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Der Geheimagent

Joseph Conrad: Der Geheimagent - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/conrad/geheimag/geheimag.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleDer Geheimagent
publisherS. Fischer Verlag A.-G.
printrun1. bis 5. Auflage
year1926
translatorErnst W. Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090922
projectid18d3034a
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Einleitung

Über einen solchen Fall habe ich schon einmal geschrieben. Das war, als ich das Werk eines deutschen Dichters französischer Nation und insbesondere seinen glücklichsten, uns ganz zum populären Besitz gewordenen Beitrag, den »Peter Schlemihl« wieder einmal bei uns »einzuleiten« hatte. Hier ist das Gegenstück unserer Tage, ein polnisch-englisches zur Abwechslung: es ist nicht unsere Anziehungskraft, die sich diesmal bewährt; wir sind unbeteiligt, wir übersetzen nur; doch soll das unser Vergnügen an dem schönen, merkwürdigen Falle nicht schmälern, und so neidlos gefesselt wollen wir darauf blicken, wie einst die anderen auf das Phänomen von Chamissos deutschem Dichtertum. Das Vorkommnis individueller Verliebtheit in eine andere nationale Lebensform, der entschlossenen und radikalen Auswanderung, der völligen persönlichen und geistigen Naturalisation in fremder Volkssphäre, so, als handle es sich um die menschlich-intelligente Richtigstellung eines Irrtums der fehlbaren Natur, – wiederholt sich, wie es scheint, mit einer gewissen Regelmäßigkeit in der Geschichte der Kultur und der Dichtung, und derjenige, dessen gesunde Ehrfurcht vor dem Natürlichen mit einiger weniger gesunden, aber menschlich nicht unanständigen Ironie gegen dies zweifellos heilige Element gemischt ist, wird die verzerrte Miene vermeiden, mit der man eine Monstrosität beobachtet, sondern mit Sympathie und Genugtuung eine nationale Freizügigkeit feststellen, deren Ergebnis nicht Kulturlosigkeit und seelischer Tod, sondern eine von allen Völkern bewunderte kulturelle Leistung war.

Nicht leicht zu sagen, aus welchem Grunde heut ein Franzose sollte geistig zum Deutschtum hinüberwechseln. Einst, in romantischen Zeiten, konnte es geschehen schlechthin aus Liebe zur Poesie. Wir waren das Land der Dichter und Denker; ein Dichter sein und deutsche Verse machen war bis zu einem gewissen Grade ein und dasselbe; man fühlte sich überall zum Deutschtum hingezogen, wenn man sich zur Poesie hingezogen fühlte, und Chamisso wurde deutsch, um ein deutscher Dichter zu sein. Der Fall Conrad liegt charakteristisch anders – charakteristisch sowohl in nationaler wie in zeitlicher Hinsicht. Der Pole ist durchaus nicht Engländer geworden, um englischer Schriftsteller zu werden, – soweit ich unterrichtet bin, hat ihm dieser Gedanke sehr fern gelegen. Er ist es geworden, um Seemann, a sailor, zu sein, aus unwiderstehlicher Lust zur Schifffahrt, – und hier nun werden die Fälle wieder verwandt. Denn da er, um Segler zu werden, ja auch zur französischen, russischen, deutschen Marine hätte gehen können, so muß das Englische und das Seemännische ihm in ähnlicher Weise und ähnlichem Grade zusammengefallen sein, wie dem Dichter des »Schlemihl« einst Poesie und Deutschtum; beide Male ist es ein Wechsel der Nationalität aus Leidenschaft für den Hauptberuf eines anderen Volkes, denjenigen, worin es sprichwörtlicherweise vor anderen glänzt, und die nationalen, wie namentlich auch die zeitlichen Umstände brachten es mit sich, daß Conrads Motive zur Konversion weit weniger geistiger Art waren als die Chamissos.

Doch wäre es wohl altmodisch-romantisch, das Geistige allzu eng zu fassen und es dem Literarischen gleichzusetzen. Die Liebe des Polen zum Seemännischen, das ihm das Englische war, wird von Anfang an mit tiefer Sympathie für englisches Wesen überhaupt, englische Lebenshaltung und -stimmung, englischen Tonfall und Sprachgeist verbunden gewesen sein; ohne Sprachlich-Geistiges geht es von vornherein nicht ab bei einer solchen Leidenschaft; am Ende war Conrads Konvertitentum nicht weniger »dichterisch«, als das Chamissos, und er wäre kaum englischer Schriftsteller geworden, nachdem er englischer Seemann gewesen, wenn nicht das Dichterische immer einschlägig gewesen wäre in seinem Träumen und Tun, wenn nicht sein ganzes exzentrisches Trachten aus den natürlichen Bindungen weg in eine fremde, geheimnisvoll wahlverwandte Sphäre schon das eines Phantasten und Poeten gewesen wäre.

Vor allem war seine Liebe zum Meere und den Abenteuern des Meeres zweifellos eine Dichterliebe, und vom Meere, vom Leben auf ihm und mit ihm hat er erzählt, als er an Land gegangen war, fast nur hiervon, in der klassischen Sprache der Seefahrer, auf englisch, – so ganz auf englisch, daß wenigstens dem Nichtengländer scheint, es hätte nicht englischer geschehen können, und daß in der Tat sein heute europäischer Ruhm der eines großen britischen Autors ist.

Als ich vor Jahren den Haag besuchte, hielt Galsworthy dort eben einen Vortrag über »Conrad und Tolstoi«. Ich hatte keine Ahnung, wer das sei, den man da mit dem russischen Giganten zusammenstellte; und mein Erstauen widerholte sich, als ich hörte, daß André Gide englisch gelernt habe, ausdrücklich, um Conrad im Original lesen zu können. Seitdem habe ich dies Erzählerphänomen kennengelernt in einigen seiner stärksten Werke: Ich las die dämonische Geschichte einer Windstille, genannt »Die Schattenlinie«, und die Geschichte eines Sturmes, die »Der Nigger vom Narzissus« heißt. Auch von den Büchern, die nur zum Teil auf dem Meere oder ganz auf dem festen Lande spielen, wie der technisch überaus verzwickte und virtuose Roman »Spiel des Zufalls« und dieses hier, die glänzende, packende Kriminalgeschichte »Der Geheimagent«, las ich dies und das und bin voll genug davon, um mich nicht unberufen zu fühlen, unserem Publikum irgendeines, maritim oder nicht maritim, also zum Beispiel den bewunderungswürdigen »Geheimagenten« persönlich ans Herz zu legen, – diesen, wenn ich es mir überlege, gerade deshalb, weil darin nicht zur See gefahren wird, und weil es für mein Gefühl eine ungerechte Schmälerung von Conrads jungem deutschen Ruhm bedeuten würde, wenn er allzu seemännischen Spezialcharakter gewönne. Ich gebe zu, daß das tiefste und persönlichste dichterische Erlebnis dieses Mannes das Meer, die gefährliche Kameradschaft mit dem Elemente gewesen ist und daß seine auffallendsten künstlerischen Leistungen auf diesem Gebiete liegen. Aber sein männliches Talent, sein Engländertum, seine freie Stirn, sein fester, kühler und humoristischer Blick, seine erzählerische Verve, Kraft und ernste Lustigkeit bewähren sich nicht weniger, wenn er sich auf dem Trockenen hält und das gesellschaftliche Leben des Festlandes anschaut, durchschaut und kritisch-plastisch gestaltet, wie in der vorliegenden spannenden, ja aufregenden Geschichte, einer Kriminalgeschichte, wie gesagt, und einer politischen Geschichte dazu, der Geschichte einer ausländischen, allzu ausländischen Gesandtschaftsintrige und ihrer tragisch-menschlichen Auswirkungen ...

Es ist eine antirussische Geschichte, deutlich gesagt, antirussisch in einem sehr britischen Sinn und Geist; große Politik steht hinter ihr, der große englisch-russische Weltgegensatz, und ich halte für möglich, daß dieser Gegensatz auch den Hintergrund – ich will nicht sagen: das Motiv – der leidenschaftlichen Englandliebe des Polen schon immer gebildet hatte. Handelte es sich um einen Deutschen, so wäre die Unterstellung kühn. Wir sind »Metaphysiker«; weder bewußt noch unbewußt würden wir je das Politische Einfluß auf unser Seelenleben gewinnen lassen. Aber wir haben angefangen, einzusehen, daß es bei anderen vielleicht etwas anderes ist, und daher meine Vermutung, daß polnische Antipathie gegen das Russentum sich in diesem Roman auf britisch auslebt.

Sie tut es namentlich in der Figur eines Herrn Vladimir, ersten Sekretärs der diplomatischen Vertretung einer auswärtigen, allzu auswärtigen Macht in London, der eigentlich die ganze Geschichte auf dem Gewissen hat und der, obgleich ein eleganter Mann, gelegentlich mit schlecht verhehlter Zustimmung des Autors ein »hyperboreisches Schwein« genannt wird. Von glatten Sitten im allgemeinen, nimmt er im Affekt eine »orientalische Ausdrucksweise« an und bekommt einen Kehlton, der schon nicht mehr nur unenglisch, sondern auch uneuropäisch, »innerasiatisch« anmutet. »Als Abkömmling einer langen Geschlechterreihe von Untertanen einer unumschränkten Macht«, heißt es von ihm, »hatte er aus Rasse- wie aus persönlicher Anlage Angst vor der Polizei ... Aber das Gefühl, das mit dem unvernünftigen Abscheu mancher Leute vor Katzen Ähnlichkeit hatte, hielt vor seiner unendlichen Geringschätzung der englischen Polizei nicht stand.« – »Die Wachsamkeit der Polizei«, sagt er – oder einer seiner Untergebenen sagt es für ihn –, »und die Strenge der Behörden! – Die allgemeine Milde des Gerichtsverfahrens hier und das völlige Fehlen von Unterdrückungsmaßnahmen sind ein europäischer Skandal. Was gerade jetzt gewünscht wird, ist die Betonung der Rastlosigkeit – der Gärung, die zweifellos vorhanden ist.« Es tagt nämlich in Mailand eine internationale Konferenz gegen die soziale Revolution. »Wir wollen der Konferenz in Mailand ein kleines Stimulans eingeben«, äußert Herr Vladimir »leichthin«. »Ihre Erwägungen über internationale Maßnahmen zur Unterdrückung politischer Verbrechen scheinen zu keinem Ende zu führen; England läßt aus. Dieses Land ist ganz lächerlich mit seiner gefühlsduseligen Rücksichtnahme auf persönliche Freiheit ... England muß aufgerüttelt werden ...«

Diese antisarmatische Satire, so leicht sie hingeworfen ist, strotzt von Stolz auf englische Freiheit und Zivilisation. Das verhaßte Russentum, britisch verhaßt, aber vielleicht ursprünglich polnisch verhaßt, wird zum Schuldigen gemacht an aller menschlichen Tragödie des Romans: an dem Tode des armen kleinen Stevie, der Ermordung des bemitleidenswerten Schurken Verloc, an dem Selbstmorde seiner Frau. Ist Conrad englischer in irgendeiner seiner Bordgeschichten als in dieser politischen Kriminalgeschichte? Zu Herrn Vladimir sagt ein braver britischer Polizeikommissar: »Was mir an der Sache am meisten gefällt, ist, daß sie eine so vorzügliche Handhabe zu einem Unternehmen bietet, das meiner Überzeugung nach unbedingt begonnen werden muß – das ist, zu der Säuberung dieses Landes von all den ausländischen Spitzeln, Polizisten und – Hunden dieser Art.« Hunde, das ist ein Ausdruck des Herrn Vladimir, ein orientalisch-innerasiatischer Ausdruck, im fremdartigen Kehlton zu sprechen, über welchen heutige Sowjetagenten wohl nicht schlechter verfügen, als Personen von der Art des Herrn Vladimir – was ich nur anmerke, um zu zeigen, daß unser Roman nicht veraltet ist, weil er unter dem Zarenreich spielt, und daß der westöstliche Gegensatz, der seinen weltpolitischen Hintergrund bildet, durch einen Regierungswechsel im Osten an Lebendigkeit nicht eingebüßt hat. Und hier noch eine Vermutung. Sollte nicht die entschiedene und schon tendenziöse Westlichkeit dieses außerordentlichen und in England, Frankreich, Amerika längst hochberühmten Schriftstellers schuld, gewissermaßen schuld daran sein, daß er in unserer »Mitte«, welche sich einer so entschlossenen und einseitigen Option instinktweise allezeit wird enthalten müssen, bisher so geringe Resonanz gefunden hat? Eine Zeitlang sah es so aus, als hätten wir gewählt, politisch und geistig-kulturell, nämlich den Osten; und das war gerade die Zeit, während der in Westeuropa Conrads Ruhm sich entfaltete. Für uns stand diese Erzählergestalt im Schatten Dostojewskis – einem Schatten, der, wir wollen das auch heute sachlich zugeben, drei bis vier Conrads zudecken und kaltzustellen imstande bleibt. Und doch hat sich manches geändert seitdem bei uns zulande; die Macht jenes epileptisch-apokalyptischen Sehertums über den deutschen Sinn ist bis zu einem gewissen Grade gebrochen; wir sind im Begriffe, uns vom christlich-byzantinischen Morgen zur Mitte, zu uns und also auch zu dem, was humanistischer und liberaler Westen in uns ist, zurückzufinden, und wenn nun ein führender Verlag die Hauptwerke des slawischen Wahlengländers in deutscher Sprache sammelt, so zeugt das von zutreffender Empfindung für die verbesserten Glückschancen, die dieser Dichter heute bei uns besitzt.

Nein, Conrad ist bei weitem nicht so groß wie Dostojewski! Aber ist es das Format allein, das unsere Liebe bestimmt? Es gäbe dann nichts zu lieben in einer Epoche, die vorderhand durchaus grazilere, schmächtigere Geistesformen aufweist, als die vergangene, als das neunzehnte Jahrhundert, das wir als sehr groß und recht unglückselig zu beurteilen gelernt haben. Gestehen wir, daß das offenbar zartere Format des zwanzigsten vor dem heroischeren seines Vorgängers nicht einmal die Feinheit voraus hat! In Wagner, Dostojewski, selbst in Bismarck vereinigt das neunzehnte Jahrhundert Riesenwuchs mit der äußersten Verfeinerung, einem letzten Raffinement der Mittel, dem freilich in allen Fällen etwas zugleich Krankhaftes und Barbarisches anhaftet. Vielleicht aber ist es gerade der Verzicht auf dies Element, von kranker Barbarei und – fast möchte man sagen – Asiatentum, durch welchen das zierlichere Format des Zeitgeistes bestimmt ist, den wir als verwandt, als brüderlich und nicht mehr als gestrig-väterlich empfinden; vielleicht liegt unserem Mangel an Größe der Wille zu einer reineren, helleren, gesunderen, fast möchte man sagen: griechischeren Menschlichkeit zugrunde, als die düstere Monumentalität des neunzehnten Jahrhunderts sie kannte; und vielleicht hat die Anglomanie des Slawen Conrad und seine Verachtung »innerasiatischer Kehltöne« etwas mit diesem Willen – oder dieser Aufgabe – der Epoche zu tun?

Wir wollen die Weltrevolution nicht vergessen, noch die geistigen Vorteile, die heutzutage mit guten Beziehungen zum Osten verbunden sind – Vorteile, um die jeder wachsame Westmensch den Zentraleuropäer heute rein geographisch beneidet und deren man sich durch die unbedingte Selbstverschreibung an den bürgerlichen Westen unzweifelhaft begäbe. In gewissem und wichtigem Sinn bliebe hier von einer Einbuße zu reden, selbst wenn man sich weigerte, zuzugeben, daß das Englische gegen das Kontinental-Europäische an und für sich eine Niveausenkung bedeutet. Mehr Form und mehr Borniertheit – wäre es das, was der Slawe einhandelte bei seinem Übertritt? Es liegt doch anders. Was er in den Kauf gab, waren Avantagen des Barbarismus, deren Wert er berechnet haben wird. Was er gewann, war Maß, Vernunft, Skepsis, geistiger Freiheitssinn und ein Humor, dessen ausgesprochen angelsächsische Männlichkeit ihn davor bewahrt, jemals ins Bürgerlich-Sentimentale umzuschlagen. Er ist hart und aufgeräumt, dieser Humor, und lebt gewissermaßen von der Vermutung, die sich im »Geheimagenten« irgendwo findet, »daß diese unsere Welt letzten Endes keine allzu ernsthafte ist«. Von christlich-östlicher Leidensveneration weiß er nicht mehr viel und erzählt von dem eisernen Haken, der einem armen alten Kutscher statt des Armes aus dem Rockärmel ragt, mit einer Trockenheit, die eher Ausdruck einer gewissen grimmigen Lebensheiterkeit als des Mitleids ist. Er ist oft in unscheinbaren Einzelheiten erquickend komisch, dieser Humor, wie anläßlich der Droschkenfahrt, deren Rasseln und Glasklirren den Eindruck erweckt, als ob alles hinter den Fahrenden zusammenstürze; oder in der Charakteristik des mechanischen Klaviers, dessen Tasten von einem »pöbelhaften Gespenst« bearbeitet zu werden scheinen und das abbricht, als sei es über irgend etwas verärgert. Er fällt nicht im geringsten aus dem Ton beim Anblick etwa eines Ermordeten. »Nun schien Herr Verloc nicht eigentlich zu schlafen, sondern nur mit gebeugtem Kopfe dazuliegen und beharrlich auf seine linke Brust zu sehen. Und als Genosse Ossipon den Messergriff erblickt hatte, da wandte er sich von der Glastür ab und erbrach sich heftig.« Hier fehlt jedes Getue. Das »Entsetzliche« ist mit einem festen, nüchternen, beinahe vergnügten, jedenfalls lebensheiteren Blick gesehen und in einem Geiste erzählt, der ebenso englisch wie zugleich auch nachbürgerlich-modern anmutet. Denn ganz allgemein und wesentlich scheint mir die Errungenschaft des modernen Kunstgeistes darin zu bestehen, daß er die Kategorien des Tragischen und des Komischen, also auch etwa die theatralischen Formen und Gattungen des Trauerspiels und des Lustspiels, nicht mehr kennt und das Leben als Tragikomödie sieht. Das genügt, um das Groteske zu seinem eigentlichsten Stil zu machen, und zwar in dem Grade, daß selbst das Großartige heute kaum anders als in der Gestalt des Grotesken erscheint. Es wird erlaubt sein, das Groteske den eigentlich antibürgerlichen Stil zu nennen; und wie bürgerlich es nun sonst um das Angelsachsentum bestellt sein möge, so ist zu erinnern, daß das Grotesk-Komische von jeher seine künstlerisch starke Seite war.

Nein, Conrads Westanschluß bedeutete keine künstlerisch-geistige Verbürgerlichung. Wenn er Herrn Vladimir die sozialkritischen Fragen in den Mund legt: »Ich hoffe, Sie geben zu, daß die Mittelschichten verdummt sind?« und Verloc antworten läßt: »Sie sind es!« so ist wenig Zweifel, daß er, der Autor, diese Ansicht teilt. Er ist zu sehr Künstler und freier Geist, um als Sozialist doktrinär zu sein, um es anders als auf spielende, freie und rein zeitkindliche Art zu sein. Die marxistische Theorie erscheint bei ihm als Haß- und Einsamkeitsmonomanie des »Bewährungsfristapostels« Michaelis; seine revolutionären Typen sind nicht die einnehmendsten; er gibt bei Gelegenheit eine stark pessimistische Psychologie des Empörers, und seine Skepsis gegen soziale Utopien kommt zutage, als er einen seiner Rebellen die seine aufstellen läßt, die »wie ein ungeheueres sauberes Spital« aussieht, »mit Blumen und Gärten, und in dem die Starken sich der Pflege der Schwachen zu widmen haben« – während ein elender kleiner Schreckensmann und Sprengstoffprofessor sich die gegenteilige erträumt, eine Welt wie ein Schlachthaus, wo die »Schwachen« der restlosen Vernichtung zugeführt werden. Aber all dieser Spott ist nicht gerade bürgerlich gemeint, und wenn es schon eine sehr hübsche Ironie ist, daß von dem braven Herrn Verloc gesagt wird, seine Sache sei die Beschirmung der sozialen Ordnung gewesen, nicht ihre Verbesserung »oder nur Beurteilung«, so wird diese Ironie zur großen Satire dort, wo es sich um den äußeren Hauptgegenstand der Geschichte, das Dynamitattentat handelt, das die Mailänder Konferenz stimulieren soll, und um das Ziel, gegen welches es sich am besten richtet. »Natürlich gibt es auch noch die Kunst. Eine Bombe in die Nationalgalerie würde einigen Lärm machen. Es wäre aber nicht ernst genug. Kunst war nie der Fetisch der Mittelschicht. Es ist, wie wenn man einem Manne in seinem Hause ein paar Hinterfenster einschlagen wollte. Um ihn aber wirklich zum Aufstehen zu bringen, müßte man ihm doch mindestens das Dach abdecken. Natürlich gäbe es ein wenig Geschrei, aber von wem? Von Künstlern, Kunstkritikern und dergleichen, von Leuten ohne Bedeutung ... Aber da ist nun die Bildung, die Wissenschaft. Jeder Dummkopf, der es zu einem Einkommen gebracht hat, glaubt daran, er weiß nicht, warum, aber er glaubt an ihre Bedeutung. Das ist der allerheiligste Fetisch. Die ganze Selbstsucht der Klasse, auf die es ankommt, wird wachgerufen werden. Sie glauben daran, daß in irgendeiner geheimnisvollen Weise die Wissenschaft die Quelle ihres Wohlstandes ist. Das tun sie ... Mord ist uns vertraut, er ist sozusagen eine feststehende Einrichtung. Die Kundgebung muß sich gegen die Bildung, die Wissenschaft richten ... Was denken Sie davon, die Astronomie anzupacken? ... Es gibt nichts Besseres ... Die ganze zivilisierte Welt hat von Greenwich gehört, noch die Schuhputzer an der Untergrundbahnstation in Charing Cross wissen etwas davon... Packen Sie den ersten Meridian! Sie kennen die Mittelklasse nicht so gut wie ich. Ihre Empfindlichkeit ist erschöpft. Den ersten Meridian. Nichts besser und nichts leichter, scheint mir.«

Diese gescheite Weisung Herrn Vladimirs an den armen Verloc ist die satirische Spitze des Buches. Sein Autor ist selbstverständlich der Unmensch nicht, die Wissenschaft zu verachten. Trotzdem ist er einer von ihr bestimmten und auf sie pochenden Menschlichkeit nicht hold, und gelegentlich spricht er von »jenem Blick voll unerträglichen und unerschütterlichen Dünkels, den nur die Beschäftigung mit der Wissenschaft in das Auge eines Sterblichen zu bringen vermag.« Nichtachtung der Kunst und des eigentlich Geistigen, aber grenzenlose und gläubigste Hochachtung vor der nutzbringenden Wissenschaft: dies empfindet Conrad als bürgerlich; und wenn auch sein Verhältnis zum Proletariat nicht ganz das vorschriftsmäßige, rechtgläubige ist, so offenbar darum, weil, auf dem Wege über den Marxismus, die Wissenschaft ja auch Erbe und Fetisch des Proletariats geworden ist – wie denn niemand leugnen wird, daß der Bolschewismus eine streng wissenschaftliche Weltanschauung ist.

Genosse Ossipon zum Beispiel, mit dem Spitznamen »der Doktor«, gewesener Mediziner ohne akademischen Grad, Wanderlehrer in Arbeitervereinen über die soziale Zukunft der Hygiene, Verfasser einer sofort von der Polizei beschlagnahmten Broschüre »Die fressenden Laster der Bürgerklasse« – Genosse Ossipon ist wissenschaftlich. »Typisch für diese Form der Entartung« findet er von oben herab das Kreisezeichnen des kleinen Stevie, diese sonderbare, mit soviel Hingabe geübte Produktion, die an ein kosmisches Chaos gemahnt, an den Versuch einer wahnsinnigen Kunst, daß Unfaßbare darzustellen. Und selbstverständlich kommt er auf die Ohrläppchen und auf Lombroso. »Lombroso ist ein Esel!« antwortet ihm ein noch Unversöhnlicherer, und der Autor nennt das ironisch »eine erschütternde Lästerung«. »Ist ihnen jemals ein solcher Schwachkopf vorgekommen? Für ihn ist der Gefangene der Verbrecher; ganz einfach, nicht wahr? Was aber ist mit denen, die ihn eingesperrt – hineingezwungen haben? ... Und was ist Verbrechen? Weiß er das, dieser Trottel, der seinen Weg in dieser Welt voll gesegneter Narren gemacht hat, indem er auf Ohren und Zähne von ein paar unglücklichen Teufeln sah! Zähne und Ohren kennzeichnen den Verbrecher? Und was ist es mit dem Gesetz, das ihn noch weit besser kennzeichnet – dem netten Brandeisen, das die Überfütterten erfunden haben, um sich gegen die Hungrigen zu schützen? Rotglühend auf ihr elendes Fell gebracht... So werden Verbrecher gemacht, damit deine Lombrosos ihren Blödsinn darüber schreiben können.« Mit dieser lästerlichen Erwiderung ist der Erzähler wohl bis zu einem gewissen und ziemlich hohen Grade einverstanden. Seine eigene Art aber, den kleinen Stevie zu sehen und zu zeichnen, läßt deutlich erkennen, daß er die Lombroso-Wissenschaftlichkeit im Verhältnis zu ihm nicht in der Hauptsache aus sozialen Gründen als bürgerliche Mesquinerie empfindet, sondern aus tieferen, religiösen.

Stevie, wie er namentlich auf der Droschkenfahrt und bei dem darauf folgenden Gespräch mit seiner Schwester Winnie – soweit bei seiner »Eigenheit« von einem Gespräch die Rede sein kann – sich offenbart, dieser minderwertige kleine Stevie, der so jenseits aller Lebenswerte liebenswürdig ist und den Winnie in der Tat so liebt, daß sie seinen Tod auf die furchtbarste, sie selbst vernichtende Weise rächt – Stevie ist die schönste, mit weitaus der lebhaftesten Rührung angeschaute Figur unseres Buches. Russischer Roman schlägt merklich in ihr durch; ohne Dostojewskis »Idioten«, diesen freilich im Format unvergleichlich größeren Versuch, auf der Grundlage des »Pathologischen« das menschlich Reinste und Heiligste zu geben, wäre sie kaum denkbar, denn auch sie ist ein dichterischer Versuch, das klinisch Minderwertige heilig zu sprechen. Es ist bezeichnend für die moderne Doppelgesichtigkeit des Verfassers, daß er die wissenschaftlich-pathologische Seite der Dinge nicht etwa verleugnet, romantisch die Augen davor schließt. Ich sehe ein naturalistisches Zugeständnis an die Wissenschaft darin, daß Stevies »Eigenheit« als in der Familie liegend charakterisiert ist und die Mordtat seiner Schwester durch die plötzlich scharf hervortretende Ähnlichkeit mit ihm stark idiotisch betont erscheint. Aber das hindert nicht, daß hier eine Psychologie mit religiöser Wertung herrscht, welche das »wissenschaftliche« Urteil des Genossen Ossipon über Stevie als das erscheinen läßt, was sie unter dem menschlichen Gesichtspunkte ist, nämlich als schäbige Halbbildung; und durch die feine, aber unmißverständliche Andeutung, daß dieses Urteil es ist, was in Verlocs bedrängte Seele den ersten Keim zu dem Gedanken senkt, Stevie zu dem politischen Attentat zu mißbrauchen, wird die »Wissenschaft« noch einmal kompromittiert und menschlich beschuldigt.

Das alles ist nicht bürgerlich; aber proletarisch orthodox ist es auch nicht. Es zeugt von jener ungebundenen Objektivität, die einzig Sache des klassenlosen Dichters, wenn auch eben wohl nur seine Sache ist und die sich bei Conrad überall und in allem am befreienden Werke zeigt. Wie er sachlich ist in seinem Urteil über die Geschlechter (er spricht von dem Zartgefühl, das in der männlichen Natur neben aufreizender Roheit wohne, und findet die Frauen von Natur aus schlauer und unerbittlicher in ihrer Begier nach Einzelheiten), so hält er sich nüchtern und kritisch in seinem Verhältnis zu Klassen und Mächten, zu allen falschen und vorläufigen Gegensätzen der Welt. Seine Ironie gegen die Lebensform »gesunder Untätigkeit« ist gut sozialistisch, aber den Typus des heiseren Hetzers, etwa unter einer Schiffsmannschaft (siehe den »Nigger vom Narzissus«), weiß er dem Leser in der Seele zuwider zu machen; und den Terroristen sagt er, daß sie nicht um ein Haar besser sind als die Macht, die gegen sie aufgeboten wird. »Gleich und gleich. Der Terrorist und der Polizeimann kommen aus dem gleichen Ei. Revolution und Gesetz – Gegenzüge im gleichen Spiel.« Das ist nicht müßige Gleichgültigkeit eines unbeteiligten Zuschauers. Es ist der Widerwille eines gar sehr beteiligten Geistes dagegen, in den Gegensätzen erbärmlich hängen zu bleiben. »Ihr Revolutionäre«, sagt er oder läßt er sagen, seid die Sklaven der Gesellschaft, die sich vor euch fürchtet... Selbstverständlich seid ihr das, da ihr ja die Ordnung umstürzen wollt. Sie beherrscht eure Gedanken und natürlich auch eure Handlungen, und daher können weder eure Gedanken noch eure Handlungen jemals abschließend sein.«

Conrads Objektivität könnte kühl scheinen, aber sie ist eine Leidenschaft, denn sie ist Freiheitsliebe – Ausdruck derselben Liebe und Leidenschaft, die den jungen Polen aufs Meer trieb und die zweifellos, wie einst im Falle Iwan Turgenjews, das tiefste Motiv seines kulturellen Anschlusses an den Westen war. Ich denke, sein Dichtertum wird diesen Freiheitssinn davor schützen, mit liberaler Bürgerlichkeit verwechselt zu werden, sein völliger Mangel an Weichlichkeit es bedenklich erscheinen lassen, ihn des Ästhetizismus zu zeihen. Conrads künstlerischer Erfolg bei uns wird durch das Maß seines Talentes bestimmt werden. Geistig werden sich namentlich diejenigen zu ihm finden, die im Gegensatz zu dem begeisterten Glauben einer großen Mehrzahl der Meinung sind, daß die Rolle der Freiheitsidee in Europa noch nicht ausgespielt ist.

Forte dei Marmi, August 1926
Thomas Mann Der Geheimagent

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