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Gutenberg > Aischylos >

Der gefesselte Prometheus

Aischylos: Der gefesselte Prometheus - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDer gefesselte Prometheus
pages233-266
senderahipler@mainz-online.de
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(Io, des Inachos Tochter, kommt gestürmt; Hörner bezeichnen ihre Verwandlung zur Kuh)

Io:
Welch Land? Welch Volk? Wen seh ich da hoch
In die Fesseln gebannt an dem hohen Geklüft,
Wie den Wettern zum Spiel? Um welch Unrecht
Sollst so du vergehn? Tu kund mir, wohin
Ich Heimatlose geirrt bin!

Weh mir! weh mir!
Es sticht mich Arme, mich die Bremse wieder!
Gespenst, des Argos Riesenbild,
Wehrt ihm! Huh! Entsetzen!
Den Tausendäugigen, meinen Hüter seh ich!
Und er umschleicht mich schon, tückischen Haß im Blick,
Den auch erschlagen nicht der Erde Gruft birgt!
Nein, von den Tiefen aufwärts wider mich Arme steigt er
Und scheucht mich, jagt mich Lechzende fort über den sandigen Strand einsam;
Zu mir herüber trägt der wachsgefügten Rohrflöte Schall
Sein Schlaflied so süß!

Weh, weh! wohin, wohin schweif ich, irr ich fern in die Ferne fort?
Was denn an mir, o Kronos' Sohn, was denn an mir
Hast du Ursach erkannt, daß du so schwerer Qual Joch mir auflegst? Oh!
Mit dieser wahnsinngeißelnden Angst mich Angstzerrüttete also marterst?
Gib mir der Flammen Tod, birg in ein Grab mich tief, tief ins Meer
Wirf mich dem Hai zum Raub!
Nein, versag nicht, Herr, mir diesen einen Wunsch!
Mein Schweifen fern in die Ferne hat
Mich gnug gequält, nicht weiß ich mehr, auf welchem Pfad
Dieser Qual ich fliehn soll!

Chor:
Du hörst der stierhörngen Jungfrau Gesang?

Prometheus:
Wohl schallt der wahnsinnschweifenden Jungfrau Ruf herauf,
Des Inachoskindes, welche Zeus' Herz einst getränkt
Mit süßer Liebe, jetzt in endlos irrem Lauf
Von Heras bittrem Haß verfolget und gequält!

Io:
Wie denn erfuhrst du meines Vaters Namen schon, sag es mir,
Mir, der Gequälten? Wer,
Dulder, wer bist du selbst,
Daß du so gar zu wahr mich Dulderin schon begrüßest
Und mir den gotträchenden Jammer benennst,
Der mich aufzehrt in Glut, der mich aufpeitscht in schmerzglühndem Wahnsinn! Oh! –
Rastlosen Schweifens stürmt ich daher ohn Trank und Speise, gescheucht von Hera,
In der Verfolgung Hast so überwältigt! Wer ist gottverstoßen wie ich? Wehe! wehe!
Wer wie ich gemartert? Offenbar' du mir,
Was fürder mir zu erdulden bleibt,
Was fürder nicht mehr, wo ein Balsam meinem Schmerz?
Sag mir's, wenn du's weißest.

Chor:
O sag's, tu's der irrselgen Jungfrau zulieb!

Prometheus:
Ich will dir alles sagen, was du hören willst,
Nicht rätseleingeschleiert, nein, mit schlichtem Wort,
Wie recht den Freunden sich des Freundes Mund erschließt:
Der den Menschen Licht gab, 's ist Prometheus, den du siehst.

Io:
O du, den Menschen allgemeinsam teurer Hort,
Sag an, Prometheus, wessenwegen duldest du?

Prometheus:
Kaum hört ich auf zu klagen meinen ganzen Gram.

Io:
Und du, gewährtest diese kleine Gunst mir nicht?

Prometheus:
So sprich, was meinst du? Sagen will ich alles dir.

Io:
So sag mir, wer dich an den Fels geschlagen hat?

Prometheus:
Des Zeus Gebot war's, durch Hephaistos' Hand geschah's.

Io:
Doch welches Frevels Strafen sollst du leiden hier?

Prometheus:
O laß genug sein, daß ich dies dir nur gesagt.

Io:
Dann aber weiter: meiner Irrfahrt Ende, sprich,
Wann wird es jemals nahn mir Unglückseligen?

Prometheus:
Daß du es nicht weißt, frommt dir mehr, als daß du weißt.

Io:
Verbirg mir nicht mehr, was ich doch ertragen muß.

Prometheus:
Ich, glaub es mir, mißgönne dir nicht diese Gunst.

Io:
Was säumst du dennoch, alles das mir kundzutun?

Prometheus:
Mißdeut es nicht; dein Herz zu betrüben säum ich gern.

Io:
Nicht sorge du mein weiter, als mir selbst erwünscht.

Prometheus:
Weil du es wünschest, muß ich sprechen; höre denn.

Chor:
Noch nicht! Des Wunsches gönnet mir auch einen Teil;
Zuvor erfahren laß mich dieses Mädchens Leid,
So daß sie selbst nennt ihr verderbenreich Geschick
Und dann von dir hört ihrer Mühsal andren Teil.

Prometheus:
Recht wär es, Io, daß du ihnen schon zulieb
Dies tust, die dann auch deines Vaters Schwestern sind.
Und da zu klagen, auszuweinen seinen Gram,
Wo man des Mitleids Träne von den Hörenden
Sich darf erwarten, das ist wohl des Weilens wert.

Io:
Auch weiß ich nicht, warum ich euch es weigern soll;
In klaren Worten sollt ihr alles, was ihr wünscht,
Vernehmen. Freilich auch zu sagen schäm ich mich,
Von wannen dieses gottverhängte Wetter mir,
Der einstgen Schönheit grauser Tausch mir Armen kam.
Denn immer schwebten nächtige Traumgestalten still
Herein in meine Kammer und liebkosten mich
Mit leisen Worten: "O du vielglückselge Maid,
Was bleibst du jetzt noch Mädchen, da dir werden kann
Die höchste Brautschaft? Zeus erglüht in Liebe dir
Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf
Verlangt's ihn; du, Kind, weise von dir nicht den Kuß
Kronions; geh nun nach der tiefen Wiesenau,
Gen Lerna, nach des Vaters Herden und Gehöft,
Daß seiner Sehnsucht ruhn des Gottes Auge mag."
Und solche Träume kamen mir Vieltraurigen
In allen Nächten, bis dem Vater ich zuletzt
Zu sagen wagte meine Träume, meinen Gram.
Der sandte nun gen Pytho, gen Dodonas Wald
Vielfache Frage, zu erkunden, was er tun,
Was sagen müßte, das die Götter gerne sähn.
Bald kamen seine Boten mit vieldeutigen,
Mit unerklärlich rätselhaften Sprüchen heim;
Dann aber endlich kam an Inachos ein Spruch,
Der unverkennbar uns gebot und anbefahl,
Mich auszustoßen aus dem Haus, dem Vaterland,
Verstoßen fern zu schweifen bis zum Saum der Welt;
Und wollt er nicht, glutzückend fahre dann des Zeus
Blitzstrahl herab, all sein Geschlecht hinwegzutun.
Von diesen Sprüchen so belehrt des Loxias,
Stieß er mich von sich, schloß des Vaterhauses Tor
Mir Zögernden zögernd; doch es zwang allmächtig ja
Ihn wider Willen Zeus' Gebot zu solchem Tun.
Und alsobald war Leib und Seele mir verkehrt;
Die Stirn, ihr seht es, stiergehörnt, endlos gequält
Vom Stich der Bremse, irren Sprungs, wahnsinnverwirrt,
So floh ich rastlos gen Kechreias klarem Quell,
Zum Hügel Lerna. Und ein Riesenhirte kam,
Der erdgeborne, wilde Argos hinter mir,
Zahllosen Auges spähend, hütend meine Spur;
Doch unerwartet, eines schnellen Todes Raub
Sank hin der Leib des Riesen. Wahnsinnaufgepeitscht
Jagt nun der Göttin Geißel mich von Land zu Land. –
Du hast vernommen, wie's geschehn; doch so du weißt,
Was mein noch wartet, sag es mir, versüße nicht
Mitleidig mir mit falschem Wort, was doch mich trifft.
Denn kluggewandte Worte sind das schlimmste Gift.

Chor:
O laß! o laß! halt ein! wehe!
Nimmer, nimmer drang, so ins Ohr mir drang
Noch nie fremdes Klagewort,
Nie mir so unerträgliche, so unsägliche
Marter und Qualen und Angst mit zweischneidger Wunde
Eiskalt ins tiefste Herz!
Weh, Moira, Moira!
Ein Graun faßt mich, Ios Qual zu schauen!

Prometheus:
Du klagst im voraus, dich erfüllt Bekümmernis;
Halt ein, bis du vernommen, was noch übrig ist.

Chor:
Sprich, sag ihr alles; allen Kranken ist es Trost,
Was übrig noch des Leides, klar vorauszusehn.

Prometheus:
Was ihr vorher euch wünschtet, habt ihr leicht von mir
Erreicht; denn hören wolltet ihr zunächst sie selbst
Von ihrer Trübsal sprechen, ihrer Seele Gram.
Nun aber höret, welche Leiden weiter noch
Das arme Mägdlein dulden muß von Heras Zorn;
Du aber, Kind des Inachos, schließ treu ins Herz
Mein Wort, damit du wissest deines Weges Ziel.
Zuerst von hier aus mußt du wenden deinen Fuß
Gen Sonnenaufgang, über ungepflügt Gefild.
Du kommst zu Skythenhorden, die in geflochtenen
Korbhütten wohnen hoch auf Rädern, wagengleich,
Ferntreffende Bogen ihren Schultern umgehängt;
Nicht nah dich ihnen, sondern scheu den Fuß gewandt
Zum meerumrauschten Klippenstrand, durcheil ihr Land.
Landein zur Linken wohnen dann die Chalyber,
Die Eisenschmiede; hüte dich vor ihnen, sie
Sind wild und roh; kein Fremdling kehrt zu ihnen ein.
Und weiter kommst du an des Hybristes wilde Flut;
Geh nicht hinüber, denn er bietet keine Furt,
Bevor du Kaukasus' höchsten Gipfel siehst und dort
Ankommst, wo brausend aus des Felsens dunkler Schlucht
Der Strom hervorstürzt. Diese sterngenahten Höhn
Dann überschreitend, mußt du mittagswärts den Weg
Hinuntersteigen, wo du der Amazonen Volk,
Die männerfeindlichen, triffst, die Themiskyra einst
Bewohnen werden beim Thermodon, wo im Meer
Die salmydessische Klippenbai die Schiffenden
Ungastlich aufnimmt, allem Schiff stiefmütterlich;
Sie werden selbst dir freundlich zeigen deinen Weg;
Zum kimmrichen Isthmos dicht am engen Tor des Sees
Gelangst du so; getrosten Mutes mögest du
Den Ort verlassen, durch Maiotis' Sund zu gehn;
Dort soll den Menschen großes Zeugnis immerdar
Von deiner Wandrung bleiben, Bosporos der Sund
Nach dir genannt sein. Scheidend aus Europas Flur,
Kommst du zum Festland Asia. – Wahrlich, scheinet euch
Nicht aller Orten dieser Fürst der Götter gleich
Grausam? Denn weil, ein Gott, er diese Sterbliche
Umarmen wollte, gab er solcher Qual sie preis.
Dir, armes Mädchen, ward ein arger Bräutigam;
Denn sieh, die Kunde, welche du bis jetzt gehört,
Mag kaum ein Vorspiel dir erscheinen deines Grams.

Io:
Weh mir! weh mir!

Prometheus:
Du jammerst laut und weinest! Was gar wirst du tun,
Wenn du die andern Leiden alle noch erfährst!

Chor:
So willst du mehr noch kund ihr tun von ihrem Leid?

Prometheus:
Ein sturmgepeitschtes, ödes Meer graunhafter Qual!

Io:
Was soll das Dasein mir noch? Warum stürz ich nicht
Mich schnell von diesem jähen Felsgeländ hinab,
Daß ich zerschmettert drunten los sei aller Qual?
Denn besser wäre so mit einemmal der Tod,
Als aller Tage dulden meine Qual und Not!

Prometheus:
Dir müßte trostlos mein Geschick zu tragen sein,
Dem auch der Tod nicht vom Verhängnis ward gegönnt;
Es wäre das doch noch Erlösung meiner Qual;
Nun aber tagt kein Ende mir zu keiner Zeit,
Es stürze Zeus denn selbst hinab von seinem Thron.

Io:
Geschieht es je? Sprich, stürzet Zeus von seinen Höhn?

Prometheus:
Froh, glaub ich, wärst du, sähst du selbst einst seinen Sturz!

Io:
Wie könnt ich anders, ich, die von Zeus Verstoßene?

Prometheus:
Daß dies in Wahrheit so geschehen wird, glaub es mir.

Io:
Wer wird der Herrschaft Zepter ihm entreißen, sprich?

Prometheus:
Er selbst sich selbst durch seines Rats Leichtsinnigkeit.

Io:
Auf welche Weise? Sag es mir, wenn du es kannst!

Prometheus:
Ein Ehebündnis schließt er, das ihn wird gereun.

Io:
Mit einer Göttin, einem Weib? Sprich, so du kannst!

Prometheus:
Was fragst du? Noch darf's nicht geoffenbaret sein!

Io:
Und ist's die Gattin, die ihn vom Throne stürzen wird?

Prometheus:
Sie zeugt ein Knäblein, mächtiger als der Vater selbst.

Io:
Wird keine Rettung ihm vor diesem Lose sein?

Prometheus:
Nein, keine, ich sei meiner Banden denn erlöst!

Io:
Wer aber wird dich lösen wider Zeus' Gebot?

Prometheus:
Von deinem Schoß wird stammen, der es enden muß.

Io:
Wie sagst du, mein Kind wird dich deiner Qual befrein?

Prometheus:
Dein Enkel nach zehn Gliedern selbst das dritte Glied.

Io:
Noch wird mir nicht verständlich, was du prophezeist.

Prometheus:
Auch forsche nun nicht weiter deinem Leide nach.

Io:
Was du dem Wunsche botest, nimm es nicht zurück!

Prometheus:
Zwiefacher Kunde sei denn eine dir gewährt.

Io:
Sag an die beiden und vergönne mir die Wahl.

Prometheus:
So sei es; wähle, ob ich dir dein ferneres Leid
Soll offenbaren oder, wer mich lösen wird.

Io:
Das eine wolle diesen, mir das andere
Gewähren, nicht mißgönne deines Wortes uns!

Chor:
So sage dieser ihrer Irrsal weitren Weg,
Mir aber, wer dich rette; danach sehn ich mich.

Prometheus:
Da ihr es wünschet, will ich nicht entgegen sein,
Zu offenbaren alles, was ihr gern vernehmt.
Erst dir denn, Io, deinen vielverwirrten Weg,
Und zeichne treu ihn auf im Täflein deines Sinns.
Sobald der zwei Festlande Grenzstrom hinter dir,
Zum morgenflammenden, sonnenbahnumkreisten Ost
(Geh deines Weges weiter durch der Phryger Land,
Durchs Tal von Teutras, über Lydiens Wiesenaun,
Zur waldumkränzten Bergeshöh Kilikias.
Zwei Ströme gießen ihre Wasser dort hinab
In Aphrodites weizenreiche Niederung;
An ihren Ufern geh entlang. Dann hüte dich,
Daß dich der Hundeköpfigen, der Einaugigen,
Der Brustbeaugten grinsend Volk nicht schrecken mag.)
Dann fern und ferner unermüdet deines Wegs,
Durchschreit des kühlen Meeres Brandung, bis du kommst
Zu den gorgoneischen Feldern von Kisthene, wo
Die drei Phorkiden wohnen, schwangestaltige
Vergreiste Jungfraun, angetan mit einem Aug
Und einem Zahne, die des Helios Strahlenblick
Niemals erreicht hat noch des Mondes nächtig Aug;
Drauf ihre Schwestern, jene drei geflügelten
Gorgonen, schlangenhaarig, menschenhaßgetränkt,
Vor deren Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch.
Dies hab ich so dir ausgeführt zum eignen Heil;
Doch höre weiter deine traurige Pilgerschaft.
Sei wohl vor Zeus' scharfzahnigen, stummen Hunden dann,
Den Greifen, achtsam und dem roßgewandten Volk
Einäugiger Arimaspen, welche weithinaus
Am stillen Goldstrom hausen bei Plutons Gestad;
Vermeide sie. Drauf wirst du fern im fernsten Land
Zu einem schwarzen Volke kommen, das am Quell
Der Sonne wohnet, längs dem Aithiopenstrom;
An seinen Ufern schreite fort, bis daß du nahst
Dem Felsendurchbruch, wo von Byblos' Bergen her
Der Nil hinabgießt seines Stromes fruchtbare Flut;
Der wird den Weg dir weisen ins dreieckte Land
Neilotis, wo ein neues Heimatland du fern,
Io, für dich und deine Kinder finden wirst. –
Scheint schwankend dir, schwer aufzufinden irgend was,
So wiederhol mir's und vernimm es deutlicher;
Denn reichre Muße hab ich, als ich wünschen mag!

Chor:
Wenn du ihr weitres, oder was du noch verschwiegst,
Von ihrer mühsalreichen Fahrt zu sagen hast,
So sag's; doch hast du alles angeführt, so tu
Auch uns nach unsrer Bitte und vergiß es nicht!

Prometheus:
All ihrer Irrsal Ende hat sie nun gehört;
Doch daß sie sehn mag, wie sie mich nicht nutzlos gehört,
So will ich sagen, was sie, eh sie hergelangt,
Ertrug, um Zeugnis so zu stellen meinem Wort;
Doch laß ich jener Kunde größren Teil hinweg
Und wende mich zum Ziele deines Schweifens selbst.
Denn als du ankamst auf Molossas Ebene
Und bei Dodonas rückensteilem Bergeshang,
Wo Zeus Thesprotos' Tempel und Orakelort
Und der redenden Eichen vielbestauntes Wunder ist,
Von denen deutlich, alles Rätsels unverhüllt,
Du selbst begrüßet wurdest, Zeus' vielselge Braut
Dereinst zu werden – lächelst du? du freuest dich? –,
Damals, von Wahnsinn aufgestachelt, flohst du wild
Den Weg am Strand hin bis zu Rheas weiter Bucht,
Von der hinweg du stürmtest rückgewandten Laufs.
In aller Zukunft wird der Busen dieses Meers
Geheißen sein der Ionische – merkt es euch genau –
Zu deiner Fahrt Gedächtnis bei den Sterblichen.
Das sei ein Zeichen meines Sehergeistes dir,
Daß ich zu sehn mehr als das Offenbare weiß. –
Vom weitern hört jetzt beide, du und ihr, Bescheid,
Einbiegend so zu meines Wortes ernstem Gleis.
's ist eine Stadt Kanobos fern am Uferland,
Dicht bei des Niles Mündung und erhöhtem Deich,
Dort gibt dir Zeus des Geistes ganze Kraft zurück,
Berührend dich, liebkosend dich mit linder Hand;
Dort wirst du den schwarzen Epaphos gebären, der,
Nach Zeus' geheimer Kraft genannt, die ihn gezeugt,
Soweit der flurentränkende Nil fließt, ernten wird.
Nach ihm das fünfte, fünfzigkinderblühende
Geschlecht, es wird ungern gen Argos fliehn zu See,
Die fünfzig Jungfraun, vor der Blutverwandten Eh
Der Vettern flüchtig, die, von Liebesglut entflammt,
Gleich Falken wild nachsetzen der Tauben scheuem Flug
Und dieser Hochzeit böse Jagd sich selbst zum Gram
Erjagen; ihres Leibes hütet sie ein Gott.
Aufnimmt sie Pelasgia, wenn die nachtverstohlne List
Des mädchenkühnen Kampfes überwunden hat;
Denn jede bringt ums Leben ihren Bräutigam,
Im heißen Blute kühlend ihr zweischneidig Schwert.
So möge Kypris meinen Feinden blutig nahn!
Indes der Jungfraun eine rührt der Liebe Pfeil,
Den Schlaf des Lieblings nicht zu morden; gramerweicht
Läßt sie's und wählt von zweien Wegen dies Vergehn,
Ehr schwach genannt zu werden als blutschuldbefleckt.
Sie ist's, die Argos' Königsstamm gebären wird;
Viel Worte würd es brauchen, klar dies darzutun;
Doch diesem Stamm entsprießen wird ein kühner Held,
Der Held des Bogens, der mich selbst aus dieser Qual
Wird retten; meine urgeborne Mutter hat,
Titanis Themis, dies Orakel mir gesagt;
Doch wie und wo zu sagen brauchte lange Zeit
Und wäre doch nicht, wenn du's wüßtest, dir zunutz.

Io:
Eleleu! Eleleu!
Wie mich wieder der Krampf, des zerrütteten Sinns
Wahnwitz mich durchzuckt! Wie die Bremse mich sticht
Mit dem Stachel der Glut!
Es zersprengt mein Herz in Entsetzen die Brust,
Und im Kreis schweift wild der verwilderte Blick!
Von der Bahn mich hinweg reißt taumelgepeitscht,
Ohnmächtig des Worts, mich des Wahnsinns Sturm!
Mein wildes Geschrei, es verhallt mir umsonst
In des Unheils tosender Brandung! –
(Io ab)

Erste Strophe

Chor:
Weise, ja weise genannt
Sei, wer zuerst sich dies in Gedanken ersann und lehrenden Worten es aussprach,
Daß die Brautwahl passend dem eigenen Stamm den Preis verdient.
Nie mag des Reichtums üppig verweichlichender,
Nie des Adels ahnenverherrlichender
Ehe nachgehn, wer um Lohn arbeiten muß!

Erste Gegenstrophe

Nimmer, ja nimmer gescheh's,
Daß ihr, o Moiren, mich in dem Lager des Zeus je säht zur Genossin erkoren;
Nahe niemals einer der Himmlichen mir als Bräutigam!
Mich graust's, der scheuen, bräutigamflüchtigen Braut,
Ios hochzeitwelkende Jugend zu schaun,
Ihrer Irrsal arge Qual durch Heras Haß!

Epode

Doch ich, wenn ich in ruhiger, glücklicher Ehe bin, fürchte mich nicht;
Nimmer mög in Liebe mich der hohen Götter unentfliehbar Auge sehn;
Denn das ist ein Kampf, zu bekämpfen, zu leiden, zu meiden nie!
Weiß ich dann, was mir geschähe?
Wie ich Zeus' Gericht entfliehn könnte, nimmer weiß ich's! –

Prometheus:
Zeus selbst erscheint noch trotz des stolzen Eigensinns
Einst tief erniedrigt; also knüpft er selbst zum Netz
Sein Ehebündnis, welches ihn aus seiner Macht,
Von seinem Thron ihn tief hinabstürzt. Dann erfüllt
Alloffenbar sich seines Vaters Kronos Fluch,
Den, seines ewgen Throns entstürzend, der geflucht.
Wie dieses Unheil abzuwenden, das vermag
Der Götter niemand ihm zu sagen außer mir.
Ich aber weiß es, weiß den Spruch; drum mag er jetzt
Krafttrotzend thronen, seines luftgen Donners stolz,
Vom Flammenpfeil des Blitzes hell die Hand umsprüht;
Denn alles das wird nichts ihm helfen, nicht hinab-
Zustürzen schmachvoll unerträglich bittren Fall!
Und solchen Gegner rüstet er und wappnet er
Sich selbst, ein allunüberwindbar Wunder einst,
Der heißre Flammen als den Blitzstrahl finden wird
Und lautre Stimme, daß des Donners Macht verstummt,
Der aller Meer und Lande allerschütternden
Trident, Poseidons Zepter, gar zerschmettern wird!
Kommt dies Verhängnis über ihn, dann sieht er ein,
Wie gar verschieden Herrschen und Erliegen sei'n.

Chor:
Schon lange dräust du, was du gern sähst, gegen Zeus!

Prometheus:
Was einst erfüllt wird, was ich sehr ihm wünsche, war's!

Chor:
Und darf sich jemand träumen, Zeus zu bewältigen?

Prometheus:
Furchtbarer Unheil muß er leiden noch denn dies!

Chor:
Und bist du bang nicht, auszusprechen dieses Wort?

Prometheus:
Was sollt ich fürchten, dem zu sterben nicht verhängt?

Chor:
Den er vielleicht qualvollre Qual noch dulden heißt.

Prometheus:
So mag er; alles seh ich und erwart ich dreist.

Chor:
Vor Adrasteia beugt sich stumm des Weisen Geist!

Prometheus:
Bet an, verstumme, beuge dich den Herrschenden,
Mich aber kümmert minder dieser Zeus denn nichts!
Er schalt' und walte diese kleine Spanne Zeit,
Wie's ihm gefällt; lang bleibt er nicht der Götter Herr! –
Doch seh ich dorther seinen raschen Läufer schon,
Des neuen Königs neuen Boten eilig nahn;
Gar neue Dinge kommt er wohl uns kundzutun! –

(Durch die Luft kommt Hermes daher mit dem Heroldstab und Flügelschuhen)

Hermes:
Dir, Ränkespinner, allen allunleidlichster,
Der du an den Göttern für der Tagesmenschen Heil
Gefrevelt, frecher Feuerdieb, dir sag ich dies:
Der Vater heißt dich, was du prahlst von einstger Eh,
Und wer vom Thron ihn stürzen würde, kundzutun;
Das alles sollst du sonder Rätsel und Betrug
Bestimmt und einfach sagen. Nicht zwiefachen Weg
Laß mich, Prometheus, machen; denn das siehst du wohl,
Zeus wirst du damit nimmermehr besänftigen!

Prometheus:
Vornehm und prunkvoll, stolzen Mutes strotzend, lärmt
Dein Wort, wie freilich dir, dem Götterbuben, ziemt!
Neu herrschet ihr Neulinge und gedenket schon
Gramlos in goldner Burg zu schwelgen! Hab denn ich
Nicht dort hinab schon zween Herrscher stürzen sehn?
An diesem dritten, deinem Herrn, seh ich es bald
Geschehn, am schnellsten, schmählichsten – oder wähnest du,
Den neuen Göttern zittert ich und beugt ich mich?
Dran fehlet viel und alles! Du nun aber magst
Desselben Weges, den du kamst, heimeilen; denn
Von jenem allen, was du fragst, erfährst du nichts!

Hermes:
Du weißt, mit diesem Eigensinn hast du dich einst
In diesen Port gelotset deiner bittren Qual!

Prometheus:
Mit deinem Frondienst möcht ich dies mein Jammerlos,
Daß du es weißest, nimmermehr vertauschen; nein,
Mir ist es süßer, diesem Fels fronbar zu sein
Denn so dem Vater Zeus ein Bote treu und fein!
So muß getrotzt sein gegen euch Alltrotzende!

Hermes:
Behaglich scheint es dir in deinem Los zu sein!

Prometheus:
Behaglich? So behaglich möcht ich allzumal
All meine Feinde sehn! Du selbst gehörst dazu!

Hermes:
So wirfst du mir auch Schuld an deinem Leide vor?

Prometheus:
Mit einem Wort, ganz haß ich all und jeden Gott,
So viele froh selbst wider Recht so bös mir tun!

Hermes:
Wohl seh ich, wie du an schwerer Geistzerrüttung krankst.

Prometheus:
Ja, krank, wenn Krankheit seine Feinde hassen heißt!

Hermes:
Du wärest nicht zu ertragen, wenn's dir wohl erging'!

Prometheus:
Ach!

Hermes: Diesen Laut hat Zeus von dir sonst nicht gekannt!

Prometheus:
Die Zeit, sie lernt und lehret alternd alles Ding!

Hermes:
Du aber hast noch nicht verständig sein gelernt!

Prometheus:
Sonst hätt ich dir, dem Götterknecht, kein Wort gegönnt!

Hermes:
Es scheint, du willst nicht sagen, was dir Zeus gebeut?

Prometheus:
Wohl gar ein Schuldner soll ich vergelten seine Lieb?

Hermes:
Als wär ich ein Kind, so höhnst du mein mit deinem Spott!

Prometheus:
Und bist du ein Kind nicht, und beschränkter als ein Kind,
Dir einzubilden, daß von mir du's hören wirst?
's ist keine Marter, keine List, mit der mich Zeus
Bewegen könnte, das zu offenbaren ihm,
Es sei zuvor denn dieser Fesseln Schmach gelöst!
Darum so fahre nieder sein blitzzuckender Strahl,
Im weißgeflügelten Schneegestöber, im donnernden
Erdbeben schwindle, stürze das All rings wild gemischt,
Er soll mich doch nicht beugen, je ihm kundzutun,
Wer ihn hinab einst stürzt von seinem Königtum!

Hermes:
Bedenk, ob dies dir je zum Heil gereichen kann!

Prometheus:
Längst schon bedacht und festbeschlossen hab ich so!

Hermes:
So wag es, Unglückselger, wag es endlich doch,
Des eignen Elends Fülle ganz zu überschaun!

Prometheus:
Du machst mir Ekel mit der Worte leerem Schwall!
Das komme niemals dir in den Sinn, daß ich in Angst
Um Zeus' Belieben weibisch feig gebärden mich,
Anflehen könnte jenen Allhaßwürdigen
Mit weiberhaftem, armemporgehobnem Flehn,
Zu befrein mich dieser Banden! Nun und nimmermehr!

Hermes:
Zu sprechen schein ich viel vergeblich und umsonst;
Denn dich besänftigt, denn dich rühret nimmermehr
Mein Flehn; den Zügel gleich dem junggezäumten Roß
Zerknirschend, reißend bäumst du wild dich noch im Joch.
Und doch – mit der Ohnmacht Stolz berühmst, betäubst du dich!
Denn Eigensinn kann ohn Verständigkeit und Maß
Für sich allein niemandes Meister sein im Streit.
Bedenke, wenn du meinen Worten nicht gehorchst,
Welch ein Orkan dich, welcher Qualen Brandung dich
Fluchtlos zerschmettert. Denn es wird dies Felsgeklüft
Mit seinen Donnern, mit des Wetterstrahles Keil
Des Vaters Zorn zerreißen, deinen eignen Leib
Versenken, rings umschlossen von des Gesteines Arm.
Wenn dann der Zeiten weites Maß vollendet ist,
So kommst du aufwärts an das Licht; es wird dir dann
Zeus' flügelwilder, mächtger Aar in heißer Gier
Zerfleischen deines Leibes großes Trümmerfeld,
Wird Gast dir ungeladen, Gast den langen Tag,
Ausweiden deiner schwarzbenagten Leber Rest.
Und dieser Mühsal Heil erwart dir nimmermehr,
Es erscheine dir als deiner Qual Vertreter denn
Ein Gott, bereit, hinabzusteigen in die Nacht
Des Hades, ins grabdunkle Reich des Tartaros!
Demnach bedenk dich; denn erdichtet keineswegs
Ist diese Drohung, sondern nur zu ernst gemeint.
Denn Lügen reden, das versteht Zeus' heilger Mund
Nicht, sondern all sein Wort erfüllt er; aber du
Betracht es, überleg es dir und halte nicht
Den Eigensinn mehr besser als Besonnenheit! –

Chor:
Uns scheinet Hermes wahrlich kein unzeitig Wort
Zu sagen; denn er riet dir an, den Eigensinn
Zu lassen, dich zu wenden zur Besonnenheit;
Folg ihm, denn unrecht handeln ist den Weisen Schmach.

Prometheus:
Was zuvor ich bereits längst wußte, das tatst
Du als Bote mir kund! Von dem Feinde der Feind
Solch Leid zu empfahn, das entehrt niemals!
So fahr auf mich zweischneidig des Zorns
Haarsträubender Blitz denn herab, und die Luft,
Sie zerreiße vom Krachen des Donners, vom Krampf
Des empörten Orkans, und die Erde zerwühl
In den Tiefen, empor von den Wurzeln, der Sturm;
Es vermische gepeitscht in verwilderter Wut
Sich die heulende See mit der schweigenden Bahn
Der Gestirne; hinab in die ewige Nacht,
In den Tartaros stürze zerschmettert der Leib
Mit des Schicksals reißendem Strudel hinab –
Doch töten kann er mich nimmer!

Hermes:
Wie der Geist, wie das Wort sich verkehrt, wenn ein Wahn
Die Gedanken verstört, das zeiget sich hier.
Was bleibet ihm fremd denn des Wahnsinns noch?
Und trifft es ihn jetzt, wie vergäß er der Wut?
Doch ihr, die ihr tief sein qualvoll Los
Mitfühlt und beweint, geht, Mädchen, hinweg
Aus diesem Bereich, flieht ferne, damit
Das Bewußtsein euch nicht schwinde, betäubt
Vom unendlichen Krachen des Donners!

Chorführerin:
Find besseren Rat und ermahne mich so,
Wie ich folgen dir kann; denn es ist in der Tat
Unerträglich der Rat, der verführen mich soll!
Wie gebietest du mir, mich der Schande zu weihn?
Nein, dulden mit ihm will ich sein Los;
Denn ich habe Verräter zu hassen gelernt,
Und ich weiß kein Gift,
Mir mehr denn dieses verächtlich!

Hermes:
Wohl denn; was ich jetzt euch sage, bedenkt!
Wenn der lärmenden Jagd ihr des Jammers erliegt,
Klagt euer Geschick nicht an, sagt nie,
Euch habe so Zeus unerwartet hinab
Ins Verderben gestürzt; denn wissentlich seid,
Nicht eilig verlockt, nicht heimlich umgarnt,
Ins unendliche Netz des Verhängnisses jetzt
Ihr verstrickt durch eure Verblendung! –

(Hermes ab; mächtiges Tosen in der Luft; Erdbeben)

Prometheus:
Schon wird es zur Tat, kein nichtiges Wort!
Es erbebet die Erd,
Und es zuckt und es zischt wild, Blitz auf Blitz,
Sein Flammengeschoß, aufwirbeln den Staub
Windstöße; daher rast allseits Sturm,
Wie im Taumel gejagt; ineinander gestürzt
Mit des Aufruhrs Wut, mit Orkanes Geheul,
Ineinander gepeitscht, stürzt Himmel und Meer! –
Und solch ein Gericht, es umtost, es umschlingt
Mich, von Zeus mir gesandt, mich zu schrecken mit Graun! –
O heilige Mutter, o Äther, des all-
Heilspendenden Lichts allheilige Bahn,
Seht, welch Unrecht ich erdulde! –

(Prometheus' Felsen verschlingt ein Abgrund)

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