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Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
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VIII

Frau Verlocs Mutter hatte durch unermüdliche Behelligung verschiedener konzessionierter Gastwirte (ehemaliger Bekannter ihres armen Seligen), deren zunächst kühle Anteilnahme bis zu einem gewissen Grad erhitzt und so ihre Aufnahme in ein Altersheim durchgesetzt, das von einem vermögenden Gastwirt für die notleidenden Witwen seiner Zunftgenossen gestiftet worden war.

Diesen Plan hatte sie aus bedrängtem Herzen gefaßt und insgeheim mit aller Entschlossenheit verfolgt. Zu dieser Zeit geschah es, daß ihre Tochter Winnie sich nicht enthalten konnte, Herrn Verloc gegenüber eine Bemerkung fallen zu lassen, daß »Mutter während der letzten Woche fast täglich halbe Kronen und Fünf-Schillingstücke für Droschken ausgegeben« habe. Die Bemerkung war jedoch ohne Bitterkeit gemacht. Winnie achtete die Schwächen ihrer Mutter. Sie war nur ein wenig überrascht von diesem plötzlichen Bewegungswahnsinn. Herr Verloc, dem es nicht an einer gewissen Großartigkeit fehlte, hatte die Worte knurrend zurückgewiesen, da sie ihn in seinen Betrachtungen störten. Diese Betrachtungen waren tiefsinnig und langwierig und drehten sich um einen Gegenstand von größerer Wichtigkeit als fünf Schillinge. Von wesentlich größerer Wichtigkeit, und unvergleichlich viel schwieriger für die philosophische Durchdringung.

Sobald sie nach schlauer Geheimnistuerei ihr Ziel erreicht hatte, redete sich die alte Frau ihrer Tochter gegenüber die ganze Sache vom Herzen. Ihre Seele frohlockte, doch ihr Herz bangte. Sie zitterte innerlich, da sie die ruhige, selbstbeherrschte Art ihrer Tochter Winnie fürchtete und bewunderte, die ihrem Mißfallen in vielerlei Abstufungen drückenden Schweigens Ausdruck zu geben verstand. Immerhin gestattete sie diesen stummen Ängsten nicht, das ehrwürdige Übergewicht zu beeinträchtigen, das ihrer äußeren Erscheinung durch dreifaches Kinn, die fließende Üppigkeit ihrer altmodischen Formen und den trostlosen Zustand ihrer Beine verliehen wurde.

Die Nachricht kam so unerwartet, daß Frau Verloc, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit bei einer Anrede, die Hausarbeit unterbrach. Sie staubte die Einrichtung im Wohnzimmer hinter dem Laden ab. Nun wandte sie sich ihrer Mutter zu: »Was in aller Welt wollen Sie nur damit?« rief sie in entrüsteter Verwunderung.

Der Schlag mußte hart gewesen sein, um sie von dem unbeteiligten Gleichmut vor fertigen Tatsachen abzubringen, der im Leben ihre Stärke und ihr Schutz war.

»Hatten Sie's hier nicht bequem genug?« Sie hatte sich zu dieser Frage verleiten lassen, gewann aber im nächsten Augenblick ihre Haltung wieder und fuhr mit dem Abstauben fort, während die alte Frau in dumpfem Kummer dasaß, mit ihrer staubigen weißen Haube und der glanzlosen schwarzen Perücke.

Winnie war mit dem Stuhl fertig und führte nun den Wischer über die Mahagonirückwand des Roßhaarsofas, auf dem Herr Verloc in Hut und Überrock sich der Ruhe zu ergeben liebte. Sie war ganz bei ihrer Arbeit, gestattete sich aber doch noch eine Frage:

»Wie haben Sie das nur fertig gebracht, Mutter?«

Diese Neugier war entschuldbar, da sie sich nicht auf die Innenseite der Dinge bezog, die Frau Verloc grundsätzlich übersah. Die Frage bezog sich lediglich auf die Methoden. Die alte Frau griff sie freudig auf, da dadurch ein Gegenstand berührt wurde, den man ganz aufrichtig besprechen konnte.

Sie beehrte ihre Tochter mit einer erschöpfenden Antwort, voll von Namen, und mit Randbemerkungen geschmückt über die Schäden der Zeit, wie sie an menschlichen Gesichtern zu beobachten waren. Die Namen waren größtenteils die konzessionierter Gastwirte – »des armen Papas Freunde, meine Liebe«. Mit besonderer Wärme verbreitete sie sich über die gütige Herablassung eines großen Brauers, eines Barons und Mitglieds des Parlaments, des Vorsitzenden des Stiftungsausschusses. Diese Wärme rührte daher, daß es ihr vergönnt worden war, auf Verabredung mit seinem Privatsekretär zusammenzutreffen – »ein sehr höflicher Gentleman, ganz in Schwarz, mit angenehmer trauriger Stimme, aber so sehr, sehr mager und ruhig. Er war wie ein Schatten, meine Liebe.«

Winnie fuhr mit dem Abstauben fort, bis die Geschichte zu Ende erzählt war, und ging dann aus dem Wohnzimmer in die Küche hinunter (über zwei Stufen), in ihrer gewöhnlichen Art, ohne jede Entgegnung.

Frau Verlocs Mutter vergoß einige Tränen, zum Zeichen der Freude über ihrer Tochter Gleichmut in dieser furchtbaren Sache und ließ dann ihrer Schlauheit freies Spiel in Bezug auf die Einrichtung, die ja ihr gehörte; manchmal wünschte sie, es wäre nicht der Fall gewesen. Heldentum ist gut und schön, doch gibt es Umstände, unter denen die Verfügung über ein paar Tische und Stühle, Messingbett usf. weitergehende, unheilvolle Folgen nach sich ziehen kann. Sie brauchte einige Stücke für sich selbst, denn die Stiftung, die sie nach vielem Quängeln an ihre barmherzige Brust genommen hatte, gab den Opfern ihrer Wohltätigkeit nichts, als den blanken Fußboden und die schlecht tapezierten Wände. Es blieb unbemerkt, wie feinsinnig sie die wenigst kostbaren und am meisten abgenützten Sachen auswählte, denn Winnies Lebensanschauung verbot ihr, die Innenseite der Geschehnisse zur Kenntnis zu nehmen; sie nahm ohne weiteres an, daß ihre Mutter das ihr am besten Passende wählte. Herrn Verloc aber schlossen seine tiefgründigen Betrachtungen wie eine chinesische Mauer ab von den Ereignissen dieser Welt fruchtloser Mühen und trügerischen Scheins.

Als ihre Wahl getroffen war, bot die Verfügung über den Rest neue Schwierigkeiten. Sie wollte die Sachen in der Brett Street lassen, natürlich, aber sie hatte zwei Kinder. Winnie war versorgt durch die Verbindung mit dem ausgezeichneten Gatten, Herrn Verloc. Stevie war verlassen – und ein wenig eigen. Seine Stellung mußte vor gesetzlichem Zugriff und vor jeder Parteilichkeit geschützt werden. Der Besitz der Einrichtung war keineswegs eine Versorgung. Er sollte sie haben – der arme Junge. Eine Schenkung aber mußte den Eindruck erwecken, als sollte an seiner völligen Abhängigkeit gerüttelt werden. Sie fürchtete damit eine Art von Forderung zu begründen. Vielleicht würde es Herrn Verloc auch sein Feingefühl verbieten, seinem Schwager für die Stühle, auf denen er saß, verpflichtet zu sein. Durch ihre langen Erfahrungen mit Mietern war Frau Verlocs Mutter zu einer betrüblichen, aber entsagungsvollen Auffassung von den phantastischen Seiten der menschlichen Natur gelangt. Wie denn, wenn Herr Verloc plötzlich auf den Einfall käme, Stevie zu sagen, daß er sich für sein Gerümpel einen anderen Unterschlupf suchen sollte? Andererseits konnte eine Teilung, und wäre sie noch so sorgfältig vorgenommen, Winnie leicht Anlaß zur Kränkung geben. Nein. Stevie mußte verlassen und abhängig bleiben. Und im Augenblick, als sie die Brett Street verließ, hatte sie zu ihrer Tochter gesagt: »Unnötig, zu warten, bis ich tot bin, nicht wahr? Alles, was ich hierlasse, gehört nun dir, meine Liebe.«

Winnie hatte schon den Hut auf, stand schweigend hinter ihrer Mutter und fuhr fort, an dem Mantelkragen der alten Frau herumzurichten. Sie nahm ihre Handtasche und ihren Regenschirm mit unbewegtem Gesicht auf. Die Stunde war gekommen, um für die voraussichtlich wohl letzte Droschkenfahrt im Leben von Frau Verlocs Mutter die Summe von dreieinhalb Schilling auszugeben. Sie trat aus der Ladentür.

Das Gefährt, das sie draußen erwartete, hätte als Beweis für die Richtigkeit des Sprichworts dienen können, daß »Wahrheit grausamer sein kann als Karikatur« – wenn es ein solches Sprichwort gäbe. Hinter einem bresthaften Gaul rollte auf ausgeleierten Rädern ein elender Wagen daher, mit einem nicht minder bresthaften Kutscher auf dem Bock. Dieser letztere Umstand hätte fast zu Verwicklungen geführt. Als Frau Verlocs Mutter sah, daß aus dem linken Rockärmel des Mannes statt eines Armes ein eiserner Haken hervorragte, da verflog plötzlich der Mut, den sie alle die Tage her durchgehalten hatte. Sie war ihrer selbst nicht mehr sicher. »Was meinst du, Winnie?« Sie zögerte. Die leidenschaftlichen Ausführungen des Kutschers schienen aus gedrosselter Kehle herausgequetscht. Er bog sich von seinem Sitz herunter und ließ ein Flüstern rätselhafter Entrüstung hören. Was gab es nun? Durfte man einen Mann so behandeln? Sein großes schmutziges Gesicht flammte rot durch das Düster der Gasse. Hätten sie ihm vielleicht eine Fahrterlaubnis gegeben, forschte er verzweifelt, wenn er nicht –

Der diensthabende Schutzmann beruhigte ihn durch einen freundlichen Blick; dann wandte er sich ohne sonderliche Hochachtung an die beiden Frauen und sagte:

»Er fährt nun seine Droschke seit zwanzig Jahren. Ich wüßte nicht, daß er je einen Unfall gehabt hätte.«

»Unfall!« zischte der Kutscher empört.

Das Zeugnis des Schutzmanns legte die Sache bei. Die bescheidene Zusammenrottung von sieben Leuten, meist unmündigen Alters, verlief sich. Winnie folgte ihrer Mutter in das Cab; Stevie kletterte auf den Kutschersitz. Sein offenstehender Mund und der leere Blick deuteten den Gemütszustand an, in den ihn der Gang der Ereignisse versetzt hatte. In der engen Gasse merkten die innen Sitzenden an dem Vorbeigleiten der nahen Häuserfronten und an dem Rasseln und Glasklirren, als ob alles hinter ihnen zusammenstürzte, daß die Reise weiterging. Das bresthafte Pferd, dem das Geschirr am dürren Gerippe klapperte, schien zimperlich auf den Zehenspitzen mit unendlicher Geduld hinzutänzeln. Später, in dem freieren Raum von Whitehall, hörten alle sichtbaren Zeichen von Fortbewegung auf; das Rasseln und Klirren klang an der Stirnseite des Schatzamtes hin – und die Zeit selbst schien stillezustehen.

Schließlich bemerkte Winnie: »Das ist kein sehr gutes Pferd.«

Durch das Dunkel des Wageninneren blickte ihr Auge starr und glänzend geradeaus. Oben auf dem Kutschersitz schloß Stevie seinen schlaffen Mund zuerst und sagte dann eindringlich: »Nicht!«

Der Kutscher hielt die Zügel hoch, die er um den Eisenhaken gewunden hatte, und hörte nicht darauf. Vielleicht auch hatte er wirklich nichts gehört. Stevie atmete schwer.

»Laß die Peitsche!«

Der Mann wandte langsam sein Gesicht, das aufgedunsen, abgebrüht und vielfarbig war, mit weißen Haarstoppeln bestanden. Seine kleinen entzündeten Augen glitzerten vor Feuchtigkeit; seine dicken Lippen erschienen violett. Sie blieben geschlossen. Mit dem schmutzigen Rücken der Peitschenhand rieb er sich die Stoppeln an dem wuchtigen Kinn.

»Du sollst nicht«, stammelte Stevie aufgeregt. »Es tut weh.«

»Keine Peitsche?« zischelte der andere gedankenvoll und schlug unmittelbar zu. Das tat er nicht, weil seine Seele grausam und sein Herz böse waren, sondern weil er sich den Fuhrlohn verdienen wollte. Und eine Zeitlang blickten die Mauern von St. Stephan mit ihren Türmen und Zinnen in unbeweglichem Schweigen auf eine rasselnde Droschke herab. Sie rollte immerhin noch vorwärts. Doch auf der Brücke gab es eine Aufregung. Stevie schickte sich plötzlich an, vom Bock herunterzuklettern. Auf dem Bürgersteig wurde geschrien, Leute liefen herzu, der Kutscher hielt an und flüsterte Flüche, empört und verständnislos. Winnie steckte den Kopf durch das herabgelassene Fenster, weiß wie ein Gespenst. Aus den Tiefen der Droschke hörte man ihre Mutter in Tönen der Herzensangst ausrufen: »Ist der Junge verletzt? Ist der Junge verletzt?«

Stevie war nicht verletzt, er war nicht einmal hingefallen, aber wie gewöhnlich hatte ihn die Erregung der zusammenhängenden Sprache beraubt. Er konnte nur zum Fenster hin stammeln: »Zu schwer, zu schwer.« Winnie legte ihm die Hände auf die Schulter.

»Stevie, steig augenblicklich auf den Bock und versuche nicht noch einmal herunterzukommen.«

»Nein, nein! Gehen! Muß gehen.« Beim Versuch, den Grund für dieses Muß zu erklären, verlor sich sein Stammeln ins Sinnlose. Die Erfüllung seines Wunsches war tatsächlich nicht unmöglich. Stevie hätte leicht mit dem bresthaften Gaul Schritt halten können, ohne außer Atem zu kommen. Seine Schwester aber versagte mit aller Bestimmtheit die Erlaubnis. »Was für ein Einfall! Ob man so was schon gehört hat! Einem Cab nachlaufen!« Ihre Mutter flehte beschwörend aus dem Wageninnern, in hilflosem Schreck:

»Oh, laß ihn nicht, Winnie, er wird verloren gehen! Erlaube es ihm nicht!«

»Gewiß nicht. Was denn noch! Herr Verloc wird sehr traurig sein, wenn er von diesem Unsinn hört, Stevie, – das kann ich dir sagen. Er wird sich gar nicht freuen!« Der Gedanke an Herrn Verlocs Kummer und seine Freudlosigkeit hatte wie gewöhnlich die stärkste Wirkung auf Stevies im Grunde gelehrige Sinnesart. Er gab jeden Widerspruch auf und kletterte mit verzweifeltem Gesicht wieder auf den Bock hinauf.

Der Kutscher wandte ihm drohend sein ungeheures rotes Gesicht zu: »Fang mir die Dummheit nicht noch einmal an, mein Junge!«

Nachdem er sich so in gepreßtem, fast ersticktem Flüsterton verlautbart hatte, fuhr er weiter und grübelte feierlich vor sich hin. Der Sinn des Zwischenfalles blieb ihm verschlossen, doch fehlte es ihm nicht an gesundem Verstand, wenn ihm auch in den langen Jahren, in denen er sich der Unbill der Witterung ausgesetzt hatte, die geistige Beweglichkeit abhandengekommen war. So wies er ernsthaft die Meinung von sich, daß Stevie etwa ein junger Trunkenbold sein könnte.

Im Wageninnern hatte Stevies Empörung den Bann des Schweigens gebrochen, der die beiden Frauen gefangen gehalten hatte, während sie Schulter an Schulter das Rumpeln, Rasseln und Klirren der Fahrt erduldet hatten. Winnie erhob die Stimme:

»Sie haben Ihren Willen gehabt, Mutter. Sie werden sich nun bei sich selbst zu beklagen haben, wenn Sie nachher unglücklich werden. Und das, denke ich, wird wohl kommen. Wirklich. Hatten Sie's bei uns nicht bequem genug? Was sollen nur die Leute von uns denken – wenn Sie jetzt so die Wohltätigkeit in Anspruch nehmen?«

Die alte Frau suchte eindringlich den Lärm zu übertönen: »Meine Liebe, du warst mir die beste Tochter. Und Herr Verloc – nun –«

Da ihr die Worte fehlten, um gebührend Herrn Verlocs Lob zu singen, so wandte sie ihre alten tränenvollen Augen zum Wagendache empor. Dann drehte sie unter dem Vorwand, zum Fenster hinauszusehen, den Kopf, als wollte sie sich von dem Fortschritt der Fahrt überzeugen. Der war unbedeutend und vollzog sich unter steter Berührung mit dem Randstein. Die Nacht, die frühe, trübe Nacht, die düstere, lärmende, hoffnungslose Nacht von Süd-London hatte sie während ihrer letzten Wagenfahrt überfallen. Im Schein der Gaslampen vor den niedrigen Läden glänzte ihre massige Wange orangefarben unter schwarzgelber Haube.

Frau Verlocs Mutter hatte eine gelbe Hautfarbe bekommen, teils durch das Alter und teils durch ihre natürliche Veranlagung zum Gallenfieber, welch letztere durch die vielen Zwischenfälle ihres mühseligen Lebens erst als Frau, dann als Witwe, vertieft worden war. Es war eine Hautfarbe, die beim Erröten deutlich orangen wirkte. Und diese Frau, zwar bescheiden, doch an allerlei Widrigkeiten gestählt, überdies in einem Alter, wo das Rotwerden ungewöhnlich ist, war tatsächlich vor ihrer Tochter errötet. In der Enge einer Droschke, auf dem Weg zu einem Altersheim, das mit seinen spärlichen Ausmaßen und der bescheidenen Einrichtung gerne als eine Vorschule für die noch größere Enge des Grabes bezeichnet werden konnte – hier also sah sie sich gezwungen, vor ihrem eigenen Kinde ein Erröten voll Reue und Scham zu verbergen.

Was würden die Leute denken? Sie wußte es sehr gut, was die Leute dachten, die Winnie im Sinn hatte – die alten Freunde ihres Mannes und auch andere, deren Anteilnahme sie mit so erfreulichem Erfolg zu erwecken bemüht gewesen war. Sie hatte nie zuvor gewußt, wie gut sie sich aufs Betteln verstand. Aber sie war sich völlig im Klaren darüber, welcher Beweggrund ihrer Bewerbung untergeschoben worden war. Das Zartgefühl, das in der männlichen Natur neben aufreizender Rohheit wohnt, hatte eine eingehende Untersuchung ihrer Lebensumstände verboten. Das hatte sie durch ein sichtliches Zusammenpressen der Lippen verhindert, und durch sonstige Anzeichen einer Erregung, die stumm-beredt wirken sollten. Und die Männer hatten plötzlich, nach der Art ihres Geschlechts, alle Neugier verloren. Sie hatte sich selbst öfter als einmal beglückwünscht, daß sie es nicht mit Frauen zu tun gehabt hatte, die, von Natur aus schlauer und begieriger auf Einzelheiten, zweifellos auf genauer Erklärung bestanden hätten, durch welche Lieblosigkeiten ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns sie zu diesem traurigen Schritt gedrängt worden sei. Nur in Gegenwart des Privatsekretärs, der als Vertreter seines Brotgebers, jenes großen Brauers, des Parlamentsmitgliedes und Stiftungsvorsitzenden, sich zu genauen Erkundigungen nach den wahren Verhältnissen der Bittstellerin verpflichtet gefühlt hatte –, nur da war sie in lautes Weinen ausgebrochen, wie eine Frau, die sich in die Enge getrieben sieht. Der magere und höfliche Herr hatte sie eine Weile betrachtet, mit einem Ausdruck, als wäre er »ganz über den Haufen geworfen«, und hatte dann die Aufgabe seines Vorhabens unter einigen tröstlichen Worten verborgen. Sie sollte sich nicht grämen. In den Satzungen sei nicht ausdrücklich von »kinderlosen Witwen« die Rede, sie sei also durchaus nicht als Bewerberin ausgeschlossen. Der Ausschuß müßte aber bei aller Nachsicht doch unterrichtet sein. Es sei leicht begreiflich, daß sie niemand lästig fallen wolle und so weiter, und so fort. Daraufhin hatte Frau Verlocs Mutter, zu seiner größten Enttäuschung, noch heftiger zu weinen begonnen.

Die Tränen dieses massigen Weibes mit der dunklen, staubigen Perücke und dem altmodischen Seidenkleide mit Baumwollspitzen, waren Tränen ehrlichen Kummers. Sie hatte geweint, weil sie heldenmütig, unbekümmert und voll von Liebe war für ihre beiden Kinder. Mädchen werden häufig der Wohlfahrt von Jungen aufgeopfert. In diesem Fall nun opferte sie Winnie. Durch die Unterdrückung der Wahrheit gab sie sie preis. Natürlich, Winnie war ja unabhängig, und die Meinung von Leuten, mit denen sie nie zusammenkommen würde, brauchte sie nicht zu bekümmern; während der arme Stevie in der Welt nichts sein eigen nennen konnte außer dem Heldenmut und der Unbedenklichkeit seiner Mutter.

Das Sicherheitsgefühl, das sie zunächst nach Winnies Verheiratung empfunden hatte, war bald geschwunden (denn nichts währt), und Frau Verlocs Mutter hatte sich in der Abgeschlossenheit ihres Hinterzimmers die bitteren Lehren der Erfahrung vor Augen geführt, die die Welt für eine Witwe bereit hält. Das war aber ohne unnötige Bitterkeit geschehen; das Maß ihrer Entsagung reichte fast an Würde hinan. Sie überlegte kühl, daß alles auf dieser Welt verweht, vergeht; daß man es dem Gütigen leicht machen sollte, gütig zu bleiben; daß ihre Tochter Winnie eine herzlich liebreiche Schwester war und als Frau von größter Selbstbeherrschung. Beim Gedanken an Winnies Schwesterliebe hielt ihre Kühle nicht stand. Sie nahm dieses Gefühl von dem Gesetz der Vergänglichkeit aus, dem alle menschlichen und einige göttlichen Dinge unterworfen waren. Sie konnte nicht anders; das Gegenteil wäre ihr zu schrecklich gewesen. In der Betrachtung der ehelichen Verhältnisse ihrer Tochter aber unterdrückte sie entschlossen alle Neigung zur Schönfärberei. Mit kalter Vernunft sagte sie sich, daß Herrn Verlocs Güte umso länger bestehen bleiben würde, je weniger man sie in Anspruch nähme. Dieser ausgezeichnete Mann liebte seine Frau natürlich, würde es aber zweifellos vorziehen, möglichst wenige ihrer Verwandten bei sich zu behalten, um die Auswirkung dieses Gefühls nicht zu hemmen. Es war besser, wenn diese Wirkung auf den armen Stevie beschränkt blieb, und die heldenmütige alte Frau entschloß sich, von ihren Kindern wegzugehen, aus einem Übermaß an Liebe und Lebensklugheit.

Diese Lebensklugheit gipfelte darin (Frau Verlocs Mutter war gewisser Feinheiten sehr wohl fähig), daß Stevies moralische Ansprüche durch ihren Weggang an Kraft gewinnen mußten. Der arme Junge – ein guter, verwendbarer Junge, wenn auch ein bißchen eigen – hatte keine hinlänglich gefestigte Stellung. Er war zugleich mit seiner Mutter mitgenommen worden, sozusagen mit der Einrichtung der Belgravia-Pension, als ob er ausschließlich zu seiner Mutter gehörte. Was wird sein, fragte sie sich (denn Frau Verlocs Mutter hatte Einbildungskraft), wenn ich sterbe? – Und wenn sie sich diese Frage vorlegte, so geschah es mit Ängsten. Es war ja auch furchtbar, daß sie dann niemals wissen würde, was mit dem armen Jungen geschähe. Vermachte sie ihn aber solcherart seiner Schwester, indem sie wegging, so verschaffte sie ihm den Vorzug völliger Abhängigkeit. Dadurch bekam der bedenkliche Heldenmut von Frau Verlocs Mutter seine Weihe. Ihre Selbstaufgabe hatte tatsächlich nur den Zweck, ihrem Sohne eine lebenslängliche Versorgung zu sichern. Andere Leute bringen zu einem solchen Zweck Geldopfer, sie brachte dieses. Es war das einzig mögliche. Und überdies würde sie seine Wirkung beobachten können. Wohl oder übel würde sie so der furchtbaren Ungewißheit auf dem Totenbett entgehen. Aber es war hart, hart, grausam hart.

Die Droschke rasselte, klirrte, rumpelte. Besonders das letztere in einem so ungewöhnlichen und großartigen Maße, daß es den Sinn für die Vorwärtsbewegung übertäubte; es erzeugte das Gefühl, daß man in einer mittelalterlichen, feststehenden Folterbank eingezwängt sei, oder in einem der neumodischen Apparate zur Behebung von Verdauungsstörungen. Alles war so traurig; und als Frau Verlocs Mutter die Stimme erhob, da klang es wie eine Wehklage.

»Ich weiß, meine Liebe, du wirst mich besuchen kommen, so oft es deine Zeit erlaubt, nicht wahr?«

»Natürlich«, gab Winnie kurz zurück und blickte starr geradeaus.

Die Droschke rumpelte an einem verräucherten, schmierigen Laden vorbei, wo es nach Gas und Bratfisch roch.

Wieder erhob sich die klagende Stimme:

»Und, meine Liebe, ich muß den armen Jungen jeden Sonntag sehen. Es wird ihm doch nichts ausmachen, den Tag mit seiner alten Mutter zu verbringen?«

Winnie schrie unbewegt:

»Ausmachen? Ich dächte nicht. Der arme Junge wird Sie sehr vermissen. Ich wollte, Sie hätten ein wenig daran gedacht, Mutter!«

Nicht daran gedacht! Die heldenmütige Frau schluckte an einem würgenden Brocken, der wie eine Billardkugel ihr aus der Kehle zu springen drohte. Winnie saß eine Weile stumm und schmollend da und warf dann schnippisch in einem bei ihr ungewöhnlichen Tone hin: »Er wird mir in der ersten Zeit nicht schlecht zu schaffen machen, er wird es schon so treiben –«

»Was du auch tust, laß ihn nur nicht deinem Manne lästig werden, meine Liebe.«

So sprachen sie vertraulich die neue Sachlage durch. Und die Droschke rumpelte weiter. Frau Verlocs Mutter äußerte einige Zweifel. Durfte man Stevie den ganzen Weg alleine gehen lassen? Winnie betonte, daß er nun weit weniger zerstreut sei; darin stimmten sie überein. Es war unleugbar. Weit weniger, fast gar nicht. Sie schrien einander durch das Getöse möglichst liebreich zu. Doch plötzlich brach die mütterliche Sorge nochmals durch. Er mußte zwei Omnibusse nehmen und dazu ein Stück gehen. Das war zu schwierig. Die alte Frau gab sich dem Schmerz und Kummer hin.

Winnie starrte voraus.

»Regen Sie sich nur nicht auf, Mutter. Natürlich müssen Sie ihn sehen.«

»Nein, meine Liebe, ich will versuchen, ob es ohne das geht? Du hast ja nicht die Zeit, ihn zu begleiten, und wenn er dann wieder zerstreut ist und den Weg verliert und irgend jemand spricht ihn schroff an, dann vergißt er vielleicht Namen und Adresse und bleibt Tage und Tage lang verloren –«

Die Vorstellung eines Krüppelheims für den armen Stevie – wenn auch nur für die Dauer der Untersuchung – drückte ihr das Herz ab. Denn sie war eine stolze Frau. Winnies Blick war scharf und nachdrücklich geworden.

»Ich kann ihn nicht jede Woche selbst zu Ihnen bringen,« rief sie, »aber sorgen Sie sich nicht, Mutter, ich will schon trachten, daß er nicht für lange verloren geht.«

Sie fühlten eine eigene Erschütterung; durch die klappernden Fenster sah man etwas wie einen Ziegelhaufen; das furchtbare Rumpeln und Klirren hörte mit einem Schlage auf, und die beiden Frauen waren bestürzt. Was war geschehen? Sie saßen reglos, erschreckt in der tiefen Stille, bis der Schlag geöffnet wurde und ein rauhes, krampfhaftes Flüstern sich hören ließ:

»Wir sind da.«

Eine Reihe kleiner Giebelhäuser, jedes mit einem trübe erleuchteten Fenster im Erdgeschoß, stand rings um die dunkle Fläche eines grasbewachsenen Platzes, der mit Büschen bepflanzt und durch ein Gitter von der Straße mit ihrem Lichtergewirr und Verkehrslärm getrennt war.

Vor der Tür eines dieser armseligen Häuschen – des einen, das kein Licht im Erdgeschoß zeigte – hatte die Droschke gehalten. Frau Verlocs Mutter stieg als erste aus, rücklings, mit einem Schlüssel in der Hand. Winnie blieb am Randstein stehen, um den Kutscher zu bezahlen. Stevie half zuerst eine Menge kleiner Pakete ins Haus tragen, kam dann heraus und blieb unter einer Laterne stehen, die dem Stift gehörte. Der Kutscher blickte auf die Silbermünzen, die in seiner grimmen Riesentatze ganz klein und wie ein Sinnbild des elenden Lohnes wirkten, den ein Menschenkind während der kurzen Zeit seines Erdenwallens für alle Mühe und Plage zu erwarten hat.

Er war anständig bezahlt worden – mit vier Schillingstücken –, die er nun unbeweglich betrachtete, als enthielten sie die überraschende Lösung eines traurigen Problems. Die langsame Unterbringung dieses Schatzes in seiner Innentasche erforderte umständliches Herumwühlen in den Tiefen schäbiger Gewänder. Der Mann war eckig von Gestalt und wenig schmiegsam. Stevie, schmächtig, die Schultern ein wenig hochgezogen, die Hände tief in den Taschen seines warmen Überrocks vergraben, stand auf dem Bürgersteig und gaffte.

Der Kutscher unterbrach seine planvollen Bemühungen, wie von einer nebelhaften Erinnerung gepackt.

»Oh, da bist du ja, mein Junge«, zischelte er. »Du wirst ihn wiedererkennen, nicht wahr?«

Stevie gaffte das Pferd an, dessen Hinterteil infolge seiner Magerkeit unglaublich steil erschien. Der kurze, steife Schwanz schien in herzlosem Scherz hineingesteckt; und am anderen Ende bog sich der dünne, flache Hals, wie ein mit altem Pferdefell bezogenes Brett, tief zu Boden unter dem Gewicht des ungeheuren, knochigen Schädels. Die Ohren hingen nachlässig in verschiedenen Winkeln herunter. Die ganze grausige Mißgestalt dieses stummen Erdenpilgers, von Rippen und Rückgrat scharf durchzogen, ragte in die dumpfe Abendstille.

Der Kutscher tupfte mit dem Eisenhaken, der aus seinem ausgefransten, schmierigen Ärmel hervorragte, Stevie leicht gegen die Brust.

»Schau mal her, mein Junge, könnte es dir Spaß machen, so bis zwei Uhr in der Frühe hinter dem Roß da zu sitzen?«

Stevie sah geistesabwesend in die funkelnden, kleinen Augen mit den rotgeränderten Lidern.

»Er ist nicht lahm,« fuhr der andere in scharfem Flüstertone fort, »er hat keine offenen Stellen auf sich. Da steht er. Könnte es dir Spaß machen – – –«

Seine ausgeschriene, klanglose Stimme gab seiner Äußerung den Klang tiefsten Geheimnisses. In Stevies leerem Blick schimmerte Furcht auf.

»Du kannst gut schauen! Bis drei und vier Uhr in der Frühe, kalt und hungrig, immer nach Fahrgästen ausschauen und nach einem Schluck zu trinken.«

Seine lustigen, roten Wangen starrten von weißen Stoppeln, und wie Virgils Silen, mit den Flecken des Rebensafts im Gesicht, mit sizilischen Hirten von den olympischen Göttern sprach, so sprach nun er zu Stevie von der Häuslichkeit und dem Leben von Männern, deren Leiden groß sind, und die nicht unbedingt auf Unsterblichkeit rechnen können.

»Ich bin eine Nachtdroschke, das bin ich«, flüsterte er, zwischen Ruhmredigkeit und Verzweiflung. »Ich muß nehmen, was ich kriege. Ich habe ein Weib mit vier Kindern zu Hause.«

Die Ungeheuerlichkeit dieses Bekenntnisses zur Vaterschaft schien die Welt zu verblüffen. Ein Schweigen fiel ein. Die Flanken des alten Gauls, der für den apokalyptischen Reiter gemacht schien, schickten den Dampf hinauf in den Lichtkreis der wohltätigen Gaslaterne. Der Kutscher grunzte und fügte in geheimnisvollem Flüstertone hinzu:

»Man hat's nicht leicht in dieser Welt!«

Stevies Gesicht hatte schon einige Zeit gezuckt; nun machte er seinen Gefühlen wie gewöhnlich in knappster Form Luft.

»Schlecht! Schlecht!« Sein Blick blieb starr auf die Rippen des Pferdes gerichtet, düster und eindringlich, als fürchtete er sich, ringsum die Schlechtigkeit der Welt zu treffen. Sein schmächtiger Wuchs, die rosigen Lippen und die blasse, reine Haut gaben ihm das Aussehen eines zarten Knaben, trotz dem goldigen Flaum auf den Wangen. In seinem Gaffen lag Furchtsamkeit, wie bei einem kleinen Kinde. Der Kutscher, kurz und breit, maß ihn mit dem Blick seiner wilden, kleinen Augen, die in einer wasserhellen Säure zu schwimmen schienen.

»Hart für Pferde, aber noch verdammt härter für arme Kerle wie mich«, ächzte er, gerade noch vernehmlich.

»Arm, arm!« stammelte Stevie, und stieß im Übermaß seines Mitleids die Hände tief in die Taschen. Er konnte nichts sagen; denn seine Zärtlichkeit für alle Mühseligen und Beladenen, seine Sehnsucht, die Pferde glücklich und den Kutscher glücklich zu machen, hatte sich bis zu dem lächerlichen Wunsch gesteigert, sie mit in sein Bett zu nehmen. Und er wußte, daß das unmöglich war. Denn Stevie war nicht verrückt. Es war sozusagen eine symbolische Sehnsucht. Dabei aber doch sehr deutlich, da sie aus der Erfahrung kam, der Mutter der Weisheit. Wenn er nämlich als Kind in einem dunklen Winkel gehockt hatte, erschreckt, bedrückt, gequält von dem schwarzen, schwarzen Elend in seinem Innern, da war oft seine Schwester Winnie gekommen und hatte ihn mit in ihr Bett genommen, wie in einen Hafen himmlischen Friedens. Stevie konnte reine Tatsachen vergessen, wie zum Beispiel seinen Namen und seine Adresse; für Empfindungen aber hatte er ein treues Gedächtnis. Voll Mitleid in ein Bett mitgenommen zu werden, war das letzte Heilmittel; es hatte nur den einzigen Nachteil, daß es sich nicht in größerem Maßstabe anwenden ließ. Das machte er sich völlig klar, während er den Kutscher ansah. Denn Stevie war nicht verrückt.

Der Kutscher fuhr in seinen gemächlichen Vorbereitungen fort, als wäre Stevie gar nicht dagewesen. Er traf Anstalten, auf den Bock zu klettern, stand aber im letzten Augenblick davon ab, unter dem Druck irgendeines dunklen Gefühls, vielleicht eines Abscheus vor dem Kutscherberuf. Er trat vielmehr zu seinem reglosen Arbeitsgefährten, beugte sich nach den Zügeln und hob mit einer Bewegung seines rechten Arms, wie um seine Kraft zu zeigen, das große, müde Haupt bis zu Schulterhöhe.

»Komm«, flüsterte er leise.

Dann führte er hinkend das Gefährt davon. Es lag etwas wie Kasteiung in diesem Aufbruch; der Kies des Fahrwegs knirschte unter den langsamen Rädern, die lahmen Beine des Pferdes bewegten sich mit asketischer Entschlossenheit aus dem Lichtkreis weg in die Finsternis des Platzes, der undeutlich von der Reihe spitzer Dächer und schwach erleuchteter Fenster der kleinen Stiftshäuser begrenzt war. Das klagende Knirschen des Kieses wanderte langsam rund um den Fahrweg. Zwischen den Laternen des Einfahrttores tauchte das Gefährt noch einmal im hellen Lichte auf: der kurze, dicke Mann, der, emsig hinkend, den Pferdekopf in der Faust hochhielt; das lahme Tier, das mit steifer, hilfloser Würde dahinstelzte; der dunkle, niedere Kasten auf Rädern, der lächerlich hinterdrein rollte, sozusagen watschelte. Sie wandten sich nach links. Dort in der Straße, fünfzig Schritt von dem Einfahrtstor, war eine Schänke.

Stevie blieb allein bei dem Laternenpfahl und stierte, die Hände tief in den Taschen, verloren vor sich hin. Auf dem Grund dieser Taschen waren seine elenden, schwachen Hände zornig und hart zu Fäusten geballt. Alles, was mittelbar oder unmittelbar an seine krankhafte Angst vor Schmerz rührte, machte Stevie zuletzt böswillig. Eine großmütige Entrüstung schwellte seine kümmerliche Brust bis zum Bersten und brachte seine unschuldigen Augen zum Schielen. Äußerst weise in der Erkenntnis seiner eigenen Machtlosigkeit, war Stevie doch nicht weise genug, um seine Leidenschaften bändigen zu können. Die Zartheit seines umfassenden Mitgefühls hatte zwei Seiten, die so unlöslich verbunden und verschmolzen waren, wie die beiden Seiten einer Medaille. Der Schmerz maßlosen Mitgefühls wurde durch den andern einer unschuldigen, doch unbarmherzigen Wut abgelöst. Da diese beiden Seelenzustände sich in denselben Anzeichen leichter körperlicher Erregung äußerten, so pflegte seine Schwester Winnie diese Erregung zu besänftigen, ohne je an ihre Zwiespältigkeit zu denken. Frau Verloc verschwendete keinen Augenblick dieses kurzwährenden Daseins auf die Suche nach gründlicher Erkenntnis. Dies ist eine Art von Sparsamkeit, die allen Anschein und auch einige Vorteile der Klugheit hat. Natürlich kann es gut für jemand sein, nicht zu viel zu wissen. Und diese Ansicht verträgt sich sehr gut mit natürlicher Trägheit.

An diesem Abend, an dem Frau Verlocs Mutter endgültig von ihren Kindern und damit wohl auch vom Leben Abschied genommen hatte, machte sich Winnie Verloc keine weiteren Gedanken über den Seelenzustand ihres Bruders. Der arme Junge war aufgeregt, ganz natürlich. Nachdem sie auf der Schwelle ihrer alten Mutter nochmals versichert hatte, daß sie ihren Bruder schon davor bewahren wollte, sich auf seinen kindlichen Pilgerfahrten für länger zu verlieren, nahm sie Stevies Arm, um wegzugehen. Stevie murmelte nicht einmal vor sich hin, aber mit dem Feingefühl, das die Schwesterliebe seit frühester Kindheit in ihr entwickelt hatte, merkte sie, daß der Junge wirklich ungewöhnlich erregt war. Während sie unter dem Vorwand, sich auf ihn zu lehnen, seinen Arm fest umspannte, dachte sie über einige Worte nach, die für den Anlaß passen konnten.

»Jetzt, Stevie, mußt du dich bei den Kreuzungen gut nach mir umsehen und zuerst in den Omnibus steigen, wie ein guter Bruder.«

Dieser Anruf seines männlichen Schutzes wurde von Stevie mit gewohnter Gelehrigkeit aufgenommen. Er schmeichelte ihm. Er hob den Kopf und streckte die Brust heraus.

»Nicht nervös sein, Winnie; mußt nicht nervös sein! Den Omnibus kriegen wir schon«, stammelte er in einem Tone, in dem sich die Furchtsamkeit des Kindes und die Entschlossenheit des Mannes seltsam mischten. Er schritt furchtlos vorwärts, mit der Frau an seinem Arm, ließ aber die Unterlippe schlaff hängen. Trotzdem erschien in der großen Straße, deren ödes Pflaster, wie zum Spott, in eine Lichtflut getaucht war, ihre Ähnlichkeit miteinander so auffallend, daß zufällig Vorübergehende davon betroffen waren.

Vor der Türe des Wirtshauses an der Ecke, wo die ausgestreute Lichtfülle an Irrsinn grenzte, stand eine vierrädrige Droschke am Randstein, mit leerem Kutscherbock, als hätte man sie als gänzlich unnütz in die Gosse geworfen. Frau Verloc erkannte das Gefährt wieder. Sein Anblick war so unendlich kläglich, so bis ins Kleinste elend und verbraucht, als wäre es das Gefährt des Todes selbst, so daß Frau Verloc mit dem schnell bereiten Mitleid einer Frau für ein Pferd (wenn sie nicht selbst dahinter sitzt) ausrief:

»Armes Vieh!«

Stevie blieb unvermittelt stehen und zerrte an seiner Schwester. »Arm, arm!« stieß er inbrünstig hervor. »Kutscher ist auch arm, hat mir's selbst gesagt.«

Der Anblick der elenden, einsamen Mähre überkam ihn. Ohne Rücksicht auf das Drängen seiner Schwester wollte er stehen bleiben und mühte sich, seiner neuerschlossenen Erkenntnis über die Verbindung von menschlichem und Pferdeelend Ausdruck zu geben. Doch das war sehr schwer. »Armes Vieh, arme Leute«, war alles, was er immer wieder herausbrachte. Das erschien ihm nicht eindringlich genug, und er steigerte sich bis zu einem wütend hervorgestoßenen »Schande!« Stevie war kein Meister des Worts, und seine Gedanken entbehrten vielleicht eben darum der Klarheit und Genauigkeit. Sein Gefühl war dafür umso umfassender und tiefer. Das kleine Wort drückte all die Entrüstung und den Abscheu aus, die er bei der Vorstellung empfand, daß ein elendes Wesen sich von der Qual eines anderen ernährte – bei dem Gedanken an den armen Kutscher, der sein armes Pferd schlug, sozusagen im Namen seiner armen Kinder zu Hause. Und Stevie wußte, wie es tut, geschlagen zu werden. Er wußte es aus Erfahrung. Es war eine schlechte Welt; schlecht, schlecht!

Frau Verloc, seine einzige Schwester, Wärterin und Gönnerin, reichte an dieses Maß von Einsicht nicht hinan. Auch hatte sie die Wunderkraft von des Kutschers Beredsamkeit nicht erfahren. Der tiefere Sinn des Wortes »Schande« blieb ihr verborgen, und so sagte sie sanftmütig:

»Komm, Stevie, das wirst du nicht ändern.«

Der gelehrige Stevie ging weiter, doch jetzt ohne Stolz, strauchelnd; dabei murmelte er halbe Worte vor sich hin, Worte, die vielleicht einen Sinn gegeben hätten, wären sie nicht aus Hälften zusammengesetzt gewesen, die nicht zusammengehörten. Es war, als versuche er, seinen ganzen Wortschatz durchzugehen, um einen passenden Ausdruck für seine Gemütsbewegung zu finden. Das gelang ihm schließlich auch. Er blieb stehen und rief aus:

»Schlechte Welt für arme Leute!«

Sobald er diesen Gedanken ausgesprochen hatte, merkte er, daß er ihm in allen Folgerungen schon vertraut war. Das bestärkte ihn noch völlig in seiner Überzeugung, vermehrte aber auch seine Entrüstung. Irgend jemand, so empfand er, mußte dafür gezüchtigt werden – mit größter Strenge gezüchtigt. Da er von Natur nicht zweifelsüchtig, sondern durchaus tugendhaft war, so kannte seine Leidenschaft zum Guten keine Hemmungen.

»Hundsföttisch«, fügte er scharf hinzu.

Für Frau Verloc unterlag es keinem Zweifel, daß er sehr aufgeregt war.

»Das kann niemand ändern«, sagte sie. »Komm weiter. Gibst du so auf mich acht?«

Stevie nahm gehorsam gleichen Schritt. Er war stolz darauf, ein guter Bruder zu sein. Seine Moral, die sehr empfindlich war, machte ihm das zur Pflicht. Dennoch schmerzte ihn diese Feststellung seiner Schwester Winnie – die doch gut war. Das kann niemand ändern! Er ging finster vor sich hin, wurde aber plötzlich heiter. Wie wir anderen auch fand er mitunter in dem Kummer über die Welträtsel Trost in dem Vertrauen auf die Macht der gesellschaftlichen Ordnung auf dieser Erde.

»Polizei«, meinte er zuversichtlich.

»Die Polizei ist nicht dafür da«, gab Frau Verloc flüchtig zurück und wollte weiter.

Stevies Gesicht zog sich beträchtlich in die Länge. Er dachte nach. Je tiefer er dachte, desto tiefer hing auch sein Unterkiefer nieder. Mit dem Ausdruck hoffnungsloser Unfähigkeit stellte er endlich sein Nachdenken ein.

»Nicht dazu?« murmelte er, bei aller Fügsamkeit überrascht. »Nicht dazu?« Er hatte sich ganz für sich von der großstädtischen Polizei die Auffassung gebildet, sie sei eine Art Wohlfahrtseinrichtung zur Unterdrückung des Bösen. Besonders die Vorstellung von Wohlwollen war ihm unlöslich verknüpft mit der von der Machtvollkommenheit der Männer in Blau. Er hatte alle Polizisten zärtlich geliebt, mit unerschütterlichem Zutrauen. Und nun war er betrübt. Er ärgerte sich sogar bei dem Verdacht, die Angehörigen der Polizeimacht könnten doppelzüngig sein. Denn Stevie selbst war frei und offenherzig wie der Tag. Warum stellten sie sich denn so an? Ungleich seiner Schwester Winnie, die sich an der Oberfläche hielt, wünschte er den Dingen auf den Grund zu gehen. Er fuhr in seiner Untersuchung kampflustig fort:

»Wozu sind sie denn da, Winn? Wozu denn eigentlich? Sag mir's!«

Winnie liebte keine Auseinandersetzungen. Da sie aber fürchtete, Stevie möchte im ersten Schmerz um seine Mutter einen der Anfälle tiefster Niedergeschlagenheit haben, so wollte sie das Gespräch nicht kurz abbrechen. Zwar lag ihr alle Ironie völlig ferne, doch antwortete sie in einem Tone, der vielleicht bei der Gattin des Herrn Verloc, Vertrauensmannes des Roten Zentralkomitees, persönlichen Freundes gewisser Anarchisten und Stimmführer der sozialen Revolution nicht überraschen konnte:

»Du weißt nicht, wozu die Polizei da ist, Stevie? Die ist dazu da, damit die, die nichts haben, denen, die etwas haben, nichts wegnehmen können!«

Sie vermied das Wort »stehlen«, weil es ihren Bruder immer traurig machte. Denn Stevie war grundehrlich. Gewisse einfache Grundsätze waren ihm so nachdrücklich beigebracht worden (eben wegen seiner Besonderheit), daß die bloße Erwähnung gewisser Übertretungen ihn mit Schreck erfüllte. Er hatte sich immer durch Worte leicht beeinflussen lassen. Das war auch jetzt gründlich der Fall, und sein Verständnis war überraschend schnell:

»Wie,« fragte er sofort, »nicht einmal, wenn sie hungrig sind? Müssen sie dann nicht?«

Die beiden waren stehengeblieben.

»Nicht einmal dann«, sagte Frau Verloc mit dem Gleichmut eines Gemüts, das sich die Verteilung der irdischen Güter nicht nahe gehen läßt, und spähte dabei die Straße hinunter nach einem Omnibus der gewünschten Farbe. »Gewiß nicht. Aber wozu darüber reden? Du bist nicht einmal hungrig.«

Sie warf einen raschen Blick auf den Jungen an ihrer Seite, der wie ein junger Mann aussah. Er war so liebenswürdig, anziehend, zärtlich und nur ein wenig, ein ganz klein wenig eigen. Sie konnte ihn nicht anders sehen, er war eng verbunden mit dem, was in ihrem würzelosen Leben von dem Salz der Leidenschaft war – mit leidenschaftlicher Entrüstung, mit Mut, Mitleid und sogar Selbstaufopferung. Sie fügte nicht hinzu: »und wirst es auch nicht sein, solange ich lebe.« Und doch hätte sie das recht gut tun können, denn sie hatte wirksame Schritte zu diesem Zwecke getan. Herr Verloc war ein ausgezeichneter Gatte; es war ihre aufrichtige Überzeugung, daß niemand umhin konnte, den Jungen gerne zu haben. Plötzlich rief sie aus:

»Schnell, Stevie, halt den grünen Omnibus an!« Und Stevie, bebend vor Wichtigkeit, mit seiner Schwester Winnie an einem Arm, schwenkte den andern hoch über seinem Kopf, dem ankommenden Omnibus entgegen, mit vollkommenem Erfolg.

Etwa eine Stunde später erhob Herr Verloc hinter dem Ladentisch seine Augen von einer Zeitung, in der er gelesen oder in die er doch hineingesehen hatte. Und während das Klappern der Türglocke verklang, sah er Winnie, seine Gattin, auf dem Weg nach oben den Laden durchschreiten, von Stevie, seinem Schwager, gefolgt. Der Anblick seiner Gattin war Herrn Verloc erfreulich. Dies gehörte zu seinen Eigenheiten. Dagegen kam ihm die Erscheinung seines Schwagers nicht zum Bewußtsein, auf Grund der krankhaften Nachdenklichkeit, die sich neuerdings wie ein Schleier zwischen Herrn Verloc und die dingliche Welt geschoben hatte. Er sah seiner Gattin starr und stumm nach, als wäre sie ein Geist. Seine Stimme für den Hausgebrauch war gedämpft und milde, jetzt aber war sie gar nicht zu hören, auch nicht beim Abendessen, zu dem ihn seine Gattin in der üblichen, kurzen Art rief: »Adolf.« Er setzte sich ohne wahre Überzeugung zum Essen nieder, den Hut weit in den Nacken zurückgeschoben. Es war durchaus nicht Neigung zum Zigeunerleben, sondern nur der häufige Besuch ausländischer Cafés, was ihm zu dieser Gewohnheit verholfen hatte und nun sein gewissenhaftes Verbleiben am häuslichen Herd doch so zwanglos vorübergehend erscheinen ließ. Zweimal erhob er sich beim Klang der heiseren Glocke, verschwand wortlos im Laden und kam schweigend zurück. Während dieser Abwesenheiten drängte sich Frau Verloc die Leere des Platzes an ihrer rechten Seite auf. Sie vermißte ihre Mutter schmerzlich, und ihr Blick wurde wie Stein; während Stevie aus demselben Grunde mit den Füßen scharrte, als wäre der Boden unter dem Tisch unerträglich heiß. So oft Herr Verloc auf seinen Platz zurückkehrte, wie die Verkörperung des Schweigens, vollzog sich ein feiner Wechsel in Frau Verlocs Blick, und Stevie hielt die Füße ruhig, aus tiefer Ehrfurcht vor dem Gatten seiner Schwester. Er warf ihm Blicke hochachtungsvollen Mitleids zu. Herr Verloc war betrübt. Seine Schwester Winnie hatte ihm (im Omnibus) eingeschärft, daß Herr Verloc zu Hause in tiefem Kummer sitze und nicht geärgert werden dürfte. Seines Vaters Jähzorn, die Reizbarkeit der Zimmerherren und Herrn Verlocs Neigung zu zügellosem Schmerz waren von jeher die Hauptantriebe für Stevies Selbstbeherrschung gewesen. Von diesen Gefühlen, die alle leicht hervorzurufen, aber nicht immer leicht zu verstehen waren, hatte das letztere die größte moralische Wirkung – denn Herr Verloc war gut. Diese Tatsache hatten Stevies Mutter und Schwester auf steinigem Grund verankert. Das war hinter Herrn Verlocs Rücken geschehen, aus Erwägungen heraus, die mit reiner Moral nicht unbedingt zu tun hatten. Und Herr Verloc wußte nichts davon. Es ist nicht mehr als gerecht, festzustellen, daß es ihm nicht bewußt war, in Stevies Augen als gut zu gelten. Und doch war es so. Er war sogar der einzige Mann, dem Stevie das Beiwort zugestand; denn die Zimmerherren waren zu vorübergehende und gleichgültige Erscheinungen gewesen, um ihm durch irgend etwas, außer vielleicht durch ihre Schuhe Eindruck zu machen; und was nun die Erziehungsmaßnahmen seines Vaters anbetraf, so hatten seine Mutter und seine Schwester nicht das Herz gehabt, dem Opfer einzureden, daß sie aus Güte stammten. Das wäre zu grausam gewesen. Und vielleicht sogar hätte Stevie ihnen gar nicht geglaubt. Bei Herrn Verloc nun stand Stevies Glauben nichts im Wege. Herr Verloc war ganz offenbar, wenn auch geheimnisvoll, gut, und der Kummer eines guten Mannes ist heilig.

Stevie warf seinem Schwager Blicke hochachtungsvollen Mitleids zu. Herr Verloc war betrübt. Nie zuvor hatte Winnies Bruder so klar hinter das Geheimnis von diesen Mannes Güte zu blicken geglaubt. Es war ein verständlicher Schmerz. Und Stevie war selbst betrübt, sehr betrübt. Auf dieselbe Art. Und sobald seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt gelenkt war, begann Stevie mit den Füßen zu scharren. Seine Gefühle pflegten sich stets in Bewegungen seiner Glieder zu äußern.

»Halte deine Füße ruhig, mein Lieber«, sagte Frau Verloc mit zärtlichem Nachdruck; dann wandte sie sich an ihren Gatten und wußte mit meisterhaftem Feingefühl ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben: »Gehst du heute abend aus?« fragte sie.

Die bloße Andeutung schien Herrn Verloc widerwärtig. Er schüttelte verdrießlich den Kopf, saß dann mit niedergeschlagenen Augen reglos da und sah eine volle Minute lang das Stück Käse auf seinem Teller an. Nach Ablauf dieser Zeit stand er auf und ging hinaus – ging geradenwegs hinaus, vom Klappern der Ladenglocke begleitet. So handelte er ganz unbewußt, nicht um unliebenswürdig zu sein, sondern aus unbezwinglicher Unruhe. Es hatte weiß Gott keinen Zweck, auszugehen. Nirgends in London konnte er finden, was er suchte. Aber er ging aus. Er führte seine trüben Gedanken durch dunkle Gassen, durch hellerleuchtete Straßen, in zwei Dielen hinein und wieder heraus, wie in dem schwachen Versuch, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, und schließlich wieder zurück zu seinem bedrohten Heim, wo er sich erschöpft hinter den Ladentisch setzte; die Gedanken aber umdrängten ihn bissig, wie eine Meute hungriger Schweißhunde. Nachdem er das Haus geschlossen und das Gas abgedreht, nahm er sie mit sich hinauf – grausige Begleiter für einen Mann, der zu Bette will. Seine Frau war ihm vorausgegangen und bot ihm nun mit ihren üppigen Formen, die sich unter der Decke abzeichneten, das Haupt auf das Kissen und eine Hand unter die Wange gelegt, wie zur Zerstreuung, den Anblick rechtschaffener Schläfrigkeit, die aus ruhigem Gewissen kommt. Ihre großen Augen, weit geöffnet, hoben sich dunkel und träge von der schneeigen Weiße des Leinens ab. Sie bewegte sich nicht.

Ihr seelisches Gleichgewicht hatte ihr die Erkenntnis vermittelt, daß man den Dingen nicht auf den Grund gehen dürfe. Dies machte sie zu ihrem Leitsatz im Leben. Dennoch hatte sie sich durch Herrn Verlocs Schweigsamkeit seit einigen Tagen schwer bedrückt gefühlt. Sie ging ihr tatsächlich auf die Nerven. Nun sagte sie, während sie so still dalag:

»Du wirst dich erkälten, wenn du so in Socken herumgehst.«

Dieser Ausspruch, eingegeben von der Sorge der Gattin und der Klugheit der Frau, traf Herrn Verloc unvorbereitet. Er hatte seine Stiefel unten gelassen, hatte aber vergessen, die Pantoffeln anzulegen und war im Schlafzimmer auf leisen Tatzen, wie ein Bär im Käfig, herumgewandelt. Beim Klang der Stimme seiner Gattin hielt er inne und stierte sie mit einem traumverlorenen, ausdruckslosen Blick so lange an, daß Frau Verloc ihre Glieder unter den Bettüchern leicht rührte. Nur ihr dunkles Haupt, tief in das weiße Kissen versenkt, blieb unbewegt, mit der einen Hand unter ihrer Wange, und den dunklen, großen, reglosen Augen.

Unter dem ausdruckslosen Blick ihres Gatten und bei dem Gedanken an ihrer Mutter leeres Zimmer jenseits des Flurs sprang sie bitter das Gefühl von Einsamkeit an. Nie zuvor war sie von ihrer Mutter getrennt gewesen. Sie hatten treu zueinander gestanden. Das empfand sie jetzt und sagte sich, daß die Mutter nun fort war – fort für immer. Frau Verloc machte sich nichts vor. Allerdings blieb Stevie. Und sie sagte:

»Mutter hat ihren Willen gehabt. Ich kann keinen Sinn darin finden. Sicherlich konnte sie doch nicht glauben, daß du sie über hättest. Es ist ganz verrückt, uns so zu verlassen.«

Herr Verloc war nicht belesen; sein Vorrat an Bildern war beschränkt, doch fügten sich hier die Umstände derart ineinander, daß er zwangsweise an Ratten denken mußte, die ein sinkendes Schiff verlassen. Fast hätte er das auch ausgesprochen. Aber er war mißtrauisch und verbittert geworden. War es möglich, daß die alte Frau eine so ausgezeichnete Nase hatte? Doch lag die Haltlosigkeit eines solchen Verdachtes auf der Hand, und Herr Verloc hielt den Mund. Nicht ganz, heißt das. Er murmelte gewichtig:

»Vielleicht ist es gerade recht so.«

Er begann sich auszukleiden. Frau Verloc lag ganz ruhig, ihre Augen behielten ihren träumerischen, ruhigen Blick. Auch ihr Herz schien für den Bruchteil einer Sekunde stille zu stehn. In dieser Nacht war sie nicht ganz »sie selbst«, wie man sagt, und es drängte sich ihr die Erkenntnis auf, daß ein einfacher Satz mehrere, größtenteils unangenehme Bedeutungen haben könne. Warum war es gerade recht so und wieso? Doch erlaubte sie sich nicht, müßigem Grübeln nachzuhängen. Sie fühlte sich eher bestärkt in dem Glauben, daß die Dinge es nicht vertragen, wenn man ihnen auf den Grund geht. Schlau und geschickt auf ihre Art, brachte sie unverweilt Stevie in den Vordergrund, da bei ihrer Natur ein vorherrschender Gedanke die unbeirrbare Kraft eines Triebes anzunehmen pflegte.

»Ich weiß tatsächlich nicht, was ich tun muß, um den Jungen während der ersten traurigen Tage aufzuheitern. Er wird sich von früh bis abends quälen, bevor er sich daran gewöhnt, daß Mutter fort ist. Und er ist ein so guter Junge. Ich könnte ohne ihn gar nicht zurecht kommen.«

Herr Verloc fuhr fort sich auszukleiden, mit der starren Versenkung eines Mannes, der sich in der Einsamkeit einer weiten, hoffnungslosen Wüste auszieht. Denn so ungastlich bot sich die Erde, unser aller gemeinsames Erbe, dem Geiste des Herrn Verloc dar. Innen und draußen war alles so still, daß das verlorene Ticken der Ganguhr sich in das Zimmer stahl, als suche es Gesellschaft.

Herr Verloc legte sich auf seiner Seite ins Bett und blieb stumm und stolz hinter Frau Verlocs Rücken. Seine dicken Arme lagen verlassen auf der Decke wie gesenkte Waffen, wie hingeworfene Werkzeuge. In diesem Augenblick war er nur um Haaresbreite davon entfernt, seiner Frau sein ganzes Herz auszuschütten. Der Zeitpunkt schien günstig. Aus den Augenwinkeln sah er ihre mächtigen Schultern im weißen Gewand, ihren Hinterkopf mit den drei Zöpfen, die für die Nacht mit schwarzen Maschen aufgesteckt waren. Und er schob es auf. Herr Verloc liebte seine Frau, wie man eine Frau lieben soll – ehelich heißt das, mit aller Rücksicht, die man seinem wichtigsten Besitztum schuldet. Dieses für die Nacht zurechtgemachte Haupt, diese mächtigen Schultern schienen irgendwie geweiht –, geheiligt durch die Weihe häuslichen Friedens. Sie regte sich nicht, massig und formlos wie eine halbfertige Statue; er stellte sich ihre weit offenen Augen vor, die ins Leere hinausblickten. Sie war geheimnisvoll, wie alle lebenden Wesen. Der weitberühmte Geheimagent Δ aus des seligen Barons Stott-Wartenheim aufregenden Depeschen war nicht der Mann, in solche Geheimnisse einzubrechen. Er war leicht einzuschüchtern. Auch besaß er ein Maß von Trägheit, wie es oft das Geheimnis der Gutmütigkeit bildet. Nun schob er es auf, an dies Geheimnis zu rühren, aus Liebe, Schüchternheit und Trägheit. Es war immer noch Zeit genug. Einige Minuten litt er stumm in der schläfrigen Stille des Zimmers. Dann brach er mit einer entschlossenen Erklärung das Schweigen.

»Ich fahre morgen nach dem Festland.«

Seine Frau konnte schon eingeschlafen sein; er hätte es nicht sagen können. Tatsächlich hatte Frau Verloc ihn gehört. Ihre Augen waren immer noch weit offen, und sie lag ganz still, stark in dem Glauben, daß die Dinge es nicht vertragen, wenn man ihnen auf den Grund sieht. Und dann war eine solche Reise für Herrn Verloc durchaus nichts so Ungewöhnliches. Er erneuerte in Paris und Brüssel seine Warenvorräte. Oft fuhr er selbst hinüber, um Einkäufe zu machen. Um den Laden in der Brett Street begann sich ein auserwählter Kreis von Liebhabern zu sammeln, eine geheime Beziehung, die für jede von Herrn Verlocs Unternehmungen äußerst wertvoll war, dieses Herrn Verloc, der durch ein seltsames Zusammentreffen von Temperament und Notwendigkeit bestimmt schien, sein Leben lang ein Geheimagent zu bleiben.

Er wartete eine Weile und fügte dann hinzu: »Ich bleibe eine Woche oder vielleicht vierzehn Tage weg. Nimm dir unter Tags Frau Neale zur Hilfe!«

Frau Neale war die Scheuerfrau für die Brett Street. Sie war ein Opfer ihrer Ehe mit einem heruntergekommenen Schreiner und bedrückt durch die Sorge um viele unmündige Kinder. Mit roten Armen, in einer Kleiderschürze aus grober Sackleinwand, schien in dem Duft von Lauge und Rum, im Scheuern und Schrubben, der Dunst der Armut selbst von ihr auszugehen.

Frau Verloc sprach mit wohlerwogener Absicht in ganz gleichgültigem Tone:

»Es ist unnötig, die Frau den ganzen Tag über hier zu haben. Ich komme sehr gut mit Stevie alleine zurecht.«

Sie ließ die einsame Ganguhr fünfzehn Pendelschläge der Ewigkeit zuzählen und sagte dann:

»Soll ich das Licht auslöschen?«

Herr Verloc gab kurz und heiser zurück:

»Lösch es aus.«

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