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Der Gaukler der Ebene und andere afrikanische Märchen und Legenden

Carl Einstein: Der Gaukler der Ebene und andere afrikanische Märchen und Legenden - Kapitel 5
Quellenangabe
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typelegend
authorCarl Einstein
titleDer Gaukler der Ebene und andere afrikanische Märchen und Legenden
publisherFischer Taschenbuch Verlag GmbH
year1983
isbn3596228433
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sagen der Fang

Sonne, Mond und Sterne

Im Anfang waren Sonne und Mond Mann und Frau. Sie lebten zusammen und hatten viele Kinder. Die Kinder von Sonne und Mond nennt man Sterne. Sonne, Mond und Sterne essen nicht die gleichen Speisen wie wir. Sie nähren sich vom Feuer, und darum glänzen sie. Im Anfange waren Sonne und Mond Mann und Frau.

Sie lebten zusammen. Da kam eines Tages ein mächtiger Häuptling in ihr Dorf, dessen Name und Land weiß ich nicht. Er brachte viele Kisten voller Waren mit. So groß waren seine Schönheit und sein Reichtum, daß das Herz des Mondes alsbald entflammte. Als der Häuptling wegging, gab der Mond ihm ein Zeichen. An der Wegkrümmung wollten sie sich heimlich treffen, um rasch zu fliehen.

Die Sonne merkte bald, daß der Mond nicht mehr an seiner Seite ist. »Wo ist sie«, schreit er seinen Kindern zu. Diese wissen nicht Antwort. »Wo ist sie, frage ich euch?« Sein Gesicht funkelt in Zorn, daß alle Sterne sich fürchten.

»Ah«, schreit er, »ihr seid es, die eurer Mutter geholfen habt.« Sofort jagte er sie. Jedesmal, wenn er einen Stern ergreifen kann, verschlingt er ihn, und niemand spricht mehr von dem Stern. Aber diese sind dermaßen zerstreut und so zahlreich, daß immer noch einige bleiben und sogar viele. Seit dieser Zeit läuft die Sonne jeden Tag hinter dem Mond und den Sternen her. Sobald diese ihn am Himmelsrand aufgehen sieht, beeilt sie sich, in ihre Hütte zu verschwinden. Wenn er den ganzen Teil des Firmaments, so wie wir sehen, belaufen hat, eilt er zur anderen Seite, ermüdet nie und rastet keinen Tag. Kaum daß er verschwunden ist, seht ihr den Mond aufscheinen, bald hier bald da; denn sie wechselt oft den Schlupfwinkel, um den Gatten von der Spur abzulocken. Mitunter überrascht er sie, und mit einem Biß seiner Zähne reißt er ein Stück aus. Manchmal, wenn der Mond sich zu sehr inmitten ihrer Kinder verspätet, trifft er sie noch am Himmel und will sie verschlingen. Bis jetzt gelang es ihm nicht; denn der Mond ist sehr flink. Sobald der Gatte sie erreicht, rettet sie sich rasch, und das Verfolgen beginnt von neuem. Bisweilen entdeckt die Sonne den Schlupfwinkel seiner Frau. Er nähert sich leise, leise, und während langer Stunden birgt sich der Mond.

Doch wenn sie frei ist, läuft sie schnell in die Mitte ihrer Kinder, der Sterne; denn sie liebt diese sehr, und wie eine gute Mutter frißt sie sie nie. Sie geht von einer Hütte in die andere und besucht sie nacheinander. Mitunter feiert sie mit ihnen Hochzeit; sie wirft sich dann um den Kopf ein wunderbares Band, das sie am Tage der Vermählung mit der Sonne trug. Sobald die Sonne von der anderen Seite der Erde wieder aufscheint, flieht sie schnell mit all ihren Kindern. Nur eins läßt sie zurück, immer den gleichen Stern, damit er im Falle der Gefahr Nachricht bringt, und der wacht behutsam Morgen wie Abend.

Die Verfolgung dauert schon lange, lange Zeit. Aber ein Tag wird kommen, da sie endet; denn nach allem ist der Mensch Meister der Dinge, und er muß Recht behalten. Ohne ihn wären die Dinge schlimm. Diesen Tag wird die Sonne den Mond in eine tiefe Grube verschließen in den Grund der Erde, und nimmer wird er sie aufsteigen lassen. Wenn die Mutter im Gefängnis sein wird, werden die Kinder rasch gefressen sein.

»Was geschieht dann mit uns Menschen?«

»Das weiß ich nicht, mein Bruder.«

Die Erzählung von Ngurangurane, dem Krokodilmann

Vor langer Zeit lebte ein großer Zauberer, Ngurangurane geheißen, der Krokodilmann. Hier wird erzählt, wie er geboren wurde; das ist die erste Sache. Was er tat und wie er starb, das ist die zweite Sache. All seine Taten zu erzählen, das ist unmöglich; und auch, wer könnte ihrer sich erinnern. –

Damals wohnten die Fang am Ufer eines großen Flusses, so breit, daß man nicht das andere Ufer sehen konnte. Sie fischten am Ufer, sie gingen nicht auf den Fluß. Keiner hatte sie gelehrt, Boote auszuhöhlen. Ngurangurane hat sie das gelehrt.

Im Fluß lebte ein ungeheures Krokodil. Die Kraft dieses Tieres war wunderbar. Sein Kopf war länger als die Hütte, seine Augen größer als ein ganzes Zicklein, seine Zähne rissen einen Menschen in zwei Stücke, seine Schuppen machten einen Menschen gegen die stärkste Lanze unverwundbar. Es war ein schreckliches Tier; dies hatte den Fang also befohlen:

»Jeden Tag sollt ihr mir einen Sklaven zu essen geben; den einen Tag einen Mann, den anderen eine Frau, und an jedem Neumond ein Mädchen, sorgfältig rot gemalt, leuchtend vom Fett und rotem Puder. Wenn ihr dies tut, sollt ihr in Frieden leben, wenn nicht, wird großes Unglück euch heimsuchen.« Die erschreckten Menschen schwiegen, und den anderen Tag brachte man dem Krokodil das geforderte Opfer. Den einen Tag einen Mann, den anderen Tag eine Frau, und an jedem Neumond ein Mädchen, glänzend von Öl und rot gepudert. Der Name des Krokodils war Ombure. Die Wasser gehorchten Ombure. Die Wälder gehorchten Ombure. Er war Herr des Waldes, er war Herr des Wassers. Zweimal versuchten die Fang, sich dem von Ombure auferlegten Tribut zu entziehen und verließen das Land, darin sie wohnten. Eines Tages versammelte der große Häuptling alle Häuptlinge in seinem Haus. Er sprach lange; lange nach ihm sprachen die anderen. Da der Palaver beendet war, sprach der große Häuptling: »Also ist die Frage des Aufbruchs geregelt. Wir werden weit ziehen, weit von hier, jenseits der Berge. Wenn wir weit sein werden, vom Fluß, weit entfernt von hier, wird Ombure uns nicht erreichen können.« Alle antworteten: »Wir wollen gehen; wenn wir weit sein werden, sehr weit vom Fluß, kann Ombure uns nicht erreichen; wir werden glücklich sein.« Also ward beschlossen, die Pflanzungen nicht zu erneuern, und daß der ganze Stamm zu Ende der Regenzeit die Flußufer verlasse.

 

So wurde getan. Zu Beginn der trockenen Jahreszeit, wenn die Flüsse vertrocknet und sich gut reisen läßt, setzt der Stamm sich in Marsch. Am ersten Tag ging es rasch, rasch; so rasch, wie man gehen konnte. Jeder Mann trieb seine Frauen an; die Frauen eilten schweigend, gebückt unter der Last der Vorräte und Werkzeuge; man trug alles mit, Töpfe, Geschirr, Körbe, alles, alles. Jede Frau hatte ihre Last. Der große Häuptling war an der Spitze, um zu führen. Den ersten Tag schauten viele hinter sich und glaubten, das Krokodil zu hören; aber sie hörten es nicht. Am zweiten Tag war der Marsch der gleiche; aber man hörte nichts; am dritten Tage war der Marsch der gleiche; man hörte nichts.

Am dritten Tage steigt das Krokodil wie gewöhnlich aus dem Wasser und kommt zu dem Platz, wohin man sein Opfer brachte. Nichts. »Was ist das?« Sofort geht es zum Dorf. Er hört kein Geräusch, er tritt ein. Alle Hütten sind verlassen. Er geht zu den Pflanzungen, alle Pflanzungen sind verlassen. Er durchläuft alle Dörfer, alle Dörfer sind verlassen, er durchläuft alle Pflanzungen, alle Pflanzungen sind verlassen.

Ombure gerät in schrecklichen Zorn und taucht in den Fluß zurück, seine Fetische zu befragen. Er singt.

»Die ihr den Wassern befehlt,
Die ihr den Wäldern befehlt.
Die ihr alle mir gehorcht, ich rufe euch.
Kommt, kommt auf den Ruf eures Herrn,
Antwortet gleich.
Ich will den Blitz schicken, den Donner schicken, der murrt.
Den Regen, der aus den Wolken fällt,
Den Sturm, der die Bananenbäume ausreißt,
Alle werden der Stimme ihres Herrn antworten.
Ihr alle, die ihr mir gehorcht, sagt mir den Weg,
den Weg, den die Flüchtigen nahmen.«

Nachdem Ombure seine Fetische befragt hatte, kannte er den Weg, den die Flüchtlinge genommen hatten. Vergebens hatten diese ihre Spuren verheimlicht. Ombure kannte ihren Weg. Wer hatte es ihn gelehrt? Der Regen, der Wind, der Sturm hatten es ihm gesagt; der Donner, der Blitz, der Wald hatten es ihn gelehrt.

Die Fang setzten ihren Marsch fort, lange, lange. Sie überschritten die Berge, und der große Häuptling befragte seinen Fetisch. »Sollen wir hier halten?« Der Fetisch, der Ombure gehorchte – doch dies wußte der Häuptling nicht –, der Fetisch antwortete: »Nein, du wirst nicht hier halten.« Sie durchschritten die Täler, und der große Häuptling fragte seinen Fetisch: »Werden wir hier halten?« Der Fetisch, der Ombure gehorchte, aber dies konnte der Häuptling nicht wissen, antwortete: »Nein, du wirst hier nicht halten, das ist kein guter Platz.« Sie durchschritten die Ebene, und da sie durchschritten war und man den großen Wald gefunden hatte, den Wald, der nicht endet, befragte der große Häuptling wiederum seinen Fetisch: »Sollen wir hier halten?« Und der Fetisch antwortete noch einmal: »Weiter.« Endlich kamen sie in eine weite Ebene vor einen großen See, der jeden Durchgang verschloß, und der große Häuptling befragte seinen Fetisch: »Sollen wir hier halten?« Der Fetisch, der Ombure gehorchte, antwortete: »Hier bleibe.«

Die Fang waren viele Tage und viele Monde gewandert. Die kleinen Kinder waren groß geworden, die Jünglinge waren junge Krieger geworden und die jungen Krieger reife Männer. Sie waren viel Tage und viel Monde gewandert. Sie hielten am Seeufer. Man errichtete neue Dörfer, Pflanzungen wurden angelegt. Da alles bereit war, vereinigte der Häuptling seine Männer, um dem Dorf einen Namen zu geben, und man nannte es: »Akurangan, die Befreiung vom Krokodil.«

In der gleichen Nacht gegen Mitternacht hören sie großes Geräusch. Alle kommen heraus. Ombure war in der Mitte des Dorfes. Er war vor der Hütte des großen Häuptlings. Was tun? Wohin fliehen und sich verbergen? Keiner wußte es, und da der große Häuptling aus seiner Hütte hervorkam, um zu sehen, was geschehe, Yu, das war der erste Fang. Mit einem Biß brach ihn Ombure entzwei. »Hier hast du die Befreiung vom Krokodil«, sprach Ombure und ging zum See zurück. Die zitternden Krieger wählten einen anderen Häuptling. Man nahm einen Sklaven und band ihn am Seeufer als Opfer fest. Ombure, da der Abend gekommen war, verschlingt seine Beute, dann dringt er ins Dorf und fordert gebieterisch einen anderen. »Jeden Tag«, sprach er, »gebt ihr mir zwei Opfer; einen Tag zwei Männer, den anderen Tag zwei Frauen, jeden Neumond zwei Mädchen. Wenn nicht, so werdet ihr untergehen. Ich bin Ombure, der König des Waldes, ich bin Ombure, der König des Wassers.«

So geschah es lange Jahre hindurch. Jeden Tag erhielt Ombure zwei Opfer, einen Tag zwei Männer, einen anderen Tag zwei Frauen, und jeden Neumond zwei Mädchen. Um dem Blutopfer zu genügen, führten die Fang überall Krieg und waren Sieger; denn das große Krokodil schützte sie. Sie wurden große Krieger.

Nach langen Jahren vergaßen die Fang Wanderung und Unglück, das dieser gefolgt war. Sie waren des von Ombure auferlegten Tributs müde geworden, wollten sich empören und fliehen.

Die Fang zogen zum Wald; dieser verschloß sich ihnen auf Ombures Befehl. Sie waren gezwungen, zum See zurückzukehren, und Ombure forderte nun jeden Tag zwei Mädchen als Opfer –

Jeden Tag führt man Ombure zwei Mädchen zu, zwei Mädchen, in Rot gemalt, leuchtend von Öl. Sie weinen und klagen des Abends. Am Morgen weinen und klagen sie nicht mehr, man hört sie nicht mehr. Sie wohnen auf dem Grund des Sees, in Ombures Höhle. Sie dienen ihm und bereiten seine Nahrung. Eines Tages geschah dies:

Das Mädchen, das des Abends an den See als Opfer gestellt wurde, war die Tochter des Häuptlings. Sie war jung, sie war schön. Abends wurde sie beim Seeufer festgebunden mit ihrer Gefährtin. Die Gefährtin kehrte nicht wieder, aber da der Tag erschien, war die Tochter des Häuptlings noch da. Ombure hatte sie verschont. Neun Monate darnach gebar die Tochter des Häuptlings ein Kind, einen Knaben. Dieser Knabe war Ngurangurane. Ngurangurane ist der Sohn von Ombure, dem Krokodilhäuptling, und ist die erste Geschichte.

Der Tod des Krokodils

Ngurangurane, das Kind des Krokodils und der Häuptlingstochter, wuchs jeden Tag; aus dem Kind wird ein Jüngling, aus dem Jüngling wird ein junger Mann. Dann wird er der Häuptling seines Volkes. Er war ein mächtiger Häuptling und kundiger Zauberer. In seinem Herz stand großes Verlangen, den Tod des Häuptlings zu rächen, des Vaters seiner Mutter, sein Volk vom Tribut zu befreien, womit das Krokodil es bedrückt. Hier wird erzählt, was geschah.

Im Walde findet man einen Baum, das wißt ihr; den Baum nennt man Palme, so fließt der Saft, er fließt überreich. Wenn ihr ihn in ein Tongefäß verschließt und zwei bis drei Tage darinnen laßt, so habt ihr den Dzang, den Trunk, der das Herz erfreut. Das wissen wir jetzt, aber unsere Väter wußten es nicht. Ngurangurane hat es gefunden, und als erster trank das Krokodil den Dzang.

Wer hat ihn den Dzang gelehrt? Ngonomane, der Steinfetisch, den ihm seine Mutter gegeben hat. Ngurangurane tat also: »Bereitet«, sprach er zu den Frauen, »alle Tongefäße, die ihr besitzt, alle, und geht in den Wald, zum Tonbach, um noch andere zu fertigen.« Die Frauen taten so.

»Gehen wir in den Wald«, sprach er zu den Männern, »die Bäume zu schneiden, die ich euch zeigen werde.« Alle gingen mit Äxten und Messern. Sie schnitten die Bäume, die Ngurangurane ihnen zeigte. Dies waren Palmen. Da alle geschnitten waren, fing man den Saft auf, der überreich aus den Wunden, von der Axt geschlagen, floß. Die Gefäße wurden herbeigebracht; dies taten die Frauen; die alten Krüge und die neuen. Da alle da waren, füllten sie alle mit Dzang. Die Frauen trugen sie alle in das Dorf. Alle Tage kostete Ngurangurane das Getränk. Die Männer wollten wie er tun, doch das verbot er ihnen durch ein großes Eki (Tabu). Ein Mann trank im geheimen trotz des Verbots und der Kopf drehte sich ihm sofort. Ngurangurane tötete ihn mit einem Schlag, da er das Verbot überschritten und das Eki mißachtet hatte.

Drei Tage später versammelte er seine Leute, die Männer und die Frauen, und sprach zu ihnen: »Jetzt ist Zeit; nehmt die Gefäße und kommt mit mir zum Seeufer.« Sie nahmen die Gefäße und gingen mit ihm. Da man am Seeufer war, befiehlt Ngurangurane seinen Leuten: »Schleppt alle Gefäße ans Ufer«; das taten sie. »Tragt die Erde, die ich euch suchen ließ, herbei«, und am Seeufer baut man aus frischer Erde zwei große Gruben. Sie wurden sorgsam mit den Füßen getreten, sorgsam mit den Daumen geglättet. Dann gießt man allen Dzang aus den Gefäßen in die beiden Gruben, jeden Tropfen. Die Gefäße wurden zerbrochen und in den See geworfen. Die beiden Opfer wurden beiden Gruben festgebunden; alle kehren ins Dorf zurück. Ngurangurane bleibt allein und verbirgt sich bei den Gruben.

Zur gewohnten Stunde kommt das Krokodil aus dem Wasser hervor. Es geht auf die Gefangenen zu, die vor Schrecken zittern. »Was ist das«, sagte er, als er zu den Gruben kommt, »was ist das?« Er schmeckt ein wenig die Flüssigkeit, das Getränk erscheint ihm gut, und er schreit mit lauter Stimme: »Das ist gut, morgen werde ich den Fang befehlen, mir solches jeden Tag zu liefern.« Da er geendet hatte, sang er:

»Ich trank den Dzang, den Trank, der das Herz erfreut.

Ich trank den Dzang, mein Herz ist ergötzt, ich trank den Dzang.

Der Häuptling, dem alle gehorchen, ich bin es, der große Häuptling.

Ich bin es, Ngan, ich bin es, der Herr der Wasser, der Herr der Wälder. Der Häuptling, dem alle gehorchen, ich bin es, der große Häuptling.

Ich trank den Dzang, den Trank, der das Herz erfreut.«

Er singt und schläft frohen Gemütes am Strande, ohne die Gefangenen zu bedenken.

Ngurangurane nähert sich dem schlafenden Ungeheuer mit einem starken Strick, unterstützt von den Gefangenen bindet er es an einen Pfahl. Dann schleudert er mit aller Gewalt seinen Wurfspieß, und trifft das stumme Tier. Die Lanze prallt von den dichten Schuppen zurück, ohne zu verwunden. Das Krokodil zuckt nur ein wenig und sagt im Schlaf: »Eine Mücke hat mich gestochen.« Ngurangurane nimmt seine starke Steinaxt, mit einem schrecklichen Schlag trifft er das eingeschlafene Tier. Die Axt prallt zurück, ohne das Ungeheuer zu verwunden. Die zwei Gefangenen flüchten erschrocken. Ngurangurane, der Herr des Donners, ruft den Blitz zu Hilfe. Der Blitz verweigert den Gehorsam. Er greift seinen Stein, den Stein von Ngurangurane, in seinem Namen befiehlt er dem Blitz, ihm zu helfen. Dieser gehorcht nun. Er trifft das Krokodil am Kopf und zwischen den Augen, das Krokodil fällt auf der Stelle vom Blitz geschlagen tot.

Ngurangurane eilt in das Dorf zurück. »Ihr alle, Leute des Dorfes«, spricht er, »kommt alle. Kommt zum Seeufer. Das Krokodil liegt tot da. Ich habe das Krokodil getötet. Ich habe den Häuptling unseres Volkes gerächt. Ich habe euch befreit. Ich, Ngurangurane.«

Alle waren glücklich, man tanzte um die Leiche den großen Krokodiltanz.

Die Verehrung des Krokodils

Am Seeufer liegt das Krokodil ausgestreckt. Am anderen Morgen tut Ngurangurane also:

Er nimmt das Messer, das Opfermesser aus Stein, und befiehlt seinen Männern, die Leiche umzudrehen. Sie drehen die Leiche um. Nun spaltet Ngurangurane die Haut. Er spaltet sie von der Gurgel bis zum Schwanz, er spaltet sie der Länge nach, und er spaltet sie zweimal in der Breite. Er zerschneidet sie auf jeder Seite. Das Fleisch wird weggetragen und auf das Feuer gesetzt. Jeder der Männer nimmt sein Teil, jeder sein Stück. Für Ngurangurane das Herz und das Hirn, für die Greise die weichen Teile, für die Krieger das Fleisch, für die Frauen und Kinder die Eingeweide. Jeder hat sein Teil, jeder sein Stück.

Die Haut wird getrocknet und sorgfältig zusammengenäht. Ngurangurane verteilt Holzstücke, um sie abzustreifen. Da alles bereit ist, läßt der große Häuptling die Haut auf die See setzen. Sie schwimmt an der Oberfläche. Ngurangurane ließ darauf die Flossen als Ruder dienen, den biegsamen Schwanz als Steuer. Er geht hier und dort hin, zur rechten und linken, vorwärts und rückwärts. Bis dahin wußten die Fang nicht, was eine Piroge ist. Wie Ngurangurane mit der Krokodilhaut getan, also taten die Fang mit den Baumstämmen und höhlten sie aus. Ngurangurane hat sie diese Kunst gelehrt, und die erste Piroge, die aus Baumstämmen gehöhlt wurde, ahmte den Bau des Krokodils nach. Seit dieser Zeit gingen die Fang auf See, sie begannen große Fische zu fangen; denn bis dahin fürchteten sie das Krokodil und fingen nur Flußfische. Dies ist nicht alles. Nachdem Ngurangurane sein Volk gerächt hatte, gedachte er, daß er des Krokodils Sohn sei, und befahl große Trauerfeste, die großen Feste, welche die Geister der Toten befreien. Während dreißigmal dreißig Tagen beweinten die Frauen das Krokodil, während dreißigmal dreißig Tagen abends und morgens singen sie das Trauerlied, und die Klagen erschallen. Während dreißigmal dreißig Tagen waren die Haare gelockert und mit Erde gefüllt, Gesicht und Brust waren mit weißem Ton gemalt, und sie sangen das Lob des Vaters des Ngurangurane; während dreißig Mondzeiten durcheilte der erzürnte Geist des Krokodils die Dörfer, suchte seine Rache und verfolgte die Lebenden. –

Täglich dröhnte das Tamtam des Todes, die Tänzer folgten einander. Ngurangurane führte den Dienst. Am letzten Tage sind alle Männer und Frauen vereinigt. Nahe beim Dorf, im benachbarten Wald, ließ Ngurangurane Bäume fällen und einen runden Platz anlegen. Die Frauen bringen Tonerde, und mit eigenen Händen knetet der große Häuptling das Bildnis des Ahnen. Er knetet ein ungeheures Krokodil, man schmückt es mit Weiß und Schwarz, mit Schwarz und Rot, und da es ganz bereitet ist, begannen die kreisenden Tänze um den Ahnen. Sie währten die ganze Nacht bis zum Morgen; das Tamtam ertönt. Dann nähert sich Ngurangurane ganz allein. Vor das Bildnis führt er zwei Gefangene, er opfert zwei Männer vor dem Bild. Vor dem Bild opfert er zwei Frauen. Die Fleischstücke sind vor das Krokodil, zu seinem Haupt die Häupter, zu seinem Leib die Leiber gelegt worden. Dann zieht jeder sich zurück. Er spendet die Totenspende. Da alles beendet ist, befiehlt er: »Ein jedes Jahr werden wir auf gleiche Weise das Krokodil ehren. Ein jedes Jahr werden wir sein Gedächtnis feiern. Sein befriedeter Geist geht zum Land der Toten.« Von diesem Tag an bleiben die Fang, vom Tribut befreit, dem neuen Dienst treu.

Der Tod Nguranguranens

Ngurangurane ist ein großer Häuptling. Er führt die Fang in den Krieg, sie siegen immer. Ngurangurane weiß, wann der Feind heranzieht. Dadurch weiß er es.

Des Abends sucht Ngurangurane im Wald Kräuter; die Kräuter, die man kennen muß. Den dreiblättrigen Kela, die Disteln mit den glühenden Spitzen, den starkriechenden Osim, den Ka mit dem bitteren Saft und noch viele andere. Dann zerreibt er in seinem Mörser jedes Kraut und jeden Baum, er singt und mischt Hyänensaft darein.

Wenn alles eine zähe Masse gibt, gut vermischt ist, bedeckt Ngurangurane seinen ganzen Körper damit. Sein ganzer Körper ist überzogen, und keiner darf hinsehen, keiner ihn betrachten; der Tod ist dem Neugierigen gewiß. Zauberischer Sang tönt lange Zeit; da verwandelt sich Ngurangurane, Federn wachsen auf seinem Körper: er war Mensch, er wird Falke, er wird Geier, seine Arme sind Flügel, seine Beine sind Klauen, seine Finger haben Krallen. Er ging als Mensch, als Vogel fliegt er fort; sehr hoch, sehr hoch in die Lüfte. Unter den Wolken schwebt er, und sein rasender Flug trägt ihn über die feindlichen Dörfer. Unsichtbar hört er die Beratung. Er zählt die Krieger, er kennt den Weg, den sie gehen werden, die Pfahlspitzen, die sie einrammen. Er folgt ihrem nächtlichen Marsch, und wenn er zu seinem Dorf zurückkommt, von Neuem als Mensch, führt er seine Krieger, zernichtet die Anschläge des Feindes und siegt. Ngurangurane ist ein großer Häuptling, der Häuptling der Fang.

Abiere ist seine Frau. Abiere, die Tochter Ndonges. Sie liebt er vor allen anderen Frauen. Abiere ist jung, und Ngurangurane ist alt. Seine Haare sind fast verschwunden, sein Bart ist durch die weiten Jahre gebleicht, seine Stärke beginnt ihn zu verlassen. Ngurangurane liebt Abiere, doch Abiere liebt nicht Ngurangurane. Sie liebt Ava, den Sohn Nzogos, er ist jung und schön; sie liebt ihn, und sie möchte ihm gehören.

Abiere flieht mit Ava, doch Ngurangurane ruft die Geister des Waldes und der Wasser und verfolgt die Flüchtlinge. Bald greift er sie; Ava entgeht ihm, doch er faßt Abiere. Schrecklich züchtigt er sie und verzeiht, nachdem er ihr die Ohren abgeschnitten hat.

Abiere hat Schande und kann sich nicht mehr den Tänzen ihrer Gefährtinnen mischen. Sie muß in ihrer Hütte verborgen bleiben, sie schwört, sich zu rächen. Da Ngurangurane schläft, raubt sie ihm den Fetischstein, den er von seiner Mutter hält und den er immer an seinem Hals in einem kleinen Sack trägt. Mit List und Bitten hat sie von ihm das wunderbare Geheimnis dieses Steines erlernt, ohne ihn kann Ngurangurane sich wohl in einen Vogel verzaubern, aber einmal verwandelt, kann er ohne Hilfe dieses Steines menschliche Gestalt nicht mehr zurückgewinnen. Abiere gibt den Fetischstein Ava. Zu dieser Zeit brechen die Ye-Kwa in das Land der Fang ein. Ngurangurane eilt, in einen Vogel sich zu verwandeln. Er fliegt weg, beachtet die Bewegungen des Feindes, berechnet also und eilt ins Dorf zurück. Er kehrt in seine Hütte zurück.

Ngurangurane, der Geiervogel, ist in seine Hütte zurückgekehrt. Er eilt, wieder Mann zu werden und seinen Kriegern zu befehlen. In einer Ecke des Hauses, auf ihrer Matte sitzend, mahlt Abiere Mandeln und singt. Sie bereitet das Abendmahl und singt:

»Der Vogel fliegt in der Luft,
Seine Flügel sind für den Flug.
Der Vogel kann nicht gehen,
Fliege Vogel in die Luft,
Warum bleibst du hier?
Fliege Vogel in die Luft.
Sieh, ich zermahle Mandeln.
Solche ißt kein Vogel,
Erzürnte Frau rächt sich,
Fliege in die Luft, du Vogel.«

Ngurangurane fühlt sein Herz umdrehen. Er beginnt die Worte seines Sanges, er streicht auf seinen Körper Öl, zerreibt Kräuter und singt:

»Daß meine Flügel wieder Arme runden.
Daß meine Klauen sich in Beine drehen,
Federn schwindet.
Vogel, ich will Mann werden.«

Doch seine Flügel blieben Flügel, seine Klauen blieben Klauen. Seine Krallen und Federn schwinden nicht. Zweimal beginnt er von neuem. Zweimal bleibt es das gleiche. Sein Herz dreht sich ihm in der Brust. Mit dem Schnabel und den Klauen zerreißt er den Sack, der den zauberischen Stein enthält. Er ist verschwunden. Zornig stürzt er sich auf Abiere, er weiß, woher sein Unheil kommt. Er will ihr die Augen ausreißen, ihr die Eingeweide zerfleischen. Aber schon ist Abiere entflohen, sie öffnet die Tür, sie eilt, Ava alles zu sagen. Ava nimmt Bogen und Pfeile. Er eilt und dringt in die Hütte Nguranguranens. Da er ihn sieht, fliegt der Vogelmann. Er fliegt ganz schnell, aber schon hat Ava seinen Bogen gespannt, und der Pfeil fliegt rascher als der Vogel und erreicht das Ziel. Ngurangurane ist in die Brust getroffen und stürzt zur Erde nieder. Sein Blut fließt Tropfen um Tropfen, das Leben verläßt ihn. Da Ava auf ihn stürzt, um ihn zu vollenden, ist Ngurangurane, der große Krieger, schon ein Leichnam.

Ava schneidet ihm den Kopf ab, reißt die Federn aus, macht einen Strauß daraus, um ihn an den Tagen der Tänze in sein Haar zu stecken. Er geht in die Hütte zurück, er hat sich gerächt am Feind.

Indes erwarten die Krieger Ngurangurane. Lange erwartet man ihn, lange ruft man ihn. Man befragt die Fetische, und die Fetische antworten: »Er ist tot.« Man befragt den Fetisch, wer ist der Mörder? »Trinkt Elunsaft«, das ist die Antwort. Männer, Frauen und Kinder, jeder dringt vor, um Elunsaft zu trinken; aber zwei unterliegen, Abiere und Ava; Ava und Abiere sind schuldig, sie haben Ngurangurane getötet. Sogleich opfert man sie, der Tod ist gerächt, und das Trauerfest beginnt. Das ganze Dorf trägt Trauer, das Tamtam dröhnt jeden Tag. Der Geist des Toten wird befriedet sein. Sechs Monate dauert das Fest. Da alles beendet ist, wählt man nach dem Totentanz einen neuen Häuptling, und Ngurangurane überschreitet den großen Fluß der Toten. Was von ihm bleibt, hier ist es, der Gesang, den ich euch sagte. Das ist das Ende.

Die drei Söhne Adas

Eine Frau mit Namen Ada gebar Drillinge. Die Männer des Stammes wollten diese, so wie man gewohnt, töten. Ada flehte sie, ihr die Kinder bis gen Abend zu lassen. Die einen wollten wohl, die anderen wollten nicht. Der Häuptling des Dorfes kam und sprach: »Lassen wir die Kinder bis morgen.« So ließ man sie.

Des Nachts erhob sich Ada, trug die Drillinge fort und rettete sich mit ihnen in die Berge, weit, weit, und nimmer konnte man sie finden. Die Namen der drei Kinder, hier:

Der erste hieß Etarane, der zweite Mendore, der dritte Bisonge. Die Mutter trug sie in den Wald, und als sie fern, ganz fern war, baute sie eine Hütte aus Palmblättern. Dort blieb sie. Über der Hütte stand ein großer Baum, und die Früchte, die er trug, waren gut und groß. Diese Frucht heißt: Angonglongo. Davon waren viele auf dem Baum, viele auf der Erde.

Eines Tages schrie Etarane, der erste, sehr; um ihn zu vergnügen, ging Ada ihm eine Frucht des Angonglongo zu holen. Etarane verstand noch nicht zu gehen. Er nimmt die Frucht, beißt darein, findet sie zuckrig und ißt. Er ißt sie ganz auf; da er sie geendet hat, stellt er sich auf seine Beine, geht unter den Baum und wählt eine andere Frucht. Auch die ißt er ganz auf, dann sagt er seiner Mutter:

»Ich will mich in der Hütte schlafen legen.« Die Mutter betrachtet ihn mit großem Erstaunen; denn Etarane hatte noch nie gesprochen. Den anderen Tag, da Ada ihren Sohn nähren wollte, war er ein junger Knabe geworden. Er sagte zu seiner Mutter: »Ich gehe an den Fluß fischen, gib mir Schnur, ein Netz zu machen.« Seine Mutter gab es ihm.

Einige Stunden später kam er mit einem vollen Korb Fische zurück. »Nimm meinen Fang und koche die Mahlzeit; von jetzt ab werde ich dich ernähren.« Ada war ganz bezaubert; sie suchte die schönste Frucht des Angonglongo, sie bringt sie Mendore, der sie aufknackt. Er ißt sie ganz auf; da er fertig ist, stellt er sich auf seine kleinen Beine, geht unter den Baum, wählt eine andere Frucht; die ißt er auch ganz auf, dann sagt er zu seiner Mutter: »Ich will mich in der Hütte schlafen legen.« Seine Mutter betrachtete ihn mit großer Verwunderung; denn Mendore hatte noch nie gesprochen.

Den anderen Tag, als Ada Mendore stillen wollte, war dieser ein junger Knabe geworden. Er antwortete seiner Mutter: »Ich will in den Wald gehen, Wildbret zu suchen und Fallen aufzustellen. Gib mir Holz, um Fallen zu bauen.« Ada gab es ihm. Einige Stunden später kam er mit einem Sack ganz voller Tiere zurück. »Hier meine Beute, nimm sie«, sagte er seiner Mutter, »von jetzt ab werde ich dich ernähren.«

Indessen sprach Ada in sich: »Sieh, zwei meiner Söhne sind schon etwas groß. Bald werden sie ihre Mutter verlassen. Wenn auch Bisonge die Frucht des Angonglongo ißt, wird er wie seine Brüder, und was wird denn aus mir?« Sie sang:

»Die Mütter sind für die kleinen Kinder.
Die kleinen Kinder sind für die Mütter.
Kleine Kinder groß geworden, Mütter alt geworden.
Bisonge bleibe kleines Kind.
Dich zu pflegen habe ich meine Arme.
Dich zu nähren habe ich meine Milch.
Dich zu schützen habe ich meinen Leib.
Bisonge bleibe kleines Kind.
Die kleinen Kinder sind für die Mütter.
Die Mütter sind für die kleinen Kinder.
Dich zu lieben habe ich mein Herz.
Bisonge bleibe kleines Kind.«

Ada liest alle Früchte des Angonglongo auf. Sie verbirgt sie unter den Blättern. Sie trägt sie weit weg in den Wald. Während sie ihr Bestes tut, fällt eine Frucht vom Baum und rollt zu Bisonge. Er nimmt die Frucht, beißt darein, findet sie zuckrig, ißt sie. Er ißt sie ganz auf. Da er geendet hat, stellt er sich auf seine kleinen Beine und geht ganz allein. Ada hat kein kleines Kind mehr. Den anderen Tag, da Ada Bisonge stillen will, verweigert er die Milch. Er war wie seine Brüder ein junger Knabe geworden. »Ich will Vögel töten, gib mir Holz, einen Bogen zu verfertigen.« Seine Mutter gibt ihm Holz, einen Bogen zu machen. Er geht in den Wald und bringt den Abend einen Sack voller Vögel zurück. »Von diesem Tag an«, sagt er zu seiner Mutter, »bin ich es, der dir Speise gibt.«

Indes fahren Etarane, Mendore und Bisonge fort, Früchte des Baumes zu essen. Sie essen, sie essen. Den anderen Tag, da sie erwachen, sind sie junge Männer geworden. »Ich gehe auf den Fischfang«, sagt Etarane, »gib mir eine Harpune.« Des Abends kommt er mit einem ungeheuren Fisch zurück, so groß, wie wir ihn nie gesehen haben. Am Morgen sagt Menore seiner Mutter: »Gib mir Holz, einen Speer zu verfertigen.« Seine Mutter gibt ein Holz. Er macht sich einen Speer, dessen Spitze im Feuer wohl gehärtet ist, geht in den Wald. Den Abend schon kommt er zurück und trägt einen Tiger auf seiner Schulter. »Hier«, sagt er, »nimm das Fleisch; zerschneide das Fell und mache mir daraus eine Mütze und ein Wehrgehänge.« Seine Mutter tut, wie Mendore ihr befohlen hat. –

Am Morgen sagt Bisonge seiner Mutter: »Gib mir Garn, daraus ein Netz zu machen«, und seine Mutter gab es ihm. Den ganzen Tag arbeitete er, ein Netz zu knoten. Da der Abend gekommen war, verspotteten ihn die Brüder: »Bisonge, Bisonge, was hast du heute getan?« Doch da die drei Brüder sich sehr liebten, erzürnten sie sich nicht und teilten untereinander die Beute vom Jagen und Fischen; sie waren gute Brüder.

Indes sang ihre Mutter:

»Kinder Adas was seid ihr geworden?
Sieh, sieh, vor den Starken beugt sich der Baum des Waldes.
Ada hat nicht Kinder mehr, keine kleinen Kinder.
Wen wird sie jetzt an ihre Brust drücken.
Angonglongo, Angonglongo, du hast mir meine Kinder geraubt.«

Die Söhne liebten nicht das Lied. Sie befahlen ihr, zu schweigen und neue Früchte zu rösten. Davon aßen sie; sie aßen viel, sie wurden große, große Männer, von übermenschlicher Gestalt. Den anderen Tag sagt Etarane seiner Mutter: »Ich gehe in den Wald, Bambus zu schneiden, um daraus eine Fischsperre zu machen. Ich will alle Fische des Flusses fangen.« Er geht in den Wald. Den Abend trägt er eine ungeheure Last Bambus heran und beginnt die Sperre zu bauen. Drei Tage später war der Fluß ganz versperrt, durch eine Reuße, hoch wie ein Mann. Jeden Fisch, den er wollte, nahm Etarane. »Von jetzt an«, sprach er, »werden wir im Überfluß leben.«

Den anderen Tag sagt Mendore seiner Mutter: »Ich will im Wald einen Baum fällen, um mir einen Speer zu machen. Ich will alle Tiere des Waldes töten.« Er geht hin und fällt einen Baum, setzt eine Eisenspitze daran und geht. Da er wiederkam, trug er auf seinen Schultern zwei Elefanten, zweimal hoch wie ein Mann. Sprach er: »Wir wollen das dritte Tier zusammen suchen. Ich ließ es im Wald, um noch andere zu töten; denn sie kommen trauern, da ich den Führer der Herde tötete.« Da Bisonge diese Worte hörte, beendete er rasch sein Netz und sprach: »Ich will eben diesen Abend zum Jagen gehen.« Wirklich, als die Nacht schwarz war, geht er, sein Netz auf den Schultern, in den Wald. Endlich kommt er an den Platz, wo sein Bruder den Elefanten getötet hat. Mehr als zehn andere waren herbeigelaufen und umstanden den Leichnam, rührten ihn mit Zähnen und Rüsseln und versuchten, ihn zum Leben zurückzuführen. Ohne Zeit zu verlieren, breitet Bisonge sein Netz über die Lichtung, und da sie völlig bedeckt ist, eilt er rasch zur Hütte seiner Brüder zurück.

»Schnell«, sagt er, »schnell kommt mit mir, die Elefanten sind gefangen.« Alsbald stehen sie auf, eilen zur Lichtung. Die Elefanten sind im Netz, sie können nicht entfliehen. Die drei Brüder haben sie eilends getötet. Sie tragen zur Hütte Zähne und Fleisch zurück; lange Tage essen und trinken sie und freuen sich miteinander, und sie freuen sich mit ihrer Mutter.

Eines Tages war Etarane am Fluß Fische zu fangen. Wenige Zeit war verstrichen, daß er weggegangen war, da kehrte er ganz rasch zur Hütte zurück, wo die Brüder noch schliefen.

»Ich habe den Dzun gesehen« (mythisches Ungeheuer), sprach er und stürzte vor sie. »Kommt helfen, wir wollen ihn töten.«

Die drei Brüder eilen. Sie kommen an den Fluß, jeder hat seine Waffen, sie bereiten sich vor, den Dzun anzugreifen. Dieser hielt sich am Ufer. Sobald er die Jäger sieht, stürzt er auf sie los, um sie unter seiner Masse zu zermalmen. Jeder seiner Schritte erschüttert die Erde und wühlt eine Grube so tief, ein Mann könnte sich darin verbergen. Wenn ein Baum seinen Schritten begegnet, knickt er ihn wie einen Grashalm. Seine Zähne waren lang wie ein Mann und rissen die Felsen in die Luft wie kleine Kiesel. Er kommt auf die Jäger zu, schnaubt wie Sturm, der die Bäume entwurzelt. Sie erwarten ihn; sobald er ihnen nah ist, wirft Etarane ihm die Harpune in den Bauch, Mendore durchbohrt ihm ein Auge mit dem geschleuderten Speer, Bisonge wirft ihm das Netz über und rollt ihn in die Mitte der Maschen. Das wütende Tier schlägt vergeblich um sich, indes durchbohrt Mendore ihm das andere Auge. Etarane zersticht ihm das Herz mit dem großen Hieber, und Bisonge schlägt ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Sie kehren zur Hütte zurück, bringen den Dzun auf ihren Schultern. Aus dem Schädel machen sie einen Sitz, um sich zu setzen, aus den Schenkelknochen fertigen sie Pfeifen, um die bösen Geister zu scheuchen. Aus den Fellen drei Schilde, aus den Ohren zwei Tamtams, groß wie Hütten. Aus dem einen der Hörner machen sie ein Jagdhorn, um aus der Ferne sich zu rufen, aus dem anderen eine Pfeife, um den Kakuba zu rauchen.

Etarane, Mendore und Bisonge waren drei furchtbare Jäger, ihr Ruf drang weithin. Wenn sie Hunger verspürten, gingen sie zur Jagd. Die Elefanten flohen vor ihnen, rasch hatten sie zugefaßt, drehten sie an Zähnen und Beinen auf den Rücken wie eine Schildkröte und trugen sie dann tot in die Hütte zurück. Solches liebten sie. Oft griffen sie den Abvi an, und trotz der Stärke und der Bosheit dieses Tieres töteten sie ihn mühelos, um sein Fleisch zu essen und sein Fell zu nehmen, das hart wie Eisen ist.

Fern vom Dorf der Brüder lebten damals mehrere Bibibi. Diese Ungeheuer wurden weithin gefürchtet. Oger sind schrecklich; aber Bibibi sind es viel mehr. Sie hielten alle Stämme unterworfen; inmitten ihres Dorfes war eine große Hütte voller Männer, Frauen und Kinder, die mehr als zehn Stämmen zugehörten. Jeden Tag fraßen sie zehn Männer, zehn Frauen, zehn Kinder vom gleichen Stamm. Jeder Stamm hatte seinen Tag. Da die Bibibi von den großen Taten der drei Brüder hörten, sprachen sie untereinander: »Wir wollen sie töten.« Eines Tages brachen sie auf. Der eine von ihnen geht voraus, tritt in die Hütte der drei Brüder und bittet um Essen. »Wer bist du?« fragen sie ihn. »Ein Mann der Bibibi.« »Wir kennen diese Leute nicht, du mußt gehen.« Indes nimmt der Bibibi rasch aus seinem Sack ein betäubendes Pulver und wirft es mit seinem Fetisch in Wasser. Der Rauch steigt in die Luft; da sind die drei Brüder eingeschläfert. Der Bibibi läuft, seinen Brüdern zu sagen: »Die drei Brüder schlafen, ihr kommt, sie zu töten.«

Die drei Brüder schlafen: tief ist ihr Schlaf, tief, daß kein Lärm sie erweckt. Die drei Brüder schlafen. Ada, ihre Mutter, ist bei ihnen, sie schüttelt sie; sie weiß die Gefahr. Die drei Brüder schlafen, tief ist ihr Schlaf, tief, daß kein Lärm sie erweckt. Die drei Brüder schlafen. Erschrocken schüttelt sie Ada. »Wacht auf, meine Söhne, wacht auf.« Sie nimmt den Feuerbrand und hält ihn den Augen nahe. Die drei Brüder schlafen. Ada, Ada, deine Mühe ist unnütz, mächtiger als du ist der Fetisch, der sie entrückt. Die drei Brüder schlafen; tief ist ihr Schlaf, tief, daß kein Lärm sie erweckt. Die drei Brüder schlafen.

Ada nahm in ihren Arm Bisonge, den Jüngstgebornen. Sie trägt ihn mit großer Mühe, sie schleppt ihn aus der Hütte; sie verbirgt ihn im tiefen Wald. Sie rettet ihn ein zweites Mal; sie kehrt hastig zur Hütte zurück, die anderen Kinder zu retten. –

Schon haben die Bibibi das Haus umringt. Ada, Ada du kannst nicht mehr eintreten. Die Bibibi brüllen.

»Oh Etarane, oh du Etarane,
Die Wähnenden schlafen und schnarchen und machen Ko.
Oh Etarane, oh du Etarane,
Ohne Schlafen erwachten die Männer.
Wer von uns bleibt leben,
Hört, der Oger erschüttert die Erde.
Hört, der Oger erschüttert die Erde im Hof.
Pan er schläft, pan er schnarcht, pan pan.«

Die Bibibi sind in die Hütte eingetreten. Sie haben Etarane erschlagen, sie haben Mendore erschlagen. Das Messer hat die Köpfe abgeschnitten, das Eisen ist in die Kehlen gedrungen. Die Brüder sind tot, nie wird der Schlaf ihre Lider lassen. Der Tod hockt auf den Augen. Die Elefanten im Wald fürchten nicht mehr die Jäger. Wer wird noch kommen zu töten, die beiden Brüder sind tot. Die Bibibi stecken die Hütte in Brand; da sie Ada und Bisonge nicht finden, gehen sie, den andern Tag wiederzukommen.

Im Wald schläft Bisonge, Ada wacht bei ihm. Erst am Morgen erwacht er und findet die Hütte zerstört, die Brüder tot. Ada erzählt ihm, wie es geschehen ist. So ist es geschehen: »Ein Bibibi kam, Gastfreundschaft zu erbitten; er warf in das Feuer seinen Fetisch, und ihr alle schlieft ein. Wohl habe ich versucht euch zu wecken, ich vermochte es nicht. Ich trug dich aus der Hütte, dich, meinen Sohn Bisonge. Ich ging zurück, deine Brüder fortzutragen. Aber schon waren die Bibibi da und haben deine Brüder getötet, ohne daß ich helfen konnte. An dir ist es jetzt, sie zu rächen.«

Bisonge geriet in schrecklichen Zorn, er bereitete sein großes Messer.

»Kwi, Kwi, schneide mein Messer, schneide.
Du wirst diesen Abend essen.
Nimm dir das Blut, das Leben gibt,
Du wirst diesen Abend trinken.«

Das Messer geschliffen, sagt Bisonge seiner Mutter: »Gib mir mein Netz.« Ada gibt ihm das Netz, Bisonge sagt: »Ich gehe.«

Er geht durch den Wald, weit, weit. Er kommt vor das Haus der Bibibi; diese waren gegangen, ihn zu suchen. Er betritt das Haus und hört einen großen Lärm von Stimmen: »Nein, nein, an uns ist es nicht, sondern an den Männern von Yenzum. Nein, nein, die von Yengoak, sind daran ... Nein an euch ist es, an euch andern.« Er öffnete die Tür, da standen alle Leute, welche die Bibibi eingesperrt hatten, sie zu essen. Schon glaubten sie, es sei Essenszeit, wozu jeder Stamm, wenn an ihm die Reihe war, lieferte. Bisonge befreite sie, dann umgibt er das Haus mit seinem Netz. Er umgibt es gänzlich, läßt nur die Tür frei. Er umgibt es mit vielen Maschen, dann wartet er.

Früh, da es noch schwarz ist, kamen die Bibibi zurück, wütend, Bisonge nicht gefunden zu haben. »Wir werden ihn morgen haben, morgen werden wir gehen, und morgen wird ihm Tod sein.«

Kaum sind sie eingetreten, da läßt Bisonge sein Netz über die Tür fallen. Sie sind gefangen wie der Elefant im Ngol, wie die Fische, wenn der Fischer sein Wurfgarn über einen Zug Sardinen wirft. Sie sind gefangen. In der dunklen Nacht, in der Finsternis, da man Furcht hat, ruft die Stimme Bisonges: »Bibibi, Bibibi ... Ihr Oger, die ihr Menschen verschlingt, ich rufe euch, Bisonge, der Bruder beider, die ihr getötet.« Die Bibibi stürzen zur Tür, gehen heraus, stolpern und sind im Netz gefangen, wie in einer Falle. Sie versuchen, sich loszumachen und die Maschen mit dem Schwert zu zerhauen. Bisonge kennt den Fetisch, der das Garn zu Eisen härtet, er gibt kein Mittel zu entkommen.

»Ah, ah«, sagt Bisonge, »da sind sie, die berüchtigten Oger, oh, jetzt wollen wir Licht sehen«; er nimmt Feuerbrand, wirft ihn auf das Dach, das ganze Haus brennt. Die Fackel Bisonges, da ist sie. Er rafft das Netz, verengt die Maschen, er fängt die zerquetschten und blutenden Bibibis. Er macht einen nach dem anderen los, köpft einen jeden, jedem schlitzt er den Bauch. Alle Leute, die sie den Tag vorher gesessen hatten, entkamen in den Wald. Bald sieht man sie nicht mehr.

Bisonge hat geendet, die Köpfe abzuhauen, der Bauch des letzten ist geschlitzt, er spricht: »Das ist gut, das ist gut.«

Sorgfältig sammelt er die Köpfe, färbt sie rot, legt sie in eine Kiste und bewahrt den Fetisch. Die Leute aller Stämme anerkannten ihn als ihren Häuptling, und er herrschte lange über sie; ihm folgten seine Söhne, die anderen darnach.

Angonzing und Ndongmba

Riesen und Zwerge sind gegenwärtig. Jeder Häuptling hat seine Krieger gerufen, alle haben den Ruf des Tam-Tams vernommen. Die Riesen dringen vor, den Wald hindurch. Ndongmba führt sie, bewaffnet mit den drei zauberischen Pfeilen. Der erste erreicht, wonach er über den Wolken zielt, der zweite durchbohrt das tiefste Wasser, der dritte dringt auf den Grund der Erde. Nlutangmba trägt die berühmte Armbrust. Statt Pfeile schleudert sie gewaltige Felsen. Unter dem Aufprall dieser Last werden Menschen zermalmt wie Ameisen. Das Blut fließt wie Öl aus Palmnüssen gepreßt. Ein starker Jäger trägt die berühmte Armbrust.

Der Angriff hat begonnen. Von allen Seiten fliegen die kleinen Pfeile der Zwerge durch die Luft. Wui, wui, wui bohren sie sich in die Körper der Riesen, stechen sie von allen Seiten, treffen sie am Kopf, an Armen, an dem Nabel, an den Beinen. Wui, wui, wui die großen Häupter fallen zur Erde, pum, pum, die großen Köpfe fallen zur Erde. Die Riesen schlagen wütend die Bäume nieder, treten sie um, zerbrechen einen am andern. Sie umgeben den Wald ganz mit einem Kreis niedergehauener Bäume, da der Kreis geschlossen ist, legen sie Feuer an. Die großen Bäume flammen, der Wald brennt, der Wind jagt die Flammen hoch und trägt den Rauch ins Weite. Die wilden Tiere schreien verzweifelt; man hört das Miauen des Tigers, die Elefanten brüllen, aber die Riesen halten gute Wacht. Die Zwerge können nicht entkommen, alle werden sie geröstet sein, wie Heuschrecken. Ndongmba ist Sieger.

Die drei Pfeile werden ihm unnütz sein. Angonzing, der Häuptling der Zwerge, hat die Gefahr erkannt. Er zieht sich mit seinen Leuten in die Mitte des Waldes zurück, sie beraten. Wie der Gefahr entrinnen? Angonzing zerschneidet den Palaver. Auf seinen Befehl graben die Zwerge gleich den Termiten Löcher. Jeder gräbt sein Haus. Jeder hastet; denn der Wind des Feuers ist heiß, und jeder liebt, zu leben. Sobald die Löcher gegraben, bleiben sie in ihren Höhlen und erwarten das Kommende. Um sich zu ernähren, haben sie Ameisen in ihren Höhlen, Ameisen voller Fett, und geduldig warten sie. Drei Tage hindurch flammt der Wald. Drei Tage hindurch halten die Riesen um das Feuer gute Wacht. Endlich beginnt das Feuer zu sinken; sofort dringen sie in die unermeßliche Glut, die erlischt. Mit der Spitze des Speers durchwühlen sie die heiße Asche; hier und da finden sie verkohlte Knochen. Die Zwerge sind tot, die Riesen sind Sieger. Sie kehren in ihr Dorf und singen den Gesang des Sieges und tanzen den Siegestanz; sie kehren in ihr Dorf zurück. Kaum sind sie fort, kommt Angonzing aus dem Versteck hervor und ruft all die Gefährten. Alle kommen hervor, lachen über den guten Streich, den sie den Feinden gespielt haben. Sieger sind die Zwerge, die Menschen der Nacht, die Menschen des dunklen Waldes. Wenn die Finsternis die Sonne verborgen hat, wenn die Riesen Tiere verschlingen und in ihren Dörfern Palmwein und gegorenes Zuckerrohr trinken, dann zielen die Pfeile der Zwerge von allen Seiten. Wui, wui, wui, sie stechen, wui, wui, wui pum, pum, dum, die großen Köpfe der Riesen fallen zur Erde, pum, pum, pum sie fallen zur Erde, die großen Häupter.

Rrrii, der erste Kampf ist beendet, Rrrii, Rrrii.

Die Riesen, wütend über ihre Niederlage, greifen von Neuem an. Noch einmal dringen sie in den Wald der Zwerge. Diese widerstehen nach Kräften. Sie sind tapfer, aber sie sind nicht stark. Die Riesen sind tapfer, und sie sind stark. Evungnzok führt sie, und seiner Waffe kann niemand widerstehen. Sein Bruder Eyangnzok steht ihm zur Seite, und niemand kann ihm gleichen. Als Waffe trägt er ein ungeheures Netz, in dessen Maschen er einen ganzen Wald fassen kann. Er verbirgt es in seinem Bauch, wenn er kämpft, schleudert er es bis zu den Wolken, einen furchtbaren Vogel. Sein durchdringendes Auge sieht alles, und wenn er den Feind entdeckt hat, springt er auf, wirft und schleudert sein Netz, und in den Maschen hängen die Feinde. Dann, wenn alle gefangen und in die Maschen verstrickt sind, ohne Kraft, sich zu verteidigen, speit er den Hamm, der in seinen Eingeweiden verborgen liegt, aus und zermalmt einem nach dem anderen das Haupt. Wenn man ihn angreift, so dreht er seinen Feinden den Rücken zu; sein Rücken ist unverwundbar. Auf seiner Haut, hart wie das Eisen, zersplittern Pfeile und Lanzenspitzen. Wenn alle Pfeile und Geschosse der Feinde verflogen, dreht er sich um, das Spiel ist an ihm, und keiner entgeht ihm.

 

Angonzing sah im Wald von fern den Feind heranziehen. Er läßt ihn von den Pfeilen seiner Krieger durchlöchern; aber, da er Eyangnzok das todbringende Netz schleudern und entfalten sieht, eilt er mit seinen Leuten schnell in den tiefen Wald, wo die Bäume voller Dornen stehen. Dort fürchtet er das Netz nicht. Die Maschen vermögen sie nicht zu fangen, die Dornen zerreißen alles. Die Riesen müssen zu anderen Waffen greifen. Aber noch einmal ist der Kreis geschlossen. Dieses Mal legen die Riesen kein Feuer an. Sie verfolgen die Zwerge von Baum zu Baum und gewinnen unaufhörlich Gelände. Sie zerstochern das kleinste Loch mit ihren Lanzen, zerstören die Ameisenhaufen und spüren unter den Felsen und toten Baumstümpfen nach. Nichts vermag ihnen zu entgehen. Selbst die Tiere fallen unter ihren Hieben, und da die Nacht hereinbricht, schließen sie sich zusammen, um wiederum den Kreis gänzlich zu schließen. Die Zwerge sind gefangen. Die Tiere sind verschwunden, nur Affenherden bleiben übrig, die oben in den ungeheuren Bäumen auf den Wipfeln der Lianen hüpfen, springen, schnellen, von Ast zu Ast, von Liane zu Liane, vorwärts, rückwärts, zur Seite, zur Rechten, zur Linken. Hier und da zeigen sie ihre neugierigen Köpfe, dann flüchten sie flink.

Die Riesen kämpfen. Der geschlossene Kreis verengt sich mehr und mehr; die Krieger berühren sich, die verteilten Gruppen sind geeint. Wo sind die Zwerge? Verschwunden ohne eine Spur zu lassen. Wo sie suchen? Bestürzt ziehen sich die Riesen zurück und kehren in ihre Dörfer. Sie singen nicht mehr den Sang des Sieges, sie tanzen nicht mehr den Tanz des Sieges. Da sie zu den Hügeln kommen, die das Land beherrschen nach allen Seiten, hören sie langgezogene Klagen und weithin erschütterndes Seufzen. Die Zwerge waren vor ihnen im Dorf, sie nahmen alle Kinder mit sich.

Wie sind sie entkommen? Da Angonzing sich gänzlich umzingelt sah, befahl er seinen Männern, alle Affen, die man sah, zu töten und jeder ging in die Haut eines der Tiere, und sie enteilten flink durch die Luft.

Rrrii, Rrrii der zweite Kampf ist beendet. Rrrii, Rrrii.

Der dritte Kampf mit den Zwergen ist begonnen. Mborenzork befiehlt die Riesen. Mborenzork, der, wie sein Bruder Eyan, in der Luft zu fliegen und in den Baumhöhlen sich zu verbergen vermag.

Keiner vermag ihm zu entgehen. Zur Waffe dienen ihm Pfeile, die drei zauberischen Pfeile. Der erste erreicht sein Ziel, in der Höhe der Lüfte, der Wolken, der zweite in der tiefsten Tiefe der Wasser und der dritte im tiefsten Loch der Erde. Wer konnte ihm entgehen? Er verfolgt die Zwerge in die verborgenen Winkel. Vergebens versuchen sie zu widerstehen. Vergebens zischen ihre Pfeile, wui, wui, die Riesen dringen unaufhörlich vor. Bald sind die Zwerge am Flußufer, nahe den großen Wasserfällen. Jeder Rückzug ist abgeschnitten, es bleibt ihnen nur noch zu sterben. Noch immer ist Angonzing der Führer. Er befragt seine mächtigsten Fetische, und diese versprechen Hilfe. Flüchte dich in den Grund der Wasser, sagten sie ihm, flüchte dich in den Grund der Wasser. Angonzing sucht den Sinn dieser Worte, um ihn fallen seine Männer. Wui, wui, wui die Pfeile fliegen, und treffen, wui, wui, wui. Plötzlich hat er verstanden. Da die Nacht schwarz wie das Wasser niedergefallen ist, durchgleiten seine Männer, einer nach dem anderen, einen engen Pfad, einer um den anderen durch die Felsen, bald sind sie im Wasserfalle verschwunden, unter den Wassern, die tosend niederstürzen. Angonzing ist ein geschickter Mann, seine Krieger sind wohl geborgen.

Des Morgens suchen die Riesen überall die Feinde. Sie finden sie nicht. Sie mußten den Fluß durchqueren, sie waren wohl schon fern, aber wo? wie doch, wer wird es sagen? Eyang fliegt hoch, er kreist über den Wolken. Sein Blick durchschweift ungeheure Fernen. Der Wald, das Gebirge, das Tal bergen nicht die Gegner. Wohin soll er sein Netz schleudern? Er steigt nieder, ohne etwas entdeckt zu haben. An seiner Stelle schwingt sich Mborenzork hoch. Bald steigt er nieder; er war nicht glücklicher als sein Bruder. Dann ergreift er die zauberischen Pfeile, die nie das Ziel verfehlen. Der Pfeil der Luft, geschleudert von seiner starken Hand, schnellt, zischt, fliegt, sucht das Ziel und geht zum Herrn zurück. Die Feinde sind nicht in den Lüften. Der Pfeil der Erde, geschleudert von seinen gewaltigen Händen, schnellt, zischt, fliegt, durchbohrt die Erde, sucht das Ziel und kehrt zum Herrn zurück. Die Feinde sind nicht in der Erde. Der Pfeil des Wassers, geschleudert von seiner mächtigen Hand, schnellt, zischt, fliegt, schneidet das Wasser, sucht das Ziel. Er dringt quer durch den Wasserfall und dringt einem Gefährten von Angonzing ins Herz. Aber schnell befiehlt dieser, das Haupt abzuschlagen, den Leib mit Wasser zu füllen, in die Fluten zu schleudern, und da der Leichnam ans Licht kommt, vom Pfeil durchbohrt, ruft Mborenzork: »Sie sind alle tot, hier sind sie auf dem Grund des Flusses, sie zogen es vor, sich zu töten, denn unter unseren Hieben zu fallen.«

Die Riesen kehren ins Dorf zurück. Die ganze Nacht schlachten sie Tiere und bereiten gegorene Getränke, den Sieg zu feiern. Die Tänze haben begonnen, das Tamtam schallt. Sieh da, ein neuer Klang fliegt. In die dichte Menge, wui, wui wui, zischen und bohren die Pfeile der Zwerge.

Rrrii, der dritte Kampf ist beendet. Rrrii, Rrrii.

Akulenzame, der Mann mit dem Sack

Eines Tages ging eine junge Frau durch den Wald, die Früchte des Oba zu pflücken, Öl zu bereiten. Auf ihrem Weg, da sie ins Dorf mit einem Korb voll Früchte zurückging, traf sie Otutuma, den Geist der Wälder. Da sie in die Hütte zurückgekehrt war, brachte sie ihren erstgeborenen Sohn zur Welt. Der Vater, nachdem er ihn auf das Blatt einer Banane gesetzt hatte, anerkannte ihn als sein Kind und nannte ihn Akulenzame, das ist der Verrückte. Dieses ist die Geburt Akulenzamens.

Akulenzame wuchs auf wie die anderen Kinder des Dorfes, ohne daß Besonderes an ihm zu beachten war; wurde Jüngling und wollte heiraten. Da er klein und häßlich war, konnten ihn die jungen Mädchen nicht leiden, und keine wollte sich mit ihm einlassen, als er in den Dörfern umherwanderte und jene mit verschiedenen Geschenken bedachte, die eine oder die andere.

Im Dorfe verzweifelte die Mutter; denn sie war alt, ihre Arme ermüdeten rasch, es wurde ihr schwer und schwerer, den Forderungen Akulenzamens zu genügen und seinen Hunger zu stillen. Denn ich muß euch sagen, dieser Akulenzame aß ungeheuerlich. Trotz seiner kleinen Gestalt war, was zehn Menschen wie du und ich in zehn Tagen essen, für ihn kaum einen Tag genug. Wohin tat er denn diese Menge Speisen? Ihr glaubt, in seinen Mund. O nein, er steckte sie in seinen Sack, den er immer mit sich herumtrug. Seine Mutter machte ein Bündel, kyo, kyo, war es schon im Sack, ein anderes, kyo, kyo, war es schon im Sack, und so immer. Sobald ein Bündel bereitet war, öffnete sich der Sack, und wenn das Zeug darin steckte, forderte Akulenzame so eindringlich, machte solchen Lärm und drohte so schlimm, daß seine Mutter eilte, auf die Felder zu laufen und wieder zurückzukommen, von der Last ganz gebückt, um wieder neue Bündel zu bereiten. Die arme Frau ging richtig ein. Sie wurde mager und magerer, und ihre Brüste hingen wie leere Schläuche; es war wirklich eine schreckliche Sache, Akulenzame zum Sohn zu haben, einen solchen Vielfraß.

 

Eines Tages begegnete Akulenzame auf seinen Gängen einem rotgeschminkten Mädchen, mit Ketten und Perlen geziert. Er traf sie am Fluß, wo sie mit Sand ihre Kupferketten putzte. Sofort beschloß er, sie zu heiraten. Das war die Tochter eines großen Häuptlings.

Dieser Akulenzame hatte zwei eigentümliche Gewohnheiten. Zunächst den Sack, der ihm über die Schultern hing, ließ er um nichts in der Welt; nicht bei Tag, nicht bei Nacht. Niemals hängte er ihn an einen Haken, niemals erlaubte er einem Menschen, wer es auch sei, ihn zu öffnen oder auch nur ein Auge hineinzutun. »Eki«, sagte er, »das ist verboten, das ist heilig.« Noch eine andere Gewohnheit hatte er. Wenn in dem Dorf oder in dem Nachbardorf jemand starb, ein junger Mensch, der als Krieger oder Jäger berühmt war, eine junge Frau, die wegen ihres Fleißes oder ihrer Körperschaft bekannt war, versäumte Akulenzame niemals, sich in die Hütte zu begeben, der Trauerfeier beizuwohnen und den Totentanz zu begehen. Warum er dies tat, wußte niemand, und er hütete sich, es zu sagen. Grund war: er hatte von seinem Vater, dem Waldgeist, gelernt, sich der Seelen der Toten zu bemächtigen. Wenn eine Seele den Körper verließ, lief Akulenzame herbei, und während die Seele unsichtbar den Körper umlief, den sie soeben verlassen, und noch ungeschickt war, sich der wiedergewonnenen Freiheit zu bedienen, fing Akulenzame sie ein und setzte sie rasch und tief in den Sack; denn sie vermochte nicht zu entkommen, da sie durch die Kraft des Fetischs gebunden war. Hierzu bedurfte Akulenzame so vieler Bündel, er mußte die Seelen gut nähren.

Also traf Akulenzame eines Tages auf seinem Wege ein junges, rotgeschminktes Mädchen, ganz mit Halsketten und Perlen geziert. Er traf sie am Fluß, wo sie ihre Kupferketten mit Sand rieb. Gleich war er entschlossen, sie zu heiraten. Akulenzame ging drum zu ihrem Vater und sagte ihm: »Ich will deine Tochter heiraten.« Der Vater rief die Tochter und sagte: »Hier ist Akulenzame, der dich als Gattin wegführen will.« Sofort erwiderte die Tochter: »Niemals werde ich einen solch häßlichen Menschen lieben können.« Der Vater sagte zu Akulenzame: »Du hast die Antwort meiner Tochter gehört.« Akulenzame erwiderte: »Das Herz der Frauen ist ein Bananenbaum. Was meint der Vater?«

»Wenn du reich, mächtig bist und du mir viele Geschenke machst, so will ich dich als Schwiegersohn anerkennen. Alles hängt vom Preise ab, den du für meine Tochter zahlst.« Akulenzame sagte: »Befiehl, was du willst, ich werde es zahlen; denn ich liebe deine Tochter.«

Der Häuptling sagte in sich selbst: »Das ist ein Junge, das scheint ein Schlauer.«

»Um zu beginnen«, sagte er seinem zukünftigen Schwiegersohn, »will ich deine Kraft erproben. Seit langem will ich den Ort meines Dorfes wechseln und mich anderswo niederlassen. Morgen will ich mit dir gehen, um dir den Platz zu zeigen, wohin ich es bringen will.« »Gut«, sagte Akulenzame, »du wirst es mir zeigen.« Diesen Abend steckte er kein Bündel in den Sack. Die Seelen fasteten.

Den anderen Tag gingen der Häuptling und Akulenzame zusammen. Sie kamen an eine Waldstelle, wo der Boden eben war, doch von hohen Bäumen bestanden. Der Häuptling sagte: »Hier ist's, du wirst mir helfen, die Bäume zu fällen.«

»Das will ich ganz allein tun.«

»Oh, oh, das ist wunderbare Sache, ein Jahr genügte dir nicht.«

»Ich habe Zeit, außerdem werde ich rasch fertig sein. Kehren wir ins Dorf zurück.« Man kehrte ins Dorf zurück. Sobald Akulenzame in seine Hütte zurückgekommen ist, läßt er die toten Seelen aus dem Sack und zeigt ihnen den Ort des künftigen Dorfes mit dem Befehl, sofort die Bäume zu fällen und in Brand zu stecken. »Ihr werdet so lange fasten, bis die ganze Sache zu Ende ist.« Sofort ziehen die Seelen ab, beginnen das Werk, fällen, schneiden zurecht, schlagen ab und legen Feuer. Die Männer des Dorfes hatten noch nicht die Nachtwache beendet, da brannten die abgeschlagenen Bäume, und die verwelkten Blätter, vom Winde weggeweht, kamen ins Dorf. Da die Leute einen großen Schein über dem Walde aufleuchten sahen, sagten sie unter sich: »Wer will seine Pflanzungen bereiten und Bäume so nahe bei uns fällen. Morgen bei Tagesanbruch wollen wir gegen diese Fremden kämpfen. Wir lassen unser Land nicht überfallen.« Andern Tags im Schein der Morgenröte erklang das Kriegstamtam, von der flinken Hand des Häuptlings getrommelt. Alle Männer eilten herbei. Noch brannte der Wald. Wohlbewaffnet schleichen sie leise, auf heimlichen Pfaden zur Brandstätte. Sie kommen und schauen nach allen Seiten. Inmitten des Busches zerarbeitet sich ein kleiner Mann, der schlägt mit zahllosen Schlägen auf den letzten Baum. Mehr als hundert lagen auf dem Boden, und da der Baum gefallen ist, putzt sich Akulenzame, er war es, die Stirn und spricht: »Das wäre nun getan.« Er wirft die Axt auf die Schulter, wie um ins Dorf zurückzukehren.

Im gleichen Augenblick umgeben ihn die Männer, der Häuptling spricht ihn an: »Wie kannst du denn all diese Bäume niederschlagen?«

»Zählst du mich denn für nichts?«

»Wie, du bist es, Akulenzame, der den Wald gefällt hat?«

»Ja, ich, Akulenzame, hast du mir denn nicht gestern gesagt, ich will hier ein neues Dorf errichten? Sieh, es ist getan. Gehen wir zusammen zurück.«

Der Häuptling geht in seine Hütte und sagt seiner Tochter: »Akulenzame ist ein ganzer Kerl.« Diese sagt: »Ach, wenn er doch ein wenig hübscher wäre.«

Das war die Arbeitsprobe Akulenzamens. Keiner hatte die Seelen bei der Arbeit gesehen; zunächst, weil Akulenzame sich wohl hütete, davon zu sprechen, das hätte sofortigen Tod bedeutet; und dann, weil er allein am frühesten Morgen in den Wald gegangen war. Sobald die Arbeit beendet war, hatte er seinen Geistern befohlen, unverzüglich in den Sack zurückzukriechen. ?

Den gleichen Abend sagt Akulenzame zum Häuptling: »Gib mir deine Tochter, daß ich sie mit mir ins Dorf nehme.« Der Häuptling erwidert: »Ich sah, daß du es verstehst, Pflanzungen anzulegen, einen Wald zu fällen und neue Dörfer zu errichten. Deine Arme sind stark, aber nichts versichert mich ihrer Geschicklichkeit. Meine Tochter liebt Fische sehr. Kannst du ihre Lust befriedigen?« Akulenzame erwiderte: »Das kann ich.« Er kehrte in seine Hütte zurück und befahl all seinen Geistern, Bambus zu schneiden, und im Fluß eine ungeheure Sperre zu errichten, damit kein Fisch durchschlüpfe. Dann sollten sie ganz weit zurückgehen, alle Fische in einen engen Raum einschließen und eine zweite Sperre bauen.

»Geht«, sagte er ihnen, »tut das eiligst; denn bis zur Rückkehr, keine Bündel zu fressen, schwere Hungersnot.« Die Geister eilten, das Werk zu tun, das ihnen aufgetragen war.

Den anderen Tag waren die Frauen zum Fluß gegangen, Wasser zu schöpfen. Akulenzame richtete das letzte Gitter. »Da«, sagte er, reibt sich die Stirn, »es ist fertig, man kann jetzt den Fisch nehmen.« Wer stand nun verwundert? Das waren die Frauen; denn niemals hatten sie in dieser Gegend einen Staudamm gesehen. Sie eilten zum Dorf. »Kommt rasch«, schreien sie den Männern zu, »kommt rasch, Akulenzame hat den Fluß gestaut.« Akulenzame stand am Landungsplatz. Sobald er sie kommen sieht: »Es ist getan«, sagt er, »man kann den Fisch nehmen.« »Aber was ist denn los?« »Du siehst, der Fluß ist durch die Reuse gesperrt.« Der Häuptling prüft die Arbeit mit großem Staunen. Dies war wohl zu verständlich; denn der Fluß war breiter als ein Dorf. »Aber das ist nicht alles«, fügte Akulenzame hinzu. »Kommt mit mir.« Der Häuptling gehorcht. Alle Frauen, alle Männer, alle Kinder folgen. Man geht stromaufwärts, ein wenig weiter oben, ein zweiter Staudamm. Die Augen des Häuptlings quollen vor Verwunderung hervor, auch die der anderen. Zwischen den zwei Staudämmen glänzte es von Fischen. Man sah Karpfen springen, Sardinen, Barben, große, kleine und mittlere Fische. Man warf eine Harpune, zehn Fische waren aufgespießt. Die Dorfleute stürzten darauf los. Mehr als 15 Tage fing man Fische, trocknete Fische, konservierte Fische für die Regenzeit, um zu verkaufen und zu verschenken. Man aß Fisch soviel, daß, wenn man zur Erde sah und den Kopf bückte, keiner im Dorf mehr seine Füße sehen konnte, so dick war der Bauch geworden. Doch wie Akulenzame essen konnte, so gab es niemanden. Unaufhörlich kochte, buk und briet es in seiner Hütte. Die Bündel brannten auf dem Feuer; sobald sie gar waren, kyo, kyo, kyo, verschwanden sie im Sack. Für einen starken Esser war Akulenzame ein gewaltiger Fresser.

Eines Tages besuchte er den Häuptling. »Ich will deine Tochter heiraten, das Mädchen mit den Kupferketten. Du weißt jetzt, ich kann ihr Verlangen befriedigen, Fisch zu essen.«

»Ich weiß, mit dir wird meine Tochter sicher sein. Ich will sie dir gerne geben. Aber wenn sie ein Kind bekommt, wird sie nicht mehr Fisch essen wollen, sondern Fleisch. Bist du auch ein so geschickter Jäger, wie du ein guter Fischer bist?« Akulenzame antwortete: »Ich werde es sein.«

Indes suchte der Häuptling seine Tochter auf: »Dieser Akulenzame wird dir ein ausgezeichneter Gatte sein.« »Man könnte auf einen schlechteren verfallen«, antwortete sie. »Ja«, erwiderte der Vater, »man muß nicht die Haut des Maniok betrachten.«

Am gleichen Abend öffnet Akulenzame, sobald er in seine Hütte getreten ist, den Sack, befiehlt seinen Geistern herauszufahren und sagt ihnen dies: » Seit fünfzehn Tagen lebt ihr im Überfluß. Ihr eßt unaufhörlich Bündel. Heute ist es zu Ende. Ihr werdet in den Wald gehen, einen Ngol (Sperre) zu bauen, zehn Elefanten darein zu sperren. Kui, kui.« Die Seelen ließen sich das nicht wiederholen. Sofort gingen sie durch die Tür, kui, kui, durch das Fenster. Da waren sie am Werk.

Zwei Tage später waren die Jäger des Dorfes gegangen, Elefanten zu jagen. Fern im Walde hören sie einen Mann singen. Sie nähern sich. Dieser Mann war Akulenzame, er knüpfte Lianen und rollt sie fest um die Bäume. »Hier«, sagt er und reibt sich die Stirn, da er die Männer sieht, »hier, das wäre fertig.« Aber womit bist du denn fertig, Akulenzame?« Doch dieser legt den Finger auf den Mund, fordert sie auf, still zu bleiben, und auf vielen Umwegen führt er sie durch den Wald bis zur runden Palisade. Im Gitter standen zehn wundervolle Elefanten. Jeder ihrer Zähne war höher als ich. Die Jäger erholten sich nicht vom Erstaunen. Sie stürzten zum Dorfe: »Rasch, rasch, kommt herbei«, rufen sie den Kriegern zu, »Akulenzame hat einen Ngol gebaut und zehn Elefanten sind darin.« Die Krieger, der Häuptling voran, laufen herbei, das Wunder zu sehen. Sie steigen in die Bäume, durchsieben die Elefanten mit Pfeilen. Da liegen die zehn Tiere tot. Man stürzt auf sie, die Äxte hauen, die Messer schneiden und zerhacken das Fleisch. Die Frauen laufen mit großen Körben herbei. Die Fleischstücke häufen sich auf ihre Rücken. Die Nachbardörfer sind benachrichtigt, von allen Seiten eilt man herbei, überall hat man Schlachtfest, man ißt, man ißt, man ißt immer noch. Ach, die glücklichen Leute; aber keiner fraß wie Akulenzame, unaufhörlich kochte, briet, buk Fleisch in seiner Hütte. Die Bündel brannten auf dem Feuer; wenn das Fleisch gar war, kyo, kyo, kyo verschwand alles wie Zauber. Die Hausfrauen brachten ihm zum Geschenk ungeheure Klötze Fleisch. Welch wüster Fresser war der Sack Akulenzamens.

Eines Tages besuchte er von neuem den Häuptling. »Ich will deine Tochter heiraten, das rote Mädchen mit den Kupferketten. Zum Tausch sollst du die zehn Paar Elefantenzähne bekommen.« Der Vater antwortete: »Morgen werden wir die Hochzeit begehen.« »Gut so«, sagt Akulenzame, und der Vater sucht die Tochter auf. »Morgen werden wir die Hochzeit begehen.« »Gut so«, sagt das Mädchen, »mein Herz ist zufrieden. Aber ein Ding will ich von meinem Gatten erbitten.« »Welches«, sagte der Vater?

»Zwischen dir und dem benachbarten Häuptling steht, du weißt, Tod von Männern. Damit der Kampf beendet werde, sollte er mich heiraten. Wenn er von meiner Heirat mit Akulenzame hört, wird er zürnen, und ich werde ihn fürchten müssen.« »Das ist wahr, man findet mitunter List selbst in der Antilope«, und damit ging der Vater, die Sache Akulenzame zu erzählen. »Ich werde das schon einrenken«, antwortet er.

Selbigen Abend öffnet er seinen Sack und ruft die Seelen. »Seit lange habe ich euch besser genährt denn je. Doch dies ist nun zu Ende, bis ihr mir aufs neue gedient habt.« »Womit muß man dir dienen?« »Ihr geht ins Nachbardorf und führt den Häuptling hierher. Wohlgebunden an Händen und Füßen.« »Das ist leicht«, antworteten sie. Schon sind sie weg, kui, kui, durch die Tür, kui, kui, durch das Fenster. Vor Tag war der Häuptling Gefangener, in der Hütte Akulenzamens wohl gefesselt an den Füßen, wohl gefesselt an den Händen, und schleppt einen großen Klotz Holz hinter sich her; war über dies Ding sehr erstaunt und halbtot vor Angst. –

Am Morgen ruft Akulenzame den Häuptling in die Hütte. »Du hast deinen Freund gefordert, hier.« Der Häuptling erholt sich nicht vor Staunen. Er ruft seine Männer. »Seht«, sagt er ihnen, »Akulenzame ist allein gegangen, den Feind zu fangen, und hat ihn hergeführt. Er ist ein großer Krieger«, und alle schrien yo, yo.

Indes nahm man den feindlichen Häuptling. Die Frauen zerrten ihm das Haupt, streuten ihm zerstoßenen Pfeffer auf den Kopf, in die Augen, in die Nase, und er wurde in die Mitte des Dorfes geführt, um dem Fest beizuwohnen. Als es beendet war, schnitt man ihm den Hals ab.

Der Abend kam, Akulenzame kehrte mit der Frau in seine Hütte zurück, und am andern Tag kam der Häuptling, sein Hochzeitsgeschenk zu fordern. Ein kümmerlicher Schwiegervater, dachte Akulenzame bei sich. Der alte Häuptling sagte: »Akulenzame, du bist jetzt mein Sohn, nur noch ein Ding erbitte ich von dir. Ich sehe, du bist mächtig. Bring mich in Sicherheit vor dem Tode.« »Gut«, erwiderte Akulenzame, »wenn du deinen Wunsch vor allen Leuten wiederholst.« Der Häuptling tut es. Die Nacht kam, Akulenzame öffnete den Sack, nahm wohl acht, daß keiner es sah, und befahl den Geistern hervorzukommen. »Ihr habt mir gut gedient«, sagte er ihnen. »Ich bin mit euch zufrieden. Zum Lohne sollt ihr eure Freiheit haben. Nur eine Sache bleibt noch zu tun.« »Und welche?« fragten die Geister hocherfreut. »Ihr sollt meinen Schwiegervater mit euch nehmen.« »Das ist leicht«, antworteten alle.

Akulenzame ging heraus in die Geschirrkammer, wo der Schwiegervater sich erwärmte. »Mein Versprechen soll erfüllt werden. Du wirst vor dem Tod in Sicherheit gebracht«, sagte Akulenzame. »Ich bin begierig, dies zu sehen.« Im gleichen Augenblick traten die Geister ein. Alles wollte sich retten. Schon waren sie verschwunden und schleppten den alten Häuptling mit sich. Seitdem hat man ihn nie wieder gesehen. Dann sagt Akulenzame: »Nun ist er für immer in Sicherheit vor der Todesfurcht; denn man stirbt nur einmal. Das war ein großer Krieger.« Alle sagten »ja«. Akulenzame richtete eine wunderbare Totenfeier an, während eines ganzen Monats erscholl das Tamtam, und man tanzte den Tanz der Toten. Danach folgte Akulenzame dem Schwiegervater als Häuptling.

Bingo

Es geschah, Nzame stieg zur Erde nieder. Er ergötzte sich auf dem Fluß und fuhr sich in einem Boot, das von ganz allein schwamm, von ganz allein. Nzame ruderte nicht. Er legte bei dem großen Dorf an, wohin er unerkannt gehen wollte, die Menschen zu befragen. Es kam ein Mädchen zum Fluß, Wasser schöpfen. Nzame sah und liebte sie; denn sie arbeitete gut und war eben so fleißig am Werk, wie sie schön war. Er schenkte ihr einen Sohn und führte sie mit sich, weit in das Land, von wo man nicht zurückkehrt. Mboya, so hieß das Mädchen, kehrte niemals wieder. –

Da die Zeit gekommen, bekam Mboya einen Sohn und nannte ihn Bingo; warum, ich weiß es nicht, keiner hat es mir gesagt, das mag ein Name von dort sein. Bingo wuchs jeden Tag, und Mboya liebte ihn mehr als jedes andere Ding in der Welt. In seine Haare steckte sie den Elali, die den Vögeln liebste Blume, in seine kleine Nase steckte sie eine Franje von Perlen. Hals und Arme waren ihm mit Kupferbändern geschmückt, die jeden Morgen sorgsam geputzt wurden.

Bingo wuchs unaufhörlich, und Mboya liebte ihn mehr als irgendein Ding auf der Welt.

Nzame geriet in großen Zorn, und eines Tages ärgerte er sich, weil Bingo, das Kind, ihm aus seiner Reuse einen Fisch gestohlen hatte. Er stieß Mboya in ihre Hütte, schlug Bingo und stürzte ihn von der Höhe hinab.

Bingo fiel lange, schon war er fast tot, da öffneten unter ihm sich die Fluten eines großen Wassers, das von den Bergen umgeben war; das war zu seinem Glück. Noch besser, er befand sich nahe am Ufer. Ein Fischer saß in seiner Barke mit seinen Netzen, Fische zu fangen. Er fing Bingo und führte ihn in seine Hütte. Der Name des Greises war Otoyom.

Kaum hatte Nzame Bingo hinabgeschleudert, eilte Mboya zu seiner Hilfe herbei.

Mitunter habt ihr nachts im Walde irres Licht gesehen. Wer geht und bewegt sich da? Habt ihr die Stimme der Frau gehört, die weit geht, unter den Ästen zu rufen und zu klagen? Fürchtet nichts; Mboya sucht ihr Kind. Mboya hat ihn nie gefunden. Eine Mutter ermüdet nicht.

Bingo ist gefallen, Mboya ist weggezogen. Nzame stürzt nach. Er wollte um jeden Preis Bingo wiederfinden. Er sucht auf den Bergen, er sucht auf dem Meere: »Meer, Meer, hältst du Bingo?« auf der Erde: »Erde, Erde, hältst du Bingo?«

Die Erde und das Meer antworteten: »nein, nein.«

Unmöglich ihn zu finden. Otoyom, der große Zauberer, der die hohe Abkunft Bingos kannte, wollte ihn nicht ausliefern, er barg ihn sorgsam.

Bingo und die Spinne

Bingo hat sich in die Tiefe einer Höhle geflüchtet. Die Höhle ist tief und schwarz. Bingo denkt in seinem Herz, hier bin ich in Sicherheit, und er bleibt lange darin.

Indes verfolgt ihn Nzame unermüdlich, und jeden Tag sagte er: »Ich werde Bingo wiederfinden und sein Herz essen.« Aber Bingo war in der tiefen Höhle inmitten des Waldes. Nzame kommt in den Wald und er begegnet dem Chamäleon. »Chamäleon, hast du Bingo nicht gesehen?« Dies verriet nichts und sagte: »Wohl sah ich einen Mann vorübergehen, aber wer hat mir seinen Namen gesagt?«

»Und wohin ging er und wo ist sein Dorf?«

»Er ging bald hier, bald da, sein Dorf ist auf der anderen Seite des Waldes.«

»Ist es weit dorthin?«

»Die Tage sind lang, jeder Tag ist eine lange Zeit. Ja es ist weit.«

Nzame ging enttäuscht weg. Nzame geht weg, und während er überall die Spuren Bingos sucht, läuft das Chamäleon zur Höhle. »Bingo, gib acht, dein Vater sucht dich.« Es geht ein wenig weiter, auf die Spitze eines Felsens.

Bingo wischt sorgfältig auf dem Boden die Spuren seiner Schritte aus, dann geht er auf einen offenen, oft beschrittenen Pfad über harten Boden weg, und von da aus kehrt er in seine Höhle zurück.

Sorgsam geht er rückwärts, mit dem Rücken nach vorn, er kommt an und verbirgt sich in der Tiefe. Alsbald macht Ndanabo, die Spinne, ihr Netz, ein dichtes, starkes Netz, und das Chamäleon wirft eilig in die Maschen Mücken und Insekten.

Nzame sucht unermüdlich. Er begegnet der Schlange: »Viere, hast du Bingo gesehen?« Viere antwortet: »Ja, ja, er ist in der Höhle des Waldes, ja, ja.« Nzame beeilt sich, er kommt zur Grotte. »Was ist das«, spricht er, »Fußspuren, die sich entfernen?« Er sieht das Spinnennetz, die Mücken, die darinnen gefangen sind. »Ein Mensch kann nicht darinnen sein«, sagt er, und das Chamäleon von der Spitze des Felsens sagt:

»Ah, du bist hierher gekommen, guten Tag.«

»Guten Tag, Chamäleon, hast du Bingo in dieser Höhle gesehen?«

»Ja, aber das ist schon lange, lange her, er ist weggegangen, ich glaube, man sieht noch auf der Erde die Spuren seiner Schritte.«

»Wirklich, sie sind da, ich will ihnen folgen. Chamäleon, du hast gut getan!« Nzame setzt die Verfolgung fort.

Er ist schon weit, weit, sehr weit, da kommt Bingo aus der Höhle hervor. »Chamäleon, du hast wohlgetan, hier deinen Lohn. Du sollst nach Belieben die Farben wechseln können, so kannst du deinen Feinden entgehen.« Das Chamäleon spricht: »Gut so.« Bingo sagt zur Spinne: »Du hast wohlgetan, was kann ich für dich tun?«

»Nichts«, antwortete die Spinne, »mein Herz ist zufrieden.« »Gut«, spricht Bingo, »deine Gegenwart soll Glück geben.«

Er ging. Auf seinem Weg fand er Viere, die Schlange, und mit dem Tritt seiner Fersen zermalmte er ihr den Kopf.

Endlich ermüdete Nzame in vergeblichem Verfolgen, stieg wieder zur Höhe und ließ Bingo. Dieser hatte die Weisheit seines Pflegevaters Otoyom geerbt. Da dieser gestorben war, wusch er dessen Leib, salbte ihn sorgfältig; den Schädel bewahrte er auf, ihn zu ehren und in seinem Hause zu hüten. Er bestrich ihn mit roter Farbe und ölte ihn an feierlichen Festtagen; so blieb der Geist Otoyoms mit Bingo.

Bingo hat uns gelehrt, die Schädel der Ahnen zu bewahren, sie zu ehren und ihren Geist bei uns zu halten. Schande auf die, welche nicht die Häupter der Alten ehren. Da Bingo groß geworden war, durchlief er die Welt, alle Menschen, alle Stämme. Er war gut und lehrte den Menschen, gut zu sein und wohlzutun. Er bewirkte alle Arten von Wunder mit einem grünen Stein, den er an seinem Halse trug. In diesen Stein hatte Gott seinen Namen gezeichnet und hatte ihn der Mutter Mboya gegeben den ersten Tag, den er sie sah. Mboya wiederum hatte den grünen Stein Bingo gegeben; wenn Bingo wollte, verließ er seinen Körper; die Pfeile erreichten ihn nicht, die Äxte verwundeten ihn nicht, die vergifteten Stacheln verletzten nicht den Fuß.

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