Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Conrad >

Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
Schließen

Navigation:

VII

Der Kommissar durchschritt ein kurzes Gäßchen, weich und schlammig wie ein Abzugsgraben, durchkreuzte dann eine breite Hauptstraße und betrat ein öffentliches Gebäude, wo er den jungen, unbesoldeten Privatsekretär einer großen Persönlichkeit aufsuchte.

Dieses blonde Milchgesicht, das mit dem in der Mitte gescheitelten Haar wie ein großer, sauberer Schuljunge aussah, nahm die Bitte des Kommissars mit zweifelhaftem Blick auf und sprach mit angehaltenem Atem.

»Wird er Sie empfangen wollen? Das weiß ich nun gar nicht. Er ist vor einer Stunde vom Parlament herübergekommen, um mit dem ständigen Untersekretär zu reden, und ist nun im Begriff, wieder zurückzugehen. Er hätte ihn auch kommen lassen können; aber er tut es, um sich ein wenig Bewegung zu machen, vermute ich. Mehr freie Zeit hat er ja nicht, während diese Session anhält. Ich beklage mich nicht; die kurzen Gänge machen mir Freude. Er stützt sich auf meinen Arm und öffnet die Lippen nicht. Aber er ist sehr übermüdet und – nun – nicht eben in bester Laune.«

»Es ist wegen der Greenwich-Sache.«

»Oh! Das auch noch! Er hat euch sehr auf dem Strich. Aber wenn Sie darauf bestehen, so will ich nachsehen gehen.«

»Recht so. Sie sind ein braver Junge«, sagte der Kommissar.

Der unbesoldete Sekretär bewunderte diese Kühnheit. Er machte sich ein harmloses Gesicht zurecht, öffnete die Tür und ging mit der Sicherheit eines hübschen und verwöhnten Kindes hinein. Er kam gleich wieder und nickte dem Kommissar zu, der nun durch die offengehaltene Türe eintrat und sich in einem weiten Räume der großen Persönlichkeit gegenüber sah.

Mächtig gebaut, mit einem langen weißen Gesicht, das sich nach unten zu in ein wuchtiges Doppelkinn verbreiterte und eiförmig im Rahmen des grauen Backenbarts lag, schien die große Persönlichkeit sozusagen in Ausdehnung begriffen. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch die vom Schneiderstandpunkt aus unerfreulichen Querfalten in dem zugeknöpften schwarzen Rock, die äußerste Beanspruchung des Kleidungsstückes verrieten. Das Haupt ruhte auf dickem Halse, und zu beiden Seiten der Hakennase, die kühn aus der Fläche des weißen Gesichtes sprang, blickten die Augen hochmütig über die sackartigen unteren Lider hinweg. Ein glänzender Zylinder und ein Paar abgetragene Handschuhe, die am Ende eines langen Tisches bereitlagen, erweckten in ihrer Ungeheuerlichkeit gleichfalls den Gedanken an Ausdehnung.

Er stand am Kamin, in großen, geräumigen Schuhen, und äußerte kein Wort der Begrüßung.

»Ich möchte wissen, ob das der Beginn eines neuen Dynamitfeldzugs ist«, sagte er unvermittelt, mit tiefer, merkwürdig sanfter Stimme. »Keine Einzelheiten, bitte. Dafür habe ich keine Zeit.«

Vor der bäuerlich massigen Erscheinung des Gewaltigen wirkte der Kommissar klein und schmächtig, wie eine Binse, die zu einer Eiche spricht. Tatsächlich reichte die ununterbrochene Ahnenreihe jenes Mannes über Jahrhunderte zurück, deren Zahl das Alter der ältesten Eiche im Lande weit überstieg.

»Nein, ich versichere, daß es das nicht ist – soweit man irgendeiner Sache sicher sein kann.«

»Schon recht, aber ihr da drüben –,« dies mit einer verächtlichen Handbewegung nach einem der großen Fenster, das auf die Hauptstraße hinausging, »ihr da drüben scheint mit euren Versicherungen hauptsächlich bezwecken zu wollen, daß der Staatssekretär wie ein Affe dasteht. Hier in diesem Zimmer wurde mir vor weniger als einem Monat versichert, daß nichts der Art auch nur möglich sei.«

Der Kommissar blickte in der Richtung des Fensters.

»Wollen Sie mir die Bemerkung gestatten, Sir Ethelred, daß ich persönlich noch nie Gelegenheit hatte, Ihnen irgendwelche Versicherungen zu geben.«

Der Blick der hochmütigen Augen sammelte sich auf dem Kommissar.

»Richtig«, gab die tiefe, sanfte Stimme zu. »Ich habe nach Heat geschickt. Sie sind ja noch ein Neuling auf dem Posten. Wie kommen Sie überhaupt zurecht?«

»Ich glaube, daß ich täglich etwas dazulerne.«

»Natürlich, natürlich. Ich hoffe, daß Sie es vorwärts bringen.«

»Besten Dank, Sir Ethelred. Ich habe heute etwas gelernt, sogar während der letzten Stunde. Die Angelegenheit hat manches an sich, was selbst bei tieferem Einblick nicht nach einem gewöhnlichen anarchistischen Anschlag aussieht. Darum bin ich hier.«

Der große Mann stemmte die Handrücken gegen die Hüften, daß die Ellenbogen seitab standen.

»Ist recht. Fahren Sie fort. Aber keine Einzelheiten, bitte. Ersparen Sie mir die Einzelheiten.«

»Sie sollen damit nicht behelligt werden, Sir Ethelred«, hob der Kommissar mit ruhiger Zuversicht an. Hinter dem Rücken des großen Mannes stand eine Uhr, ein schweres, prächtiges Ding mit wuchtigen Schnecken, aus demselben dunklen Marmor wie die Kamineinfassung und mit einem geisterhaften, dumpfen Ticken. Während der Kommissar sprach, rückten die Zeiger dieser Uhr um sieben Minuten vor. Er sprach wohlüberlegt und streute kleine Zwischenbemerkungen ein, die haarscharf ineinander griffen. Kein Ton, nicht einmal eine Bewegung deuteten den Wunsch nach einer Unterbrechung an. Der große Mann konnte gut das Standbild eines seiner fürstlichen Vorfahren sein, dem man den Kreuzfahrerharnisch abgenommen und einen schlechtsitzenden Gehrock angezogen hatte. Der Kommissar hatte das Gefühl, als dürfte er eine Stunde lang reden. Aber er behielt sich in der Hand und brach nach Ablauf der oben genannten Zeit mit einer plötzlichen Folgerung ab, die eine Wiederholung der ersten Behauptung darstellte und durch ihre offenbare Kraft und Schnelligkeit Sir Ethelred angenehm überraschte.

»Die Sachlage, die wir unter dieser im Grunde harmlosen Angelegenheit vorfinden, ist – zum mindesten in dieser Schärfe – ungewöhnlich und erfordert besondere Behandlung.«

Sir Ethelreds Stimme klang noch tiefer, voll Überzeugung.

»Das sollte ich wohl meinen, – da es den Gesandten einer fremden Macht angeht!«

»Oh, den Gesandten!« wehrte der Kommissar, schlank und schmächtig, und gestattete sich ein halbes Lächeln. »Es wäre töricht von mir, irgend etwas der Art behaupten zu wollen, und auch ganz unnötig; denn wenn meine Voraussetzungen stimmen, dann ist es eine unwichtige Einzelheit, ob es sich um den Gesandten oder den Pförtner handelt.«

Sir Ethelred tat einen Mund auf, weit wie eine Höhle, in die die Hakennase hineinspähen zu wollen schien. Daraus hervor klang ein gedämpftes Rollen, wie der Ton einer fernen Orgel.

»Die Leute sind tatsächlich unmöglich. Was sie sich nur dabei denken – ihre tatarischen Methoden hier anwenden zu wollen! Ein Türke hätte mehr Lebensart.«

»Sie vergessen, Sir Ethelred, daß wir, genau genommen, nichts wissen – noch nichts.«

»Nein! Aber wie erklären Sie es? Kurz?«

»Unverschämtheit, die sich bis zu einer eigenen Art von Kinderei steigert.«

»Wir können uns nicht mit der Unschuld schlimmer kleiner Kinder befassen«, sagte die große und ausgedehnte Persönlichkeit und schien sich noch ein wenig mehr auszudehnen. Der hochmütige Blick fiel zermalmend auf den Teppich zu des Kommissars Füßen. »Diesmal wird man ihnen richtig auf die Finger klopfen müssen. Dazu müssen wir in der Lage sein – –. Was ist Ihr allgemeiner Eindruck, kurz? Ich brauche keine Einzelheiten.«

»Sehr wohl, Sir Ethelred. Grundsätzlich möchte ich festhalten, daß die Einrichtung von Geheimagenten nicht geduldet werden dürfte, da sie geeignet erscheint, die Übel, die sie bekämpfen soll, zu vermehren. Daß ein Spion seine Meldungen gerne erfindet, ist allgemein bekannt. Sobald es sich aber um politische und revolutionäre Tätigkeit handelt, die zum Teil mit Gewalt einhergeht, hat der Berufsspion jede Möglichkeit, die Tatsachen selbst zurecht zu machen und damit das doppelte Übel, einerseits der Nacheiferung, andererseits der Panik, überstürzter Gesetzgebung und sinnlosen Hasses zu erzeugen. Nun ist ja diese Welt nicht vollkommen –«

Die tiefe Stimme des Gewaltigen, der bewegungslos, die mächtigen Ellenbogen gespreizt, am Kamin stand, fiel hastig ein:

»Drücken Sie sich deutlich aus, bitte.«

»Jawohl, Sir Ethelred, – keine vollkommene Welt. Sobald mir also die eigene Art dieses Falles klar geworden war, dachte ich, daß er ganz geheim behandelt werden müßte und erlaubte mir, hierher zu kommen.«

»Das war recht«, stimmte der Gewaltige zu, mit einem wohlwollenden Blick über sein Doppelkinn weg. »Es freut mich, daß in eurer Bude drüben doch noch jemand ist, der den Staatssekretär eines gelegentlichen Vertrauens nicht für unwert hält.«

Der Kommissar lächelte belustigt.

»Ich war tatsächlich der Meinung, daß in diesem Falle Heat besser ersetzt würde durch –«

»Oh! Heat? Ein Esel – wie?« rief der große Mann ausgesprochen feindselig.

»Durchaus nicht. Wollen Sie bitte, Sir Ethelred, meinen Worten nicht diese ungerechte Auslegung geben.«

»Was also? Um die Hälfte zu schlau?«

»Auch nicht – oder doch nicht immer. Alle Unterlagen für meine Vermutungen habe ich von ihm. Das einzige, was ich allein entdeckt habe, ist, daß er den Menschen privat benützt hat. Wer wollte ihn tadeln? Er ist ein alter Polizeimann. Er sagte mir wörtlich, daß er Werkzeuge zur Arbeit brauche. Dabei fiel mir ein, daß dieses Werkzeug der Abteilung für besondere Verbrechen ganz übergeben werden sollte, anstatt das private Eigentum des Hauptinspektors Heat zu bleiben. Meine Auffassung unserer Dienstpflichten geht bis zur Unterdrückung der Geheimagenten. Aber Hauptinspektor Heat ist eine langjährige Stütze der Abteilung. Er würde mir vorwerfen, daß ich die guten Sitten untergrabe und zugleich die Arbeit erschwere. Er würde es bitter eine Vorschubleistung nennen, die sich noch auf die Verbrecherkaste der Revolutionäre erstrecke. Es würde ihm eben so erscheinen.«

»Ganz recht. Aber was meinen Sie?«

»Ich meine zunächst, daß es nur ein schwacher Trost ist, erklären zu können, daß irgendein Gewaltakt – durch den Eigentum beschädigt oder Leben vernichtet wurde – nicht den Anarchismus, sondern etwas durchaus anderes zur Ursache hat, irgendeine Art behördlich geschützter Schurkerei. Das ist meiner Meinung nach weit öfter der Fall, als wir vermuten. Dann liegt es auch auf der Hand, daß das Dasein dieser Leute im Solde fremder Regierungen die Wirksamkeit unserer eigenen Überwachung in gewisser Beziehung aufhebt. Ein Spion dieser Art kann es sich leisten, rücksichtsloser zu sein, als der rücksichtsloseste Verschwörer. Seine Tätigkeit kennt keine Hemmungen. Er braucht nicht die Treue, die zu völliger Verneinung, und nicht einmal soviel Gesetzesfurcht, wie noch zur völligen Gesetzlosigkeit gehört. Drittens räumt das Vorhandensein dieser Spione innerhalb der Revolutionsgruppen, deren Beherbergung man uns vorwirft, mit jeder Art von Sicherheit auf. Sie haben vor einiger Zeit von Hauptinspektor Heat beruhigende Versicherungen erhalten. Die waren durchaus nicht unbegründet – und doch geschieht nun dieser Zwischenfall. Ich nenne es einen Zwischenfall, weil der ganzen Sache meiner Meinung nach der Charakter des Endgültigen fehlt. Es fehlt der, wenn auch noch so wilde, leitende Grundgedanke. Das geht für mich gerade aus den Einzelheiten hervor, die den Hauptinspektor Heat so ratlos überraschen. Ich enthalte mich aller Einzelheiten, Sir Ethelred.«

Der Gewaltige am Kamin hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört.

»Ist recht. Fassen Sie sich so kurz wie möglich.«

Der Kommissar deutete durch eine Gebärde aufrichtiger Ergebenheit an, daß er bestrebt sei, sich so kurz wie möglich zu fassen.

»Die Ausführung der Sache zeigt so viel Widersinn und Schwäche, daß ich die starke Hoffnung habe, ihr auf den Grund kommen und etwas ganz anderes dahinter finden zu können, als einen Ausbruch von persönlichem Fanatismus. Zweifellos handelt es sich um einen vorbereiteten Plan. Der wahre Täter scheint an der Hand bis an den Tatort geführt und dann eilig sich selbst überlassen worden zu sein. Es wird angenommen, daß er eigens zur Durchführung dieses Anschlags von weit weg hergeholt wurde. Zugleich aber drängt sich der Schluß auf, daß er nicht genügend englisch verstand, um sich durchfragen zu können, wenn man nicht die etwas phantastische Möglichkeit gelten lassen will, daß er taubstumm war. Nun frage ich mich nur – – Aber das ist müßig. Er ist durch einen Unfall umgekommen, ganz offenbar. Kein außergewöhnlicher Unfall. Aber ein außergewöhnlicher kleiner Umstand, bleibt: die Adresse in seinem Überrock, die gleichfalls durch blanken Zufall entdeckt wurde. Das ist ein unglaublicher, kleiner Umstand, so unglaublich, daß seine Aufklärung notwendig auch den Schlüssel zu der ganzen Sache darstellen muß. Anstatt nun Heat das Weitere in diesem Falle zu überlassen, habe ich vielmehr die Absicht, diesen Schlüssel persönlich zu suchen – alleine, meine ich – und dort, wo er liegen muß, das ist in einem gewissen Laden in der Brett Street und bei einem gewissen Geheimagenten, der seinerzeit einmal der vertraute Spion des seligen Barons Stott-Wartenheim war, des Gesandten einer Großmacht beim Hof von St. James.«

Der Kommissar machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Die Burschen sind tatsächlich eine Pest.« Um seinen schrägen Blick zu dem Gesicht des Sprechers erheben zu können, hatte der Gewaltige am Kamin ruckweise den Kopf hinübergesenkt, was seinem Aussehen eine unerhörte Erhabenheit verlieh.

»Warum lassen Sie Heat nicht machen?«

»Weil er ein alter Beamter ist. Und die haben ihre eigene Moral. Meine Art, die Untersuchung zu führen, würde ihm völlig pflichtwidrig erscheinen, denn für ihn ist es ein klares Gebot der Pflicht, die Schuld auf so viele bekannte Anarchisten zu wälzen, als es ihm auf Grund der schwachen Anzeichen, die er an Ort und Stelle gefunden hat, nur möglich ist; während ich, so würde er sagen, mich bemühe, ihre Unschuld zu erweisen. Ich versuche, mich so deutlich wie möglich auszudrücken, wenn ich Ihnen nun diese verzwickte Angelegenheit ohne Einzelheiten auseinandersetze.«

»Würde er das, hä?« klang es aus luftiger Höhe von Sir Ethelreds stolzen Lippen.

»Ich fürchte, ja, und zwar mit einer Entrüstung und einem Abscheu, von dem weder Sie noch ich einen Begriff haben. Er ist ein ausgezeichneter Beamter. Wir dürfen seine Pflichttreue nicht unnütz auf die Probe stellen. Das ist immer ein Fehler. Überdies möchte ich freie Hand haben – freiere Hand, als es vielleicht angezeigt wäre, dem Hauptinspektor Heat zu gewähren. Ich habe nicht die leiseste Absicht, diesen Mann Verloc zu schonen. Er wird, stelle ich mir vor, höchlichst bestürzt sein, wenn er sieht, daß seine Beteiligung an dieser Sache, welcher Art sie auch immer sein mag, so schnell aufgedeckt wurde. Es wird wohl nicht allzu schwer halten, ihn einzuschüchtern. Unser wahres Ziel aber liegt irgendwo hinter ihm. Ich erbitte Ihre Erlaubnis, ihm die Gewähr persönlicher Sicherheit zusagen zu dürfen, die ich für angemessen halte.«

»Gewiß«, sagte der Gewaltige am Kamin. »Bringen Sie heraus, soviel Sie können; bringen Sie es auf Ihre Weise heraus.«

»Ich muß ohne Zeitverlust darangehen, heute abend noch«, sagte der Kommissar.

Sir Ethelred schob eine Hand unter den Rockschoß, warf den Kopf zurück und sah den Kommissar fest an.

»Wir werden heute eine lange Nachtsitzung haben«, sagte er. »Kommen Sie mit Ihren Entdeckungen ins Parlament, wenn wir noch dort sind. Ich werde Toodles sagen, daß er nach Ihnen ausschauen soll. Er wird Sie in mein Zimmer führen.«

Die zahlreiche Familie und der Bekanntenkreis des jugendlichen Privatsekretärs erhofften für ihn ein erhabenes Los. Unterdessen wurde er von der Gesellschaft, die er in seinen Mußestunden zu schmücken liebte, mit dem erwähnten Spitznamen belegt. Sir Ethelred, der ihn täglich von seiner Frau und seinen Töchtern (meistens beim Frühstück) aussprechen hörte, hatte ihn ernsthaft übernommen und damit geadelt.

Der Kommissar war freudig überrascht.

»Gewiß will ich meine Entdeckungen ins Parlament bringen, für den Fall, daß Sie Zeit finden sollten –«

»Ich werde keine Zeit haben«, unterbrach der Gewaltige, »aber ich werde Sie empfangen. Auch jetzt habe ich keine Zeit – – – Und Sie wollen selbst gehen?«

»Jawohl, Sir Ethelred, ich glaube, daß es das beste ist.«

Der Gewaltige hatte den Kopf so weit zurückgelehnt, daß er, um den Kommissar noch sehen zu können, die Augen fast schließen mußte.

»Hm, so. Und wie denken Sie wollen Sie eine Verkleidung anlegen?«

»Eine Verkleidung kaum. Natürlich werde ich mich umziehen.«

»Natürlich«, wiederholte der große Mann etwas zerstreut. Er wandte langsam sein mächtiges Haupt und warf über die Schulter weg einen majestätischen Blick auf die Marmoruhr mit dem leisen, schnellen Ticken. Die Messingzeiger hatten die Gelegenheit benützt, hinter seinem Rücken den Abstand von nicht weniger als fünfundzwanzig Minuten zu durcheilen.

Der Kommissar, der sie nicht sehen konnte, wurde indessen ein wenig unruhig. Doch der große Mann kehrte ihm ein unverändert ruhiges Gesicht zu.

»Ganz recht«, sagte er und hielt inne, wie in betonter Geringschätzung der amtlichen Uhr. »Aber was hat Sie zuerst in diese Richtung gedrängt?«

»Ich bin immer der Meinung gewesen ...« begann der Kommissar.

»O ja! Meinung! Natürlich! Aber der unmittelbare Beweggrund?«

»Was soll ich sagen, Sir Ethelred? Das Widerstreben eines neuen Mannes gegen alte Methoden. Der Wunsch, etwas aus erster Hand zu erfahren. Ein wenig Ungeduld. Es ist mein alter Beruf im neuen Gewand. Es hat mich ein wenig gekitzelt.«

»Ich hoffe, Sie werden es da drüben vorwärtsbringen«, sagte der große Mann gütig und streckte seine Hand aus, die zwar weich, doch breit und kraftvoll war, wie die eines hochgekommenen Farmers. Der Kommissar schüttelte sie und zog sich zurück.

Im Vorzimmer harrte Toodles wartend auf der Tischkante und trat ihm nun ohne die sonstige Jungenart entgegen.

»Nun? Zufrieden?« fragte er mit wichtiger Miene.

»Ganz und gar. Sie haben sich meine unauslöschliche Dankbarkeit gesichert«, gab der Kommissar zurück, dessen langes Gesicht hölzern wirkte neben dem gemachten Ernst des andern, das alle Augenblick bereit schien, in Lachen auszubrechen.

»Das ist recht. Aber im Ernst, Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ihn die Angriffe auf seinen Gesetzesvorschlag über die Verstaatlichung der Fischereien aufregen! Sie nennen es den ersten Schritt zur Sozialisierung. Natürlich ist es eine revolutionäre Maßnahme. Aber die Burschen haben keine Lebensart; die persönlichen Angriffe –«

»Ich lese die Zeitungen«, bemerkte der Kommissar.

»Ekelhaft, was? Und Sie machen sich keine Vorstellung, welche Masse von Arbeit er täglich zu bewältigen hat. Das macht er alles alleine. Scheint diese Fischereien niemand anvertrauen zu wollen.«

»Und doch hat er eine volle halbe Stunde darauf verwandt, mein kleines Anliegen anzuhören«, warf der Kommissar ein.

»Klein? So? Freut mich zu hören. Aber es ist doch schade, daß Sie dann nicht lieber weggeblieben sind. Dieser Kampf nimmt ihn schrecklich her. Er reibt sich auf. Das merke ich an der Art, wie er sich auf meinen Arm stützt, wenn wir hinübergehen. Und dann möchte ich wissen: ist er auf der Straße sicher? Mullins hat heute nachmittag seine Leute hergebracht. An jedem Laternenpfahl steht ein Schutzmann und jeder zweite Mensch, dem wir von hier bis Palace Yard begegnen, ist unverkennbar ein ›Verdeckter‹. Das muß ihm nächstens auf die Nerven gehen. Die ausländischen Schufte werden doch nichts nach ihm werfen – oder doch? Das wäre ein nationales Unglück! Das Land kann ihn nicht entbehren.«

»Sie selbst nicht zu vergessen. Er stützt sich auf Ihren Arm«, fügte der Kommissar anzüglich hinzu. »Sie wären alle beide geliefert.«

»Das wäre wohl für einen jungen Menschen der einfachste Weg, um in die Weltgeschichte zu kommen? Es sind ja noch nicht so viele britische Minister umgebracht worden, daß man es einen nebensächlichen Zufall nennen könnte. Aber im Ernst –«

»Ich fürchte sehr, daß Sie etwas zu leisten haben werden, wenn Sie wirklich in die Weltgeschichte kommen wollen. Ganz im Ernst, außer der Überarbeitung sehe ich keine Gefahr für Sie beide.«

Der sympathische Toodles ergriff freudig diesen Anlaß zu einem Gelächter.

»Die Fischereien werden mich nicht umbringen. Ich bin an späte Stunden gewöhnt«, erklärte er leichthin. Gleich aber schlug ihm das Gewissen, und er nahm staatsmännischen Ernst an, wie man einen Handschuh anzieht. »Sein starker Kopf ist jeder Arbeit gewachsen. Nur für seine Nerven habe ich Angst. Die reaktionären Parteien mit dem Lästermaul Cheeseman an der Spitze beschimpfen ihn jeden Abend.«

»Wenn er darauf besteht, eine Revolution zu beginnen«, murmelte der Kommissar.

»Die Zeit ist da, und er ist der Einzige, der für dieses Werk groß genug ist«, rief der revolutionäre Toodles eifrig und hielt dem ruhigen und forschenden Blick des Kommissars unverzagt stand. Irgendwo im Korridor schrillte eine Glocke, und der junge Mann spitzte in wachem Eifer die Ohren. »Jetzt ist er fertig zum Gehen«, flüsterte er noch, griff nach seinem Hut und stürzte hinaus.

Der Kommissar verließ den Raum weniger lebhaft durch eine andere Türe. Wieder kreuzte er die breite Hauptstraße, durchschritt eine enge Nebengasse und betrat eilig sein eigenes Amtsgebäude. Er behielt seinen Sturmschritt bis zur Schwelle seines Zimmers bei. Bevor er noch die Türe richtig geschlossen hatte, suchten seine Augen schon den Tisch ab. Er stand einen Augenblick still, ging dann weiter, suchte ringsum auf dem Boden, setzte sich in seinen Stuhl, zog eine Klingel und wartete.

»Hauptinspektor Heat schon weg?«

»Jawohl, Herr. Seit einer halben Stunde.«

Er nickte. »Ist recht.« Dann blieb er still sitzen, den Hut aus der Stirne geschoben, und dachte, daß Heats verdammte Stirn dazu gehörte, das einzige Beweisstück einfach mitzunehmen. Der Gedanke war aber frei von Feindseligkeit. Altgediente, treue Beamte erlauben sich Freiheiten. Der Fetzen von dem Überrock mit der aufgenähten Adresse war sicher kein Ding, das man herumliegen ließ. Er verbannte den Gedanken an diesen Beweis von Inspektor Heats Mißtrauen aus seinem Kopf; dann sandte er seiner Frau eine kurze Mitteilung des Inhalts, sie möchte ihn bei der Gönnerin von Michaelis, in deren Hause sie zum Abendessen geladen waren, entschuldigen.

In einer Nische hinter einem Vorhang befand sich ein Waschtisch, ein hölzerner Kleiderrechen und ein Bord. Er wählte eine kurze Jacke und einen niedrigen runden Hut, die die Länge seines ernsten, braunen Gesichts ausgezeichnet zur Geltung brachten. Dann trat er in die Mitte des Zimmers zurück und sah wie die Verkörperung eines kühl wägenden Don Quichotte aus, mit den tiefliegenden Augen eines Eiferers bei aller Gemessenheit des Gehabens. Er verließ die Stätte seiner täglichen Arbeit wie ein verwehender Schatten. Als er auf die Straße kam, war ihm, als stiege er in ein schlammiges Aquarium hinunter, aus dem man das Wasser abgelassen hatte. Trüber, drückender Dunst umgab ihn. Die Wände der Häuser trieften, der Schmutz auf den Fahrwegen schillerte phosphoreszierend, und als er aus einer Seitengasse nahe bei Charing Cross Station auf den Strand hinauskam, teilte sich ihm die örtliche Färbung mit. Er konnte gut für einen der vielen fremden Fischer gelten, die man da abends um die dunklen Ecken flitzen sieht.

Er hielt am Rande des Bürgersteigs an und wartete. Seine geübten Augen hatten in dem verwirrenden Wechsel von Licht und Schatten auf dem Fahrweg ein langsam nahendes Hansom entdeckt. Er gab kein Zeichen; als aber der Wagentritt, langsam den Randstein entlanggleitend, bis zu ihm gekommen war, sprang er geschickt an dem großen Rad vorbei in das Gefährt und rief durch die kleine Klappe den Kutscher an, bevor der Mann, der unter seinem Verdeck vorausspähte, richtig gemerkt hatte, daß er einen Fahrgast bekommen hatte.

Es war keine lange Fahrt; sie endete, auf ein plötzliches Signal hin, an keinem besonderen Endpunkt, einfach zwischen zwei Laternenpfählen vor einem größeren Warenhaus, dessen lange Reihen von Auslagefenstern schon mit Rolläden für die Nacht geschlossen waren. Der Fahrgast reichte durch die Klappe eine Münze hinauf, sprang ab und ging davon, so daß der Kutscher sich eines unheimlichen Eindrucks nicht erwehren konnte. Doch fühlte sich die Geldmünze groß genug an, und da er literarisch unverbildet war, so blieb ihm die Befürchtung fern, das Geldstück in seiner Tasche in ein welkes Blatt verwandelt zu sehen. Da sein Beruf ihn davor bewahrte, jemals zu der Welt der Fahrgäste herabzusinken, so brachte er deren Handlungen nur geringe Anteilnahme entgegen. Die Art, wie er sein Pferd scharf wendete, zeugte von seiner Lebensanschauung.

Inzwischen machte der Kommissar schon seine Bestellung beim Kellner eines kleinen italienischen Gasthauses um die Ecke – in einer jener Fallgruben für die Hungrigen, eng und tief, deren schmale Gassenfront mit Spiegeln und weißen Gedecken angeködert ist, ohne Luft, aber mit eigener Atmosphäre – im Duft betrügerischer Kochkunst, die sich die Ärmsten in ihrer bitteren Lebensnotdurft zum Opfer wählt. In diesem wenig moralischen Dunstkreise schien der Kommissar, während er sein Unternehmen überdachte, noch mehr von seinem Selbst zu verlieren. Er fühlte sich einsam, lockend ungebunden. Das war recht lustig. Als er sein karges Mahl bezahlt hatte und stehend auf das Kleingeld wartete, sah er sich in einem Spiegel und war überrascht von seinem fremdartigen Aussehen. Er betrachtete sein eigenes Bild mit melancholischem Forscherblick und schlug dann in plötzlicher Eingebung den Rockkragen hoch. Das schien ihm vorteilhaft, und er tat noch ein weiteres, indem er die Enden seines schwarzen Schnurrbarts in die Höhe zwirbelte. Die Wirkung, die diese kleinen Veränderungen in seiner Gesamterscheinung hervorriefen, befriedigten ihn. »Das ist ganz ausgezeichnet,« dachte er, »nun muß ich mich noch richtig durchregnen lassen.«

Da gewahrte er den Kellner an seiner Seite und eine kleine Rolle Silbermünzen auf der Tischkante vor ihm. Der Kellner hielt ein Auge auf das Geld, das andere aber auf den Rücken eines großen, nicht sonderlich jungen Mädchens gerichtet, das einem entfernten Tisch zuschritt und so häßlich wie unnahbar aussah. Es schien ein Stammgast zu sein.

Beim Hinausgehn stellte der Kommissar ganz für sich fest, daß der Wirt durch die Hingabe an betrügerische Kochkünste jede nationale und sonstige Eigenart verloren hatte. Und das war auffallend, da ja das italienische Speisehaus eine so beliebte britische Einrichtung ist. Aber den Besuchern fehlte ja ebenso sehr jede Eigenart, wie den Gerichten, die ihnen mit herkömmlichem Anstand vorgesetzt wurden. Auch die Besucher schienen in keiner Weise vom Herkömmlichen abzuweichen, weder in Bezug auf Beruf, Klasse, Kaste oder Rasse. Sie schienen für das italienische Speisehaus geschaffen, wenn man nicht etwa annehmen wollte, daß das italienische Speisehaus für sie geschaffen war. Diese letzte Vermutung aber war unhaltbar, da man sich die Leute an keinem anderen, als an diesem besonderen Orte vorstellen konnte. Nirgendwo sonst trifft man diese rätselhaften Menschen. Man konnte sich keinen klaren Begriff davon machen, welchen Beschäftigungen sie unter Tags nachgingen, und wo sie sich abends zu Bett legten. Auch der Kommissar war nicht mehr er selbst, es wäre für jedermann unmöglich gewesen, seine Beschäftigung zu erraten. Wegen des Zubettegehens hatte sogar er persönlich seine Zweifel. Nicht so sehr bezüglich seiner Wohnung an sich, sondern vielmehr wegen der Zeit, wann er wohl dahin zurückgelangen würde. Ein freudiges Gefühl von Unabhängigkeit erfüllte ihn, während er die schwingenden Glastüren mit gedämpftem Schlag hinter sich zuklappen hörte. Unvermittelt umfing ihn die Unendlichkeit einer Londoner Regennacht, von verlorenen Lampen bestirnt, die würgend über dem schmutzigen, nassen Pflaster lagerte und deren Schwärze aus Ruß und Regentropfen angerührt scheint. Die Brett Street war nicht weit weg. Sie war eine enge Seitengasse eines dreieckigen Platzes, voll mit dunklen, geheimnisvollen Häuschen, kleinen Verkaufsbuden, die nun während der Nacht leer standen. Nur noch der Stand eines Fruchthändlers am Eck strahlte einen grellen Lichtkegel aus. Ringsumher war alles schwarz, und die wenigen Leute, die vorübergingen, waren mit einem Schritt an dem glühenden Haufen von Orangen und Zitronen vorbei und verschwunden. Man hörte keinen Schritt widerhallen. Nie wieder würde man von ihnen hören. Der abenteuerlustige Vorstand der Abteilung für besondere Verbrechen sah diesem Verschwinden aus einigem Abstand mit Interesse zu. Er fühlte sich so leicht, als läge er ganz alleine in einem Dschungel im Hinterhalt, viele tausend Meilen weit weg von Bureautischen mit amtlichen Tintenfässern.

Diese frohe und gehobene Stimmung angesichts einer immerhin nicht unwichtigen Aufgabe scheint ein Beweis, daß diese unsere Welt letzten Endes keine allzu ernsthafte ist. Denn von Natur aus neigte der Kommissar nicht zur Leichtfertigkeit.

Der diensthabende Schutzmann auf dem Rundgang zeichnete seine dunkle Gestalt gegen die leuchtende Pracht der Orangen und Zitronen ab und ging gemächlich in die Brett Street hinein. Der Kommissar hielt sich, als wäre er ein Verbrecher, außer Sicht und wartete auf seine Rückkehr. Doch dieser Schutzmann schien der Abteilung für immer verloren. Er kehrte nie zurück, mußte wohl die Gasse am anderen Ende verlassen haben.

Der Kommissar betrat nun, sobald er zu diesem Schlusse gekommen war, seinerseits die Gasse und geriet an einen großen Packwagen, der vor einer Kutscherkneipe stand. Der Kutscher saß wohl in der Schänke, während die Pferde, die großen Köpfe zu Boden gesenkt, gemächlich aus den Futterbeuteln fraßen. Weiter weg, auf der gegenüberliegenden Seite, drang noch ein verdächtiger, gedämpfter Lichtschein aus Herrn Verlocs Ladenfenster, das mit Zeitungen verhängt und mit Papierschachteln und Büchern vollgestellt war. Der Kommissar betrachtete es über die Straße weg. Es gab keinen Irrtum. Neben dem Ladenfenster, das von den Schattenbildern unkenntlicher Dinge wimmelte, stand die Haustür halb offen und ließ einen schmalen Lichtstreifen von der innen brennenden Gaslampe auf das Pflaster fallen.

Der Packwagen mit den Pferden hinter dem Kommissar verschwamm zu einer Masse, schien ein Lebewesen zu sein, ein breitrückiges, schwarzes Ungeheuer, das die halbe Straße versperrte, mit eisenbeschlagenen Füßen aufstampfte und dazwischen Klirren und schweres Schnauben hören ließ. Der grelle Lichterglanz eines großen, gutbesuchten Gasthauses fiel über eine breite Straße weg vom anderen Ende her in die Gasse herein. Dieser Sperrgürtel von schneidendem Licht schien die Dunkelheit, die sich um den bescheidenen Unterschlupf von Herrn Verlocs häuslichem Glück sammelte, auf sich selbst zurück zu treiben, daß sie noch düsterer und unheilvoller wirkte.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.