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Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
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Der Kommissar hatte die Strecke von Soho nach Westminster in einer schnell fahrenden Droschke zurückgelegt und stieg nun im wahren Mittelpunkt des Kaiserreichs aus, über dem nie die Sonne untergeht. Ein paar stämmige Schutzleute, denen die Pflicht, diesen erhabenen Ort zu bewachen, nicht sonderlich nahezugehen schien, grüßten ihn. Er durchschritt ein durchaus nicht erhabenes Tor, gelangte in das Innere des Hauses, das für viele Millionen Menschen das Haus par excellence ist, und traf schließlich mit dem munteren, umstürzlerischen Toodles zusammen. Dieser nette und gewitzte junge Mann verbarg sein Erstaunen über das frühzeitige Erscheinen des Kommissars, den er so um Mitternacht herum zu erwarten Weisung hatte. Da er nun so früh kam, so hielt Toodles das für ein Anzeichen, daß die Sache, welcher Art sie auch sein mochte, schief gegangen war. In schnell bereitem Mitleid, das bei netten Jungen oft sich mit fröhlicher Gemütsart paart, fühlte er sich betrübt für den Gewaltigen, den er den »Chef« nannte, und auch für den Kommissar, dessen Gesicht ihm hölzerner als je und ganz wunderbar lang erschien. »Was für ein sonderbarer, ausländischer Kauz das ist«, dachte er sich und lächelte aus einigem Abstand sein freundliches Bubenlächeln. Vom ersten Augenblick des Zusammentreffens an begann er zu reden, in der mildherzigen Absicht, die Bitterkeit des Fehlschlags unter einem Wortschwall zu begraben. Es hatte den Anschein, als sollte der für diesen Abend angesetzte große Angriff ins Wasser fallen. Ein unbedeutender Gefolgsmann »dieses Hammels Cheeseman« langweilte das schwach besuchte Haus erbarmungslos mit einer schandbar gefälschten Statistik. Er, Toodles, hoffte, daß diese Langeweile alle Augenblicke zu einer Abstimmung führen würde. Aber vielleicht schlug der Mensch auch nur die Zeit tot, um dem verdammten Cheeseman ungestörte Muße zu seinem Abendessen zu gönnen. Der Chef war jedenfalls nicht zum Heimgehen zu überreden gewesen.

»Er will Sie sofort sehen, glaube ich. Er sitzt ganz allein in seinem Zimmer und denkt an alle die Fische in der See«, schloß Toodles heiter. »Kommen Sie.«

Trotz seiner gutartigen Veranlagung war der junge (unbesoldete) Privatsekretär von menschlichen Schwächen nicht frei. Es lag ihm ferne, den Gefühlen des Kommissars nahezutreten; der schien ihm ganz ungewöhnlich danach auszusehen, als ob er einen Auftrag gründlich verpfuscht hätte. Aber seine Neugier war zu stark, um sich durch bloßes Mitgefühl eindämmen zu lassen. Er konnte sich nicht enthalten, im Weitergehen über die Schulter zurück die Frage hinzuwerfen:

»Und Ihr Fisch?«

»Ich habe ihn«, gab der Kommissar mit einer Kürze zurück, die durchaus nicht abweisend sein sollte.

»Gut. Sie glauben gar nicht, wie wenig es diese großen Männer lieben, in kleinen Dingen enttäuscht zu werden.«

Nach diesem tiefgründigen Ausspruch schien der erfahrene Toodles nachzudenken, zum mindesten sagte er während zwei voller Sekunden kein Wort. Dann:

»Ich bin froh. Aber – sagen Sie – ist es wirklich eine solche Kleinigkeit, wie Sie vorgeben?«

»Wissen Sie, was man mit kleinen Fischen manchmal tut?« fragte der Kommissar zurück.

»Man preßt sie mitunter in Sardinenbüchsen«, kicherte Toodles, dessen Kenntnisse in der Fischerei noch neu und, im Vergleich zu seiner Unwissenheit in allen anderen industriellen Fragen, riesengroß waren. »Es gibt Sardinenfabriken an der spanischen Küste, die –«

Der Kommissar unterbrach den angehenden Staatsmann.

»Ja, schon gut. Aber manchmal wirft man auch die kleinen Fische weg, um einen Wal zu fangen.«

»Einen Wal, was?« rief Toodles mit verhaltenem Atem aus. »Sie sind also hinter einem Wal her?«

»Nicht ganz. Eher hinter einem Haifisch. Sie wissen vielleicht nicht, wie ein Haifisch aussieht?«

»O doch. Wir stecken bis zum Hals in Literatur – ganze Stöße von Bänden mit Bildtafeln ... Es ist ein schädliches, schuftig aussehendes, ganz und gar scheußliches Vieh mit einer Art Schnurrbart in einem glatten Gesicht.«

»Die Beschreibung stimmt aufs Haar«, lobte der Kommissar. »Nur ist meiner ganz glatt rasiert. Sie haben ihn gesehen, es ist ein lustiger Fisch.«

»Ich habe ihn gesehen?« wiederholte Toodles ungläubig. »Ich kann mir nicht vorstellen, wo ich ihn gesehen haben sollte.«

»Bei den ›Forschern‹, dächte ich«, warf der Kommissar ruhig hin. Bei der Erwähnung dieses äußerst wählerischen Klubs erschrak Toodles und machte kurz halt.

»Unsinn!« widersprach er im Ton ehrfürchtiger Scheu. »Was meinen Sie? Ein Mitglied?«

»Ehrenmitglied«, murmelte der Kommissar durch die Zähne.

»Himmel!«

Toodles sah so niedergeschmettert aus, daß der Kommissar lächeln mußte.

»Das bleibt streng unter uns«, sagte er.

»Das ist die grausamste Sache, von der ich je in meinem Leben gehört habe«, erklärte Toodles schwach, als hätte ihn die Verwunderung mit einem Schlag aller Spannkraft beraubt.

Des Kommissars Blick war wieder ernst. Toodles bewahrte bis zu der Tür des Gewaltigen ein entrüstetes, feierliches Schweigen, als hätte ihn der Kommissar durch die Aufdeckung einer so unerhörten und widerlichen Tatsache beleidigt. Er fühlte sich gekränkt in seinem Glauben an die neunmal gesiebte Besonderheit und gesellschaftliche Reinheit des Klubs der »Forscher«. Toodles war nur in politischen Fragen revolutionär; seine gesellschaftlichen und persönlichen Neigungen wünschte er unverändert durch alle die Jahre hindurchzunehmen, die ihm auf dieser Erde vergönnt sein mochten; und im ganzen genommen schien ihm diese Welt ein durchaus nicht unerfreulicher Aufenthalt.

Er trat beiseite.

»Gehen Sie hinein, ohne zu klopfen«, sagte er.

Grünseidene Schirme über allen Lampen tauchten den Raum in eine Farbe, die an Waldesdüster erinnerte. Die hochmütigen Augen waren körperlich die Schwäche des großen Mannes. Diese Schwäche wurde geheimgehalten. So oft sich die Gelegenheit dazu bot, schonte er sie gewissenhaft. Der Kommissar sah beim Eintritt zunächst nur eine große, blasse Hand, die ein mächtiges Haupt stützte und den oberen Teil eines großen, blassen Gesichts verbarg. Eine offene Depeschentasche lag auf dem Schreibtisch neben ein paar großen Aktenbogen und einer Handvoll Gänsefedern. Sonst war nichts auf der großen ebenen Fläche, mit Ausnahme einer kleinen, in eine Toga gekleideten Bronzefigur, die in ihrer Unbeweglichkeit geheimnisvoll wachsam wirkte. Der Kommissar wurde aufgefordert, Platz zu nehmen, und setzte sich. In dem trüben Licht gaben ihm seine persönlichen Eigenheiten, das lange Gesicht, das schwarze Haar und die Magerkeit, mehr als je fremdländisches Aussehen.

Der große Mann zeigte keine Überraschung, keine Neugierde, überhaupt kein Gefühl. Die Stellung, in der er seinen bedrohten Augen Ruhe gönnte, erschien tief nachdenklich. Er änderte sie nicht. Seine Stimme aber klang durchaus nicht schläfrig.

»Nun, was haben Sie schon herausgebracht? Sie müssen beim ersten Schritt auf etwas Unerwartetes gestoßen sein.«

»Nicht ganz unerwartet, Sir Ethelred. Es war ein seelischer Zustand, auf den ich stieß.«

Der Gewaltige machte eine leichte Bewegung.

»Sie müssen sich deutlich ausdrücken, bitte.«

»Jawohl, Sir Ethelred. Sie wissen natürlich, daß die meisten Verbrecher irgendwann einmal den unwiderstehlichen Drang haben, zu beichten, – jemandem, wer immer es auch sei, ihr Herz auszuschütten. Oft sogar der Polizei. In diesem Verloc, den Heat so gerne verschont wissen wollte, fand ich nun einen Mann in diesem besonderen Seelenzustand. Er warf sich mir, bildlich gesprochen, an den Hals. Ich brauchte ihm nur zuzuflüstern, wer ich bin, und hinzuzufügen ›Ich weiß, daß Sie hinter dieser Sache stecken.‹ Es muß ihm wunderbar erschienen sein, daß wir schon davon wußten, aber er nahm es in einem hin. Das Wunder lähmte ihn keineswegs. Mir blieb nichts weiter, als ihm die zwei Fragen vorzulegen: Wer hat Sie dazu angestiftet? und: Wer war der Täter? – Auf die erste Frage antwortete er mit bemerkenswertem Schwung. Bezüglich der zweiten Frage vermute ich, daß der Bursche mit der Bombe sein Schwager war – ein Junge noch – ein schwachsinniges Geschöpf ... Die ganze Sache ist sehr merkwürdig – zu langwierig vielleicht, um sie eben jetzt ganz zu erzählen.«

»Was also haben Sie erfahren?« fragte der große Mann.

»Zunächst einmal habe ich erfahren, daß der entlassene Sträfling Michaelis nichts damit zu tun hat, wenn auch der Junge seit einiger Zeit, bis heute früh acht Uhr, bei ihm zur Sommerfrische weilte. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Michaelis bis zu diesem Augenblick nichts davon weiß.«

»Sind Sie dessen ganz sicher?« fragte der große Mann.

»Ganz sicher, Sir Ethelred. Dieser Verloc fuhr heute morgen hinaus und nahm den Jungen mit sich, unter dem Vorwand eines Spaziergangs. Da dies nicht zum erstenmal geschah, so konnte Michaelis nicht den leisesten Verdacht schöpfen. Übrigens, Sir Ethelred, hat die Entrüstung dieses Verloc nichts im Unklaren gelassen – durchaus gar nichts. Er ist nahezu um den Verstand gebracht worden. Durch eine äußerst merkwürdige Spiegelfechterei, die Sie oder ich kaum ernst nehmen könnten, die aber auf ihn ganz offenbar den größten Eindruck gemacht hat.« Dann berichtete der Kommissar dem großen Mann, der reglos, die Augen mit seiner Hand schirmend, dasaß, Herrn Verlocs Urteil über Herrn Vladimirs Vorgehen und Charakter. Der Kommissar schien diesem Urteil einen gewissen Grad von Maßgeblichkeit nicht zu versagen. Doch der Gewaltige bemerkte:

»Das alles klingt so phantastisch.«

»Nicht wahr? Man möchte an einen grausamen Scherz denken. Aber unser Mann nahm es ganz fraglos ernst. Er fühlte sich bedroht. Seinerzeit einmal, müssen Sie wissen, war er in unmittelbarer Verbindung mit dem alten Stott-Wartenheim selbst und hatte sich gewöhnt, seine Dienste für unentbehrlich zu halten. Es war ein außergewöhnlich rauhes Erwachen. Ich stelle mir vor, daß er den Kopf verloren hat. Er geriet in Wut und Angst. Auf mein Wort, ich hatte den Eindruck, daß er diese Gesandtschaftsleute sehr gut für fähig hielt, ihn nicht nur fallen zu lassen, sondern auch so oder so zu verraten –«

»Wie lange waren Sie mit ihm zusammen?« unterbrach der Gewaltige, hinter seiner großen Hand hervor.

»Etwa vierzig Minuten, Sir Ethelred. In einem verrufenen Hause, das sich Continental Hotel nennt, in einem Zimmer eingeschlossen, das ich, nebenbei bemerkt, für die Nacht genommen hatte. Ich traf ihn gerade unter dem Einfluß des Rückschlags, der der Willensanspannung des Verbrechens zu folgen pflegt. Der Mann ist durchaus kein verhärteter Verbrecher zu nennen. Es liegt auf der Hand, daß der Tod dieses unglücklichen Jungen, seines Schwagers, durchaus nicht in seiner Absicht lag. Es hat ihn erschüttert – das konnte ich merken. Vielleicht ist er ein sehr empfindsamer Mensch. Vielleicht hatte er den Jungen sogar gerne – wer weiß das. Er mochte gehofft haben, daß der Bursche glatt durchkommen würde, wobei es nahezu unmöglich gewesen wäre, den Anstifter herauszubringen. Keinesfalls hat er mehr als Verhaftung für den Jungen wagen wollen.«

Der Kommissar unterbrach seine Ausführungen zu kurzer Überlegung.

»Zwar, wie er im letzten Fall hoffen konnte, seinen Anteil an der Sache verborgen zu halten, ist mehr, als ich sagen könnte«, fuhr er fort, in seiner Unkenntnis von des armen Stevie Ergebenheit für Herrn Verloc (der ja gut war), und von der wirklich eigenartigen Gestörtheit des Jungen, die doch in der alten Geschichte vom Feuerwerk auf den Stiegen durch lange Jahre alle Drohungen, Bitten und sonstigen Untersuchungsmittel seiner geliebten Schwester zunichte gemacht hatte. Denn Stevie war treu ... »Nein, ich kann mir's nicht vorstellen. Es ist möglich, daß er daran überhaupt nicht gedacht hat. Es mag etwas ungewöhnlich klingen, Sir Ethelred, aber angesichts seines Seelenschmerzes mußte ich an einen etwas vorschnellen Mann denken, der Selbstmord begangen hat, im Glauben, daß damit alles zu Ende sein würde und nachher dahinter kommt, daß dem durchaus nicht so ist.«

Der Kommissar machte diese Feststellungen in entschuldigendem Ton. Tatsächlich aber hat gerade die bildhafte Sprache ihre eigene Deutlichkeit, und der große Mann war nicht erzürnt. Ein leichtes Zucken des großen Körpers, der sich in dem grünen Dämmer fast verlor, des mächtigen Hauptes, das sich auf die große Hand lehnte, wurde von einem unterdrückten, doch immer noch kraftvollen Geräusch begleitet. Der große Mann hatte gelacht.

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

Der Kommissar gab schnell zurück:

»Da er es sehr dringlich zu haben schien, zu seiner Frau in den Laden zurückzukommen, so ließ ich ihn gehen, Sir Ethelred.«

»Taten Sie das? Aber der Bursche wird sich ja dünn machen!«

»Verzeihung, das glaube ich nicht. Wohin sollte er gehen? Dann bitte ich Sie auch zu bedenken, daß er ja auch die Gefahr von Seiten seiner eigenen Genossen im Auge behalten muß. Er ist hier auf Posten. Wie könnte er es erklären, wenn er ihn verließe? Doch selbst, wenn seine Handlungsfreiheit nicht gehemmt wäre, würde er nichts unternehmen. Im Augenblick hat er nicht genügend Entschlußkraft, um sich zu irgend etwas aufzuraffen. Gestatten Sie mir, auch noch hervorzuheben, daß wir durch seine Festnahme in eine Handlungsweise hineingedrängt worden wären, über die ich zuvor doch Ihre genaue Meinung einholen wollte.«

Der große Mann erhob sich wuchtig, eine gewaltige, schattenhafte Form im grünen Dämmer des Zimmers.

»Ich muß heute noch mit dem Oberstaatsanwalt sprechen und werde morgen früh nach Ihnen schicken. Haben Sie mir jetzt noch irgend etwas zu sagen?«

Der Kommissar war ebenfalls aufgestanden, schlank und biegsam.

»Ich denke nicht, Sir Ethelred. Sonst müßte ich auf Einzelheiten eingehen, die –«

»Nein, keine Einzelheiten, bitte.«

Die große, schattenhafte Masse schien zusammenzuschrumpfen wie in körperlicher Angst vor Einzelheiten; kam dann wieder vorwärts, breitete sich aus, wuchs ins Ungeheure und bot eine riesige Hand. »Und Sie sagen, daß der Mann eine Gattin hat?«

»Jawohl, Sir Ethelred«, sagte der Kommissar und drückte ehrfurchtsvoll die ausgestreckte Hand. »Eine richtige Gattin, die ihm richtig und gesetzmäßig angetraut ist. Er gestand mir, daß er nach der Auseinandersetzung auf der Gesandtschaft alles hinter sich geworfen, den Laden verkauft und das Land verlassen hätte, hätte er nicht sicher gewußt, daß sein Weib von einer Auswanderung nicht einmal reden hören wollte. Nichts kennzeichnet die gut bürgerliche Bindung besser als dies«, fuhr der Kommissar mit einem Anflug von Grimm fort, denn auch seine eigene Gattin hatte es ja abgelehnt, von Auswanderung reden zu hören. »Ja, eine richtige Gattin. Und das Opfer war sein richtiger Schwager. Von einem gewissen Gesichtspunkt aus gesehen, bietet sich uns hier ein häusliches Drama dar.«

Der Kommissar lachte kurz; doch des großen Mannes Gedanken schienen weit weg zu sein, vielleicht bei der Innenpolitik seines Landes, dem Schlachtfeld, auf dem sich sein Kreuzzug gegen den Heiden Cheeseman abspielte. Der Kommissar zog sich ruhig zurück, unbemerkt, als wäre er schon vergessen.

Auch in ihm steckte etwas vom Kreuzfahrer. Diese Sache, die aus dem oder jenem Grunde dem Hauptinspektor so widerlich war, erschien ihm ein von der Vorsehung gegebener Ausgangspunkt für einen Kreuzzug, den er von Herzen gern beginnen wollte. Er ging langsam nach Hause, überdachte unterwegs sein Vorhaben und auch Herrn Verlocs Charakter, in einer Stimmung, die zwischen Widerwillen und Genugtuung schwankte. Er ging die ganze Strecke zu Fuß. Da er im Wohnzimmer kein Licht fand, so ging er in den Oberstock und brachte einige Zeit zwischen dem Schlaf- und Ankleidezimmer damit hin, seine Kleider zu wechseln und wie ein grübelnder Traumwandler auf und ab zu gehen. Doch nahm er sich fest in die Hand, bevor er wieder ausging, um mit seiner Frau im Hause von Michaelis' großer Gönnerin zusammenzutreffen.

Er wußte, daß er dort willkommen sein würde. Als er das kleinere der beiden Wohnzimmer betrat, gewahrte er seine Frau in einer kleinen Gruppe nächst dem Piano. Ein junger Komponist, der auf der Schwelle der Berühmtheit stand, unterhielt sich vom Klaviersessel aus mit zwei dicken Männern, deren Rücken alt, und mit drei schlanken Frauen, deren Rücken jung aussahen. Hinter dem Wandschirm hatte die große Dame nur zwei Leute bei sich: einen Mann und eine Frau, die nebeneinander in Armstühlen zu Füßen des Ruhebetts saßen. Sie streckte dem Kommissar die Hand entgegen.

»Ich hätte nie gehofft, Sie heute abend hier zu sehen. Annie sagte mir –«

»Jawohl. Ich hatte selbst keine Ahnung, daß meine Arbeit so schnell beendet sein würde.«

Der Kommissar fügte halblaut hinzu: »Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Michaelis mit der Sache gar nichts zu tun hat –«

Die Schirmherrin des entlassenen Sträflings nahm diese Zusicherung mit Entrüstung auf.

»Warum? Wart Ihr denn dumm genug, ihn damit in Verbindung zu bringen? –«

»Nicht dumm,« unterbrach der Kommissar in ehrehrbietigem Widerspruch, »geschickt genug – wirklich geschickt genug dazu.«

Es herrschte Schweigen. Der Mann zu Füßen des Ruhebettes hatte aufgehört, zu der Dame zu sprechen und zeigte ein schwaches Lächeln.

»Ich weiß nicht, ob Sie einander schon einmal begegnet sind«, sagte die große Dame.

Herr Vladimir und der Kommissar wurden einander vorgestellt und nahmen jeder des anderen Dasein mit gemessener Höflichkeit zur Kenntnis.

»Er hat mir Angst gemacht«, erklärte plötzlich die Dame, die neben Herrn Vladimir saß und deutete mit einer Kopfbewegung nach ihm. Der Kommissar kannte die Dame.

»Sie sehen nicht verängstigt aus«, meinte er nach einem forschenden Blick aus seinen müden, gleichgültigen Augen. Dabei stellte er innerlich fest, daß man in diesem Hause früher oder später jedermann treffen mußte. Herrn Vladimirs rosiges Gesicht war von einem Lächeln durchfurcht, weil er eben witzig war; in seinen Augen aber stand noch der Ernst der Überzeugung.

»Nun, er hat es wenigstens versucht«, gab die Dame zu.

»Die Macht der Gewohnheit vielleicht«, sagte der Kommissar in unwiderstehlicher Eingebung.

»Er hat der Gesellschaft alle Arten von Schrecken angedroht«, fuhr die Dame fort, in ihrer schleppenden, schmachtenden Redeweise. »Alles wegen der Explosion in Greenwich Park. Es scheint, daß wir alle in unseren Schuhen zittern müssen, beim Gedanken an das Kommende, wenn diese Leute nicht in der ganzen Welt unterdrückt werden. Ich hatte keine Ahnung, daß die Sache so ernst wäre.«

Herr Vladimir gab sich den Anschein, als hörte er nicht, beugte sich zu dem Ruhebett und sprach höflich und halblaut weiter, doch hörte er den Kommissar sagen:

»Ich zweifle nicht, daß Herr Vladimir die Wichtigkeit der Sache haargenau einzuschätzen weiß.«

Herr Vladimir fragte sich, wo der verwünschte, hergewehte Polizeimann hinaus wollte. Als Abkömmling einer langen Geschlechterreihe von Untertanen einer unumschränkten Macht hatte er aus Rasse-, wie aus persönlicher Anlage Angst vor der Polizei. Es war eine ererbte Schwäche, die sich seinem Urteil, seiner Vernunft und seiner Erfahrung entzog. Sie war ihm angeboren. Aber das Gefühl, das mit dem unvernünftigen Abscheu mancher Leute vor Katzen Ähnlichkeit hatte, hielt vor seiner unendlichen Geringschätzung der englischen Polizei nicht stand. Er beendete den an die große Dame gerichteten Satz und wandte sich in seinem Stuhl leicht um.

»Sie meinen wohl, daß wir die Leute genau kennen. Jawohl. Wir haben wirklich sehr viel zu dulden unter ihrer Tätigkeit, während Sie –« Herr Vladimir zögerte einen Augenblick und lächelte ratlos – »während Sie fröhlich ihre Anwesenheit in Ihrer Mitte dulden«, schloß er und zeigte Grübchen in jeder der glattrasierten Wangen. Dann fügte er ernsthafter hinzu: »Ich kann sogar sagen, weil Sie das tun.«

Als Herr Vladimir zu sprechen aufhörte, schlug der Kommissar die Augen nieder, und die Unterhaltung stockte. Fast unmittelbar darauf empfahl sich Herr Vladimir. Sobald er dem Ruhebett den Rücken gekehrt hatte, erhob sich auch der Kommissar.

»Ich dachte, Sie würden hier bleiben und Annie mitnehmen«, sagte die Schirmherrin von Michaelis.

»Ich sehe doch, daß ich heute abend noch eine Kleinigkeit zu tun habe.«

»In Verbindung –?«

»Jawohl – gewissermaßen.«

»Sagen Sie mir, was soll die grausige Sache bedeuten?«

»Das ist schwer zu sagen, aber vielleicht wird es noch eine cause célèbre«, meinte der Kommissar.

Er verließ das Wohnzimmer eilig und fand Herrn Vladimir noch in der Halle, wie er sich gerade ein großes Seidentuch sorgsam um den Hals wickelte. Hinter ihm wartete ein Lakai mit seinem Mantel. Ein anderer stand bereit, um die Türe zu öffnen. Man half dem Kommissar sofort den Mantel anziehen und ließ ihn hinaus. Nachdem er die Stufen vor dem Eingang hinuntergeschritten war, blieb er stehen, als überlegte er, welchen Weg er nehmen solle. Als er dies durch die offen gehaltene Tür sah, verweilte Herr Vladimir in der Halle, zog eine Zigarre heraus und verlangte Feuer. Ein alter Mann ohne Livree bot es ihm mit ruhiger Höflichkeit. Doch das Zündholz erlosch; da schloß der Lakai die Tür, und Herr Vladimir zündete sich bedächtig seine Havanna an. Als er schließlich aus dem Hause trat, sah er den »verdammten Polizeimann« immer noch auf der Straße stehen.

»Kann er etwa auf mich warten?« dachte Herr Vladimir und spähte links und rechts nach einer Droschke aus. Er sah keine. Einige Kutschen warteten längs des Randsteins; ihre Laternen brannten ruhig, die Pferde standen ganz still, wie in Stein gehauen, die Kutscher saßen so reglos in ihren Pelzmänteln, daß nicht einmal die Spitzen ihrer großen Bogenpeitschen zuckten. Herr Vladimir ging vorwärts, und der »verdammte Polizeimann« nahm an seiner Seite gleichen Schritt. Er sagte nichts. Nach dem vierten Schritt fühlte Herr Vladimir wütende Unruhe. Dies konnte nicht andauern.

»Sauwetter«, knurrte er böse.

»Milde«, sagte der Kommissar. Er schwieg eine Zeitlang. Dann bemerkte er obenhin: »Wir haben einen gewissen Verloc festgenommen.«

Herr Vladimir strauchelte nicht, fuhr nicht zurück, behielt seinen Schritt. Doch konnte er sich nicht enthalten, auszurufen: »Was!« Der Kommissar wiederholte seine Bemerkung nicht. »Sie kennen ihn«, fuhr er in gleichem Ton fort.

Herr Vladimir blieb stehen und bekam seinen Kehlton.

»Wie kommen Sie dazu, das zu sagen?«

»Ich sage es nicht. Verloc sagt es.«

»Irgend ein lügnerischer Hund«, sagte Herr Vladimir in plötzlich orientalischer Ausdrucksweise. Sein Herz aber war fast von Ehrfurcht erfüllt angesichts der wunderbaren Geschicklichkeit der englischen Polizei. Der Wechsel seiner Ansicht in diesem Punkt war so unvermittelt, daß er einen Augenblick lang Übelkeit empfand. Er warf seine Zigarre fort und ging weiter.

»Was mir bei der Sache am meisten gefällt,« fuhr der Kommissar langsam fort, »ist, daß sie eine so vorzügliche Handhabe zu einem Unternehmen bietet, das meiner Überzeugung nach unbedingt begonnen werden muß – das ist, zu der Säuberung dieses Landes von all den ausländischen Spitzeln, Polizisten und – Hunden dieser Art. Meiner Ansicht nach sind sie unerhört schädlich; und auch eine ständig drohende Gefahr. Noch können wir sie nicht gut einzeln heraussuchen. Der einzige Weg ist, denen, die sie verwenden, ihre Verwendung zu verleiden. Die Sache wird ja anstößig! Und auch gefährlich für uns hier.«

Wieder blieb Herr Vladimir einen Augenblick stehen.

»Was meinen Sie?«

»Der Prozeß gegen diesen Verloc wird der Öffentlichkeit sowohl die Gefahr, wie die Anstößigkeit dartun.«

»Niemand wird glauben, was ein Mann dieser Sorte sagt«, meinte Herr Vladimir verächtlich.

»Die Unzahl genauer Einzelheiten wird für das Publikum zwingende Beweiskraft haben«, gab der Kommissar freundlich zu bedenken.

»Sie haben das also ernstlich im Sinn?«

»Wir haben den Mann. Uns bleibt keine Wahl.«

»Sie werden damit nur dem Lügengeist unter den revolutionären Schuften neue Nahrung geben«, widersprach Herr Vladimir. »Warum wollen Sie denn Skandal? – Wegen der Moral – oder weswegen?«

Herrn Vladimirs Unruhe war unverkennbar. Da der Kommissar sich so überzeugt hatte, daß in den gedrängten Angaben Herrn Verlocs einige Wahrheit liegen mußte, fügte er gleichgültig hinzu:

»Es gibt auch eine praktische Seite. Wir haben gerade genug zu tun, die echten Erzeugnisse im Auge zu behalten. Sie können nicht sagen, daß wir hierin erfolglos sind. Aber wir denken nicht daran, uns, ganz gleich unter welchem Vorwand, mit Fälschungen behelligen zu lassen.«

Herrn Vladimirs Ton wurde hochmütig.

»Ich für meine Person kann Ihre Ansicht nicht teilen. Sie scheint mir selbstsüchtig. Meine Gefühle für mein eigenes Land unterliegen keinem Zweifel; dabei aber habe ich immer empfunden, daß wir nebenher auch gute Europäer sein sollten – das gilt für Regierungen und Menschen.«

»Jawohl,« sagte der Kommissar einfach, »nur sehen Sie Europa vom anderen Ende her an. Aber«, fuhr er gutmütig fort, »die fremden Regierungen können über die Erfolglosigkeit unserer Polizei nicht klagen. Sehen Sie sich diesen Fall an, der insofern verzwickt war, als es sich um bestellte Arbeit handelte. In weniger als zwölf Stunden haben wir die Persönlichkeit eines Menschen festgestellt, der buchstäblich in Fetzen zerrissen war, haben den Anstifter herausgefunden und sogar noch die Spur entdeckt, die zu ihrem Urheber hinter ihm führt. Wir hätten noch weiter gehen können; nur haben wir an den Grenzen unseres Gebiets Halt gemacht.«

»So wurde also dieses lehrreiche Verbrechen auswärts geplant?« fiel Herr Vladimir schnell ein. »Sie geben zu, daß es auswärts geplant wurde?«

»Theoretisch, nur theoretisch auf fremdem Boden; auswärts nur dem Wort nach«, sagte der Kommissar und spielte damit auf die Eigentümlichkeit der Gesandtschaften an, die als Teile des Landes gelten, dem sie angehören. »Aber das ist Nebensache. Ich habe mit Ihnen davon gesprochen, weil Ihre Regierung am meisten an unserer Polizei auszusetzen hat. Sie sehen, daß wir nicht gar so schlecht sind. Ich hatte den besonderen Wunsch, Ihnen von unserem Erfolg Mitteilung zu machen.«

»Ich bin Ihnen gewiß sehr dankbar«, murmelte Herr Vladimir durch die Zähne.

»Wir können die Hand auf jeden Anarchisten im Lande legen«, fuhr der Kommissar fort, als wollte er den Inspektor Heat zitieren. »Nun bleibt nichts weiter zu tun übrig, als mit dem Lockspitzel aufzuräumen, damit die Sicherheit nicht weiter gefährdet wird.«

Herr Vladimir winkte mit der Hand einer vorüberfahrenden Droschke.

»Gehen Sie nicht hier hinein?« fragte der Kommissar und sah nach einem einladenden prächtigen Bau, durch dessen breite Glastüre ein Lichtstrom aus der großen Halle auf die Freitreppe herausfiel.

Doch Herr Vladimir saß mit steinernem Gesicht im Wagen und fuhr ohne ein Wort davon.

Der Kommissar selbst betrat den Prachtbau nicht. Es war das Klubhaus der »Forscher«. Er mußte daran denken, daß Herr Vladimir, das Ehrenmitglied, in Zukunft nicht allzu oft dort gesehen werden würde. Er blickte auf die Uhr; es war erst halb elf. Sein Abend war gut ausgefüllt gewesen.

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