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Der Fürst vom Teufelstein

Heinrich Hansjakob: Der Fürst vom Teufelstein - Kapitel 1
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authorHeinrich Hansjakob
booktitleWaldleute. Ausgewählte Erzählungen
titleDer Fürst vom Teufelstein
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
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1.

Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zog bisweilen ein eigenartiger Reiter in das Waldstädtle Wolfe, zwei Stunden oberhalb Hasle, ein. Er kam auf einem kleinen, runden Pferde ganz gemächlich das Kinzigtal herabgeritten in einem spinatgrünen Jägerrock und in grünem Filzhut mit Federzier. An der Seite trug er einen mächtigen, reichverzierten, alten Hirschfänger und im Munde eine Tabakspfeife, aus welcher er behaglich schmauchte.

Der Mann fiel aber auch noch auf durch seinen prächtigen Blücherkopf mit gebogener Nase und einem silberweißen Schnurrbart, über denen ein Paar helle, fröhliche Blücheraugen in die Welt guckten.

So ritt er über die Kinzigbrücke ins Städtle und durch dasselbe hinab zum alten, finstern Schloß der einstigen Grafen von Fürstenberg. Im Schloßhof stieg er ab, band sein Rößlein an einen Pfosten, hing die Pfeife an den Sattel und schritt die große Treppe hinauf zum fürstenbergischen Oberförster Gayer, machte seinen Rapport, stieg wieder aufs Rößlein, zündete seine Pfeife an und trabte, wie gekommen, zum Städtle hinaus.

Fragte ihn der Oberförster, warum er jedesmal, ohne einen Schoppen zu trinken, gleich wieder heimreite, so gab er regelmäßig zur Antwort: »Ich muß heim: wenn ich zum Wald hinausreite, werde ich sofort schwermütig und hab' keine Ruh', bis ich wieder im Wald bin.«

Jung und alt schaute dem seltsamen Gaste nach, wenn er der Kinzigbrücke zuritt, und aus einem oder dem andern Munde konnte man die Worte hören: »Der Fürst vom Teufelstein isch ou wieder hie.«

Und der war's in der Tat, und wenn einer es verdient, unter den Waldleuten genannt zu werden, so ist's der Fürst vom Teufelstein, ein Original von Gottes Gnaden und ein Waldmensch mit Leib und Seele.

Im 14. Jahrhundert hat der Pfarrer Berchthold von Bombach im Breisgau ein wunderbar schönes Buch geschrieben, nämlich das »sälige Leben der Schwöster Lütgarten, die ein Closnerin was (war) zu Oberwolfa vnd wie sy das Kloster Wittchen anhub.«

Sie war eine Kinzigtälerin, die selige Schwester Lütgart, eines Bauern Tochter unter der Burg Wickenstein bei Schenkenzell, Der Bauer hatte ein »göttlich wib«, das gebar ihm ein Kind, ein Töchterlein, »schön von Farb und von Gestalt«. Es ward Lütgart getauft, und der Name, meint Bruder Beichthold, komme von der »lüten gart«, der Leute Garten, weil in der seligen Schwester geistig das alles vorhanden war, was ein wunniglicher Garten haben soll. Ein solcher Garten aber soll haben: »Violen, weiße Rosen, rote Rosen, Lilien, grünes Gras, Birnbäume und fließend Wasser.«

Die Schwester Lütgart besaß, so führt der Lobredner aus, die Violen der Demut; sie war eine rote Rose, weil ihr das Blut in das Gesicht schoß von »schamlichen Worten«, die sie hören mußte; sie war eine weiße Rose nach ihrem lautern Leben; sie war eine lichte Lilie jungfräulicher Keuschheit: sie war ein grünes Gras, was heißen will, sie besaß ein fröhlich Gemüte, das »ein jeglicher Mensch allzeit in Gott haben soll in Lieb und Leid, in Glück und Unglück, und dazu hilft nichts mehr als ein lauter Leben, wohl behüt vor Sünden.«

Schwester Lütgart war ein fruchtbarer Baum, »von dem viel edel geistlich Frucht kommen.« Sie war ein fließender Brunnen, »von dem solich geistlich Trank floß, davon all die Seelen, die umb sie waren, getränkt wurden, Der Trank aber war das rein Gebet, das von ihrem Kerzen durch die Kehle ihres Mundes floß.«

Als sie zwanzig Jahre eine Klausnerin gewesen, trieb sie der Geist Gottes an, ein Haus zu bauen und 33 Schwestern zu sich zu nehmen. Und Schwester Lütgart sprach mit ganzem Ernst zu Gott: »Min Herr und min Gott, gib mir etwan zuo verstond, wo ich das Hus buwen soll.«

Na ward sie verzückt und in eine wüste, waldige Gegend geführt. Hier lag ein Mann, so zährenvoll geschaffen, als ob er eben vom Kreuz komme und sterben wollt'. Und es kam eine schmerzvolle Fraue, nahm die Schwester Lütgart bei der Hand, führte sie zu dem Mann, der da lag, und der wunde Mann sprach zu ihr: »Ich bin din vatter Christus und will, daß du hier ansahest ein Hus in minem Namen, da will ich selber Huswirt sin, und du sollt nit anders sin denn ein Brot des Huses.«

Lütgart begann mit reichem Mut, mit grußer Armut an der wilden Stätte, welche der Freiherr Walter von Geroldseck ihr schenkte, ein Kloster zu bauen. Eines deutschen Kaisers, Albrechts, Tochter, Agnes von Ungarn, gab am meisten zur Stiftung. Und da man zählte nach Christi Geburt 1325 Jahre, da zog die Schwester Lütgart mit 33 Schwestern in ihr Kloster Wittichen und blieb da, betend und Wunder wirkend, bis der Herr sie abrief im Jahre 1347. »Aber ihr guoter nam und das heilig Bild ihres heiligen Lebens soll nummer sterben;« darum hat es Berchtholdus, ihr Beichtvater, »ein armer Priester zu Bombach im Brisgew,« aufgeschrieben.

So ward eine Heilige die Gründerin des Geburtsortes des Fürsten vom Teufelstein, des Klosters Wittichen, inmitten dreier Waldberge in schauerlicher Einsamkeit am Wüstenbach gelegen, der in die obere Kinzig fließt.

Und von der heiligen Lütgart hat der Fürst – wie wir sehen werden – auch eine Eigenschaft geerbt, das »grüne Gras« eines allezeit in Gott fröhlichen Gemütes in Lieb und Leid, in Glück und Unglück.

Die Töchter der heiligen Lütgart – denen noch Kaiser Max einen Schutzbrief verlieh, daß die Ritter der Umgegend auf der Jagd sie nicht mit Hunden und ihrem Gefolge belästigen und stören durften – beteten fast ein halbes Jahrtausend in der Einöde am Wüstenbach, bis der Klostersturm zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die fromme Klause aufhob und die fürstenbergische Landesregierung die Wälder und Güter, von denen die Nonnen gelebt, einzog.

Aus dem Beichtiger, den alle Jahrhunderte hindurch das St. Georgenkloster zu Villingen gestellt hatte, wurde ein Pfarrer, und neben diesem wohnte im ehemaligen Klostergebäude ein fürstlicher Revierförster, der Vater des Fürsten vom Teufelstein.

Als ich im Jahre 1890 an einem schönen Maientag von Schenkenzell und von der Kinzig her dem engen Tälchen des Wüstenbaches zuschritt und auf einmal in tiefster Einsamkeit das Kloster und seine Kirche vor mir standen, ergriffen mich alte Erinnerungen aus der goldenen Jugendzeit.

Meine Großmutter hieß Luitgard und erzählte oft von Wittichen und von ihrer heiligen Patronin, und mein nächster Nachbar, der Wagner Fürst, sprach noch öfter von diesem Waldkloster; denn Wittichen war auch sein Geburtsort und er, von dessen Originalität ich in meiner »Jugendzeit« erzählt, ein echter und rechter Bruder des Fürsten vom Teufelstein.

Ich kniete in dem einsamen Kirchlein, zu dem am Sonntag die Völker »aus dem Kaltbrunn« zum Gottesdienst wallen, nieder am Sarkophag der »säligen Schwester Lütgart« und betete für meine Großmutter und gedachte auch meines alten Nachbars Fürst, der 1868 wie ein Held gestorben ist, nachdem er hier zu leben angefangen hatte.

Dann besuchte ich das verödete und verwahrloste Klösterlein, wo ich in einem elenden, armseligen Stüblein die Mutter des kurz zuvor verstorbenen Pfarrers Imanuel Bold in Kümmernis und Verlassenheit antraf.

Der Sakristan erzählte mir, daß mein einstiger Studienfreund, der Imanuel, auf dem engen Waldweg, den ich eben hergekommen, zwischen »Kloster und Vortal« oft hin- und hergewandelt sei und mit lauter Stimme die Psalmen Davids in der Ursprache, der hebräischen, gesungen habe.

Auch der Imanuel besaß, wie schon diese eine Tat besagt, »das grüne Gras« eines fröhlichen Gemütes.

Und noch einen Bruder des Fürsten vom Teufelstein kannte ich, den Alois. Er war in meiner Knabenzeit, unweit von meinem Elternhaus, Lehrling beim »wüsten Metzger auf dem Graben«, ein großer, starker, kraushaariger Bursche.

Anno 1849 mußte er in die Reihen der Freischärler von Hasle eintreten, machte alle ihre Expeditionen mit, zog, als die Revolution tot war, als Flüchtling in die Schweiz und ertrank beim Baden in der Aar bei Thun.

Der Vater dieser Fürsten stammte aus einer alten Förster- und Jägerfamilie der Baar, die meist in Diensten der Fürsten von Fürstenberg stand und durch deren Besitzungen in Böhmen sich auch dahin und nach Oesterreich verzweigte.

Meine Vorfahren, meinte der Teufelsteiner oft, sind alle »Waldteufel« gewesen.

Im siebenjährigen Krieg zeichneten sich Brüder seines Großvaters, die alle Forstleute waren, auch als Soldaten aus, und einer fiel in der Schlacht bei Kolin als österreichischer Hauptmann.

Der reiche Kindersegen in dieser fürstlichen Familie drückte mit der Zeit die Nachkommen in andere Stände herab.

So hatte der Vater des Teufelsteiners, der Revierförster in Wittichen, 15 lebendige Kinder und war deshalb nur imstande, einen seiner zehn Buben in der Jägerei ausbilden zu lassen, die andern mußten Wagner, Metzger, Schlosser, Dreher, Schmiede, Knechte oder Taglöhner werden. Sie waren aber lauter lustige Leute, die jungen Fürsten; vier von ihnen machten noch, außer dem Alois, schwärmend für Freiheit, die badische Revolution mit, und als diese vorüber war, verschollen sie im großen Lande jenseits des atlantischen Meeres.

Einer, der Andres, ein Herkules an Kraft und Stärke, blieb in der Nähe der Heimat und ward ein tüchtiger, fleißiger Schmiedmeister in Schenkenzell, wo er zugleich das Amt eines Friedensrichters versah, welches darin bestand, daß man, wenn es in einem Wirtshaus Händel gab, den starken Schmied holte, damit er Frieden stifte. Er kam, hörte an, gab seinen Entscheid, und wer sich dem nicht unterwarf, spürte es an seinen Knochen und bis ins Mark hinein.

Die Meidle Im oberen Kinzigtal sagt man statt Mädchen Meidle, im mittleren Maidle des Försters von Wittichen, alle lustig in Ehren, heirateten Buren, Taglöhner und Holzmacher.

Unser Held, Josef Anton oder, wie die Kinzigtäler sagen, Seppe-Toni, war der älteste, hat aber seine Geschwister alle überlebt.

Es war ein heimeliges Leben in der »Wüstenei« von Wittichen, da des Revierförsters Seppe-Toni als Knabe in die Welt trat. Die wenigen Bewohner bildeten eigentlich eine einzige Familie, welche sich zusammensetzte aus den ehemaligen Klosterfrauen, dem Pfarrer und den Förstersleuten, die alle im gleichen Haus, im Kloster, wohnten.

Die Nonnen, bei Aufhebung des Stiftes pensioniert, blieben, 17 an der Zahl, alle beisammen, um in Gebet und Handarbeit ihr Leben da zu beschließen, wo sie Gott sich geweiht hatten.

Unter ihnen befand sich auch die letzte Aebtissin, Maria Coletta Baudendistler, ein Buremeidle aus dem Renchtale.

Die Kinder des Försters waren den alten Damen eine Unterhaltung, und die Kleinen verkehrten um so lieber bei den Klosterfrauen, als diese stets mit Süßigkeiten aller Art, die sie selbst bereiteten, versehen waren.

Das erstemal, da des Revierförsters Seppe-Toni sein Licht leuchten ließ, war es zu Gunsten der Volkstracht. Die Buben, welche mit ihm in die Schule gingen, trugen alle Kniehosen, der Seppe-Toni allein als Herrenbüblein hatte lange französische Beinkleider an.

Es schmerzte ihn dies am meisten am Sonntag in der Kirche. Da kamen seine Kameraden aus dem Kaltbrunn in ihren Kniehöschen, blauen Strümpfen und Bundschuhen so schmuck und kleidsam daher, daß er beschloß, bei nächster Gelegenheit mit der Modetracht aufzuräumen. Eines schönen Sommersonntags zieht die Mutter, obwohl selbst eines Bauern Tochter aus dem Kaltbrunn oberhalb Wittichen, ihrem Seppe-Toni nach dem Aufstehen neue Modehosen an. Er duldet es und schweigt. Aber kaum aus der Stube, um in die Kirche zu gehen, eilt er in den Holzschopf, zieht seine Beinkleider aus, hackt sie mit einem Beil in der Kniegegend ab, zieht sie wieder an und eilt hinüber zum Kirchlein, denn es hat bereits zusammengläutet.

Alles lacht, als des Försters Büble mit so eigenartigen Kniehosen erscheint. Das betrübt ihn nicht, auch die Prügel nicht, die er nach dem Gottesdienst für seine Freveltat gegen die Mode erhält; seinen Zweck hat er erreicht, er bekommt in Zukunft echte, rechte, lederne Kniehosen, wie die Bauernbüble auch.

Die ganze Buben- und Burenschaft, die nach Wittichen in die Kirche kam, rechnete es ihm aber hoch an, daß er sich mit seinen kurzen Hosen in ihre Reihe gestellt wissen wollte.

In die Schule hatten des Revierjägers Kinder einen weiten Weg. Sie mußten über die Burgfelsen nach dem zerstreuten Bergdorfe Kaltbrunn, zu dem Wittichen politisch gehört, während dieses selbst religiös das Zentrum von Kaltbrunn ist.

Oefters, namentlich zur Winterszeit, erlag der Seppe-Tonile der Kälte und den von ihr verursachten Schmerzen. Da ließ ihn ein Bauersmann jeweils von seiner Magd auf dem Rücken über die Burgfelsen heimtragen.

Viele Jahre später, da er Beiförster in Wittichen und Jagdpächter war, übersah er es dem Sohne jenes Bauern, wenn er ihm oft Hasen und Hühner schoß und unterschlug, übersah es aus Dankbarkeit gegen den Vater, der ihn einst durch die Magd hatte heimtragen lassen. –

Der Schulmeister in Kaltbrunn war ein kreuzbraver Mann, hatte aber so wenig Vorstudien gemacht, daß er selber nicht orthographisch schreiben konnte. Weil nun der Förster seinen Aeltesten wenigstens beim niederen Forstdienst anbringen wollte, tat er den Sepple nach der Schulentlassung noch auf die hohe Schule nach dem benachbarten Dorfe Schenkenzell, wo ein tüchtiger Lehrer amtierte.

Der Ochsenwirt nahm hier den Knaben um wenig Geld in Kost und Logis, und die Bauern aus dem Kaltbrunn, die am Ochsen vorbeifuhren, hinterlegten Geld, damit er sich in der freien Zeit von seinen Studien im Rechnen und Schreiben erholen und mit einem Glas Wein stärken konnte.

Und das Geld für das Studium in Schenkenzell war nicht umsonst ausgegeben. Der Seppe-Toni schrieb bis in sein höchstes Alter eine zierliche, schöne Schrift, und wie genau er alles berechnet und gebucht hat, werden wir später erfahren. –

Die alte Zeit war durchweg praktisch. Da gab es noch keine polytechnischen Schulen für Forstleute. Wer Forst- und Jagdwirtschaft erlernen wollte, ging in die Lehre, wie die Handwerker auch. Er wurde Forstlehrling bei irgend einem Revier- oder Oberjäger, der ihm Theorie und Praxis zu gleicher Zeit beibrachte.

Und wie Handwerker ihre Söhne mit Vorliebe zu einem andern Meister in die Lehre geben, weil sie strenger gehalten werden und lieber folgen als daheim, so machten es die alten Förster mit ihren Söhnen, wenn diese Forstlehrlinge werden sollten.

So tat auch der Förster von Wittichen seinen siebzehnjährigen Seppe-Toni fern der Heimat, hinauf in die Baar, wo die einsame fürstlich-fürstenbergische Forstei Waldhausen, unweit des alten Reichsstädtchens Bräunlingen, die praktische Forstschule für den künftigen Fürsten vom Teufelstein werden sollte.

Der Toni vom Roßberg, ein reicher Bur und Bruder der Mutter des Seppe-Toni, führte diesen und seine sieben Sachen durch die Täler des Schwarzwalds hinauf und hinunter in die Baar. So geschehen anno 1826.

In Waldhausen war der Seppe-Toni eigentlich daheim. Denn hier war sein Vater geboren und sein Großvater Revierjäger gewesen.

Von Wald umgeben, liegt das kleine Dörflein ebenso weltfern, wenn auch nicht gar so vereinsamt in der Baar, wie Wittichen im Schwarzwald. Doch das Försterhaus in Waldhausen war kleiner und armseliger, als das Kloster Wittichen. Die Forstlehrlinge, und ihrer waren mehrere da, als der junge Fürst eintrat, mußten deshalb bei Bauersleuten wohnen und sich bei ihnen mit Räumen direkt unter dem Dach begnügen.

So einfach waren die Menschen noch vor siebzig und mehr Jahren. Heute wohnt längst kein Oberförster mehr in Waldhausen; ein Waldhüter haust in seiner Hütte, und die Forsteleven sind Korpsstudenten in den Städten.

Die Förster, ehedem in einsamen Orten, oft mitten im Walde, sind heute fast alle Stadtleute und Kanzleibeamte. Die Poesie des Standes ist längst vorüber, und die alten Namen für die Förster: Jäger, Revierjäger, Oberjäger – wären der reinste Hohn auf die heutigen Bureaumenschen.

Um die alten Forst- und Jagdhäuser inmitten der Wälder woben sich Sagen und Geschichten voll Poesie, und drinnen lebten Menschen von altem Schrot und Korn, derb, aber wahr, echt und recht. Unser Fürst vom Teufelstein ist sicher der letzte Vertreter jener schönen, alten Zeit im Schwarzwald gewesen.

Im kleinen Forsthaus zu Waldhausen wohnten zur Zeit, als des Revierjägers Seppe-Toni von Wittichen in die Lehre trat, der Förster Anton Nittinger, ein altes Haus, schon seit vielen Jahrzehnten hier, sein Weib, sein Knecht und sein Pferd. Außer unserem Witticher wollten noch drei junge Leute beim »Jäger-Toni« die Försterei erlernen.

Sie begann von unten, wie bei jedem Handwerk. Erst mußten die Lehrlinge dem Meister, der ein Jäger erster Passion war, als Treiber dienen, damit sie auch »wüßten, was treiben heißt, wenn sie einmal als Jäger auf dem Anstand stünden.«

Auf dem Wege von und zur Jagd gab ihnen dann der Meister Unterricht; er lehrte sie die Steine kennen, die im und am Wege lagen, und im Walde die Pflanzen, Sträucher und Bäume. So zogen die Mineralogie und die Forstbotanik langsam in ihre Seelen.

Dann kam auf den Waldzügen der Waldbau an die Reihe, die Schlag- und die Femelwirtschaft, die Art und Weise des Hochwaldbetriebs, des Licht- und des Abtriebschlages.

Ein andermal dozierte der Jäger über Waldwege oder über Forstfrevel, über die Gewinnung von Harz und Kohlen, wahrend die Lehrlinge seufzten unter der Last von Rehen und Hasen, die sie heimtragen mußten.

War das nicht Prosa und Poesie, Theorie und Praxis in schönster Harmonie – alles ohne Professor und ohne Katheder! Der Hörsaal war Gottes schönster Tannenwald, und Gottes Sonne zwinkerte durch die Tannenäste, da ein alter Jägermeister seinen Lehrlingen Vorlesungen hielt.

Nebenbei übten sich dieselben im Wald und auf der Heide im Blasen des Waldhorns. –

Wie der Lehrbuben jüngster bei jedem Handwerk auch sonstige Dienste im Haus verrichten und den Weibsleuten gehorchen muß, so war auch unser Seppe-Toni Leibbursche der Frau Revierjäger – Oberförster würden wir heute sagen. Sie litt stark an Durst, und der Lehrling mußte ihr oft in der Dorfkneipe zu trinken holen; aber der Herr Gemahl durfte das nicht wissen.

Der Witticher Kurzhösler benahm sich bei diesem Geschäft so schlau und anstellig, daß er die Gunst seiner Meisterin gewann, die sonst »den Teufel im Leib hatte«.

Kein Mann sieht es gerne, wenn sein Weib eine Trinkerin ist, obwohl auch dieses fast ordinärste Laster eines weiblichen Wesens zu entschuldigen ist.

Ich habe schon wiederholt Gelegenheit gehabt, trunksüchtige Wibervölker kennen zu lernen, aber alle ohne Ausnahme hatten entweder einen trunksüchtigen Vater oder eine väterliche Großmutter, die gern »ins Gläsle guckte«. Sie waren also erblich belastet und verdienten darum das Mitleid, welches wir jedem erblich Belasteten zollen müssen.

Auch der Revierjäger in Waldhausen suchte der Trinklust seiner Frau zu steuern und fahndete deshalb oft nach verbotenen und verborgenen Weinflaschen, selbst in der Küche. Den Seppe-Toni dauerte seine Meisterin, wenn sie bisweilen durch die Umschau des Meisters um ihre guten Tröpfle kam, und er fand ihr einen Schlupfwinkel, in dem der Herr Gemahl wohl nie suchen dürfte. Er riet nämlich dem bedrängten Weibe, das Weinfläschchen hinter den Küchenbesen zu verstecken und diesen stets recht dicht und recht dick mit Besenreis besetzt zu halten.

Das war probat, und der Lehrling hatte bei der Meisterin fortan die besten Tage. –

Mit der Zeit bekamen die Treiber Gewehre in die Hand und sollten als Jäger ausgebildet werden. Ihr Meister war, wie schon gesagt, ein großer Nimrod und, wie es ehedem Brauch war, weit mehr Jäger als Förster. Von allem, was im Walde fliegt und kriecht, was auf dem Baum springt und ins Loch schlüpft, – wußte der Meister Art und Fahrt, Atzung und Losung, Wechsel und Stand. Und das alles trug er vor im grünen, grünen Wald, am toten und am lebendigen Tier.

Aber, obwohl mit der Jägerei erblich belastet von seinen fürstlichen Ahnen her, war der Seppe-Toni von Wittichen ein schlechter Schütze. Wenn ihm der Revierjäger den besten Stand gab und das Wild auf ihn hinauf lief, er traf nichts.

Er schämte sich nicht bloß, er schädigte sich dadurch auch; denn das einzige Einkommen, welches die Lehrlinge hatten, waren die von der fürstlichen Forstkasse in dem benachbarten Donaueschingen ausbezahlten Belohnungen für Erlegung von Raubzeug aller Art. Es mußten aber jeweils als Belege die Fänge oder die Köpfe der Raubvögel und die Schwanzspitzen der Marder, Iltisse und wilden Katzen vorgezeigt werden.

Da unser Witticher nichts zur Strecke brachte, weder wilde Katzen, noch zahme, die im Walde hausten, noch Raubvögel, so kam er bei seiner natürlichen Schlauheit auf ein eigenes Mittel, sich Schußgeld zu verschaffen.

Er stellte sich mit allen Hauskatzen des Dörfchens auf freundschaftlichen Fuß und streichelte ihnen so lange, bis er Gelegenheit fand, ihnen mit seinem scharfen Weidmesser unbeschrieen die Schwanzspitze abzuschneiden. Pro Stück bekam er acht Kreuzer Schußprämie und schnitt sich so, wie er noch in seinen alten Tagen schmunzelnd erzählte, manchmal das Biergeld heraus, wobei er jeweils bedauerte, daß die Natur coupierte Schwänze nicht mehr wachsen lasse.

In Waldhausen aber und in der nächsten Umgegend soll es in seinen Lehrlingsjahren nur kurzschwänzige Katzen gegeben haben, was aber die Leute gar nicht merkten oder, wenn sie es in einzelnen Fällen inne wurden, jedem andern Unfall eher zuschrieben, als dem Weidmesser eines Jägerlehrlings, der sich Schußgeld verschaffen wollte, ohne zu schießen.

Daß ein Jäger aber auch ein Schütze sein muß, sah unser Forsteleve ein, darum übte er sich privatim und allein im Schießen von Raben und von Hofhunden! die letzteren schoß er aus Notwehr.

Oft zog er hinab ins Kinzigtal und nach Wittichen, aber poesievoll, wie er war, nur in der Nacht und bei Vollmondschein.

Er verließ Waldhausen am Abend und wandelte, sein Gewehr auf dem Rücken und vom Vollmond begleitet, die ganze Nacht auf den nächsten Gebirgswegen ins Kinzigtal hinunter – einen Weg von mindestens acht Stunden.

Da fielen ihn manchmal bei einsamen Höfen in drohender Art die Hunde an, und an ihnen übte er sich dann im Schießen.

Gern hielt er sich auf diesen nächtlichen Wanderungen auch bei Schäfern auf, die er unterwegs mit ihren Herden und Hunden traf.

In der Frühe rückte er im Kloster Wittichen ein, grüßte Vater und Mutter, Geschwister und die freigebigen Klosterfrauen und wanderte dann in der kommenden oder in der zweiten Nacht bei Mondlicht wieder der Baar zu.

Wie bei einem Handwerker, dauerte damals die gewöhnliche Lehrzeit eines Forst- und Jagdbeflissenen zwei Jahre. Feierlich wurde jeder Forstlehrling, auch in Waldhausen, freigesprochen, d. h, wehrhaft gemacht. Des Wittichers Vater hatte noch ein altes, schönes Familienstück von Hirschfänger; den schenkte er seinem Sohn zur Wehrhaftmachung.

Diese nahm der Lehrmeister vor in Gegenwart aller Jäger und Knechte und Buben. Er sprach: »Es wird der löblichen Jägerei erinnerlich sein, wie gegenwärtiger Josef Anton Fürst von Wittichen vor Jahr und Tag als ein Lehrjunge gekommen und sich während der Zeit auch ehrlich, treu und fleißig verhalten, daß ich mit ihm wohl zufrieden bin. Dieweil nun unsere lieben, alten, in Gott ruhenden Vorfahren bei freier Loslassung ihrer Kinder oder Leibeigenen ein merkliches Andenken hinterlassen, dieser Josef Anton Fürst seine Lehrjahre richtig ausgestanden, so will ich diese uralte, löbliche Gewohnheit nicht ändern, sondern so viel hiezu vonnöten vornehmen.«

Hierauf wandte er sich an den Lehrling und sprach: »Du bist nunmehr kein Kind mehr und hast die mündigen Jahre erlebt. Ich frage dich also: »Willst du wehrhaft gemacht werden?«

Der Junge antwortete: »Ja.« Jetzt gab ihm der Meister mit der rechten Hand eine Maulschelle und sprach: »Die vertrage von mir, sonst von niemanden mehr, erinnere dich aber des Backenstreiches, so unser liebster Heiland unsertwillen hat erdulden müssen.« Mit der Linken reichte er alsdann dem Lehrling den Hirschfänger und fuhr fort:

Hier hast du deine Wehr,
Die gebrauch' zu Gottes Ehr',
Zu Lieb' und Nutz' des Herren dein.
Halt' dich ehrlich, treu und fein,
Wehr' dich damit gen Feinde,
Doch unnütz' Händel meide.
Gürte deine Lenden wie ein Mann,
Der sein Horn recht blasen kann.
Nunmehr hast du die Freiheit,
Es gehe dir wohl allezeit.

Alsdann gratulierte jeder dem jungen Jäger, und es ward ein Mahl gehalten.

Das war Poesie, echte, rechte; darum ist aber der Fürst vom Teufelstein auch ein echter, rechter Jägersmann geworden, der seinen Hirschfänger bis zum Tode in Ehren trug und in Ehren hielt. –

Sein Vater bat, nachdem die Lehrzeit vorüber war, bei der fürstlichen Forstdirektion in Donaueschingen, seinem Sohne noch eine weitere, theoretische Ausbildung zu ermöglichen, damit er ihm, dem Vater, später in seinen beschwerlichen Gebirgsforsten aushelfen könne. Es wurde die Bitte gewährt. Und wie?

Der Forstlehrling von Waldhausen kam zu dem Oberforstrat von Koller nach Donaueschingen »auf die theoretische Forstschule«, auf der sich noch zwei Vettern von ihm gleichen Namens und ein dritter Forstbeflissener als Eleve befanden.

Diese Schule bestand nun darin, daß die Schüler dem Professor untertags als Jäger und Pferdebursche dienten, wofür er ihnen am Abend die Forstwissenschaften in etwas wissenschaftlicherer Art, als der Revierjäger von Waldhausen, weidlich einprügelte.

Zum Unterschied von seinen Vettern erhielt unser Josef Anton den Rufnamen »der Witticher«. Als er nun die erste Ohrfeige bekam, meinte er: »Das ist zu gut bezahlt, Herr Oberforstrat, so viel war die Kleinigkeit nicht wert.«

Das entwaffnete den hitzigen Professor, und er lud den Witticher zum Mittagessen ein, um ihn seine Ohrfeige vergessen zu machen. Der Oberforstrat hatte noch Gäste, und darum war das Mahl ein gutes. Als es zu Ende war, meinte der Witticher, sich bedankend, solchen Tausch gehe er jeden Tag ein, für eine Ohrfeige ein Herrenessen.

Der Oberforstrat gab aber nicht gerne Ohrfeigen, er liebte es mehr, nach uraltem Jägerbrauch zur Strafe »das Weidmesser zu schlagen«.

Der Verbrecher wurde gelegentlich der Jagd auf einen Damhirsch oder einen Rehbock gelegt, und die andern Jäger mußten eins auf dem Waldhorn blasen. Nach diesem Tusch gab der Jägermeister den ersten Streich mit dem bloßen Weidmesser auf einen gewissen Teil, während er das »Waldgeschrei« sprach: »Ho, ho, das ist vor unsere gnädigste Herrschaft!« Nach dem zweiten Streich lautete das Waldgeschrei: »Ho, ho, das ist vor Ritter, Reiter und Knecht!« – und nach dem dritten Schlag: »Ho, ho, das ist das edle Jägerrecht, ho, ho, juchhe!«

So wurde ein Jahr lang doziert, studiert und das Weidmesser geschlagen, und dann machten die vier Eleven am 22. September des Jahres 1828 das Staatsexamen in der niederen Forstwirtschaft.

Der Fürst vom Teufelstein hat die Examensfragen aufgehoben all' sein Lebtag, und ich habe sie vor mir liegen. Ich bin kein Forstmann, war aber in meiner Knabenzeit einmal Waldfrevler und allzeit ein Freund des Waldes und der Jagd und finde als solcher die Fragen alle sehr praktisch. Gefreut haben mich als alten Jäger die vielen Fragen über das Jagdwesen und vorab die letzte derselben: »Welches ist des Weidmanns Gruß beim Abschied?«

Die Antwort auf die obige Frage hat der vom Teufelstein nicht hinterlassen. Sie hat mich aber interessiert, und ich hab' auf sie gefahndet. Sie lautet ebenso kurz als die Frage und heißt: »Weidmanns Heil!«

Daß solche Fragen in einem Staatsexamen einst gegeben wurden, spricht sehr für die Gemütlichkeit jener Tage trotz der Ohrfeigen und trotz des Schlagens mit dem Weidmesser.

Das Examen ward bestanden, und jetzt ging's in die Praxis.

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