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Der gefesselte Prometheus

Aischylos: Der gefesselte Prometheus - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorÄschylos
booktitleDer gefesselte Prometheus
titleDer gefesselte Prometheus
publisherLangenscheidtsche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorJ. J. C. Donner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160324
projectid242825a2
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Kraft.

Am fernen Saum der Erde sind wir angelangt,
Im Skýthenland, in menschenöder Wüstenei.
Dir ziemt, Hephästos, eingedenk zu sein des Amts,
Das dir der Vater zugeteilt, den Frevler hier
[Vers 5] Hoch anzuketten an die steile Felsenwand
In diamant'ner Fesseln unlösbarem Netz.
Denn deine Blum', allkünstlerischen Feuers Glanz,
Hat er geraubt, der Erde Söhnen zugewandt;
Für solche Schuld denn strafen ihn die Götter nun,
[Vers 10] Damit er fügsam ehren lernt die Herrschermacht
Des Zeus und seiner Menschenlieb' Einhalt gebeut.

Hephästos.

Kraft und Gewalt, für euch erreichte Zeus' Gebot
Nunmehr sein Ende, Weit'res hält euch nimmer auf.
Mir aber graut es, einen stammverwandten Gott
[Vers 15] Mit Gewalt zu ketten an die sturmumbrauste Kluft.
Und dennoch treibt mich strenge Not zu dieser That;
Denn schwer bestraft sich's, trotzen wir des Vaters Wort.

(Zu Prometheus)

O du, der weisen Thémis hochgesinnter Sohn,
Ich soll in unlösbarem Erz dich Sträubenden
[Vers 20] Mit Sträuben fesseln an den öden Felsenhang,
Wo keine Stimme noch Gestalt der Menschen dir
Erscheinen und, von hellem Sonnenstrahl gesengt,
Des Leibes Blume welken wird, wo dir ersehnt
Die Nacht in buntem Sterngewand den Tag verhüllt
[Vers 25] Und dann den Frühreif wieder schmelzt der Sonne Blick.
Stets wird die Qual dich martern, die dich hier umgarnt;
Noch ist ja nicht geboren, der dich retten wird.
Dies war der Dank, den deine Menschenliebe fand:
Du bot'st, ein Gott, von Götterzorne nicht geschreckt,
[Vers 30] Mehr als geziemend Ehre dar den Sterblichen,
Wofür du fortan hüten wirst den Schauerfels,
Aufrechtgefesselt, schlummerlos, mit starrem Knie.
Und manches Ach und Wehe wird fruchtlos von dir
Erschallen; unerbittlich grollt die Brust des Zeus,
[Vers 35] Und jeder neue Herrscher übt ein strenges Amt.

Kraft.

Auf! Was verziehst du, hegst umsonst Mitleid mit ihm?
Was zürnest du dem gottverhaßten Gotte nicht,
Ihm, der des Staubes Söhnen dein Kleinod verriet?

Hephästos.

Stark bindet Freundschaft, mächtig eint des Blutes Band.

Kraft.

[Vers 40] Es sei! Doch ungehorsam sein des Vaters Wort,
Wie kannst du dieses? Graute dir davor nicht mehr?

Hephästos.

Wohl bist du stets hartherzig und von Trotz erfüllt.

Kraft.

Um diesen hier zu klagen, frommt ja doch zu nichts:
So ringe du nicht eitel um Vergebliches.

Hephästos.

[Vers 45] O meiner Hände tausendfach verhaßtes Werk!

Kraft.

Was grollst du diesem? An den Leiden hier, um kurz
Es auszusprechen, trägt die Kunst ja keine Schuld.

Hephästos.

Und doch – o hätt' ein andrer diese Kunst erlangt!

Kraft.

Wohl wurde jedem seine Last, nur nicht dem Zeus,
[Vers 50] Der Götter König; unbeschränkt herrscht er allein.

Hephästos.

Das seh' ich hier, und widersprechen kann ich nichts.

Kraft.

So spute dich, die Fesseln umzuschlingen ihm,
Daß Vater Zeus nicht lässig säumend dich erblickt!

Hephästos.

Hier kannst du schon die Schellen ausgebreitet seh'n.

Kraft.

[Vers 55] Die wirf ihm um die Hände, dann mit voller Kraft
Den Hammer schwingend, nagle sie am Felsen fest.

Hephästos.

Schon thu' ich's, ohne Säumen wird das Werk vollbracht.

Kraft.

Noch stärker schlage, keile fest, laß nimmer ab!
Er weiß sich loszuwinden aus der engsten Haft.

Hephästos.

[Vers 60] Der Arm ist angeschmiedet, unauflöslich fest.

Kraft.

Nun fess'le den auch sicher an, damit er lernt,
Er sei, der Schlaue, gegen Zeus ein blinder Thor.

Hephästos.

Ihn ausgenommen, schälte mich niemand mit Grund.

Kraft.

Jetzt nimm des Demantkeiles schonungslosen Zahn,
[Vers 65] Und treib' ihn mächtig mitten durch die Brust hindurch.

Hephästos.

Weh, weh, Prometheus! Wie bejammr' ich dein Geschick!

Kraft.

Schon wieder säumst du, jammerst um den Feind des Zeus?
O daß du nur dich selber nicht dereinst beklagst!

Hephästos.

Du siehst ein Schauspiel, dessen Grau'n kein Aug' erträgt.

Kraft.

[Vers 70] Ihn seh' ich dulden seiner That verdienten Lohn.
Jetzt um die Hüften lege noch den Eisengurt.

Hephästos.

Das muß ich leider. Dränge mich doch nicht so sehr.

Kraft.

Ja, drängen will ich und dazu noch lauter schrei'n.
Nach unten steige, ringe straff die Schenkel ein!

Hephästos.

[Vers 75] Und schon gethan ist's, ohne viel Arbeit gethan.

Kraft.

Nun hämm're mächtig, nagle fest der Bande Stift;
Denn der die Arbeit richtend schaut, er waltet streng!

Hephästos.

Zu deinem Äußern stimmend, tönt der Zunge Laut.

Kraft.

Sei du der Weichling; meinen unbeugsamen Trotz
[Vers 80] Und meines Herzens Härte schilt mir nimmermehr!

Hephästos.

Wir geh'n: denn seine Glieder all' umspannt das Netz.

Kraft.

Hier trotze nun, entwende Göttereigentum
Und gib's den Tagessöhnen hin! Wie können sie,
Die Menschen, dieser Qualen dich erledigen?
[Vers 85] Den Vorbedachten nennen dich die Himmlischen:
Wie falsch! Des Vorbedachtes ja bedarfst du selbst,
Aus diesem Kunstgewinde dich herauszuzieh'n.

Kraft, Gewalt und Hephästos ab.)

Prometheus.

O heil'ger Äther und o Lüfte, schnellbeschwingt,
O Stromesquellen und der Meereswallungen
[Vers 90] Endloses Glanzspiel! Erde, dich Allmutter, auch,
Dich, Hélios' allsehend Auge, ruf' ich an:
Seht, was ich hier von Göttern dulden muß, ein Gott!
Schaut her, welch Leid, qualvoll, schmachvoll,
Mich martert, mit dem Jahrtausende lang
[Vers 95] Fortkämpfen ich soll!
Solch schmähliche Fess'lung sann er mir aus,
Der neu sich erhob, der Unsterblichen Fürst!
Ach, ach! Um das Jetzt, um das kommende Leid
Wehklag' ich zumal. Wann wird jemals
[Vers 100] Der Mühsale Ziel mir erscheinen?
Und doch – was sag' ich? Alles weiß ich klar voraus,
Was künftig sein wird; unerwartet naht sich mir
Niemals ein Leiden. Mein Verhängnis muß ich denn,
So leicht ich kann, ertragen, wohl erkenn' ich ja,
[Vers 105] Daß unbezwingbar deine Macht, Notwendigkeit!
Doch schweigen und nicht schweigen über mein Geschick,
Unmöglich ist mir beides. Weil ich Armer Heil
Der Erde Söhnen brachte, trag' ich dieses Joch.
Im Férulstabe barg ich und entwandte schlau
[Vers 110] Den Quell des Himmelsfeuers, der den Sterblichen
Ein Lehrer aller Künste ward, ein großer Hort.
Und solche Strafen duld' ich nun für solche Schuld,
In Banden angekettet hoch in freier Luft.
Horch, horch!
Was scholl? Welcher Duft weht von dorther unsichtbar
[Vers 115] Mich an? Von Göttern? Menschen? Oder beider Art?
Kam zu dem äußersten Felsen ein Fremdling,
Mein Leid zu schauen? Oder was verlangt er sonst?
O seht in Fesseln mich, den unglücksel'gen Gott,
Mich, Zeus' Urfeind, der allen ein Greu'l,
[Vers 120] Den Unsterblichen, ward, soviel' im Olýmp
Eingeh'n in Kroníons Herrscherpalast,
Weil über Gebühr ich die Menschen geliebt!
Weh!
Welch Rauschen vernahm, wie von Vögeln, mir nah
Schon wieder mein Ohr? Lind flüstert die Luft
[Vers 125] Von der Fittiche leicht hinsäuselndem Schwung.
Was naht, mir weckt es ein Grausen.

(Von der Meerseite her schweben auf einem Flügelwagen die Töchter des Okeanos vor den Felsen des Prometheus und singen in abwechselndem Chorliede.)

Erste Strophe.

Erster Halbchor.

O fürchte nichts! Freundlichen Sinnes kam die Schar hier
Mit der Schwingen raschem Wettflug
Zu den Felshöhen heran, nachdem wir
[Vers 130] Den Vater kaum flehend erweicht.
Eilender Lüfte Geleit' entführt' uns.
Denn dröhnend scholl Eisengeklirr
In meiner Kluft heimlichsten Raum
Und trieb die Scham schreckend vom ernsten Auge.
[Vers 135] Ich eilt' unbeschuht in dem Fluggespann' her.

Prometheus.

Ach, ach!
Ihr Töchter aus Téthys' fruchtbarem Schoß,
Von dem Gotte gezeugt, der wogend mit nie
Einschlummernder Flut um die Erde sich wälzt,
Dem  Okéanosstrom, blickt auf, seht her,
[Vers 140] Wie hier ich die neidlos traurige Hut,
In Bande verstrickt, an des Felsabhangs
Aufstarrenden Klippen besteh'n muß!

Erste Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Ich seh's, Prometheus; um das Auge lagert grauend
Vor Entsetzen, schwer von Thränen,
[Vers 145] Ein Gewölk, daß ich in Qualen also
Dich sehen muß schmachtend am Fels,
Duldend die Last diamant'ner Bande!
Denn neue Herr'n walten am Steu-
er im Olymp, und der Kroni'-
[Vers 150] de herrscht, gemäß neuem Gesetz, gesetzlos:
Das früher Gewaltige stürzt er nieder.

Prometheus.

O hätt' er hinab in den Hádes mich
Zu den Toten gestürzt, in der Tártarosnacht
Unermeßliche Kluft, mit unlösbarem Band
[Vers 155] Zornvoll mich umstrickt, daß weder ein Gott
Noch ein anderer sonst frohlockte darob!
Nun schweb' ich den Lüften ein Spielwerk hier,
Muß dulden zur Lust für die Feinde!

Zweite Strophe.

Erster Halbchor.

Wo hegte solch verhärtet Herz
[Vers 160] Ein Gott, sich deines Leids zu freu'n?
Wer fühlte nicht mit deiner Qual
Mitleiden? Freilich außer Zeus: er zürnt und grollt;
Ungebeugten Sinnes stets,
Bändigt er Uranos' Stamm; nimmer rastet er,
[Vers 165] Bis sein Herz sich ersättigt hat
Oder ein listiger Arm die gewaltige Macht ihm entwindet.

Prometheus.

Wohl meiner dereinst, obschon er mich jetzt
In die Bande gelegt, zu der Schmach mich verdammt,
Er bedarf noch mein, der Unsterblichen Fürst,
[Vers 170] Zu verkündigen ihm den verborgenen Rat,
Der Scepter und Herrschaft einst ihm entreißt!
Nie soll er mir dann durch süßes Geschwätz,
Durch Zauber des Munds umstimmen das Herz,
Nie schreckt er mich dann durch das wildeste Droh'n,
[Vers 175] Es ihm zu verkünden, bevor er mich löst
Aus der grausamen Haft und mir Buße zu thun
Für die kränkende Schmach sich bequemte!

Zweite Gegenstrophe.

Zweiter Halbchor.

Du trotzest kühn, beugst selbst der Qual,
Der bittern, nicht den starren Sinn,
[Vers 180] Und sprichst mit allzudreistem Mund.
Doch mir zerreißt die Seele, tiefeinschneidend, Furcht;
Denn ich beb' um dein Geschick,
Wie du das Ende dereinst dieser Müh'n im Port
Schauen sollst: unerreichbar stets
[Vers 185] Hegt er im Busen das Herz, unerbittlichen Sinnes, Kronion.

Prometheus.

Hart ist er, ich weiß, und erkennt als Gesetz
Nur was er will; doch wird er gewiß
Sanftmütig dereinst,
Wenn also die Not ihm gebrochen den Trotz.
[Vers 190] Dann mildert er wohl sein starres Gemüt,
Dann stürzt er zum Bunde, zur Freundschaft mir
Sich bereit dem bereiten entgegen.

Die Chorführerin.

Jetzt offenbar' uns alles und verkündige:
Welch eine Schuld war's, über der dich Zeus ergriff,
[Vers 195] Daß also schmachvoll, daß so herb er dich bestraft?
Verkünd' es, wenn die Rede dir nicht schmerzlich fällt.

Prometheus.

Mir ist es schmerzvoll auch davon zu reden nur,
Schmerzvoll zu schweigen; bittres Leid ist überall.
Als Groll in Götterherzen aufzuglüh'n begann
[Vers 200] Und unter ihnen sich erhob der wilde Zwist,
(Für Krónos' Sturz vom Throne rang der eine Teil,
Daß Zeus hinfort gebiete, während andere
Sich mühten, daß Zeus nimmerdar ihr König sei,)
Da riet ich wohl das beste, doch unmöglich war's,
[Vers 205] Die Titánen, Gäa's Kinder und des Úranos,
Dafür zu stimmen; nein, den freundlichklugen Rat
Verschmäh'n sie stolz in ihres Herzens Übermut
Und hoffen mühelosen Sieg in offnem Kampf.
Doch hatte mehr als einmal Mutter Thémis schon
[Vers 210] Und Gäa, reich an Namen, doch an Wesen eins,
Wie's künftig kommen werde, mir geoffenbart,
Daß weder Stärke noch Gewalt, daß List allein
Dem Gott die Herrschaft sichre, der durch List gesiegt.
Nachdem ich solches dargelegt in klarem Wort,
[Vers 215] Da hielten sie's nicht eines kurzen Blickes wert.
Das beste nun von allem, was mir offen stand,
Schien mir, mit meiner Mutter im Verein dem Zeus
Als Helfer willig beizusteh'n, dem willigen.
So schließt nach meinem Rate denn des Tártaros
[Vers 220] Schwarztiefer Schlund den altergrauen Krónos ein
Samt seinen Kampfgenossen. Also ward von mir
Der Götter Fürst mit Liebesthaten überhäuft,
So ward mit schnödem Danke mir von ihm gelohnt.
Denn dies Gebrechen haftet stets dem Herrscher an,
[Vers 225] Daß er den eignen Freunden nicht zu trauen wagt.
Doch über eure Frage, was den Gott bewog,
Mich so hinauszustoßen, geb' ich nun Bescheid.
Sobald er sich auf seines Vaters Thron gesetzt,
Stracks teilt er Ehrenämter an die Götter aus,
[Vers 230] Dem dieses, andre jenen, und bestellt des Reichs
Gewalten; nur der jammervollen Sterblichen
Vergaß er völlig, ja, beschloß ihr ganz Geschlecht
Zu tilgen und ein andres neues aufzuzieh'n.
Da widerstrebte seinem Plan niemand als ich.
[Vers 235] Ich wagt' es mutig, ich errang's den Sterblichen,
Daß nicht zerschmettert Hádes' Nacht sie niederschlang.
Für diese That denn beugte mich so grause Qual,
Schmerzvoll zu dulden und bejammernswert zu schau'n.
Mitleid den Menschen bietend, ward ich dessen selbst
[Vers 240] Nicht wert geachtet, sondern unbarmherzig hier
Am Fels gekettet, Schaugepräng, schmachvoll für Zeus.

Die Chorführerin.

Der hat ein Herz von Eisen, ist aus Stein gezeugt,
Den, o Prometheus, deine Qual zum Mitgefühl
Nicht stimmt. O hätte solches Leid mein Auge nie
[Vers 245] Gesehen: nun ich's sehe, bricht es mir das Herz!

Prometheus.

Jawohl zerreißt den Freunden mein Anblick das Herz.

Die Chorführerin.

Du gingest doch nicht weiter, als du mir erzählt?

Prometheus.

Den Menschen wehrt' ich, ihr Geschick vorauszuseh'n.

Die Chorführerin.

Und welch ein Mittel fandest du für diese Not?

Prometheus.

[Vers 250] Die blinde Hoffnung pflanzt' ich ein in ihre Brust.

Die Chorführerin.

Wohl großen Segen schenktest du den Menschen da.

Prometheus.

Zu diesem gab ich ihnen auch das Feuer noch –

Die Chorführerin.

So hat des Feuers Flamme nun das Tagsgeschlecht?

Prometheus.

Wodurch es tausendfache Kunst erlernen wird!

Die Chorführerin.

[Vers 255] Für solche Frevel also straft dich Kronos' Sohn –

Prometheus.

Mit Schmach und Qualen und erlöst mich nimmerdar.

Die Chorführerin.

Und steht ein Ziel des Leides dir niemals bevor?

Prometheus.

Kein andres, keines, außer wenn es ihm gefällt.

Die Chorführerin.

Wenn's ihm gefällt? Was hoffst du? Sieht dein Auge nicht,
[Vers 260] Du fehltest? Wie du fehltest, das zu sagen, ist
Mir keine Lust, dir Kummer. Also schweigen wir
Darüber; Lösung suche nur aus deiner Qual!

Prometheus.

Wer sichern Fußes außerhalb des Leides steht.
Mag leicht Bedrängten Lehren und Ermahnungen
[Vers 265] Erteilen. Mir war alles dies ganz wohlbekannt.
Ich fehlte wissend, wollend, nie verleugn' ich das,
Und lud, den Menschen helfend, selbst das Leid mir auf.
Ich dachte freilich nimmermehr von solcher Qual
Zerfleischt dahinzuwelken hier am Klippensturz,
[Vers 270] Gebannt an diesen öden, nachbarlosen Fels.
Doch nicht beklagt das Leiden, das mich jetzt bedrängt:
Nein, steigt hernieder und vernehmt die kommenden
Geschicke, daß ihr alles bis zum Ende schaut.
Willfahret mir, willfahret, tragt mein Los mit mir,
[Vers 275] Dem Mühbeladnen, Denn das Unglück, wirren Flugs
Umschweifend, sucht heut diesen, morgen jenen heim.

(Die Okeanidensteigen während des Folgenden auf den Felsboden hinab.)

Der Chor.

Gern thun wir, Prometheus, was dein Ruf
Uns eben gebot.
Leicht heb' ich den Schritt und entschwinge mich schnell
[Vers 280] Dem geflügelten Sitz
Und der heiligen Luft, wo der Adler sich sonnt;
Ich steige herab auf den felsigen Grund;
Es verlangt mich von dir
Dein Schicksal ganz zu vernehmen.

Von der Meeresseite her erscheint Okéanos auf seinem geflügelten Seeroß.)

Okeanos.

[Vers 285] Ich komme zu dir, o Prometheus, hier,
Nachdem ich durchmaß den unendlichen Pfad;
Das geflügelte Seeroß trug mich daher,
Das ohne Gebiß mein Wille gelenkt.
Denn wisse, mich schmerzt dein Jammergeschick.
[Vers 290] Wohl drängt mich dazu die Verwandtschaft schon,
Dünkt mir; doch, seh' ich auch ab vom Geschlecht,
Wo wäre von allen Göttern ein Gott
Mir teurer als du?
Daß wahr ich geredet, erkennst du bald;
[Vers 295] Denn schmeichelnder Trug ist ferne von mir.
Auf, sage, worin ich dir beisteh'n kann;
Denn du sollst mir gesteh'n, ein bewährterer Freund,
Als Okeanos, werde dir nimmer.

Prometheus.

Ha, was erblick' ich? Kommst auch du, mein Leid zu schau'n?
[Vers 300] Wie mochtest du des gleichgenannten Stromes Quell,
Wie deine Felsengrotten, die du selbst gewölbt,
Verlassen und im Mutterland des Eisens hier
Erscheinen? Oder kamest du, mein Mißgeschick
Selbst anzusehen, mitzufühlen meine Pein?
[Vers 305] O sieh' ein Schauspiel, siehe mich, den Freund des Zeus,
Der ihm verbündet bauen half den Königsthron,
Sieh', unter welchen Qualen er mich niederbeugt!

Okeanos.

Ich seh's, Prometheus, und du sollst den besten Rat
Von mir vernehmen, bist du selbst auch vielgewandt.
[Vers 310] Erkenne dich, in neue Sitten stimme dich;
Ein neuer Herrscher waltet auch im Götterkreis.
Denn stößest du so trotzig scharfe Reden aus,
Leicht möchte Zeus dich, thront' er auch viel höher noch,
Vernehmen, fürcht' ich, und der Marter Fluch, der jetzt
[Vers 315] Dein Haupt getroffen, schiene dir ein bloßes Spiel.
Deshalb, o Jammervoller, laß von deinem Trotz,
Und nach Erlösung spähe nur aus dieser Not.
Altklug vielleicht erscheint dir meine Rede hier;
Gleichwohl, Prometheus, siehst du, daß der Übermut
[Vers 320] Der allzustolzen Zunge solchen Lohn gewinnt.
Du bist noch nicht geschmeidig, beugst dich nicht dem Schmerz
Und willst zu diesem Leide noch ein neues Leid.
O, füge meiner Lehre dich, und löcke nicht
Dem Stachel kühn entgegen, da du siehst, wie streng
[Vers 325] Ein schrankenloser König hält den Herrscherstab.
Nun aber will ich gehen, will versuchen, dich
Aus dieser Qual zu lösen, wenn mir's möglich ist.
Du schweige still und hemme deiner Zunge Trotz.
Hast du, der Überweise, noch nicht eingeseh'n,
[Vers 330] Daß eitel schnöder Rede folgt ein schnöder Lohn?

Prometheus.

Beneidenswerter, daß du bliebst aus aller Schuld,
Obschon du jedes Wagestück mit mir geteilt!
Nun aber laß dies, kümm're dich nicht mehr darum!
Denn ihn bewegst du nimmer; nichts beugt seinen Sinn.
[Vers 335] Sieh, daß dir selbst nur dieser Gang nicht Schaden bringt!

Okeanos.

Viel besser, als dir selber, weißt du anderen
Zu raten; nicht die Rede nur, die That bezeugt's.
Doch halte mich von meinem Gange nicht zurück!
Ich hoffe ja, ich hoffe, Zeus wird mir die Gunst
[Vers 340] Gewähren und von deinen Qualen dich befrei'n.

Prometheus.

Für solches lob' ich jetzo, dich und immerdar.
Gewiß, an Freundeseifer fehlt dir's nicht: indes
Laß deine Mühe; nichtig ja, nutzlos für mich
Bleibt alle Mühe, wenn du ja dich mühen willst.
[Vers 345] Nein, harre ruhig, halte dich der Sache fern.
Denn wenn ich selbst auch leide, möcht' ich darum nicht,
Daß vielen gleiches Ungemach begegnete.
O nein! Des Bruders Schicksal schon betrübt mich tief,
Des Atlas, der im fernen Abendlande steht
[Vers 350] Und auf den Schultern, eine schwergewalt'ge Last,
Des Himmels und der Erde Säulen stützend trägt.
Den Erdensohn auch sah ich, der Kilíkia's
Felskluft bewohnt und seufzte, wie das Ungetüm
Mit hundert Häuptern durch Gewalt gebändigt ward,
[Vers 355] Der grimme Týphon, der den Göttern allzumal
Trotz bot, Verderben schnaubend aus dem grausen Schlund:
Aus seinen Augen blitzte wild des Feuers Glanz,
Als wollt' er stürzen mit Gewalt Zeus' Herrscherthron.
Ihn aber traf Kroníons ewigwacher Pfeil,
[Vers 360] Der Donnerstrahl, der flammenatmend niederfuhr,
Daß hochvermess'ner Prahlerei Verheißungen
Zum Nichts zerstoben: mitten schlug ins Herz der Strahl
Und brach im Dampfe wilder Glut die stolze Kraft.
Und nun, ein machtlos hingestreckter Riesenleib,
[Vers 365] So liegt er dort, des Meeres engem Sunde nah,
Tief unter Ätna's Felsengrund hinabgedrückt:
Auf hoher Kuppe sitzend schlägt sein glühend Erz
Hephästos. Dorther stürzen einst Glutströme sich
Hernieder und verzehren rings mit grimmem Zahn
[Vers 370] Die fruchtumglänzten Segensau'n Sikélia's.
So wird Typhóeus seine Wut in flammenden
Geschossen aussprüh'n niegedämpften Glutorkans,
Obwohl zur Asche durch Kronions Strahl verbrannt.
Doch dir gebricht erfahrne Kunde nicht, du brauchst
[Vers 375] Nicht meines Rates; rette dich, wie du's vermagst.
Ich will das Los ausdulden, das Zeus' Wille mir
Beschieden, bis die Flamme seines Zorns erlischt.

Okeanos.

Du hast, Prometheus, also nicht gewußt, der Arzt
Für zorneskranke Herzen sei ein gutes Wort?

Prometheus.

[Vers 380] Ja, wenn zu rechter Stunde du das Herz erweichst
Und nicht gewaltsam dämpfen willst des Zornes Glut.

Okeanos

Doch wenn ein teilnahmvoller Sinn vorsorgt und wagt,
Welch einen Nachteil siehst du da? Belehre mich.

Prometheus.

Verlorne Mühe, blöden Sinns Gutmütigkeit.

Okeanos.

[Vers 385] Verstatte mir, an dieser Krankheit krank zu sein;
Gern trägt's der Wohlgesinnte, wenn er thöricht scheint.

Prometheus

Die Schuld der Thorheit würde mir dann zugewälzt.

Okeanos.

Nach Hause weist mich offenbar dein Wort zurück.

Prometheus

Daß dir das Mitleid gegen mich nicht Haß erweckt.

Okeanos.

[Vers 390] Beim neuen Herrscher auf dem allgewalt'gen Thron?

Prometheus

Vor seinem Unmut hüte dich, ihn reize nicht!

Okeanos.

Mir soll, Prometheus, dein Geschick ein Warner sein.

Prometheus

Auf, zeuch von hinnen, bleibe diesem Sinn getreu!

Okeanos.

Ich war zu geh'n gerüstet, und nun mahnst du mich.
[Vers 395] Schon streift des Äthers ebne Bahn mein Flügelroß
Mit wildgeschwungnem Fittich; freudig sehnt es sich,
Sein Knie zu beugen auf der Lagerstatt daheim.

( Okeanos ab durch die Luft.)

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

Ich klag' um dein schmerzliches Jammergeschick, Prometheus.
Und ein Strom träufelnder Zähren
[Vers 400] Aus dem zarten Auge netzt mir
Mit dem feuchten Quell die Wange.
Unerträglich schaltet Zeus hier
Nach Gesetzen eigner Willkür,
Und den alten Göttern zeigt er
[Vers 405] Übergewaltig seinen Heerstab.

Erste Gegenstrophe.

Schon hallt es wehklagend umher in den Landen allen
Um den Ruhm deines Geschlechtes,
Um den deinen, der so groß ward
In der Welten langem Alter.
[Vers 410] Ja so viel' im nahen Asien
In den heil'gen Fluren wohnen,
Ja sie all', um dein entsetzlich
Jammergeschick wehklagen alle.

Zweite Strophe.

Auch das Volk auf Kólchis' Erde,
[Vers 415] Mädchen ohne Furcht in Schlachten,
Auch die Skýthen, deren Horde
Fern am äußersten Saum der Welt
Schwärmt um den See Mäótis.

Zweite Gegenstrophe.

Und Arábia's Heldenblüte
[Vers 420] Und die steilgetürmte Burgen
Nah' am Kaúkasos bewohnen,
Wilde Scharen, im Kampfe mit
Spitziger Lanze tosend.

Schlußgesang.

Vordem nur einen Gott erblickt' ich so
[Vers 425] In die Schmach diamantener Bande
Gezwängt, den Atlas aus der Titanen Stamm,
Der stöhnend trägt in Ewigkeiten hin
Des Himmelspols unermeßliche Wucht
Getürmt auf seine Schultern.
[Vers 430] Wild rauscht der aufgestürmten See
Wogenschlag, die Tiefe seufzt,
Und dumpf hallt es nach Áides' düstre Kluft,
Und der heiligen Ströme rieselnder Born
Beklagt sein schmerzlich Leiden.

Prometheus

[Vers 435] O wähnet nicht, daß Dünkel oder Eigensinn
Mich schweigen heiße; sinnend nagt mein Herz sich wund,
Daß ich zu Schmach mich also muß erniedrigt seh'n.
Gleichwohl die neuen Götter hier – wer sonst, als ich,
Hat alle Würden, alle Macht an sie verteilt?
[Vers 440] Doch will ich davon schweigen; denn ich sagte nur,
Was euch bekannt ist: aber was am Menschen ich
Verbrochen, hört, wie dieser, blöden Sinns zuvor,
Durch mich des Geistes mächtig ward, durch mich bewußt.
Ich sag' es nicht, die Menschen einer Schuld zu zeih'n,
[Vers 445] Nein, nur die Wohlthat meiner Gabe darzuthun.
Sie sah'n mit offnen Augen einst und sahen nicht,
Sie hörten und vernahmen nicht; des eitlen Traums
Gestalten ähnlich, mengten sie die lange Zeit
Blindwirrend alles, kannten nicht das sonnige
[Vers 450] Wohnhaus, erbaut von Ziegeln, nicht des Zimmrers Kunst:
Sie wohnten eingegraben, wie leichtwimmelnde
Ameisen, tief in sonnenloser Höhlen Nacht.
Kein sichres Merkmal hatten sie, wann Winterfrost,
Wann blütereicher Frühling, wann fruchtspendender
[Vers 455] Spätsommer nahte; sonder Sinn und Kunde war
Ihr Thun in allem, bis der Sterne dunkle Bahn
Ich ihnen zeigte, Niedergang und Aufersteh'n.
Der Wissenschaften beste dann, die Zahlenkunst,
Erfand ich ihnen, lehrte sie der Schrift Gebrauch
[Vers 460] Und Allerinnrung, jeder Kunst Erweckerin.
Der Tiere Nacken spannten wir zuerst ins Joch,
Dem Pflug zu dienen, und damit ich Sterblichen
Der allzugroßen Bürde Wucht erleichterte,
Schirrt' ich das zügelfrohe Roß dem Wagen vor,
[Vers 465] Das stolze Bild der überreichen Üppigkeit.
Des Seglers leinbeschwingtes, meerdurchirrendes
Fahrzeug erfand kein andrer außer mir allein.
So schlaue Künste sann ich Unglückseliger
Den Menschen aus, und selber weiß ich keinen Rat,
[Vers 470] Um mich herauszuwinden aus der schweren Not.

Die Chorführerin.

Du trägst ein schmachvoll Leiden; alles Rates bloß,
Schwankst du; dem schlechten Arzte gleich, der selbst erkrankt,
Verzagst du mutlos und vermagst dir selber nicht
Das Mittel auszufinden, das dich heilen kann.

Prometheus.

[Vers 475] Vernimm von mir noch weiter, und du staunst noch mehr,
Welch schlaue Mittel, welche Künst' ich ausgedacht.
Voran das Größte: wenn sie Krankheit niederwarf,
So gab es kein Heilmittel, keine Speise gab's,
Noch Salben, noch Getränke; sie verkümmerten,
[Vers 480] Entraten aller Labe, bis ich ihnen dann
Angab die Mischung segenvoller Arzenei,
Womit sie Krankheit aller Art bewältigen.
Der Seherkunst vielfache Weisen ordnet' ich
Und schied zuerst aus, welche Traumerscheinungen
[Vers 485] Gesichte seien; Töne dann geheimen Sinns
Und jedes Wegs Vorzeichen that ich ihnen kund,
Bestimmte deutlich und genau krummklauiger
Raubvögel Aufflug, welche rechts und welche links
Glück oder Unheil künden, auch von welcher Kost
[Vers 490] Sich jeder nähre, wie sie wechselweise sich
Freundschaft und Lieb' erweisen und Geselligkeit,
Dann wie der Eingeweide Farb' und Glätte, wie
Der Milz und Leberlappen buntgesprenkelte
Gestalt den Himmelsgöttern wohlgefällig sei.
[Vers 495] Indem ich Schenkelstücke, wohlumhüllt mit Fett,

Ein langes Hüftbein opfre, weis' ich Sterblichen
Zur schweren Kunst die Bahnen und erleuchtete
Den Seherblick der Flamme, der sonst dunkel war.
Soviel von diesem. Endlich was von Schätzen noch
[Vers 500] Den Menschen tiefverborgen ruht im Erdenschoß,
Erz, Eisen. Gold und Silber, wer erkühnte sich
Zu sagen, daß er dieses eh'r als ich entdeckt?
Niemand fürwahr, das weiß ich, wer nicht lügend prahlt.
Vernimm es alles kurzgefaßt in einem Wort:
[Vers 505] Es schuf Prometheus alle Kunst den Sterblichen.

Die Chorführerin.

Du hilf hinfort nicht über Maß den Sterblichen,
Um eigne Leiden unbesorgt! Ich lebe, traun,
Der festen Hoffnung, daß du, frei von dieser Haft,
Nicht minder mächtig schalten wirst als Zeus dereinst.

Prometheus.

[Vers 510] Noch will die Allvollenderin, will Moíra nicht
Es so vollenden; dieser Haft entflieh' ich erst,
Nachdem mich tausendfache Pein und Qual gebeugt.
Kunst ist ja viel machtloser als Notwendigkeit.

Die Chorführerin.

Wer führt das Steuerruder der Notwendigkeit?

Prometheus.

[Vers 515] Der Moiren Dreizahl und die Straferínnyen.

Die Chorführerin.

So wäre Zeus unmächtig gegen ihre Macht?

Prometheus.

Dem vorbestimmten Lose mag er nicht entflieh'n.

Die Chorführerin.

Was ist das Los Kronions, als zu herrschen stets?

Prometheus

Das wirst du niemals hören, dringe nicht in mich.

Die Chorführerin.

[Vers 520] Wohl ist es etwas Heil'ges, was du so verhüllst.

Prometheus

O denkt auf and're Reden; noch ist nicht die Zeit,
Dies auszusprechen; nein, verbergen muß ich es
So tief wie möglich; denn bewahr' ich es geheim,
Werd' ich der schnöden Bande los und dieser Qual.

Wechselgesang des Chores.

Erste Strophe.

[Vers 525] Nimmer empöre mein Herz
Zeus, des Weltalls Lenker, zu feindlichem Trotze!
Nimmer sei ich lässig, den Göttern zu nah'n
Mit heiligen Opfern der Stiere
Dort an meines Vaters Okeanos rastlos flutendem Strom!
[Vers 530] Nimmer auch frevle mein Mund!
Möge das feststeh'n in mir
Und nimmerdar entschwinden!

Erste Gegenstrophe.

Seliger, welcher getrost
Dehnen darf sein Leben in leuchtender Hoffnung,
[Vers 535] Stets die Seele weidend in wonniger Lust!
Doch faßt mich ein Schauer, gewahr' ich's,
Wie du dulden mußt, von unsäglicher Qual ohn' Ende verzehrt,
Weil du nach eigenem Sinn,
Ohne Furcht vor Zeus, zu hoch
[Vers 540] Die Menschen ehrst, Prometheus!

Zweite Strophe.

O wie fehlt für die Liebe die Liebe!
Wer, Teurer, kann dich retten
Von den Söhnen des Tags, wer steht dir bei? Du sah'st nicht,
Wie die nichtige Kraft der Unmacht,
[Vers 545] Traumgestalten gleich, die Menschen,
Dies blinde Geschlecht, in Bande verstrickt hält?
Nimmer vermag Zeus' ewigem Rat
Der Menschen Wille vorzugreifen.

Zweite Gegenstrophe.

Ich erkannt' es an dir, o Prometheus,
[Vers 550] An deinem schweren Leide.
O wie anders umschwebt mich dieses Lied, wie anders,
Als jener Gesang, der am Brautbad
Dir von uns erklang, am Brautbett,
Zu der festlichen Lust, da du meine Hesíone,
[Vers 555] Durch hochzeitliche Gaben verlockt,
Heimführtest in der Liebe Lager!

( Ío, die Tochter des Ínachos, von Hére in eine Kuh verwandelt, kommt heftig auf die Bühne gestürmt; die Hörner an ihrer Maske deuten ihr Verwandlung an.)

Io.

Welch Land? Welch Volk? Wen sehen wir dort
An dem Felsabhang in die Bande gezwängt,
Unwettern ein Spiel? Um welches Vergeh'n
[Vers 560] Zehrt Strafe dich auf? O verkünde, wohin
In die Welt ich Arme verirrte!
Ach, ach! Weh, weh!
Mich sticht der Wahnsinn, mich Arme, wieder!
Des Erdensohns, des Árgos Bild,
Wehrt's ab! Hu! Grauen faßt mich,
[Vers 565] Den Tausendäugigen seh' ich, meinen Hüter.
Sieh, dort schleicht er her, lauernden Trug im Blick!
Im Tode selbst verbirgt ihn nicht die Erde;
Nein, aus des Hades Grüften
Steigt er empor und jagt
[Vers 570] Mich Arme gleich dem Wilde, scheucht mich
Lechzende durch des Gestades Sand.
Das wachsgefügte stimmvolle Rohr tönt mir so liebliche
Schlafmelodieen zu.
Weh, weh! O Grau'n!
Wohin irrt mein Pfad, trägt in die Ferne mich hin?
[Vers 575] Ach warum, Kronos' Sohn? Welche Schuld
Fandest du denn an mir,
Daß du mich kettetest an diese Qual,
Mit solcher wahnsinntrunkenen Angst mich Wahnsinnige also marterst?
[Vers 580] Senge mit Flammen, birg tief in die Erde mich,
Oder im Meer gib mich dem Hai zum Raub!
Ach, versage diesen Wunsch mir nicht, o Herr!
Genug der Irren trieben mich
Abmattend fort in die Ferne, nimmer weiß ich, wo
[Vers 585] Ich der Qual entrinne.

Die Chorführerin.

Hörst du der stiergehörnten Jungfrau bangen Ruf?

Prometheus.

Wie hört' ich nicht, die wilden Wahnsinns Stachel treibt,
Die Inachíde, die Kronions Herz entflammt
In Lieb' und nun die endlos lange Bahn, verfolgt
[Vers 590] Vom Hasse Hera's, ruhelos durchirren muß.

Io.

Wie wurde dir meines Vaters Name kund?
Sage mir's, der Dulderin!
Und wer, Armer, bist du selbst,
Der mich Qualvolle so mit treffendem Namen nennt?
[Vers 595] Der du das Leid aussprachst, das von den Göttern mich
Endlos quält, das ins Herz zehrend bohrt
Stacheln rasenden Wahnsinns? Ha!
In irren Sprunges stürmender Hast, gejagt
Von grollender Rache Hera's,
[Vers 600] Kam ich hierher, in wildwühlenden Hungers Qual.
Wer ist der Unselige, der (o Grau'n!)
Duldet, was ich dulde?
Auf, enthülle mir
Zu klarer Rede, welches Leid
[Vers 605] Mir noch bevorsteht, zeige, wenn du kannst, den Weg
Meine Qual zu heben!
O sprich, gib der unsel'gen Jungfrau Bescheid!

Prometheus.

Ich will dir klar enthüllen, was du hören willst,
Nicht Rätselsprüche flechtend, nein, in schlichtem Wort,
[Vers 610] Sowie vor Freunden unverhüllt zu reden ziemt.
Ich bin Prometheus, dem der Mensch das Feuer dankt.

Io.

Du, der zum Heil erschienen allen Sterblichen,
Weshalb, Prometheus, duldest du so grause Pein?

Prometheus.

Nur eben hab' ich ausgeklagt um meine Not.

Io.

[Vers 615] So wirst du meine Bitte nicht bewilligen?

Prometheus.

Sprich, was begehrst du? Jede Kunde geb' ich dir.

Io.

Verkünde, wer an diesen Fels dich kettete.

Prometheus.

Des Götterherrschers Wille durch Hephästos' Arm.

Io.

Um welche Frevel leidest du die Strafe hier?

Prométheus

[Vers 620] Soviel von mir zu hören, sei dir jetzt genug.

Ío.

Dann auch die Zeit verkünde mir Unglücklichen,
Sprich, welche wird das Ende meiner Irren sein?

Prometheus

Das nicht zu wissen frommt dir mehr, als wenn du's weißt.

Io.

O nicht verbirg mir, was ich doch erdulden muß.

Prometheus

[Vers 625] Ich, glaube mir's, mißgönne diese Gunst dir nicht.

Io.

So zög're nicht, mir alles offen kundzuthun.

Prometheus

Nicht Neid verbeut mir's; dich zu kränken trag' ich Scheu.

Io.

O sorge mein nicht weiter, als mir selbst gefällt.

Prometheus

Weil du's begehrst, so muß ich reden: höre denn!

Die Chorführerin.

[Vers 630] Noch nicht! Der Freude gönne mir auch einen Teil.
Nach ihrem eignen Leide laßt uns fragen erst,
So daß sie selbst ihr schmerzenreiches Los erzählt;
Ihr künftig Leiden höre sie von dir sodann.

Prometheus.

Dir ziemt es, Io, daß du diesen Wunsch gewährst,
[Vers 635] Zumal sie doch auch Schwestern deines Vaters sind.
Denn auszuweinen, auszujammern sein Geschick,
Ist, wo des Mitleids Thränen dir als süße Frucht
Vom Hörer winken, wohl des Weilens Mühe wert.

Io.

Wohl darf ich eurem Wunsche nicht entgegen sein.
[Vers 640] Ihr sollt in klarem Worte, was ihr hören wollt,
Vernehmen. Zwar mich schmerzt es, auch zu sagen nur,
Woher der gottverhängte Sturm, der grause Tausch
Der jungen Schönheit über mich Unsel'ge kam.
Traumbilder schwebten nächtlich stets herein zu mir
[Vers 645] In meine Frauenkammer und ermahnten mich
Mit Schmeichellauten: »Mädchen, hochbeseligtes,
Was willst du Jungfrau bleiben, da der Ehe Bund
Dir winkt, der höchste? Zeus erglüht in Liebe dir
Vom Pfeil der Sehnsucht und verlangt Kythére's Glück
[Vers 650] Mit dir zu kosten. Du verschmähe nicht, o Kind,
Des Zeus Umarmung, geh' zu Lérna's tiefer Au
Nach deines Vaters Herden und Gehöft hinaus,
Damit Kroníons Auge sein Verlangen stillt.«
Durch solche Träume ward ich Unglückselige
[Vers 655] In jeder Nacht geängstet, bis ich Mut gewann,
Die Nachtgesichte meinem Vater kundzuthun.
Der sandte viele Boten nach Dodóna's Hain,
Nach Pýtho's Herd, zu forschen, wie der Götter Huld
Er sich gewinne durch die That, durch welches Wort.
[Vers 660] Sie kehrten heim und brachten sinnverwirrende
Aussprüch', in unlösbare Rätsel eingehüllt.
Doch endlich ward dem Ínachos ein heller Spruch,
Der unverhüllt in klaren Worten ihm gebot,
Mich auszustoßen aus der Väter Haus und Land,
[Vers 665] Daß ich verlassen irrt' am fernsten Saum der Welt;
Und woll' er nicht, so zucke flammenäugiger
Blitzstrahl von Zeus, ganz auszutilgen sein Geschlecht.
Gehorsam diesem Seherspruch des Lóxias,
Vertrieb der Vater sträubend mich die sträubende,
[Vers 670] Verbannte mich vom Hause; denn ihn zwang des Zeus
Allmächt'ger Zügel mit Gewalt zu solcher That.
Sofort verwandelt wurde mir Gestalt und Sinn:
Die Stirn gehörnt, ihr seht es, durch verwirrenden
Wahnsinn gestachelt, rannt' ich fort in wütendem,
[Vers 675] Sinnlosem Sprunge zu Kerchneía's süßem Born,
Zur Quelle Lerna's. Und ein Hirt, der Erde Sohn,
Voll ungestümen Zornes, Árgos, folgte mir
Aus hundert Augen lauernd nach auf jeder Spur.
Doch ihm entriß ein jähes Schicksal unverhofft
[Vers 680] Das Leben; mich treibt ohne Rast im Bremsensturm
Die Göttergeißel stachelnd fort von Land zu Land.
Mein Mißgeschick vernahmst du: wenn du sagen kannst,
Was noch bevorsteht, melde mir's; doch schmeichle nicht
Mitleidig mir mit Lügen; denn das schändlichste
[Vers 685] Der Übel nenn' ich lügenhafter Worte Trug.

Der Chor.

O wehe, weh! Halt' ein, weh!
Nimmer, nimmermehr wähnt' ich, daß
So schmerzvolles Leid mir je dring' ins Ohr,
Nie, daß so grausenhaft und unerträglich
[Vers 690] Qualen und Marter und Angst, ein zweischneidig Schwert,
Eiskalt mir durchbohre das Herz!
O Grau'n, o Grau'n! Schicksal, Schicksal!
Wie füllt Io's Leiden mich mit Schauder!

Prometheus.

Du seufzest allzufrühe, bist von Schreck erfüllt:
[Vers 695] Halt' ein, bevor du hörtest auch das übrige.

Die Chorführerin.

Sprich, laß mich hören; Kranken ist's ein süßer Trost,
Was übrig noch von Leide, klar vorauszuseh'n.

Prometheus.

Was ihr zuvor euch wünschtet, habt ihr leicht von mir
Erlangt: ihr wolltet aus der Jungfrau Munde selbst
[Vers 700] Zuerst vernehmen, welche Not sie durchgekämpft.
Das weit're hört nun, welche Mühsal künftig noch
Zu dulden Héra's schwerer Zorn ihr auferlegt.
Du präge, was ich sage, Kind des Inachos,
Ins Herz, damit du deiner Irren Ziel erkennst.
[Vers 705] Zuerst von hier dem Sonnenaufgang zugewandt,
Durchwanderst du ein ungepflügtes Ackerland.
Du kommst zu Skýthenhorden, die geflochtene
Korbhütten hoch auf runden Wagen sich erbau'n,
Mit Bogen ausgerüstet, weithintreffenden.
[Vers 710] Nicht nahe diesen, sondern eil' ihr Land vorbei,
Zum meerumrauschten Felsenbord den Schritt gewandt.
Sofort zur Linken wohnen dir die Chályber,
Die Eisenschmiede; hüte dich vor diesem Volk,
Das ungeschlacht und Fremden unzugänglich ist.
Dann kommt der Strom Hybrístes, so mit Recht genannt;
[Vers 715] Nicht überschreit' ihn, bietet er doch keine Furt,
Bevor du dicht zum höchsten Berge, Kaúkasos,
Gelangtest, wo des Stromes Ungestüm herab
Vom Scheitel sprudelt. Wenn du diese Höh'n erklommst,
[Vers 720] Der Sterne Nachbarn, mußt du mittagwärts die Bahn
Hinunterwandeln, wo der Amazónen Heer
Du triffst, der Männerfeinde, das Thermódons Flut
In Themiskýra's Auen einst umwohnen wird,
Wo Salmydéssos' rauhe Bucht vorstarrt ins Meer,
[Vers 725] Stiefmütterlich den Schiffen und der Schiffer Grau'n.
Die weisen fortan liebevoll die Pfade dir.
Und hart am engen Meeresthor gelangst du zum
Kimmérischen Ísthmos; ihn verlasse kühnen Muts,
Um rasch zu steuern durch Mäótis' schmalen Sund.
[Vers 730] Groß wird im Mund der Menschen allezeit der Ruf
Von deiner Fahrt sein und nach ihr der Bósporos
Genannt. Du scheidest von Európa's Erde dann
Und kommst zum Festland Ásia's. – Wohlan, erscheint
Euch nicht der Götterkönig aller Orten gleich
[Vers 735] Grausam? Er wollte diesem Erdenweib, ein Gott,
Sich liebend nah'n und stürzte solche Qual auf sie.
Fürwahr, ein schlimmer Freier warb um dich, o Kind;
Denn glaube mir, die Kunden, die du jetzt vernahmst,
Sind kaum ein Vorspiel dessen, was du leiden mußt.

Io.

O weh mir, weh, weh!

Prometheus.

[Vers 740] Schon klagst du wieder, schluchzest auf. Was wirst du thun,
Wenn Kunde dir von deinem weitern Leide wird?

Die Chorführerin.

So hast du weit're Mühen noch ihr kundzuthun?

Prometheus.

Grau'nvoller Qualen stürmisch aufgeregtes Meer.

Io.

Was frommt mir denn zu leben? Warum stürz' ich mich
[Vers 745] Nicht ungesäumt von diesem steilen Fels hinab,
Daß hier am Grund zerschmettert alles Leides ich,
Frei würde? Besser, stürb' ich so mit einem Mal
Als wenn ich alle Tage leid' in neuer Qual.

Prometheus.

Nicht leicht fürwahr ertrügst du meines Leides Last,
[Vers 750] Weil auch zu sterben mein Geschick mir nicht vergönnt;
Denn Sterben überhöbe mich der Marter doch.
Nun aber ist kein Ende meiner Kämpfe mir
Beschieden, eh Kronion seinem Thron entstürzt.

Io.

Daß Zeus vom Throne stürze, kann dies je gescheh'n?

Prometheus.

[Vers 755] Du würdest, glaub' ich, diesen Sturz wohl gerne seh'n?

Io.

Wie sollt' ich anders, da mir Zeus dies Leid gethan?

Prometheus.

So magst du wissen: also wird's wahrhaft gescheh'n.

Io.

Und wer beraubt des königlichen Scepters ihn?

Prometheus.

Er selbst sich selbst durch eig'nen Rates Unverstand.

Io.

[Vers 760] In welcher Weise? Sag' es, wenn's nicht Schaden bringt.

Prometheus.

Ein Ehebündnis schließt er, das ihn reuen wird.

Io.

Mit Göttern oder Menschen? Wenn du darfst, so sprich.

Prometheus

Was fragst du danach? Dies enthüllen darf ich nicht.

Io.

Und ist's die Gattin, welche dann vom Thron ihn stürzt?

Prometheus

[Vers 765] Den Sohn gebiert sie, stärker als sein Vater Zeus.

Io.

Und keine Rettung findet er aus dem Geschick?

Prometheus

Niemals, bevor ich meiner Bande ledig bin.

Io.

Wer wird, dem Zeus zum Trotze, dich entledigen?

Prometheus.

Von deinen Sprossen einer ist hierzu bestimmt.

Io.

[Vers 770] Wie sagst du? Retten werde dich ein Sohn von mir?

Prometheus

Der dritte deiner Sprossen nach zehn anderen.

Io.

Noch ist mir unverständlich, was dein Spruch enthüllt.

Prometheus

Auch spähe nun nicht ferner deinem Lose nach.

Io.

Was du mir erst verheißen, nimm jetzt nicht zurück.

Prometheus

[Vers 775] Von zwei Berichten einer denn sei dir gewährt!

Io.

Von welchen? Sag' es und gestatte mir die Wahl.

Prometheus

Wohlan, so wähle: soll ich dir dein künftig Leid
Genau berichten oder, wer mich lösen wird?

Die Chorführerin.

Von beidem woll' ihr eines, mir das andere
[Vers 780] Gewähren: laß die Bitte nicht vergeblich sein!
Ihr melde denn, welch weit'res Irrsal ihrer harrt,
Mir, wer dich einst erlöse: sehnend wünsch' ich das.

Prometheus

Weil ihr es wünschet, widerstreb' ich länger nicht,
Und offenbar' euch alles, was ihr wissen wollt.
[Vers 785] Erst, Io, meld' ich deine vielbewegte Flucht;
Sie schreib' in Tafeln deines Sinns getreu dir ein.
Wenn du den Sund durchschwammest, der die Festen trennt,
Zeuch, wo des Ostes Sonnenbahn sich flammend hebt,
Hindurch die Meereswogen, bis du hingelangst
[Vers 790] Zu Gorgoneíerfluren, nach Kisthéne, wo
Des Phórkys Töchter hausen, hochbetagte Frau'n,
Drei, schwanengleich, gemeinsam eines Auges froh
Und eines Zahnes, welche nie der Sonne Strahl
Beglänzt und nie des Mondes nächtlich Aug' erblickt,
[Vers 795] Und ihnen nah die Schwestern, drei geflügelte
Gorgónen, schlangenhaarig, grimm von Menschenhaß,
Bei deren Anblick jeder Hauch des Lebens stirbt.
Zu deiner Hut verkünd' ich solches dir voraus.
Noch andern Anblick grauser Art vernimm von mir.
[Vers 800] Hab' acht vor jenen Greifen, Zeus' scharfzahnigen,
Stimmlosen Hunden und den rossetummelnden
Einäugigen Arimáspen, die des Plúto Strom
Umwohnen, der in goldnem Sand die Welle rollt.
Komm ihnen ja nicht nahe! Dann ein fernes Land
[Vers 805] Erreichst du, jenes schwarze Volk an Hélios'
Urborne, wo des Äthiops Gewässer strömt.
An dessen Ufer wandre, bis du hingelangst
Zum Wassersturze, wo von Býblos' Höh'n herab
Des Neílos Flut den süßen heil'gen Strom ergießt.
[Vers 810] Der wird den Weg dir weisen ins dreiseitige
Nilland, wo dir und deiner Kinder Stamm dereinst
Die ferne Wohnung, Io, dein Geschick bestimmt. –
Blieb irgend etwas dunkel dir und rätselhaft,
So frage nochmals, und vernimm ein klares Wort;
[Vers 815] Denn reich're Muße ward mir, als ich wünschen mag.

Die Chorführerin.

Wofern du Weit'res oder Übergangnes ihr
Von ihrer drangsalvollen Fahrt zu melden hast,
Sprich: doch vernahm sie alles, dann gewähr' auch uns,
Um was wir baten; wohl gedenkst du dessen noch.

Prometheus.

[Vers 820] Sie hat der Irrfahrt letztes Ziel nun ganz gehört.
Und daß sie wisse, daß ich Wahrheit ihr gesagt,
So will ich, was sie Schweres litt, bevor sie kam,
Berichten, meinen Worten zur Bestätigung.
Doch langer Rede läst'gen Schwaller spar' ich mir,
[Vers 825] Und wende mich zum Ziele deiner Irren selbst.
Nachdem du kamest in Molóssis' Ebenen
Und an Dodóna's steilgetürmte Felsenhöh'n,
Wo Zeus Thesprótos Tempel hat und Sehersitz,
Und (wunderbar!) die sprachbegabten Eichen steh'n,
[Vers 830] Die dich mit hellen Lauten und nicht rätselhaft
Begrüßten als des Götterfürsten künftige
Glorreiche Gattin: – schmeichelt dir ein solcher Gruß? –
Da, wutgestachelt, ranntest du von dort die Bahn
Am Meergestade bis zu Rhéa's großer Bai,
[Vers 835] Von wo du rückwärts auf bestürmtem Pfade lenkst.
Dereinst in fernen Zeiten wird die Meeresbucht
Nach dir, o Jungfrau, (wiss' es!) Íobucht genannt,
Den Menschen allen ein Gedächtnis deiner Fahrt.
Das ist ein sichrer Zeuge dir von meinem Geist,
[Vers 840] Der Tief'res schauet als das Offenkundige.
Jetzt, was noch übrig, meld' ich euch und ihr vereint
Und lenk' in meines Wortes alte Bahn zurück.
Die Stadt Kanóbos hebt sich an des Landes Saum,
Dicht, wo der Néilos mündet, an der Ufer Damm.
[Vers 845] Dort gibt dir Zeus des Geistes alte Kraft zurück,
Mit leiser Hand dich streichelnd und berührend nur.
Und du gebierst den dunkelbraunen Épaphos,
Von Zeus' Berührung so genannt. Ihm zinsen einst
Die Gauen, die des Néilos breiter Strom benetzt.
[Vers 850] Ein Stamm von diesem, der mit fünfzig Sprossen blüht,
Der fünfte, kehrt nach Argos einst ungern zurück,
Ein Haufe Jungfrau'n, der dem Ehebund entflieht
Der Stammesvettern. Diese, blind in Liebeswahn,
Den Falken gleich dicht hinter Tauben hergestürmt,
[Vers 855] Erjagen sich die Frauen, – unheilvolle Jagd!
Denn ihnen gönnen Götter nicht der Liebe Glück.
Pelásgererde birgt sie, wann der Frauen Arm
Und nächtlichlauernd kühner Zorn sie niederschlug:
Die Hand der Braut gibt jedem Bräutigam den Tod
[Vers 860] Und taucht ihr doppelschneidig Schwert in blut'gen Mord.
So möge sich Kythére meinen Feinden nah'n!
Nur einer Jungfrau Busen rührt der Liebe Pfeil;
Ihr Herz in süßem Sehnen schreckt vom Gattenmord
Zurück und wählt von zweien dieses eine sich:
[Vers 865] Schwach will sie lieber heißen, als die Mörderin.
Aus ihrem Schoß wird Argos' Herrscherstamm erblüh'n.
Viel Worte braucht's, um dieses deutlich darzuthun:
Genug! Aus diesem Samen sproßt ein kühner Held,
Der bogenstolze, welcher mich von dieser Qual
[Vers 870] Erlösen wird. So hat es meine Mutter mir
Enthüllt, die graue Thémis vom Titánenstamm.
Doch wie und wo zu sagen, dies braucht lange Zeit;
Und wenn es dir kund würde, frommte dir's zu nichts.

Io.

O Leid, o Leid!
Wie der zuckende Schmerz, wie des Wahnsinns Wut
[Vers 875] Mich wieder durchflammt, sein glühender Pfeil
In die Seele mir bohrt!
Wie das bebende Herz laut pocht an die Brust!
Wild rollen im Kreis mir die Augen umher.
Weit über die Bahn hin stürm' ich, entrafft
[Vers 880] Von dem Hauche der Wut, und die Zunge gehorcht
Nicht mehr, hohl schlägt mein stammelnder Laut
In des Unheils grollende Brandung.

( Io stürmt von der Bühne in die Ferne hinaus; Pause.)

Wechselgesang des Chores.

Erster Halbchor.

Strophe.

Weise, ja weise fürwahr ist, wer zuerst es
Sinnend erwogen im Geist und laut mit der Zunge verkündigt,
[Vers 885] Daß der Eh'bund zwischen den Gleichen allein glückbringend sei.
Den Eh'n des Reichtums, der im Besitze sich bläht,
Und des Hochmuts, der sich des Stammes vermißt,
Nachzugeh'n, frommt niedrer Armut nimmermehr.

Zweiter Halbchor.

Gegenstrophe.

Nimmer, o Mächte des Schicksals, nimmer mögt ihr
[Vers 890] Mich in den Armen des Zeus als Lagergenossin erblicken!
Führe niemals einer der Himmlischen mich als Gattin heim!
Mich schaudert, Io's züchtige Mädchengestalt,
Die den Gott flieht, also gemartert zu seh'n
Durch des Irrsals Müh'n, die Héra's Groll ihr schuf.

Schlußgesang.

[Vers 895] Ich lobe mir ein gleiches Bündnis ohne Harm:
Blicke nie ein höh'rer Gott
Auf mich mit unentfliehbar'm Liebesauge!
Wer kämpft solchen Kampf, wer entwirrt hier den Pfad?
Weiß ich dann, was mir geschähe?
[Vers 900] Nimmer könnt' ich ja vor Zeus' ewigem Rat entfliehen.

Prometheus.

Wohl wird sich Zeus trotz seines stolzen Sinnes noch
Demütig beugen, weil er einen Ehebund
Zu schließen sich bereitet, der in Dunkel ihn
Vom Königsthrone niederstürzt. Dann wird gewiß
[Vers 905] Der Fluch des Vaters Krónos ganz erfüllt an ihm,
Den dieser einst vom alten Throne stürzend sprach.
Wie solches Unheil abzuwenden sei, vermag
Der Götter keiner, außer mir, ihm kundzuthun.
Ich weiß es, weiß die Mittel. Trotzig mag er denn
[Vers 910] Dort oben thronen, auf den hohen Donner stolz,
Umsprüht von Blitzen, die sein Arm glutatmend schwingt!
Denn nimmer rettet dieses ihn, daß nicht hinab
Er stürzte schmachvoll unerträglich schweren Sturz.
Solch einen Ringer rüstet er nun gegen sich
[Vers 915] Selbst selber aus, ein Wunder unbezwungener Kraft,
Der Wetterflammen, mächt'ger als der Blitz, ersinnt
Und Tosen, lauter dröhnend als des Donners Hall,
Der auch des Oceanes erderschütterndes
Schrecknis, Poséidons dreigezackten Speer, zerschellt.
[Vers 920] Kommt dieses Unheil über ihn, dann lernt er wohl,
Wie gar verschieden Sklaverei von Herrschen ist.

Die Chorführerin.

Traun, wie's dir einfällt, lästerst du des Kronos Sohn.

Prometheus.

Ja, was ich wünsche, red' ich, und was sich erfüllt.

Die Chorführerin.

Und dürfte jemand hoffen, Zeus zu bändigen?

Prometheus.

[Vers 925] Ihm drohen Leiden, schwerer als die meinen sind.

Die Chorführerin.

Wie? Bebst du nicht, so grause Drohung auszustreu'n?

Prometheus.

Was soll ich fürchten? Wartet mein doch nicht der Tod!

Die Chorführerin.

Qualvoll're Qual, denn diese, könnt' er schaffen dir.

Prometheus.

So mag er's thun: auf alles siehst du mich gefaßt.

Die Chorführerin.

[Vers 930] Wer sich vor Adrastéia beugt, ist weise nur.

Prometheus.

Verehre, flehe, schmeichle dem, der eben herrscht!
Ich aber kümm're minder mich als nichts um Zeus.
Er schalte, walte, wie er will, die kurze Frist:
Denn lange wird sein Götterreich doch nicht besteh'n!
[Vers 935] Doch sieh, Kroníons Läufer eilt ja dort heran,
Des neuen Oberherrschers unverdross'ner Knecht.
Er kommt gewiß, uns etwas Neues kundzuthun.

( Hérmes erscheint, in der Luft schwebend, mit dem Heroldstab und Flügelschuhen.)

Hermes.

Dich Überklugen, dich in Herbheit überherb,
Dich Frevler an den Göttern, der dem Tagsgeschlecht
[Vers 940] Das schönste gab, des Feuers Räuber, red' ich an.
Den Bund, von dem du prahltest, heißt der Vater dich
Kundthun, der ihn vom Königsthrone stürzen soll.
Und nicht in Rätsel hülle dich, nein, rede klar
Und unverhohlen, daß du mich nicht nötigest,
[Vers 945] Zweimal, Prometheus, herzugeh'n. Wohl siehst du ja,
Daß Zeus durch solche Dinge nicht geschmeidig wird.

Prometheus.

Hochfahrend wohl und stolzen Übermutes voll
Klingt deine Rede, wie's dem Götterknecht geziemt.
Neu herrscht ihr Neuen und gedenkt harmlos, bereits
[Vers 950] in sichrer Burg zu wohnen. Hab' ich wirklich nicht
Zwei Herrscher schon aus dieser Höhe stürzen seh'n?
Den dritten, der jetzt waltet, seh' ich ihnen nach
Alsbald und schmachvoll stürzen. Dünkt dir etwa gar,
Die Götter fürcht' ich, beuge mich den Neulingen?
[Vers 955] Fern bin ich, allzuferne, traun! von solcher Furcht.
Du gehe flugs des Weges, den du kamst, zurück;
Denn nichts von allem, was du fragst, verkünd' ich dir.

Hermes.

Mit solchem Starrsinn hast du dich auch früher schon
In diesen Hafen deiner Not hineingesteu'rt.

Prometheus.

[Vers 960] Für deinen Frondienst gäb' ich mein unselig Los,
Das sei versichert, nimmermehr zum Tausche dar.
Denn besser acht' ich's, diesem Fels dienstbar zu sein,
Als Zeus' des Vaters treuer Knecht im Botenamt.
So trotzend muß man widersteh'n dem Trotzenden.

Hermes.

[Vers 965] Du fühlst in deiner Lage dich behaglich wohl?

Prometheus.

Behaglich? Könnt' ich meine Widersacher so
Behaglich sehen, unter sie dich mitgezählt!

Hermes.

So klagst du mich auch wegen deiner Leiden an?

Prometheus.

Mit schlichtem Wort, den Göttern allen heg' ich Haß,
[Vers 970] Die mir für Gutes wider Recht nur Böses thun.

Hermes.

Ich höre wohl, kein kleiner Wahnsinn rast aus dir.

Prometheus.

Wenn Feinde hassen Rasen ist, so ras' ich wohl.

Hermes.

Du wärest unerträglich, wenn du glücklich wärst.

Prometheus.

Weh mir!

Hermes.

Dem Zeus ist dieser Ausruf unbekannt.

Prometheus.

[Vers 975] Doch macht die lange graue Zeit uns alles kund.

Hermes.

Und dennoch hast du weise sein noch nicht gelernt.

Prometheus.

Sonst hätt' ich dir, dem Knechte, wohl kein Wort gegönnt.

Hermes.

Es scheint, du willst nicht sagen, was dir Zeus befiehlt.

Prometheus.

Sein Schuldner, trüg' ich also wohl den Dank ihm ab.

Hermes.

[Vers 980] Hohnreden wahrlich beutst du, wie dem Knaben, mir.

Prometheus.

Und bist du denn kein Knabe, ja noch thörichter,
Wofern du jemals Kunde hoffst aus meinem Mund?
Durch keine Marter, keine fein erdachte List
Soll mich Kronion zwingen, das ihm kundzuthun,
[Vers 985] Bevor er dieser Bande Schmach von mir gelöst.
So schmett're denn zur Erde seiner Blitze Glut,
In weißbeschwingtem Flockensturm, im Donnerhall
Der Tiefen schwind'le, stürze wildverwirrt das All:
Nichts wird mich beugen, daß ich ihm verkündigte,
[Vers 990] Wer ihn dereinst von seinem Throne stürzen soll!

Hérmes.

Erwäge doch, ob das zu deinem Heile dient.

Prométheus.

Erwogen, festbeschlossen ward dies alles längst.

Hermes.

Gewinn' es endlich, endlich über dich, o Thor,
Zu deinem Jammerlose rechtgesinnt zu sein!

Prometheus.

[Vers 995] Du quälst mich fruchtlos, wie zur Woge redest du.
Nie komme dir zu Sinne, daß ich je vor Zeus'
Ratschlüssen weibisch fürchtend mich entwürdige
Und ihn beschwöre, diesen allverhaßten Gott,
Die Hände flehend ausgestreckt nach Frauenart,
[Vers 1000] Die Bande mir zu lösen. Das sei ferne mir!

Hermes.

Ich rede viel und rede, scheint es, ganz umsonst.
Denn meine Bitten rühren nicht, erweichen nicht
Dein Herz; den Zaum zerknirschend, gleich dem jungen Roß,
Und wild dich bäumend, bietest du dem Zügel Trotz.
[Vers 1005] Indes in machtlos eitlem Wahn erhebst du dich.
Denn Trotz, mit klugem Sinne nicht gepaart, vermag
Niemals zu siegen, auf sich selbst allein gestellt.
Bedenke, wenn du meinen Rat achtlos verschmähst.
Welch Ungewitter, welches Weh's graunvolle Flut
[Vers 1010] Dich unentfliehbar fassen wird. Zeus wird zuerst
Mit Donnerschlägen und des Wetterstrahles Keil
Den schroffen Abhang splittern hier und deinen Leib
In Nacht begraben, dichtumrankt vom Felsenarm.
Und hast du langer Zeiten Lauf vollendet dort,
[Vers 1015] So steigst du wieder an das Licht. Dann wird des Zeus
Beschwingter Hund, sein blutigroter Adler, dir
Giervoll zerfleischen deines Leibs ein großes Stück,
Ein Gast, der ungeladen kommt an jedem Tag,
Mit deiner Leber schwarzem Raub sich sättigend.
[Vers 1020] Und hoffe nicht, das Ende solcher Pein zu schau'n,
Bevor ein Gott als Stellvertreter deiner Qual
Erscheint, bereit, in Hádes' düstres Haus hinab
Zu geh'n, in sonnenlose Nacht des Tártaros.
Nun magst du dich entschließen; nicht ersonnen ja
[Vers 1025] War diese Drohung, sondern sehr im Ernst gemeint;
Denn nichts von Lügenreden weiß der Mund des Zeus;
Nein, jedes seiner Worte wird zur That. So sieh
Umher und überlege dir's, und achte nie
Den kecken Trotz für besser als Besonnenheit.

Die Chorführerin.

[Vers 1030] Uns dünkt des Hermes warnend Wort zu rechter Zeit
Gesprochen; denn er mahnt dich, abzusteh'n vom Trotz,
Und nachzugehen weisen Rats Besonnenheit.
So folg' ihm! Unrecht handeln bringt dem Weisen Schmach.

Prometheus.

Wohl wußt' ich zuvor um die Kunden bereits,
[Vers 1035] Die dieser enthüllt: doch erduldet der Feind
Unbilden vom Feind, so beschimpft es ihn nicht.
So schmettre herab zweizackig auf mich
Der geschlängelte Blitz, und es zittre die Luft
Von des Donners Getos' und der zuckenden Wut
[Vers 1040] Des empörten Orkans, und der Erd' Abgrund
Mit den Wurzeln zugleich durchschütt're der Sturm!
Und das wogende Meer, hoch schlag' es empor
In tobendem Schwall, wo die himmlischen Stern'
Hinwandeln die Bahn; in die finstere Kluft,
[Vers 1045] In den Tartaros, stürze hinab mein Leib,
Von des Schicksals wirbelndem Strudel entrafft.
Doch mich wird er nimmer vernichten!

Hermes.

Wohl kündet sich hier in Entschlüssen und Wort,
So spricht sich schwindelnder Wahnsinn aus.
[Vers 1050] Was mangelt ihm noch zu dem äußersten Wahn,
Wenn er also sich bläht? Was fehlte zur Wut?

(Zu dem Chor.)

Ihr Jungfrau'n, die voll Mitleid ihr
Euch härmt um des Mann's qualvolles Geschick,
Flugs hebt euch weg aus diesem Gebiet,
[Vers 1055] Daß euch nicht schwinden die Sinne, betäubt
Von dem schrecklichen Brüllen des Donners!

Der Chor.

Gib anderen Rat, sprich anders zu mir,
Und ich folge gewiß; wohl sträubt sich das Herz,
Zu gehorsamen dem, was du eben gebotst.
[Vers 1060] Was rufst du mich auf zu so niedriger That?
Gern duld' ich mit ihm das verhängte Geschick.
Denn ich habe Verrat tief hassen gelernt
Und weiß kein Gift,
Das mehr mich erfüllte mit Abscheu.

Hermes.

[Vers 1065] Wohl denn, so gedenkt, was ich warnend gesagt:
Und wenn euch erjagt des Verhängnisses Fluch,
Klagt nicht das Geschick an, sagt niemals,
Daß Krónos' Sohn euch, eh' ihr's gedacht,
Ins Verderben gestürzt. Nein wahrlich, ihr selbst,
[Vers 1070] Ihr verderbt euch selbst: bald flechtet ihr euch,
Nicht plötzlich verlockt, nicht heimlich umgarnt,
Mit sehendem Aug' ins unendliche Netz
Des Geschicks durch eigenen Wahnsinn.

( Hermes entfernt sich; gewaltiges Tosen in der Luft, verbunden mit Erdbeben.)

Prometheus.

Schon wird es zur That, es erfüllt sich das Wort:
[Vers 1075] Auf schüttert der Grund,
Und der Donner in dumpf nachhallendem Schlag
Brüllt laut, und es zuckt in geschlängelten Loh'n
Aufflammend der Blitz; hoch jagen den Staub
Sturmwirbel empor, und alle zumal
[Vers 1080] Wild jagen die Wind', in feindlichem Hauch
Mit des Aufruhrs Wut auf einander gestürzt;
Und der Äther vermählt sich der wogenden See.
So stürzt das Gericht, von Kronion gesandt,
Mich schreckend mit Grau'n, sichtbar auf mich.
[Vers 1085] O heilige Mutter, o Äther, du,
Der das Licht hinrollt, das alles durchdringt,
Ihr seht, was ich dulde mit Unrecht!

( Prometheus sinkt mit dem Felsen in den Abgrund.)

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