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Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
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VI

Die Gönnerin von Michaelis, dem Bewährungsfristapostel, der eine rosige Zukunft für die Menschheit predigte, war eine der einflußreichsten und hervorragendsten Bekannten der Gattin des Kommissars; sie nannte sie Annie und behandelte sie immer noch als ein nicht sehr gescheites und völlig unerfahrenes kleines Mädchen. Immerhin hatte sie sich bereitgefunden, den Kommissar selbst freundlich aufzunehmen, was ihm durchaus nicht bei allen einflußreichen Bekannten seiner Frau geschehen war. Sie hatte vor langer Zeit, in ihrer ersten Jugend, eine glänzende Ehe geschlossen und so vorübergehend genauen Einblick in die hohe Politik gewonnen und einige große Leute kennen gelernt. Sie selbst war eine große Dame. Nun war sie den Jahren nach alt, gehörte aber zu den Ausnahmemenschen, welche die Zeit völlig mißachten wie eine Scheingröße, der sich nur die Menge der Niedriggeborenen nach törichtem Herkommen beugt. Doch ach! auch so manches andere Herkommen, das noch leichter zu mißachten war, fand ihre Anerkennung nicht, gleichfalls aus Gründen des Temperaments – sei es, daß es sie langweilte, oder daß es sich ihren Zu- und Abneigungen in den Weg stellte. Das Gefühl der Bewunderung war ihr unbekannt (und das war einer der Anlässe zu geheimem Kummer für ihren hochadeligen Gemahl), erstens einmal, weil es immer mehr oder weniger auf Durchschnitt deutet, und dann, weil es das Zugeständnis von Unterlegenheit enthält, was beides ihrer Natur völlig fern lag. Eine furchtlose, freimütige Sprache kam ihr leicht an, da sie lediglich von der Höhe ihrer gesellschaftlichen Stellung herab urteilte. Gleich hemmungslos war sie in ihren Handlungen; und da ihr Taktgefühl aus echter Menschlichkeit kam, ihre körperliche Rüstigkeit erstaunlich unverändert blieb und ihre Überlegenheit heiter und herzlich, so hatten sie drei Generationen unendlich bewundert, und die letzte, die sie nach menschlichem Ermessen miterleben sollte, nannte sie eine wundervolle Frau. Sie war klug, mit einem Einschlag schöner Einfalt, von Herzen neugierig, aber nicht, wie so viele Frauen, nur nach leerem Klatsch; so schuf sie sich in ihrem Alter den Zeitvertreib, durch die Macht ihres großen, fast historischen gesellschaftlichen Ansehens alles um sich zu sammeln, was irgendwie über den öden Durchschnitt sich erhob, gesetzmäßig oder nicht, durch Stellung, Witz, Kühnheit, Glück oder Unglück. Königliche Hoheiten, Künstler, Männer der Wissenschaft, junge Staatsmänner und Scharlatane jeder Art und jeden Alters, die wesenlos und unbeschwert wie Korke an die Oberfläche drängen und am besten die Richtung der Zeitströmung anzeigen – alle diese hatte sie in ihrem Hause empfangen, angehört, durchforscht, verstanden, eingeschätzt, zu ihrer eigenen Erbauung. Mit ihren eigenen Worten: sie liebte es, zu sehen, wohin die Welt trieb. Und bei ihrem starken Wirklichkeitssinn war ihr Urteil über Männer und Dinge, wenn auch auf besonderer Voreingenommenheit fußend, selten ganz falsch und nie verschroben. Ihr Salon war wohl der einzige Platz in der weiten Welt, wo ein Polizeikommissar mit einem auf Bewährungsfrist entlassenen Sträfling anders als beruflich und amtlich zusammentreffen konnte. Der Kommissar erinnerte sich nicht mehr genau daran, wer Michaelis eines Nachmittags mitgebracht hatte. Es war wohl ein gewisses Parlamentsmitglied gewesen, das trotz hochmögender Verwandtschaft oft außergewöhnliche Sympathien zeigte und damit zur stehenden Figur in den Witzblättern geworden war. Die wirklichen und die Scheinhelden des Tages führten einer den andern unbekümmert in diesen Tempel ein, den die alte Frau ihrer durchaus nicht kleinlichen Neugier errichtet hatte. Ein Wandschirm aus blauer Seide in Goldleisten teilte von dem großen Empfangsraum, wo sich im Lichte der besonders hohen Fenster stehende und sitzende Gruppen summend unterhielten, eine lauschige Ecke ab, die nur den Vertrautesten zugänglich war; wurde man dort vorgelassen, so konnte man nie wissen, wen man antreffen würde.

Michaelis war der Gegenstand eines Umschwungs der öffentlichen Meinung gewesen. Derselben Meinung, die vor Jahren das harte Todesurteil bejubelt hatte, das wegen seiner Mittäterschaft an einer tollkühnen Gefangenenbefreiung gegen ihn ergangen war. Der Plan der Verschwörer war es gewesen, die Pferde des Polizeitransportwagens niederzuschießen und die Bemannung zu überwältigen. Dabei wurde unglückseligerweise auch ein Polizeiwachtmeister erschossen. Er hinterließ eine Frau und drei kleine Kinder; und der Tod dieses Mannes verursachte im ganzen Reich, für dessen Verteidigung, Wohlfahrt und Ruhm täglich Männer in einfacher Pflichterfüllung starben, einen Ausbruch tiefster Entrüstung und wütenden, rachedurstigen Mitleids mit dem Opfer. Der Rädelsführer wurde gehängt. Michaelis, jung und unbedeutend, Schlosser von Beruf und ein eifriger Besucher der Abendschule, wußte nicht einmal, daß irgend jemand getötet worden war; seine Aufgabe war es gewesen, zusammen mit ein paar anderen die hintere Tür des Transportwagens aufzusprengen. Bei seiner Verhaftung hatte er ein Bündel Dietriche in der einen Tasche, einen schweren Meißel in der anderen und ein kurzes Brecheisen in der Hand: nicht mehr oder weniger als ein Einbrecher. Doch gegen einen Einbrecher wäre niemals ein so hartes Urteil ergangen. Der Tod des Schutzmanns war ihm zu Herzen gegangen, nicht weniger aber der Fehlschlag der Verschwörung. Aus keinem dieser Gefühle hatte er vor den Geschworenen ein Hehl gemacht, und diese unvollkommene Reue hatte im überfüllten Gerichtssaal den schlechtesten Eindruck hervorgerufen. Bei der Verkündigung des Urteils fand der Richter zu Herzen gehende Worte über die Verderbtheit und Verhärtung des jungen Gefangenen. So wurde von seiner Verurteilung viel Aufhebens gemacht, ohne besseren Grund als später von seiner Entlassung; im letzteren Fall durch Leute, die seine Einkerkerung gefühlsmäßig auszuschroten wünschten, sei es, um ihre eigenen Zwecke zu fördern oder ohne erkennbaren Zweck. Er ließ sie, in seiner Unschuld und Herzenseinfalt, alle gewähren. Nichts, was ihm persönlich geschah, hatte irgendwelche Bedeutung. Er war wie jene Heiligen, die über gläubigen Betrachtungen ihre Persönlichkeit vergessen. Seine Gedanken bewegten sich nicht nach der Seite der Überzeugungen; sie waren für Vernunftgründe unzugänglich, formten mit all ihren Widersprüchen und Unverständlichkeiten den unbesieglichen Glauben an die Menschheit, den er mehr bekannte als predigte, mit milder Hartnäckigkeit, ein Lächeln gläubiger Zuversicht auf den Lippen, und die klaren blauen Augen niedergeschlagen; denn der Anblick vieler Gesichter störte seine Begeisterung, die in Einsamkeit groß geworden war. Der Kommissar stellte sich den Bewährungsfristapostel vor, wie er in dem abgetrennten Winkel auf einem der Ehrenplätze saß, in dieser ihm eigenen Haltung, mitleiderregend in seiner grotesken und unheilbaren Fettleibigkeit, die er bis ans Ende seiner Tage mitzuschleppen haben würde, wie ein Galeerensklave die Eisenkugel. Er saß dort zu Häupten des Ruhebettes der alten Dame, seine milde Stimme und Gemütsruhe verrieten nicht mehr Selbstbewußtsein, als es ein kleines Kind haben könnte; auch fehlte ihm nicht ein gewisser kindlicher Reiz, der bezaubernde Reiz der Gläubigkeit. Da er der Zukunft vertraute, deren geheime Wege ihm innerhalb der vier Wände einer bekannten Strafanstalt geoffenbart worden waren, so hatte er keinen Anlaß, irgend jemandem mit Mißtrauen zu begegnen. Wenn es ihm auch nicht gelungen war, der neugierigen großen Dame einen recht klaren Begriff des Ziels beizubringen, dem die Welt zutrieb, so hatte er ihr doch ohne weiters Eindruck gemacht durch seinen Glauben, dem jede Bitterkeit fehlte, und durch seine starke Hoffnungsfreude.

Reinen Seelen an den beiden Enden der gesellschaftlichen Stufenleiter ist eine gewisse Schlichtheit der Denkweise gemeinsam. Die große Dame war schlicht auf ihre besondere Art. Seine Ansichten und sein Glaube hatten nichts, was sie erschrecken oder verletzen konnte, da sie sie von ihrem erhabenen Standpunkt aus beurteilte. Tatsächlich war es für einen Mann dieser Klasse nicht schwer, ihre Zuneigung zu gewinnen. Sie selbst gehörte nicht zu den blutsaugenden Kapitalisten. Sie stand hoch über jedem wirtschaftlichen Kampf. Und ihre Fähigkeit, mit den aufdringlichen Formen menschlichen Elends Mitleid zu empfinden, war unbegrenzt; vielleicht eben darum, weil ihr dies Elend so völlig fremd war, daß sie sich erst in den Zustand des Leidens versetzen mußte, um seine ganze Grausamkeit zu erfassen. Der Kommissar erinnerte sich noch gut an die Unterhaltung zwischen den beiden. Er hatte schweigend zugehört. Die Unterhaltung war teils aufreizend, teils ergreifend gewesen in ihrer offenbaren Sinnlosigkeit, wie etwa der Versuch einer Verständigung über sittliche Fragen zwischen den Einwohnern verschiedener Planeten. Dennoch lag etwas in dieser seltsamen Verkörperung menschlicher Leidensfähigkeit, was die Einbildungskraft beschäftigte. Schließlich erhob sich Michaelis, nahm die ausgestreckte Hand der Hausherrin, schüttelte sie, hielt sie einen Augenblick lang mit freundlicher Unbefangenheit in seinen großen, gepolsterten Tatzen und kehrte dann dem Ehrenwinkel des Salons seinen Rücken zu, der groß und wuchtig die kurze Jacke bis zum Zerreißen spannte. Während er der entfernten Ausgangstür zuwatschelte, blickte Michaelis mit heiterem Wohlwollen über die Schar der anderen Besucher hin. Die gemurmelte Unterhaltung verstummte auf seinem Wege, er lächelte unschuldig einem großen, prachtvollen Mädchen zu, dessen Blick zufällig den seinen gekreuzt hatte, und ging hinaus, ohne sich der Blicke bewußt zu sein, die ihm durch den Raum gefolgt waren. Michaelis' erstes Erscheinen in dieser Welt war ein Erfolg, ein Achtungserfolg, frei von dem leisesten Spott. Die unterbrochenen Unterhaltungen wurden unverändert wieder aufgenommen. Nur ein gutgewachsener, langbeiniger, äußerst kräftig aussehender Mann um die Vierzig, der sich an einem der Fenster mit zwei Damen unterhielt, bemerkte laut, mit unerwarteter Gefühlstiefe: »Mindestens hundertfünfundzwanzig Kilo, schätze ich, und nicht ein Meter siebzig hoch. Armer Kerl! Es ist furchtbar – furchtbar!«

Die Dame des Hauses sah den Kommissar, der mit ihr hinter dem Wandschirm geblieben war, abwesend an und schien hinter der Unbeweglichkeit ihres schönen, alten Gesichts ihre Eindrücke sammeln zu wollen. Männer mit grauen Schnurrbärten, ein Lächeln auf den vollen, gesunden Gesichtern, bogen um die Ecke des Wandschirms und machten ihre Aufwartung; zwei reife Frauen mit dem liebenswürdigen Ausdruck mütterlicher Entschlossenheit; ein glatt rasiertes Wesen mit eingesunkenen Wangen, das mit altmodischer Eleganz ein goldgerändertes Einglas an einem breiten schwarzen Band tanzen lies. Ein ehrerbietiges, doch mit Spannung geladenes Schweigen herrschte einen Augenblick lang, bis die große Dame ohne Bitterkeit, doch mit einer Art kampfbereiter Entrüstung ausrief:

»Und so was wird von Amts wegen für einen Anarchisten gehalten! Was für ein Unsinn!«

Sie sah den Kommissar scharf an, der entschuldigend murmelte:

»Vielleicht nicht für einen gefährlichen.«

»Nicht gefährlich – das sollte ich wohl meinen! Er ist einfach gläubig, er hat das Zeug zu einem Heiligen«, erklärte die große Dame in festem Ton. »Und den haben Sie zwanzig Jahre lang eingesperrt gehalten! Die Dummheit macht einen erschauern. Und nun, da sie ihn frei gelassen haben, sind alle, die ihm einst nahe standen, fortgezogen oder tot. Seine Eltern sind tot, das Mädel, das er heiraten sollte, ist gestorben, während er im Gefängnis war; er hat alle Übung in seinem Handwerk verloren. Das alles hat er mir seelenruhig erzählt; aber dann sagte er, es sei ihm soviel Zeit geblieben, über allerhand nachzudenken. Ein schöner Ausgleich! Wenn das das Holz ist, aus dem Revolutionäre geschnitzt werden, so könnte mancher unter uns auf den Knien zu ihnen wallfahrten«, fuhr sie etwas ausfallend fort, und das leere gesellschaftliche Lächeln auf den weltlichen Gesichtern, die ihr ehrerbietig zugekehrt waren, verhärtete sich zusehends. »Der arme Teufel ist ganz augenscheinlich nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Irgend jemand wird sich um ihn kümmern müssen.«

»Man sollte ihm empfehlen, sich irgendeiner Kur zu unterwerfen«, ließ sich aus einiger Entfernung die militärische Stimme des tatkräftig aussehenden Mannes vernehmen. Er war für sein Alter in glänzender Form, und sogar der Stoff seines Frackanzugs zeigte elastische Schmiegsamkeit, als wäre das Gewebe belebt. »Der Mann ist tatsächlich ein Krüppel«, fügte er mit ehrlicher Empfindung hinzu.

Froh über den Anknüpfungspunkt äußerten verschiedene andere ihr schnelles Mitleid.

»Ganz schrecklich«, »ungeheuer«, »furchtbar anzusehen.« Der schmächtige Mann mit dem Einglas am breiten Band ließ etwas zimperlich das Wort »grotesk« fallen, dessen Richtigkeit von den zunächst Stehenden anerkannt wurde. Sie lächelten einander zu.

Der Kommissar hatte die ganze Zeit seine Meinung für sich behalten, da seine Stellung es ihm verbot, eine irgendwie unabhängige Ansicht über einen mit Bewährungsfrist entlassenen Sträfling kundzutun. Im Grunde deckte sich seine Ansicht mit der der Freundin und Gönnerin seiner Frau, daß nämlich Michaelis ein Menschlichkeitsschwärmer war, ein wenig verrückt, im ganzen aber unfähig, auch nur einer Fliege absichtlich wehe zu tun. Als nun in dieser langweiligen Bombengeschichte plötzlich der Name auftauchte, begriff er sofort die Gefahr, die da dem Bewährungsfristapostel drohte, und begann sich im Geiste nochmals mit der eingewurzelten Voreingenommenheit der alten Dame zu beschäftigen. Ihre etwas launenhafte Güte würde eine Einschränkung von Michaelis' Freiheit nicht ruhig hinnehmen. Dazu war ihre Zuneigung zu tief und zu überzeugt. Sie hatte nicht nur empfunden, daß er ungefährlich war, sondern sie hatte es auch ausgesprochen, und dieser Ausspruch hatte bei ihrer Neigung zum Herrschen das Gepräge einer unwiderruflichen Kundgebung. Es war, als hätte die Ungeheuerlichkeit des Mannes mit seinen unschuldigen Kinderaugen und seinem fetten Engelslächeln sie bezaubert. Sie war fast schon so weit, seine Zukunftstheorien zu glauben, da sie nicht in Widerspruch mit ihren eigenen Vorurteilen standen. Der neu aufsteigende Geldadel mißfielen ihr gründlich, und der Industrialismus schien ihr mit Rücksicht auf seine mechanische Unbelebtheit keine wünschenswerte Entwicklung des Menschengeschlechts. Der Glaube des milden Michaelis lief nicht auf völlige Zerstörung, sondern nur auf den wirtschaftlichen Niedergang dieses Systems hinaus. Und sie sah tatsächlich die sittliche Gefahr darin nicht ein. So würde die Schar der Emporkömmlinge weggefegt werden, die ihr mißfielen und denen sie mißtraute, nicht weil sie irgendwo angekommen waren (das leugnete sie), sondern wegen ihrer tiefgreifenden Verständnislosigkeit für den Sinn der Welt, die die wahre Ursache für ihre Gemütsroheit und Härte bildete. Mit der Vernichtung jeglichen Kapitals mußten auch sie verschwinden; ein allgemeiner Ruin aber (vorausgesetzt, daß er allgemein war, so wie Michaelis ihn sah) würde die gesellschaftlichen Werte unberührt lassen. Das Verschwinden der letzten Geldmünzen konnte Leuten von Rang nichts anhaben. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es z. B. ihre Stellung gefährden konnte. Alle diese Entdeckungen hatte sie vor dem Kommissar entwickelt, mit der heiteren Furchtlosigkeit einer alten Frau, die dem Schicksal greisenhafter Gleichgültigkeit entronnen ist. Er hatte es sich zur Regel gemacht, alle Eröffnungen dieser Art mit einem Schweigen aufzunehmen, das er sich aber aus Politik wie aus Neigung hütete, verletzend scheinen zu lassen. Er hatte ein warmes Gefühl für die bejahrte Schülerin von Michaelis, ein Gefühl, das sich aus der Rücksicht auf ihren Rang, auf ihre Persönlichkeit, vor allem aber aus geschmeichelter Dankbarkeit zusammensetzte. Er fühlte sich in ihrem Hause tatsächlich gerne gesehen; sie war die verkörperte Güte. Und nach Art erfahrener Frauen auch weise. Sie machte ihm sein Eheleben wesentlich leichter, als es ohne die großmütige Anerkennung seiner Rechte als Annies Gatte gewesen wäre. Ihr Einfluß auf seine Frau, die von allerlei kleinlichem Eigennutz, Neid und kleinlicher Eifersucht verzehrt wurde, war ausgezeichnet. Zum Unglück waren sowohl ihre Güte wie ihre Klugheit etwas untergeordneter Art, ausgesprochen weiblich und nicht immer leicht zu ertragen. Sie blieb durch alle ihre Jahre ganz und gar Frau und wurde nicht, wie manche ihrer Geschlechtsgenossinnen, zu einem bösen alten Manne in Unterröcken. Auch lebte sie in seinen Gedanken immer nur als die Frau, als vollendete Verkörperung des Weiblichen, das ja alle Männer, die sich einem Gefühl, ob wahr oder falsch, zu eigen gegeben haben und es verkünden, – Prediger, Seher oder Reformer, – so gerne zum Leitstern nehmen und zum Gefäß ihrer zartesten Sehnsucht.

Wie er so an die ausgezeichnete Freundin seiner Frau und an sich selbst dachte, empfand der Kommissar lebhafte Beunruhigung über das mögliche Schicksal des Sträflings Michaelis. Wurde dieser nämlich einmal verhaftet, auf den, wenn auch leisen Verdacht hin, an diesem Anschlag beteiligt zu sein, so hatte er zum mindesten zu gewärtigen, daß er seine erste Strafe absitzen mußte, und das würde ihn töten. Er würde das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen. Der Kommissar stellte eine Erwägung an, die sich mit seiner amtlichen Eigenschaft schlecht vertrug, ohne deswegen seine Menschlichkeit in ein besonders gutes Licht zu rücken.

»Wenn sie den Burschen nochmals hopp nehmen,« dachte er, »so wird sie mir niemals verzeihen.«

Die Selbsterkenntnis, die darin lag, weckte natürlich seinen Spott. Kein Mann, der in einem ungeliebten Beruf steckt, vermag sich über seine eigene Person auf die Dauer angenehmen Selbsttäuschungen hinzugeben. Der Widerwille, das Fehlen jeglichen Anreizes, übertragen sich von der Arbeit auf die Persönlichkeit. Nur dann, wenn unsere Berufstätigkeit durch glücklichen Zufall sich mit unserer hervorstechenden Veranlagung deckt, vermögen wir den Trost gründlicher Selbsttäuschung zu genießen. Der Kommissar liebte seine Arbeit in der Heimat nicht. Draußen, in einem fernen Winkel der Welt, hatte der gleiche Beruf den angenehmen Beigeschmack eines Kleinkrieges oder zum mindesten doch den Reiz eines Freiluftsports. Seine wirklichen Fähigkeiten lagen zwar mehr auf dem Gebiete der Verwaltung, doch fehlte ihm die Lust zu Abenteuern nicht. Nun, inmitten von vier Millionen Menschen an einen Schreibtisch gefesselt, betrachtete er sich als das Opfer eines launischen Schicksals – des gleichen Schicksals, das ihn mit einer Frau verheiratet hatte, die gegen das koloniale Klima so überempfindlich war und auch sonst sich in Grenzen bewegte, die von der Zartheit ihrer Natur und ihres Geschmacks zeugten. Wenn er nun auch seine Bestürzung belächelte, so verbannte er darum den unziemlichen Gedanken doch nicht aus seinem Hirn. Der Selbsterhaltungstrieb war stark in ihm. Im Gegenteil, er wiederholte sich in gröberen Worten und noch nachdrücklicher: »Verdammt! Wenn der Teufels-Heat seinen Willen bekommt, so wird der Bursche im Gefängnis in seinem eigenen Fett ersticken, und sie wird mir nie verzeihen!«

Seine schwarze, schmächtige Gestalt, nur belebt durch das weiße Band des Kragens unter dem silberschimmernden Haar, blieb reglos. Das Schweigen wurde so drückend, daß Inspektor Heat sich zu räuspern wagte. Das kleine Geräusch hatte seine Wirkung. Der eifrige und intelligente Offizier wurde von seinem Vorgesetzten, dessen Rücken ihm unverwandt zugekehrt blieb, gefragt:

»Sie bringen Michaelis mit der Sache in Verbindung?«

Hauptinspektor Heat äußerte sich bestimmt, aber vorsichtig:

»Nun, Herr,« sagte er, »es sprechen Gründe genug dafür. Und ein Mann wie er sollte eben nicht frei herumlaufen.«

»Sie werden einen schlüssigen Beweis brauchen«, kam die halblaute Gegenrede.

Hauptinspektor Heat hob die Augenbrauen gegen den schwarzen, schmalen Rücken, der hartnäckig seinem Eifer und seiner Intelligenz zugekehrt blieb.

»Es wird wohl keine Schwierigkeiten haben, Beweise gegen ihn zuwege zu bringen«, sagte er nicht ohne Selbstgefälligkeit. »Darin können Sie sich auf mich verlassen, Herr«, fügte er, ganz überflüssig, aus übervollem Herzen hinzu; denn ihm schien es eine ganz ausgezeichnete Sache, diesen Mann in der Hand zu haben, um ihn dem Publikum vorwerfen zu können, falls es sich zu besonderer Entrüstung in diesem Falle verleitet fühlen sollte. Noch war es unmöglich, zu sagen, ob die Leute sich entrüsten würden oder nicht. Das hing natürlich letzten Endes von der Tagespresse ab. In jedem Falle aber war Hauptinspektor Heat, von Beruf Belieferer der Gefängnisse und ein Mann von gesetzmäßigem Instinkt, folgerichtig der Ansicht, daß Einkerkerung das rechte Schicksal für jeden erklärten Feind der Gesellschaft war. Die Strenge dieser Überzeugung verleitete ihn zu einem Taktfehler. Er erlaubte sich ein kleines, eitles Lächeln und wiederholte:

»Lassen Sie das meine Sache sein, Herr!«

Das war zuviel für die erzwungene Ruhe, unter der der Kommissar mehr als achtzehn Monate lang seinen Ärger über das System und die Untergebenen seiner Abteilung verborgen hatte. Wie ein vierkantiger Pfahl in ein rundes Loch gezwängt, hatte er täglich neu die Qual der seit langem ausgeschliffenen glatten Rundung empfunden, in die sich ein nicht so kantiger Mensch wie er nach kurzem Widerstreben willig eingefügt hätte. Was ihn am meisten ärgerte, war eben, daß er sich in so vielen Dingen auf andere verlassen sollte. Beim Klang des kurzen Auflachens fuhr er auf den Absätzen herum, als hätte ihn ein elektrischer Schlag vom Fenster fortgewirbelt. Dabei überraschte er auf dem Gesicht seines Inspektors nicht nur das selbstgefällige Zucken um den Schnurrbart, das der Gelegenheit angemessen war, sondern auch den Schimmer forschender Prüfung in den Augen, die zweifellos auf seinen Rücken gerichtet gewesen waren und nun, als sein Blick sie traf, erst nach einer Sekunde den Ausdruck bloßer Verwunderung annahmen.

Der Polizeikommissar brachte wirklich einige Anlage für seinen Posten mit. Plötzlich war sein Verdacht erweckt. Es muß allerdings gesagt werden, daß sein Verdacht gegen die polizeiliche Methode (ausgenommen, wenn die Polizei eine halb militärische Körperschaft und von ihm selbst organisiert war) leicht zu erwecken war. Wenn dieser Verdacht jemals aus bloßer Müdigkeit schlummerte, so doch nur leicht; und seine Wertschätzung für Inspektor Heats Eifer und Geschicklichkeit, an sich gemäßigt, schloß jeden Ansatz zu ehrlichem Vertrauen aus. »Er hat etwas im Sinn«, sagte er sich und wurde auch schon zornig. Er ging mit langen Schritten zu seinem Tisch und setzte sich heftig nieder. »Da stecke ich nun in einem Papiersarg,« überlegte er mit unvernünftiger Bitterkeit, »soll angeblich alle Fäden in meiner Hand halten und kann doch nur halten, was mir in die Hand gelegt wird und sonst nichts. Und die anderen Enden der Fäden können sie anbinden, wo sie mögen.«

Er hob den Kopf und wandte seinem Untergebenen ein langes, mageres Gesicht zu, mit den scharfen Zügen eines energischen Don Quichotte.

»Was haben Sie für Hintergedanken?«

Der andere starrte. Er starrte in völliger Reglosigkeit seiner runden Augen, wie er es gewöhnt war, die verschiedenen Mitglieder der Verbrecherklasse anzustarren, wenn sie, gehörig gewarnt, ihre Aussagen machten, im Tone gekränkter Unschuld, falscher Einfältigkeit oder dumpfer Ergebung. Hinter dieser beruflichen Starrheit verbarg sich aber auch Überraschung, denn in diesem Tone, in dem sich Ungeduld und Geringschätzung deutlich paarten, war Hauptinspektor Heat, die rechte Hand der Abteilung, nicht gewöhnt, angeredet zu werden. Er sprach zögernd, wie jemand, der durch ein neues und unerwartetes Ereignis überrumpelt wird:

»Was ich gegen diesen Michaelis habe, meinen Sie, Herr?«

Der Kommissar betrachtete sich den runden Kopf, die Spitzen des Wikinger-Schnurrbarts, die bis über den schweren Unterkiefer herabfielen, das ganze große und bleiche Gesicht, dessen entschlossener Ausdruck unter der Vollfleischigkeit litt, die listigen Runzeln, die von den Augenwinkeln ausstrahlten – und während dieser eingehenden Betrachtung des vertrauenswürdigen Offiziers kam ihm eine Überzeugung, so unvermittelt, daß er sie wie eine Eingebung empfand.

»Ich habe allen Anlaß zu glauben,« sagte er gemessen, »daß Sie beim Betreten dieses Zimmers durchaus nicht Michaelis im Auge hatten, wenigstens nicht in erster Linie – vielleicht gar nicht.«

»Sie haben Anlaß zu glauben, Herr?« murmelte Inspektor Heat mit allen Anzeichen eines Erstaunens, das bis zu einem gewissen Grade echt war. Er hatte an dieser Angelegenheit eine verblüffend heikle Seite entdeckt, die einen gewissen Grad von Unaufrichtigkeit nötig machte – jene Unaufrichtigkeit, die unter der Bezeichnung Kunstfertigkeit, Klugheit, Verschwiegenheit da und dort in den meisten menschlichen Angelegenheiten auftaucht. Er kam sich im Augenblick vor wie etwa ein Seiltänzer, der es erleben muß, daß mitten während der Vorführung der Varietédirektor aus seiner sauberen Abgeschlossenheit hervorstürzt und an dem Seil zu rütteln beginnt. Natürlich, das Gefühl sittlicher Haltlosigkeit angesichts dieses verräterischen Vorgehens, dazu noch die zwingende Vorstellung eines gebrochenen Genicks, würden, landläufig ausgedrückt, den Mann in Zustände versetzen. Auch mußte er sich als Künstler getroffen fühlen, denn ein Mann muß immer noch jenseits seiner eigenen Persönlichkeit einen Halt haben, in den er seinen Stolz setzen kann, sei es die gesellschaftliche Stellung oder die berufliche Pflicht, oder einfach die erhabene Muße, deren er sich erfreuen darf.

»Jawohl,« sagte der Kommissar, »den habe ich. Ich will nicht sagen, daß Sie an Michaelis überhaupt nicht gedacht haben; sie geben aber der Tatsache, die Sie erwähnen, eine Wichtigkeit, die mir nicht ganz sauber vorkommt, Herr Heat. Wenn die Untersuchung wirklich diese Fährte ergeben hat, warum haben Sie sie dann nicht sofort verfolgt, entweder persönlich oder indem Sie einen Ihrer Leute in das Dorf geschickt haben?«

»Glauben Sie, Herr, daß ich hierin meine Pflicht vernachlässigt habe?« fragte der Hauptinspektor in einem Tone, den er sich mühte, einfach nachdenklich klingen zu lassen. Da er sich unerwartet gezwungen sah, mit allen Kräften nur das Gleichgewicht zu bewahren, so war er darauf verfallen, und setzte sich damit einer Abfuhr aus; denn der Kommissar bemerkte mit leichtem Stirnrunzeln, daß er die Frage durchaus unangebracht fände.

»Da Sie sie aber gestellt haben,« fuhr er kalt fort, »so will ich Ihnen sagen, daß dies nicht meine Ansicht ist.«

Er verstummte, doch in dem unverwandten Blick seiner tiefliegenden Augen war die unausgesprochene Fortsetzung zu lesen: »Und Sie wissen es.« Der Vorstand der Abteilung für sogenannte besondere Verbrechen, durch seine Stellung daran gehindert, persönlich im Außendienst Geheimnisse in schuldigen Herzen aufzuspüren, fühlte plötzlich die Lust, sein beträchtliches Talent in der Entdeckung peinlicher Wahrheiten bei seinem eigenen Untergebenen zu üben. Das konnte schwerlich als Schwäche bezeichnet werden, es war nur natürlich. Er war der geborene Detektiv. Dies hatte unbewußt seine Berufswahl bestimmt und wenn jemals, so hatte es ihn vielleicht bei dem einen ungewöhnlichen Anlaß seiner Ehe im Stich gelassen – was abermals natürlich war. Nun wirkte sich diese Veranlagung, da ihr die freie Betätigung versagt war, an den Menschen aus, die in seiner amtlichen Abgeschlossenheit mit ihm in Berührung kamen. Wir können nie aufhören, wir selbst zu sein.

Den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die dünnen Beine gekreuzt, die Wange in die magere Hand gelegt, nahm der Kommissar, dem die besonderen Verbrechen zugeteilt waren, den Fall mit wachsender Anteilnahme in die Hand. Sein Hauptinspektor war, wenn schon nicht der unbedingt würdigste, so doch der würdigste Gegenstand für seinen Forschertrieb, der ihm erreichbar war. Dem Kommissar als geborenem Detektiv lag das Mißtrauen gegen festgeprägten Leumund. Er rief sich die Erinnerung an einen gewissen reichen, eingeborenen Häuptling wach, alt und fett, dem die aufeinanderfolgenden Gouverneure der entlegenen Kolonie in lieber Gewohnheit vertraut und als einem verläßlichen Freunde und Helfer der von den Weißen geschaffenen Ordnung große Ehre erwiesen hatten; während eine unbefangene Untersuchung doch ergeben hatte, daß er nur sein eigener und sonst niemandes guter Freund war. Nicht gerade ein Verräter, aber doch ein Mann, dessen Treue nicht unerheblich begrenzt war durch vielerlei Rücksichten auf seinen Vorteil, sein Wohlleben und seine Sicherheit; ein Bursche, der in seiner kindlichen Zwiespältigkeit unschuldig, aber doch gefährlich war. Er war nicht leicht zu überführen gewesen, er war auch körperlich groß, und Hauptinspektor Heats Erscheinung erinnerte (mit Ausnahme der Farbe natürlich) seinen Vorgesetzten an ihn. Die Augen und die Lippen stimmten nicht ganz. Merkwürdig. Aber berichtet nicht Alfred Wallace in seinem berühmten Buch über den Malaiischen Archipel, daß er unter den Bewohnern der Insel Aru einen alten, nackten, dunkelhäutigen Wilden fand, der einem lieben Freunde des Verfassers verblüffend ähnlich sah?

Zum erstenmal, seit er seinen Posten übernommen, hatte der Kommissar das Gefühl, als könnte er nun für sein Gehalt wirklich etwas leisten. Und das war durchaus erfreulich. »Ich will ihn umstülpen, wie einen alten Handschuh«, dachte der Kommissar, während er seinen Blick nachdenklich auf dem Inspektor ruhen ließ.

»Nein, das war nicht mein Gedankengang«, hob er wieder an. »Es besteht kein Zweifel darüber, daß Sie Ihr Geschäft verstehen – durchaus kein Zweifel; und eben darum möchte ich –« Er unterbrach sich und wechselte den Ton: »Was haben Sie Schlüssiges gegen Michaelis vorzubringen? Ich meine außer der Tatsache, daß die der Tat verdächtigen zwei Leute – Sie sind sicher, daß es zwei waren – von einer Station herkamen, etwa drei Meilen von dem Dorf weg, wo Michaelis augenblicklich lebt?«

»Das allein muß für uns ein genügender Anhaltspunkt sein«, sagte der Hauptinspektor, der seine Fassung wiedergewann. Das kurze, zustimmende Kopfnicken des Kommissars reichte bei weitem nicht hin, um die gekränkte Verwunderung des bewährten Offiziers zu beheben. Denn Hauptinspektor Heat war ein guter Mann, ein ausgezeichneter Gatte und liebreicher Vater; und das öffentliche und dienstliche Vertrauen, dessen er sich erfreuen konnte, machte ihn, wie bei seiner Gutartigkeit nicht anders zu erwarten, geneigt, den aufeinanderfolgenden Kommissaren, denen er in diesem selben Raume schon gegenübergestanden hatte, freundliche Gefühle entgegen zu bringen. Er hatte drei erlebt. Der erste, ein militärischer, kurz angebundener Mann mit weißen Augenbrauen in einem roten Gesicht und zu Ausbrüchen geneigt, ließ sich an einem seidenen Faden lenken. Er schied aus, weil er die Altersgrenze erreicht hatte. Der zweite, ein vollkommener Gentleman, der ein bewunderungswürdiges Feingefühl dafür hatte, was sich für ihn wie für jedermann sonst geziemte, ging ab, um außerhalb Englands einen höheren Posten anzutreten und bekam dabei einen Orden für (tatsächlich) Inspektor Heats Verdienste. Es war ein Stolz und eine Freude gewesen, mit ihm zu arbeiten. Der dritte, zunächst ein unbeschriebenes Blatt, war nach Ablauf von achtzehn Monaten für die Abteilung immer noch ein unbeschriebenes Blatt. Im ganzen genommen hielt ihn Inspektor Heat für harmlos; übel aussehend, aber harmlos. Er sprach nun, und der Inspektor hörte ihm mit äußerlicher Ehrerbietung zu (die Pflicht und darum nichtssagend ist), innerlich aber mit wohlwollender Duldsamkeit.

»Michaelis hat sich abgemeldet, bevor er aus London auf das Land reiste?«

»Jawohl, Herr, das hat er.«

»Und was tut er wohl dort?« fuhr der Kommissar fort, der ja darüber genau Bescheid wußte. In einen alten Armstuhl gezwängt, vor einem wurmstichigen Eichentisch, im Oberstock eines Landhäuschens mit moosigem Ziegeldach, schrieb Michaelis Nacht und Tag mit zittriger, schiefer Handschrift die »Lebensgeschichte eines Sträflings«, ein Buch, das zu einer Offenbarung in der Geschichte der Menschheit werden sollte. Die günstigen Vorbedingungen für seine Erleuchtung waren gegeben – der beengte Raum, die Abgeschlossenheit und Einsamkeit. Er konnte sich wie im Gefängnis fühlen, abgesehen davon, daß er von dem Zwang verschont war, sich Bewegung zu machen, der zu der tyrannischen Zeiteinteilung seiner früheren Anstalt gehört hatte. Er konnte nicht sehen, ob die Sonne noch auf die Erde schien oder nicht. Der Schweiß geistiger Arbeit tropfte ihm von der Stirne. Eine köstliche Begeisterung trieb ihn voran. Es war die Befreiung seines Innersten, er ließ seine Seele in die weite Welt hinaus. Und sein von argloser Eitelkeit genährter Eifer (erstmals durch das Verlagsangebot von fünfhundert Pfund geweckt) wirkte vorherbestimmt und heilig.

»Es wäre natürlich höchst wünschenswert, genaue Nachricht darüber zu haben«, beharrte der Kommissar hinterhältig.

Hauptinspektor Heat empfand angesichts dieser Gründlichkeit neuen Ärger und sagte, daß der Landpolizei Michaelis' Ankunft sofort angezeigt worden, und daß eine genaue Meldung in wenig Stunden zu haben sei. Ein Telegramm an den Postenkommandanten –

Das sagte er langsam und schien in Gedanken schon die Folgen zu erwägen. Ein leichtes Zusammenziehen der Brauen deutete darauf hin. Doch wurde er durch eine Frage unterbrochen.

»Sie haben dieses Telegramm schon abgeschickt?«

»Nein, Herr«, antwortete er, wie überrascht.

Der Kommissar stellte plötzlich beide Füße auf den Boden. Die Bewegung war unvermittelt und stand im Widerspruch mit der leichten Art, in der er die Frage hinwarf:

»Glauben Sie zum Beispiel, daß Michaelis mit der Herstellung der Bombe irgend etwas zu tun hatte?«

Der Inspektor machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Das möchte ich nicht sagen. Es ist auch nicht nötig, jetzt irgend etwas zu sagen. Er ist der Genosse von Leuten, die als gefährlich gelten. Er wurde zum Abgeordneten des Roten Komitees gewählt, kaum ein Jahr, nachdem er auf Bewährungsfrist entlassen war. Eine Art Anerkennung, vermute ich.« Und dann lachte der Inspektor ein wenig ärgerlich, ein wenig geringschätzig. Einem solchen Mann gegenüber waren Bedenken übel angebracht und sogar ungesetzlich. Die Berühmtheit, zu der gelegentlich seiner Entlassung vor zwei Jahren einige gefühlsduselige Journalisten Michaelis verholfen hatten, in der Hoffnung, damit größere Auflagen zu erzielen, wurmte den Inspektor immer noch. Es war vollkommen gesetzmäßig, den Mann auf den Schatten eines Verdachtes hin zu verhaften. Es war gesetzlich und überdies handgreiflich vorteilhaft. Das hätten seine zwei früheren Vorgesetzten ohne weiteres eingesehen; während dieser hier, ohne Ja oder Nein zu sagen, wie traumverloren dasaß. Überdies mußte auch die Verhaftung von Michaelis, abgesehen davon, daß sie gesetzlich und vorteilhaft war, eine kleine persönliche Schwierigkeit beseitigen, die den Inspektor ein wenig bedrückte. Diese Schwierigkeit störte seinen Ruf, sein Behagen und sogar die wirksame Erfüllung seiner Berufspflichten. Denn wenn auch Michaelis zweifellos etwas von dem Anschlag wußte, so war der Inspektor doch ganz sicher, daß er nicht zuviel wußte, und das war gerade recht. Er wußte weit weniger –, darin konnte sich der Inspektor nicht irren – als gewisse andere Leute, an die er denken mußte, deren Verhaftung aber untunlich und mit Rücksicht auf die Spielregeln vielleicht auch schwieriger war. Diese Spielregeln schützten Michaelis, der ein entlassener Sträfling war, weit weniger. Es war töricht, gesetzliche Vorteile nicht wahrzunehmen, und die Journalisten, die ihn gefühlsduselig bis in den Himmel gehoben hatten, würden sich gewiß bereit finden lassen, ihn gleich gefühlsduselig wieder herunterzureißen. –

Dieser hoffnungsfrohe Ausblick gab dem Inspektor das Gefühl persönlichen Triumphes; und zutiefst in seinem untadeligen Busen eines verheirateten Bürgers, fast unbewußt und doch nachdrücklich, sprach die Abneigung dagegen mit, die Ereignisse könnten ihn etwa zwingen, mit dem verzweifelten, blutdürstigen Professor anzubinden. Diese Abneigung hatte sich beim zufälligen Zusammentreffen in dem Durchlaß verstärkt. Die Begegnung hatte in dem Inspektor durchaus nicht das erfreuliche Gefühl von Überlegenheit hinterlassen, das die Mitglieder der Polizeimacht von nichtamtlichen, doch engen Berührungen mit der Verbrecherkaste mitzunehmen pflegen und wodurch ihr Machtgefühl gekitzelt und der Gedanke, über Mitgeschöpfe zu herrschen, in gebührendem Maße bekräftigt wird.

Der vollkommene Anarchist wurde von Hauptinspektor Heat nicht als Mitgeschöpf anerkannt. Er war einfach unmöglich – ein toller Hund, den man sich selbst überlassen mußte. Nicht, daß der Hauptinspektor ihn gefürchtet hätte; im Gegenteil, er gedachte ihn eines Tages festzukriegen. Aber noch nicht jetzt; er wollte ihn zur rechten Zeit packen, sauber und richtig, ganz nach den Spielregeln. Dies war nicht der rechte Augenblick, um ein Ende zu machen, und zwar aus vielen Gründen, öffentlicher und allgemeiner Art. Aus diesem beherrschenden Gefühl heraus schien es für Inspektor Heat richtig und angebracht, die Angelegenheit, deren noch unbekannte Spuren weiß Gott wohin führen mochten, auf ein ruhiges (und einwandfreies) Seitengeleise zu schieben mit Namen Michaelis; und er wiederholte, als dächte er über die Anregung seines Vorgesetzten emsig nach:

»Die Bombe. – Nein, das möchte ich nicht sagen. Das werden wir wohl nie herausbringen. Doch ist es klar, daß er damit irgendwie in einem Zusammenhange steht, den wir mühelos aufdecken werden.«

Sein Gesicht zeigte den ernsten, überwältigenden Gleichmut, der einst unter den besseren Dieben so bekannt und gefürchtet war. Hauptinspektor Heat, wenn auch sozusagen ein Mann, gab sich doch nicht in bloßem Lächeln aus. Innerlich aber konnte er seine Genugtuung über die scheinbare Bereitwilligkeit nicht unterdrücken, mit der der Kommissar seine Meinung aufnahm:

»Sie glauben also wirklich, daß die Untersuchung nach dieser Richtung hin geführt werden müßte?«

»Jawohl, Herr.«

»Ganz überzeugt?«

»Jawohl, Herr, daran müssen wir uns halten.«

Der Kommissar entzog seinem geneigten Kopf die Stütze seiner Hand mit einer Plötzlichkeit, die angesichts der lässigen Haltung den ganzen Mann mit Zusammenbruch zu bedrohen schien. Wider Erwarten aber richtete er sich mit größter Beweglichkeit auf und ließ die Hände auf den großen Schreibtisch niederfallen, daß es wie ein scharfer Schlag klang.

»Was ich wissen möchte, ist, warum Ihnen das jetzt erst in den Kopf kommt?«

»In den Kopf kommt«, wiederholte der Hauptinspektor sehr langsam.

»Jawohl, erst als Sie hier hereingerufen wurden – das wissen Sie selbst.«

Der Inspektor hatte die Empfindung, als würde die Luft zwischen seinem Anzug und seiner Haut unangenehm erhitzt, eine Empfindung, die allen Reiz unglaublicher Neuheit hatte.

»Natürlich«, sagte er und betonte die Behutsamkeit seiner Worte bis zur Grenze des Möglichen. »Wenn es einen Grund gibt – den ich nicht kenne –, den Sträfling Michaelis in Ruhe zu lassen, so wäre es vielleicht besser, ich ließe die Landpolizei nicht auf ihn los.«

Dieser Ausspruch brauchte so lange Zeit, daß die Ausdauer, mit der der Kommissar ihn anhörte, aller Bewunderung wert schien. Seine Erwiderung kam ohne Zögern.

»Durchaus keinen Grund, der mir bekannt wäre. Kommen Sie, Herr Heat, diese Spitzfindigkeit mir gegenüber ist nicht nett von Ihnen – gar nicht nett. Und auch nicht anständig, müssen Sie wissen. Sie sollten mich die Sache nicht so mühsam alleine auseinanderklauben lassen. Ich bin wirklich überrascht.«

Er schwieg eine Weile und fügte dann sanft hinzu: »Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß diese Unterhaltung ganz außerdienstlich ist.«

Diese Worte waren für den Inspektor alles eher als beruhigend. Immer noch befand er sich im Zustand eines verratenen Seiltänzers. Es kränkte seinen Stolz als eifriger Diener, daß also das Seil nicht geschüttelt worden war, damit er sich den Hals breche, sondern vielmehr aus blanker Unverschämtheit. Als ob irgend jemand sich fürchtete! Kommissare kommen und gehen, aber ein tüchtiger Hauptinspektor ist keine Eintagsfliege in einer Abteilung. Er fürchtete nicht, sich den Hals zu brechen. Daß man ihm sein Auftreten verpatzt hatte, war Grund genug zu ehrlicher Entrüstung. Und da die Gedanken keine Ehrerbietung gegen Personen kennen, so nahmen die Gedanken des Hauptinspektors drohend prophetische Formen an. »Du, mein Junge,« sagte er zu sich selbst und hielt seine runden und sonst so beweglichen Augen starr auf den Kommissar gerichtet, »du, mein Junge, kennst deinen Platz nicht, und dein Platz wird dich auch nicht sehr lange kennen, wette ich.«

Gleichsam als aufreizende Antwort auf diese Gedanken, huschte der Schatten eines liebenswürdigen Lächelns über des Kommissars Lippen. Er benahm sich durchaus unbefangen und geschäftlich, während er sich doch in den Kopf setzte, nochmals an dem Seil zu rütteln.

»Kommen wir nun zu dem, was Sie an Ort und Stelle entdeckt haben, Inspektor«, sagte er.

»Ein Narr und seine Kappe sind leicht getrennt«, tönte in des Inspektors Kopf die wahrsagende Stimme weiter; unmittelbar anschließend aber drängte sich ihm die Erwägung auf, daß ein abgehender Vorgesetzter, auch wenn er »hinausgefeuert« wurde (dies war das treffende Bild), immer noch, während er durch die Türe fliegt, Zeit hat, einem Untergebenen übel gegen die Schienbeine zu treten. Ohne das Basiliskenhafte seines Blicks wesentlich zu ändern, sagte er gleichmütig: »Wir kommen nun zu diesem Teil meiner Untersuchung, Herr.«

»Das ist recht. Nun also, was haben Sie herausgebracht?«

Der Inspektor hatte sich inzwischen entschlossen, vom hohen Seil herunterzuspringen, und kam nun geschickt auf ebenen Boden.

»Ich habe eine Adresse herausgebracht«, sagte er und zog ohne Überstürzung einen versengten Fetzen blauen Tuchs aus der Tasche. »Das da gehört zum Überrock des Burschen, der sich in Stücke reißen ließ. Natürlich muß der Überrock nicht unbedingt ihm gehört haben und kann sogar gestohlen gewesen sein. Das erscheint aber unwahrscheinlich, wenn Sie sich das hier ansehen.«

Der Hauptinspektor trat zum Tisch und strich den Tuchfetzen sorgfältig glatt. Er hatte ihn aus dem ekelhaften Haufen im Totenhause herausgegriffen, weil sich unter dem Kragen mitunter der Name eines Schneiders findet. Das ist nur selten von Nutzen, doch immerhin – – – Er hatte nur wenig Hoffnung gehabt, etwas Nützliches, ganz gewiß aber hatte er nicht gehofft, ein viereckiges Stückchen Leinwand zu finden, auf dem mit Merktinte eine Adresse angegeben, und das nicht etwa unter dem Kragen, sondern auf der Innenseite des Umschlags mit sorgfältigen Stichen angenäht war.

Der Inspektor zog die Hand weg, mit der er das Stück glatt gestrichen hatte.

»Ich habe es mitgenommen, ohne daß es irgend jemand bemerkt hat«, sagte er. »Ich hielt es so für das beste. Es kann auf Wunsch jederzeit vorgelegt werden.«

Der Kommissar erhob sich ein wenig auf seinem Stuhl, zog den Fetzen zu sich herüber und betrachtete ihn schweigend. Auf einem Stückchen Leinwand, kaum größer als ein gewöhnliches Zigarettenpapier, war lediglich der Name Brett Street und die Nummer 32 in Merktinte geschrieben. Er war ehrlich überrascht.

»Ich kann mir nicht denken, warum der Kerl mit einer solchen Anhängeadresse herumgelaufen sein sollte«, meinte er mit einem Blick auf den Inspektor. »Das ist ganz ungewöhnlich.«

»Ich traf einmal im Rauchzimmer eines Hotels einen alten Herrn, der Namen und Adresse in allen seinen Röcken eingenäht trug, für den Fall eines Unglücks oder plötzlichen Unwohlseins«, sagte der Inspektor. »Er behauptete, vierundachtzig Jahre alt zu sein, man sah es ihm aber nicht an. Er sagte mir, daß er auch fürchte, plötzlich einmal sein Gedächtnis zu verlieren wie die Leute, von denen er in der Zeitung gelesen hatte.«

Der Kommissar unterbrach den Fluß dieser Erinnerungen mit der unvermittelten Frage nach der Nummer 32 in Brett Street. Der Hauptinspektor, durch verwerfliche Kunstgriffe auf den Boden heruntergezwungen, hatte sich entschlossen, den Pfad restloser Offenheit zu beschreiten. Wenn er auch fest überzeugt war, daß es für die Abteilung vom Übel sein mußte, zuviel zu wissen, so erlaubte ihm seine Ehrenhaftigkeit zum besten des Dienstes doch nicht, weiter zu gehen, als daß er ein Wissen überlegt bei sich behielt. Hatte der Kommissar den Wunsch, die Sache gründlich zu verfahren, so konnte ihn natürlich nichts daran hindern. Für seine Person aber sah der Inspektor keinen Anlaß, besondere Findigkeit zu entfalten. Darum antwortete er kurz:

»Es ist ein Laden, Herr.«

Der Kommissar hielt die Augen immer noch auf den blauen Tuchfetzen gesenkt und wartete auf weitere Auskunft. Als die nicht kam, suchte er sie durch eine Reihe geduldig gestellter Fragen zu erlangen. So bekam er einen Begriff von Herrn Verlocs Gewerbe, von seiner persönlichen Erscheinung und hörte zuletzt auch seinen Namen. Während einer Pause hob der Kommissar die Augen und entdeckte auf des Inspektors Gesicht Spuren von Erregung. Sie sahen einander schweigend an.

»Natürlich,« sagte der Inspektor, »wird der Mann in den letzten Listen der Abteilung nicht geführt.«

»Wußte einer meiner Vorgänger irgend etwas von dem, was Sie mir jetzt gesagt haben?« fragte der Kommissar, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und hob die gefalteten Hände vor sein Gesicht, wie zum Beten; seine Augen aber hatten durchaus keinen frommen Ausdruck.

»Nein, Herr, gewiß nicht. Wozu auch? Ein solcher Mensch konnte niemals öffentlich zu irgendwelchem guten Zweck anerkannt werden. Es war genug, wenn ich wußte, wer er war, und ihn auf eine Weise gebrauchte, von der man öffentlich Nutzen ziehen konnte.«

»Und halten Sie dies private Wissen für vereinbar mit der amtlichen Stellung, die Sie einnehmen?«

»Vollkommen, Herr. Ich sehe nichts Übles darin. Erlauben Sie mir die Bemerkung, Herr, daß es mich zu dem Manne gemacht hat, der ich bin – und ich gelte für einen, der sein Fach versteht. Es ist ganz und gar meine Privatangelegenheit. Einer meiner persönlichen Freunde von der französischen Polizei gab mir einen Wink, daß der Bursche ein Gesandtschaftsspion sei. Private Freundschaft, private Auskunft und privater Gebrauch davon – so sehe ich die Sache an.«

Der Kommissar machte insgeheim die Feststellung, daß der Gemütszustand des tüchtigen Inspektors die Umrisse seines Unterkiefers beeinflußt zu haben schien, als ob in diesem Körperteil der starke Sinn für berufliche Tüchtigkeit wohnte. Mit einem gleichgültigen »Ich verstehe«, ließ er den Punkt zunächst fallen. Dann lehnte er die Wange gegen die gefalteten Hände:

»Nun also, sprechen wir privat, wenn Sie wollen. – Wie lange haben Sie private Fühlung mit diesem Gesandtschaftsspion gehabt?«

Die private Antwort des Inspektors auf diese Frage (so privat, daß sie sich nicht in hörbare Worte formte) war:

»Lange bevor irgend jemand dachte, daß du auf diesen Platz kommen würdest.«

Die sogenannte öffentliche Antwort war wesentlich genauer:

»Ich sah ihn zum erstenmal in meinem Leben vor etwas mehr als sieben Jahren, als zwei kaiserliche Hoheiten und der kaiserliche Kanzler zu Besuch hier weilten. Mir war der gesamte Sicherungsdienst übertragen. Damals war Baron Stott-Wartenheim Gesandter. Er war ein sehr nervöser alter Herr. Eines Abends, drei Tage vor dem Guild Hall Bankett, ließ er sagen, daß er mich auf einen Augenblick zu sehen wünschte. Ich war im Erdgeschoß, und die Wagen, die die kaiserlichen Hoheiten und den Kanzler zur Oper bringen sollten, standen vor der Türe. Ich ging sofort hinauf. Ich fand den Baron der Verzweiflung nahe, wie er händeringend in seinem Schlafzimmer auf und ab lief. Er versicherte mir, daß er unbegrenztes Vertrauen zu unserer Polizei und zu meinen Fähigkeiten habe, daß aber da ein Mann gerade von Paris zu ihm herübergekommen sei, dessen Bericht unbedingten Glauben verdiene. Er bat mich, zu hören, was der Mann zu sagen wisse. Er führte mich in einen anstoßenden Ankleideraum, wo ich einen großen Menschen in schwerem Überrock ganz alleine auf einem Stuhle sitzend fand, Hut und Stock in einer Hand. Der Baron sagte ihm französisch:

›Sprechen Sie, mein Freund.‹

Die Beleuchtung im Zimmer war nicht sonderlich gut. Ich unterhielt mich mit ihm etwa fünf Minuten. Er gab mir tatsächlich erstaunliche Nachrichten. Dann führte mich der Baron beiseite und lobte ihn aufs höchste, und als ich mich umwandte, bemerkte ich, daß der Bursche wie ein Geist verschwunden war. Er war wohl aufgestanden und über irgendeine Hintertreppe hinuntergeschlichen, vermute ich. Ich hatte keine Zeit, ihm nachzulaufen, da ich hinter dem Gesandten über die Stiege hinunterspringen mußte, um die Abfahrt der hohen Herrschaften zu überwachen. Immerhin handelte ich noch in der gleichen Nacht den erhaltenen Nachrichten gemäß. Ob sie nun ganz stimmten oder nicht, jedenfalls waren sie ernst genug. Und allem Anschein nach haben sie uns am Tage des kaiserlichen Besuchs in der City vor großen Unannehmlichkeiten bewahrt.

Einige Zeit nachher, etwa einen Monat nach meiner Ernennung zum Hauptinspektor, bemerkte ich einen großen, stämmigen Mann, der eilig aus einem Juwelierladen am Strand herauskam. Ich mußte ihn schon irgendwo gesehen haben. Ich ging ihm nach, da ich nach Charing Cross ohnedies den gleichen Weg hatte; und da ich dort über die Straße weg einen unserer Detektive bemerkte, so winkte ich ihn zu mir, zeigte ihm den Burschen und gab ihm den Auftrag, ihn einige Tage zu überwachen und mir dann Meldung zu erstatten. Schon am nächsten Nachmittage kam mein Mann zurück und meldete mir, daß der Bursche am gleichen Morgen um elf Uhr dreißig auf dem Standesamt die Tochter seiner Wirtin geheiratet hatte und mit ihr auf eine Woche nach Margate gefahren war. Mein Mann hatte gesehen, wie das Gepäck in die Droschke geladen wurde. Auf einem der Koffer waren ein paar alte Zettel. Der Bursche ging mir nicht aus dem Kopf, und sobald ich das nächstemal dienstlich in Paris zu tun hatte, sprach ich seinetwegen mit meinem Freunde in der Pariser Polizei. Mein Freund sagte: ›Nach allem, was Sie mir sagen, muß es sich um einen ziemlich bekannten Anhänger und Sendboten des revolutionären Roten Komitees handeln. Er behauptet, von Geburt Engländer zu sein. Wir haben Grund zu der Annahme, daß er seit geraumer Zeit Geheimagent einer der ausländischen Gesandtschaften in London ist. Dies half meinem Gedächtnis mit einem Schlage nach. Er war der Bursche, den ich in Baron Stott-Wartenheims Ankleidezimmer, auf einem Stuhl sitzend, getroffen hatte und der dann so plötzlich verschwunden war. Ich sagte meinem Freunde, daß seine Vermutung richtig sei. Der Bursche sei, wie ich bestimmt wisse, tatsächlich Geheimagent. Später nahm sich mein Freund die Mühe, alles, was über den Menschen amtlich bekannt war, für mich zusammenstellen zu lassen. Ich hielt es für richtiger, alles Wissenswerte in Erfahrung zu bringen, aber Sie werden die Geschichte jetzt wohl nicht anhören, Herr.«

Der Kommissar schüttelte sein aufgestütztes Haupt. »Die Geschichte Ihrer Beziehungen zu diesem brauchbaren Mitbürger ist die einzige, die gerade jetzt in Betracht kommt«, sagte er, schloß langsam seine müden, tiefliegenden Augen und schlug sie plötzlich mit bedeutend frischerem Blicke wieder auf.

»An denen ist nichts Amtliches«, sagte der Inspektor bitter. »Ich ging eines Abends in seinen Laden, gab mich zu erkennen und erinnerte ihn an unsere erste Begegnung. Er zuckte nicht mit einer Wimper. Er sagte, daß er nun verheiratet und seßhaft sei und den einzigen Wunsch habe, in seinem kleinen Handel nicht gestört zu werden. Ich nahm es auf mich, ihm zu versprechen, daß er, solange er sich nicht störend bemerkbar mache, von der Polizei unbehelligt bleiben sollte. Das war für ihn sehr wertvoll, denn ein Wort von uns an die Zollbeamten hätte genügt, damit einige der Pakete, die er aus Paris und Brüssel erhält, in Dover geöffnet und zweifellos beschlagnahmt worden wären. Möglicherweise wäre eine Strafanzeige nachgefolgt.«

»Das ist ein recht zweifelhafter Handel«, murmelte der Kommissar. »Warum hat er den angefangen?«

Der Inspektor hob in gleichmütiger Geringschätzung die Augen.

»Wird wohl Verbindungen haben, Freunde auf dem Festland unter Leuten, die mit solchen Waren handeln. Gerade der Schlag, der zu ihm paßte. Er ist auch ein fauler Hund, wie die andern alle.«

»Welche Gegenleistung für Ihren Schutz erhalten Sie von ihm?«

Der Inspektor war nicht geneigt, sich über den Wert von Herrn Verlocs Diensten auszulassen.

»Er würde niemandem außer mir viel nützen. Man muß allerhand wissen, bevor man von einem Mann wie ihm Nutzen ziehen kann. Ich vermag die Andeutungen, die er geben kann, zu verstehen, und wenn ich eine Andeutung wünsche, so kann er sie mir meistens verschaffen.«

Der Inspektor verlor sich plötzlich in heimliche Gedanken, und der Kommissar unterdrückte ein Lächeln bei der Vorstellung, daß der Ruf des Hauptinspektors Heat möglicherweise zum größten Teil von dem Geheimagenten Verloc geschaffen worden war.

»Mehr allgemein gesprochen nützt er auch dadurch, daß alle Mann unserer Abteilung, die in Charing Cross und Victoria Dienst tun, streng angewiesen sind, jedermann, den sie in seiner Begleitung sehen, genau vorzumerken. Er holt häufig die Neuankommenden ab und bleibt auch weiterhin mit ihnen in Fühlung. Das scheint die ihm übertragene Aufgabe zu sein. Wenn ich schnell eine Adresse brauche, kann ich sie immer von ihm bekommen. Natürlich weiß ich unsere Beziehungen richtig zu behandeln. Ich habe ihn während der letzten zwei Jahre kaum dreimal von Angesicht gesehen; ich schicke ihm einen Zettel ohne Unterschrift, und er antwortet mir ebenso an meine Privatadresse.«

Von Zeit zu Zeit nickte der Kommissar unmerklich. Der Hauptinspektor fügte noch hinzu, daß Verloc wohl kaum ein enger Vertrauter des Internationalen Revolutionsrats sei, daß er aber seiner Meinung nach fraglos allgemeines Vertrauen genieße. »Sooft ich Witterung von irgend etwas bekam,« schloß er, »fand ich immer, daß er mir etwas Wissenswertes darüber zu sagen wußte.«

Der Kommissar machte eine bezeichnende Bemerkung:

»Diesmal hat er Sie im Stich gelassen.«

»Diesmal hatte ich auch keinerlei sonstige Witterung«, gab Inspektor Heat zurück. »Ich habe ihn nichts gefragt, darum konnte er mir auch nichts sagen. Er gehört nicht zu unseren Leuten, und wird nicht von uns bezahlt.«

»Nein«, murmelte der Kommissar. »Er wird als Spion von einer fremden Regierung bezahlt. Wir können uns vor ihm keine Blöße geben.«

»Ich muß meine Arbeit auf meine Weise tun«, erklärte der Hauptinspektor. »Wenn es nottut, würde ich mit dem Teufel selbst anbinden und die Folgen auf mich nehmen. Es gibt Dinge, die nicht jedermann zu wissen braucht.«

»Ihr Begriff von Geheimhaltung scheint darin zu gipfeln, daß Sie Ihren Abteilungsvorstand in Unwissenheit lassen. Das geht denn doch wohl ein wenig zu weit. Er wohnt über seinem Laden?«

»Wer? Verloc? O ja. Er wohnt über seinem Laden. Die Mutter der Frau wohnt bei ihnen, glaube ich.«

»Wird das Haus überwacht?«

»Du lieber Gott, nein, das ginge nicht. Gewisse Leute, die bei ihm aus- und eingehen, werden überwacht. Meiner Meinung nach weiß er nichts von dieser Sache.«

»Wie erklären Sie sich das?«

Der Kommissar deutete auf den Tuchfetzen, der vor ihm auf dem Tische lag.

»Ich erkläre es mir gar nicht, Herr. Es ist einfach unerklärlich. Es ist durch nichts zu erklären, was ich weiß.« Der Hauptinspektor machte dieses Zugeständnis mit dem Freimut eines Mannes, dessen Ruf felsenfest steht. »Zum mindesten nicht im Augenblick. Ich nehme an, daß Michaelis sich doch als der Hauptbeteiligte herausstellen wird.«

»Tun Sie das?«

»Jawohl, Herr. Weil ich für alle anderen einstehen kann.«

»Was ist es mit dem zweiten Mann, der angeblich aus dem Park entflohen ist?«

»Ich denke, er wird jetzt schon weit weg sein«, vermutete der Inspektor.

Der Kommissar sah ihn scharf an und erhob sich plötzlich, als hätte er sich zu einer bestimmten Handlungsweise entschlossen. In Wahrheit war er eben in diesem Augenblick einer lockenden Versuchung erlegen. Der Hauptinspektor sah sich mit der Weisung entlassen, sich bei seinem Vorgesetzten früh am nächsten Morgen zu weiterer Beratung des Falles einzufinden. Er hörte mit unbewegtem Gesicht zu und verließ gemessenen Schritts den Raum.

Was immer auch des Kommissars Pläne sein mochten, so hatten sie nichts mit der Schreibarbeit zu tun, die mit ihrer Enge und Unwirklichkeit zum Fluch seines Lebens geworden war. Sie konnten nichts damit zu tun haben, sonst wäre die Lebhaftigkeit, die den Kommissar überkam, unerklärlich gewesen. Sobald er alleine war, sah er hastig nach seinem Hut und setzte ihn auf. Darnach ließ er sich nochmals in den Stuhl fallen, um die ganze Sache zu überdenken. Das währte aber nicht lange, da er ja schon entschlossen war. Und bevor Inspektor Heat auf dem Heimweg weit gekommen war, verließ auch der Kommissar das Gebäude.

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