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Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten

Lew Tolstoi: Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorGraf Lew Nikolajewitsch Tolstoi
titleDer Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten
publisherVerlag von Otto Janke
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Überfall.
Erzählung eines Freiwilligen

I.

Am 12. Juli trat der Kapitan Hauptmann. Chlopow mit Epauletts und Säbel durch die niedere Tür meiner Hütte. In dieser Uniform hatte ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nicht gesehen.

»Ich komme gerade vom Obersten!« sagte er als Antwort auf den fragenden Blick, mit dem ich ihn empfing. »Morgen marschiert unser Bataillon aus.«

»Wohin?« fragte ich.

»Nach N... dort werden Truppen zusammengezogen.«

»Und von da aus wird wahrscheinlich eine größere Bewegung unternommen?«

»Wahrscheinlich.«

»Wohin? Wie denken Sie darüber?«

»Was soll ich denken? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern nacht kam ein Tatar und brachte vom General den Befehl, das Bataillon solle ausmarschieren und auf zwei Tage Zwieback mitnehmen. Aber wohin? Warum? Auf wie lange? Danach fragt man nicht, Batjuschka! Väterchen. Es ist befohlen, und damit genug!«

»Aber wenn man nur auf zwei Tage Zwieback mitnimmt, so wird auch der Marsch wahrscheinlich nicht länger dauern?«

»Nun, das kann man noch nicht sagen.«

»Nun, wie denn?« fragte ich verwundert.

»Ja, das ist so! Wir gingen einmal nach Dargi mit Zwieback auf eine Woche und waren fast einen Monat unterwegs.«

»Aber kann ich mit Ihnen gehen?« fragte ich nach kurzem Nachdenken.

»Vielleicht, aber ich rate Ihnen: gehen Sie lieber nicht. Wozu wollen Sie sich Gefahren aussetzen?«

»Nein, erlauben Sie mir, Ihren Rat nicht zu befolgen. Schon seit zwei Monaten lebe ich nun hier und warte noch immer auf eine Gelegenheit, ein Gefecht anzusehen; und nun wollen Sie, daß ich das versäumen soll?«

»Meinetwegen kommen Sie mit! Aber wirklich, wäre es nicht besser für Sie, zurückzubleiben? Sie werden unsere Rückkehr hier erwarten, auf die Jagd gehen, und wir werden mit Gott unseres Weges ziehen. Das wäre wirklich besser,« sagte der Kapitan in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick schien, es wäre wirklich das beste so.

Dann aber sagte ich mit Entschiedenheit: »Ich werde keinenfalls zurückbleiben.«

»Nun, und was versäumen Sie etwa dabei?« fuhr der Kapitan fort, um mich zu überzeugen. »Wollen Sie wissen, was für Gefechte vorgefallen sind, so lesen Sie Danilewskis Kriegsgeschichte, ein vortreffliches Buch, das alles enthält, was geschehen, wo dieses oder jenes Korps stand und wie das Gefecht verlief.«

»Im Gegenteil, das interessiert mich gar nicht!« erwiderte ich.

»Nun, was denn? Es scheint, Sie wollen nur zusehen, wie man Menschen totschlägt! Da war im Jahre 32 auch ein fremder Offizier bei uns, ein Spanier, glaube ich, er machte zwei Feldzüge mit in so einem braunen Mantel, und schließlich haben sie ihm den Garaus gemacht! Hier, Batjuschka, werden Sie niemand imponieren.«

So sehr ich auch bedauerte, daß der Kapitan meine Absicht so schlecht beurteilte, so bemühte ich mich doch nicht, ihm eine andere Meinung beizubringen.

»Nun, und war er tapfer?« fragte ich ihn.

»Ach, Gott weiß es, er ritt immer da vorne herum. Wo das Schießen anfing, da war er.«

»Nun, also war er doch tapfer!« entgegnete ich.

»Nein, das heißt nicht tapfer sein, sich da herumzutreiben, wo man ihn nicht braucht.«

»Nun, was ist denn tapfer?« fragte ich.

»Tapfer? Tapfer?« wiederholte der Kapitan mit der Miene eines Mannes, dem man diese Frage zum erstenmal vorlegt. »Tapfer ist derjenige, welcher sich so aufführt, wie es sein muß,« fügte er dann nach längerem Nachdenken hinzu.

Ich erinnerte mich daran, daß Plato die Tapferkeit bezeichnet als das Bewußtsein dessen, was man fürchten muß und was nicht, und ungeachtet der Unbestimmtheit und Undeutlichkeit des Ausdrucks in der Erklärung des Kapitans dachte ich, daß doch der Grundgedanke beider gar nicht so verschieden sei, wie es anfangs scheinen konnte, und daß sogar die Bezeichnung des Kapitans richtiger sei als die des griechischen Philosophen; denn wenn er gewußt hätte, sich wie Plato auszudrücken, hätte er wahrscheinlich gesagt: »Tapfer ist derjenige, welcher sich vor dem fürchtet, was man fürchten soll, und nicht vor dem, was man nicht fürchten darf.«

Ich wünschte, dem Kapitan diesen Gedanken mitzuteilen.

»Ja,« sagte ich, »es scheint mir, daß es in jeder Gefahr eine Wahl gibt, und die Wahl, welche unter dem Einflusse zum Beispiel des Pflichtgefühls getroffen wird, ist Tapferkeit, diejenige Wahl dagegen, welche dem Einflusse niedriger Gesinnung entspringt, ist Feigheit. Deshalb ist ein Mensch, welcher aus Ehrsucht oder Neugier sein Leben aufs Spiel setzt, nicht tapfer zu nennen, und dagegen ein Mensch, welcher unter dem Einflusse des ehrenwerten Gefühls der Verantwortlichkeit gegen die Familie oder auch ganz einfach aus Grundsatz der Gefahr ausweicht, deshalb noch nicht als Feigling zu betrachten.«

Während ich so sprach, sah mich der Kapitan mit einem seltsamen Ausdruck an.

»Nun, das verstehe ich nicht, Ihnen zu beweisen,« sagte er, sich eine Pfeife stopfend. »Aber da ist ein Junker bei uns, der auch zu philosophieren liebt. Mit dem können Sie sich darüber aussprechen. Er macht auch Gedichte.«

Erst im Kaukasus war ich mit dem Kapitan näher bekannt geworden, den ich allerdings schon von Rußland her kannte. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopow, die Besitzerin eines kleinen Gutes, wohnte etwa zwei Werst von meinem Gut entfernt. Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus hatte ich sie besucht. Die alte Dame war sehr erfreut, daß ich »Paulchen« sehen würde, wie sie den alten ergrauten Kapitan nannte, und daß ich ihm mit eigenen Worten als lebendiger Brief von ihrem Leben Nachricht geben, auch ihm ein Paketchen von ihr überbringen konnte.

Nachdem sie mich mit vortrefflichen Piroggen Eine Art Pasteten. und Spickgans bewirtet hatte, ging Maria Iwanowna in ihr Schlafzimmer, von wo sie mit einem schwarzen, ziemlich großen Amulett zurückkehrte, in welches ein seidenes Bändchen eingenäht war. Sie übergab mir dasselbe, indem sie, sich bekreuzend, das Muttergottesbild küßte.

»Hier ist das unverbrennliche Bild unserer Mutter Gottes, der Beschützerin,« sagte sie. »Ich bitte, Batjuschka, überbringen Sie es ihm! Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus fortreiste, ließ ich ein langes Gebet sprechen und tat das Gelübde, wenn er am Leben und unverletzt bleibe, dieses Bild der Mutter Gottes anfertigen zu lassen. Jetzt sind es schon über achtzehn Jahre her, daß die Mutter Gottes und die Heiligen ihm Gnade erweisen; er war nicht ein einziges Mal verwundet und, wie mir scheint, auch in keinem Gefecht. Wenn mir Michail, der bei ihm war, davon erzählt, glauben Sie mir, so stehen mir die Haare zu Berge. Was ich davon weiß, höre ich immer nur von Fremden; er, mein Täubchen, hat mir von seinen Feldzügen nichts geschrieben, er fürchtet, mich damit zu erschrecken.«

Erst im Kaukasus erfuhr ich, wenn auch nicht vom Kapitan selbst, daß er viermal schwer verwundet war, und daß er selbstverständlich weder von seinen Wunden noch von seinen Feldzügen der Mutter je etwas geschrieben hatte.

»Nun, so möge er dieses heilige Bild bei sich tragen,« fuhr sie fort, »es soll ihm meinen Segen bringen! Die Allerheiligste Beschützerin behüte ihn. Besonders im Gefecht soll er es immer bei sich tragen! Und so sage ihm, mein Väterchen, was seine Mutter Dir aufgetragen.«

Ich versprach, ihren Auftrag treulich auszuführen.

»Ich weiß, Sie werden es liebgewinnen, mein Täubchen,« fuhr sie fort. »Er ist so herzensgut. Wollen Sie mir glauben, es vergeht kein Jahr, ohne daß er mir Geld sendet, und auch Annuschka, meine Tochter, unterstützt er sehr, und das nur von seinem Gehalt. Ich danke dem Himmel aufs innigste,« schloß sie mit Tränen in den Augen, »daß er mir ein so gutes Kind gegeben.«

»Schreibt er Ihnen oft?« fragte ich.

»Selten, Batjuschka, meistens nur einmal im Jahre. Wenn er Geld schickt, so fügt er ein Wörtchen hinzu, sonst nichts. Er sagte: ›Wenn ich Ihnen nicht schreibe, Mamenka, so bedeutet das, daß ich noch lebe und gesund bin. Wenn mir aber etwas passiert, was Gott verhüte, so werden es schon andere schreiben.‹«

Als ich dem Kapitan das Geschenk seiner Mutter übergab, das war in meinem Quartier, bat er um Packpapier, hüllte das erstere sorgfältig ein und verwahrte es.

Ich erzählte ihm alle Einzelheiten aus dem Leben seiner Mutter, die der Kapitan schweigend anhörte. Als ich geendet hatte, ging er in die Ecke des Zimmers und machte sich dort lange mit seiner Pfeife zu schaffen.

»Ja, eine vortreffliche Frau,« sagte er von dorther mit etwas dumpfer Stimme. »Wird es mir Gott gestatten, sie noch wiederzusehen?«

Diese wenigen, einfachen Worte drückten so sehr viel Liebe und Betrübnis aus.

»Warum dienen Sie denn hier?« fragte ich.

»Ich kann nicht anders!« erwiderte er. »Der doppelte Gehalt ist für einen so armen Kerl wie ich von großer Wichtigkeit.«

Der Kapitan lebte sehr sparsam, trank selten und rauchte einfachen Tabak, welchen er nicht »türkischen«, sondern »sambrotalischen Tabak« nannte.

Schon früher hatte mir der Kapitan gefallen, er hatte eine jener einfachen, ruhigen, russischen Physiognomien, welchen man mit Vergnügen gerade in die Augen sieht, aber nach diesem Gespräch empfand ich wirkliche Achtung für ihn.

*

II.

Am andern Tage um vier Uhr morgens kam der Kapitan, mich abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletts, weite, lesghische Hosen, eine weiße, hohe Pelzmütze mit einem darüber hinabfallenden, gelblichen Lammfell und über der Schulter einen gewöhnlichen asiatischen Säbel. Das kleine, weiße Pferdchen, auf dem er ritt, ließ den Kopf hängen und wedelte bei seinem kurzen Trab fortwährend mit dem zottigen Schweife.

Obgleich sonach das Aussehen des guten Kapitans ebensowenig Malerisches als Martialisches hatte, drückte sich doch darin so viel Gleichgültigkeit aus gegen alles, was ihn umgab, daß es unwillkürlich Achtung einflößte.

Ich ließ ihn keine Minute warten, sondern stieg sogleich zu Pferde, und wir ritten zum Tor der Festung hinaus. Das Bataillon war schon etwa zweihundert Faden voraus und erschien als eine sich bewegende schwarze Masse. Daß es Infanterie war, konnte man nur aus den wie lange Nadeln sichtbar werdenden Bajonetten schließen.

Zuweilen hörte man Soldatenlieder sowie Trommelschlag und einen entzückenden Tenor, den Vorsänger der sechsten Kompagnie, welcher schon öfter in der Festung meine Bewunderung erregt hatte.

Der Weg führte inmitten einer tiefen und breiten Schlucht am Ufer eines kleinen Flusses entlang, welcher zu dieser Zeit »spielte«, das heißt eine kleine Überschwemmung veranlaßt hatte. Ein Schwarm wilder Tauben flog um uns her. Bald setzten sie sich auf das steinige Ufer; bald beschrieben sie schnelle Kreise in der Luft und entflohen aus unserem Gesichtskreise.

Noch war die Sonne nicht sichtbar, aber an dem rechten oberen Rande der Schlucht fing es schon an, hell zu werden. Graue und weiße Steine, gelblich grünes Moos, mit Tau bedeckt, Kreuzdornbäume, Mispelbäume und Haselnußstauden wurden in merkwürdiger Deutlichkeit sichtbar im goldenen Morgenlicht. Die andere Seite der Schlucht dagegen und der Hohlweg waren mit dichtem Nebel bedeckt, welcher in ungleichen Strahlen auf und ab wogte, und boten ein eigentümliches Farbengemisch dar von Hellila, Dunkelgrau, Dunkelgrün und Weiß.

Gerade vor uns an dem dunkelblauen Horizont wurde mit überraschender Schärfe die weiße Masse der Schneeberge mit ihren seltsamen, aber in den kleinsten Einzelheiten prachtvollen Schatten und Umrissen sichtbar.

Grillen, Heuschrecken und Tausende anderer Insekten erwachten in dem hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem unaufhörlichen, durchdringenden Zirpen, es war, als ob tausend Glöckchen in den Ohren klängen. Die Luft war vom Duft des Grases, des Wassers und des Nebels erfüllt, mit einem Wort, es war ein prachtvoller Sommermorgen.

Der Kapitan schlug Feuer und zündete sich die Pfeife an. Der Geruch seines Tabaks und des Zunders erschien mir außergewöhnlich angenehm. Wir ritten zur Seite des Weges, um die Infanterie schneller einholen zu können. Der Kapitan war nachdenklicher als gewöhnlich, ließ seine Daghestansche Pfeife nicht aus dem Munde und trieb bei jedem Schritt mit den Absätzen sein Pferdchen an, welches, von einer Seite zur andern schaukelnd, eine kaum merkbare dunkelgrüne Spur im feuchten hohen Grase hinterließ. Vor seinen Füßen erhob sich ein Fasan mit Geschrei und dem rauschenden Flügelschlag, welcher unwillkürlich den Jäger zusammenfahren macht. Langsam stieg der Fasan auf; indes der Kapitan achtete nicht im geringsten auf ihn.

Wir hatten beinahe schon das Bataillon eingeholt, als hinter uns die Hufschläge eines Pferdes hörbar wurden und in demselben Augenblick ein hübscher junger Mann in Offiziersuniform und mit hoher weißer Pelzmütze an uns vorüberritt. Als er uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitan mit dem Kopfe zu und schwang seine Peitsche.

Ich konnte nur bemerken, daß seine Haltung im Sattel und die Führung der Zügel besonders graziös waren, und daß er prachtvolle schwarze Haare, ein feines Näschen und ein kaum sichtbares Schnurrbärtchen hatte. Besonders gefiel mir an ihm, daß er sich nicht enthalten konnte, zu lächeln, als er mein Wohlgefallen bemerkte. Schon aus diesem Lächeln konnte man schließen, daß er noch sehr jung sei.

»Und wohin reitet der?« murmelte der Kapitan in unzufriedenem Ton, ohne seine Pfeife aus dem Munde zu nehmen.

»Wer ist das?« fragte ich ihn.

»Das ist der Fähnrich Alanin aus meiner Kompagnie, erst im vorigen Monat aus dem Kadettenhause gekommen.«

»Wahrscheinlich geht er zum erstenmal ins Gefecht?« fragte ich.

»Ja, und er ist seelenvergnügt,« erwiderte der Kapitan, tiefsinnig den Kopf wiegend. »So ist die Jugend!«

»Nun, warum soll er sich nicht freuen? Ich kann mir wohl denken, daß das für einen jungen Offizier sehr interessant sein muß!«

Der Kapitan schwieg etwa zwei Minuten.

»Nun, ich sage ja, die Jugend!« fuhr er mit seiner Baßstimme fort. »Worüber freut sie sich, noch ehe sie etwas gesehen hat? Wenn man erst öfter marschiert hat, dann freut man sich nicht mehr darüber. Wir sind unsere zwanzig Offiziere – nehmen wir an – welche hier marschieren. Einige davon werden getötet oder verwundet, das ist sicher. Heute mir, morgen Dir und übermorgen einem Dritten. Worüber soll man sich dabei freuen?«

*

III.

Kaum war die helle Sonne hinter den Bergen aufgestiegen und beleuchtete das Tal, das wir durchschritten, als der Nebel sich zerteilte und es auch bald heiß wurde. Langsam schritten die Soldaten mit den Gewehren und Tornistern auf den Schultern den staubigen Weg dahin. Zuweilen hörte man aus ihren Reihen kleinrussische Worte und Gelächter. Einige ältere Soldaten in weißen Kitteln, meistens Unteroffiziere, marschierten mit brennenden Pfeifen zur Seite des Weges, in Unterhaltung begriffen. Die dreispännigen hochbeladenen Wagen bewegten sich Schritt vor Schritt vorwärts und verursachten einen dichten, unbeweglichen Staub. Die Offiziere ritten voraus, andere – wie man im Kaukasus sagt – »spielten die Tapferen«. Das heißt, sie hieben mit Peitschen auf die Pferde ein, um diese zu veranlassen, drei bis vier Sätze zu machen, und hielten sodann plötzlich inne, indem sie den Kopf zurückwandten. Andere übernahmen die Rolle der Vorsänger und spielten ungeachtet der herrschenden Hitze und des Dunstes fortwährend ein Stück nach dem andern.

Etwa hundert Faden voraus ritt auf einem weißen Pferde neben mehreren Tataren ein Offizier, welcher im Regiment wegen seiner verzweifelten Tapferkeit und als ein Mensch bekannt war, welcher jedem »die Wahrheit in die Augen sagte«. Er war hochgewachsen, von hübschem Äußern und trug ein asiatisches Kostüm, einen schwarzen Leibrock mit Tressen, ebensolche Gamaschen, neue enge Schuhe mit Borten, eine gelbe Tscherkeska und eine hohe, sich nach der Seite neigende Pelzmütze. Auf der Brust- und der Rückseite des Rockes waren silberne Borten aufgenäht, an denen ein Pulverhorn und eine Pistole auf dem Rücken hing; eine andere Pistole und ein Dolch in silbernem Futteral hingen an seinem Gürtel. Über all dieses hatte er einen Säbel gehängt in einer Scheide von rotem Saffian mit Tressen, über die Schulter trug er eine Büchse in schwarzem Futteral.

An seiner Kleidung, seiner Haltung und seinen Bewegungen, überhaupt in seinem ganzen Benehmen war zu erkennen, daß er sich bemühte, einem Tataren ähnlich zu sein; auch sagte er in einer mir unbekannten Sprache etwas zu den Tataren, welche neben ihm ritten; aber nach den verwunderten, spöttischen Blicken, welche diese miteinander austauschten, schien mir, daß sie ihn nicht verstanden.

Das war einer unserer jungen ritterlichen Offiziere, welche ihr Äußeres Marlinski oder Lermontow nachgebildet hatten. Diese Leute sehen den Kaukasus nicht anders als durch das Prisma der »Helden unserer Zeit«, »Mulla-Nurow« und so weiter und richteten alle ihre Handlungen nicht nach eigener Neigung, sondern nach dem Vorbild dieser Muster ein.

Zum Beispiel: ein Leutnant liebt vielleicht die Gesellschaft feiner Damen und hochgestellter Leute, Generale, Obersten, Adjutanten; ich bin sogar überzeugt, daß er solche Gesellschaften sehr liebte, weil er im höchsten Grade ehrsüchtig war, aber er hielt es unbedingt für seine Pflicht, allen angesehenen Leuten gegenüber die grobe Seite herauszukehren, wenn auch nur in sehr bescheidenem Maße, und wenn irgendeine Dame in der Festung erschien, so hielt er es für seine Pflicht, an ihrem Fenster vorüberzugehen, nur mit rotem Hemd und mit Halbstiefeln an den nackten Füßen und dabei laut zu schreien und zu lärmen, aber das alles nicht sowohl mit dem Wunsche, jene zu beleidigen, als vielmehr, um zu zeigen, was er für entzückend weiße Beine habe und wie man sich sehr wohl in ihn verlieben könne, wenn er selbst dies wünschenswert finden würde.

Oder indem er oft mit zwei oder drei befreundeten Tataren nachts in die Berge ging, sich am Wege in einen Hinterhalt legte, um vorüberziehende feindliche Tataren zu überfallen und zu töten. Obgleich sein Herz ihm oft genug sagte, daß dabei nichts Ritterliches sei, hielt er sich doch für verpflichtet, diesen Leuten Unglück zuzufügen, als ob er auf sie aus irgendeiner Veranlassung eine Wut hätte, oder sie verachtete und verabscheute.

Zwei Sachen legte er niemals ab, ein großes Heiligenbild, das er um den Hals gehängt hatte, und einen Dolch auf dem Hemde, mit dem er sich sogar schlafen legte. Er glaubte aufrichtig selbst, er habe Feinde, er glaubte selbst, daß, sich an irgend jemand für eine Beleidigung zu rächen und Blut zu vergießen, für ihn das höchste Entzücken sei; er war überzeugt, daß die Gefühle des Abscheus, der Rachsucht und Verachtung gegen das Menschengeschlecht die höchsten und höchst poetische Gefühle seien.

Aber seine Geliebte, natürlich eine Tscherkessin, die ich später kennen lernte, sagte, er sei der beste und gutmütigste Mensch von der Welt und jeden Abend schreibe er neben seinen schaurigen Memoiren auch seine Notizen über seine Ausgaben pünktlich auf liniiertes Papier und bete auf den Knien zu Gott.

Und wieviel hatte er auszustehen, um nur vor sich selber als der zu erscheinen, den er vorzustellen wünschte, weil seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht so begreifen konnten, wie er es wünschte.

Einmal kam es vor, auf einer seiner nächtlichen Expeditionen am Wege mit seinen Freunden, daß er einen feindlichen Tschetschenzen durch eine Kugel im Bein verwundete und ihn gefangennahm. Dieser Tschetschenze lebte sieben Wochen lang bei dem Leutnant, der ihn pflegte wie seinen besten Freund und ihn, nachdem er geheilt war, mit reichlichen Geschenken entließ.

Später einmal, nach einer anderen Expedition, als der Leutnant sich mit der Kette zurückzog, welche den Feind durch ihr Gewehrfeuer aufhielt, hörte er, daß ihn jemand inmitten der Feinde beim Namen rief. Sein ehemaliger Gefangener und Freund ritt hervor und lud den Leutnant durch Zeichen ein, das gleiche zu tun. Der Leutnant ritt seinem Freunde entgegen und drückte ihm die Hand. Die Gorzen Bergbewohner. standen nicht weit davon entfernt, schossen aber nicht. Sobald jedoch der Leutnant sein Pferd gewendet hatte, schossen einige auf ihn und eine Kugel traf ihn unterhalb der Schulter.

Ein andermal sah ich selbst, wie nachts in der Festung Feuer ausgebrochen war, welches zwei Kompagnien Soldaten zu löschen bemüht waren. Inmitten der Menge, welche durch die roten Flammen grell beleuchtet war, zeigte sich plötzlich die hohe Figur eines Mannes auf einem Wagen. Derselbe durchbrach die Menge bis zum Herd des Feuers. Als er schon ganz nahe an dasselbe herangeritten war, sprang der Leutnant vom Pferde und lief in das an dem einen Ende noch brennende Haus. Nach fünf Minuten kam er wieder heraus mit versengten Haaren und verbrannten Ärmeln, zwei Tauben an die Brust gedrückt, die er aus den Flammen gerettet hatte.

Sein Name war Rosenkranz; aber er sprach oft von seiner Abstammung, welche er ungefähr bis zu den Warjägern Ein sagenhaftes Volk (Skandinavier? Wikinger?), dem Rurik, der Begründer des russischen Reichs, entstammte. zurückführte, indem er klar bewies, daß seine Eltern echte Russen gewesen seien.

*

IV.

Die Sonne hatte schon die Hälfte ihres Laufes zurückgelegt und warf heiße Strahlen auf das trockene Erdreich. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur die schneebedeckten Gipfel der Berge begannen sich mit bläulichen Wolken zu umhüllen. Die unbewegliche Luft schien angefüllt mit durchsichtigem Dunst. Es war unerträglich heiß.

Als man einen kleinen Bach erreicht hatte, etwa auf der Hälfte des Weges, wurde haltgemacht. Die Soldaten stellten ihre Gewehre zusammen und liefen nach dem Bache. Der Bataillonskommandant saß im Schatten auf einer Trommel, und indem er auf seinem aufgeblasenen Gesicht die Würde seines Ranges zum vollen Ausdruck brachte, begann er mit einigen Offizieren zu frühstücken. Der Kapitan lag auf dem Rasen im Schatten des Kompagnie-Gepäckwagens. Der tapfere Porutschik Rosenkranz und einige andere junge Offiziere saßen auf ausgebreiteten Kosakenmänteln beisammen, im Zechen begriffen, wie aus den neben ihnen stehenden Flaschen und der besonderen Lebhaftigkeit der Liedersänger zu schließen war, welche in einem Halbkreis vor ihnen standen und mit Begleitung von scharfem Pfeifen ein kaukasisches Tanzlied sangen nach dem Rhythmus der Lesghinka. Ein lesghischer Tanz.

»Einst wollt' Schamyl Aufstand machen
In vergangnen Jahren ...
Tra–rai, Ra–ta-tai ...
In vergangnen Jahren.

Unter diesen Offizieren war auch der jugendliche Fähnrich, welcher uns am Morgen eingeholt hatte. Er war sehr heiter, seine Augen glänzten, seine Zunge schien ihm etwas schwer zu sein, er wollte alle küssen und ihnen seine Liebe erklären.

Armer Junge! Er wußte noch nicht, daß man in solcher Verfassung lächerlich sein kann, daß seine Aufrichtigkeit und Zärtlichkeit, welche er allen zuteil werden ließ, bei den andern nicht Liebe, wie er so sehr wünschte, sondern nur Spott hervorrief! Er wußte aber auch nicht, daß er endlich ganz erhitzt sich auf den Rasen warf und den Kopf aufstützte und dabei seine dichten schwarzen Haare zurückwarf, so daß er einen ungewöhnlich hübschen Anblick bot!

Zwei Offiziere saßen am Rande des Weges, in ein Hasardspiel vertieft.

Neugierig hörte ich auf die Gespräche der Soldaten und der Offiziere und beobachtete den Ausdruck ihrer Gesichter, aber auf keinem einzigen konnte ich auch nur einen Schatten von jener Unruhe entdecken, die ich selber empfand; Scherze, Gelächter, Erzählungen bewiesen die allgemeine Sorglosigkeit und die Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr; es war, als sei gar kein Grund zu der Vermutung vorhanden, daß es einigen von ihnen nicht beschieden sein werde, auf diesem Wege zurückzukehren.

*

V.

Um sieben Uhr abends marschierten wir bestaubt und ermüdet durch das Tor in die Festung N... ein. Die Sonne war dem Untergang nahe und warf schiefe rosige Strahlen auf die malerischen Batterien und Gärten, welche die Festung rings umgaben. Der große Halbmond war am Horizont wie eine durchsichtige Wolke sichtbar. In dem Aul (Dorf), das vor dem Tor lag, rief ein Tatar vom Dache einer Hütte aus die Gläubigen zum Gebet. Die Vorsänger begannen ihre Lieder mit neuer Munterkeit und Energie.

Nachdem ich mich ein wenig erholt und gesäubert hatte, ging ich zu dem mir bekannten Adjutanten, um ihn zu bitten, daß er dem General von meinem Vorhaben Meldung mache.

Auf dem Wege aus der Vorstadt, in der mein Quartier lag, sah ich in der Festung N..., was ich dort niemals erwartet hätte. Ein hübscher, zweisitziger Wagen, in welchem ein modisches Hütchen sichtbar war und aus dem ich ein französisches Gespräch vernahm, überholte mich.

Aus einem offenen Fenster im Hause des Kommandanten ertönten die Klänge irgendeiner Lisanka- oder Kathinkapolka, welche auf einem altersschwachen Fortepiano gespielt wurde.

In einer Schenke, an welcher ich vorüberging, saßen, mit Zigaretten in den Händen und vor sich die Weingläser, einige Schreiber, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Nun, erlauben Sie mal; was Politik betrifft, so ist Maria Gregorjewna bei uns die erste Dame!«

Ein Jude in abgetragenem Rock mit einer kümmerlichen Physiognomie spielte auf einer halbzerbrochenen Gitarre, und durch die ganze Vorstadt hörte man die Klänge des Finale aus »Lucia«.

Zwei Damen in rauschenden Kleidern, mit seidenen Tüchern und hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen, schwebten an mir vorüber auf dem bretternen Trottoir. Zwei Mädchen, das eine in rosa, das andere in hellblauem Kleide, den Kopf unbedeckt, standen neben einem niedrigen Hause und brachen in ein lautes Gelächter aus, mit dem ersichtlichen Wunsche, die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu ziehen.

Diese letzteren, in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden Epauletts, spazierten durch die Straßen und über den Boulevard.

Ich fand meinen Bekannten in der unteren Etage des vom General bewohnten Hauses. Eben hatte ich ihm meinen Wunsch zu erkennen gegeben und er mir darauf erwidert, daß er demselben gern entsprechen wollte, als an dem Fenster, an dem wir saßen, eine schöne Kalesche vorüberfuhr und an der Haustür anhielt.

Aus dem Wagen stieg ein hochgewachsener, schlanker Mann in Infanterieuniform mit Majorsepauletten und ging vorüber in die Wohnung des Generals.

»Ach bitte, entschuldigen Sie mich,« sagte der Adjutant aufstehend. »Ich muß unbedingt dem General Meldung machen.«

»Wer ist denn gekommen?« fragte ich.

»Die Gräfin!« erwiderte er kurz, und indem er die Uniform zurechtzupfte, lief er eilfertig nach oben.

Nach einigen Minuten ging über die Vortreppe ein sehr hübscher Mann von mittlerer Statur im Interimsrock ohne Epauletten, mit dem weißen Kreuz im Knopfloch. Ihm folgten der Major, der Adjutant und noch zwei Offiziere. In Gang, in Stimme und in jeder Bewegung zeigte sich der General als ein Mann, der sich seines hohen Wertes sehr wohl bewußt war.

»Bon soir, Madame la Comtesse!« sagte er, die Hand durch das Fenster des Wagens streckend. Ein behandschuhtes Händchen drückte seine Hand und ein hübsches Gesichtchen unter einem gelben Hut zeigte sich am Wagenfenster. Aus dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur im Vorübergehen, wie der General lachend sagte: »Sie wissen, daß ich die Ungläubigen bekämpfe; also hüten Sie sich, selbst ungläubig zu werden.«

Aus dem Wagen hörte man eine lachende Stimme: »Adieu donc, mon général!«

»Non, à revoir!« erwiderte dieser, indem er auf die Treppenstufe zurücktrat. »Vergessen Sie nicht, daß ich mich zu morgen abend einlade.«

Der Wagen fuhr ab.

»Das ist doch ein Mann,« sagte ich mir, als ich in mein Quartier zurückkehrte, »der alles hat, was ein Russe liebt: Rang, Reichtum, vornehmes Wesen, und dieser Mann scherzt mit einer hübschen Dame und nimmt hier von ihr eine Einladung zum Tee für den nächsten Tag an, ganz als ob er mit ihr auf einem Balle zusammenträfe, und das alles unmittelbar vor einem Kampfe, der Gott weiß wie enden kann.«

Hier bei dem Adjutanten begegnete ich auch einem Menschen, der noch mehr meine Verwunderung erregte. Das war der junge Leutnant K..., welcher sich sonst durch eine fast weibliche Milde und Schüchternheit auszeichnete. Er kam zum Adjutanten, um seinen Ärger und sein Mißvergnügen über die Leute auszusprechen, welche gegen ihn intrigierten, damit er an dem bevorstehenden Gefechte nicht teilnehmen könne. Er meinte, es sei schändlich, so zu verfahren, das sei gar nicht kameradschaftlich, er werde ihnen das gedenken und so weiter.

So aufmerksam ich den Ausdruck seines Gesichts beobachtete und auf den Klang seiner Stimme hörte, konnte ich doch nicht umhin, der Überzeugung Raum zu geben, daß er sich keineswegs verstelle, sondern wirklich höchst erregt und aufgebracht war darüber, daß man ihm nicht erlauben wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich selbst ihren Schüssen auszusetzen. Er war so entrüstet wie ein Kind, das man soeben ungerechterweise bestraft hat. Es war mir ganz und gar unbegreiflich.

*

VI.

Um zehn Uhr abends sollte das Bataillon ausrücken. Um halb neun Uhr stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Aber da ich vermutete, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, so hielt ich auf der Straße an, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich am Eingang, um dem General zu folgen, sobald er fortreiten werde.

Die Hitze und der Glanz der Sonne waren schon der kühlen Nacht gewichen. Die schmale Mondsichel, welche einen kleinen, hellen Hof um sich am dunkelblauen Sternenhimmel zeichnete, neigte sich zum Untergang. Durch die Fenster der Häuser und Hütten der Ortsbewohner sah man Lichter glänzen.

Die langen Schatten der Häuser, der Bäume und Zäune legten sich auf die helle, staubige Straße, im Flusse quakten unaufhörlich die Frösche, in den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald das Stampfen der Pferde. Aus der Vorstadt tönten zuweilen die Klänge einer Drehorgel herüber, auf welcher irgendein Aurorawalzer gespielt wurde.

Ich kann nicht sagen, woran ich eigentlich dachte, zunächst, weil es für mich beschämend wäre, die düsteren Gedanken einzugestehen, welche mir durch den Sinn gingen, während ich doch rings um mich nur Fröhlichkeit bemerkte, und dann auch, weil sie mit dieser Erzählung nichts zu tun haben. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht bemerkte, wie es elf Uhr schlug und der General mit seiner Suite an mir vorüberritt.

Die Nachhut war noch im Tor der Festung. Ich eilte über die Brücke zwischen Kanonen, Pulverwagen und Gepäckfuhrwerk und den geräuschvoll Anordnungen treffenden Offizieren hindurch! Als ich das Tor hinter mir hatte, ritt ich im Trab den fast eine Werst lang sich schweigend in der Dunkelheit dahinbewegenden Zug entlang und erreichte den General.

Als ich bei der Artillerie vorbeikam, welche sich, ein Geschütz hinter dem andern, dahinzog, und bei den Geschütz führenden Offizieren, wurde ich, wie durch eine beleidigende Dissonanz in der stillen und feierlichen Harmonie, durch eine deutsche Stimme in Erstaunen gesetzt, welche in einem schrecklichen Russisch rief: »Agchtingchist, Auch die besten Russen lieben es zuweilen, sich über den Deutschen lustig zu machen. Daß ein Deutscher das Wort »Artillerist« nicht auf oben angegebene Weise verunstalten kann, ist klar.] gib die Lunte her!«

Und die Stimme eines Soldaten antwortete eifrig: »Schewtschenko, der Porutschik fragt nach Feuer.«

Der größte Teil des Himmels bedeckte sich mit langen, dunkelgrauen Nebelstreifen; nur da und dort sah man noch vereinzelte Sterne funkeln. Der Mond verbarg sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge, welche man rechts erblickte, und warf auf ihre Gipfel sein schwaches, zitterndes Halblicht, welches einen scharfen Kontrast bildete zu dem undurchdringlichen Dunkel, welches zu ihren Füßen herrschte. Die Luft war warm und so windstill, daß nicht ein Grashalm und nicht ein Wölkchen sich regten. Es war so dunkel, daß es unmöglich war, auch nur in der nächsten Umgebung die Gegenstände zu unterscheiden. An dem Rande des Weges glaubte ich bald Felsen, bald Tiere, bald seltsame Menschen zu erblicken, und ich gewahrte erst dann, daß es Gebüsche waren, wenn ich sie rauschen hörte und die Frische des Taus spürte, mit dem sie übergossen waren. Vor mir sah ich eine dichte, schwarze schwankende Wand, hinter welcher einige sich bewegende Flecke bemerkbar wurden. Das waren die Reiter der Vorhut und der General mit seiner Suite. Hinter uns bewegte sich eine ebensolche dunkle Masse, aber niedriger als die erste – das war die Infanterie.

In der ganzen Truppenabteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich alle die geheimnisvollen Geräusche der Nacht vernehmen konnte: das entfernte, melancholische Geheul der Schakale, bald einem verzweifelten Weinen, bald einem Gelächter ähnlich, das laute einförmige Zirpen der Grille, das Quaken der Frösche, der Wachtelschlag, ein näherkommendes dumpfes Brausen, dessen Ursache ich mir auf keine Weise erklären konnte, und alle jene nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, welche zu unterscheiden oder zu bezeichnen unmöglich ist, flossen zusammen in eine volle, schöne Harmonie, die wir Stille der Nacht nennen.

Diese Stille wurde unterbrochen durch – oder ging vielmehr über in ein dumpfes Stampfen der Pferdehufe und ein Rauschen in dem hohen Grase, welches die langsam sich fortbewegenden Truppen verursachten. Nur selten hörte man in den Reihen das dumpfe Rollen der Kanonen, das Klirren zusammenstoßender Bajonette, leises Gespräch und Pferdegewieher. Die Natur atmete friedliche Schönheit und Kraft. Ist es denn den Menschen zu eng auf dieser schönen Welt, unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann sich denn wirklich inmitten dieser bezaubernden Natur im Herzen des Menschen das Gefühl von Feindschaft und Rachsucht oder die Leidenschaft, seinesgleichen auszurotten, festsetzen? Alles Böse im Menschenherzen sollte schwinden bei der Berührung mit der Natur, diesem unmittelbarsten Ausdruck alles Schönen und Guten!

*

VII.

Wir ritten schon mehr als zwei Stunden. Ein Frösteln überflog mich, und ich wurde sehr schläfrig. In der Dunkelheit sah ich immer noch undeutlich dieselben Gegenstände; in einiger Entfernung die schwarze Wand, dieselben sich bewegenden Absätze, neben mir die Kruppe des weißen Pferdes, welches breit auf den Hinterbeinen sich fortbewegte, während der Schweif fortwährend wedelte, dann den Rücken der weißen Tscherkeska, auf welchem die Büchse in schwarzem Futteral sich abzeichnete, sowie die weißen Knöpfchen an der Pistole in dem gestickten Halfter, die brennende Zigarette, welche den buschigen Schnurrbart, den Biberkragen und die Hände in den waschledernen Handschuhen beleuchtete.

Ich beugte mich auf den Hals des Pferdes hinab, schloß die Augen und versank auf einige Minuten in Halbschlummer. Dann plötzlich erweckten mich Hufschläge und das bekannte Geräusch. Ich sah mich um, und es schien mir, daß ich auf der Stelle festgebannt blieb und die schwarze Wand, welche vor mir war, sich gegen mich bewegte, oder daß diese Wand feststand und ich ihr näherkomme.

In einem solchen Augenblicke war ich noch mehr verwundert über jenes sich nähernde ununterbrochene dumpfe Geräusch, dessen Ursache ich mir nicht zu erklären vermocht hatte. Es war das Rauschen von Wasser. Wir rückten in eine tiefe Schlucht ein und näherten uns einem Bergflusse, welcher in diesem Augenblick hoch angeschwollen und ausgetreten war. Im Kaukasus sind Überschwemmungen im Juli am häufigsten. Das dumpfe Rauschen verstärkte sich, das feuchte Gras wurde dichter und höher, und der Horizont verengte sich mehr und mehr. Aus dem dunklen Hintergrunde der Berge flammten zuweilen an verschiedenen Stellen helle Feuerzeichen auf, welche aber stets sogleich wieder verschwanden.

»Sag mir einmal, was sind denn das für Feuer?« fragte ich flüsternd einen neben mir reitenden Tataren.

»Weißt Du denn das nicht?« war seine verwunderte Gegenfrage.

»Nein, ich weiß es nicht.«

»Nun, die Bergbewohner haben Stroh um Stangen gewickelt und zünden diese an.«

»Wozu denn?«

»Damit jeder Mensch weiß: der Russe kommt.« versetzte er lachend. »Ei, ei, geht es jetzt in den Aulen wild zu! All ihren Kram verbergen sie in den Schluchten.«

»Wissen denn die Leute in den Bergen auch schon, daß unsere Abteilung anrückt?« fragte ich weiter.

»Gewiß. Wie sollten sie es nicht wissen? Das erfahren sie immer. Unser Volk ist einmal so.«

»Also bereitet sich auch Shamyl jetzt vor zum Feldzug?«

»Jok,« Jok heißt im Tatarischen: Nein. entgegnete der Tatar, den Kopf verneinend schüttelnd. »Shamyl wird keinen Feldzug unternehmen. Er schickt einen seiner Untergebenen.«

»Wohnt er weit von hier?«

»Gar nicht weit, hier links hinüber etwa zehn Werst entfernt.«

»Woher weißt Du denn das? Warst Du etwa dort?«

»Jawohl, alle Mitglieder unserer Familie waren in den Bergen.«

»Und hast Du selbst Shamyl gesehen?«

»Nein, Shamyl ist für uns nicht sichtbar. Hundert oder dreihundert oder gar tausend Müriden umgeben ihn und Shamyl ist der Mittelpunkt,« sagte er mit dem Ausdruck knechtischer Ehrfurcht.

Im Osten begann der Himmel sich zu erhellen, und die Plejaden verschwanden unter dem Horizont; aber die Schlucht, durch welche wir marschierten, war feucht und dunkel.

Plötzlich flammten hinter uns in der Dunkelheit einige Feuer auf. In demselben Augenblick ließ sich Pfeifen und Zischen abgeschossener Kugeln vernehmen und die uns bisher umgebende Ruhe wurde durch fernher hörbare Schüsse und lautes durchdringendes Geschrei unterbrochen.

Das war die feindliche Vorhut. Die Tataren, welche dieselbe bildeten, erhoben ein wildes Kriegsgeschrei, schossen aufs Geratewohl und eilten dann davon. Dann tiefe Stille. Der General rief nach dem Dolmetscher. Ein Tatar in weißer Tscherkeska ritt zu ihm hin und sprach lange flüsternd und lebhaft gestikulierend mit ihm.

»Oberst Kasanow, lassen Sie Kette bilden,« rief der General mit gewohnter ruhiger, aber weithin vernehmbarer Stimme.

Das Detachement wandte sich dem Flusse zu. Die schwarzen Berge und die Schlucht blieben uns im Rücken. Es begann hell zu werden. Der Horizont, an dem nur noch ein bleicher Stern zu bemerken war, erweiterte sich. Im Osten erglänzte eben in hellen Strahlen die Morgenröte, ein frischer durchdringender Wind kam von West und ein weißlicher Nebel, dicht wie Dampf, erhob sich über dem brausenden Fluß.

*

VIII.

Der Führer zeigte eine Furt, und die Reiter der Vorhut, sodann auch der General mit seiner Suite begannen dort überzusetzen. Das Wasser reichte den Pferden bis an die Brust und strömte mit ungewöhnlicher Kraft zwischen den weißgewaschenen Steinen hin, welche an manchen Stellen aus dem Wasser hervorragten. Zwischen den Beinen der Pferde bildeten sich schäumende Wirbel. Die Pferde selbst waren verwundert über das Brausen des Wassers und hoben ihre Köpfe in die Höhe, gingen aber gemessenen und behutsamen Schritts gegen den Strom über den unebenen Grund des Flusses. Die Reiter hoben die Beine und die Schußwaffen hoch. Die Kosaken, buchstäblich bis aufs Hemd entkleidet, trugen über den Köpfen die Gewehre, an welche sie ihre Kleider in Bündeln befestigt hatten, faßten sich in Gruppen von etwa je zwanzig Mann Hand an Hand und boten alle Kräfte auf, um so gemeinsam der Strömung Widerstand zu leisten. Die berittenen Artilleristen lenkten mit großem Geschrei die Pferde im vollen Trab ins Wasser; die Kanonen und die Pulverwagen, zwischen denen man hin und wieder das Wasser schimmern sah, arbeiteten sich schwer über die großen Steine im Flußbett hinweg. Aber die tüchtigen Pferde vom Schwarzen Meere legten sich um sie her in die Stränge, so daß das Wasser hoch aufrauschte, und mit feuchten Schweifen kamen sie endlich in schiefer Richtung an das jenseitige Ufer.

Sobald der Übergang beendet war, zeigte sich auf dem Gesicht des Generals nachdenklicher Ernst. Er wandte sein Pferd und ritt im Trab mit der Kavallerie über die breite von Wald besäumte Ebene. Die Kosaken zu Pferde bildeten eine Kette zur linken Seite des Waldsaums.

Im Wald sah man einen Mann zu Fuß, in Tscherkeska und Pelzmütze, dann noch einen, einen Dritten ...

Einer unserer Offiziere sagte: »Das sind Tataren.« Dann stieg Rauch zwischen den Bäumen auf. Man hörte einen Schuß – noch einen.

Bald übertönte unser Gewehrfeuer das feindliche. Nur selten flogen Kugeln mit langsamem Geräusch, dem Flug von Bienen ähnelnd, an uns vorüber und bewiesen, daß das Feuern nicht von uns allein ausging.

Jetzt bildete die Infanterie im Laufschritt eine Kette und die Geschütze fuhren im Trabe auf. Man hörte einen Kanonenschuß donnern, den metallenen Klang der Kartätschen, das Zischen der Raketen und das Knattern des Gewehrfeuers.

Überall auf der weiten Ebene sieht man Reiterei, Infanterie und Artillerie. Der Rauch der Kanonade, der Raketen und des Gewehrfeuers vereinigt sich auf dem mit Tau bedeckten Grün mit dem Nebel.

Der Oberst Kasanow ritt in Karriere auf den General zu, vor dem er kurz sein Pferd parierte.

»Exzellenz,« fragt er, die Hand an die Mütze legend, »befehlen Sie, daß die Kavallerie sich zum Angriff formiere?«

Es zeigten sich Feinde und er deutete mit der Reitgerte auf einen Haufen tatarischer Reiter, von denen zwei auf weißen Pferden mit roten und blauen Fähnchen an Stangen vorausritten.

»In Gottes Namen, Iwan Michailitsch!« entschied der General.

Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht den Säbel und ruft ein weithin schallendes »Hurra!«

»Hurra, Hurra!« ertönt es aus den Reihen und die Reiterei folgt ihm im Galopp.

Alles blickt mit regstem Interesse dorthin. Das eine Fähnchen verschwindet und dann das zweite – dritte – vierte.

Der Feind, welcher diesen Angriff nicht vermutet hat, flüchtet sich in den Wald und eröffnet von dort aus das Flintenfeuer. Die Kugeln fliegen dichter.

»Welch herrlicher Anblick!« sagte der General auf französisch, indem er sich nach englischer Art auf seinem schwarzen Pferde mit sehr schlanken Beinen emporrichtete.

»Scharmant!« bestätigte der Major und mit der Peitsche sein Pferd antreibend, ritt er zum General. »Es ist doch ein wahres Vergnügen, der Krieg in einem so schönen Lande!« fuhr der Major gleichfalls auf französisch fort.

»Und besonders in guter Gesellschaft,« fügte der General mit höflichem Lächeln bei.

Der Major verbeugte sich.

In diesem Augenblick schlägt eine feindliche Kanonenkugel mit raschem, unangenehmem Zischen ein. In den hinteren Reihen hört man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen macht auf mich einen so tiefen Eindruck, daß das kriegerische Schauspiel in diesem Augenblick für mich allen Reiz verliert. Außer mir achtet aber niemand darauf. Der Major lacht anscheinend sehr vergnügt. Ein anderer Offizier setzt in aller Gemütsruhe das durch den Zwischenfall unterbrochene Gespräch fort. Der General blickt nach der anderen Seite und spricht mit ruhigstem Lächeln etwas auf französisch.

»Befehlen Sie ihr Feuer zu erwidern?« fragte ihn der Kommandeur der Artillerie, rasch herbeisprengend.

»Ja, erschrecken Sie sie,« erwiderte der General, nachlässig sich eine Zigarette anzündend.

Die Batterie begann zu feuern.

Unaufhörlich zuckten die Blitze und erdröhnte die Erde. Ein dichter Dampf, in welchem man kaum die lebhaften Bewegungen der Bedienungsmannschaft bei den Geschützen bemerken konnte, verhüllte jede Aussicht.

Der Aul wird beschossen.

Wieder reitet der Oberst Kasanow herbei und auf Befehl des Generals fliegt er nach dem Aul. Wieder ertönt das Kriegsgeschrei und die Reiterei verschwindet in dichten Staubwolken unseren Blicken.

Das Schauspiel war wirklich großartig, ich allein, der ich am Gefecht keinen tätigen Anteil nahm und nicht daran gewöhnt war, hatte den Eindruck, als ob sowohl dieser Anblick wie die Aufregung und das Geschrei überflüssig wären. Unwillkürlich kam mir der Vergleich mit einem Manne in den Sinn, der aus allen Kräften Hiebe mit dem Beil durch die Luft führt.

*

IX.

Der Aul war schon von den Unsrigen besetzt und von den Feinden keine Seele mehr darin geblieben, als der General mit seiner Suite, der auch ich mich angeschlossen, dahin ritt.

Lange reine Hütten mit flachen Dächern aus Holz und Erde, mit hübschen Schornsteinen waren auf einem unebenen steinigen Hügel gelegen, an dem ein kleines Flüßchen vorüberfloß. Auf der einen Seite sah man Gärten, von der Sonne hell beleuchtet, mit ungeheuren Birnen- und Pflaumenbäumen, an der andern ragten einige seltsame Schatten hervor, senkrecht stehende hohe Grabsteine des Begräbnisplatzes und lange hölzerne Stangen, an deren Enden Kugeln und verschiedenfarbige Flaggen befestigt waren. Das waren Gräber von Dschigiten. – Die Soldaten standen in Ordnung vor dem Tor des Auls Einen Augenblick danach zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken und Infanteristen mit ersichtlichem Vergnügen durch die krummen Gassen und sofort belebte sich der soeben noch leere und stille Aul. Da stürzt ein Dach ein, dort durchhaut das Beil das feste Holz und eine Brettertür wird erbrochen; weiterhin gerät eine Heuscheune, ein Zaun, eine Hütte in Brand und bald steigt ein dichter Qualm in die klare Morgenluft.

Hier kommt ein Kosak, welcher einen Sack Mehl und einen alten Teppich mit sich schleppt, ein anderer Soldat trägt mit freudigem Gesicht aus einer Hütte ein blechernes Becken und einige Lumpen, ein Dritter bemüht sich, mit ausgestreckten Armen zwei Hühner einzufangen, welche mit lautem Gackern längs des Zauns hinflüchten. Wieder ein anderer hat irgendwo einen mächtigen Topf mit Milch gefunden, trinkt daraus und wirft ihn dann mit lautem Gelächter zur Erde.

Das Bataillon, mit dem ich aus der Festung N... ausgerückt war, befand sich auch im Aul. Der Kapitan saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seiner kurzen Pfeife dichte Rauchwolken hinab mit so gleichgültiger Miene, daß mich sein Anblick fast vergessen ließ, daß wir uns in einem feindlichen Aul befanden, und mich vielmehr ganz wie zu Hause fühlte.

»Ah, da sind Sie ja,« rief er mir entgegen, als er mich bemerkte.

Die hohe Figur des Leutnants Rosenkranz war bald da, bald dort zu sehen. Unaufhörlich hatte er Anordnungen zu treffen, und ich sah, wie er mit triumphierenden Blicken aus einer Hütte trat. Hinter ihm führten zwei Soldaten einen alten Tataren gefesselt. Der Greis, dessen Kleidung aus einem ganz zerrissenen bunten Tatarenrock und zerlumpten Unterhosen bestand, war so gebrechlich, daß seine straff auf den gekrümmten Rücken gebundenen knochigen Arme kaum in den Schultern festzuhalten schienen und seine krummen Füße schleppten ihn nur mit Mühe vorwärts. Sein Gesicht und sogar ein Teil seines rasierten Kopfs war mit tiefen Runzeln bedeckt. Der zahnlose Mund, umgeben von grauem abgestutzten Bart, bewegte sich unaufhörlich, als ob er etwas kaute, aber in den schönen Augen ohne Augenbrauen glänzte noch Feuer und deutlich sah man darin die Gleichgültigkeit des Alters für das Leben.

Rosenkranz ließ ihn durch den Dolmetscher befragen, warum er nicht mit den andern geflohen sei.

»Wohin sollte ich gehen?« fragte er, ruhig zur Seite blickend.

»Nun dahin, wohin die andern gegangen sind,« bemerkte jemand.

»Die Dschigiten sind in den Kampf gegen die Russen gezogen, aber ich bin dafür zu alt.«

»Fürchtest Du Dich etwa nicht vor den Russen?«

»Was sollten mir die Russen tun; ich bin ein Greis,« sagte er, wieder nachlässig um sich blickend in dem Kreis, der sich um ihn gebildet hatte.

Später sah ich, wie der Greis ohne Hut mit gebundenen Händen hinter einem Linienkosaken auf dem Sattel saß und von dort aus mit demselben leidenschaftslosen Gesichtsausdruck um sich blickte. Er war uns notwendig zum Umtausch von Gefangenen.

Ich stieg auf das Dach und stellte mich neben den Kapitan.

»Es scheint, es waren nicht viel Feinde da,« bemerkte ich, um seine Meinung über das stattgehabte Gefecht zu hören.

»Feinde?« wiederholte er verwundert. »Es waren ja gar keine da! Kann man das etwa Feinde nennen? Aber heute abend sollen Sie einmal sehen, wenn wir den Rückmarsch antreten, wie sie uns begleiten und was dann von ihnen dort zusammenlaufen wird.«

Er deutete dabei mit der Pfeife nach dem Walde, den wir am Morgen durchzogen hatten.

»Was ist denn das?« unterbrach ich beunruhigt den Kapitan, auf eine Gruppe donischer Kosaken deutend, welche sich nicht weit von uns gebildet hatte.

Man hörte daraus etwas wie das Weinen eines Kindes und die Worte: »Nicht totschlagen! Halt, man kann es hier sehen! Hast Du ein Messer, Jewstignjejitsch? Gib das Messer her!«

»Da haben sie wieder irgendeine Teufelei vor, die Halunken,« meinte der Kapitan ruhig. Aber in diesem Augenblick lief aus einer Ecke der hübsche Fähnrich mit aufgeregter, entsetzter Miene herbei und stürzte auf die Kosaken zu.

»Rührt es nicht an! Schlagt es nicht tot!« rief er mit kindlicher Stimme.

Als sie den Offizier sahen, traten die Kosaken zurück und ihren Händen entrann ein weißes Böckchen. Der junge Fähnrich war ganz bestürzt, murmelte etwas und stand mit höchst verdutzter Physiognomie vor der Gruppe. Als er den Kapitan und mich auf dem Dache bemerkte, errötete er noch mehr und kam rasch auf uns zu.

»Ich glaubte schon, sie wollten ein Kind ermorden,« sagte er mit verlegenem Lächeln.

*

X.

Der General ritt mit der Kavallerie voraus. Das Bataillon, mit welchem ich aus der Festung ausgerückt war, bildete die Nachhut. Die Kompagnie des Kapitans Chlopow und des Leutnants Rosenkranz traten zusammen den Rückzug an. Die Prophezeiung des Kapitans ging buchstäblich in Erfüllung. Sobald wir in den dichten jungen Wald eingetreten waren, von dem er gesprochen hatte, erschienen beständig blitzschnell auf beiden Seiten Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß, und zwar in solcher Nähe, daß ich sehr gut sehen konnte, wie einige, sich bückend, mit der Büchse in der Hand von einem Baum zum andern huschten.

Der Kapitan nahm die Mütze ab und bekreuzte sich fromm. Einige alte Soldaten taten dasselbe. Währenddessen ließ sich das Kriegsgeschrei vernehmen und wir hörten die Worte: » Ijai Giaur! Uruss ijai!«

Rasch hintereinander folgte der trockene kurze Knall der Büchsenschüsse, und von beiden Seiten her pfiffen die Kugeln. Die Unsrigen antworteten schweigend mit raschem Feuer. Nur selten hörte man in den Reihen Bemerkungen wie die folgenden: »Er Er, darunter versteht der russische Soldat den Feind im allgemeinen.schießt da von irgendwoher! Er hat gut schießen da aus dem Walde heraus. Kanonen müßten kommen!« und so weiter.

Geschütze fuhren herbei in die Kette und nach einigen Kartätschschüssen schien der Angriff des Feindes sich abzuschwächen. Aber nach wenigen Augenblicken verstärkte sich bei jedem Schritt aufs neue das feindliche Kriegsgeschrei und Gewehrfeuer.

Kaum waren wir auf dem Rückmarsch etwa dreihundert Faden weit vom Aul gekommen, als feindliche Kanonenkugeln pfeifend über uns hinflogen. Ich sah, wie eine solche einen unserer Soldaten zerriß.

Aber wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes erzählen, während ich doch selbst viel darum geben würde, wenn ich sie vergessen könnte.

Leutnant Rosenkranz schoß selbst aus seiner gezogenen Büchse. Dabei schwieg er aber nicht einen Augenblick still, sprach mit schriller Stimme auf die Mannschaften ein und ritt fortwährend von dem einen Ende der Kette zum andern. Er war etwas bleich und das harmonierte sehr gut mit seiner kampflustigen Miene.

Der hübsche Fähnrich schwamm in Entzücken, seine schönen schwarzen Augen erglänzten vor Kampfbegier und ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund. Wiederholt ritt er zum Kapitan und bat diesen um die Erlaubnis, sich mit Hurra auf die Angreifer zu stürzen.

»Wir schlagen sie zurück,« sagte er dringlich und überzeugend, »ganz sicher schlagen wir sie in die Flucht!«

»Es ist nicht nötig,« erwiderte der Kapitan kühl. »Wir müssen zurück.«

Die Kompagnie des Kapitans besetzte eine Waldlichtung und feuerte liegend auf den Feind. Der Kapitan in seinem abgetragenen Rock und der verschlissenen Mütze blieb schweigend auf derselben Stelle. Er überließ seinem weißen Pferdchen die Zügel und richtete sich in den kurzgeschnallten Steigbügeln hoch auf.

Die Soldaten wußten selber sehr wohl, was sie zu tun hatten, so daß dem Kapitan nichts zu kommandieren blieb. Nur selten erhob er die Stimme, um denjenigen zuzurufen, welche den Kopf zu weit emporhoben. Das ganze Äußere des Kapitans zeigte wenig Martialisches, dafür lag aber so viel Wahrheit und Einfachheit in seinem Benehmen, daß er meine unwillkürliche Bewunderung erweckte.

»Hier sieht man, wer wirklich tapfer ist,« sagte ich zu mir selbst.

Er zeigte sich hierbei als derselbe, wie ich ihn immer gesehen hatte, dieselben ruhigen Bewegungen, dieselbe gleichmütige Stimme, derselbe Ausdruck von ungesuchter Würde war aus seinem nicht schönen, aber einfachen Gesicht zu erkennen, nur aus dem helleren Blick konnte man die Aufmerksamkeit eines Mannes entnehmen, der sich ruhig seiner Berufstätigkeit widmet.

Es ist leicht zu sagen: »Derselbe wie immer;« aber wieviel verschiedene Schattierungen habe ich in solchen Lagen bei anderen bemerkt! Einer will ruhiger, der andere finsterer, der Dritte heiterer scheinen als gewöhnlich. In dem Gesicht des Kapitans war zu lesen, daß er auch nicht einmal begriff, weshalb man sich beunruhigen könnte.

Jener Franzose, welcher bei Waterloo ausrief: »Die alte Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht!« und andere, zumeist französische Helden, welche ähnlich denkwürdige Aussprüche getan haben, waren tapfer und ihre begeisterten Worte haben wirklich Anspruch darauf, der Nachwelt erhalten zu bleiben; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der des Kapitans besteht der Unterschied, daß, wenn bei irgendeiner Gelegenheit wirklich ein ähnlicher Gedanke sich im Innern meines Helden regte, ich überzeugt bin, er würde ihn nicht ausgesprochen haben, erstens deshalb nicht, weil er durch das Aussprechen eines großen Wortes befürchtet hätte, seine große Tat zu stören, und zweitens weil der Mensch, welcher die Kraft in sich verspürt, eine große Tat auszuführen, keinerlei Worte dazu bedarf. Das sind meiner Meinung nach besondere und würdige Züge russischer Tapferkeit, und wie sollte es hiernach einem russischen Herzen nicht wehe tun, wenn man von jungen Kriegern so flache französische Phrasen hört, die als Nachahmung altfranzösischer Ritterlichkeit gelten sollen?

Plötzlich ließ sich von derjenigen Seite, auf welcher der hübsche Fähnrich mit seinem Zuge stand, ein schwaches Hurra vernehmen. Als ich mich auf diesen Ruf hin umwandte, erblickte ich dort dreißig Soldaten, welche die Gewehre in den Händen und die Tornister auf den Rücken in mühsamem Laufschritt über das aufgepflügte Feld eilten. Sie stolperten häufig, bewegten sich aber doch unter fortgesetztem Hurrarufen vorwärts.

Vor ihnen ritt der junge Fähnrich mit geschwungenem Säbel.

Alles verschwand im Walde.

Nachdem das Kriegsgeschrei und das Knattern des Gewehrfeuers einige Minuten lang gedauert hatte, kam aus dem Wald das erschreckte Pferd herausgelaufen und hinter demselben erschienen Soldaten, welche die Gefallenen und Verwundeten trugen. Unter den letzteren befand sich auch der junge Fähnrich.

Zwei Soldaten stützten ihn unter den Schultern; er war weiß wie ein Taschentuch, und sein Kopf mit dem hübschen Gesichtchen, auf welchem nicht ein Schatten mehr von jenem kriegerischen Entzücken zu entdecken war, welches ihn vor wenigen Minuten noch erfüllt hatte, war schrecklich eingesunken zwischen den Schultern und hing auf die Brust herab. Auf dem feinen Hemde unter der aufgeknöpften Uniform sah man einen großen Blutfleck.

»O wie schade!« rief ich unwillkürlich aus, mich von diesem traurigen Schauspiel abwendend.

»Ja, gewiß schade!« stimmte ein alter Soldat bei, welcher, mit düsterem Blick auf sein Gewehr gestützt, neben mir stand. »Er fürchtet sich nicht. Wie ist dies möglich?« fügte er hinzu, indem er nach dem Verwundeten blickte. »Noch dumm, hat aber auch dafür bezahlen müssen!«

»Fürchtest Du Dich vielleicht?« fragte ich ihn.

»Nein, das nicht!«

*

XI.

Vier Soldaten trugen auf einer Tragbahre den Fähnrich. Hinter ihnen führte ein fünfter das ermattete Pferd mit den zwei grünen Kästen, welche das Verbandzeug enthielten. Man wartete auf den Arzt. Die Offiziere kamen herbei und bemühten sich, den Verwundeten zu trösten und ihm Mut einzuflößen.

»Nun, Bruder Alanin, wirst Du so bald nicht wieder tanzen können,« äußerte lachend der Leutnant Rosenkranz.

Wahrscheinlich war er der Meinung, daß dieser Scherz den Mut des hübschen Fähnrichs aufrichten könnte; aber soviel an dem kalten und betrübten Ausdruck seines Blickes zu ersehen war, brachten diese Worte durchaus nicht die beabsichtigte Wirkung hervor.

Auch der Kapitan kam herzu und blickte den Verwundeten aufmerksam an. Auf seinem sonst stets gleichmütigen kühlen Gesicht sprach sich aufrichtiges Bedauern aus.

»Nun, wie steht's, mein lieber Anatol Iwanitsch?« redete er diesen an mit einer Stimme, in der so viel zärtliche Teilnahme mitklang, wie ich sie bei ihm nicht erwartet hatte. »Es ist klar, Gott hat es so gewollt!«

Der Verwundete blickte um sich, sein bleiches Gesicht ward auf einen Augenblick von einem schmerzlichen Lächeln belebt.

»Ja, ich habe Ihnen nicht gehorcht.«

»Sagen Sie lieber: Gott hat es so gewollt!« wiederholte der Kapitan.

Nachdem der Arzt angekommen war, empfing er vom Feldscher Binde, Sonde und andere chirurgische Instrumente und trat mit zurückgeschlagenem Ärmel unter einem ermutigenden Lächeln an den Verwundeten heran.

»Es scheint in der Tat, man hat Ihnen ein kleines Löchelchen in die Figur gemacht,« sagte er scherzend in nachlässigem Ton. »Lassen Sie doch einmal sehen.«

Der auf den heiteren Doktor gerichtete Blick des Fähnrichs drückte Verwunderung und Vorwurf aus. Dieser bemerkte es jedoch nicht. Er begann die Wunde zu sondieren und sie von allen Seiten zu besichtigen; aber der Verwundete verlor die Geduld darüber und schob mit schwerem Stöhnen seine Hand zurück.

»Lassen Sie mich,« sagte er mit kaum hörbarer Stimme, »es ist alles vergeblich; ich werde sterben.«

Bei diesen Worten fiel er zurück. Als ich fünf Minuten später zu der Gruppe trat, welche sich um den Fähnrich gebildet hatte, und die Soldaten fragte: »Was macht der Fähnrich?« erhielt ich zur Antwort: »Es geht zu Ende mit ihm.«

*

XII.

Es war schon spät, als das Detachement, in eine breite Kolonne geordnet, mit Gesang zur Festung zurückkehrte. Die Sonne verschwand hinter einem schneebedeckten Bergrücken und warf ihre letzten rosigen Strahlen auf eine lange, dünne Wolke, welche vereinzelt am hellen Horizont stehengeblieben war. Die Schneeberge begannen sich mit violettem Nebel zu umhüllen und ihre oberen Linien zeichneten sich mit außerordentlicher Schärfe in dem roten Licht der untergehenden Sonne ab.

Der schon lange aufgegangene, durchsichtige Mond erglänzte am dunkelblauen Himmel, das Grün der Wiesen und Wälder verdunkelte und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Massen der Soldaten bewegten sich geräuschvoll über die Ebene hin. Von verschiedenen Seiten hörte man Glöckchen, Trommeln und heitere Lieder. Der Vorsänger der sechsten Kompagnie ließ aus allen Kräften seine Stimme erschallen und der gefühlvolle und kraftvolle Klang seines reinen, vollen Tenors tönte weithin durch die durchsichtige Abendluft.

*

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