendste tadeln und sich dabei, ohne es zu wissen, sein Schicksal voraussagen. Die didaktische Absicht des Verfassers tritt klar und doch nicht störend hervor; ein schöner sittlicher Ernst und eine sein abgestufte Charakteristik heben die Novelle weit über das Niveau einiger stofflich nahe verwandter Straußfederngeschichten, um von der vornehmen Haltung des Vortrags und der überlegenen Ironie, die wie ein seiner geistiger Duft über dem Ganzen schwebt, völlig zu schweigen. Einer Reihe von Personen, die mehr oder weniger der oder jener Spielart der Lüge ergeben sind, steht freilich, von der sympathischen Erscheinung der Cäcilie und einigen Nebenpersonen abgesehen, nur ein unerschrockener und begeisterter Vertreter der Wahrheit gegenüber, der junge, edle Emmerich, dessen patriotische Auslassungen von tiefem und echtem Pathos getragen sind. Wenn es einem Leser fraglich sein sollte, ob Emmerichs Gefühle und politische Überzeugungen im Grunde die des Dichters selbst seien, so werden ihm folgende Stellen, die mir hier mitzuteilen für passend halten, diesen Zweifel benehmen. Vom 31. Mai 1821 berichtet Karl Förster »Biographische und litterarische Skizzen«, S. 209. über Tieck: »Mit tief empfundenem Unwillen gedenkt er der Napoleonischen Unterdrückung, mit Jünglingswärme spricht er von der Begeisterung, welche Deutschland aus dem Scheintode erweckte, und in den Hoffnungen wie in den Befürchtungen, die er der Zukunft zuteilt, liegen die edlen und geläuterten Gesinnungen eines Mannes, der über Großes zu denken gewohnt ist.« Vier Jahre früher schrieb Tieck: An Solger, 26. Juli 1817; Solgers »Nachgelassene Schriften und Briefwechsel«, Bd. 1, S. 353. »Wie glücklich sind wir, daß wir als Deutsche geboren sind und in Deutschland leben: der wahre Geist, Freiheit und Gemüt ist nur bei uns zu finden.« Der gleiche Sinn spricht aus den trüben Worten, die er am 1. April 1816 an denselben Freund richtete Ebenda, S. 392 f. »Mit dem politischen Vaterland« hatten wir längst auch das geistige verloren und ... vielleicht muß es so sein ... damit mir im vollen Sinne, im Guten und Bösen, Deutsche bleiben können. Sie sehen hier meine Hypochondrie, die doch eins mit meinem Aberglauben ist und die mich seit 20 Jahren dahin bringt, den Verächtern der Deutschen als ein Enthusiast und fanatischer Germane, und den leeren vaterländischen Sanguinikern und blinden Patrioten, den wahren blinden Hessen, als ein kalter unentschlossener Mensch zu erscheinen, der nicht fähig ist, der guten Sache beizutreten. So stehe ich seit 1806 in meinem Hasse gegen die Franzosen und in meiner Vorliebe für Deutschland sehr einzeln, weil ich mich den Unruhigen nie habe deutlich machen können.« Er durfte sich den Maulpatrioten gegenüber rühmen: An Solger, 1. Februar 1813; Solgers »Nachgelassene Schriften und Briefwechsel«, Bd. 1, S. 269. »Hab' ich doch fast zuerst mit Liebe von der deutschen Zeit gesprochen, als die meisten noch gar nicht an ihr Vaterland dachten oder es schalten.« Wie tief das dichterische Gefühl bei ihm im vaterländischen wurzelte, bei ihm, der außer dem schönen Sonett »An Stella« und etwa noch den Versen »An einen Liebenden, Frühling 1814« nie ein »patriotisches« Gedicht geschrieben, beweist der Ausruf: »Ohne Vaterland kein Dichter! Sich von diesem losreißen wollen, heißt die Musen verleugnen!« An Solger, 16. Dezember 1816; ebenda, S. 488. Und dieser »wahren und wackern Gesinnung« (Hettner) ist Tieck sein lebenlang treu geblieben. Wie Emmerich im »Geheimnisvollen«, so spricht der »Schreiber« (Shakespeare) im »Dichterleben« nichts andres als des Dichters innerste Überzeugung aus, die schöne Überzeugung, der er noch am Ende seines Lebens Köpke, »Ludwig Tieck«, Bd. 2, S. 247. den herrschenden kosmopolitischen Ideen gegenüber den kräftigen Ausdruck verlieh: »Immerdar habe ich das wirkliche Vaterland für das Erste und Nächste gehalten, auf das der Mensch angewiesen sei und an das er sich halten müsse.«

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