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Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
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IV

Die meisten der kleinen Tische mit den weiß auf rotem Grund gemusterten Tüchern waren im rechten Winkel an die dunkelbraune Wandtäfelung der Kellerhalle gerückt. Von der niedrigen, leichtgewölbten Decke hingen vielarmige Bronzelüster; die fensterlosen Wände wiesen rundlaufende Fresken auf, die Jagdszenen und Gartenfeste in mittelalterlichen Kostümen darstellten, Knappen in grünen Wämsern schwangen Hirschfänger oder Pokale mit schäumendem Bier.

»Wenn ich mich nicht sehr irre, so bist du der Mann, der Genaues über die leidige Geschichte wissen muß«, sagte der Kraftmensch Ossipon und lehnte sich mit weit gespreizten Ellenbogen über den Tisch, während er die Füße ganz unter den Sessel zurückgezogen hatte. Seine Augen blitzten vor unbezähmbarer Neugier.

Ein mittelgroßes Piano neben der Tür, von zwei Topfpalmen flankiert, ließ plötzlich mit peinlicher Genauigkeit einen Walzer los. Der Lärm war betäubend. Als er so plötzlich, wie er begonnen hatte, abbrach, ließ sich das bebrillte, fadenscheinige Männchen, das Ossipon hinter einem schweren Bierhumpen gegenüber saß, in ruhigem Ton vernehmen – und es klang wie eine allgemeine Feststellung:

»Grundsätzlich kann das, was einer von uns über eine gegebene Tatsache weiß oder nicht weiß, für die anderen kein Gegenstand der Nachforschung sein.«

»Gewiß nicht«, stimmte Genosse Ossipon zu; »grundsätzlich.«

Er hielt sein großes, blühendes Gesicht auf beide Hände gestützt und verwandte keinen Blick von dem fadenscheinigen Männchen mit Brille, das nun einen Schluck Bier trank und den Glashumpen auf den Tisch zurücksetzte. Seine flachen, großen Ohren standen weit vom Schädel ab, der zerbrechlich genug aussah, daß ihn Ossipon zwischen Daumen und Zeigefinger hätte zerdrücken können; die überbaute Stirn schien auf dem Rande der Brille zu ruhen: die eingefallenen Wangen, von grünlich ungesunder Farbe, waren lediglich durch ein spärliches, dunkles Backenbärtchen belebt. Die ganze erbärmliche Leiblichkeit stand in lächerlichem Gegensatze zu dem übertrieben selbstbewußten Gehaben dieses Mannes. Er sprach abgerissen und hatte eine besonders eindrucksvolle Art zu schweigen.

Ossipon redete nochmals zwischen seinen Händen hervor.

»Warst du heute viel aus?«

»Nein, ich lag den ganzen Morgen zu Bett«, antwortete der andere. »Warum?«

»Oh, nichts«, sagte Ossipon gleichgültig und innerlich doch voll Begierde, irgend etwas herauszubringen; aber die überwältigende Interesselosigkeit des kleinen Mannes schüchterte ihn augenscheinlich ein. So oft er mit diesem Genossen sprach, – was nur selten geschah – litt der große Ossipon schmerzlich unter dem Gefühl geistiger und sogar körperlicher Bedeutungslosigkeit. Immerhin wagte er noch eine Frage: »Bist du zu Fuß bis hierher gegangen?«

»Nein. Omnibus«, gab der kleine Mann rasch genug zurück. Er lebte weit weg in Islington, in einem Häuschen am Ende einer schmutzigen Gasse, die mit Stroh und Papierfetzen übersät war, und wo nach Schulschluß eine Horde gleichgestimmter Kinder schrie und freudearm tobte und lärmte. Das einzelne Hinterzimmer, bemerkenswert nur durch einen übergroßen Tellerschrank, hatte er samt Einrichtung von zwei älteren Fräulein gemietet, kleinen Schneiderinnen, die ihre Kundinnen meist unter Dienstmädchen hatten. Er hatte ein schweres Vorhängeschloß an dem Schrank angebracht, war im übrigen aber ein Mustermieter, der wenig Arbeit machte und so gut wie keine Aufwartung verlangte. Zu seinen Eigenheiten gehörte es, daß er darauf bestand, zugegen zu sein, wenn in seinem Zimmer reinegemacht wurde, und daß er beim Weggehen die Türe absperrte und den Schlüssel mit sich nahm.

Ossipon sah die runden, schwarzgeränderten Brillengläser vor sich, wie sie auf dem Dach eines Omnibusses durch die Straße rollten und ihr selbstbewußtes Glitzern über die Häuserreihen oder über die Köpfe des Menschenstromes wandern ließen, der unten auf dem Pflaster dahintrieb. Der Schatten eines bleichen Lächelns ließ Ossipons dicke Lippen zucken bei der Vorstellung, daß beim Anblick dieser Brillengläser die Mauern wankten, und die Menschen um ihr Leben zu rennen begannen. Wenn sie nur wüßten! Die Panik! – Er warf die Frage hin: »Schon lange hier?«

»Eine Stunde oder noch länger«, gab der andere nachlässig zurück und trank einen Schluck Bier. Alle seine Bewegungen – die Art, wie er das Glas faßte, daraus trank, es wieder auf den Tisch setzte und die Arme kreuzte – zeigten eine überlegte, selbstsichere Bestimmtheit, neben der der Muskelriese Ossipon, wie er vornübergelehnt, glotzäugig und mit dicken Lippen dasaß, als die verkörperte Unentschlossenheit wirkte.

»Hm, eine Stunde«, sagte er. »Dann weißt du vielleicht noch gar nicht die Neuigkeit, die ich eben jetzt gehört habe – auf der Straße. Oder doch?« Der kleine Mann verneinte mit einem unmerklichen Kopfruck. Da er aber keinerlei Neugier zeigte, so entschloß sich Ossipon hinzuzufügen, daß er die Neuigkeit grade vor dem Eingang zum Keller gehört habe. Ein Zeitungsjunge hatte ihm die Sache grade ins Gesicht gebrüllt, und da er auf nichts derart vorbereitet war, so hatte es ihn richtig erschreckt. Er war mit trockenen Lippen hier herein gekommen. »Ich dachte nicht daran, dich hier zu treffen«, fügte er träge hinzu, die Ellenbogen immer noch auf dem Tisch.

»Ich komme mitunter hierher«, sagte der andere und bewahrte dabei seine aufreizende Kälte.

»Es ist schon wunderbar, daß gerade du nichts davon gehört haben solltest«, fuhr der große Ossipon fort. Seine Augenlider klappten nervös auf und nieder. »Du allein«, wiederholte er lockend. Der große Bursche fühlte sich unerklärlich eingeschüchtert durch die offenbare Zurückhaltung des kleinen Mannes, der wiederum das Bierglas erhob und es nach einem Schluck mit selbstsicheren Bewegungen niedersetzte. Sonst nichts.

Ossipon wartete auf irgend etwas, ein Wort oder ein Zeichen, und als nichts kam, nahm er einen Anlauf, gleichgültig zu erscheinen. »Gibst du«, fragte er und dämpfte die Stimme noch mehr, »dein Zeug jedem ab, der dich darum fragen kommt?«

»Es ist mein fester Grundsatz, es niemandem zu verweigern – solange ich ein Gramm davon bei mir habe«, gab der andere Mann entschlossen zurück.

»Das ist ein Grundsatz?« wiederholte Ossipon.

»Ein Grundsatz.«

»Und du hältst ihn für richtig?«

Die großen runden Brillengläser, die dem schmalen Gesicht den Ausdruck starren Selbstbewußtseins gaben, wandten sich Ossipon zu, mit dem ewig kalten Schein selbständiger Himmelskörper.

»Gewiß. Durchaus. Unter allen Umständen. Was könnte mich abhalten? Warum sollte ich nicht? Warum sollte ich zweimal darüber nachdenken?«

Ossipon schnappte heimlich nach Luft. »Willst du am Ende sagen, daß du es auch einem ›Verdeckten‹ geben würdest, wenn er dich darum bitten käme?«

Der andere lächelte verloren.

»Laß sie nur den Versuch machen, dann siehst du's schon. Sie kennen mich, aber auch ich kenne sie alle. Und die kommen mir nicht in die Nähe – die nicht.«

Seine dünnen, blassen Lippen schlossen sich fest. Ossipon gab sich nicht zufrieden.

»Aber sie könnten jemand schicken, dir eine Falle stellen, nicht? Dir das Zeug so herauslocken und dich dann mit Beweisen in der Hand verhaften.«

»Beweise – wofür? Für den Handel mit Sprengstoffen ohne Erlaubnisschein vielleicht.« Das war wohl als verächtlicher Spott gemeint, doch blieb der Ausdruck des mageren, kränklichen Gesichts unverändert, und die Worte wurden hingeworfen. »Ich glaube nicht, daß einer von ihnen sich darum reißen wird, die Verhaftung vorzunehmen. Ich glaube nicht, daß irgendeiner es auf einen Versuch ankommen lassen würde, auch der beste nicht.«

»Warum?« fragte Ossipon.

»Weil sie sehr gut wissen, daß ich mich niemals von der letzten Handvoll meiner Ware trenne, die habe ich immer bei mir.« Er klopfte leise auf seine Brusttasche. »In einer dicken Glasflasche«, fügte er hinzu.

»So wurde mir gesagt«, meinte Ossipon leicht überrascht. »Ich wußte aber nicht, ob – –«

»Sie wissen es«, unterbrach ihn der kleine Mann hart und bog sich gegen die Lehne seines Stuhles zurück, die seinen kümmerlichen Kopf überragte. »Ich werde niemals verhaftet werden. Der Spaß käme jedem unter den Polizeileuten zu teuer. Mit einem Mann wie mir anzubinden, das verlangt blankes, nacktes, ruhmloses Heldentum.«

Wieder schlossen sich seine Lippen mit einem trotzigen Ruck. Ossipon unterdrückte eine Bewegung der Ungeduld.

»Oder Rücksichtslosigkeit – oder einfach Unkenntnis«, wandte er ein. »Sie brauchen nur jemand zu finden, der nicht weiß, daß du Sprengstoff genug bei dir trägst, um dich selbst und alles in sechzehn Meter Umkreis mit dir in Stücke zu reißen.«

»Ich habe nie behauptet, daß ich nicht beseitigt werden könnte,« stimmte der andere bei, »doch das wäre keine Verhaftung, und überdies ist das auch nicht so leicht, wie es scheint.«

Ossipon widersprach. »Oh, sei du dessen nicht gar zu sicher. Wie denn, wenn ihrer ein halb Dutzend dich auf der Straße von hinten anspringen? Wenn man dir die Arme an den Körper preßt, so könntest du wohl nichts tun – oder?«

»Ja, doch. Ich bin selten nach Dunkelwerden unterwegs«, sagte der kleine Mann unbewegt, »und niemals zu später Stunde. Beim Gehen halte ich immer die Hände in der Hosentasche um einen Gummiball geschlossen. Ein Druck auf diesen Ball betätigt den Zünder in der Glasflasche, die ich an der Brust trage. Die Auslösung ist die gleiche wie beim Momentverschluß eines photographischen Apparats. Ein Schlauch geht hinauf –«

Mit einer kurzen Gebärde gab er Ossipons Blick ein Stück Gummi frei, das wie ein dünner, brauner Wurm aus dem Ärmelloch seiner Weste kroch und in der inneren Brusttasche seiner Jacke verschwand. Seine Kleider von unbestimmtem Braun waren abgetragen und fleckig, in den Falten verstaubt, mit ausgefransten Knopflöchern. »Der Zünder ist halb mechanisch, halb chemisch«, fügte er mit plötzlicher Herablassung hinzu.

»Er wirkt sofort, natürlich?« murmelte Ossipon mit einem leichten Schauer.

»Keine Rede,« gestand der andere widerstrebend, wobei es wie Schmerz um seine Lippen zuckte, »volle zwanzig Sekunden müssen von dem Augenblick, wo ich den Ball drücke, bis zur Explosion vergehen.

»Was«, hauchte Ossipon erschüttert. »Zwanzig Sekunden, grauenhaft! Willst du mir sagen, daß du das aushalten kannst? Ich würde verrückt – –«

»Wäre kein Schade. Natürlich ist das der schwache Punkt des Systems, das übrigens nur zu meinem persönlichen Gebrauch dient. Das Schlimme ist ja, daß für uns die Zündung immer der wunde Punkt bleibt. Ich versuche einen Zünder zu erfinden, der bei jeder Betätigungsmöglichkeit arbeitet und sogar bei ganz unvorhergesehener Betätigung, ein veränderlicher und dennoch vollkommen zuverlässiger Mechanismus. Ein Zünder mit Verstand, sozusagen.«

»Zwanzig Sekunden«, murmelte Ossipon nochmals. »Ah, und dann?«

Mit einer leichten Kopfwendung schienen die funkelnden Brillengläser die Größe des Biersalons im Keller des berühmten Silenus-Restaurants abzuschätzen.

»Niemand in diesem Raum hätte Hoffnung zu entkommen«, war das Ergebnis dieser Schätzung. »Nicht einmal das Pärchen, das eben die Stiegen hinaufgeht.«

Das Piano am Fuß des Treppenhauses donnerte eine schwungvolle Mazurka, als säße ein pöbelhaftes Gespenst davor.

Die Tasten hoben und senkten sich geheimnisvoll. Dann wurde alles still. Einen Augenblick lang stellte sich Ossipon den hell erleuchteten Raum in ein schauerliches, schwarzes Loch verwandelt vor, in den aus dem Durcheinander von zerstörtem Mauerwerk und verstümmelten Körpern giftige Rauchschwaden drangen. In dieser Vorstellung erlebte er den Begriff von Tod und Zerstörung so stark, daß er abermals erschauerte. Der andere bemerkte mit kalter Selbstzufriedenheit:

»Letzen Endes ist es nur der Charakter, der einem persönliche Sicherheit verbürgt. Es gibt ganz wenig Leute in der Welt, deren Charakter so allgemein anerkannt ist wie der meine.«

»Ich möchte nur wissen, wie du das fertig gebracht hast«, brummte Ossipon.

»Durch Kraft der Persönlichkeit«, sagte der andere, ohne die Stimme zu heben; und im Munde dieses so augenscheinlich kümmerlichen Lebewesens hatte diese Behauptung einen Klang, daß der kräftige Ossipon sich in die Lippe biß. »Kraft der Persönlichkeit«, wiederholte er mit aufreizender Ruhe. »Ich habe die Mittel, mich zum Todbringer zu machen; doch das allein wäre natürlich noch kein ausreichender Schutz. Wirksam wird er erst durch den Glauben der anderen, daß ich meine Mittel auch benützen würde. Das glauben sie steif und fest, und dadurch werde ich erst zum Todbringer.«

»Auch unter den anderen gibt es Leute von Charakter«, deutete Ossipon tückisch an.

»Möglich. Aber es muß wohl auf den Grad ankommen, da ja z.B. ich keinerlei Eindruck von ihnen habe. Dann müssen Sie wohl untergeordneter Art sein, und es ist ja auch nicht anders möglich. Ihr Charakter fußt auf der herkömmlichen Moral, lehnt sich an die gesellschaftliche Form. Meiner steht frei von jeder künstlichen Stütze. Sie sind an allerlei Herkömmliches gebunden, sind an das Leben gebunden, das für sie in allerlei Hemmungen und Erwägungen eingezwängt und an unzähligen Punkten angreifbar ist; während ich nur an den Tod gebunden bin, der weder Hemmung noch Angriff kennt. Meine Überlegenheit ist sonnenklar.«

»Das ist eine übersinnliche Erklärung«, sagte Ossipon und beobachtete das kalte Glitzern der runden Brillengläser. »Ich hörte Karl Yundt vor nicht allzu langer Zeit dasselbe sagen.«

»Karl Yundt,« murmelte der andere mit Verachtung, »der Abgeordnete des internationalen Roten Komitees, war Zeit seines Lebens nichts anderes als ein Schatten, der sich aufspielte. Ihr seid drei Abgesandte, nicht? Über die andern beiden will ich nichts sagen, da du ja einer davon bist; aber was du sagst, hat keinen Sinn. Ihr seid die würdigen Abgeordneten für Revolutionspropaganda, aber das Schlimme dabei ist nicht nur, daß ihr zu unabhängigem Denken gleich unfähig seid, wie irgendein ehrenwerter Krämer oder Zeilenschreiber, sondern daß ihr überhaupt keinen Charakter habt.«

Ossipon konnte ein zorniges Auffahren nicht unterdrücken.

»Aber was willst du denn von uns«, rief er mühsam beherrscht. »Was strebst denn du selbst an?«

»Ich suche den vollkommenen Zünder«, war die knappe Antwort. »Warum machst du so ein Gesicht? Da siehst du ja, daß du nicht einmal die Erwähnung von etwas Endgültigem vertragen kannst.«

»Ich mache doch kein Gesicht«, knurrte der verärgerte Ossipon böse.

»Ihr Revolutionäre«, fuhr der andere fort und sonnte sich in Selbstzufriedenheit, »seid die Sklaven der Gesellschaft, die sich vor euch fürchtet, Sklaven nicht minder als die Polizei, die zum Schutz dieser Gesellschaft da ist. Selbstverständlich seid ihr das, da ihr die Ordnung ja umstürzen wollt. Sie beherrscht eure Gedanken und natürlich auch eure Handlungen, und daher können weder eure Gedanken noch eure Handlungen jemals abschließend sein.« Er verfiel unvermerkt in sein merkwürdiges Schweigen, fuhr aber plötzlich wieder fort: »Ihr seid nicht um ein Haar besser als die Macht, die gegen euch aufgeboten wird – als die Polizei zum Beispiel. Neulich einmal traf ich unversehens an der Ecke von Tottenham Court Road mit Oberinspektor Heat zusammen. Er sah mich finster an, ich ihn aber nicht. Warum sollte ich ihm einen Blick schenken? Er dachte an vielerlei – an seine Vorgesetzten, seinen Ruf, an das Gericht, sein Gehalt, die Zeitungen – an hundert Dinge. Ich aber dachte nur an meinen vollkommenen Zünder. Er bedeutete nichts für mich. Er war für mich so unwichtig, wie – ich kann mir nichts vorstellen, was unwichtig genug wäre, um mit ihm verglichen zu werden – ausgenommen vielleicht Karl Yundt. Gleich und gleich. Der Terrorist und der Polizeimann kommen aus dem gleichen Ei. Revolution und Gesetz – Gegenzüge im gleichen Spiel; Erscheinungsformen einer im Grunde gleichen Untätigkeit. Er spielt sein kleines Spiel, das tut ihr Propagandaleute auch. Ich aber spiele nicht; ich arbeite vierzehn Stunden am Tage und bleibe oft hungrig. Meine Versuche kosten dann und wann Geld, und da muß ich mich ein oder zwei Tage ohne Essen behelfen. Du schielst nach meinem Bier. Jawohl. Ich habe schon zwei Glas und werde mir gleich noch ein drittes bestellen. Heute ist ein kleiner Festtag, und ich feiere ihn allein. Warum nicht? Ich habe den Mut, allein zu arbeiten, ganz allein, vollkommen allein. Ich habe jahrelang allein gearbeitet.« Ossipon war dunkelrot geworden.

»An dem vollkommenen Zünder was?« zischelte er leise.

»Jawohl«, gab der andere zurück. »Das ist eine erschöpfende Erklärung. Du wärst außerstande, dich so kurz zu fassen, wenn du die Art deiner Tätigkeit in allen den Ausschüssen und Komitees erklären wolltest. Ich bin der wahre Propagandist.«

»Darüber wollen wir nicht reden«, sagte Ossipon mit einer Miene, als sei er über persönliche Erwägungen erhaben. »Übrigens fürchte ich, daß ich dir deinen Festtag verderben muß. Heute früh ist ein Mann in Greenwich Park in die Luft geflogen.«

»Woher weißt du das?«

»Seit zwei Stunden brüllen sie die Neuigkeit in allen Gassen aus. Ich habe das Blatt gekauft und bin hier hereingelaufen. Dann sah ich dich an diesem Tisch sitzen. Ich habe es jetzt in der Tasche.«

Er zog die Zeitung heraus. Es war ein mittelgroßes Blatt, rosenrot, als wäre ihm die Wärme seiner eigenen hoffnungsfrohen Überzeugung ins Gesicht gestiegen. Ossipon überflog die Seiten hastig.

»Aha, da ist's. Bombe in Greenwich-Park. Es steht nicht viel davon drin. Halb zwölf Uhr. Nebliger Vormittag. Wirkungen der Explosion noch bis Romney Road und Park Place bemerkbar. Ungeheures Loch im Boden, unter einem Baum, mit Wurzelfetzen und zerbrochenen Zweigen angefüllt. Ringsherum die Reste eines Menschen, in tausend Stücke zerrissen. Das ist alles. Der Rest ist Zeitungsgewäsch. Zweifellos ein mißglückter Versuch, das Observatorium in die Luft zu sprengen, sagt sie. Hm. Das ist schwer zu glauben.«

Er sah noch eine Weile schweigend in die Zeitung und reichte sie dann dem anderen hinüber, der nur einen Blick darauf warf und sie dann weglegte.

Es war Ossipon, der zuerst sprach, – nicht ohne Vorwurf.

»Die Reste nur eines Menschen, hörst du wohl. Daher: hat er sich selbst in die Luft gesprengt. Das verdirbt dir deinen Feiertag, nicht wahr? Hättest du etwas Ähnliches erwartet? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, daß so etwas hier im Werke war, in diesem Lande. Unter den gegebenen Umständen grenzt das an Verbrechen.«

Der kleine Mann hob seine dünnen, schwarzen Augenbrauen in kühler Geringschätzung.

»Verbrechen, was ist das? Was ist Verbrechen? Was willst du damit sagen?«

»Wie soll ich mich ausdrücken? Man muß doch wohl die üblichen Worte gebrauchen«, ereiferte sich Ossipon. »Ich meine, daß diese Geschichte unserer Stellung in diesem Lande sehr schaden kann. Ist dir das nicht Verbrechen genug? Ich bin überzeugt, daß du kürzlich erst etwas von deinem Sprengstoff ausgegeben hast.«

Ossipons Blick forschte eindringlich, der andere nickte, ohne zu zögern, langsam mit dem Kopf.

»Das hast du getan«, brach der Herausgeber der Z.P.-Flugblätter in scharfem Flüsterton los. »Aber nein, – du gibst ihn also wirklich einfach so aus der Hand, wenn der erste beste Narr dich darum bittet?«

»Jawohl, gerade so! Die verdammte Gesellschaftsordnung ist nicht auf Tinte und Papier aufgebaut, und ich bin nicht der Ansicht, daß die Verwendung von Tinte und Papier ihr ein Ende setzen wird, wie immer du auch darüber denken magst. Jawohl, ich würde den Sprengstoff mit vollen Händen austeilen, an jeden, Mann, Weib oder Narr, der daherkäme. Ich weiß, wie du darüber denkst. Aber ich richte mich nicht nach dem Roten Komitee. Von mir aus könnt ihr alle von hier ausgewiesen, oder verhaftet, oder selbst hingerichtet werden wegen dieser Geschichte – und ich würde keinen Finger rühren. Was uns persönlich geschieht, ist ohne jede Bedeutung.«

Er sprach achtlos, ohne Wärme, fast auch ohne Gefühl, und Ossipon versuchte trotz seiner innerlichen Erregung, ihm diese Unbefangenheit nachzumachen.

»Wenn die hiesige Polizei ihr Handwerk verstünde, so würde sie dich mit Revolvern voll Löcher schießen oder dich bei hellem Tage von hinten niederschlagen.«

Der kleine Mann schien diese Möglichkeit schon in den Kreis seiner selbstsicheren Betrachtungen gezogen zu haben.

»Gewiß«, stimmte er mit größter Bereitwilligkeit zu. »Aber dafür hätten sie sich dann vor ihren eigenen Gesetzen zu verantworten. Siehst du? Das erfordert ungewöhnlichen Mut. Mut einer besonderen Art.«

Ossipon zwinkerte.

»Ich glaube aber doch, daß das dein Los wäre, wenn du etwa deine Werkstatt in den Staaten aufmachen würdest. Dort nehmen sie es mit ihren eigenen Gesetzen nicht so genau.«

»Ich habe keine Lust zu einem Versuch. Im übrigen ist deine Bemerkung richtig«, bekräftigte der andere. »Sie haben mehr Charakter dort drüben, und dieser Charakter ist im Wesen anarchistisch. Fruchtbarer Boden für uns, die Staaten – sehr guter Boden. Die große Republik trägt den Keim der Zerstörung in sich. Der Gesamtcharakter neigt zu Gesetzlosigkeit. Sehr gut. Sie mögen uns niederschießen, aber –«

»Du bist mir zu übersinnlich«, knurrte Ossipon in dumpfem Ärger.

»Zu logisch«, wehrte der andere ab. »Es gibt verschiedene Arten von Logik. Meine Art ist die erleuchtete. Amerika ist ganz recht. Nur dieses Land hier ist gefährlich, mit seinem schwärmerischen Begriff von Gesetzmäßigkeit. Der Gesellschaftstrieb dieses Volkes ist von peinlichen Vorurteilen gehemmt, und das schadet unserem Werke. Du sprichst von England als von unserer einzigen Zuflucht; umso schlimmer. Kapua! Wozu brauchen wir eine Zuflucht? Hier redet ihr, druckt, schmiedet Pläne und tut nichts. Das ist für solche Karl Yundts allerdings gerade das Rechte.«

Nach einem leisen Achselzucken fügte er mit der gleichen Bestimmtheit hinzu: »Es sollte unser Ziel sein, mit der abergläubischen Ehrfurcht vor der Gesetzmäßigkeit aufzuräumen. Nichts könnte mich mehr freuen, als wenn Inspektor Heat und seinesgleichen anfangen wollten, uns mit der Zustimmung der Allgemeinheit am hellen Tage niederzuschießen. Dann wäre unsere Schlacht halb gewonnen; die Zersetzung der alten Sittlichkeit hätte in ihrer eigenen Hochburg angefangen. Das solltet ihr erstreben, aber das werdet ihr Revolutionäre nie verstehen. Ihr macht Zukunftspläne, verliert euch in Träumereien von gesellschaftlichen Zuständen, die von den bestehenden abgeleitet sind; während doch vor allem ein großes Aufräumen nottut und ein frischer Anfang unter einem neuen Lebensbegriff. Die Zukunft wird sich ganz alleine richten, wenn ihr nur Platz für sie schaffen wolltet. Darum wollte ich meinen Sprengstoff in Haufen an allen Straßenecken zusammen tragen, wenn ich genug davon hätte; und da dies nicht der Fall ist, so mühe ich mich redlich, einen wirklich zuverlässigen Zünder zu erfinden.«

Ossipon, der sich während der langen Rede wie am Ertrinken gefühlt hatte, griff nun nach dem Schlußsatz, wie nach einer rettenden Planke.

»Ja. Dein Zünder. Es sollte mich nicht wundern, wenn einer deiner Zünder mit dem Mann im Park so gründlich aufgeräumt hätte.«

Über das entschlossene, blasse Gesicht, das Ossipon zugekehrt war, glitt ein Schatten von Betrübnis.

»Die Schwierigkeit für mich liegt gerade darin, die einzelne Art auszuprobieren. Und ausgeprobt müssen sie werden. Abgesehen davon –«

Ossipon unterbrach:

»Wer kann der Bursche sein? Ich versichere dir, daß wir in London keine Ahnung haben. – Könntest du mir nicht die Person beschreiben, der du den Sprengstoff gegeben hast?«

Der andere drehte seine Brillengläser wie zwei Scheinwerfer Ossipon zu.

»Beschreiben«, wiederholte er langsam. »Ich glaube nicht, daß dem jetzt noch etwas im Wege stehen kann. Ich will dir die Beschreibung in einem Wort liefern – Verloc.«

Ossipon, der sich aus Neugierde halb aus seinem Stuhle erhoben hatte, fiel nun zurück, als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen. »Verloc! Unmöglich!«

Der selbstbeherrschte kleine Mann nickte kurz.

»Jawohl. Er ist die Person. Du kannst gewiß nicht sagen, daß ich in diesem Fall meinen Stoff an den erstbesten hergelaufenen Narren gegeben habe. Er war, soviel ich weiß, ein hervorragendes Mitglied der Ortsgruppe.«

»Jawohl,« sagte Ossipon, »hervorragend. Oder nein, eigentlich doch nicht. Er hatte den allgemeinen Nachrichtendienst unter sich und nahm gewöhnlich die Genossen in Empfang, die hier herüberkamen. Mehr nützlich als hervorragend. Ein Mensch ohne eigene Gedanken. Vor Jahren einmal pflegte er in Versammlungen zu reden – in Frankreich, glaube ich. Und auch das nicht besonders gut. Er hatte das Vertrauen von Leuten wie Latorre, Moser und all den alten Knaben. Seine einzige wirkliche Befähigung zeigte sich darin, daß er die Aufmerksamkeit der Polizei immer irgendwie abzulenken verstand. Hier zum Beispiel schien er nicht sonderlich beachtet zu werden. Er war richtig verheiratet, verstehst du. Ich glaube auch, daß er den Laden mit ihrem Geld eingerichtet hat. Er schien auch ein Geschäft dabei zu machen.«

Ossipon unterbrach sich, murmelte halblaut: »Ich möchte wohl wissen, was die Frau jetzt anfangen wird«, und fiel in Gedanken.

Der andere wartete mit einer unterstrichenen Gleichgültigkeit. Seine Herkunft war dunkel, und er war ganz allgemein nur unter dem Spitznamen »der Professor« bekannt. Sein Anspruch auf diesen Titel gründete sich auf die Tatsache, daß er früher einmal Assistent für chemische Versuche an einer technischen Hochschule gewesen war. Damals war er mit dem Lehrkörper wegen ungerechter Behandlung in Streit geraten. Späterhin erhielt er eine Stellung in einer Farbenfabrik. Auch hier war er mit empörender Ungerechtigkeit behandelt worden. Seine Kämpfe, seine Entbehrungen, sein inneres, hartes Streben, sich auf der gesellschaftlichen Stufenleiter emporzuarbeiten, hatten ihn mit einer so überspannten Meinung von seiner Tüchtigkeit erfüllt, daß es für die Welt unendlich schwierig war, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – was ja im Wesen so sehr von der Geduld des einzelnen abhängt. Der Professor hatte Genie, doch fehlte ihm die große, gesellschaftliche Tugend der Selbstbescheidung.

»Verstandesmäßig eine reine Null,« sagte Ossipon laut und riß sich damit von den stillschweigenden Betrachtungen über Frau Verlocs verwaisten Leib und Laden los, »reiner Durchschnittsmensch. Du solltest lieber Fühlung mit den Genossen suchen, Professor«, fügte er vorwurfsvoll hinzu. »Sagte er dir irgend etwas – deutete er seine Absicht an? Ich habe ihn einen Monat lang nicht gesehen. Es will mir nicht in den Kopf, daß er hin ist.«

»Er sagte mir, es sollte ein Anschlag gegen ein Gebäude stattfinden«, erklärte der Professor. »Das mußte ich natürlich wissen, um den Sprengstoff darnach einzurichten. Ich gab ihm zu bedenken, daß ich zur Erreichung eines durchgreifenden Erfolges keine genügende Menge im Hause hätte. Er bat mich aber eindringlich, mein Bestes zu tun. Da er eine Verpackung wünschte, die offen in der Hand getragen werden konnte, so schlug ich ihm vor, eine alte blecherne Fünfliterkanne von Kopallack zurecht zu machen, die ich zufällig zu Hause hatte. Der Gedanke gefiel ihm. Ich hatte ziemlich Arbeit damit, da ich den Boden erst herausschneiden und nachher wieder einlöten mußte. Als sie gebrauchsfertig eingerichtet war, enthielt die Kanne eine weithalsige, gut verkorkte Dose aus dickem Glas, ringsherum in weichen Lehm gelegt und mit einem halben Kilo von grünem X2-Pulver gefüllt. Der Zünder stand in Verbindung mit der Mündungsschraube der Kanne. Er war geradezu genial, eine Verbindung von Zeit- und Schlagzünder. Ich erklärte ihm die Vorrichtung genau. Es war eine dünne Zinntube mit –«

Ossipons Gedanken waren weit weg.

»Was ist deiner Ansicht nach geschehen?« fragte er.

»Kann's nicht sagen. Vielleicht hat er die Schraube, die den Kurzschluß herstellte, fest zugedreht und dann die Zeit vergessen. Der Zünder war auf zwanzig Sekunden gestellt. Allerdings konnte auch, wenn der Zeitkontakt hergestellt war, eine Erschütterung die Entzündung sofort herbeiführen. Entweder hat er also die Zeit falsch bemessen, oder er hat das Ding einfach fallen lassen. Der Kontakt wurde richtig hergestellt – das steht für mich fest. Das System hat tadellos gearbeitet. Und doch sollte man weit eher meinen, daß ein Durchschnittsdummkopf in der Eile leichter noch vergessen würde, den Kontakt überhaupt herzustellen. Mit dem Gedanken an diese Möglichkeit hatte ich mir besonders den Kopf zermartert. Aber ein Dummkopf verfällt auf mehr, als der Klügste vorhersehen kann. Von einem Zünder darf man natürlich nicht verlangen, daß er völlig narrensicher ist.«

Er winkte einem Kellner. Ossipon saß steif da, und sein verlorner Blick deutete auf hartes Nachdenken. Nachdem der Kellner einkassiert hatte und gegangen war, erhob er sich mit allen Anzeichen höchster Unzufriedenheit.

»Für mich ist das im höchsten Maße unangenehm«, meinte er nachdenklich. »Karl liegt seit einer Woche mit Bronchitis zu Bett, es ist mehr als wahrscheinlich, daß er nicht wieder aufsteht. Michaelis spielt irgendwo auf dem Lande den Vornehmen. Ein großer Verleger hat ihm fünfhundert Pfund für sein Buch geboten. Das wird natürlich ein lächerlicher Fehlschlag. Er hat im Gefängnis die Fähigkeit zusammenhängenden Denkens verloren, mußt du wissen.«

Der Professor war aufgestanden, knöpfte sich den Rock zu und sah den anderen mit kalter Gleichgültigkeit an.

»Was wirst du jetzt tun?« fragte Ossipon müde. Er fürchtete den Tadel des Roten Zentralkomitees, einer Körperschaft, die keinen festen Wohnsitz hatte, und deren Zusammensetzung ihm nicht genau bekannt war. Wenn diese Geschichte dazu führte, daß die bescheidenen Hilfsgelder für die Veröffentlichung der Z.P.-Blätter gestrichen wurden, dann allerdings würde er Verlocs unerklärliche Torheit zu bedauern haben.

»Es ist zweierlei, die Tat in ihrer äußersten Form zu billigen oder töricht rücksichtslos zu sein«, fuhr er unvermittelt grob heraus. »Ich weiß nicht, was Verloc in den Sinn gekommen ist. Da steckt irgendein Geheimnis dahinter. Jetzt ist er ja hin. – Mach, was du willst, aber unter den gegebenen Umständen kann es für die revolutionäre Kampfgruppe nichts anderes geben, als jede Verbindung mit dem verdammten, tollen Streich abzustreiten. Mich beschäftigt nur die Frage, wie das überzeugend genug zu machen wäre.«

Der kleine Mann war, wie er zum Gehen fertig dastand, kaum größer als der sitzende Ossipon. Seine Brillengläser waren gerade in gleicher Höhe mit Ossipons Gesicht.

»Du könntest ja von der Polizei ein Leumundszeugnis verlangen: die wissen, wo jeder von euch die letzte Nacht geschlafen hat. Vielleicht wenn ihr sie bittet, würden sie sich entschließen, eine Art amtlicher Feststellung herauszugeben.«

»Zweifellos wissen sie genau, daß wir nichts damit zu tun hatten«, murmelte Ossipon bitter. »Was sie aber sagen werden, ist eine andere Frage.« Wieder verfiel er in Gedanken und schien die kleine eulenhafte Gestalt an seiner Seite zu vergessen. »Ich muß schleunigst Michaelis festzukriegen suchen, damit er in einer unserer Versammlungen wieder einmal so recht herzlich spricht. Das Publikum hat für den Burschen eine Art sentimentaler Vorliebe. Sein Name ist bekannt. Und ich habe Beziehungen zu den Berichterstattern einiger großer Tagesblätter. Natürlich wird er wieder lauter dummes Zeug reden, aber er hat eine Art, es vorzubringen, daß die anderen es doch schlucken.«

»Wie Sirup«, warf der Professor halblaut dazwischen, ohne eine Miene zu verziehen.

Ossipon fuhr fort, vor sich hinzumurmeln, wie ein Mann, der sich in völliger Einsamkeit etwas überlegt.

»Verdammter Esel! Mir einen solchen Schmarren aufzuladen! Und ich weiß nicht einmal –«

Er saß mit zusammengepreßten Lippen da. Der Gedanke, geradeswegs im Laden nach Neuigkeiten zu fragen, bot wenig Reiz. Seiner Meinung nach konnte Verlocs Laden zur Stunde schon in eine Polizeifalle verwandelt worden sein. Natürlich würden sie irgendwelche Verhaftungen machen wollen, dachte er mit einem Anflug ehrlicher Entrüstung; denn der glatte Verlauf seines revolutionären Daseins schien ohne sein Verschulden bedroht. Ging er aber nicht hin, so lief er Gefahr, in Unkenntnis von Umständen zu bleiben, die für ihn sehr wesentlich sein konnten. Dann überlegte er, daß der Mann im Park, wenn er wirklich, wie die Zeitung sagte, in tausend Stücke zerrissen war, auch nicht erkannt sein konnte. Und war das der Fall, dann hatte die Polizei keinen besonderen Grund, Verlocs Laden genauer zu überwachen als irgendeinen andern Ort, an dem bekannte Anarchisten verkehrten – nicht mehr Anlaß als etwa zur Überwachung des Silenus. Er würde überall auf Überwachung stoßen, ganz gleich, wohin er ging, und doch –

»Ich möchte nur wissen, was ich jetzt am besten tun sollte«, fragte er sich im Selbstgespräch. Eine heisere Stimme neben ihm sagte verächtlich:

»Dich herzhaft an die Frau heranmachen.«

Nach diesen Worten ging der Professor vom Tisch weg. Ossipon, überrumpelt von der verblüffenden Einsicht des anderen, blieb mit aufgerissenen Augen sitzen, wie festgenagelt. Das einsame Piano, das nicht einmal einen Klaviersessel zur Seite hatte, schlug mutig ein paar Töne an, ging dann zu einer Auswahl von Volksweisen über und begleitete schließlich Ossipons Weggang mit den Klängen der »Glockenblumen von Schottland«. Die peinlich abgehackte Melodie verklang hinter ihm, während er langsam die Treppe hinaufstieg und durch die Halle auf die Straße trat.

Vor dem Eingang stand eine Reihe von Zeitungsjungen am Rand des Bürgersteiges, die vom Rinnstein her ihre Ware feilboten. Es war ein rauher, trüber Vorfrühlingstag, und der neblige Himmel, die schmutzige Straße, die Lumpen der schmutzigen Jungen stimmten vorzüglich zu den feuchten, schäbigen Papierfetzen, die mit Druckerschwärze besudelt waren. Die zerrissenen, verschmierten Anschlagzettel zierten wie ein Tapetenmuster den Rand des Bürgersteigs. Der Verkauf der Abendblätter war befriedigend, aber doch langsam im Vergleich zum reißenden Abgang der Extrablätter. Ossipon sah sich rasch nach allen Seiten um, bevor er sich in das Gewühl stürzte; aber der Professor war schon außer Sicht.

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