Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Federer >

Der Fürchtemacher

Heinrich Federer: Der Fürchtemacher - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Fürchtemacher
authorHeinrich Federer
firstpub1919
year1919
publisherHerderesche Verlagshandlung
addressFreiburg im Breisgau
titleDer Fürchtemacher
pages1-75
created20040922
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Heinrich Federer

Der Fürchtemacher

Der Fürchtemacher. Eine Geschichte aus der Urschweiz von Heinrich Federer

1.

»Probier noch einmal!« hetzte Bruder KlausNiklaus von Flüe, 1417–1487, der berühmte Schweizer, lebte als mächtiger Einsiedler die letzten zwanzig Jahre im Tobel der Melchaa, dem Ranft. Der Amstaldenprozeß fällt ins Jahr 1478. und stemmte die etwas zerknitterten Ellenbogen in den türlosen Eingang seiner Zelle. »Probier doch, ich bin noch gar nicht müde.«

Aber der Teufel hatte genug. Er stand in respektvoller Entfernung vom Waldbruder, schlotternd und zerrauft wie ein Hund, der unter die Wölfe geraten ist, und wischte sich ganze Bäche Schweiß aus dem Gesicht. In Gestalt und Tracht eines Landsknechts stand er da, ungeheuerlich groß, mit einem Rumpf wie ein Ochse und mit einem Haupt wie ein Granitblock. Darin brannten zwei große, rotgeränderte Augen in goldgelber, aber besudelter Herrlichkeit. Die breiten und nackten Knie waren wie Kupferschilde anzusehen, und unter den gespornten Stiefeln glomm ein unaufhörliches Räuchlein empor.

Er hatte den Bruder Klaus, um den er als einen besonders gefährlichen Gegner fleißig spionierte, vor kurzem am Schnitzeln eines Gekreuzigten ertappt und ihm alles mögliche geleidwerkt, um das plumpe, aber innige Bild Gottes zu verhindern. Er verdarb ihm das Holz, machte das Messer stumpf, stupste den Künstler, daß er sich in die Finger schnitt. Doch der zähe Obwaldner schnitzelte das Kreuz doch fertig, und boshaft und rachsüchtig, wie selbst Heilige noch sein können, hatte er sich eben heute angeschickt, an den Fuß des Stammes den besiegten Satan zu schnitzen, aber nicht als jene geistreiche Schlange des Paradieses – das ginge noch an –, sondern als eine blöde Kröte, die weder beißen noch stechen, höchstens ein bißchen stinken kann.

Das ging denn doch über alles, was ein Teufel zu schlucken vermag, weit hinaus, und der unterirdische Bursche forderte den Waldbruder stracks zu einem währschaften Hosenlupf heraus. In seiner Wut hatte er ganz vergessen, daß die Obwaldner zu den besten Schwingern der Alpen gehören. Niklaus schürzte unverweilt den langen Eremitenrock, krempelte die Ärmel zurück, und nun gab es ein so großartiges Duell, daß selbst große Ringer Gottes wie der Drachentöter Georg mit Hochachtung von den Wolken her zuschauten, während die Lehrlinge des Satans, die verstohlen aus den Brombeerstauden zuguckten, nach und nach, als ihrem Meister Sehen und Hören unter den Einsiedlerfäusten vergehen wollte, bis aufs letzte Schwänzchen im Boden verschwanden.

»Probier noch einmal!« wiederholte Bruder Klaus.

»Ich danke«, keuchte der unheimliche Landsknecht. »Ein Hosenlupf ist nur schön, wenn man der Stärkere ist. Du fürchtest mich nicht. Da hat das Fechten keinen Reiz.«

Der Bruder Klaus, gütiger schier als ein Engel, fühlte beinahe Mitleid mit dem dunkeln Kerl, wie ihm das ganze Gebein knackte und eine ungeheure Trostlosigkeit aus den Augen floß. Und da sagte er im ersten, unüberlegten Erbarmen:

»Sitz dort unter die Föhren und schlaf ein bißchen. Ums Zunachten kannst dann kommen und meine zwei Kameraden erschrecken. So krebsest doch nicht ganz ohne Freud in deinen Pfuhl zurück. Wenn ich zum Fenster hinausspucke, darfst du anfangen, den Fürchtemacher zu spielen. Und solange sie dich nicht bodigen, sondern feig fürchten und paktieren, so lange will ich dein Porträt nicht fertig bauen.«

Der Teufel grinste mit allen Schaufelzähnen eine Art Dankbarkeit hervor und tappte rücklings den Büschen zu.

»Ein Dienst ist des andern wert«, rief er noch aus dem Walde. »Gibst du mir heute etwas zum Lachen, so geb' ich dir morgen eine Scholle zurück, und wir sind quitt.«

Auf dieses dunkle Wort hätte der Klausner gerne sein Versprechen zurückgenommen. Aber schon nahten die zwei Besucher, der Landammann und Großbauer Heinrich Bürgler und sein Verwandter Peter Amstalden, Landeshauptmann vom Entlebuch. Dieser stickelte lang und braun und keck wie ein Weckenbrot, jener aber rollte so rund, fett und ankengelb wie ein Alpenkäse daher. Er warf kleine, flinke Worte mit einer wahren Kinderstimme in den scharfen und kriegerischen Baß des andern und brauchte zu einem Schritte des Amstalden immer zweieinhalb Schrittlein der eigenen Kurzbeinigkeit. Aber so verschieden die Vettern waren, dieses Entlebucher Brot und dieser Obwaldner Käse paßten heute wie zu einem Appetit und zu einem Bissen zusammen.

Sie gaben sich noch schnell einen Blick wie: Jetzt aufgepaßt! nichts mehr davon – und grüßten dann den Bruder Klaus ehrerbietig.

Niklaus war mit Bürgler nicht bloß verschwägert, sondern auch ein volles Jahrzehnt neben dem viel Jüngeren im Gericht gesessen. Auch mit Amstalden hatte er öfter in Grenzsachen verkehrt. Denn das freie Obwalden und das von der Stadt Luzern unterjochte Amt Entlebuch stießen hoch in der Pilatuskette aneinander. Da oben saßen dann die Hirten und auch Politiker beider Täler oft in den Sennhütten beisammen und erkannten, wie sie nicht bloß von gleicher Milch tranken, sondern auch vom gleichen Blute lebten und also wie Bruder und Schwester zusammen paßten. Nie schied das feurigere Entlebuch von Obwalden ohne den Satz: »Also ausgemacht, wir reißen uns von den Herren und kommen zu euch Bauern. Nur gebet uns unter Schrift und Siegel, daß ihr uns wollt!« Und immer antwortete Obwalden kühl und schlau: »Aber Obacht und abermals Obacht! Was braucht ihr Schriftliches? Ihr kennt unser Ja. Und zum drittenmal Obacht! Die Junker am Fischmarkt haben ein eiliges Beil.«

Davon hatten die Pilger unterwegs gesprochen, der Bürgler immer mit knappen und spitzigen Sätzen, als schlüge er Nägel in ein Brett, indem er auf und ab die Knöpfe an der Weste zählte, als wäre einer zu wenig. Und in einem ähnlichen, versteckten Hunger liefen seine Augen ob den runden Backen her und hin wie zwei graue, lauernde Katzen in einem Fenstergesims. Man wäre über diese Gier erschrocken, wenn nicht ein stetes fettes Lächeln ihr sozusagen ein Samtröcklein, ja beinahe ein Predigermäntelchen angezogen hätte. Peter Amstalden dagegen blitzte aus breiten Schlitzen wütend hervor, sobald man nur »Luzern« sagte, und fand, wenn er einmal angesetzt hatte, des Schimpfens so wenig als des Trinkens ein Ende.

Sie waren unlängst aus der Waadt heimgekehrt, wo beide in der Schlacht bei Grandson mitgerungen hatten, und wollten nun ihrem Vetter im Ranft ein bißchen den burgundischen Trommelwirbel ins heilige Phlegma schlagen und ihm dabei klarmachen, daß er eigentlich in seiner Waldruhe viel zu zahm und ungeschoren lebe. Wenn er nicht Feinde töten helfe, solle er wenigstens die Freunde segnen. Damit wollten sie gemach zur Entlebucher Sache überleiten und ihn dick und dünn überreden, sein gewaltiges Ja in die Schale der Bauern zu werfen, so daß man tröstlich die Rebellion gegen die grausamen Städter wagen und das Entlebuch der Bauernrepublik Obwalden einverleiben dürfe.

Daher paßte es ihnen wenig, daß Bruder Klaus sie nach gar nichts Politischem befragte, sondern sogleich in die Kapelle führte und mit ihnen einen Rosenkranz zu beten begann. Der Bürgler hielt sich leidlich. Aber Amstalden rutschte ungebärdig hin und her, schlug nach den Maikäfern, die sich heuer noch in den Juni hineinwagten und munter durch die Kapelle schnurrten, und beneidete jeden, der wieder zum Fenster hinausflog. Immer mußte Bruder Klaus ihn stupsen, daß er doch zeitig respondiere.

Als das lange Gebet beendet war, sagte Niklaus:

»Heute vor tausend und mehr Jahren hat die Kaiserin Helena das Kreuz auf Kalvaria gefunden. Darum haben wir den glorreichen Rosenkranz gebetet. Nun lasset uns auch noch den freudenreichen beten, auf daß wir auch unser Kreuz richtig finden und fröhlich neben das Kreuz des Herrn pflanzen: . . . Vater unser, der du bist im Himmel . . .«

»Es könnte zu spät werden«, wandte Bürgler höflich ein.

»Wir haben noch einiges zu plaudern, lieber Bruder«, bat Amstalden.

»Geheiliget werde dein Name, zu uns komme dein Reich . . .« Es ging nicht anders, die Haudegen von Grandson mußten sich fügen und nochmals fünfzig Ave Maria sagen. Aber als das letzte Amen erscholl, stand der magere Peter Amstalden schon mit einem Beine auf dem Rasen draußen, ehe der Einsiedler gar noch mit einem dritten Rosenkranz den Psalter vollmachen könne. Im selben Augenblick saß ihm auch schon von weiß Gott woher eine furibunde Ohrfeige auf der Backe. »Schwefel und Feuer«, schrie er, »ist das schon finster! Ich muß wohl eine Tanne mit meinem Schüpfheimer Gupf umgerannt haben.«

Niklaus von Flüe jedoch drohte in die dicke Nacht hinaus: »Das ist gegen die Verabredung!« und der Schwarze, der sich kaum noch zügeln konnte, schob knurrend den Schweif wieder ins Gebüsch zurück. »Beten wir lieber noch den schmerzhaften Rosenkranz«, forderte der Eremit, »um Mut zu fassen und uns an den Schmerz zu gewöhnen. Das Leben besteht ja aus lauter Ohrfeigen. Wer da nicht hiebfest ist, liegt bald am Boden.« Und ruhig scholl es durch die Kapelle: »Der für uns Blut geschwitzt hat.«

Unwillig tastete sich Amstalden ins Kirchlein zurück und betete grimmig auch noch den dritten Rosenkranz mit.

Als die drei endlich in der Zelle saßen, ohne sich freilich ins Gesicht zu sehen, da Bruder Klaus weder Öl noch Wachs brauchte und an seinem Glauben hell genug hatte, suchte Amstalden seinen Ärmel und fragte ärgerlich: »Wundert es dich denn gar nicht, wie wir den furchtbaren Karl schlugen und sein goldenes Nest ausnahmen? . . . Das war kein Spaß. Du saßest ja freilich hier und gafftest den Vögeln Gottes nach und sangst etwa einen Psalm. Doch wir derweil haben geschwitzt und geblutet und dem Tod in die Zähne gegriffen. . . . Wenn wir da erst noch um Mut bei dir psaltern müßten, hopla, da käme unsereiner wohl meist zu spät.«

Der fromme Klaus hatte sich vorgenommen, dem Teufel wegen seiner Wortbrüchigkeit nun auch nicht Wort zu halten, sondern ihn recht verwahrlost in den Stauden sitzen zu lassen. Als nun aber der Peter großhanste, der Bruder könne sich vom Geschieß und Gesäbel bei Grandson keine Vorstellung machen, da hätten sie das Fürchten verlernt, der Jüngste Tag könne nicht besser lärmen, da schwankte der Bruder Niklaus wieder und meinte, es gäbe doch wohl noch Dinge, die mehr Angst machen, als in der offenen Sonne und mit so vielen Kumpanen in einen geschwinden Sieg oder Tod zu laufen.

Das könne er in seiner Klause am wenigsten wissen, ward ihm vorgehalten und weitergeprahlt, wie man neuerdings gen Burgund ziehen müsse, da der Herzog bei Lausanne ein Riesenheer zusammenziehe. Es werde wieder satt Eisen und Pulver zu schnupfen geben. Mehr Mut brauche ihnen der Bruder trotzdem nicht zu erbeten, eher weniger Mut, daß sie nicht gleich das halbe Welschland totschlagen.

Nochmals probierte Niklaus, sie demütiger zu stimmen. Eine Bäuerin zuland, die lange Wochen ohne Kunde vom Manne sei, für ihn melke und mähe und die Kinder ziehe, und wenn ihr oft bleischwer ums Herz sei, von keinem Trompetenstoß und Fahnenflattern wie der müde Soldat erfrischt werde . . . oder eine alte Mutter, die sich ohne Klag' dreinfüge, daß ihr einziger Bub und Helfer als Hinkebein heimstelze: die ständen viel höher im Heldentum als die besten eidgenössischen Raufbolde, welche zudem den Streit mit Burgund, geht's recht geht's schlecht, angezettelt haben. . . . Und dann gäbe es noch schlimmere Feinde als diesen Karl von Burgund, etwa ein Siechbett oder eine klägliche Gefangenschaft oder die Melancholei, die das beste Blut vergälle, oder gar den Feind der Feinde, den Herzog der Finsternisse mit seinen Tücken und Fallen. . . .

Jetzt überlachte ihn der Amstalden hellauf. Heinrich Bürgler aber spöttelte:

»Du wirst uns doch nicht mit Gespenstern erschrecken, lieber Klaus? Das ist für Weiberröcke. Und doch, meine zehnjährige Regine ginge schon nicht mehr auf den Leim.«

Niklaus atmete tief auf, hustete und spuckte zum Fenster hinaus.

»Es war eine so kuhschwarze Nacht wie heut«, beteuerte Amstalden, »als wir bei Gegenwind in den Neuenburger See hinauswateten und nach den Leichen griffen, die mit den Wellen herangeschwommen kamen. Am Tuch und Zottelwerk merkten wir gleich, ob es ein Unsriger oder ein Feind war. Vom einen galt uns der Leib, vom andern das Kleid. Den Rest schmissen wir wieder in die Tinte.«

Bürgler puffte den Plauderer in die Seite. Das hieß: Vom Nötigeren reden! »Ich weiß einen Platz«, half er gleich, »wo es noch dunkler ist als hier. Im Wasserturm zu Luzern!«

»Sakra«, fuhr Peter Amstalden auf, »der steht nicht ewig.«

»Ihr Entlebucher habt zu Grandson fest zu euern Herren gehalten. Kam es keinem in den Sinn, daß ihr da eigentlich gegen einen fremden Tyrannen fochtet für zwanzig Tyrannen daheim? Das fasse ein anderer, ich nicht und kein Obwaldner.«

Rrss – rss – sss! zischte ein Blitz durch die Zelle und zeigte drei Köpfe wie Wachs. Dann polterte es über sie herunter, als falle ein Stück vom Berg in den Tobel.

»So gut hat der Burgunder bestimmt nicht gefeuert«, lachte Niklaus in die betäubende Stille, die nun eintrat.

Die Gäste schnappten nach Luft. Endlich gewann Bürgler Stimme genug, um zu klagen: »O Bruder, schweig mir vom Herzog! Den hauen wir wieder. Aber unsere Herzöge, die einen Adel erlügen und damit auf uns hocken wie Stein! Kaum noch die Nase dürft Ihr Euch schneuzen, Amstalden, die schöne, lange Entlebucher Nase, ohne die allergnädigsten Herren von Luzern um Erlaubnis zu fragen.«

»Gott verdamm's, das Teufelspack!« fluchte Peter.

Ein neuer Blitz halbierte die Zelle wie mit einem dünnen, grünen Strahl von der Decke bis zum Boden, und nochmals donnerte es ungeheuerlich. Man hatte es sausen, wie durch Fleisch und Knochen krachen, Blut spritzen und mit doppeltem Aufschlag niederpoltern hören, rechts wie ein Kopf, links wie ein Rumpf.

»Herrlich ist der Herr«, frohlockte Niklaus, »in seiner Milde als wie in seiner Strenge.«

»Ja, das war ein derber Blitz«, gestand Bürgler ohne Furcht und voll Bedacht in der Richtung, wo Peter sitzen mußte. »Aber ich erinnere mich an noch viel grausigere Blitze auf dem Fischmarkt zu Luzern. Dem Loli Reiner, der so brav durchs Entlebuch jodelte, und dem Heini Rohr, der die besten Bauernwitze wußte, flogen die Häupter vom Gerüst. Sie hatten zu hell gejodelt und zu scharf gelacht. . . . Fischmarkt! He ja, wie stumme Fische kommt ihr und haltet her und verweset.«

Es knurrte und brummte in Amstaldens Ecke wie ein losbrechendes Gewitter.

»Und alles Jodeln und Lachen wird weitergeköpft. 's Entlebuch! . . . sagt lieber: Zu End das Buch, das Freiheitsbuch, wo ihr es doch einst so lustig geschrieben und umgeblättert habt wie wir Obwaldner.«

Nun endlich würgte Peter hervor:

»So ruft uns, so helft uns, so marschiert mit uns!«

»Wie ist das?« bröckelte Bürgler nun gemacher hervor. »Obwalden und Luzern sind laut alten Papieren Brüder. Und ein Bruder darf dem Bruder nicht den Knecht aus dem Haus holen. Aber der Knecht darf aufkünden, die alten Schuhe wegwerfen und einen andern Meister suchen. Das ist dann der Tag, wo Obwalden sagt: Ich brauche keinen Knecht, aber Brüder mag ich immer gewinnen, und wir sind ja Brüder von Gottes und Blutes wegen schon seit Jahrtausenden. . . . Aber euch zuerst locken, euch rufen, euch herüberzerren, das können wir nicht. Die Verfassung, dieses vermaledeite Papier! Was sagst du dazu, Klaus? Zwanzig Jahre hast du als Ratsherr in dieses Elend von Herren und Knechten schauen müssen und gewiß bemerkt und dich oft erbost, wie die Städte uns regieren und auch manchem der Unsrigen den Kopf verdrehen wollen.«

»Es geschieht viel Gewalt«, versetzte Bruder Klaus, »aber noch nie habe ich gesehen, daß Unrecht mit Unrecht geheilt wurde. Und doch weibelt ihr dafür . . . schweiget jetzt lieber!«

»Du bist ein Heiliger und siehst die Dinge heilig an. Aber mit dem Teufel muß man auch verteufelt umgehen, sonst . . .«

Blitz und Donner knallte in einem Krach.

»Die Berge stürzen heut noch übereinander«, rief Amstalden.

»Es wäre besser, die Berge als die Freiheiten fielen zusammen«, gab Bürgler ungerührt zurück.

»Und noch besser die Freiheiten als die Gewissen«, beschloß der Waldbruder. »Als wir die Vögte verjagten, meinten wir frei zu werden. Aber gleich wurden wir selbst Vögte im Thurgau und Livinental und unfreier als je. Gebet nur acht, ihr Melker und Ankler vom Entlebuch, ob ihr nicht freier seid, wo ihr traget, als wo ihr zu tragen gebt.«

Unterdessen war es rasch hell geworden, als regiere ein starker Mond. Man hörte Summen und Schwadern wie von Millionen Maikäfern. Plötzlich schwirrte so ein Insekt zum Guckloch herein. Aber es war durchsichtig und klirrte wie ein Glasscherben. In immer kleineren Kreisen schoß es um die Köpfe herum, toste und hauchte Hitze aus, und die Helden von Grandson bückten sich und zogen die Lederkappen immer tiefer übers Ohr. Aber Niklaus saß aufrecht und prüfte das Tier scharf. Endlich saß es lautlos an der Wand ab und warf dort einen großen gelben Schein um sich. Es atmete rasch und mit dem ganzen glasigen Körper. Rechts und links sprangen die Augen wie Hörner aus dem Kopf.

»Ein lustiger Maikäfer«, spaßte Niklaus.

»Eine Hornisse«, meinte Bürgler. »Die stechen mörderlich. Schlag sie tot, Peter, mit deinem Gurt. Aber vorsichtig!« Er kapuzte sich noch tiefer ein.

Amstalden, von einem unterirdischen Schauder erfaßt, schnallte hurtig den Gürtel ab, zielte und traf, aber prallte wie von Eisen ab. Das Tier schien leise zu lachen, spreizte seine zahllosen Beine fester an die Wand, blähte sich wie eine gallertartige Blase, und seine Hornaugen foppten: Hast nicht mehr Kraft?

»Das geht nicht mit rechten Dingen zu«, lärmte Peter.

»Bist eine Furchtgret«, murrte Bürgler, zerrte unwirsch die Mütze vom Kopf und griff damit energisch zu, wie man einen Schlangenkopf anpackt. »Da hab' ich's! Es zappelt nicht einmal. Horch, wie es kracht.« Er zerdrückte das lebendige Wesen im Leder. »Aus ist der Spuk!«

»Da, da!« stöhnte Amstalden.

Wahrhaft, es klebte am gleichen Platz, breit und mit dem wässerigen Bauch rasch auf und nieder atmend, die langen Zackenflügel gestreckt, dieses widrige Ungeziefer! Draußen im Mondschein surrte und knisterte und klirrte es von Schwaden ähnlichen Getiers.

»Spritz ihm Weihwasser an!« beschwor Amstalden.

Bürgler lief zum Pfosten, wo er das Kesselchen wußte. Aber gleich flog die furchtbare Fliege gegen ihn, sauste wie ein Rad um sein Gesicht, daß ihm schwindelte und er immer ins Leere griff. »Du Höllenvieh«, drohte er böse, »du Brut aus Kot und Geifer . . . ich will dir . . . da . . . da . . .«

»Hihihihih!« lachte es, und zerstoben war alles.

Eine gute Zeitlang redete niemand ein Wort. Dann begann Bürgler sich und den Gespanen einen Hasenfuß zu schelten. »Vor einer Mücke Reißaus nehmen! Sie seien erkältet und fiebern wohl ein bißchen. Das ist alles.«

»St! da kommt jemand«, warnte Niklaus und legte gelassen die Hände in den Schoß. Lange Schritte wie Sensenschnitte rauschten durchs Gras ans Fenster heran. Eine Stimme rief:

»Bruder, verehrungswürdiger, du hast einen Hasen in deiner Küche und einen Fuchs, gib mir einen heraus. Ich habe Hunger!«

»Jag selber!« antwortete Bruder Klaus trocken.

»Was ruft man?« fragte Bürgler. »Rein nichts versteh' ich.«

Aber Peter Amstalden verstand gut. »Bruder Klaus, erbarmt Euch«, flehte er und hielt sich an der Kutte wie ein Kind an der Mutterschürze.

Eine ungeheure Hand packte die Zelle, schüttelte sie, hob sie, ließ sie fallen wie eine Papierschachtel. Bald lag man im Abgrund, und die Melchaa schien über die Decke zu rauschen; bald flog man zwischen Gipfeln, durch Gewölke und Nachtvögel immer höher. Jetzt, jetzt mußte das Hüttlein in hundert Späne zersplittern. Die Gäste schlug es toll herum. Doch Bruder Klaus saß bolzgerade und unbeweglich in der Mitte.

»Jesses, Maria.« scholl es aus der Zelle.

»Hat der Fuchs gebellt?« fragte die Stimme draußen, die alle Nacht füllte.

»Jesses, Maria!« wiederholte Peter Amstalden.

»Aha, nur der Hase!« höhnte die Stimme. »Dann wird weiterspektakelt.«

»Genug für heute!« kommandierte nun Bruder Klaus mächtig hinaus.

Zornig scharrte das Unwesen vor der Zelle und gröhlte: »Aber der Nachtbub kommt wieder, verseht euch wohl, der Spaß ist erst zu Faden geschlagen.«

»Gehen wir auch!« bemerkte Bürgler unwillig. »Nachtbubenstücke! Und wir Männer von Grandson hocken da und zittern und stehlen dem Bruder Klaus überdies seine Gotteszeit. Vorwärts, Peter! Es ist Zeit zum Schlafen.«

»Gottes Liebe mit euch!« grüßte Niklaus. »Aber du, Vetter Fuchs, hast sie zweimal nötiger als du, Vetter Hase.«

»Mach dir nichts daraus!« beschwichtigte Bürgler den erbosten Amstalden im Hinausgehen aus der Schlucht, da alles wieder wie gewöhnlich war: sanfte Juninacht, rauschende Melchaa, stiller Wald und Berg. »Er ist ein Spaßvogel und nüchtern bis über die Ohren. Uns aber lag noch der dicke Veltliner vom Hirschen zu Kerns im Gehirn und phantasierte mit. So konnte der fromme Pfiffikus uns leicht mit einer bestellten Teufelsmaske und etlichen Kniffen eine Weile verstören.«

»Am Ende ist er in seiner Angst und Flucht vor der Welt der häsigste aller Hasen«, fügte Amstalden bei und fühlte in der frischen Nachtluft die alte, schöne Frechheit in den Schopf fahren. »Im Kreuz zu Sachseln haben sie sicher noch Licht. Dort spülen wir den letzten Schwindel herunter.«

»Oder am Ende«, gestand Bürgler zögernd, »könnte er auch ein Fuchs sein, er in seinem braunen Fell, wer weiß, der Fuchs aller Füchse. Diese einsamen Grübler zwischen Himmel und Erde . . . hopla! . . . Ihr . . . du bist wieder da! . . . Hab' ich's nicht gesagt, ein Fuchs . . . ein vertrakter, lieber, kluger . . .«, faßte er sich blitzschnell. Denn der Bruder Klaus stand wie aus dem Boden geblasen neben ihm und bat: »Verzeiht mir die Unhöflichkeit, aber unter Gedörn und Gewild wird man ein Grobian. Nun lauf ich nach und will euch doch das dunkelste Stück den Wald hinaus begleiten. Bei meiner Frau selig Haus findet ihr dann den offenen Weg nach Sachseln leicht.«

Nach einer Weile, da die beiden ein bißchen geniert und schweigend hinter dem Klausner gingen und kaum bemerkten, daß sein Gang etwas hinkte und seine Stimme ein wenig anstieß, wandte Bruder Klaus sich nach ihnen zurück und sagte, als läse er ihre Gedanken: »Werfet die Lumperei von vorhin hinter euch! Ich wollt' euch erschrecken, weil ihr euch so sehr überhoben hattet. 's war alles Schein und Spiel. Mein Sigrist half. Nun aber weiß ich, daß ihr keinen Teufel fürchtet, wenigstens Ihr, Bürgler . . .«

»Und ich erst recht nicht!« verschwor sich Amstalden.

»Und was euch Entlebucher angeht, so zieht denn wohlgemut gen Burgund, und habt ihr morgen geblutet weit über eure Herren, dann dürft ihr übermorgen auch sitzen und prangen hoch über eure Herren, so es noch Gerechtigkeit gibt unter der eidgenössischen Sonne. So red' ich, Klaus vom Ranft . . . . Hier geht es ums Eck, ihr könnt nicht mehr fehlen, gehabt euch wohl, liebe Vettern! . . .« Im Nu war die Kutte verschwunden.

»Warum trug er keinen Rosenkranz am Strick?« dachte Amstalden unter seltsamem Herzklopfen. »Riechst du nichts, Heini? Es stinkt wie nach verbranntem Haar . . .«

»Oder nach Pulver«, erwiderte unter Schnüffeln der kurznasige Bürgler, »nach dem Schießpulver des Herzogs. Wer weiß, Bruder Klaus ist ein Wahrsager. . . . Schau, schau, dort unten am See hat es überall Lichter! Schlafen die Leut' noch nicht?«

 Kapitel 2 >> 






Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.