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Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten

Lew Tolstoi: Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGraf Lew Nikolajewitsch Tolstoi
titleDer Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten
publisherVerlag von Otto Janke
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Waldgefecht.
Erzählung eines Junkers

I.

Mitten im Winter des Jahres 1885 stand eine Division Zwei Geschütze. unserer Batterie beim Detachement in der großen Tschetschna. Gebiet der Tschetschenzen im Kaukasus.

Am 14. Februar abends hatte ich erfahren, daß der Zug, welchen ich in Vertretung eines Offiziers zu führen hatte, auf morgen für die Kolonne zum Holzschlagen bestimmt war und nachdem ich die nötigen Befehle erhalten und erfüllt hatte, suchte ich früher als gewöhnlich meine Baracke auf. Da ich nicht die üble Gewohnheit hatte, mit heißen Kohlen zu heizen, so legte ich mich unentkleidet auf mein Bett, das auf kleinen Stangen errichtet war, zog mir die Pelzmütze über die Augen, hüllte mich in meinen Pelz ein und versank in jenen besonders festen und tiefen Schlaf, wie er im Augenblick der Besorgnis und Aufregung vor Gefahren häufig ist. Die Erwartung eines Gefechts für morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.

Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, zog mir jemand meinen durchwärmten Schafpelz fort, und das rote Licht einer Kerze traf unangenehm meine verschlafenen Augen.

»Belieben Sie aufzustehen,« rief eine Stimme.

Ich schloß die Augen wieder, zog unbewußt wieder den Schafpelz über mich und entschlief von neuem.

»Belieben Sie aufzustehen!« wiederholte Dmitri, indem er mich unbarmherzig an der Schulter schüttelte. »Die Infanterie marschiert ab.«

Ich erinnerte mich nun plötzlich an die Wirklichkeit, raffte mich auf und sprang auf die Beine. Nachdem ich in aller Eile ein Glas Tee getrunken und mich in dem mit Eis bedeckten Wasser gewaschen hatte, eilte ich aus der Baracke nach dem Park, dem Orte, wo die Artillerie aufgestellt war.

Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Lagerfeuer, welche da und dort im Lager brannten, beleuchteten undeutlich die Gestalten schlaftrunkener Soldaten, welche sich um dieselben gelagert hatten, und ließen die Dunkelheit ringsum durch ihren düsteren roten Schein noch tiefer erscheinen. Rundumher hörte man gleichmäßiges, ruhiges Schnarchen, weiterhin Geräusch, Stimmen und Klirren der Gewehre von der Infanterie, welche sich zum Abmarsch ordnete. Die Luft war erfüllt von Rauch, von Geruch nach Zunder, Lunten und Nebel. Die Morgenkühle lief mir über den Rücken, daß mir die Zähne zusammenklapperten.

Nur an dem Wiehern der Pferde und vereinzelten Hufschlägen konnte man bei der undurchdringlichen Finsternis erkennen, wo die bespannten Protzwagen und Pulverwagen standen und die glühenden Punkte, welche die brennenden Lunten bildeten, zeigten den Standort der Geschütze an.

Mit den Worten: »In Gottes Namen!« setzte man zuerst die Kanonen in Bewegung, hinter ihnen rumpelte der Pulverwagen und der ganze Zug marschierte ab. Zuvor jedoch nahmen wir sämtlich die Mützen ab und bekreuzten uns. Wir rückten in einen Zwischenraum in der Linie der Infanterie ein und warteten daselbst noch eine Viertelstunde lang auf das Sammeln der ganzen Kolonne und das Erscheinen des Kommandeurs.

»Es fehlt ein Mann, Nikolai Petrowitsch,« meldete eine schwarze Figur, welche sich mir näherte und in der ich nur an der Stimme den Feuerwerker des Zuges, Maximow, erkannte.

»Wer denn?«

»Welentschuk ist nicht da. Beim Abmarsch habe ich ihn noch gesehen; aber jetzt ist er verschwunden.«

Da ich nicht annehmen konnte, daß die Kolonne sich sogleich wieder in Bewegung setzen würde, beschloß ich, den Gefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk aufzusuchen. Bald danach trabten durch die Finsternis einige Reiter heran. Es war der Kommandeur mit seiner Suite und hierauf setzte sich die Spitze der Kolonne in Bewegung und auch wir folgten, ohne Antonow und Welentschuk. Noch aber waren wir nicht hundert Schritte weit gekommen, als beide uns einholten.

»Wo war er denn?« fragte ich Antonow.

»Er schlief im Park.«

»Wie, war er etwa betrunken?«

»Nein, ganz und gar nicht.«

»Warum schlief er denn ein?«

»Das kann ich nicht sagen.«

Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam vorwärts über schneelose Felder mit niedrigem Buschwerk, welches unter den Rädern der Kanonen knackte und knisterte, immer in derselben Finsternis und mit demselben Schweigen.

Endlich, nachdem wir ein nicht tiefes, aber äußerst reißendes Flüßchen überschritten hatten, machten wir halt und von der Vorhut her ließen sich Büchsenschüsse hören. Diese wirkten, wie immer, ganz besonders belebend auf alle. Es war, als ob das Detachement jetzt erst erwachte; im Gliede hörte man lautes Gespräch, Bewegung und Gelächter. Von der Mannschaft balgten sich einige mit den Kameraden, einige sprangen von einem Fuß auf den andern, andere kauten Zwieback. Im Osten begann der Nebel sich merklich aufzuhellen. Die uns umgebenden Gegenstände traten nach und nach aus der Finsternis heraus. Ich unterschied bereits die grünen Lafetten und Pulverwagen, das von der Feuchtigkeit des Nebels bedeckte Metall der Kanonen und bis auf die geringsten Einzelheiten die Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde, die Reihen der Infanterie mit ihren funkelnden Bajonetten, den Brotbeuteln an der Seite und den Kochgeschirren auf dem Rücken.

Bald kam der Befehl, wieder vorzugehen, und nachdem wir einige hundert Schritt über Sturzacker zurückgelegt, wurde uns unsere Stellung angewiesen. Rechts sah man den steilen Abhang eines Flusses und die hohen hölzernen Säulen eines tatarischen Begräbnisplatzes, auf der linken Seite und vor uns erblickten wir durch den Nebel einen schwarzen Streifen.

Wieder hielt der Zug plötzlich an. Die achte Kompagnie, welche uns zur Bedeckung mitgegeben war, stellte ihre Gewehre in Pyramiden zusammen, und ein Bataillon ging mit Gewehren und Beilen in den Wald. Noch waren nicht fünf Minuten vergangen, als auf allen Seiten Lagerfeuer knisterten und rauchten und die Soldaten sich darum lagerten, eifrig die Feuer schürten, während andere Reisig und Balken herbeischleppten. Vom Walde her vernahm man fortwährend die Schläge von mehreren hundert Beilen und das Geräusch fallender Bäume. Die Artillerie, welche immer auf die Infanterie eifersüchtig war, entzündete gleichfalls einige Lagerfeuer, und obgleich es schon so mächtig brannte, daß man sich nicht auf zwei Schritt dem Feuer nähern konnte und dichter, schwarzer Qualm durch die mit Eis bedeckten Zweige strich, von denen Tropfen ins Feuer fielen, während unten sich Haufen von Kohlen sammelten und das Feuer den hellen Rasen ringsum versengte, den Soldaten schien es noch immer zu wenig. Sie schleppten ganze Balken herbei, und die Glut wurde immer größer und größer.

Als ich zum Feuer trat, um mir eine Zigarette anzuzünden, fand ich Welentschuk vor, welcher ohnehin stets sehr arbeitsam war, jetzt aber, da er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich mehr als alle andern beim Feuer zu schaffen machte. In einem Übermaß von Diensteifer nahm er mit der bloßen Hand mitten aus dem Feuer heraus eine Kohle, warf sie ein-, zweimal aus einer Hand in die andere und ließ sie zur Erde fallen.

»Zünde doch einen Kienspan an,« riet ihm einer der Kameraden.

»Reicht doch die Lunte hin,« sagte ein Dritter.

Als ich endlich ohne Welentschuks Hilfe, welcher nochmals mit bloßen Händen eine glühende Kohle herausnehmen wollte, meine Zigarette angezündet hatte, wischte er die verbrannten Finger an seinem Pelzkragen und, wahrscheinlich nur, um überhaupt irgend etwas zu tun, hob er ein großes Stück Platanenholz auf und warf es mit kräftigem Schwunge ins Feuer. Als er endlich genug getan zu haben glaubte, ging er um das Feuer, riß seinen Mantel auf, stellte sich breitbeinig hin, hob seine geschwärzten Hände auf und blickte betrübt in die Glut. »Ach, ich habe meine Pfeife vergessen! Was für ein Unglück, mein Brüderchen!« rief er nach längerem Schweigen aus, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.

*

II.

In Rußland gibt es drei Haupttypen von Soldaten, in welche man die Angehörigen aller Truppenteile einteilen kann. Diese Haupttypen, welche ihrerseits wieder in viele Unterabteilungen zerfallen, sind folgende: 1. Die Gehorsamen. 2. Die Befehlshaberischen. 3. Die Verwegenen.

Die »Gehorsamen« sind einzuteilen in: a) kaltblütig Gehorsame; b) eifrig Gehorsame.

Die »Befehlshaberischen« teilen sich ein in: a) mürrisch Befehlshaberische; b) politisch Befehlshaberische.

Die »Verwegenen« sind einzuteilen in: a) verwegene Spaßvögel und b) verdorbene Verwegene.

Der am häufigsten vorkommende Typus – der angenehmste, meist sympathische und zum größten Teil mit den christlichen Tugenden der Milde, Gottesfurcht, Ausdauer und Ergebenheit in den Willen Gottes verbundene – ist der Typus des Gehorsamen im allgemeinen.

Die unterscheidenden Merkmale des »kaltblütig Gehorsamen« sind eine unerschütterliche Ruhe und Gleichgültigkeit gegen alle Wandlungen des Geschicks, welche ihn treffen können. Der trinkende Gehorsame zeichnet sich aus durch poetisches Gefühl und Empfindsamkeit. Das Kriterium des diensteifrig Gehorsamen ist Beschränktheit der geistigen Fähigkeiten, verbunden mit unbegrenzter Arbeitsliebe und Diensteifer.

Der Typus der »Befehlshaberischen im allgemeinen« findet sich hauptsächlich in den höheren soldatischen Sphären, bei den Gefreiten, Unteroffizieren, Feldwebeln und so weiter. Die erste Unterabteilung der »mürrisch Befehlshaberischen« ist ein sehr ehrenwerter, energischer, vorzugsweise kriegerischer Typus, nicht ohne hohe poetische Begabung.

Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit welchem ich den Leser noch näher bekannt machen werde. Die zweite Unterabteilung wird gebildet durch die »politisch Befehlshaberischen«, welche sich seit einiger Zeit stark verbreiten. Diese politisch Befehlshaberischen sind immer schönrednerisch, mit Schulbildung ausgerüstet; sie gehen gern in rosarotem Hemd, essen nicht aus dem gemeinsamen Kessel, halten sich für unvergleichlich besser- und höherstehend als die gewöhnlichen Soldaten und sind selten so gute Soldaten wie die »Befehlshaberischen« der ersten Unterabteilung. Der Typus des »Verwegenen« ist ebenso wie derjenige der »Befehlshaberischen« gut in seiner ersten Unterabteilung: die »verwegenen Spaßmacher«, deren unterscheidender Charakterzug eine unbezwingbare Fröhlichkeit, große Anstelligkeit zu allem und eine reiche, natürliche Begabung ist.

In gleich hohem Grade ist die zweite Unterabteilung abscheulich schlecht, nämlich der »verwegene Verdorbene«, welcher indes – zur Ehre des russischen Heeres muß es gesagt werden – sehr selten ist und, wo er vorkommt, von den Kameraden gemieden wird. Untreue und Hang zum Laster sind die hauptsächlichsten Merkmale dieser Unterabteilung.

Welentschuk gehörte zur Abteilung der »diensteifrig Gehorsamen«. Er war ein Kleinrusse, schon fünfzehn Jahre im Dienst und obgleich kein ansehnlicher, noch besonders geschickter, anstelliger Soldat, doch gutherzig und außerordentlich eifrig, wenn auch zumeist am unrechten Ort, und höchst ehrlich. Ich sage auch: »Höchst ehrlich,« weil in seinem ersten Dienstjahre ein Vorfall sich ereignete, bei welchem er diese Charaktereigenschaft sehr deutlich offenbarte.

Es muß bemerkt werden, daß fast jeder Soldat ein Handwerk versteht; am meisten verbreitet ist das Schneider- und das Schuhmacherhandwerk. Welentschuk hatte das erstere erlernt und darin eine gewisse Stufe der Vollkommenheit erreicht, wie man daraus schließen konnte, daß sogar der Feldwebel Michael Dorofejitsch ihm Arbeit gab.

Im letzten Jahre war Welentschuk im Lager damit beschäftigt, einen feinen Mantel für Michael Dorofejitsch anzufertigen. Aber in derselben Nacht, in der er das Tuch zugeschnitten und schon das Futter angepaßt und beides in der Baracke unter sein Kopfkissen gelegt hatte, wurde er vom Unglück betroffen: das Tuch, welches bare sieben Rubel gekostet, war in der Nacht verschwunden.

Mit tränenden Augen und zitternden weißen Lippen unter mühsam verhaltenem Weinen teilte Welentschuk sein Unglück dem Feldwebel mit. Dieser brach in Wut aus. Im ersten Augenblick des Zornes drohte er dem Schneider; dann aber zuckte er, als Mann von Vermögen und gutem Herzen, die Achseln und verlangte von Welentschuk keinen Wertersatz. So sehr sich dieser auch Mühe gab und überall von seinem Unglück erzählte, wurde der Dieb doch nicht entdeckt. Obgleich man starken Verdacht gegen einen »verworfenen und verwegenen« Soldaten Tschornow hatte, der mit dem Bestohlenen in demselben Raume schlief, so fehlte es doch an bestimmtem Beweis.

Michael Dorofejitsch, welcher als vermögender Mann immer einige Geschäfte mit dem Capitaine d'armes und dem Küchenmeister, Aristokraten der Batterie, machte, hatte bald den Verlust seines Mantels ganz vergessen; Welentschuk dagegen vergaß sein Unglück nicht. Seine Kameraden erzählten, daß sie in jener Zeit Besorgnis um ihn gehabt hätten, daß er Hand an sich legen oder in die Berge desertieren könnte, so starke Wirkung hatte sein Unglück auf ihn ausgeübt. Er aß und trank nicht, vermochte nicht einmal mehr zu arbeiten, sondern weinte nur unausgesetzt. Nach drei Tagen erschien er bei dem Feldwebel, und ganz bleich, mit zitternden Händen nahm er aus dem Ärmelaufschlag einige Geldstücke heraus, die er dem Feldwebel überreichte.

»Es sind bei Gott meine letzten, Michael Dorofejitsch. Ich habe sie mir von Schdanow geliehen,« sagte er seufzend, »und ich werde noch zwei Rubel zahlen, sobald ich sie verdient habe. Er hat mir in Ihren Augen sehr geschadet!«

Wer dieser »Er« war, wußte auch Welentschuk nicht. »Er hat eine schmutzige Seele – seinem Kameraden das letzte aus der Seele genommen. Und ich diene doch schon fünfzehn Jahre!«

Zur Ehre von Michael Dorofejitsch muß gesagt werden, daß er die noch fehlenden zwei Rubel von Welentschuk nicht annahm, als dieser sie ihm nach zwei Monaten geben wollte.

*

III.

Außer Welentschuk wärmten sich noch fünf Soldaten an dem Feuer eines Zuges.

An der besten Stelle unter dem Winde auf einer kleinen Branntweintonne saß der Feuerwerker des Zuges, Maximow, eine Pfeife rauchend. An seiner Haltung, seinem Blick und allen seinen Bewegungen war die Gewohnheit zu befehlen bemerkbar und das Bewußtsein der eigenen Würde, selbst abgesehen von der kleinen Tonne, auf der er saß und welche auf der Rast das Emblem der höheren Stellung bildet.

Als ich näher trat, wandte er den Kopf nach mir, aber seine Augen blieben auf das Feuer gerichtet, und erst lange nachher richtete er auch seinen Blick, der Richtung des Kopfes folgend, auf mich.

Maximow war ein »Einhöfer«, hatte Geld, war in der Unteroffizierschule gewesen und gab sich das Ansehen von Gelehrsamkeit. Die Soldaten behaupteten, »er sei schrecklich reich und schrecklich gelehrt«.

Ich erinnere mich, wie er einmal beim praktischen Visierbogenschießen mit dem Quadranten der um ihn versammelten Mannschaft erklärte, die Wasserwage sei nichts anderes als: »Es kommt daher, daß das atmosphärische Quecksilber seine Bewegung hat.«

In Wirklichkeit war Maximow durchaus nicht beschränkt und verstand den Dienst sehr gut, aber er hatte eine unglückliche Sonderbarkeit, zuweilen absichtlich so zu sprechen, daß es unmöglich war, ihn zu verstehen und daß er selber seine Worte nicht verstand. Besonders liebte er die Worte »herkommen« und »fortdauernd«, und wenn er einmal gesagt hatte »herkommen« oder »fortdauernd«, so wußte ich schon im voraus, daß von allem, was er nun darauf folgen ließ, nichts zu verstehen sei.

Die Soldaten dagegen, soviel ich bemerken konnte, hörten gern sein »Herkommen und Fortdauernd« in ihrer tiefen Bedeutung, obgleich sie ebensowenig wie ich diese Worte verstanden. Dies schrieben sie aber nur ihrer eigenen Dummheit zu und achteten Maximow um so höher. Mit einem Wort: Maximow war ein »politisch Befehlshaberischer«.

Der andere Soldat, welcher beim Feuer die Bekleidung seiner derben roten Füße erneuerte, war Antonow, derselbe Kanonier Antonow, welcher im Jahre 1837 allein mit zwei Kameraden ohne sonstige Bedeckung bei seinem Geschütz zurückgeblieben, den starken Feind durch sein Feuer zurückhielt, indem er mit zwei Kugeln in der Hüfte ununterbrochen das Geschütz bediente. Schon längst würde er Feuerwerker geworden sein, wenn er nicht »so einen Charakter hätte«, wie die Soldaten von ihm sagten. Und wirklich, »er hatte einen seltsamen Charakter!« Im nüchternen Zustand war er der friedlichste, ruhigste und ordentlichste Mensch von der Welt. Wenn er aber getrunken hatte, wurde er plötzlich ein ganz anderer, der keine Autorität anerkannte, lärmte, sich prügelte und sich jedem widerwärtig machte. Erst vor wenigen Tagen hatte er in der Butterwoche, die tolle Woche unmittelbar vor den großen Fasten, welche bis zur Osternacht dauern, angefangen zu trinken und ungeachtet aller Ermahnungen, Drohungen und selbst trotz seiner Anhänglichkeit an das Geschütz trank und tobte er weiter bis zum »reinen Montag«, dem Beginn der großen Fasten. Die ganzen Fasten hindurch hatte er aber, entgegen dem Befehl, daß alle Mannschaften des Detachements Fleischspeisen essen sollten, sich nur mit Zwieback genährt und in der ersten Fastenwoche verschmähte er sogar seine Ration Branntwein.

Übrigens mußte man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, krummen Beinchen und dem geschwärzten Schnurrbart sehen, wenn er nach einem guten Trunk mit seiner nervigen Hand die Balalaika ergriff und, nachlässig zur Seite blickend, das Lied »die Herren« spielte, oder wenn er, den Mantel umgeworfen, auf welchem die Ordensmedaillen klirrten, und die Hände in die Taschen seiner blauen Beinkleider gesenkt, die Straßen entlang spazierte, man mußte diesen Ausdruck von militärischem Stolz und Verachtung jedes nicht soldatischen Wesens sehen, der in solchen Augenblicken auf seinem Gesicht zu lesen war, um zu begreifen, daß es für ihn unmöglich war, in solchen Augenblicken mit irgendeinem Denschtschick, Kosaken, Infanteristen oder Ansiedler, überhaupt mit jedem Nicht-Artilleristen, der ihm grob begegnete oder auch nur einfach achtlos an ihm vorüberging, sich nicht zu prügeln. Er schlug sich und lärmte, weniger zu seinem eigenen Vergnügen, als vielmehr zur Wahrung des militärischen Korpsgeistes, als dessen Vertreter er sich ansah.

Der dritte Soldat, mit borstigem Schnurrbart, Ohrringen und einer Porzellanpfeife in den Zähnen, welcher beim Lagerfeuer auf den Fersen hockte, war der Fahrer Tschikin.

Dieser »Tschikin, der gute Kerl«, wie ihn seine Kameraden nannten, war ein »Spaßvogel«. In knirschendem Frost oder bis an die Knie im Schmutz, oder zwei Tage ohne einen Bissen, im Feldzug, bei der Musterung, in der Schule, immer und überall schnitt der »gute Kerl« seine Grimassen und führte solche Scherze auf, daß der ganze Zug sich vor Lachen wälzen wollte.

Auf der Rast und im Lager bildete sich um Tschikin stets ein Kreis junger Soldaten, mit denen er entweder »Filka« Filka gleich Philippchen, ein Kartenspiel der Soldaten. spielte, oder denen er Anekdoten erzählte, von dem lustigen Soldaten und dem englischen Mylord, und dergleichen. Indem er einen Tataren oder einen Deutschen vorstellte, brachte er einfach durch seine Schnurren und Glossen stets alle zum Lachen. In der Tat war sein Ruf als »Spaßvogel« in der Batterie schon so fest begründet, daß es genügte, wenn er nur den Mund öffnete oder verschmitzt blinzelte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen. Er besaß wirklich viel Komik und hatte viele unerwartete Einfälle. Er verstand es, in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen nicht in den Kopf kommen würde, und – was die Hauptsache ist – diese Fähigkeit, in allem etwas Lächerliches zu erblicken, widerstand keiner Versuchung.

Der vierte anwesende Soldat war ein junges unansehnliches Bürschchen, ein Rekrut von der vorjährigen Aushebung, welcher zum ersten Male jetzt einen Feldzug mitmachte. Er stand im Rauch und so nahe beim Feuer, daß sein abgetragener Halbpelz in Gefahr schien, sogleich Feuer zu fangen; aber dessenungeachtet sah man an seiner ruhigen, selbstgefälligen Stellung mit zurückgeschlagenen Rockschößen, daß er großes Vergnügen empfand.

Und endlich der fünfte in dem Zirkel, der etwas seitwärts vom Lagerfeuer saß und damit beschäftigt war, einen Pfosten zuzuspitzen, war »Onkel Schdanow«. Dieser war älter als alle übrigen Soldaten der Batterie; alle hatte er schon als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach alter Gewohnheit »Onkelchen«. Wie erzählt wurde, trank und rauchte »Onkelchen« niemals, ebensowenig spielte er Karten, und gebrauchte nie Schimpfworte. All seine dienstfreie Zeit verwendete er auf Schuhmacherarbeiten. An Feiertagen ging er, wo dies möglich war, in die Kirche, stellte dort eine Kerze zu einem Kopeken vor dem Altarbilde auf und öffnete den Psalter, das einzige Buch, in welchem er zu lesen verstand.

Mit den Kameraden gab er sich wenig ab; höheren Chargen gegenüber, deren Inhaber noch jung waren, zeigte er sich höflich kühl, mit Gleichgestellten zu verkehren hatte er wenig Gelegenheit, da er nicht zechte; am meisten aber liebte er Rekruten und junge Soldaten. Diese protegierte er stets, las ihnen die Dienstvorschriften vor und war ihnen häufig behilflich. Die ganze Batterie betrachtete ihn als Kapitalisten, weil er fünfundzwanzig Rubel besaß, mit welchen er oft Soldaten aushalf, die sich in wirklicher Not befanden.

Derselbe Maximow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, daß, als er vor zehn Jahren als Rekrut eingezogen worden war und die älteren Soldaten sein mitgebrachtes Geld mit ihm vertrunken hatten, Schdanow seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich rief, ihn wegen seiner Aufführung streng ermahnte und ihn sogar schlug, ihm dann die Dienstvorschriften vorlas, »wie ein Soldat leben muß«, und ihn schließlich mit einem Geschenk von einem halben Rubel entließ.

»Er hat aus mir einen Menschen gemacht,« sagte Maximow oft mit Verehrung und Dankbarkeit. Er half auch Welentschuk, welchen er überhaupt im allgemeinen schon seit seiner Rekrutenzeit protegierte, zu jener Zeit, als dieser das Unglück hatte, um den Mantel des Unteroffiziers bestohlen zu werden, und ebenso vielen – vielen anderen während seiner seitherigen fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit.

Niemand gab es, der den Dienst besser kannte, und überhaupt keinen besseren und ordentlicheren Soldaten in der Armee, aber er war zu demütig und unansehnlich, um die Beförderung zum Feldwebel zu erlangen, obgleich er schon seit fünfzehn Jahren Bombardier war.

Die einzige Freude – und selbst Leidenschaft – Schdanows waren die Lieder; besonders einige bevorzugte er und sammelte stets einen Kreis von Sängern aus den jüngeren Soldaten um sich. Wenn er auch nicht selbst zu singen verstand, so hörte er doch aufmerksam stundenlang zu, die Hände in die Taschen seines Halbpelzes gesenkt, die Augen geschlossen, und drückte durch Bewegungen des Kopfes und des Unterkiefers seine Empfindungen aus.

Ich weiß nicht, warum ich in dieser einförmigen Bewegung des Unterkiefers und der Ohren, welche ich nur bei ihm allein bemerkt habe, so außerordentlich viel Ausdruck fand. Der schneeweiße Kopf, der schwarzgefärbte Schnurrbart und das sonnenverbrannte, faltige Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein altes und düsteres Ansehen. Aber wenn man näher in seine großen, runden Augen sah, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er niemals), wurde man plötzlich in Erstaunen versetzt durch deren ungewöhnlich milden, fast kindlichen Ausdruck.

*

IV.

»Ach Unglück! Ich habe meine Pfeife vergessen! Es ist ein Jammer, meine Brüder!« klagte Welentschuk laut.

»Nun, dann zünde Dir doch ein Zigarrchen an, mein Lieber,« rief ihm Tschikin ironisch zu, indem er den Mund schief zog und verschmitzt blinzelte. »Ich rauche zu Hause auch immer Zigarrchen; sie schmecken süßer.«

Natürlich brachen alle in schallendes Gelächter aus.

»So, so, Du hast Deine Pfeife vergessen?« unterbrach Maximow, der Feuerwerker, seine Klagen, ohne das allgemeine Gelächter zu beachten, indem er mit erhabener Würde seine Pfeife mit der linken Hand aus dem Munde nahm. »Wo hast Du denn gesteckt, Welentschuk?«

Der Angeredete wandte sich zur Hälfte nach ihm um, legte die Hand an die Mütze und ließ sie wieder sinken.

»Man sieht's daran, daß Du seit gestern noch nicht ausgeschlafen hast. Du schläfst ja schon im Stehen ein. Dafür wirst Du wenig Dank ernten.«

»Zerreiß mich auf der Stelle, Fedor Maximowitsch, wenn ein Tropfen nur über die Lippen gekommen! Aber ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist,« erwiderte Welentschuk. »Mit welcher Freude habe ich mich vollgetrunken,« murmelte er dann vergnügt vor sich hin.

»So, so, Du suchst Dich vor Deinem Vorgesetzten auf Deine Art auszureden! Aber so ist es immer mit euch! Ganz sinnlos!« schloß der schönrednerische Maximow in etwas beruhigterem Ton.

»Es ist wirklich wunderbar, Brüderchen!« fuhr Welentschuk nach kurzem Schweigen fort, wobei er sich auf ein Tönnchen setzte, ohne sich an jemand besonders zu wenden. »Wirklich erstaunlich! Ich diene nun doch schon sechzehn Jahre, aber so etwas ist mir doch noch nicht passiert! Als wir zum Verlesen antreten sollten, machte ich mich fertig, wie es sich gehört, ich spürte nichts Auffälliges an mir. Da plötzlich im Park ergreift es mich und wirft mich nieder auf die Erde – und das ist alles. Und wie ich eingeschlafen bin, merkte ich selber nicht, meine Brüderchen. Es muß wirklich eine Ohnmacht gewesen sein,« schloß er.

»Ja, und ich konnte Dich auch gar nicht aufwecken,« bestätigte Antonow, indem er seine Stiefel in die Höhe zog. »Ich schüttelte und schüttelte Dich, aber Du warst wie ein Klotz.«

»Siehst Du wohl,« bemerkte Welentschuk, »ich war schon ganz betäubt.«

»Ja, da hatten wir zu Hause eine Großmutter,« begann Tschikin, »die lag auf dem Ofen und kam zwei Jahre lang nicht herunter. Einmal wollte man sie wecken – man dachte, sie schliefe –, aber sie war schon tot. So geht's, mein Lieber.«

»Nun erzähle doch einmal, Tschikin, wie Du während des Urlaubs zu Hause den Ton angegeben hast,« forderte ihn Maximow auf, indem er mich lächelnd ansah, als ob er sagen wollte: »Ist es Ihnen gefällig, die Dummheiten dieses Menschen anzuhören?«

»Was für einen Ton, Fedor Maximowitsch?« wiederholte Tschikin, mich mit einem flüchtigen Blick streifend. »Natürlich habe ich erzählt, wie es hier im ›Kapkas‹ aussieht.«

»Nun ja, also wie denn? Ziere Dich nicht! Erzähle uns, wie Du ihnen imponiert hast.«

»Natürlich habe ich ihnen imponiert, und wie! Sie fragten, wie wir hier leben,« begann Tschikin geschwätzig mit der Miene eines Menschen, welcher schon zu wiederholten Malen dasselbe vorgetragen hat. »Ich sagte: Mir leben dort ganz vortrefflich, mein Lieber; an Proviant bekommen wir jeden Morgen und jeden Abend ein Täßchen ›Schtschikolade‹ jeder Soldat, zum Mittag gibt's herrschaftliche Suppe mit Perlgraupen, und anstatt Wodka erhält jeder eine Ration ›Madeira‹, Madeira Duvirier, der ohne Flasche zweiundvierzig Rubel kostet?«

»Ein prachtvoller Madeira!« rief Welentschuk. lauter als die übrigen auflachend, »prächtiger Madeira!«

»Nun, und was hast Du von den Asiaten erzählt?« fuhr Maximow, der Feuerwerker, fort ihn auszufragen, als das allgemeine Gelächter sich etwas gelegt hatte.

Tschikin beugte sich zum Feuer, nahm eine kleine Kohle heraus, legte sie auf seine Pfeife und tat schweigend einige Züge daraus, als ob er die gespannte Neugier seiner Zuhörer gar nicht bemerkte. Als er endlich den Tabak in seiner Pfeife völlig in Glut gesetzt hatte, warf er die Kohle fort, rückte seine Mütze aufs Ohr und fuhr leicht lächelnd fort: »Sie fragten mich auch, wie dort hinten bei uns der ›kleine Tscherkeß‹ aussieht, oder ob dort bei uns im Kaukasus sich der Türke schlägt. – Ich sagte: ›Bei uns ist der Tscherkeß, mein Lieber, aber nicht einer, sondern verschiedene Sorten. Das sind solche Bergbewohner, welche auf steinigen Bergen leben und Brot statt Steine essen. Die sind so groß,‹ sagte ich, ›wie ein hoher Baumstamm, sie haben ein Auge auf der Stirn und tragen eine brandrote Mütze‹ – wie die Deinige, mein Junge« – fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten gewendet, der wirklich eine höchst auffallende Mütze mit rotem Deckel trug.

Bei dieser unvermuteten Anrede setzte sich der Rekrut sogleich zur Erde, schlug sich auf die Knie und lachte so heftig, daß er atemlos kaum die Worte hervorbringen konnte: »Sehr schöne Bergbewohner das!«

Tschikin fuhr zu erzählen fort, indem er durch eine Kopfbewegung die Mütze in die Stirn rückte. ›Und dann,‹ sagte ich, ›gibt es dort auch Maulaffen, das sind andre, solch doppelte Menschen, die gehen immer paarweis,‹ sagte ich, ›halten sich Hand an Hand und laufen,‹ sagte ich, ›so rasch, daß man sie mit einem Pferde nicht einholen kann.‹

»›Wie ist denn das,‹ fragte mich einer, ›mit diesen Maulaffen? Kommen denn die so Hand in Hand zur Welt, junger Mann?‹«

Tschikin sprach dies in tiefem Baß, die Stimmen jener fragenden Bauern nachahmend. »›Ja‹, sagte ich, ›mein lieber Mann, die sind von Natur so. Du kannst ihnen die Hand abreißen, dann strömt das Blut heraus ganz wie bei einem Chinesen, reißest Du ihm die Mütze ab, dann quillt auch das Blut heraus.‹

»›Aber sage, junger Mensch, wie schlagen sie sich?‹ fragte er weiter.

»›Nun so,‹ sage ich. ›Wenn sie Dich gefangennehmen, dann schlitzen sie Dir den Leib auf, nehmen die Eingeweide in die Hand und haspeln sie immer so langsam auf; sie haspeln und Du lachst und lachst, bis die Seele heraus ist.‹«

»Nun, und haben sie Dir denn alles geglaubt, Tschikin?« fragte Maximow leicht lachend, während die andern in tolles Gelächter ausbrachen.

»Wirklich, es ist ein sonderbares Volk, Fedor Maximow. Sie glauben alles! Ich erzählte ihnen auch von dem Berge Kasbek, auf welchem den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt; aber da gab es ein großes Gelächter. ›Was, junger Mann,‹ riefen sie, ›schneidest Du auf? Hat man schon so was gesehen! Ein hoher Berg und auf dem soll der Schnee nicht schmelzen? Bei uns, junger Mensch, ist auch so ein Hügel; aber ehe darauf etwas wächst, taut der Schnee weg, während er weiter unten im Hohlwege und in der Schlucht immer noch liegen bleibt.‹ Kluge Leute, siehst Du?« schloß Tschikin, mit den Augen blinzelnd.

*

V.

Die helle Sonnenscheibe, welche durch den milchweißen Nebel schien, hatte sich schon ziemlich hoch erhoben. Der graurötliche Horizont erweiterte sich mehr und mehr und wurde schon in ziemlicher Entfernung durch eine trügerische weiße Nebelwand begrenzt. Vor uns, hinter dem abgeholzten Walde, breitete sich eine ziemlich große Ebene aus, über welcher sich von allen Seiten her bald ein schwarzer, bald milchweißer oder violetter Rauch von dem Lagerfeuer lagerte und in seltsamen Figuren zogen weiße Nebelstreifen drüber hin. Noch weiter nach vorn zeigten sich zuweilen Gruppen von tatarischen Reitern und man hörte vereinzelte Schüsse aus unseren Büchsen und Geschützen.

Das war noch kein Gefecht, nur ein bißchen Spaß, wie der gute Kapitän Chlopow sagte.

Der Chef der 9. Jäger-Kompagnie, die uns als Bedeckung zugeteilt war, näherte sich den Geschützen und indem er auf die tatarischen Reiter zeigte, welche gerade am Waldrande hinritten, in einer Entfernung von mehr als sechshundert Faden, ersuchte er mich, da er, wie alle Infanterieoffiziere, eine besondere Vorliebe für Artilleriefeuer hatte, eine Kanonenkugel oder Granate nach ihnen zu senden.

»Sehen Sie,« sagte er mit gutmütigem und überzeugendem Lächeln, »da, wo die beiden hohen Bäume stehen, reitet einer langsam auf weißem Pferde und in schwarzer Tscherkeska und hinter ihm noch zwei. Sehen Sie, bitte, könnte man nicht ...?«

»Da kommen noch drei am Waldrand entlang!« rief Antonow dazwischen, der sich durch ein wunderbar scharfes Auge auszeichnete, indem er zu uns trat und die Pfeife, die er eben rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. »Der Längste von ihnen hat die Büchse aus dem Futteral genommen. Ganz deutlich zu sehen, Euer Wohlgeboren!«

»Siehst Du wohl, er hat geschossen, Brüderchen, da zieht der weiße Rauch hin,« wandte sich Welentschuk an eine hinter uns stehende Gruppe Soldaten.

»Wahrscheinlich haben sie auf unsere Plänklerkette gezielt, die Halunken,« bemerkte ein anderer.

»Und wie viele dort aus dem Wald herauskommen! Es scheint, sie wollen ein Geschütz dort aufstellen,« fügte ein Dritter hinzu.

»Eine Granate sollte man mitten in jenen Haufen hineinschicken: dann werden sie speien, die Teufel.«

»Es können fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden Distanz sein. Mehr sind es gewiß nicht!« ließ sich Maximow, wie zu sich selbst sprechend, in kaltblütiger Ruhe vernehmen, obgleich man ihm sehr wohl ansah, daß er nicht minder dringend wie die übrigen zu feuern wünschte.

»Wenn man die Haubitze mit fünfundvierzig Linien richtet, so muß es gerade auf jenen Punkt da treffen. Wissen Sie, wenn man jetzt auf jenes Gebüsch drüben richtete, müßte man unbedingt treffen.«

»Sehen Sie, wie sie jetzt zusammenreiten? Bitte, lassen Sie doch schnell feuern!« fuhr der Kompagniechef fort.

»Befehlen Sie das Geschütz zu laden?« fragte mich Antonow in tiefem Baß mit allen Zeichen finsterer Kampfgier.

Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu und befahl, das zweite Geschütz zu laden. Kaum hatte ich ausgesprochen, als auch schon die Granate mit Pulver gefüllt war und Antonow an die Lafettenwand gelehnt und auf die Visierscheibe seine zwei dicken Finger stützend, schon kommandierte, den Lafettenschwanz nach rechts zu richten oder nach links zu rücken.

»Ein klein wenig mehr links! – Nun eine ganze Kleinigkeit wieder nach rechts! – Noch ein wenig! – So, jetzt ist's gut!« sagte er, mit selbstzufriedener Miene vom Geschütz zurücktretend.

Der Infanterieoffizier, ich und der Feuerwerker blickten nacheinander über das Visier nach dem Ziel und alle gaben ihre ganz verschiedenen Meinungen ab.

»Bei Gott, es trifft,« bemerkte Welentschuk, mit der Zunge schnalzend, obgleich er nur über Antonows Schulter hinwegsehen und mithin gar keinen Grund zu dieser Annahme haben konnte. »Bei Gott, es trifft genau den Baum dort, Brüderchen!«

»Zwei!« kommandierte ich.

Die Bedienungsmannschaft trat zurück, Antonow lief zur Seite, um den Flug der Granate zu beobachten, die Zündröhre flammte auf und man hörte einen scharfen metallischen Klang. In demselben Augenblick umhüllte uns Pulverdampf und durch den betäubenden Donner des Schusses ward, deutlich abgegrenzt, ein heftiges Zischen vernehmbar, verursacht durch die Granate, welche mit Blitzesschnelligkeit dahinflog, und inmitten allgemeinen, aufmerksamen Schweigens erstarb das Zischen in der Ferne.

Etwas hinter der Gruppe der feindlichen Reiter erhob sich ein bläuliches Rauchwölkchen. Die Tataren sprengten nach verschiedenen Seiten auseinander und bis zu uns herüber wurde die Explosion der Granate hörbar.

»Prachtvoll! Hei, wie sie auseinandersprengten! Siehst Du, so etwas haben sie nicht gern, die Teufel!« hörte man in den Reihen unserer Artilleristen und Infanteristen beifällig und lachend ausrufen.

»Wenn es nur ein ganz klein wenig tiefer gegangen wäre, würde es mitten zwischen den Haufen hineingefallen sein!« meinte Welentschuk. »Ich hab' es ja voraus gesagt, es müßte den Baum treffen und so ist es auch eingetroffen, nur ging es ein bißchen zu weit nach rechts!«

*

VI.

Indem ich es der Mannschaft überließ, ihre Bemerkungen darüber auszutauschen, wie die Tataren auseinandersprengten, als sie die Granate sahen und warum sie gerade hier- oder dorthin ritten, und ob sie noch hinten im Walde versteckt sein könnten, ging ich mit dem Hauptmann einige Schritte zurück und wir setzten uns unter einen Baum, wo wir auf den aufgewärmten Rinderklops warteten, zu dem er mich eingeladen hatte.

Der Kapitän Bolchow war einer von denjenigen Offizieren, welche man im Regiment »Bonjouroli« nannte. Er besaß Vermögen, hatte früher bei der Garde gedient und konnte Französisch sprechen; aber ungeachtet dessen war er bei seinen Kameraden beliebt, denn er war verständig und hatte Takt genug, um einen Petersburger Paletot zu tragen, fein zu speisen, Französisch zu sprechen, ohne die übrigen Offiziere damit allzusehr zu verletzen.

Indem wir uns über den Feldzug unterhielten und über die kriegerischen Unternehmungen, auch über gemeinschaftliche Bekannte aus dem Offizierkorps und indem wir uns durch Austausch unserer Ansichten in Fragen und Antworten überzeugten, daß wir uns ganz wohl verstanden, vertieften wir uns unwillkürlich in eine ernstere Unterhaltung.

Dabei darf man nicht vergessen, daß, wenn sich im Kaukasus Leute derselben Gesellschaftsklasse begegnen, sich sogleich die unausgesprochene, aber deutlich erkennbare Frage hervordrängt: »Warum sind Sie hier?« und diese meine stumme Frage schien mein neuer Bekannter beantworten zu wollen.

»Wann wird dieses Detachement endlich einmal aufgelöst werden?« fragte er gähnend. »Es ist hier recht langweilig!«

»Mir ist es nicht langweilig,« erwiderte ich. »Beim Stab ist es noch viel langweiliger.«

»O, beim Stab ist es noch zehntausendmal schlimmer,« stimmte er lebhaft bei. »Aber ich meine, wann wird dies alles hier ein Ende nehmen?«

»Und was wünschen Sie denn, das ein Ende nehmen soll?« fragte ich ihn.

»Nun alles, ganz und gar! ... Wie steht's denn mit dem Klops, Nikolajew?« fragte er.

»Weshalb kamen Sie denn hierher, um im Kaukasus zu dienen,« fragte ich, »wenn es Ihnen hier so wenig gefällt?«

»Wissen Sie, weshalb?« erwiderte er mit Offenheit, »aus Tradition. In Rußland existiert bekanntlich eine alte Tradition über den Kaukasus, als ob das so ein gelobtes Land für unglückliche Leute jeder Art sei.«

»Ja, das ist beinahe richtig,« bestätigte ich. »Der größte Teil von uns ...«

»Jawohl und das beste daran ist,« unterbrach er mich, »daß wir alle, die wir der Tradition zufolge in den Kaukasus gehen, uns in unseren Erwartungen ganz schrecklich getäuscht sehen. Ich sehe wirklich nicht ein, warum man aus unglücklicher Liebe oder wegen zerrütteter Vermögensverhältnisse lieber in den Kaukasus geht als nach Kasan oder Kaluga. Aber in Rußland stellt man sich den Kaukasus vor als etwas Großartiges, mit ewigem Schnee und jungfräulichem Eis, mit reißenden Gebirgsgewässern, mit Dolchen, braunen Pferden, Tscherkessinnen, all das scheint schauerlich schön. Aber in Wirklichkeit liegt darin gar nichts Romantisches. Wenn man nur wenigstens wüßte, daß wir niemals in das jungfräuliche Eis kommen und daß es schließlich auch gar kein Vergnügen sein werde, dahin zu kommen, – daß vielmehr der Kaukasus, ganz wie jedes beliebige Stück Rußland, eingeteilt wird in Gouvernements: Stawropol, Tiflis und so weiter.«

»Ja,« unterbrach ich ihn lachend, »daheim sehen wir allerdings den Kaukasus mit ganz andern Augen an als hier. Haben Sie das auch einmal empfunden? Es ist geradeso, wie man sich das Lesen von Gedichten in einer uns nicht völlig vertrauten Sprache viel leichter vorstellt, als es in der Tat ist.«

»Das weiß ich wirklich nicht,« versetzte er. »aber was ich weiß, ist, daß der Kaukasus mir sehr wenig zusagt.«

»Mir kommt im Gegenteil der Kaukasus jetzt ganz reizend vor, nur anders –«

»Reizend, mag auch sein,« fuhr er mit einiger Erregtheit fort; »aber ich weiß nur, daß ich den Kaukasus gar nicht hübsch finde.«

»Weshalb denn nicht?« fragte ich, nur um etwas zu sagen.

»Erstens deshalb, weil er mich enttäuscht hat, als ich, der Tradition folgend, glaubte, im Kaukasus Heilung zu finden; denn all mein Leid ist mit mir gekommen, nur mit dem Unterschied, daß früher alles auf der großen Treppe war, jetzt aber auf der kleinen, schmutzigen Hintertreppe, wo ich auf jeder Stufe Millionen kleinlicher Verwundungen, Widerwärtigkeiten, Beleidigungen empfinde; zweitens deshalb, weil ich selber fühle, wie ich mit jedem Tage moralisch tiefer sinke, und vor allem deshalb, weil ich mich für den hiesigen Dienst nicht geeignet fühle; ich kann keine Gefahren ertragen und bin eben einfach nicht tapfer.«

Er hielt an und sah mir ernsthaft ins Gesicht. Obgleich dieses unerbetene Selbstbekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen setzte, widersprach ich ihm nicht, wie er es augenscheinlich wünschte, sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie eine solche in ähnlichen Fällen ja gewöhnlich erfolgt.

»Wissen Sie,« fuhr er fort, »bei diesem Detachement bin ich zum erstenmal ins Gefecht gekommen. Niemand kann sich vorstellen, was in mir gestern vorging. Als der Feldwebel den Befehl brachte, wonach meine Kompagnie der Kolonne zugeteilt worden sei, wurde ich bleich wie Leinwand und konnte vor Aufregung nicht sprechen. Und wenn Sie wüßten, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß man vor Schreck graue Haare bekommt, so muß ich heute vollständig weiße Haare haben; denn wirklich ein zum Tode Verurteilter kann in einer Nacht nicht so viel durchmachen wie ich, und wenn mir auch gegenwärtig etwas leichter ist als in der Nacht, so ist doch hier immer etwas ...« fügte er hinzu, mit der Faust auf seine Brust schlagend. – »Und das Lächerlichste ist,« fuhr er dann fort, »daß dort ein schreckliches Drama sich abspielen soll und wir selber sitzen hier und essen Klops mit Knoblauch, überzeugt, daß alles sehr vergnügt sei – – Ist Wein da, Nikolajew?« unterbrach er sich gähnend.

»Da ist er, Brüderchen!« hörte man in diesem Augenblick die aufgeregte Stimme eines Soldaten, und aller Augen richteten sich nach dem Saum des fernen Waldes.

Bläuliche Rauchwölkchen stiegen in der Ferne auf. Noch ehe ich begriff, daß das vom Feinde auf uns gerichtete Schüsse seien, was ich in dieser Minute vor mir sah, nahm alles einen neuen, großartigen Charakter an. Die Gewehrpyramiden, der Rauch der Lagerfeuer, der blaue Himmel, die grünen Lafetten, das sonnenverbrannte Gesicht Nikolajews, alles schien mir zu sagen, daß die Kanonenkugel, welche jetzt aus dem Rauch hervorflog und in diesem Augenblick die Entfernung durchmaß, möglicherweise gerade auf meine Brust gerichtet sein könnte.

»Woher haben Sie den Wein bekommen?« fragte ich Bolchow nachlässig, während in der Tiefe meiner Seele zwei Stimmen vernehmlich sprachen, die eine: »Herr, nimm meine Seele in den ewigen Frieden auf!« – die andere: »Ich hoffe, mich trifft die Kugel nicht und ich werde lachen, wenn sie vorbeifliegt,« und in demselben Augenblick ließ sich über unseren Köpfen ein unangenehmes, schreckliches Zischen vernehmen und – zwei Schritte vor uns schlug die Kanonenkugel in den Boden.

»Sehen Sie, wenn ich nun Napoleon oder Friedrich der Große wäre, würde ich jetzt ohne Zweifel irgendeine denkwürdige Phrase finden!« sagte in demselben Augenblick Bolchow, vollkommen kaltblütig sich nach mir umsehend.

»Nun, Sie haben ja auch jetzt eben eine solche ausgesprochen,« erwiderte ich, mit Mühe meine Aufregung verbergend, welche die soeben mit knapper Not überstandene Gefahr in mir verursacht hatte.

»O, was ich gesagt habe, das schreibt kein Historiker auf!«

»Aber ich werde es aufschreiben!«

»Ja, wenn Sie es auch aufschreiben, dann ist es nur eine bloße ›Kritik‹, wie Mischtschenkow sagt,« unterbrach er mich lachend.

»Pfui, du verdammtes Ding!« hörten wir in diesem Augenblick hinter uns Antonows Stimme, welcher ärgerlich zur Seite spuckte. »Beinahe wäre sie mir auf die Füße gefallen!«

Alle meine Anstrengungen, auch meinerseits kaltblütig zu erscheinen, und alle unsere gewöhnlichen klugen Phrasen erschienen mir auf einmal unerträglich dumm und nichtssagend nach diesem einfachen Ausruf.

*

VII.

Der Feind stellte wirklich seine Geschütze auf der Stelle auf, wo die Tataren zusammengekommen waren. Von dort aus gab jedes Geschütz alle zwanzig bis dreißig Minuten einen Schuß auf unsere Schanze ab. Mein Zug erhielt den Befehl, in die Ebene vorzugehen und dem Feind zu antworten. Am Waldsaum zeigten sich kleine Rauchwölkchen, man hörte Schüsse pfeifen und die Kanonenkugeln fielen hinter und vor uns nieder. Die Schüsse des Feindes taten glücklicherweise keinen Schaden, und unsere Artilleristen benahmen sich, wie immer, vorzüglich, luden rasch, zielten auf den sich zeigenden Rauch und tauschten in großer Gemütsruhe Scherze aus. Die Infanteriebedeckung lag in schweigender Untätigkeit neben uns und wartete, bis an sie die Reihe käme. Die Holzhauer taten ihre Schuldigkeit; immer häufiger und rascher erklangen von dorther die Axtschläge. Nur in den Augenblicken, wenn das Pfeifen eines Geschosses hörbar wurde, verstummten plötzlich alle und inmitten des allgemeinen Schweigens hörte man oft eine nicht ganz unbesorgte warnende Stimme: »Geht zur Seite, Kinder!« und aller Augen waren auf den Flug der Kugeln gerichtet, welche an den Holzhaufen und abgehackten Zweigen rikoschettierten. Bereits erhob sich ein Nebel, nahm die Formen von Wolken an und verschwand an dem dunkelblauen Himmel. Die Sonne kam hervor mit hellem Schein und warf ihre heiteren Strahlen auf den Stahl der Bajonette, auf die glänzenden Kanonen. In der Luft machte sich die Morgenkühle fühlbar und zugleich die Wärme der Frühlingssonne. Tausend verschiedene Farben und phantastische Schattengestalten zogen durch das trockene Blätterwerk des Waldes, und auf der ausgetretenen, glänzenden Straße sah man deutlich die Spuren der Räder und der Hufeisen.

Unter den Soldaten ward die Bewegung lebhafter, von allen Seiten erschienen häufiger und immer häufiger die bläulich schimmernden Wölkchen der Schüsse. Dragoner mit flatternden Fähnchen an den Lanzen Damals hatte bei den meisten Reiterregimentern eine Schwadron Lanzen. eilten vor, Infanteriekolonnen hörte man laut singen, und bei der Nachhut wurde eine Wagenburg mit Holz gebildet.

Der General kam an unsern Zug herangeritten und befahl, sich zum Rückmarsch bereit zu halten.

Der Feind hatte sich in dem Gebüsch gegenüber unserem linken Flügel festgesetzt und begann uns mit seinen Flintenschüssen stark zu belästigen. Von der linken Seite aus dem Walde flogen die Kugeln herüber und schlugen in unsere Lafetten ein; eine – noch eine und eine dritte. Die Infanteriebedeckung, welche neben uns lag, erhob sich geräuschvoll, griff zu den Gewehren und bildete eine Plänklerkette. Das Gewehrfeuer verstärkte sich und immer dichter flogen die Kugeln. Wir zogen uns langsam zurück und damit, wie das im Kaukasus immer der Fall ist, begann auch ein wirkliches Gefecht.

Es war deutlich zu sehen, daß unseren Artilleristen die Flintenkugeln nicht gefielen, ebensowenig wie vorhin die Kanonenkugeln den Infanteristen. Antonow wurde verdrießlich, Tschikin machte sich über die Kugeln lustig, aber man sah doch, daß sie ihm auch nicht gefielen. Von der einen meinte er: »Wie die sich sputet!« eine andere nannte er eine »Fliege«, die dritte, welche etwas langsamer und kläglich pfeifend über uns hinwegflog, bezeichnete er als »ein Waisenkind«, wodurch er ein allgemeines Gelächter hervorrief.

Ein Rekrut, noch nicht an das Feuer gewöhnt, bog bei jeder Kugel den Kopf zur Seite, was die Soldaten gleichfalls zum Lachen brachte.

»Ist das eine Bekannte von Dir, daß Du sie so höflich grüßest?« fragten sie ihn.

Welentschuk, welcher sonst immer außerordentlichen Gleichmut in der Gefahr bewies, befand sich jetzt in aufgeregtem Zustande. Wahrscheinlich war er darüber verdrießlich, daß wir nicht mit Kartätschen schossen. Nach der Richtung hingewendet, aus welcher die Flintenkugeln kamen, murmelte er wiederholt in unzufriedenem Ton: »Da läßt man ihn ungestört auf uns schießen! Wenn man ein Geschütz mit Kartätschen dahin richten würde, dann würde er bald stille werden!« –

Es war auch wirklich jetzt Zeit, dies zu tun. Ich befahl, die letzte Granate abzufeuern und Kartätschen zu laden.

»Kartätschen!« – rief Antonow, indem er eilfertig mitten im dichten Rauch mit dem Wischer zu dem Geschütz lief, das soeben erst abgefeuert war.

In diesem Augenblick hörte ich hinter mir das sausende Zischen einer Kugel mit einem dumpfen Aufschlagen auf einen Gegenstand plötzlich enden. Mein Herz zog sich krampfhaft zusammen. – Es scheint, es hat einen von uns getroffen – dachte ich, fürchtete mich aber zugleich, mich danach umzusehen, unter dem Einfluß eines unheimlichen Vorgefühls.

Wirklich unmittelbar darauf hörte ich einen schweren Fall und »O – o – o – i« das herzzerreißende Stöhnen eines Verwundeten.

»Es hat mich getroffen, Brüderchen,« brachte mühsam eine mir bekannte Stimme hervor.

Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen der Protze und der Kanone. Die Patronentasche, welche er getragen hatte, lag ihm zur Seite, seine Stirn war mit Blut überströmt und neben dem rechten Auge und der Nase floß ein dicker roter Strahl herunter. Er war im Magen verwundet, aber dort war fast gar kein Blut zu bemerken. Bei seinem Falle hatte er sich an den Baumstämmen die Stirn zerschlagen.

Alle diese Einzelheiten erfuhr ich aber erst später; im ersten Augenblick entdeckte ich nur eine undeutliche Masse und, wie mir schien, entsetzlich viel Blut.

Keiner von der Mannschaft, welche das Geschütz lud, sagte ein Wort, nur der Rekrut murmelte etwas, wie: »Sieh doch, wieviel Blut!« und Antonow schnaubte zornig. Aber allen konnte man es anmerken, wie ein jeder sich mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Alle waren sehr eifrig an der Arbeit, das Geschütz wurde in einem Augenblick geladen, und der Fahrer, welcher die Kartätsche brachte, machte einen Umweg von zwei Schritten um jene Stelle, auf welcher immer noch stöhnend der Verwundete lag.

*

VIII.

Jeder, der einmal im Gefecht war, hat wahrscheinlich jenes seltsam starke Gefühl des Widerwillens gegen jene Stelle empfunden, auf welcher jemand getötet oder doch verwundet worden ist. Diesem Gefühl gab sich sichtlich im ersten Augenblick auch meine Mannschaft hin, als Welentschuk aufgehoben und in den heranfahrenden Krankenwagen gelegt werden sollte.

Schdanow trat endlich zu dem Verwundeten, faßte ihn, seines starken Stöhnens ungeachtet, an der Schulter und hob ihn auf. »Was steht ihr da müßig; faßt doch an!« rief er, und nun umgaben den Verwundeten sogleich etwa zehn, meist überflüssige Hilfsbeflissene. Aber kaum rührten sie ihn vom Fleck, als Welentschuk noch jämmerlicher zu schreien und zu stöhnen begann und sich losriß.

»Was schreist Du denn wie ein Hase?« rief Antonow aus, ihn grob an den Füßen packend. »Wir werden Dich ja nicht fallen lassen!«

Und wirklich verstummte das Schreien des Verwundeten, der nur noch zuweilen klagend ausrief: »Ach! Das ist mein Tod! – Ach, Brüderchen.«

Als man ihn auf den Krankenwagen gelegt hatte, hörte er auch auf zu stöhnen, und ich hörte, wie er zu den Kameraden einige Worte – wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen – mit leiser, aber vernehmlicher Stimme sprach.

Im Gefecht liebt es niemand, Verwundete anzusehen, und instinktiv bemühte auch ich mich, diesen Anblick zu vermeiden. Deshalb befahl ich, ihn mit größerer Eile nach dem Verbandplatz zu befördern, und wendete mich wieder dem Geschütz zu. Aber nach wenigen Augenblicken wurde mir mitgeteilt, daß Welentschuk nach mir verlangte, und ich ging zum Wagen. Auf dem Boden desselben, wo er sich mit beiden Händen am Rande festhielt, lag der Verwundete. Sein sonst so gesundes breites Gesicht hatte sich in den wenigen Augenblicken ganz verändert, als ob er inzwischen magerer und um mehrere Jahre älter geworden wäre. Seine Lippen waren bleich und fest aufeinandergepreßt. Der stumpfe Ausdruck seines Gesichts verwandelte sich in einen hellen, ruhigen Glanz und auf der blutigen Stirn lagen schon die Vorzeichen des Todes.

Obgleich ihm die leiseste Bewegung unerträgliche Schmerzen verursachen mußte, bat er mich, von seinem linken Fuß einen Tscheresok Tscheresok ist ein Geldbeutel in Form eines kleinen Gürtels, welchen die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen. mit Geld abzunehmen.

Ein schrecklich schwermütiges Gefühl verursachte mir der Anblick seines nackten Beines, als er den Stiefel abzog und den Tscheresok losband.

»Hier sind drei und ein halber Rubel,« wandte er sich an mich in dem Augenblick, als ich den Beutel in die Hand nahm. »Bitte, nehmen Sie in Verwahrung.« –

Der Wagen setzte sich in Bewegung, doch sogleich wieder ließ er ihn anhalten.

»Ich hatte für den Leutnant Schimowsky einen Mantel anzufertigen. Er hat mir zwei Rubel gegeben, für einundeinhalb Rubel habe ich Knöpfe gekauft und ein halber Rubel liegt noch in meinem Tornister zusammen mit den Knöpfen. Bitte, übergeben Sie ihm das alles.«

»Gut, gut,« sagte ich. »Gute Besserung, Brüderchen!« –

Er antwortete nicht, der Wagen fuhr ab, und er begann wieder mit schrecklicher, herzzerreißender Stimme zu stöhnen. Nachdem er nun seine weltlichen Angelegenheiten geordnet, glaubte er, sich keinen Zwang mehr auferlegen zu müssen, sondern sich diese Erleichterung gönnen zu dürfen.

*

IX.

»Wo gehst Du hin? Halt! Wohin willst Du?« rief ich dem Rekruten zu, welcher mit der Reservelunte unter dem Arm und einem Stock in der Hand ganz kaltblütig dem Wagen nachging, der den Verwundeten fortbrachte.

Aber der Rekrut sah mich nur stumpfsinnig an, murmelte etwas und setzte seinen Weg fort, so daß ich einen Soldaten nachschicken mußte, um ihn zurückzuholen. Er nahm seine rote Mütze ab und sah mich mit dummem Lächeln an.

»Wohin wolltest Du gehen?« fragte ich.

»In das Lager!«

»Warum?«

»Nun ja, Welentschuk ist doch verwundet,« sagte er, wieder lächelnd.

»Nun, und was geht das Dich an? Du hast hierzubleiben.«

Verwundert schaute er mich an, wandte sich dann kaltblütig um, setzte seine Mütze auf und begab sich an seinen Platz.

Das Gefecht verlief im allgemeinen für uns glücklich. Die Kosaken machten einen prächtigen Angriff, wie man mir später erzählte, und nahmen drei Feinde gefangen. Die Infanterie versah sich genügend mit Holz und verlor im ganzen sechs Verwundete, die Artillerie verlor nur einen, Welentschuk und zwei Pferde. Dabei wurde der Wald in der Ausdehnung von drei Werst abgeholzt und die Stelle so gereinigt, daß man sie nicht wiedererkennen konnte. Anstatt des früheren dichten Waldes erblickte man jetzt nur noch eine weite Ebene, bedeckt mit rauchenden Lagerfeuern sowie mit Kavallerie und Infanterie, die sich dem Lager zu bewegten.

Obwohl der Feind nicht aufhörte uns mit Artillerie- und Gewehrfeuer zu verfolgen bis zu dem Flüßchen und dem Kirchhof, welchen wir am Morgen passiert hatten, wurde der Rückzug glücklich ausgeführt. Schon dachte ich an die Kohlsuppe und den Hammelrücken mit Grütze, welche mich im Lager erwarteten, als die Nachricht eintraf, der General habe die Erbauung einer Redoute an dem Flüßchen befohlen, welche bis zum nächsten Tage das dritte Bataillon des Regiments K... und ein Zug der vierten Batterie besetzen sollte.

Die Wagen mit Holz und mit Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, die Infanterie mit Gewehren und mit Holzblöcken auf den Schultern, alle zogen geräuschvoll und singend bei uns vorüber. Die Mienen der Artilleristen ließen die Freude erkennen, welche durch die soeben überstandene Gefahr und durch die Aussicht auf Erholung erweckt war. Nur das dritte Bataillon durfte dieses angenehme Gefühl erst morgen erwarten.

*

X.

Während wir Artilleristen uns mit den Geschützen beschäftigten und die Protz- und Pulverwagen aufstellten, sowie eine Pferdekoppel einrichteten, stellte die Infanterie schon die Gewehre zusammen, richtete die Lagerfeuer her, erbaute aus Zweigen und Kukurusstroh kleine runde Hütten und kochte Grützsuppe.

Es fing an zu dunkeln. Am Himmel schwebten bläulich-weiße Wolken. Der Nebel hatte sich in einen dünnen Wolkendunst verwandelt, welcher die Erde und die Soldatenmäntel befeuchtete. Der Horizont verengerte sich und die ganze Umgebung gewann ein düsteres Aussehen. Die Feuchtigkeit, welche sich durch die Stiefel und am Halse mir fühlbar machte, das fortwährende Marschieren und das unausgesetzte Schwatzen, an dem ich allerdings nicht teilnahm, der zähe Schmutz, in den meine Füße bei jedem Schritt versanken, endlich der leere Magen riefen in mir eine schwermütige, unangenehme Stimmung nach einem ganzen Tag physischer und moralischer Anspannung hervor.

Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn kommen; die ganze einfache Geschichte seines Soldatenlebens stand mir fortwährend vor Augen. Seine letzten Augenblicke waren so klar und ruhig gewesen wie sein ganzes Leben; er hatte zu einfach und ehrlich gelebt, als daß sein fester Glaube an jenes zukünftige himmlische Leben in seinem letzten Augenblicke hätte schwankend werden können.

»Euer Gnaden,« sagte Nikolajew, der an mich herantrat, »wollen die Güte haben, zum Kapitän zu kommen. Er läßt Sie zum Tee bitten.«

Indem ich mich mühsam zwischen den Gewehrpyramiden und Lagerfeuern durchwand, folgte ich Nikolajew auf dem Fuße zum Kapitän Bolchow. Die Aussicht auf ein Glas heißen Tees und heitere Unterhaltung, welche meine düsteren Gedanken zerstreuen könnte, war mir sehr angenehm.

»Nun hast Du gefunden?« hörte ich Bolchows Stimme aus der Kukurushütte, in welcher ein Licht brannte.

»Zu Befehl, Euer Wohlgeboren!« erwiderte Nikolajew in tiefem Baß.

In der Hütte auf einem ausgebreiteten trockenen Filzmantel saß Bolchow in aufgeknöpftem Uniformrock und ohne Mütze. Neben ihm brannte der Samowar und stand eine Trommel mit kalten Speisen bedeckt. In der Erde steckte ein Bajonett, dessen Hülse als Leuchter für eine daraufgesteckte Kerze diente.

»Nun, was sagen Sie zu meiner Einrichtung?« rief mir der Kapitän mit Stolz entgegen, indem er seine gemütliche Haushaltung überschaute. Es war auch wirklich so behaglich in der Hütte, daß ich beim Tee die umgebende Feuchtigkeit und Dunkelheit, ja selbst die Verwundung Welentschuks völlig vergaß. Wir unterhielten uns über Moskau und über Dinge, die zum Kaukasus und dem Kriege in keinerlei Beziehung standen. Nach einer minutenlangen Pause, wie sie zuweilen auch die lebhaftesten Gespräche unterbricht, blickte Bolchow mich lächelnd an.

»Nun, ich denke, nach unserer Unterhaltung von heute früh muß ich Ihnen recht seltsam erscheinen.«

»O nein, weshalb? Es scheint mir nur, daß Sie zu aufrichtig sind. Es gibt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man eben nicht sprechen darf.«

»Und weshalb nicht? Wenn es eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben mit der niedrigsten Existenz zu vertauschen, die keine Gefahr und keinen Dienst kennt, so würde ich mich keinen Augenblick besinnen, solche zu wählen.«

»Nun, warum gehen Sie denn nicht nach Rußland zurück?« fragte ich.

»Warum?« wiederholte er. »O, daran habe ich schon lange gedacht; aber ich kann nicht eher in die Heimat zurückkehren, als bis ich den St. Annen- und den Wladimirorden erlangt habe. Mit dem Annenorden am Halse und mit Majorsrang: so hatte ich es mir bei meinem Eintreffen hier vorgenommen.«

»Warum denn aber, wenn Sie sich doch selbst für den hiesigen Dienst nicht geeignet fühlen, wie Sie sagen?«

»Aber wenn ich mich nun noch weniger dazu fähig fühlte, so wie ich gekommen nach Rußland zurückzugehen? Das ist auch eine von jenen Traditionen, welche im alten Rußland existieren und von Passek, Sljepzow und anderen bestätigt werden, daß man nach dem Kaukasus gehe, um sich Belohnungen und Auszeichnungen zu holen, und alle in der Heimat erwarten und verlangen das von uns, und nun bin ich schon zwei Jahre hier, habe zwei Expeditionen mitgemacht und nichts bekommen. Dennoch besitze ich so viel Eigenliebe, daß ich keinenfalls von hier zurückgehe, ehe ich nicht Major geworden und den Wladimir- sowie den Annenorden am Halse trage. Ich hatte mich auch schon so an diesen Gedanken gewöhnt, daß es mich verdroß, daß Gnilokischkin mit Auszeichnungen belohnt wurde und ich leer ausging. Und dann, wie soll ich daheim meinem Staros Verwalter. in die Augen sehen, dem Kaufmann Kotjelnikow, an den ich Getreide verkaufe, oder meiner Tante in Moskau und allen dortigen Bekannten, ohne jede Auszeichnung nach zweijährigem Aufenthalt im Kaukasus? Es ist wahr, ich will diese Herren gar nicht kennen, und es ist ebenso wahr, daß sie sich gleichfalls sehr wenig mit mir beschäftigen; aber der Mensch ist nun doch einmal so eigentümlich. Ich will sie nicht kennen, und doch opfere ich ihretwegen meine schönsten Jahre, mein ganzes Lebensglück und meine Zukunft!«

*

XI.

In diesem Augenblick ließ sich von draußen her die Stimme des Bataillonskommandeurs vernehmen.

»Mit wem sprechen Sie da, Bolchow?«

Bolchow nannte meinen Namen, und darauf traten in die Hütte drei Offiziere ein, der Major Kirsanow, sein Bataillonsadjutant und der Kompagniechef Trosenko.

Kirsanow war ein untersetzter kleiner Mann mit geschwärztem Schnurrbart, roten Wangen und schwimmenden Äuglein.

Diese Augen waren an seiner Physiognomie das Bemerkenswerteste. Wenn er lachte, so blieben davon nur zwei kleine Sternchen sichtbar und diese Sternchen nahmen bei seinen gespitzten Lippen und dem ausgetrockneten Halse zuweilen einen seltsamen Ausdruck von Gedankenlosigkeit an.

Kirsanow hielt sich besser als jeder andere Offizier im Regiment; seine Untergebenen waren mit ihm zufrieden und seine Vorgesetzten achteten ihn, obgleich die allgemeine Meinung über ihn dahin ging, er sei ein beschränkter Mensch. Er kannte den Dienst, war pünktlich und eifrig und immer bei Kasse, hielt sich einen eigenen Koch und eine Kalesche, und sehr natürlich verstand er, ein stolzes Wesen anzunehmen.

»Worüber sprechen Sie denn, Nikolai Fedorowitsch?« fragte er im Eintreten.

»Nun, über die Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.«

In diesem Augenblick bemerkte Kirsanow mich, den Junker, und um mir seine Bedeutung recht fühlbar zu machen, fragte er, ohne auf die Antwort Bolchows zu hören und zur Zimmerdecke emporblickend: »Wie, Sie sind müde geworden, Nikolai Fedorowitsch?«

»Nein, nur ...« begann Bolchow.

Aber wieder erforderte es die Würde des Bataillonskommandeurs, ihn zu unterbrechen und eine neue Frage zu stellen.

»Aber es war doch ein reizendes Gefecht heute, wie?«

Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem vom Junker avanciert war, ein bescheidener und stiller junger Mann mit schüchternem und gutmütigem, freundlichem Gesicht.

Ich hatte ihn schon früher bei Bolchow gesehen. Der junge Mann kam häufig zu ihm, dann pflegte er zu grüßen, sich in eine Ecke zu setzen und mehrere Stunden lang zu schweigen, Papierzigaretten zu drehen, dann wieder aufzustehen, zu grüßen und zu gehen.

Das war der Typus des Sohnes einer verarmten russischen Adelsfamilie, welcher den Militärdienst erwählt hatte, als den bei seiner Bildung ihm einzig möglichen, und höher als alles auf der Welt seinen Offiziersrang schätzte – ein gutmütiger und liebenswürdiger Typus, ungeachtet seiner lächerlichen, unvermeidlichen Zugaben: Tabaksbeutel, Schlafrock, Gitarre und Haarbürstchen, mit denen wir gewöhnt sind, ihn uns vorzustellen.

Im Regiment erzählte man sich über ihn, er habe sich gerühmt, daß er gegen seinen »Denschtschik« strenge, aber gerecht sei, auch sollte er gesagt haben: »Ich strafe selten; aber wenn es einmal geschieht, so wird's schlimm.«

Als sein Denschtschik ihn einmal in der Trunkenheit arg bestohlen hatte und noch obenein begann, auf seinen Dienstherrn zu schimpfen, soll er ihn auf die Hauptwache abgeführt und dort befohlen haben, alles zur Bestrafung des Delinquenten vorzubereiten, aber beim Anblick der Zurüstungen soll er so betrübt geworden sein, daß er nur sagen konnte: »Nun, siehst Du, ich kann wohl ...« und dabei sei er völlig in Verwirrung geraten und nach Hause gelaufen. Und seit dieser Zeit fürchtete er sich, seinem Tschornow in die Augen zu sehen. Seine Kameraden ließen ihm keine Ruhe, zogen ihn damit auf, und ich hörte mehrmals, wie er in gutmütigem Ton sich auszureden suchte und bis zu den Ohren errötend sagte, das sei nicht wahr, sondern ganz das Gegenteil. Die dritte anwesende Person, Kapitän Trosenko, war ein »alter Kaukasier« in des Wortes vollster Bedeutung, das heißt: ein Mensch, dem die von ihm befehligte Kompagnie seine Familie war, wie die Festung, in der er stand, seine Heimat, und seine einzige Lebensfreude die Soldatenlieder. Kurz: er war ein Mensch, für den alles, was nicht Kaukasus war, nur Verachtung und keinen Glauben verdiente. Alles, was Kaukasus war, teilte er in zwei Kategorien: die unsrige und die nicht zu uns gehörige. Die erstere liebte, die andere verabscheute er aus ganzer Seele, und – was die Hauptsache – er war ein Mann von unerschütterlicher Tapferkeit, von seltener Gutmütigkeit gegenüber seinen Kameraden und seinen Untergebenen, von unzweifelhafter Geradheit, ja selbst Dreistigkeit gegen die Adjutanten und »Bonjouroli«, Offiziere, welche Französisch parlierten. welche er nicht ausstehen konnte.

Als er in die Hütte eintrat, hätte er beinahe mit dem Kopf das Dach eingestoßen; dann bückte er sich und setzte sich auf den Erdboden.

»Nun, was gibt's?« fragte er. Als er plötzlich mein ihm noch unbekanntes Gesicht bemerkte, hielt er an und warf mir durchdringende, düstere Blicke zu.

»Wovon haben Sie denn gesprochen?« fragte der Major, indem er seine Uhr herauszog und aufmerksam betrachtete. Ich bin fest überzeugt, er hatte das gar nicht nötig.

»Nun, er fragte mich, warum ich eigentlich hier diene.«

»Ei, versteht sich: Nikolai Fedorowitsch will sich hier Ruhm erwerben und mit Dekorationen in die Heimat zurückkehren!«

»Nun aber sagen Sie mir doch, Abraham Ilitsch (der Major), warum Sie denn eigentlich im Kaukasus dienen?«

»Ja, sehen Sie, erstens sind wir doch alle dazu verpflichtet, es ist unsere Schuldigkeit, zu dienen! Wie?« fügte er hinzu, obgleich alle übrigen schwiegen. »Gestern erhielt ich übrigens einen Brief aus Rußland, Nikolai Fedorowitsch,« fuhr er darauf fort, sichtlich bemüht, dem ihm unbequemen Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Da schreibt man mir, daß ... solche sonderbaren Fragen werden einem gestellt!«

»Was für Fragen denn?« fragte Bolchow.

Er lachte. »Ja, wirklich sonderbare Fragen! Denken Sie sich, man schreibt mir, ob wohl Eifersucht ohne Liebe bestehen könnte. Wie?« fügte er hinzu, sich in unserem Kreise umsehend.

»Auch nicht übel!« meinte Bolchow lachend.

»Ja, wissen Sie, in Rußland ist es gut,« fuhr er fort, als ob seine zusammenhanglosen Sätze ganz natürliche Folgerungen bildeten. »Als ich im Jahre 1852 in Tambow war noch als fröhlicher Adjutant, wurde ich überall gern empfangen. Glauben Sie mir: auf den Bällen beim Gouverneur – sehen Sie – brauchte ich nur einzutreten und war einer guten Aufnahme gewiß. Die Gemahlin des Gouverneurs selber – wissen Sie – hat mit mir gesprochen und mich über den Kaukasus befragt und immer so ... daß ich nicht wußte ... Ich zeigte meinen goldenen Degen als Rarität, und man fragte mich, woher ich den Degen empfangen und wofür ich den Annenorden erhalten hätte und den Wladimirorden ... Und da habe ich ihnen alles erzählt ... Wie? Sehen Sie, darin ist der Kaukasus gut, Nikolai Fedorowitsch,« fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. »Dort haben solche ›Kaukasier‹ wie wir großes Ansehen: ein junger Mann – wissen Sie – Stabsoffizier mit Anna und Wladimir ... das will was sagen in Rußland. Wie?«

»Nun, und ein bißchen aufgeschnitten werden Sie da auch wohl haben, meine ich, Abraham Ilitsch,« unterbrach ihn Bolchow.

»Hihi!« lachte jener mit dummem Gelächter. »Wissen Sie, das ist auch nötig! Auch vortrefflich gespeist habe ich in jenen zwei Monaten!«

»Also ist es ganz hübsch dort in Rußland?« fragte Trosenko, als ob er sich über China und Japan erkundigen wollte.

»Ja, was wir dort in den zwei Monaten getrunken haben, das ist geradezu schauderhaft!«

»Nun, warum nicht gar! Da werden Sie wohl Limonade getrunken haben. Ich würde dort auch die Pfropfen knallen lassen, damit sie wissen wie die ›Kaukasier‹ trinken. Ich hätte ihnen schon zeigen wollen, wie man trinkt. Wie, Bolchow?« fügte er hinzu.

»Also, Onkelchen, Du dienst nun schon zehn Jahre hier im Kaukasus?« fragte Bolchow seinerseits. »Erinnerst Du Dich noch dessen, was Jermolow Jermolow war Obergeneral und Generalgouverneur. gesagt hat? Und Abraham Ilitsch ist erst sechs Jahre ...«

»Wieso zehn Jahre? Es sind nun bald sechzehn her. Bolchow, laß doch Servietten auflegen, Es ist feucht! Brr! Wie?« fügte er lachend hinzu.

Aber der Major war unzufrieden und augenscheinlich verdrießlich über das Benehmen, welches der alte Kapitän ihm gegenüber zeigte, und suchte Zuflucht in seiner eigenen Größe. Er trank etwas und blickte wieder nach der Uhr.

»Nun, ich werde doch niemals hinkommen,« fuhr Trosenko fort, ohne auf den verdrießlichen Major zu achten. »Ich bin gewohnt, nur Russisch zu sprechen. Man sagt dann: Was für ein Wundertier ist da angekommen? Wirklich etwas aus Asien! – Nicht wahr, Nikolai Fedorowitsch? Und übrigens, was soll ich auch in Rußland? Ganz gleichgültig! Hier wird immer irgendwo einmal geschossen, und wenn Sie fragen: Wo ist denn Trosenko? Was werden Sie denn mit der achten Kompagnie machen? Wie?« fügte er hinzu, sich beständig an den Major wendend.

»Schicken Sie nach dem Offizier du jour,« rief Kirsanow, ohne dem Kapitän zu antworten, obgleich nach meiner Überzeugung er augenblicklich durchaus keinen Befehl zu erteilen hatte. »Und Sie, denke ich, sind erfreut darüber, junger Mann, daß Sie jetzt doppelten Gehalt bekommen?« wandte sich der Major nach einer Pause an den Bataillonsadjutanten.

»O gewiß, sehr!«

»Ich finde auch, daß unsere Gage jetzt recht anständig ist, Nikolai Fedorowitsch,« fuhr er fort, »ein junger Mann kann sehr gut damit auskommen und sich sogar einigen Luxus erlauben.«

»Nun, wirklich, Abraham Ilitsch,« bemerkte schüchtern der Adjutant. »Wenn sie auch hier verdoppelt ist, so reicht sie doch nur knapp hin; man muß sich ein Pferd halten ...«

»Was sagen Sie mir da, junger Mann? Ich bin doch auch Fähnrich gewesen und verstehe mich darauf. Glauben Sie mir, man kann ganz anständig damit leben. Sie werden noch Ersparnisse davon zurücklegen. Rechnen Sie doch einmal zusammen!« fügte er hinzu, indem er den kleinen Finger der linken Hand umbog.

»Ei, alles ist vor dem Gagetag ausgegeben. Da haben Sie die ganze Rechnung!« rief Trosenko aus, ein Schnapsglas leerend.

In diesem Augenblick wurde durch die Öffnung in der Hütte ein blonder Kopf hereingesteckt und eine scharfe Stimme mit deutschem Akzent rief herein: »Sind Sie hier, Abraham Ilitsch? Der Offizier du jour sucht Sie!«

»Kommen Sie herein, Kraft!« rief ihm Bolchow zu.

Eine lange Figur in Generalstabsuniform kam nun zur Tür herein und drückte mit großem Eifer allen die Hände.

»Ah, lieber Kapitän, auch Sie hier?«

Damit näherte er sich rasch trotz der Dunkelheit dem Kapitän, und – wie mir schien, zu dessen großem Erstaunen und Mißvergnügen – küßte ihn auf die Lippen.

»Das ist ein Deutscher,« dachte ich mir, »welcher den guten Kameraden spielen will.«

*

XII.

Meine Vermutung fand alsbald ihre Bestätigung. Kapitän Kraft bat um Branntwein und schüttelte sich gewaltig, indem er das Glas leerte.

»Nun, meine Herren, sind wir nun genug auf diesen Ebenen in der Tschetschna herumgefahren?« begann er, verstummte aber sofort wieder, als er den Offizier du jour gewahr wurde, um nicht den Major in der Erteilung seiner Befehle zu stören.

»Haben Sie die Kette revidiert?«

»Zu Befehl!«

»Haben Sie auch Piketts ausgestellt?«

»Zu Befehl!«

»Dann bringen Sie den Kompagniechefs den Befehl, so wachsam wie nur möglich zu bleiben!«

»Zu Befehl!« –

Der Major schloß die Augen, als ob er tiefsinnig nachdächte.

»Und dann sagen Sie, daß die Leute jetzt ihre Grütze abkochen können.«

»Sie kochen bereits.«

»Schön. Sie können gehen.«

»Nun also, wir berechneten, was ein Offizier braucht,« fuhr der Major mit herablassendem Lächeln wieder zu uns gewendet fort. »Lassen Sie sehen: Sie brauchen erstens einen Uniformrock und weite Hosen, nicht wahr? – Richtig! Also nehmen wir an: fünfzig Rubel für zwei Jahre; das macht auf das Jahr fünfundzwanzig Rubel für Kleidung, dann fürs Essen jeden Tag vierzig Kopeken, nicht wahr?«

»Ja, das ist sogar schon hoch veranschlagt.«

»Nun ja, aber ich will reichlich rechnen. Ferner für ein Pferd und für Unterhaltung des Sattelzeugs dreißig Rubel – das ist alles: also im ganzen: fünfundzwanzig – dann einhundertzwanzig und dreißig macht: einhundertfünfundsiebenzig Rubel; somit verbleibt Ihnen noch für Luxusausgaben wie Tee, Zucker und Tabak zwanzig Rubel. Sehen Sie? – Ist das nicht richtig, Nikolai Fedorowitsch?«

»Nein, erlauben Sie, Abraham Ilitsch,« wagte der Adjutant schüchtern einzuwenden, »für Tee und Zucker bleibt nichts übrig! Sie rechnen ein Paar Hosen für zwei Jahre; aber das reicht in den Feldzügen nicht aus. Und dann erst die Stiefel! – Ich verbrauche in jedem Monat ein Paar. Ferner das Weißzeug; Hemden, Handtücher, Fußlappen – all das muß man doch kaufen, und wenn man alles zusammenrechnet, so bleibt gar nichts übrig. – So ist es bei Gott, Abraham Ilitsch.«

»Ja, es ist sehr praktisch, Fußlappen zu tragen,« unterbrach Kraft die hierauf entstandene längere Pause, indem er mit besonderer Vorliebe das Wort »Fußlappen« betonte. »Wissen Sie, das ist einfach russisch!«

»Ich sage Ihnen,« bemerkte Trosenko, »man kann rechnen, wie man will, es kommt immer so heraus, daß unsereins an den Hungerpfoten saugen muß. In Wirklichkeit aber leben wir ja doch alle, trinken Tee und Schnaps und rauchen Tabak! – Höre Du auf mich,« fuhr er fort, zum Fähnrich gewendet, »da kannst Du lernen, wie man leben muß! – Wissen Sie auch, meine Herren, wie er mit seinem Denschtschik (Offiziersbursche) umgeht?«

Und Trosenko brach in Lachen aus und erzählte uns die ganze Geschichte, die mit dem Fähnrich und seinem Denschtschik vorgefallen war, obgleich wir sie schon tausendmal gehört hatten.

»Nun, und Du, Bruder, siehst ja ganz rosafarben aus,« fuhr er zum Fähnrich gewendet fort, welcher so errötete, schwatzte und lächelte, daß man ihn nur mit Mitleid ansehen konnte. »Schadet nichts, Bruder! Ich war auch einmal so wie Du. Aber jetzt – siehst Du – bin ich ein anderer Kerl. Schickt man solch ein Bürschchen aus Rußland her – wir haben solche gesehen! – so bekommt das gleich Krämpfe und Rheumatismus! Aber ich habe immer hier gesessen. Dieses Lager ist mein Haus, mein Bett und alles, siehst Du!«

Nach diesen Worten trank er noch ein Glas Schnaps. »Ah,« fügte er hinzu, indem er Kraft mit durchdringenden Blicken ansah.

»Ja, das liebe ich, das ist ein wahrer alter Kaukasier! Erlauben Sie mir Ihre Hand!«

Und uns alle zur Seite schiebend, ging Kraft auf ihn zu und ergriff seine Hand, die er mit besonderem Gefühl drückte.

»Ja, wir können sagen, daß wir hier alles durchgemacht haben,« fuhr Kraft fort. »Im Jahre 45, nun, Sie waren ja auch dabei, Kapitän! Erinnern Sie sich noch der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten, als wir im Schlamm bis an die Knie biwakierten und am andern Tage die Verhaue stürmten? Damals war ich beim Oberkommandierenden, und wir nahmen fünfzehn Barrikaden an einem Tage. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?«

Trosenko nickte bejahend, schob die Unterlippe vor und machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Belieben Sie zu sehen,« fing Kraft außerordentlich lebhaft wieder an, indem er mit seinen Händen unangebrachte Gebärden machte und sich zum Major wandte.

Aber der Major, welcher die Geschichte wahrscheinlich schon mehr als einmal gehört hatte, machte plötzlich so müde, stumpfe Augen, indem er den Sprechenden ansah, daß Kraft sich von ihm abwendete und zu mir und Bolchow weiter sprach, bald den einen, bald den anderen von uns anschauend; Trosenko aber blickte er während seiner ganzen Erzählung nicht an.

»Belieben Sie zu sehen, wie wir morgens ausmarschierten,« sagte der Oberbefehlshaber zu mir. »›Kraft, erstürme den Verhau!‹ – Wissen Sie in unserem militärischen Dienste gibt es kein ›aber‹, also ich lege die Hand an die Mütze. ›Zu Befehl, Euer Durchlaucht!‹ und drauf ging's!«

»Als wir auf den ersten Verhau losgingen, wandte ich mich um und rief meinen Soldaten zu: ›Kinder, daß keiner zurückweicht! Ihr habt die Wahl, wer zurückbleibt, dem haue ich den Arm ab!‹ Mit russischen Soldaten, wissen Sie, muß man deutlich sprechen! Da auf einmal eine Granate! Ich sehe hin, ein Soldat, zwei Soldaten, drei Soldaten, dann Kugeln, schim – schim – schim! Ich sage: ›Vorwärts, Kinder! Immer drauf!‹ Wir ziehen drauflos, wissen Sie, sehen hin, und ich sehe, wie dieser, wissen Sie, na, wie heißt es doch gleich?«

Und der Erzähler suchte unter verlegenen Gebärden nach dem Namen.

»Abhang,« ergänzte Bolchow.

»Nein. Ach, wie heißt es doch nur? Mein Gott, wie heißt es denn? Ja so, Abhang,« fügte er, sich besinnend, rasch hinzu. »Also das Gewehr zur Attacke gefällt! Hurra! Taratata! Vom Feind keine Spur! Sehen Sie: alles war verwundert. Schön. Wir rücken weiter vor. Der zweite Verhau, ja, das war etwas ganz anderes! Uns klopfte das Herz, wissen Sie. Also wir kommen näher. Ich sehe hin. Ich sehe, der zweite Verhau, man kann nicht hinein, da – wie heißt doch das – nun, wie nennt man's doch? Ach, wie ist es doch gleich?«

»Nun, wieder der ›Abhang‹!« sagte ich.

»Durchaus nicht,« fuhr er mit Eifer fort. »Nein, nicht ›Abhang‹ sondern – halt, wie sagt man doch dazu?« und wieder machte er verzweifelte ungeschickte Gebärden. »Mein Gott, wie heißt doch das?«

Er quälte sich so sichtlich, daß ich mich genötigt fühlte, ihm zu helfen.

»Vielleicht ein Fluß?« riet Bolchow.

»Nein doch, ganz einfach der – der Abhang! Also wir kommen hin, und da, glauben Sie mir, ein solches Feuer, eine wahre Hölle ...«

In diesem Augenblick hörte ich hinter der Hütte jemand nach mir fragen, es war Maximow. Da nach der einförmigen Erzählung von den zwei Barrikaden noch immer dreizehn übrigblieben, so war ich sehr erfreut, daß ich eine gute Gelegenheit fand, mich davonzumachen, um nach meinem Zuge zu sehen. Trosenko ging mit mir.

»Lauter Lügen!« sagte er zu mir, als wir uns einige Schritte von der Erdhütte entfernt hatten. »Er war gar nicht bei den Barrikaden!« Und Trosenko lachte so herzlich, daß auch mir das Lachen ankam.

*

XIII.

Es war schon dunkle Nacht und nur die Wachtfeuer erleuchteten mit mattem Schein das Lager, als ich zu meinen Leuten kam. Ein großer Klotz lag glimmend auf den Kohlen. Rings um das Feuer saßen nur drei Personen, Antonow, welcher einen Feldkessel über das Feuer gehängt hatte, in welchem Rjabko, eine Soldatensuppe von aufgeweichtem Zwieback mit Salz, gekocht wurde; Schdanow saß nachdenklich dabei, die Asche mit einem Zweige durchstöbernd, und Tschikin mit seiner ewig dampfenden Pfeife. Die übrigen hatten sich schon zur Ruhe gelegt, die einen bei den Pulverwagen, die andern im Heu, oder auch beim Feuer. Bei dem schwachen Licht, das die Kohlenglut verbreitete, unterschied ich mir bekannte Rücken, Beine, Köpfe. Unter den letzteren bemerkte ich auch den des Rekruten, welcher sich möglichst nahe an das Feuer gedrängt hatte und schon fest zu schlafen schien. Antonow rückte etwas beiseite, ich setzte mich neben ihn und zündete mir eine Papierzigarre an. Der Geruch des Nebels und des Rauchs vom feuchten Holz verbreitete sich ringsum in der Luft, die Augen beizend, und derselbe feuchte Nebel breitete sich aus am düsteren Himmel.

Neben uns ließ sich ein regelmäßiges Schnarchen vernehmen, sowie das Knistern des Feuers, leises Gespräch und hin und wieder das Klirren von Infanteriegewehren. Überall ringsumher loderten Lagerfeuer, an welchen man die dunklen Gestalten der Soldaten erkennen konnte. Am nächsten Feuer unterschied ich an einzelnen helleren Stellen die Figuren nackter Mannschaften, welche über den Flammen ihre Hemden ausschüttelten. Viele schliefen nicht; es herrschte noch Bewegung und Gespräch im Umkreis der nächsten fünfzehn Quadratfaden. Aber die dunkle Nacht teilte dieser Szene ihren besonderen, geheimnisvollen Ton mit. Jeder einzelne schien den Eindruck dieser düsteren Stille zu empfinden und sich vor irgendeiner Störung dieser ruhigen Harmonie zu scheuen.

Wenn ich sprach, schien es mir, als ob meine Stimme einen ganz fremden Klang angenommen hätte. Dieselbe Stimmung las ich in den Mienen aller am Feuer sitzenden Soldaten. Ich glaubte, als ich kam, sie sprächen von dem verwundeten Kameraden; das war jedoch nicht der Fall. Tschikin, der zum Empfang verschiedener Sachen nach Tiflis kommandiert gewesen war, erzählte von seinen Erlebnissen.

Immer und überall, besonders im Kaukasus, habe ich einen besonderen Takt an unsren Soldaten beobachtet, zur Zeit der Gefahr solche Angelegenheiten mit Stillschweigen zu übergehen, welche auf das Gemüt der Kameraden ungünstig einwirken könnten. Der russische Soldatengeist zeigt sich anders als die Tapferkeit südlicher Volksstämme, welche in schnell wieder erkaltendem Enthusiasmus aufzuflammen pflegt. Er ist ebenso schwer der Begeisterung zugänglich, als er von Niedergeschlagenheit befallen wird. Er bedarf keiner Affekte, keiner ermutigenden Reden und keines Kriegsgeschreis, nicht Lieder noch Trommelschlags; was er braucht, ist Ruhe, Ordnung und Abwesenheit alles Gespannten, Gemachten. Beim russischen Soldaten bemerkt man niemals Prahlerei, noch Verwegenheit, noch das Verlangen, sich zur Zeit der Gefahr zu berauschen und aufzuregen. Im Gegenteil, Bescheidenheit, Einfachheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als Gefahr, sind die Eigenheiten seines Charakters.

Ich sah einen Soldaten, der am Fuß verwundet war und im ersten Augenblick nur über die Durchlöcherung seines neuen Halbpelzes klagte, einen Fahrer, der unter dem Pferde hervorkroch, welches unter ihm erschossen war, und sich abmühte, den Sattelgurt loszumachen, um nur nicht den Sattel im Stich lassen zu müssen. Wer erinnert sich nicht des Falles bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium sich die Brandröhre einer halbfertigen Bombe entzündete und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu nehmen und rasch in den Abgrund zu werfen, und wie diese beiden Soldaten sie nicht an der nächstgelegenen Stelle abwarfen, bei dem Zelt des Obersten, welches am Abhang stand, sondern sie weiter trugen, nur um nicht den Schlaf des Obersten zu stören, wobei dann auch beide von der platzenden Bombe in Stücke zerrissen wurden?

Ich erinnere mich auch, wie bei einem Detachement 1852 einer der jüngeren Soldaten zu einem andern während des Gefechts äußerte, er fürchte, der Zug würde nicht heil davonkommen, und wie infolgedessen der ganze Zug mit zornigen Reden über ihn herfiel wegen seiner schlechten Prophezeiung, die zu wiederholen sie sich scheuten.

Auch jetzt, wo jeder in seinem Innern mit dem Gedanken an das traurige Schicksal Welentschuks beschäftigt sein mußte, und wo jeden Augenblick eine plötzliche Salve heranschleichender Tataren uns treffen konnte, hörten alle auf die heiteren Erzählungen Tschikins und nicht einer dachte mehr an das heutige Gefecht zurück, noch an die bevorstehende Gefahr, oder an den Verwundeten, als ob das alles schon vor langer Zeit oder überhaupt nie geschehen sei. Nur schienen mir ihre Gesichter etwas düsterer als gewöhnlich auszusehen. Sie folgten nicht besonders aufmerksam Tschikins Erzählung, und Tschikin selbst mußte bemerkt haben, daß sie nicht auf ihn hörten; dennoch sprach er für sich selbst weiter.

Maximow trat zum Feuer und setzte sich neben mich. Tschikin machte ihm Platz, verstummte und fing wieder an, in seiner Pfeife zu stochern.

»Man hat die Infanteristen ins Lager nach Branntwein geschickt,« sagte Maximow nach ziemlich langem Schweigen. »Sie sind soeben zurückgekommen!« Er spie in das Feuer. »Der Unteroffizier sagt, er habe den Unsrigen gesehen.«

»Nun, lebt er noch?« fragte Antonow, wobei er im Kessel rührte.

»Nein, er ist gestorben.«

Der Rekrut erhob jetzt plötzlich seinen kleinen Kopf mit der roten Mütze über das Feuer, blickte einen Augenblick Maximow und dann mich aufmerksam an, dann ließ er schnell den Kopf wieder sinken und hüllte sich fester in seinen Mantel ein. »Siehst Du! Nicht umsonst hatte sich ihm schon am Morgen der Tod genähert, als ich ihn im Park weckte,« bemerkte Antonow.

»Dummes Zeug!« erwiderte Schdanow einfach, während er den glühenden Klotz im Feuer umdrehte.

Alles verstummte. In der allgemeinen Stille ließ sich hinter uns vom Lager her ein Schuß hören. Sogleich begannen unsere Tambours den Zapfenstreich zu schlagen. Als der letzte Wirbel verhallt war, erhob sich Schdanow zuerst und nahm feierlich die Mütze ab. Wir alle folgten seinem Beispiel. Durch die tiefe Stille der Nacht hörte man einen Chor von Männerstimmen: »Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Es komme dein Reich, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde. Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem bösen Teufel.«

»Im Jahre 45 ist an dieser Stelle einer der Unsrigen verwundet worden,« sagte Antonow, als wir uns wieder bedeckt und am Feuer niedergelassen hatten. »Zwei Tage lang hatten wir ihn auf der Kanone gefahren. Schdanow, erinnerst Du Dich noch des Schewtschenko? Hier unter diesem Baum haben wir ihn zurückgelassen.«

In diesem Augenblick kam ein Infanterist mit mächtigem Bart, ausgerüstet mit Gewehr und Patronentasche, an unser Lagerfeuer.

»Erlaubt mir, Landsleute, eine kleine Kohle, meine Pfeife damit anzuzünden,« bat er.

»Warum nicht? Rauche nur immer an! Kohlen haben wir genug!« erwiderte ihm Tschikin.

»Wahrscheinlich sprecht Ihr eben von Dargi, Landsmann?« wandte sich der Infanterist an Antonow.

»Jawohl von Dargi, aus dem Jahre 45,« erwiderte dieser.

Der Infanterist wiegte den Kopf, schloß die Augen und hockte sich neben uns auf die Fersen.

»Ja, dort war es gut,« bemerkte er. »Warum habt Ihr ihn denn im Stich gelassen?«

»Er hatte schreckliche Schmerzen im Magen,« entgegnete Antonow. »Wenn wir haltmachten, so ging es noch, aber sobald wir uns in Bewegung setzten, schrie er laut auf. Dann bat er uns, um Gottes willen ihn liegen zu lassen, daß es ganz jämmerlich war. Nun, und da er uns fortwährend scharf zusetzte und drei Leute bei uns an der Kanone gefallen, auch der Offizier getötet war und wir den Feind nur mit Mühe abwehren konnten, so stand es mit uns sehr schlimm. Wir hofften kaum, das Geschütz in Sicherheit bringen zu können durch den tiefen Schlamm.«

»Schlimmer als alles war der tiefe Schlamm,« bemerkte ein Soldat.

»Ja, es kam immer schlimmer. Anoschenko, der alte Feuerwerker, bemerkte, daß er ja doch nicht mit dem Leben davonkommen werde, und da er auch selbst so dringend flehte, so sollten wir ihn hier liegen lassen. So geschah es auch. Da wuchs ein Baum mit vielen Zweigen. Wir hinterließen ihm aufgeweichten Zwieback, Schdanow hatte noch einige bei sich, wir legten ihn unter jenen Baum, zogen ihm ein reines Hemd an, nahmen von ihm Abschied, wie es sich gehört, und ließen ihn da liegen.«

»Und er war ein tüchtiger Soldat?«

»Nichts zu sagen, ein tüchtiger Soldat,« bemerkte Schdanow.

»Und was aus ihm geworden sein mag, das weiß Gott!« fuhr Antonow fort. »Es sind hier viele von den Unsrigen geblieben.«

»In Dargi?« fragte der Infanterist, indem er aufstand, seiner Pfeife Luft machte und wieder mit düsterem Gesicht den Kopf wiegte. »Ja, da war's schlimm.« Und damit entfernte er sich.

»Gibt es noch viele Soldaten in unserer Batterie, die damals bei Dargi waren?« fragte ich.

»Nun, da ist noch Schdanow und Pazan, welcher jetzt in Urlaub gegangen, und noch ein halbes Dutzend, mehr aber werden es nicht sein.«

»Also unser Pazan geht auf Urlaub spazieren?« warf Tschikin ein, indem er die Beine ausstreckte und den Kopf auf einen Balken stützte. »Ich glaube, es ist nun bald ein Jahr, daß er fort ist.«

»Nun, und Du nähmest auch einen Jahresurlaub?« fragte ich Schdanow.

»Nein, ich kann nicht,« erwiderte er zögernd.

»Aber es ist doch angenehm, auf Urlaub zu gehen,« äußerte Antonow. »Wenn man aus einem reichen Hause ist und selbst die Kraft zum Arbeiten hat, dann ist es sehr angenehm, zu gehen und sich zu Hause zu pflegen.«

»Warum soll ich aber gehen, wenn noch zwei Brüder zu Hause sind,« erwiderte Schdanow, »die können sich ja selber kaum ernähren, geschweige denn noch unsereinen, einen Soldaten. Man ist eine schwache Hilfe, wenn man schon fünfundzwanzig Jahre gedient hat, und wer weiß, ob sie überhaupt noch am Leben sind.«

»Hast Du denn nie an sie geschrieben?« fragte ich ihn.

»Wie sollte ich nicht geschrieben haben, zwei Briefe habe ich an sie gesandt, aber keine Antwort erhalten. Entweder sind sie gestorben oder sie haben nicht geantwortet, weil sie selber in Dürftigkeit leben. Also was sollte ich dort machen?«

»Ist es denn schon lange her, daß Du ihnen geschrieben hast?«

»Zum letztenmal schrieb ich hin, als ich von Dargi zurückkam.«

»Singe uns doch einmal das Lied vom Birkenbäumchen vor,« forderte Schdanow den Kameraden Antonow auf, welcher, die Ellenbogen auf die Knie stützend, irgendein Liedchen vor sich hinsummte.

Antonow sang »Beresuschka« (das Birkenbäumchen).

»Das ist das Lieblingslied eines Onkels von Schdanow,« flüsterte Tschikin mir zu, indem er mich am Mantel zupfte. »Manchmal, wenn es Philipp Antonitsch singt, weint er schrecklich dabei.«

Anfangs saß Schdanow ganz unbeweglich da, die Augen auf die glühenden Kohlen gerichtet, und sein Gesicht, das von der Glut beleuchtet war, zeigte einen außergewöhnlich düsteren Ausdruck. Dann begannen sich seine Kiefern unter den Ohren immer schneller zu bewegen, endlich erhob er sich, knöpfte den Mantel auf und legte sich in den Schatten hinter das Feuer. Ob er sich wand und stöhnte, während er einschlief, oder ob der Tod Welentschuks und dieses melancholische Wetter auf meine Nerven eingewirkt hatten, weiß ich nicht, aber es kam mir wirklich so vor, als ob er weinte.

Unter dem langsam verglimmenden Holzblock flammte nur noch zuweilen das Feuer schwach auf und beleuchtete die Figur Antonows mit seinem grauen Schnurrbart und mit seinen Orden auf dem lose übergeworfenen Mantel. Bald fiel der rote Schimmer auf seine Stiefel, bald auf seinen Kopf, bald auf den Rücken.

Am Himmel verdichtete sich dieser selbe düstere Nebel; die Luft war erfüllt von demselben Geruch von Feuchtigkeit und Dunst, ringsum waren dieselben erlöschenden Lagerfeuer sichtbar, und in der allgemeinen Stille hörte man das schwermütige Lied Antonows. Wenn er auf Augenblicke verstummte, vernahm man nur das schwache Geräusch nächtlicher Bewegung im Lager: Schnarchen, Klirren der Gewehre von den Schildwachen und leises Gespräch.

»Zweite Ablösung, Makatjuk und Schdanow!« rief Maximow. Antonow hörte auf zu singen. Schdanow erhob sich seufzend und kletterte über einen Balken, um sich zu seinem Geschütz zu begeben.

*

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