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Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten

Lew Tolstoi: Der Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGraf Lew Nikolajewitsch Tolstoi
titleDer Gefangene im Kaukasus und andere russische Soldatengeschichten
publisherVerlag von Otto Janke
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorL. A. Hauff
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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[Der Gefangene im Kaukasus]

I.

Im Kaukasus diente ein Offizier namens Schilin.

Eines Tages erhielt er einen Brief von Hause. Seine alte Mutter schrieb ihm:

»Ich bin jetzt schon sehr alt und schwach geworden und möchte vor meinem Tode noch einmal meinen lieben Sohn wiedersehen. Komm also, von mir Abschied zu nehmen und mich zu begraben, und dann magst Du in Gottes Namen wieder zu Deinem Regiment zurückkehren. Doch habe ich auch eine Braut für Dich ausgesucht, ein sehr kluges und hübsches Mädchen, auch nicht ohne Vermögen. Vielleicht wird sie Dir gefallen und Du wirst sie heiraten, Deinen Abschied nehmen und ganz zu Hause bleiben.« –

Schilin bedachte sich nicht lange.

»Wirklich, mit der alten Frau kann es bald zu Ende gehen. – Vielleicht werde ich sie gar nicht wiedersehen. – Also auf jeden Fall muß ich nach Hause! – Und ist die Braut hübsch, die sie mir ausgesucht hat, so kann ich ja am Ende auch heiraten!« –

Er ging zum Oberst, verschaffte sich einen Urlaub, nahm Abschied von den Kameraden und beschenkte seine Mannschaft mit vier Eimern Schnaps zum Lebewohl. Dann traf er rasch seine Vorbereitungen zur Reise.

Damals wütete der Krieg im Kaukasus und die Wege waren weder bei Nacht noch bei Tage sicher. Wenn jemand allein die Festung verließ, sei es zu Fuß oder im Wagen, so wurde er von den Tataren unterwegs überfallen und entweder getötet oder als Gefangener in die Berge entführt. Deshalb zogen zweimal wöchentlich von einer Festung zur anderen größere Heeresabteilungen, welche die Reisenden begleiteten.

Es war Sommer. Beim Morgengrauen sammelten sich die Wagen vor der Festung. Die zum Marsche kommandierten Soldaten rückten aus dem Tor, nahmen die Reisenden in ihre Mitte und machten sich auf den Weg.

Schilin war zu Pferde; sein Gepäck wurde im Wagenzug mitbefördert.

Bis zur nächsten Station waren es fünfundzwanzig Werst. Nur langsam bewegte sich der Wagenzug dahin. Bald machten die Soldaten halt, bald ging von einem der Wagen ein Rad los oder wurde ein Pferd störrisch, und jedesmal mußte der ganze Zug deshalb anhalten und warten.

Schon stand die Sonne hoch am Horizont; es war Mittag und kaum die Hälfte des Weges war vom Zug zurückgelegt. Hitze und Staub wurden sehr lästig, die Sonne brannte vom Himmel herab und nirgends war auf der baumlosen kahlen Steppe Schutz gegen ihre Strahlen zu finden. Kein Strauch war am Wege zu sehen.

Schilin ritt voraus und hielt dann und wann an, um den nachfolgenden Zug zu erwarten; aber wieder und wieder gab es neuen Aufenthalt. Voller Ungeduld sagte Schilin endlich zu sich selbst: »Könnte ich denn nicht allein weiterreiten ohne die Soldatenbegleitung? – Das Pferd unter mir ist flink; wenn ich Tataren begegnen sollte, werde ich ihnen leicht entkommen! – Oder soll ich doch lieber nicht allein weiterreiten?«

Er hielt an, um ruhig zu überlegen, als sich ein anderer Offizier zu Pferde und mit einem Gewehr bewaffnet, namens Kostylin, ihm näherte und zurief: »Komm, Schilin, wir reiten voraus! Ich komme hier um vor Hitze und Hunger!«

Kostylin war ein großer, starker Mann mit rotem Gesicht, das in diesem Moment ganz in Schweiß gebadet schien.

Nach kurzer Überlegung fragte Schilin: »Ist Dein Gewehr geladen?«

»Gewiß!«

»Nun, dann vorwärts! – Aber eine Bedingung: Wir trennen uns nicht, keiner verläßt den andern.«

Beide ritten also voraus über die Steppe, unterhielten sich miteinander und spähten dabei aufmerksam nach allen Seiten aus. Sie hatten einen weiten, freien Gesichtskreis vor sich; doch schließlich hörte die Steppe auf und der Weg führte sie zwischen zwei Bergen durch eine Schlucht weiter.

Schilin meinte: »Es ist nötig, auf den Berg hinaufzureiten, um Umschau zu halten; sonst können wir unversehens in der Schlucht überfallen werden!«

Doch Kostylin suchte seine Bedenken zu widerlegen: »Wozu Umschau halten? – Reiten wir nur immer vorwärts!«

Schilin aber wollte nichts davon hören.

»Nein,« entgegnete er. »warte hier unten; ich muß hinauf, um zu rekognoszieren!«

Und damit lenkte er sein Pferd links ab den Berg hinauf.

Schilins Stute war ein sogenanntes »Jagdpferd«, er hatte es vor kurzem für hundert Rubel vom Pferdezüchter gekauft; es war mutig und feurig. In kurzer Zeit hatte es den Berg erklommen. Kaum war der Reiter auf dem Gipfel angelangt und warf einen flüchtigen Blick in die Runde, so sah er in kurzer Entfernung vor sich tatarische Reiter – es mochten gegen dreißig sein. Schleunigst wandte er sein Pferd; doch schon hatten ihn auch die Tataren entdeckt und verfolgten ihn, indem sie im vollen Jagen die Gewehre aus den Futteralen nahmen.

Schilin galoppierte bergab, so schnell es sein Pferd nur vermochte, und rief Kostylin zu: »Mach Dein Gewehr schußfertig!«

Mit Schrecken dachte er an sein Pferd und ermahnte es: »Mütterchen, tummle dich und mache nur keinen Fehltritt! Wenn du stolperst, bin ich verloren! Wenn ich erst das Gewehr habe, werde ich mich nicht ergeben!«

Kostylin aber hatte nicht sobald die Tataren erblickt, als er, statt zu warten, davonsprengte, so schnell sein Pferd es nur vermochte, der Festung zu. Er hieb mit der Peitsche auf sein Pferd ein, bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Durch den feinen Staub sah man, wie sein Pferd mit dem Schweife schlug.

Schilin sah, daß die Sache für ihn schlimm stand. Das Gewehr konnte er nicht mehr erreichen und mit dem Säbel allein ließ sich gegen den Feind nichts ausrichten. Er wandte sein Pferd nach dem Wagenzug, in der Hoffnung, auf diese Weise den Tataren zu entgehen. Doch bald bemerkte er, daß etwa sechs der feindlichen Reiter ihn überholten. Wohl hatte er ein prächtiges Pferd, aber die Gegner waren noch flinker und suchten ihm den Weg abzuschneiden. Er wollte ausweichen, doch war das Pferd schon in vollem Laufe und konnte dem Zügel nicht mehr gehorchen; es flog gerade auf die Tataren zu. Er sah einen derselben mit rotem Barte, auf einem grauen Pferde ihm immer näher kommen. Mit lautem Geschrei zeigte jener die Zähne und hielt sein Gewehr zum Schuß bereit.

»Nun,« dachte Schilin, »euch Teufel kenne ich. Wen ihr lebendig fangt, den werft ihr in eine Grube und peitscht ihn mit Knuten. Lebend werde ich mich euch nicht ergeben.«

Schilin war nicht von großem Wuchs, aber tapfer. Er zog seinen Säbel und wandte das Pferd gerade dem Tataren entgegen, indem er sich sagte: Entweder werde ich ihn überreiten oder mit dem Säbel vom Pferde herunterhauen!

Aber das Pferd brachte Schilin nicht mehr weiter. In seinem Rücken fielen Schüsse, sein Pferd wurde getroffen, stürzte nieder und Schilin lag mit einem Fuß unter dem Pferd.

Bevor er sich erheben konnte, hatten ihn schon zwei Tataren ergriffen und hielten ihm die Hände auf den Rücken. Er raffte sich auf und warf die beiden zurück. Inzwischen aber waren noch drei der Feinde herangekommen, welche ihn mit Kolbenstößen auf den Kopf niederschlugen. Es wurde ihm dunkel vor den Augen und er taumelte. Jene nahmen von ihren Sätteln Stricke, mit denen sie ihm die Hände auf den Rücken mit einem tatarischen Knoten banden. Die Stricke befestigten sie dann an einem Sattel. Seine Mütze wurde ihm vom Kopf gerissen, die Stiefel ausgezogen, alle Taschen durchsucht, Geld und Uhr ihm abgenommen und die Kleider zerrissen. Schilin sah sich nach seinem Pferde um. Dasselbe war vergeblich bemüht, sich aufzurichten; es fiel auf die Seite und blieb liegen. Die Stirn zeigte eine Wunde, aus der sich ein Strom von Blut ergoß; eine Arschina im Umkreis war der Staub des Weges von dem Blut gerötet.

Einer der Tataren ging zu dem gefallenen Pferde und machte sich daran, den Sattel abzunehmen. Das Pferd schlug noch immer um sich. Da ergriff er seinen Dolch und stieß ihn dem Tier in die Kehle. Keuchend streckte das Pferd die Beine von sich und lag regungslos da.

Sattel und Riemenzeug nahmen die Tataren mit sich. Der Rotbärtige bestieg wieder sein Pferd, die anderen hoben Schilin hinter jenem in den Sattel und banden ihn an demselben fest, damit er nicht herabfallen konnte. Dann ging's fort in die Berge.

Während Schilin hinter dem Tataren saß, fiel sein Gesicht jeden Augenblick auf dessen breiten Rücken. Er vermochte nur diesen und den kräftigen glattrasierten bläulichen Nacken des Feindes zu sehen unter einer braunen Mütze von Lammfell. Schilin war am Kopfe verwundet, das Blut floß ihm über die Augen herab; er vermochte weder seinen Sitz zu verändern noch das Blut abzuwischen, so fest waren ihm die Hände gebunden, daß ihn die Gelenke schmerzten.

Lange währte dieser Ritt von Berg zu Berg. Sie passierten ein angeschwollenes Flüßchen und gelangten dann auf eine Straße, welche zwischen zwei Hügeln dahinführte. Schilin versuchte, sich den Weg zu merken, auf welchem er entführt wurde; doch seine Augen waren mit Blut überschwemmt und er vermochte nicht, sich zu rühren. Schon begann es zu dunkeln; wieder setzten sie über einen Fluß, dann ging es einen steinigen Berg hinan, und Rauch stieg auf, Hunde bellten, sie hatten einen Tatarenaul erreicht.

Man hob Schilin vom Pferde herab; ein Haufen von Kindern sammelte sich und umringte neugierig den Gefangenen, den sie unter Triumphgeschrei mit Steinen bewarfen. Der rotbärtige Krieger jagte die Kinder fort und rief nach einem Knecht. Ein Nogajer mit hervortretenden Backenknochen zeigte sich in blauem Hemde, welches zerrissen war und seine ganze Brust entblößt ließ. Auf einen Befehl seines Herrn brachte der Nogajer einen Fußblock herbei, einen Holzklotz mit zwei eisernen Ringen, an deren einem ein Schloß angebracht war.

Schilin wurden die Hände losgebunden, dafür aber der Fußblock angelegt und er danach in eine Scheune gebracht, deren Tür man hinter ihm verschloß. Er fiel auf Pferdedünger. Eine Zeitlang lag er unbeweglich wie besinnungslos, dann suchte er, in der Dunkelheit umhertastend, sich einen besseren Platz, auf dem er sich ausstreckte.

*

II.

Fast während der ganzen Nacht fand Schilin keinen Schlaf. Die Nacht war kurz in dieser Jahreszeit. Durch eine Ritze gewahrte er, wie der Tag anbrach; er stand auf, stellte sich dicht an die Spalte und blickte hinaus. Er entdeckte einen Weg, der längs des Berges hinführte, an demselben eine tatarische Saklja, Hütte. neben welcher zwei Bäume hervorragten. Ein schwarzer Hund lag auf dem Wege und eine Ziege sprang mit ihren beiden Jungen schweifwedelnd vorüber. Weiterhin sah er eine junge Tatarin den Berg herabsteigen. Sie trug ein buntes Hemd, mit Gürtel, Beinkleider und Stiefel und auf dem Kopf ein großes, blechernes Wassergefäß. Mit raschen tänzelnden Schritten kam sie näher und führte an der Hand einen kleinen Knaben in rotem Hemd, mit geschorenem Kopf. Sie trug das Wasser in die Hütte, aus welcher gleich darauf der von gestern her bekannte rotbärtige Tatar trat. Dieser trug jetzt einen seidenen Halbrock und an einem Riemen einen silbernen Dolch, Schuhe an den bloßen Füßen, auf dem Kopf eine hohe schwarze Lammfellmütze, welche sich nach hinten zurückbog. Er gähnte, strich sich den roten Bart, gab seinem Diener verschiedene Aufträge und entfernte sich. Dann ritten zwei Knaben auf Pferden vorbei in die Schwemme. Noch einige Knaben liefen vorbei mit geschorenem Kopfhaar und nur mit einem Hemd bekleidet. Der ganze Trupp näherte sich der Scheune, dann nahmen sie eine Stange und stießen diese durch die in der Wand befindliche Ritze. Schilin antwortete mit einem drohenden Brummen, worauf sie eiligst davonliefen und dabei ihre glänzenden nackten Knie zeigten.

Schilin empfand heftigen Durst; seine Kehle war wie ausgetrocknet, und mit Ungeduld wartete er, daß jemand käme, um nach ihm zu sehen. Endlich vernahm er, wie die Scheune aufgeschlossen wurde. Der rotbärtige Tatar erschien in der Tür und neben ihm ein anderer von kleinerer Gestalt und dunkler Gesichtsfarbe. Er hatte glänzende schwarze Augen, einen schwarzen kurzgeschorenen Bart und ein heiter lachendes Gesicht. Der Dunkle war auch besser gekleidet, er trug einen blauseidenen Halbrock mit Goldborten verziert; im Gürtel führte er einen großen silbernen Dolch, die Füße waren mit roten silbergestickten Saffianschuhen bekleidet, über welche andere dickere Schuhe gezogen waren, und der Kopf war mit einer hohen weißen Lammfellmütze bedeckt.

Der Rotbärtige trat ein, sprach einige Worte, die wie Schimpfworte lauteten, und blieb stehen; auf einen Querbalken gestützt und mit seinem Dolche spielend, sah er mit bösem Wolfsblick nach dem Gefangenen.

Der Dunkle aber, welcher sich beständig lebhaft und so beweglich zeigte, als wenn er Sprungfedern in sich hätte, trat auf Schilin zu, ließ sich neben ihm auf die Fersen nieder und klopfte ihm unter breitem Lachen auf die Schulter, indem er einige Worte in seiner Sprache wiederholte. Er kniff die Augen zu, schnalzte mit der Zunge und sagte: »Gut Uruß, gut Uruß!«

Schilin, der nichts davon verstand, entgegnete nur: »Trinken! Gebt mir Wasser zu trinken!«

Der Schwarzäugige lachte und wiederholte sein »Gut Uruß!«

Schilin versuchte durch Bewegung von Lippen und Händen anzudeuten, man möge ihm zu trinken geben. Jetzt verstand ihn der Schwarze, er sah zur Tür hinaus und rief laut: »Dina!«

Ein Mädchen kam auf diesen Ruf herbeigelaufen, es war noch kindlich, zart und schwächlich, etwa dreizehn Jahre alt, und seine Gesichtszüge glichen außerordentlich denen des Schwarzen; man sah, es war seine Tochter. Auch sie hatte glänzende schwarze Augen und ein sehr hübsches Gesicht. Ihre Kleidung bestand aus einem langen blauen Hemd mit breiten Ärmeln, aber ohne Gürtel, Bruststück und Ärmel desselben waren mit roter Stickerei verziert; außerdem trug sie Beinkleider und Schuhe und über den letzteren Überschuhe mit hohen Absätzen, um den Hals einen ganz aus russischen Silberrubelstücken gebildeten Schmuck. Ihr Kopf war unbedeckt, die schwarzen Zöpfe waren mit einem Band umwunden, an welchem Verzierungen aus Metallblech und ein russischer Silberrubel befestigt waren.

Der Vater richtete einige Worte an sie; sie eilte hinaus, erschien aber bald wieder mit einem Blechgefäß, aus dem sie Schilin zu trinken gab, indem sie sich gleichfalls neben ihn auf die Erde hockte, so daß ihre Knie die Schultern überragten. So saß sie regungslos und riß verwundert die Augen weit auf, mit denen sie Schilin, während er trank, wie ein fremdartiges Tier anstarrte.

Als ihr Schilin das Gefäß zurückreichte, tat sie einen Sprung zur Seite wie eine wilde Ziege. Der Vater brach in ein unbändiges Lachen aus und sprach dann einige Worte zu ihr. Sie nahm das Blechgefäß, lief damit hinaus und brachte ungesäuertes Brot auf einem Holzteller herbei. Dann kauerte sie sich wieder hin und verwandte kein Auge von Schilin.

Endlich entfernten sich die Tataren, indem sie die Tür hinter sich verschlossen. Einige Zeit danach kam der Nogajskische Diener zu Schilin und sprach ihn an: »Ei da, Mann, ei da!«

Auch dieser sprach nicht Russisch; doch begriff Schilin, daß er ihm folgen sollte.

Er gehorchte; doch verhinderte ihn der Fußblock gerade zu gehen. Indem er dem Diener folgte, sah er ein Tatarendorf von etwa zehn Häusern und in deren Mitte eine Moschee mit einem Türmchen. Vor einem Hause standen gesattelte Pferde, welche ein Knabe an den Zügeln hielt.

Aus diesem Hause trat der dunkelhaarige Tatar heraus und winkte Schilin zu, näher zu kommen. Lachend äußerte er einige Worte in seiner Sprache und kehrte in das Haus zurück. Schilin folgte ihm und trat in ein großes Wohngemach, dessen Wände mit Lehm glatt gestrichen waren. An der ihm gegenüberliegenden Wand lagen bunte Federkissen, an der Seitenwand hingen wertvolle Teppiche und auf diesen Geweihe, Pistolen, Säbel, alles mit Silber ausgelegt. An der anderen Seitenwand stand auf dem Erdboden ein kleiner Ofen, der Fußboden bestand aus festgestampfter Erde und war außerordentlich rein gehalten. Die eine Ecke war mit Filzdecken belegt, auf diesen lagen Teppiche und auf den Teppichen Federkissen.

Dort saßen Tataren in dünnen Schuhen; neben dem Roten und dem Dunklen drei fremde Gäste, den Rücken an die Federkissen gelehnt. Vor ihnen standen auf runden Brettchen Pfannkuchen und zerlassene Butter in einer Tasse, sowie auch in Trinkgeschirren ihr tatarisches Bier, »Busa« genannt. Sie aßen mit den Händen, die schon ganz mit Butter beschmiert waren.

Der Dunkelbraune sprang auf, befahl Schilin, sich zur Seite zu setzen, nicht auf den Teppich, sondern auf den kahlen Fußboden; dann nahm er selbst wieder seinen früheren Platz auf dem Teppich ein und bewirtete seine Gäste mit den Pfannkuchen und Busa. Der Diener wies Schilin seinen Platz an, zog selbst seine Überschuhe aus, die er neben die andern an die Tür stellte und setzte sich auf die Pelzdecke in der Nähe der Gäste, denen er mit wässerigem Munde beim Essen zuschaute. Als die Fladen verzehrt waren, kam eine Tatarin herein, bekleidet mit einem ebensolchen Hemde wie jenes Mädchen, und in Beinkleidern, den Kopf mit einem Tuch umwunden. Sie nahm Brot und Butter fort und brachte ein niedliches, kleines Waschbecken nebst einer Kanne mit kleiner Ausgußröhre.

Die Tataren wuschen sich die Hände, dann falteten sie sie, ließen sich auf die Knie nieder, bliesen nach allen Seiten und sprachen Gebete.

Sie berieten sich einige Zeit, dann wandte sich einer von ihnen an Schilin und redete ihn russisch an: »Dich hat Kasi Muhamed gefangengenommen,« sagte er, auf den rotbärtigen Tataren deutend, »und hat Dich an Abdul Murad abgetreten.« Dabei zeigte er mit einer Handbewegung auf den dunkelbraunen Tataren. »Abdul Murad ist jetzt Dein Herr!«

Schilin schwieg.

Abdul Murad sprach etwas, indem er auf Schilin deutete und lachend hinzufügte: »Soldat Uruß, gut Uruß.«

Der Dolmetscher übertrug das eben Gehörte.

»Er befiehlt Dir, nach Hause zu schreiben, daß man ein Lösegeld für Dich einsende. Sobald das Geld ankommt, wird man Dich freilassen.«

Nach einigem Nachdenken fragte Schilin: »Verlangt er viel Lösegeld?«

Die Tataren besprachen sich untereinander und der Dolmetscher sagte dann: »Dreitausend Rubel.«

»Nein,« erwiderte Schilin, »so viel kann ich nicht zahlen.«

Abdul sprang auf, nachdem ihm diese Erklärung übersetzt war, und focht mit den Armen in die Luft, indem er zu Schilin sprach, als wenn dieser ihn verstehen könnte.

»Wieviel gibst Du?« fragte der Dolmetscher. Schilin dachte nach und erklärte dann: »Fünfhundert Rubel.«

Darauf sprachen die Tataren wieder eifrig miteinander, alle auf einmal. Abdul begann den Rotbärtigen anzuschreien und wurde dabei so erregt, daß ihm der Speichel aus dem Munde floß.

Gleichmütig aber schloß der Rote die Augen und schnalzte mit der Zunge. Endlich schwiegen sie und der Dolmetscher sagte zu Schilin: »Fünfhundert Rubel sind zu wenig. Dein Herr hat selbst zweihundert Rubel für Dich bezahlt. Kasi Muhamed war ihm schuldig, und für diese Schuld hat Abdul Dich übernommen. Er kann Dich nicht um weniger als dreitausend Rubel freigeben, und willst Du nicht um diese Summe schreiben, so wird man Dich in eine Grube werfen und mit Knuten peitschen.«

»Oho,« dachte Schilin, »läßt man sich von diesen einschüchtern, so wird es nur noch schlimmer.« Laut erwiderte er dem Dolmetscher: »Sag ihm, wenn er mich schrecken will, so werde ich ihm keinen Kopeken geben und auch nicht darum schreiben. Ich habe mich vor euch nie gefürchtet und werde euch auch niemals fürchten.«

Der Dolmetscher teilte den Tataren diese Worte mit, worauf sie wieder eifrig miteinander verhandelten. Nach langem Reden in ihrer für Schilin unverständlichen Sprache sprang der Dunkelbraune auf, trat an Schilin heran und redete ihn an: »Uruß dschigit, dschigit Uruß.«

»Dschigit« bedeutet in ihrer Sprache »tapfer«. Dabei lachte er und richtete an den Dolmetscher einige Worte, welcher zu Schilin sagte: »Gib tausend Rubel.«

Schilin aber blieb hartnäckig.

»Mehr als fünfhundert Rubel werde ich auf keinen Fall geben. Schlagt mich tot, dann bekommt ihr gar nichts!«

Wieder traten die Tataren in Beratung, schickten den Diener mit einem Auftrag fort und sahen erwartungsvoll bald nach der Tür, bald nach Schilin. Der Diener trat wieder ein und ihm folgte ein ziemlich dicker Mann, barfuß und zerlumpt, gleichfalls mit einem Fußblock an den Beinen.

Schilin konnte einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken, als er Kostylin erkannte. Also auch ihn hatten die Tataren gefangengenommen.

Beide wurden nebeneinander gesetzt und teilten sich ihre letzten Erlebnisse mit, während die Tataren schweigend nach ihnen hinüberblickten. Schilin erzählte, wie es ihm ergangen, und dann teilte Kostylin dem Genossen mit, wie sein Pferd störrisch geworden und sein Gewehr versagt habe, und daß dieser selbe Abdul auch ihn eingeholt und gefangengenommen habe.

Abdul erhob sich nun und wendete sich mit einigen Worten an den Dolmetscher, welcher den Russen ankündigte, daß sie jetzt beide Abdul gehörten, und daß derjenige von ihnen zuerst freigelassen werde, für den zuerst das Lösegeld eingesandt werde.

»Siehst Du,« fügte er, zu Schilin gewendet, hinzu, »Du bist gleich so auffahrend; Dein Kamerad ist viel vernünftiger. Er hat in einem Brief nach Hause geschrieben, man soll ihm fünftausend Rubel schicken. Darum wird man ihn auch gut ernähren und niemals schlecht behandeln.«

Schilin erwiderte kurz: »Mein Kamerad mag tun, was er will. Vielleicht ist er reich; ich aber bin nicht reich, und was ich gesagt habe, dabei bleibt es. Schlagt mich meinetwegen tot; ihr werdet keinen Vorteil davon haben; aber um mehr als fünfhundert Rubel schreibe ich nicht!«

Alle schwiegen. Erst nach längerer Pause griff Abdul nach einem kleinen Köfferchen, nahm daraus Feder, ein Stück Papier und Tinte, reichte alles Schilin, und indem er ihm auf die Schulter klopfte, deutete er ihm durch Zeichen an, er solle schreiben.

Er war mit dem Lösegeld von fünfhundert Rubeln zufrieden.

»Warte noch ein wenig,« wandte sich Schilin an den Dolmetscher, »sag' ihm, er soll uns gut nähren und kleiden, und daß wir beide zusammen zu bleiben wünschen; denn so ist es kurzweiliger – endlich auch, daß er uns die Fußblöcke abnehmen solle.«

Während er diesen Auftrag erteilte, blickte er selbst lachend den Tataren an. Auch dieser brach in Lachen aus, als ihm Schilins Antwort übersetzt wurde, und ließ ihm antworten: »Ich werde euch die beste Kleidung geben, auch eine Tscherkeska und Stiefel wie zur Hochzeit; ich will euch beköstigen wie Fürsten, und wenn ihr beisammen bleiben wollt, könnt ihr meinetwegen beide in der Scheune wohnen; aber die Fußblöcke kann ich euch nicht abnehmen; sonst lauft ihr mir davon! Nur in der Nacht sollt ihr davon befreit werden.«

Er näherte sich Schilin und klopfte ihm freundlich die Schultern.

»Du bist gut, schreibe! Ich auch gut!«

Schilin schrieb den Brief, wie er von ihm verlangt wurde. Dann führte man ihn zugleich mit Kostylin in die Scheune zurück, brachte ihnen dann Kukurusstroh, ein Gefäß mit Wasser, Brot, zwei abgetragene Tscherkesken und Soldatenstiefel, welche sie wahrscheinlich gefallenen Russen nach einem Gefecht abgezogen hatten. Während der Nacht nahm man ihnen die Fußblöcke ab, schloß sie dann aber in die Scheune ein.

*

III.

So verlebte Schilin mit seinem Kameraden einen vollen Monat. Sein Gebieter lachte stets, wenn er ihn ansah, und sagte: »Du bist gut, Iwan, ich, Abdul, bin auch gut.« Aber die Nahrung war schlecht, sie bestand nur aus ungesäuertem Brot von Hirsemehl, welches in Fladen oder Pfannkuchen gebacken und ungenügend ausgebacken war.

Kostylin schrieb noch einmal nach Hause und wartete auf die Einsendung des Lösegeldes mit Ungeduld und Langeweile. Acht Tage lang saß er in der Scheune und zählte die Tage, bis wann der Brief ankommen könne, manchmal schlief er den ganzen Tag durch.

»Wie wird meine Mutter so viel Geld für mich zusammenbringen,« fragte sich Schilin, »da sie doch lediglich von dem gelebt hat, was ich ihr schickte? Wenn sie auch wirklich fünfhundert Rubel auftreiben könnte, so wäre sie vollständig ruiniert. Gott wird mir helfen, daß ich mich selbst befreien kann.« Müßig ging er im Dorfe spazieren, indem er sich etwas vorpfiff, oder er saß irgendwo, mit einer Handarbeit beschäftigt; entweder formte er Puppen aus Ton oder flocht Körbe aus Zweigen, denn in allen solchen Kunstfertigkeiten war Schilin Meister.

Einmal hatte er wieder eine Puppe aus Ton modelliert mit einer Nase, mit Händen und Beinen in tatarischem Hemd. Diese Puppe stellte er aufs Dach.

Als die Tatarinnen zum Wasserholen kamen, sah Dina, die Tochter des Hausherrn, die Puppe und rief ihre Freundinnen herbei. Alle stellten ihre Eimer beiseite und beguckten lachend die Puppe. Schilin nahm sie herab und reichte sie ihnen. Die Mädchen lachten und freuten sich über die Puppe, wagten aber nicht, sie anzunehmen; deshalb stellte er sein Machwerk am Hause auf, zog sich in die Scheune zurück und wartete dort ab, was nun weiter erfolgen werde.

Nach kurzer Zeit kam Dina wieder herbei, blickte sich scheu nach allen Seiten um, ergriff rasch die Puppe und lief mit derselben davon.

Als Schilin am nächsten Morgen durch die Spalte der Scheunenwand blickte, sah er, wie um die Morgenröte Dina aus dem Hause trat, mit der Puppe im Arm, die sie mit bunten Lappen geschmückt hatte. Sie wiegte dieselbe wie ein Kind, das eingeschläfert wird.

Da kam eine alte Frau scheltend aus dem Hause, nahm ihr die Puppe weg, zerschlug sie und schickte Dina an die Arbeit.

Schilin verfertigte eine andere, noch reizendere Puppe und gab sie Dina.

Einmal brachte Dina ein Blechgefäß, stellte es vor Schilin hin, setzte sich daneben und blickte ihn an, lächelnd auf das Gefäß deutend.

»Was macht sie denn so heiter?« fragte sich Schilin, ergriff das Gefäß und trank daraus, in der Meinung, daß es Wasser enthalte: es war aber mit Milch gefüllt. Mit Vergnügen trank er sie vollends aus und sagte: » Charascho!« Gut.

Darüber war Dina sehr erfreut. » Charascho, Ivan, charascho!« sagte sie und in die Hände klatschend sprang sie auf, entriß ihm das Gefäß und lief davon.

Seit jener Zeit brachte sie jeden Tag ein Kännchen mit Milch, die sie heimlich entwendet hatte.

Die Tataren bereiten aus Ziegenmilch eine Art Käse in Fladen, die sie auf die Dächer in freier Luft trocknen. Auch solche Fladen brachte sie ihm heimlich. Als einmal ein Hammel geschlachtet wurde, brachte sie ihm auch ein Stück von dem Hammelfleisch im Ärmel, warf es ihm hin und lief rasch davon.

Ein anderes Mal erhob sich ein großer Sturm und es regnete den ganzen Tag über wie aus Eimern; alle Flüßchen schwollen an, wo vorher eine Furt gewesen, strömte jetzt das Wasser drei Arschinen tief und riß große Steine mit sich fort, überall strömten reißende Wassermassen dahin und von den Bergen herab hörte man ihr Brausen.

Als endlich das Unwetter vorüber war, rieselten kleine Bäche von allen Seiten durch das Dorf. Schilin erbat sich ein kleines Messer, schnitzte damit eine Walze und ein Brettchen aus und fertigte ein kleines Schiffchen mit einem Rad. An beiden Enden desselben stellte er Püppchen auf und schmückte diese mit bunten Läppchen, welche die Mädchen ihm zutrugen. Die eine der Puppen stellte einen Muschik (russischer Bauer) vor, die andere eine Baba (russische Bäuerin). Er befestigte sie so, daß sie bei jeder Bewegung des Schiffchens zu tanzen schienen.

Das ganze Dorf kam herbeigelaufen, Knaben, Mädchen, Weiber und Männer, mit der Zunge schnalzend: » Ai, Uruss! – Ai, Iwan!« –

Abdul besaß eine zerbrochene russische Uhr. Er rief Schilin zu sich und zeigte sie ihm unter Zungenschnalzen.

»Gib sie her,« sagte dieser, »ich werde sie zurechtmachen.«

Er nahm sie, zerlegte sie mit Hilfe eines kleinen Messers und setzte sie wieder zusammen. Die Uhr ging wieder.

Der Tatar war darüber hoch erfreut; er schenkte dem Künstler seinen alten ganz zerlumpten Beschmet (tatarischer Halbrock). Schilin konnte nichts besseres tun als ihn annehmen. Er war immerhin noch gut genug, um sich damit während der Nacht zuzudecken.

Seit dieser Zeit, wo Schilin sich als Meister erprobt hatte, hatte er bessere Tage. Aus entfernten Dörfern kam man, seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Einer brachte ein Schloß von einer Flinte oder Pistole zur Reparatur, ein anderer seine Uhr. Sein Gebieter gab ihm etwas Handwerkszeug, eine kleine Zange, eine Feile, einen Bohrer.

Schilin lernte mit der Zeit ihre Sprache einigermaßen verstehen, und manche von den Tataren gewöhnten sich an ihn und riefen ihn an mit »Iwan!« wenn sie irgendein Anliegen hatten.

Andere aber sahen ihn mit bösen Blicken an wie ein gefährliches Tier. Namentlich der rote Tatar war Schilin feindlich gesinnt. Wenn er ihn sah, so verfinsterte sich sein Gesicht, er wandte sich dann ab und stieß Schimpfworte aus.

Da war auch ein Greis, welcher nicht im Dorfe selbst wohnte, aber häufig von den Bergen herabkam. Schilin sah ihn nur, wenn er vorüberging, um in der Moschee zu beten. Er war von kleinem Wuchs. Seine Mütze war mit einem weißen Tuch umwunden, sein kurz gestutzter Bart war weiß wie Flaum, sein Gesicht ziegelrot und faltig, die Nase hakenförmig gebogen, wie der Schnabel eines Raubvogels zwischen seinen grauen stechenden Augen, der Mund zahnlos. Zuweilen ging er mit seinem Turban, auf einen Krückstock gestützt, vorbei, indem er sich mit bösen Blicken wie ein Wolf umsah. Wenn er Schilin sah, murmelte er Schimpfworte und wandte sich ab.

Einmal stieg Schilin den Berg hinan, um zu sehen, wo der Alte wohnte. Einen schmalen Pfad entlang gehend, stieß er auf einen kleinen Garten von einer Steinmauer umgeben, hinter welcher Kirschen- und Aprikosenbäume sichtbar wurden sowie auch eine kleine Hütte mit flachem Dach. Als er näher trat, entdeckte er einen Bienenkorb aus Strohgeflecht. Die Bienen schwärmten summend umher. Der Alte kauerte davor und war mit dem Bienenstock beschäftigt. Schilin beugte sich etwas vor, um genauer zu sehen und rasselte dabei unwillkürlich mit seinem Fußblock. Der Alte hörte das Geräusch, blickte sich um, schrie erschrocken auf, riß aus dem Gürtel eine Pistole und feuerte sie auf Schilin ab, welcher kaum Zeit hatte, hinter der Mauer Deckung zu suchen.

Der Alte kam zu Schilins Gebieter, um sich über jenen zu beklagen. Abdul rief Schilin und fragte ihn wieder lachend: »Warum gingst Du zu dem Alten hinauf?«

»Ich habe ihm nichts Böses getan,« erwiderte Schilin. »Ich wollte nur sehen, wie er lebt.«

Der Alte ward darauf noch erboster, zischte und murmelte etwas, fletschte seine Zahnreste und deutete mit der Hand nach Schilin. Dieser verstand nicht alles, aber es ward ihm klar, der Alte verlangte, Abdul sollte den Russen töten und nicht ferner im Aul dulden. Darauf entfernte sich der Alte.

Schilin fragte seinen Gebieter, was das für ein alter Mann sei.

»Das ist ein bedeutender Mann,« war dessen Antwort. »Er war der erste Dschigit und hat viele Russen getötet. Er war früher ein reicher Mann und hatte drei Frauen und acht Söhne. Alle lebten in demselben Dorfe beisammen. Dann kamen die Russen, zerstörten das Dorf und töteten sieben seiner Söhne; der achte Sohn hatte sich den Russen ergeben. Der Alte ging selbst, sich den Russen zu unterwerfen. Er verbrachte drei Monate bei ihnen, fand dort seinen Sohn, erschlug ihn selber und lief davon. Seit jener Zeit hörte er auf, zu kämpfen und pilgerte nach Mekka, um zu Allah zu beten. Seitdem trägt er auch einen Turban. Wer in Mekka war, erhält den Titel Ghadshi und hat das Recht, einen Turban zu tragen. Er liebt euch Russen nicht und hat soeben verlangt, ich solle Dich töten. Aber das kann ich nicht tun; denn ich habe Geld für Dich bezahlt und zudem bin ich Dir wohl gewogen, Iwan. Es fällt mir nicht ein, Dich zu töten; ja, ich möchte Dich sogar gern frei lassen, wenn ich nicht mein Wort verpfändet hätte.«

Dabei lachte er und wiederholte auf russisch sein: »Du bist gut, Iwan, und ich, Abdul, bin auch gut!«

*

IV.

Wieder verging so ein Monat. Des Tags über ging Schilin überall umher, immer mit etwas beschäftigt. Aber wenn die Nacht kam und ringsumher alles Geräusch verstummte, dann grub er den Boden seiner Scheune auf. Die Steine machten ihm das Graben schwer, welche er oft mit seinem kleinen Messer unterhöhlen mußte. Auf diese Weise stellte er unter der Mauer einen Durchgang her, geräumig genug, um bei gelegener Zeit hindurchkriechen zu können.

»Aber jetzt wird es Zeit,« sagte er sich, »mich selbst darüber zu orientieren, nach welcher Richtung ich mich zu wenden habe; die Tataren werden es mir schwerlich sagen.«

Er nahm die Zeit wahr, als der Hausherr ausgeritten war, und ging nachmittags auf den Berg hinter dem Dorfe. Von dort aus wollte er über die Gegend Umschau halten. Aber Abdul hatte vor der Abreise seinem kleinen Sohn aufgetragen, den Gefangenen überallhin zu folgen und sie nicht aus den Augen zu lassen.

Der Kleine lief auch wirklich hinter Schilin her und rief: »Geh nicht dahin; der Vater hat's verboten. Ich rufe sonst gleich unsere Leute zusammen.«

Schilin versuchte ihn zu überreden.

»Ich gehe nicht weit, nur ein wenig den Berg hinan. Komm doch mit mir! Mit dem Fußklotz da kann ich ja nicht davonlaufen. Morgen werde ich Dir einen Bogen und Pfeile machen!«

Der Kleine ließ sich überreden und ging mit. Es war nicht sehr weit bis zum Gipfel, um einen Überblick zu gewinnen, aber mit dem Fußklotz ward es doch sehr mühsam, hinanzuklimmen; kaum konnten sie das Ziel erreichen.

Schilin setzte sich, endlich oben angelangt, und begann die Gegend zu überschauen. Gegen Süden hinter der Scheune lief ein Hohlweg hin, auf dem eben ein Trupp Pferde dahinging, und weiterhin sah er ein anderes Dorf in der Niederung. Hinter diesem Dorfe lag ein anderer noch steilerer Berg und hinter jenem zwei weitere. Zwischen diesen Bergen war ein Wald zu erblicken in blauer Ferne und höher und höher ragten dort die Spitzen des Gebirges. Über die anderen empor ragte ein Berg, weiß wie Zucker, mit Schnee bedeckt, als wenn er eine weiße Kappe trüge. Nach Osten wie nach Westen ebensolche Berge, in den Tälern dazwischen Dörfer, von denen bläulicher Rauch aufstieg.

»Nun,« sagte er sich, »das alles ist ihre Seite,« und wandte sein Auge der anderen, russischen Seite zu. Er sah ein kleines Flüßchen und ein Dorf von Gärten umgeben. Am Fluß sah man, klein wie Puppen, Weiber sitzen und Wäsche waschen, hinter dem Aul einen Hügel, dann weiterhin noch zwei Bergkuppen mit Wald besetzt. Zwischen den beiden Bergen zeigte sich eine Ebene, die sich lang gestreckt in blauer Ferne verlor. Schilin hatte sich klar zu machen gewußt, in welcher Richtung die Sonne auf- und unterging, als er noch in der Festung lebte und kam danach zu dem Schluß, gerade dort in jenem Tal müsse die russische Festung liegen. Dahin, zwischen den beiden Bergen hindurch, mußte er also seine Flucht richten.

Schon neigte sich die Sonne zum Untergang, die weißen Schneeberge wurden mit Purpurlicht übergossen, aus den Tälern stieg ein feiner Dunst auf, und jene Ebene, in der die russische Festung sich befinden mußte, glühte im Hellrot des Sonnenuntergangs. Schilin blickte gespannt gegen Norden, er sah etwas undeutlich in der Ferne schimmern, mit einer wie aus einem Schornstein sich erhebenden Rauchsäule, und er redete sich ein, daß dies wirklich die russische Festung sei. Es war spät geworden, der Mullah hatte schon die Gläubigen zum Nachtgebet gemahnt. Brüllend kehrten die Herden heim. Der Kleine rief mahnend: »Iwan, gehen wir doch nach Hause!« Dieser aber konnte sich noch immer nicht von der Fernsicht losreißen. Nach langem Zögern kehrten endlich beide nach Hause zurück.

»Nun,« dachte Schilin, »nun weiß ich, wohin ich meine Flucht zu richten habe; noch diese Nacht muß ich fliehen!«

Die Nacht war dunkel, es war Neumond. Unglücklicherweise kamen noch am Abend die Tataren zurück. Gewöhnlich hatten sie sonst bei der Heimkehr geraubte Viehherden mitgebracht; diesmal führten sie aber nichts mit sich als die Leiche eines getöteten Tataren, einen Bruder des Rotbärtigen. Sie waren daher in sehr böser Stimmung.

Während sie die Vorbereitungen zum Begräbnis trafen, trat Schilin zu ihnen, um zuzuschauen. Sie hatten den Toten in ein großes, weißes Laken gehüllt und ohne Sarg hinter dem Dorfe unter einer Platane ins Gras gelegt. Der Mullah kam. Greise mit Turbanen auf den Häuptern sammelten sich und setzten sich nebeneinander auf die Absätze, der Leiche gegenüber.

Vorn stand der Mullah, hinter diesem drei Greise mit Turbanen und hinter diesen stellten sich die übrigen Tataren auf. Lange saßen sie so regungslos und schweigend. Endlich erhob der Mullah den Kopf und rief: » Allah!«

Er sprach nur dieses eine Wort und verstummte wieder. Langes Schweigen erfolgte darauf, alle saßen regungslos da. Wieder erhob der Mullah den Kopf. » Allah!« rief er und alle wiederholten: » Allah!« und wieder verstummten sie darauf. Unbeweglich, wie der Tote im Grase, saßen auch sie wie Tote da, keiner rührte sich, nur im Gipfel der Platane hörte man die vom Wind bewegten Blätter rauschen. Dann sprach der Mullah ein Gebet. Alle standen auf, erhoben mit ihren Armen den Toten und trugen ihn zum Grabe. Dies war kein gewöhnliches Grab, sondern unter der Erde ausgehöhlt wie ein Keller. Sie faßten den Toten unter den Schultern und an den Beinen, bogen ihn zusammen und ließen ihn langsam hinab, so daß er in sitzender Stellung auf den Boden der Grube gelangte, dann kreuzten sie seine Arme über die Brust.

Der Nogajer brachte grünes Schilf, mit welchem das Grab ausgelegt wurde, danach wurde es rasch mit Erde zugeschüttet, geebnet und über der Stelle, wo der Kopf des Toten sich befand, ein Stein aufgestellt. Dann wurde die Erde festgestampft, alle kauerten sich wieder im Kreise um das Grab, danach wieder tiefes Schweigen.

» Allah! Allah! Allah!« seufzten sie endlich und erhoben sich.

Der rotbärtige Tatar verteilte Geld unter die Greise, ergriff eine Peitsche und schlug sich damit dreimal auf die Stirn, dann ging er nach Hause.

Am nächsten Morgen sah Schilin eine rote Stute hinter das Dorf hinausführen, welcher drei Tataren folgten. Draußen nahm der Rote sein Beschmet ab, streifte die Ärmel auf, so daß seine großen, nervigen Hände sichtbar wurden, nahm den Dolch heraus und schärfte ihn an einem Schleifstein.

Die Tataren hoben der Stute den Kopf in die Höhe, der Rote trat heran und durchschnitt ihr die Kehle. Die Stute stürzte nieder; er begann sie zu zerschneiden und ihr mit seinen großen Fäusten das Fell abzuziehen. Weiber und Mädchen kamen herbei und wuschen die Eingeweide. Dann wurde die Stute in Stücke zerschnitten und diese in das Haus des Roten gebracht. Das ganze Dorf kam dort zusammen, um das Gedächtnis des Verstorbenen zu feiern.

Drei Tage lang aßen sie von dem Pferdefleisch und tranken dazu Busa, zu Ehren des Verstorbenen. Alle Bewohner des Dorfes waren zu Hause. Am vierten Tage bemerkte Schilin gegen Mittag, daß sie Vorbereitungen zu einem Streifzug trafen. Pferde wurden herbeigeführt und etwa zehn Mann ritten davon, worunter sich auch der Rote befand. Abdul blieb zu Hause. Der Mond war im Zunehmen begriffen, die Nächte waren noch dunkel.

»Nun,« sagte sich Schilin, »heute werde ich fliehen!« Diesen Entschluß teilte er Kostylin mit; dieser aber war feig.

»Warum sollen wir fliehen? Wir kennen ja den Weg gar nicht!«

»O, ich kenne den Weg.«

»Aber eine Nacht genügt nicht, um das Ziel zu erreichen!«

»Wenn wir es nicht erreichen, so übernachten wir im Walde. Ich habe mir einen Vorrat von Fladen aufgespart. Was willst Du hier länger warten? Es ist sehr schön, wenn man das Lösegeld für Dich sendet, aber wie dann, wenn man es nicht auftreiben kann? Die Tataren sind jetzt zornig, weil die Russen einen der Ihrigen getötet haben. Sie sprechen unter sich, ich glaube, sie wollen uns umbringen.«

Kostylin besann sich lange; endlich sagte er: »Nun gut, gehen wir!«

*

V.

Schilin kroch in den von ihm gegrabenen unterirdischen Gang und erweiterte ihn, damit auch der dicke Kostylin ihn passieren könnte. Danach saßen sie schweigend und warteten ab, bis im Dorfe alles zur Ruhe gegangen war. Sobald im Aul Stille eintrat, kroch Schilin unter der Scheunenwand durch und flüsterte Kostylin zu: »Folge mir nach!« Auch jener kroch nun in die Höhlung hinein, stieß aber dabei mit den Beinen an einen Stein, der geräuschvoll in die Tiefe rollte.

Abdul hatte einen guten Wächter, einen lauten Hofhund, ein bösartiges Tier, »Uljaschin« genannt. Schilin hatte schon früher gesucht, sich mit demselben zu befreunden, indem er ihm zuweilen einen Bissen zuwarf.

Uljaschin hörte das Geräusch und kam unter lautem Gebell hergelaufen, hinter ihm die andern Hunde. Aber Schilin pfiff und warf ihnen ein Stück Fladen zu. Uljaschin erkannte ihn, wedelte mit dem Schweife und hörte auf zu bellen.

Der Hausherr wurde durch das Gebell erweckt und rief von seiner Hütte her: »Hait, hait, Uljaschin!«

Aber Schilin kraute dem Hunde hinter dem Ohr, Uljaschin bellte nicht, sondern rieb sich an seinen Beinen und wedelte mit dem Schweif. Die Gefangenen warteten in einer Ecke bis alles wieder still wurde. Nur die Lämmer hörte man im Stalle blöken und das Rauschen eines Baches in der Tiefe. Über dem Berge neigte sich der Halbmond zum Untergang und in den Tälern lag milchweißer Nebel.

Schilin erhob sich und rief dem Gefährten zu: »Nun, Bruder, Aida!«

Leise machten sie sich auf den Weg, kaum aber waren sie einige Schritte weit gekommen, als sie den Ruf des Mullah vom Dache hörten: » Allah!, besmilla Ilracham!« (Das bedeutet, die Gläubigen sollen zur Moschee kommen.)

Wieder setzten sich die Flüchtlinge hinter eine kleine Mauer, um sich zu verbergen. Lange Zeit mußten sie dort ausharren, während die Tataren vorübergingen. Endlich wurde wieder alles still.

»Nun mit Gott vorwärts!«

Sie bekreuzten sich und gingen.

Sie gingen über den Hof und den Abhang hinab, bis zu dem Flüßchen, durchwateten dasselbe und traten in das enge Tal ein. Ein dichter Nebel lag unten, von oben sah man jedoch die Sterne hindurchschimmern. Nach diesen Sternen wählte Schilin die einzuschlagende Richtung. Die Luft war frisch und zu einem Nachtmarsche vortrefflich geeignet. Aber die Stiefel wurden sehr lästig. Schilin zog die seinigen von den Füßen, warf sie fort und ging barfuß weiter, von Stein zu Stein springend und sich aufmerksam nach den Sternen richtend.

Doch bald begann Kostylin zurückzubleiben.

»Langsam,« sagte er. »geh' langsam! Diese verdammten Stiefel haben mir die Füße wund gerieben.«

»Wirf sie doch weg, dann hast Du leichter zu gehen.«

Kostylin befolgte diesen Rat und ging gleichfalls barfuß weiter. Aber nun wurde es noch schlimmer. Die Steine zerrissen seine Füße, und immer weiter blieb er zurück. Schilin suchte ihn zu ermutigen.

»Was schadet das, wenn auch die Füße wund werden, das heilt wieder. Wenn sie uns aber einholen, werden sie uns töten!«

Kostylin erwiderte nichts und ging seufzend weiter. So gingen sie lange in der Niederung dahin. Da hörte Schilin von rechts her Hundegebell und hielt an, blickte sich sorgsam um und klomm, mit den Händen tastend, den Berg hinan.

»Ach!« rief er. »Wir haben uns verirrt. Wir sind zu weit nach rechts gekommen! Da liegt ein fremdes Dorf, ich habe es vom Berge aus gesehen. Wir müssen zurück und uns mehr nach links wenden über den Berg hinüber. Dort muß ein Wald liegen!«

Kostylin aber meinte: »Warte wenigstens ein wenig; laß mich erst ein bißchen zu Atem kommen, meine Füße sind ganz blutig.«

»Ach, die werden schon wieder heilen! Versuch doch zu springen, dann hast Du's leichter! Sieh mal so!«

Und damit lief Schilin zurück und den Berg zur Linken hinan, während Kostylin stöhnend immer weiter zurückblieb. Schilin suchte ihn anzutreiben, ohne jedoch anzuhalten.

Sie erklommen den Berg und fanden auch den Wald. Sie drangen durch das Dickicht ein. Der Rest ihrer Kleidung wurde in Fetzen zerrissen. Hierauf aber fanden sie einen Weg durch den Wald, dem sie folgten.

»Halt! Halt!«

Hufschläge ließen sich auf dem Wege vernehmen. Sie hielten an und horchten.

Die Hufschläge eines Pferdes kamen näher und hielten plötzlich an. Sie gingen weiter und wieder hörten sie die Hufschläge, sowie sie aber stehenblieben, hörten auch jene auf.

Schilin trat aus dem Dickicht heraus und schaute den Weg entlang. Er sah dort etwas stehen, das wie ein Pferd aussah, und auf diesem Pferde bemerkte er etwas Sonderbares, das jedoch nicht einem Reiter glich. Er hörte ein Schnauben und horchte aufmerksam hin.

Was für ein Wunder! Schilin pfiff leise, und plötzlich floh mit Sturmeseile die Gestalt vom Wege fort in das Waldesdickicht. Die dürren Zweige knisterten unter dem eiligen Laufe.

Kostylin war heftig erschrocken, Schilin aber rief lachend aus: »Das ist ja ein Hirsch! Hörst Du nicht, wie er mit seinem Geweih die Zweige abbricht? Vor dem haben wir uns gefürchtet, und er ist noch mehr erschrocken über uns.«

Sie setzten ihren Weg fort. Schon erlosch das Licht der Gestirne, der Morgen konnte nicht mehr fern sein. Mehr als einmal war Schilin im Zweifel, ob sie sich auch noch auf dem rechten Wege befänden. Wohl schien es ihm, als ob er auf dieser selben Straße in die Gefangenschaft geführt worden sei, und daß sie etwa zehn Werst noch zurückzulegen hatten; sichere Anzeichen dafür hatte er aber durchaus nicht, und die Nacht konnte ihn täuschen.

Er trat auf die Ebene hinaus, während Kostylin sich niedersetzte und sagte: »Mach, was Du willst, ich gehe nicht weiter. Meine Füße tragen mich nicht mehr.«

Wiederum suchte ihn Schilin zu ermutigen.

»Nein,« erwiderte Kostylin, »es geht nicht, ich kann durchaus nicht mehr!«

Schilin wurde zornig, spie aus und sagte ihm heftige Worte. »Nun, dann gehe ich allein. – Leb wohl!« schloß er.

Da sprang Kostylin auf und schleppte sich mühsam weiter. So legten sie vier Werst zurück, und immer dichter wurde der Nebel im Walde. Vor ihnen war nichts zu unterscheiden, und selbst die Sterne waren nicht mehr sichtbar.

Da plötzlich blieb Schilin stehen und horchte. Vor sich hörte er wieder Hufschläge. Deutlich war zu vernehmen, wie die Hufeisen gegen die Steine schlugen. Er legte sich platt auf den Erdboden und horchte.

»Diesmal ist es richtig ein Reiter, er kommt uns entgegen,« sagte er.

Sie zogen sich tiefer in das Dickicht zurück und warteten. Dann schlich Schilin wieder zum Wege zurück und sah nach allen Seiten. Bald kam ein Tatar zu Pferde, der eine Kuh vor sich her trieb, indem er ein Lied summte. Langsam ritt er vorbei, und Schilin kehrte erleichtert zu Kostylin zurück.

»Nun, Gott hat ihn vorbeigeführt. – Steh auf; wir müssen weiter!«

Kostylin machte eine Anstrengung, sich zu erheben, fiel aber sogleich wieder nieder.

»Ich kann nicht! Bei Gott, ich kann nicht, ich habe keine Kraft mehr!«

Der große, dicke Mensch schwitzte schrecklich. In dem kalten Nebel im Walde schauerte er vor Kälte; seine Füße waren wund, und er selbst ganz ermattet. Schilin wollte ihn mit Gewalt aufheben, aber Kostylin schrie dabei laut auf: »O weh! O weh!«

Schilin ward starr vor Schreck. »Was schreist Du so! Der Tatar ist ja noch ganz in der Nähe und hört Dich.«

Im stillen sagte er sich dabei: »Er ist auch in der Tat ganz schwach geworden. Was soll ich mit ihm anfangen? Einen Kameraden im Stich lassen, das geht nicht an.« Laut fügte er deshalb hinzu: »Steh auf und setze Dich auf meinen Rücken, ich werde Dich tragen, wenn Du wirklich nicht mehr gehen kannst!«

Er nahm in der Tat Kostylin auf den Rücken und trat mit seiner schweren Last auf den Weg hinaus.

»Aber würge mich doch nicht mit Deinen Händen am Halse!« sagte er. »Halte Dich an meinen Schultern fest.«

Schilin hatte schwer zu schleppen; seine Füße waren wund, und bald war er völlig erschöpft. Er bückte sich und suchte die Last bequemer zu rücken, damit ihm das Tragen etwas erleichtert werde, dann schleppte er sich mühsam weiter.

Allein Kostylins Geschrei mußte der Tatar, welcher vorhin vorbeigeritten war, gehört haben. Schilin hörte ihn zurückkommen und in seiner Sprache rufen. Wiederum eilte er ins Dickicht. Der Tatar ergriff sein Gewehr und schoß auf sie, jedoch ohne zu treffen. Dann ritt er schleunigst davon.

»Jetzt sind wir verloren, Bruder!« rief Schilin verzweifelt aus, »der wird uns alsbald die Tataren zur Verfolgung nachschicken. Wenn wir jetzt nicht mindestens drei Werst weit kommen können, so sind wir unrettbar verloren!«

Dabei sagte er zu sich selbst: »Der Satan hat mich verführt, diesen Fußklotz mit mir zu nehmen; allein wäre ich nun schon längst am Ziel.«

Kostylin sagte: »Geh allein! Warum willst Du mit mir zugrunde gehen?«

»Nein, allein gehe ich nicht; es ist nicht ehrenhaft, einen Kameraden im Stich zu lassen.«

Wieder nahm er ihn auf die Schulter. So ging es noch eine Werst weit immer durch den Wald, dessen Ende nicht abzusehen war. Doch der Nebel begann sich zu zerteilen und bildete Wolken, so daß die Sterne unsichtbar wurden und Schilin sich nicht mehr danach zu orientieren wußte. Am Wege fanden sie eine kleine Quelle, welche mit einem Stein bedeckt war. Schilin machte dort halt und setzte Kostylin ab.

»Ich muß mich etwas ausruhen und trinken! Wir können nicht mehr weit haben.«

Er beugte sich zur Erde nieder, um zu trinken. Plötzlich horchte er; er vernahm deutlich ein Geräusch, das sich in der Richtung, von wo sie gekommen waren, näherte. Wieder eilten sie nach rechts ins Dickicht, den Abhang hinab und verbargen sich darin, aufmerksam horchend. Bald hörten sie tatarische Laute. An derselben Stelle, an der sie vom Wege abgewichen waren, hielten mehrere Tataren. Sie sprachen miteinander und hetzten ihre Hunde auf die Suche. Schilin hörte ein Knistern im Gebüsch; ein fremder Hund stürzte gerade auf sie zu, hielt an und begann zu bellen.

Die Tataren folgten ihm nach. Es waren unbekannte Tataren. Die Flüchtigen wurden ergriffen, gebunden, auf die Pferde gesetzt und in raschem Trab davongeführt.

Nachdem sie auf diese Weise etwa drei Werst zurückgelegt hatten, begegnete ihnen Abdul in Begleitung von zwei anderen Tataren. Die Reiter wechselten einige Worte miteinander. Die Gefangenen wurden auf die Pferde von Abduls Begleitern gesetzt und in den Aul zurückgeführt.

Abdul lachte nicht mehr und sprach auch kein Wort mit ihnen. Gegen Morgen kamen sie im Aul an. Die Gefangenen wurden auf die Straße abgesetzt. Kinder liefen herbei, schlugen mit Peitschen nach ihnen, bewarfen sie mit Steinen und erhoben ein wildes Geschrei.

Die Dorfbewohner bildeten einen Kreis um sie, auch der Alte vom Berge war hinzugekommen. Lebhaft verhandelten sie miteinander. Schilin hörte, daß sie berieten, was mit den Gefangenen geschehen sollte: Die einen rieten, man müsse sie weiter in die Berge führen, der Alte blieb hartnäckig bei seiner Ansicht, man müsse sie töten.

Abdul widersprach. »Ich habe Geld für sie bezahlt,« sagte er, »und muß das Lösegeld für sie bekommen.«

Der Alte aber wiederholte: »Gar nichts werden sie bezahlen, sondern nur Unheil anrichten! Es ist eine Sünde, Russen zu füttern. Totgeschlagen müssen sie werden, und damit abgemacht!«

Die Versammlung ging auseinander. Abdul trat zu Schilin und sagte zu ihm: »Wenn man nicht binnen zwei Wochen das Lösegeld für euch schickt, so lasse ich euch zu Tode peitschen, und wenn Du es noch einmal wagst, zu fliehen, so erschlage ich Dich wie einen Hund! Jetzt schreib noch einmal einen Brief, das rate ich Dir.«

Man brachte ihm Papier, er schrieb einen zweiten Brief. Danach wurden ihnen wieder Fußblöcke angelegt und beide hinter die Moschee geführt. Dort befand sich eine Grube von etwa zehn Fuß Tiefe; in diese ließ man sie hinab.

*

VI.

Von diesem Tage an führten die Gefangenen ein elendes Dasein. Die Fußblöcke wurden ihnen nicht mehr abgenommen, und sie auch nicht mehr aus der Grube hinausgelassen. Wie Hunden warf man ihnen unausgebackenes Brot zu. Wasser ließ man ihnen im Eimer herab. Die Luft in der Grube war schwer und feucht. Kostylin wurde ganz krank und litt an Rheumatismus am ganzen Körper. Den ganzen Tag über stöhnte oder schlief er. Auch Schilin wurde äußerst niedergeschlagen und war nahe daran, den Mut zu verlieren, da er keinen Ausweg mehr sah. Zwar hatte er wieder angefangen zu graben; doch fehlte es ihm an einem Platze, wohin er die ausgegrabene Erde hätte schütten können; auch wurde es Abdul gewahr und drohte ihm mit dem Tode.

So saß er eines Tages, in schwermütige Sehnsucht nach der Freiheit versunken, als plötzlich gerade vor ihm ein Fladen auf seine Knie herabfiel, dann ein zweiter, und danach mehrere Kirschen. Überrascht schaute er nach oben und erblickte Dina, welche lachend über den Grubenrand herabblickte und dann davonlief.

»Könnte nicht vielleicht Dina uns helfen?« dachte Schilin. Er machte sich eine kleine Stelle in der Grube frei, grub Lehm aus und begann, von diesem Material Puppen zu formen; er fabrizierte Menschen, Pferde, Hunde und so weiter. »Wenn sie wiederkommt, werde ich sie ihr zuwerfen,« dachte er.

Aber Dina erschien am nächsten Tage nicht. Schilin hörte Hufschläge. Einige Reiter trabten vorüber. Die Tataren versammelten sich bei der Moschee, wo sie schrien und sich zankten unter lautem Schimpfen auf die Russen. Auch die Stimme des Alten war zu vernehmen, und wenn Schilin auch nicht alle einzelnen Worte verstand, so erriet er doch so viel, daß die Russen sich genähert hatten und die Tataren deren Eindringen in ihren Aul befürchteten. Sie berieten deshalb, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Nach langem Reden gingen sie auseinander.

Plötzlich vernahm Schilin ein Geräusch über sich. Als er den Blick nach oben richtete, sah er Dina auf den Fersen am Grubenrande sitzen, den Kopf zwischen die Knie gesenkt, so daß ihr Halsband über der offenen Grube hing. Ihre Augen leuchteten wie Sterne. Sie nahm aus ihrem Ärmel zwei Stück Käse und warf sie ihm zu. Schilin nahm sie und fragte dann: »Warum bist Du denn so lange nicht wiedergekommen? Ich habe Spielzeug für Dich gemacht. Hier nimm.«

Damit warf er ihr ein Stück nach dem andern hinauf; aber sie schüttelte ablehnend mit dem Kopfe und sah die Puppen nicht einmal an.

»Ich will sie nicht haben,« sagte sie. Schweigend saß sie dann noch eine Weile da.

»Iwan, sie wollen Dich umbringen,« sagte sie dann und deutete mit der Hand nach der Kehle.

»Wer will mich umbringen?«

»Der Vater. Die Alten haben es ihm befohlen. Aber Du tust mir leid.«

»Nun, wenn Du Mitleid mit mir hast,« sagte Schilin, »so reiche mir eine Stange herunter!«

Kopfschüttelnd entgegnete sie: »Das geht nicht!«

Er faltete die Hände. »Ich bitte Dich, Dina, bring mir doch eine Stange, Dinuschka!«

»Es geht nicht!« wiederholte sie. »Alle sind jetzt zu Hause; sie würden es sehen.« Nach diesen Worten entfernte sie sich.

In trübes Sinnen verloren saß Schilin am Abend desselben Tages. Oft blickte er nach oben. Die Sterne erschienen. Der Mond war jedoch noch nicht aufgegangen. Der Mullah hatte schon zum Gebet gerufen und alles ringsumher war still. Auch Schilin begann zu schlummern. »Dina fürchtet sich,« dachte er.

Da plötzlich fühlte er etwas Erde auf sein Haupt fallen. Er blickte hinauf. Das Ende einer Stange wurde am Rande der Grube sichtbar. Dieselbe wurde weitergeschoben und senkte sich langsam herab. Freudig überrascht griff Schilin mit der Hand danach. Es war dieselbe starke Stange, welche er früher auf dem Dache von Abduls Haus bemerkt hatte. Wieder blickte er empor. Hoch am Himmel glänzten die Sterne und über der Grube sah er trotz der Dunkelheit Dinas Augen leuchten. Sie neigte ihr Gesicht über den Rand und flüsterte herab: »Iwan! Iwan!«

Gleichzeitig aber machte sie ihm mit der Hand ein Zeichen, sich still und geräuschlos zu verhalten.

»Was gibt's?« fragte Schilin möglichst leise.

»Alle sind fort, nur zwei sind zu Hause geblieben.«

»Nun, dann komm, Kostylin, steh auf! Wir wollen es zum letztenmal versuchen! Ich werde Dich tragen!«

Doch Kostylin wollte nichts davon hören.

»Nein,« sagte er, »es ist mir nun einmal vom Schicksal bestimmt, daß ich diesen Ort nicht mehr verlassen soll! Wohin sollte ich auch gehen, da ich nicht einmal die Kraft habe, mich umzudrehen.«

»Nun, dann leb wohl und gedenke meiner in Freundschaft.«

Sie küßten sich zum Abschiede. Schilin umfaßte die Stange, hieß Dina dieselbe oben festhalten und kletterte hinauf. Zweimal fiel er wieder herunter; der Fußblock hinderte ihn am Klettern. Kostylin half nach und so gelangte Schilin endlich nach oben. Schließlich zog Dina selbst ihn mit allen Kräften ihrer Händchen am Hemdkragen heraus und lachte über das Gelingen freudig auf. Schilin zog hinter sich die Stange herauf und riet ihr: »Bringe sie schnell wieder an ihren früheren Platz, Dina! Wenn sie Dich hier überraschten, würden sie Dich schlagen!«

Sie zog die Stange nach sich, während Schilin den Berg hinabeilte. Als er am Fuße angekommen war, nahm er einen scharfen Stein auf und versuchte damit das Schloß seiner Fessel zu zerschlagen. Das Schloß gab aber nicht nach, er mußte seine Bemühungen einstellen, aus Furcht, sein Hämmern könnte gehört werden.

Da ließen sich leichte Schritte vernehmen, die den Berg herabeilten. »Das ist jedenfalls Dina,« dachte er, und hatte sich nicht geirrt. Dina lief herbei, sie nahm einen Stein und sprach: »Gib her, laß mich versuchen.«

Damit kniete sie vor ihm und begann mit dem Aufgebot all ihrer kindlichen Kraft auf das Eisen loszuschlagen; indes waren ihre kleinen und feinen Händchen dieser Aufgabe nicht gewachsen. Mutlos warf sie den Stein beiseite und begann zu weinen. Noch einmal machte Schilin selbst einen Versuch, während Dina auf den Fersen neben ihm kauerte.

Er sah sich um und bemerkte, wie sich schon der Horizont erhellte. Der Mond mußte bald aufgehen.

»Vor Aufgang des Mondes,« sagte er sich, »muß ich jedenfalls die Schlucht passiert und den schützenden Wald erreicht haben.« Er erhob sich und warf den Stein beiseite. »Ich muß gehen, wenn auch mit dem Block an den Beinen.«

»Leb' wohl, Dinuschka,« wandte er sich an diese. »Ich werde ewig an Dich denken!«

Dina umfaßte ihn und suchte nach seiner Tasche, um ihm noch mehr Brot zuzustecken. Er nahm ihr die Fladen ab.

»Ich danke Dir, Dina, Du bist ein kluges Mädchen!« sagte er. »Wer wird Dir aber nun Puppen machen, wenn ich nicht mehr hier bin?«

Dabei streichelte er ihr das Köpfchen. Dina weinte heftig und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Dann lief sie wie eine junge Ziege gewandt den Berg hinauf. In der Dunkelheit hörte man nur die Geldstücke an ihrem Halsband klirren.

Schilin bekreuzigte sich, nahm das Schloß der Fesseln in die Hand, um das Klirren derselben zu verhindern, und machte sich eilig auf den Weg. Hinkend, wegen des Fußblocks, schleppte er das eine Bein mühsam nach. Dabei blickte er immer wieder besorgt nach der einen helleren Stelle des Himmels, wo der Mond erscheinen mußte. Er kannte den Weg; etwa acht Werst hatte er in gerader Richtung zurückzulegen. Wenn er nur den Wald erreichen konnte, bevor der Mond ganz aufgegangen war.

Er durchwatete das Flüßchen. Hinter dem Berge ward es nun allmählich heller. Er erreichte die Schlucht und setzte durch dieselbe eifrig seinen Marsch fort, wobei er immer wieder besorgt zum Monde aufblickte. Mehr und mehr rötete sich der Himmel, und die eine Seite der Schlucht ward heller und heller. Der Schatten des Berges wurde schon kleiner und näherte sich ihm immer mehr.

Schilin marschierte im Schatten weiter, sich beeilend, so sehr er es nur vermochte, aber doch noch viel schneller als er legte der Mond seinen Weg zurück. Schon war der Berggipfel zu seiner Rechten hell beleuchtet. Jetzt hatte er den Wald erreicht, als eben der Mond hinter dem Berge emporstieg. Es wurde hell wie am Tage, und an den Bäumen waren die einzelnen Blätter deutlich erkennbar. Hell wurden nun auch die Berge. Die tiefe Stille der Nacht wurde nur durch das Rauschen des Flüßchens im Grunde der Schlucht unterbrochen.

Ohne jemand zu begegnen, trat Schilin in den Wald ein. Dort suchte er sich eine stark beschattete Stelle aus, um sich niederzusetzen und nach dem beschwerlichen Marsche die Glieder zu ruhen. Er aß etwas von seinem Vorrat und erholte sich. Nachdem er einen Stein gefunden, machte er aufs neue einen verzweifelten Versuch, sich von dem hinderlichen Fußblock zu befreien; aber vergebens schlug er sich dabei die Hände wund. Er erhob sich und setzte seinen Weg in der früheren Weise fort. Eine Werst weit war er so gekommen, indem er sich aus allen Kräften beeilte, dann machte er halt.

»Es ist nicht zu ändern,« dachte er; »ich werde mich schleppen, soweit es eben die Kräfte noch zulassen; denn wenn ich mich niedersetze, so komme ich nicht mehr auf. In dieser Nacht werde ich die Festung nicht mehr erreichen. Wenn der Tag anbricht, so verberge ich mich im Wald und gehe erst in der kommenden Nacht weiter!«

So marschierte er die ganze Nacht hindurch. Zwei tatarische Reiter kamen ihm entgegen; doch Schilin hatte sie schon von weitem entdeckt und Zeit gefunden, sich hinter den Bäumen zu verstecken.

Schon begann der Mond zu erblassen, es fiel Tau, der Tagesanbruch stand bevor. Aber noch hatte Schilin nicht den Rand des Waldes erreicht.

»Nun,« sagte er sich, »noch dreißig Schritte weiter, und dann werde ich mir irgendwo im Walde eine Stelle zum Rasten suchen.« Nachdem er die dreißig Schritte zurückgelegt, sah er, daß der Saum des Waldes dicht vor ihm lag; er trat an den Rand hinaus, als es schon völlig hell geworden war. Wie auf der flachen Hand lag vor ihm die Steppe ausgebreitet und darauf lag die Festung. Nach links hin ganz nahe waren lodernde Wachtfeuer am Berge zu sehen. Er sah den dorther aufsteigenden Rauch und die rings um denselben lagernden Soldaten.

Vorsichtig sah er sich nach allen Seiten um, wobei er die funkelnden Gewehrläufe und die einzelnen Soldaten deutlich zu unterscheiden vermochte. Schilin war außer sich vor Freude. Seine letzten Kräfte zusammenraffend, ging er den Berg hinab. »Gott wolle verhüten,« dachte er, »daß mich noch auf dem ebenen Felde tatarische Reiter erspähen. Schon so nahe dem Ziel, würde ich es dann doch nicht erreichen!«

Kaum war in ihm dieser Gedanke aufgetaucht, da erblickte er links am Hügel drei Tataren, nicht zwei volle Werst von ihm entfernt. Auch sie hatten ihn bemerkt und begannen, ihn zu verfolgen.

Sein Herz war von Freude und von Furcht erregt. Er winkte mit den Armen nach der Festung zu und rief, so laut er es nur vermochte: »Brüder zu Hilfe, Brüder!«

Man hatte seinen Ruf im Lager gehört. Kosaken sprangen zu ihren Pferden und jagten ihm entgegen, wobei sie zugleich den Tataren den Rückweg abzuschneiden versuchten. Aber noch waren die Kosaken weit entfernt, während die Tataren mit jeder Sekunde dem Flüchtling näher auf die Fersen kamen. Schilin nahm seine letzten Kräfte zusammen, und den Fußblock mit den Händen fassend, eilte er den Kosaken entgegen, außer sich vor Erregung, sich fortwährend bekreuzigend und ausrufend: »Brüder – Brüder – Brüder!«

Es waren etwa fünfzehn Kosaken. Die Tataren bekamen Furcht und wagten es nicht, die Verfolgung noch weiter auszudehnen; sie galoppierten den Bergen zu.

So erreichte denn endlich Schilin die Kosaken. Sie umgaben ihn und überhäuften ihn mit Fragen, wer er sei, was für ein Mensch und woher er komme. Aber Schilin vermochte im Übermaß der Erregung und Erschöpfung nicht zu antworten, er weinte und wiederholte nur immer: »Brüder – Brüder!«

Soldaten liefen herbei und brachten ihm der eine Brot, der andere Grütze, ein dritter Branntwein. Er wurde mit einem wärmenden Mantel bedeckt und der Fußblock zertrümmert. Die inzwischen hinzugekommenen Offiziere erkannten ihn und führten ihn in die Festung, wo er von Offizieren und Soldaten mit Freudenrufen empfangen wurde.

Nachdem er sich erholt, mußte Schilin ihnen alle Erlebnisse seiner Gefangenschaft erzählen, und schloß seinen Bericht mit den Worten: »Nun, ich wollte nach Hause fahren und heiraten; aber es ist offenbar geworden, das Schicksal will es nicht.«

Und so verblieb er im Kaukasus.

Erst einen Monat später wurde Kostylin gegen Zahlung von fünftausend Rubel ausgelöst. Er kam kaum noch lebend heim.

*

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